Willkommen in Extremistan!

von weissgarnix am 14. Mai 2010

Für eine große, deutsche Sonntagszeitung schreibe ich gerade ein kleines, poetisches Stück über den “Flash Crash”. Natürlich in meinem höchst eigenen Sound, und um mich auf den einzustimmen, blätterte ich mal wieder ein wenig in Benoit Mandelbrots “Fraktale und Finanzen”. Ein Chart daraus beeindruckt mich immer wieder, nämlich der hier:

Quelle: B. Mandelbrot "Fraktale ud Finanzen"

Quelle: B. Mandelbrot "Fraktale ud Finanzen"

Er ist nicht logarithmisch, verzerrt also die Realität, so wie sie von uns empfunden wird; denn 700 oder gar 1000 Punkte im Dow sind natürlich heute was ganz anderes als in den Zwanzigern.

Aber dennoch: Ein sehr eindrucksvolles Bild, das ich bei nächster Gelegenheit mal um die Kursdaten der letzten paar Jahre ergänzen werde.

{ 32 Kommentare… Lesen Sie sie nachfolgend oder schreiben Sie einen }

1 ppp Mai 14, 2010 um 10:59

Wusste gar nicht, dass das natürliche Gleichgewicht des Marktes nach Herzinfarkt aussieht…

2 holger Mai 14, 2010 um 11:02

@ weissgarnix

wunderbar, darauf nur noch die Verschuldungskurve der USA gelegt, sowie die Beschäftigungskurve, dann ist das perfetto, multo bene. Wann meinst Du, kommt die Erweiterung?

3 salvo Mai 14, 2010 um 11:18

ja, sehr eindrucksvoll, wie das hier

“This is about all you need to know about the global economy and the structure of capitalism:

Bonuses paid out to Goldman Sachs executives in 2009: 20 Billion Dollars

Total Gross Domestic Product (GDP) of Haiti: 7 Billion Dollars

That’s $20 billion for a thousand Wall Street investors and $7 billion for 10 million Haitians”

http://www.prosebeforehos.com/progressive-economics/01/25/all-you-need-to-know-about-the-global-economy/

oder das hier

“A bill to increase the liability cap for oil spills from $75 million to $10 billion was defeated Thursday by Sen. Lisa Murkowski, R-Alaska.”

http://www.huffingtonpost.com/2010/05/13/lisa-murkowski-blocks-bil_n_575918.html

4 staph.aureus Mai 14, 2010 um 11:59

Neues aus Extremistan, 11:56:45
– 1.000,16 —-

5 Owe Jessen Mai 14, 2010 um 12:00

Wieso beeindruckt dich ein Bild, von dem du weisst, dass es die wirkliche Volatilität nicht nur verzerrt darstellt, sondern möglicherweise – wegen der fehlenden Logarithmierung – in ihr Gegenteil verdreht?

6 Steffan Mai 14, 2010 um 12:04

Das mit dem Logarithmieren wird wohl kaum funktionieren, da der Wertebereich der Ordinate auch negativ ist. Und log(-1) ist undefiniert, bzw, imaginär.
Also, nix logarithmieren, sondern normalisieren auf den geglätteten Dow-Jones-Verlauf. Dann siegt man, ob die Schwankungen nicht doch völlig normal sind.

7 Chat Atkins Mai 14, 2010 um 12:17

Sieht aus, wie der Seismograph vor ‘nem Erdbeben.

8 holger Mai 14, 2010 um 12:19

Das ist der Greenspansche Geigerzähler. Ab 1986 gings los. :D

9 Nanuk Mai 14, 2010 um 12:22

http://www.minyanville.com/assets/catalog/products/00KAT-Dow100YrsMV.jpg

Wenn es mal wieder etwas länger dauert schnap dir nen Snickers…

10 weissgarnix Mai 14, 2010 um 12:25

@Owe Jessen

Der Chart hat ja trotzdem eine gewisse Aussagekraft. Wenn es nicht so wäre, dann hätten die Schlagzeilen am 7. Mai auch nicht lauten dürfen “Größter Einbruch in der Geschichte – Dow fällt 1000 Punkte”.

