Moderator
Martin Hennecke, ist der Treasury Group Senior Manager der Tyche Group in Hongkong.
Ich habe mir gerade einige ihrer Kommentare angesehen, und auch den Marktbericht, den sie mir vorab gegeben haben. Darin sagen Sie, sie erwarteten eine „Depression“ in den USA. Wir sprechen also Ihrer Meinung nach nicht von „Rezession“ sondern „Depression“. Nun, wie schlimm muss man sich das vorstellen?
Hennecke
Ja, genau. Nun, zunächst mal, „Rezession“ in den USA ist ja keine Neuigkeit mehr. Jeder, der sich ein wenig auskennt, mit Ausnahme von Ben Bernanke, geht davon aus, dass sich die USA bereits in einer Rezession befinden …
Moderator
Nun, ja. Technisch gesehen ja natürlich nicht …
Hennecke
Doch, technisch gesehen sehr wohl. Ich meine, ich nutze für meine Aussagen ja keine manipulierten Inflationsraten. Und wenn man die BIP-Zuwachsraten auf die echten Inflationsraten umrechnet, dann befinden wir uns bereits in einer Rezession. Weil unter Berücksichtigung der echten Inflationsraten die realen Zuwächse längst nicht mehr so hoch sind, wie behauptet. Daher sprechen die meisten unabhängigen Analysten längst von Rezession, sogar Alan Greenspan sprach glaube ich kürzlich davon, dass sich die USA bereits in der Rezession befänden. Aber trotzdem, wir haben noch immer so hohe Schulden im System, 53 Billionen, wenn man alle privaten und öffentlichen Haushalte zusammenaddiert, dafür muss sich einfach noch eine Lösung finden. Daher glauben wir, dass es noch viel schlimmer kommen wird, vielleicht sogar schlimmer als 1929. Eben weil sich die USA in einem deutlich schlechteren Schuldenzustand befinden, als damals.
Moderator
Wenn sie von 1929 und der Großen Depression sprechen, dann Sie Arbeitslosigkeit von 30% und mehr, sowie himmelhohe Preise in Relation zu den Einkommen, etc.?
Hennecke
Nun, wenn sie sich die Daten mal ansehen, die Schuldenniveaus usw, dann werden Sie feststellen, dass die Situation schlimmer ist als 1929. Zudem ist der große Unterschied zu damals, dass heutzutage auch die Staatsfinanzen außer Kontrolle geraten sind. Es gab ja sogar einen Bericht der St. Louis FED, in dem es hieß, die USA wären unter Einrechnung aller bestehenden Zahlungsverpflichtungen bereits pleite, was einen Riesenunterschied zur Great Depression der 30er Jahre darstellt. Daher könnten wir diesmal tatsächlich eine Hyperinflation als Folge sehen, und keine Deflation wie in den USA der 30er. Also eine Situation ähnlich der in der Weimarer Republik der 30er Jahre.
Moderator
Wenn Sie Hyperinflation sagen, dann haben wir ja aktuell ein gutes Beispiel dafür in Simbabwe. Wobei es sich hier jedoch ursächlich um einen Zusammenbruch des Angebots aus politischen Gründen handelte. In der Weimarer Republik hingegen waren es im Prinzip die enormen Zahlungsverpflichtungen, die aus den Reparationszahlungen für den 1. Weltkrieg erwuchsen.
Hennecke
Es gab verschiedene Gründe, und die Reparationszahlungen waren natürlich einer davon, aber im Endeffekt führte das zu einer immensen Verschuldung. Schulden, denen man nicht mehr nachkommen konnte, die völlig außer Kontrolle gerieten. Und wenn Sie sich die Schuldensituation der heutigen USA vergegenwärtigen, dann kommen Sie zu ähnlichen Schlussfolgerungen, nämlich dass die Schulden ein Niveau erreicht haben, das nicht mehr bedienbar ist. Und darin ähnelt die Situation durchaus der der Weimarer Republik, und was jetzt im Einzelnen zu diesen Schulden geführt hat, spielt eigentlich keine Rolle. Und dieses Mal hat die FED auch kaum eine Möglichkeit einzugreifen, selbst wenn sie kompetent wäre: wenn sie die Zinsen erhöht, dann killt sie damit die Wirtschaft der USA, und das bringt den Dollar zum Einsturz. Und wenn sie die Zinsen nicht erhöht, dann killt sie gleich den Dollar und danach die Wirtschaft.
Moderator
Sie empfehlen denn Leuten nun, sich mittels Gold und zu einem geringeren Teil auch Silber gegen dieses Szenario abzusichern. In gewissem Umfang empfehlen sie auch, Lebensmittelvorräte anzulegen, um im Notfall die Versorgung sicherzustellen. Sie sind aber nicht so überzeugt von Energie-Investments. Warum?
Hennecke
Nun, da Energie zu einem guten Teil in der industriellen Produktion verbraucht wird und sich hier im Zuge einer Depression, nicht nur in USA sondern auch in Europa, ein Nachfrageeinbruch abzeichnet, sollten auch die Preise zurückkommen. Zumal hinsichtlich des Angebots das Bild nicht ganz so klar ist, keineswegs so klar wie beim Gold, von dem man sagen kann, dass sowohl Südafrika als auch Australien in der Produktion an ihre Grenzen stoßen.
Moderator
Leuten, die jetzt aufgrund ihrer Aussagen den Dollar verkaufen und etwa den Euro kaufen wollten, raten Sie aber davon ebenfalls ab. Warum?
Hennecke
Genau. Der Grund ist, dass wenn man nach Europa sieht, einige Länder in einem noch schlimmeren Zustand sind, als die USA. Nehmen Sie mal Spanien, das mögen die besten Fußballspieler sein, aber sie haben ein riesiges Zahlungsbilanzdefizit, schlimmer als in USA, und ihre eigene Housing Bubble, ebenfalls schlimmer als die amerikanische, und davon 97% zu variablen Zinssätzen finanziert. Oder nehmen Sie Frankreich. Frankreich hat im Prinzip zugegeben, pleite zu sein. Oder Griechenland. Das sind also alles keine Optionen. Edelmetalle sind daher die erste Wahl. Doch wie sie schon sagten, im Renminbi lohnt es sich vielleicht zunehmend auch, investiert zu sein, und jetzt, wo der chinesische Aktienmarkt korrigiert, sollte man vielleicht ein wenig Geld in chinesische Aktien stecken.
Moderator
Danke für das Gespräch.