11 Luc Canard Mai 14, 2010 um 12:27

Habe das Buch vom Mandelbrot vor längerer Zeit auch gelesen und fand es sehr nachvollziehbar. Der gute Autor hat dort schon 2005 davor gewarnt, dass die zur Risikobewertung verwendeten mathematischen Modelle nicht – oder eben nur im “Normalzustand” – zutreffend sind. Und das große, plötzliche Schwankungen ganz normal, zu erwarten und eben im mathematischen Sinn “chaotisch” sind.
Leider scheint der gute Mann bis heute nicht zu der Beachtung zu kommen, die ihm vermutlich zusteht – aber das ist wohl aus der Eigenlogik des Banken- und Finanzsystems heraus (leider) nachvollziehbar…

12 Owe Jessen Mai 14, 2010 um 12:29

@ Steffan: Deshalb wird auch zunächst der Indexwert logarithmiert, und die Differenz zwischen den logarithmierten Tageswerten berechnet, die wiederum eine gute Näherung der relativen Änderung ist. Alternativ könnte man natürlich einen Plot der relativen täglichen Änderung verwenden.

13 Owe Jessen Mai 14, 2010 um 13:01

Ich hab da mal was geplottet: http://www.econinfo.de/wp-content/uploads/2010/05/dji-renditen-1024×655.png

@ wgn: Aber was ist denn die Aussagekraft? Das die absoluten Kursschwankungen stetig gewachsen sind? Da ja auch die Kurse ständig gewachsen sind, sagt das noch gar nichts darüber aus, ob die Märkte volatiler geworden sind oder nicht. Wenn man diese Frage aber anhand der Grafik von Mandelbrot beurteilen wollte, müsste man zum falschen Schluss kommen.

14 holger Mai 14, 2010 um 13:11

Das interessante an diesem Chart ist doch, das er Plus und Minus anzeigt. Und dazwischen hängt auch eine gewisse Spannung, und ein gewisser Geldfluss, der durch Wiederstände fließen muss.

Diese Wiederstände oder Verbraucher sind normalerweise durch Sicherungen, die den Geldfluss begrenzen, abgesichert. Irgendwie geht das Ganze geht echt in die Elektrotechnik.

15 Owe Jessen Mai 14, 2010 um 13:15

Noch ein letzter Kommentar hierzu: Mandelbrot selbst schreibt (zumindest in The (mis)behavior of Markets, S. 91 der Taschenbuchfassung), dass die absolute Darstellung nicht hilfreich sei, sondern die logarithmierte Darstellung zu bevorzugen ist, da hier erst die Bedeutung des Crashs von 1929 und der Depression in den 30er Jahren sichtbar wird.

16 unwissender Mai 14, 2010 um 13:15

Ja, die Goldbugs und der wgx mit seinen Philharmonikern für die Familie, können sich heute freuen!

http://goldprice.org/spot-gold.html

: – )

extrem halt!

17 Nanuk Mai 14, 2010 um 13:22

@unwissender
Aber nur wenn er heute verkauft und in was Tauscht… :)

18 Stephan Mai 14, 2010 um 13:44

Hab mal ein ähnliches Chart in einem Artikel von Paul de Grauwe gesehen: “How abnormal was the DOW in October 2008″. Die haben die Tagesschwankungen des DOW auf ihre Wahrscheinlichkeit unter Berücksichtigung der häufigst verwendeten Standardmodelle (mit Normalverteilung) berechnet und kamen zu einem erstaunlichen Ergebniss für z.B. den 13.10.2008 (11.08%):

Dieses Ereignis sollte nach den Modellen mit Normlaverteilung 1 x alle 603.033.610.921.669.000.000.000 Jahre auftreten. Das ist also ein 1: 10^21 (Sextillion) Wahrscheinlichkeit. Grauwe schreibt:

“Da unser Universum ca. 20 Milliarden Jahre alt ist, müssten Finanztheoretiker weitere 1 Billionen Universen abwarten bevor sie so ein Ereignis beobachten können. Ungeachtet dessen ist dieses Ereignis im Oktober 2008 2 x aufgetreten.”

19 froZ Mai 14, 2010 um 14:00

Also ich weiß nicht, ob diese Intraday-Volatilitäten jetzt soviel über irgendwelche säkularen Entwicklungen (hin zu mehr Instabilität) an den Märkten aussagen können. Vermutlich spiegelt sich darin einfach nur die zunehmende Computerisierung des Handels mit massenhaft programmbedingt ausgelösten Kauf- und Verkauforders.

Wenn man zur Messung der Volatilität die Standardabweichung der Werte größerer Zeiträume nimmt, dann sieht es wohl eher nicht nach einem allgemeinen Trend zu einer größeren Schwankungsanfälligkeit aus:

http://www.adv-charttechnik.de/VDAX.html

(Wenn man auf der Seite ins Hauptmenü geht, findet man noch ein paar schöne historische Langfristcharts, auch inflationsangepaßte Charts.)

In eher wenig entwickelten oder krisenbedingt illiquiden Märkten gibt es ja oft große Schwankungen z.B. innerhalb eines Quartals; würde man die Volatilität anhand der Quartalswerte bestimmen, wäre sie sehr groß, wohingegen an vielen einzelnen Tagen überhaupt kein Handel stattfindet und die Intraday-Volatilität dann Null ist.

Also hier muß ich mich mal wieder den Perspektivisten anschließen: Was man wahrzunehmen meint, hängt sehr vom Datenerfassungsraster des Beobachters ab.

20 ceteris Mai 14, 2010 um 14:21

Es geht doch vor allem um die Entwicklung der “Abschöpfungsquote”, also welcher Anteil der Einkommen wird “virtuell”, d.h. auf den Finanzmärkten erzielt. Da hier nichts produktives stattfindet, handelt es sich zu annähernd 100% um Umverteilung. Ab einem bestimmten Grad von Ungleichheit gerät auch “der Markt” ins Ungleichgewicht, d.h. das ganze Wirtschaftssystem wird instabil und damit dann die Gesellschaft insgesamt, bei einer globalisierten Wirtschaft dann eben die durch diese bewirkte “Weltgesellschaft”.

21 holger Mai 14, 2010 um 14:48

@ ceteris

kennst du einen Tontechniker, der daraus einen Ton basteln kann? ;) wie würde der sich wohl anhören?

22 staph.aureus Mai 14, 2010 um 15:04

…ähhmm: wenn ich am WE das neue Sonntagsgeld von W.E. erhalte, :-) kaufe ich davon als erstes eine große, deutsche Sonntagszeitung . Versprochen !

23 froZ Mai 14, 2010 um 15:10

@ ceteris

Naja, ein Teil der auf den Finanzmärkten erzielten Einkommen geht natürlich einfach nur zu Lasten anderer Finanzmarktakteure.

Die wirklich problematische Umverteilung findet m.E. eher woanders statt:

- dort wo die funktionale Einkommensverteilung sich zugunsten von Kapitaleinkommen bewegt (bedingt durch Produktivkraftentwicklung – Stichwort Postfordismus – sowie durch Veränderung des institutionellen Rahmens) – Aber siehe unten!

- dort wo Geschäftsmodelle möglich werden wie schuldenfinanzierte Firmenübernahme, Outsourcing, Aussaugen des Cash-Flow und Hinterlassen einer mit Schulden belasteten Firmenhülle (auch gefördert durch institutionelle Veränderungen wie die Steuerfreiheit der Veräußerung von Betriebsvermögen)

- dort wo in Kapitalgesellschaften größere Teile des Cash-Flow von der CEOkratie angeeignet werden – zu Lasten der Kleinaktionäre (Principal-Agent-Problem in hierarchisch strukturierten Wirtschaftssubjekten)

Das scheinen mir die wesentlicheren Punkte zu sein. Daß es durch höhere Volatilität auf den Kapitalmärkten zu einer höheren “Abschöpfungsquote” kommt, erschließt sich mir weniger. Wie gesagt zweifle ich ja daran, daß es überhaupt eine zunehmende Volatilität gibt, und wenn doch, dann wäre sie wohl eher ein abgeleitetes, sekundäres Phänomen.

Und was den sozialen Aspekt der Verteilung angeht, so scheint mir die “Spreizung” innerhalb der Arbeitseinkommen fast das größere Problem zu sein. Formal betrachtet erzielen der Bankmanager und der Wachmann beide Arbeitseinkommen, aber deren beider Einkommen dürften in den letzten 10 Jahren deutlich (!) stärker auseinandergelaufen sein als die durchschnittlichen Arbeitseinkommen einerseits und die Kapitaleinkommen eines durchschnittlichen Anlegers andererseits.

24 Nanuk Mai 14, 2010 um 16:24

@staph.aureus
Ich klau mir die dann oder Tausche gegen Schrauben aus dem Lager… :)

25 ceteris Mai 14, 2010 um 17:40

Daß es durch höhere Volatilität auf den Kapitalmärkten zu einer höheren “Abschöpfungsquote” kommt, erschließt sich mir weniger.
Das finde ich naheliegend: Die Intermediäre schöpfen bei jeder Transaktion ab, und jede Volatilität ist eine Gelegenheit, Arbitrage abzuschöpfen.

als die durchschnittlichen Arbeitseinkommen einerseits und die Kapitaleinkommen eines durchschnittlichen Anlegers andererseits.
Ich glaube, hier kommt man mit Durchschnitten nicht weiter. Die entscheidenden Dinge passieren an der Spitze der Pyramide, da wo die “besten Talente” (Ackermann) sitzen. Der Durchschnitt verrechnet Buffet mit Klein Erna – da kann nix gescheits rauskommen.

26 staph.aureus Mai 14, 2010 um 17:50

@Nanuk
Bis auf weiteres nehme ich als Zahlungsmittel nur Pfandflaschen,
oder Freakadellen von Klein Erna´s Buffet.

27 boko Mai 14, 2010 um 19:04

“Ich hab da mal was geplottet: http://www.econinfo.de/wp-content/uploads/2010/05/dji-renditen-1024×655.png

Owe Jessen, deine Grafik ist aufschlussreich. Man sieht auch den 87er crash recht schön.
Die von wg ist ja reiner Humbug, wie er selbst sagt. Typisch Journalist: egal, daß es nicht ganz wahr ist, Hauptsache es macht “bäng” und man kann ne story drum herum erfinden… :-)

28 Straßenbahnfahrer Mai 14, 2010 um 21:02

Frage in die Runde, offtopic:

Welche Literatur wird von den Lesern/ Kommentatoren zum Thema Index und Verzerrung der Realität empfohlen (fehlende Logarithmierung)?

29 Martin Mai 15, 2010 um 05:36

Ich hatte aus einer ähnlichen Betrachtung 1987 auf eine zunehmende Destabilisierung des Handelssystems geschlossen und ein oder zwei Wochen vor dem großen Crash meine Aktien verkauft.

Das Wall Street Journal hatte damals eine über einen mittleren Zeitraum gehende Darstellung des täglichen DJ: Balken der täglichen Volatilität mit Fähnchen beim Schlusskurs. Zufällig war ich in diesern Zeit auf US-Reise und hatte beim täglichen Frühstück das WSJ gelesen. Da ich beruflich mit Regelkreisstabilität zu tun hatte, war mir sofort klar, dass sich hier ein Regelkreis aufschaukelte. Allein aus den Schlusskursen hätte man das nicht sehen können.

Ganz ohne Mandelbrot.

30 Owe Jessen Mai 15, 2010 um 09:13

@ Straßenbahnfahrer: Der Klassiker ist sicherlich “How to lie with statistics” von Darell Huff http://www.amazon.de/How-Lie-Statistics-Darrell-Huff/dp/0393310728 . In Deutsch gibt es einen vergleichbaren Titel (zumindest, wenn man dem Klappentext glauben schenken darf) von Krämer: http://www.amazon.de/So-l%C3%BCgt-man-mit-Statistik/dp/3492230385 .

31 weissgarnix Mai 15, 2010 um 09:51

Der Chart ist nicht “reiner Humbug”. Er besagt genausoviel oder sowenig, wie alle Nominalbetrachtungen sagen (also zB auch Öffentliche Schulden als $-Betrag und dergleichen). Was er zeigt ist, dass ab Mitte der Achtziger das System wertmäßig zu schwanken begann: Enorme Dollarbeträge auf die eine Seite, enorme Dollarbeträge auf die andere Seite. Wer das auf irgendeinen Bezugspunkt normalisiert (ie Closing), der sieht zwar, dass die (fortgeschriebenen) Relationen im Rahmen bleiben. Er vergisst dabei aber, dass “Closing” und “Opening” (und natürlich auch “High” und “Low”) immer nur Schnappschüsse in einem willkürlich festgelegten Zeitraum sind. Mit anderen Worten: Die Bewegung von gestern auf heute sieht nicht mehr “extrem” aus, weil die von vorgestern auf gestern schon extrem war.

Beide Sichtweisen haben deshalb ihre Berechtigung. Typischerweise betrachten wir unter Performance-Gesichtspunkten die normalisierte, wie ich es oben auch schon schrieb. Aber wenn ich die Eskalation eines Systems als Ganzes beobachten will, dann ist das durchaus die richtige Grafik.

32 mylli Mai 15, 2010 um 10:54

Was ist die Eskalation eines Systems als Ganzes?

Muss ich dafür Luhmann lesen?

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