Der Tycoon des Jazz-Zeitalters

von weissgarnix am 20. Februar 2010

Heute ein Buchtipp für Fans von Biographien: “The Merchant of Power” von John F. Wasik, über den amerikanischen Infrastruktur-Mogul Samuel Insull. Ein typische Geschichte über Aufstieg und Fall, Prosperität und Bankrott, Macht und Ohnmacht, Ehre und Schande.

Wer war Samuel Insull? In den zwanziger Jahren einer der großen Infrastruktur-Tycoons der USA und zeitweilig einer der reichsten Männer der Welt. Geboren in England, startete er seine Laufbahn in der Londoner Repräsentanz von Thomas Edison, erregte irgendwann die Aufmerksamkeit des Chefs und emigrierte 1881 als dessen persönlicher Assistent nach Amerika. In den nächsten 10 Jahren wurde er zu Edisons rechter Hand und mit immer größeren und wichtigeren Aufgaben betraut. Er baute Kraftwerke quer durch die USA, versorgte Haushalte mit Glühbirnen und elektrischen Apparaten, besorgte den enorm kapitalhungrigen Edison-Unternehmen das dringend benötigte Geld und war auch in anderen wichtigen Angelegenheiten stets am richtigen Ort zur richtigen Zeit.  “Es gab fast nichts, das Insull nicht für Edison erledigt hätte”, schreibt Wasik. Heute würde man wohl sagen, Insull war Edisons “CFO”. Da Edison chronisch geldknapp war, überredete ihn Insull, ihm den Großteil seines Gehalts in Anteilen an dessen weitverzweigten Konzern zu bezahlen. Ein Geniestreich – wie sich später herausstellen sollte.

Um 1885 entbrannte der Kampf Edison vs Westinghouse, oder anders gesagt: der Streit um die Vorherrschaft zwischen Gleichstrom und Wechselstrom. In dessen Verlauf mußte Edison die Kontrolle an seinem Unternehmen abgeben: an J.P. Morgan, der es mit seinem eigenen Konzern Thomson-Houston verschmolz, dadurch zum größten Aktionäre wurde und dem kombinierten Unternehmen einen neuen Namen gab: General Electric Company, kurz “GE”. Insull wurde darin einer der Top-Jobs angeboten, doch er lehnte ab: Er wollte was eigenes auf die Beine stellen und ging deshalb von New York nach Chicago.

Dort beteiligte er sich an einem lokalen Stromversorger, dessen Präsident er auch wurde. In den Folgejahren baute er das Unternehmen durch zahlreiche Akquisitionen zu einem Infrastruktur-Giganten aus, zudem gelang es ihm dank guter Kontakte in die Politik lukrative Versorgungsverträge abzuschließen, die ihm Monopolstellung sicherten. Wie schon zuvor im Großraum New York ritt er die einsetzende Elektrifizierungswelle nach allen Regeln der Kunst, beteiligte sich an immer weiteren Unternehmen und betrieb um 1917 nicht nur Kraftwerke und Gasproduzenten sondern auch Straßen- und Eisenbahnen.

Im Laufe der zwanziger Jahre verstrickte er sich in seinem Expansionsdrang allerdings in riskante Finanzierungsdeals, gepaart mit zwielichtigen Bilanzierungspraktiken. Sein riesiger Konzern glich zunehmend einem Kartenhaus, das im Nachgang zum Crash von 1929 über ihm zusammenstürzte. Zu seinem großen Unglück war er vom kommenden Präsidenten Franklin D. Roosevelt auch als “die Verkörperung all des Schlechten der zwanziger Jahre” stigmatisiert und öffentlich zur Unperson erklärt worden. Nach Roosevelts Wahlsieg machten die Progressives regelrecht Jagd auf Insull, beschuldigten ihn diverser Vergehen vom Bilanzbetrug über Steuervergehen bis hin zur Bestechung. Woraufhin Insull das Weite suchte: er flüchtete zunächst in Mussolinis Italien, reiste kurz danach weiter nach Griechenland. Im Unterschied zu Italien hatten die Griechen nämlich kein Auslieferungsabkommen mit den USA. Was aber letztlich auch nichts nützte, denn Roosevelt und seine Leute nahmen das Ganze sehr persönlich und steigerten den diplomatischen Druck auf Griechenland so dermaßen, dass die ihn schließlich im März 1934 des Landes verwiesen. Insull versuchte daraufhin in der Türkei Zuflucht zu finden, die wurde ihm aber verwehrt und so fand er sich schon kurze Zeit später auf einem Dampfer zurück in die USA. Dort wurde ihm wegen seiner angeblichen Vergehen ab Oktober 1934 der Prozess gemacht.  45 Tage später dann das Urteil: Freispruch in allen Punkten! Eine der vielen juristischen Niederlagen, die das Roosevelt-Team während seiner ersten Regierungsperiode einstecken mußte.

Insull war zwar happy, aber nichtsdestoweniger pleite. Zwar hätte er gerne weitergemacht, u.a. mit Tesla, der ihn zur Zusammenarbeit überreden wollte, aber ohne Kapital ging halt nichts mehr. Insull starb als gebrochener Mann am 16. Juli 1938 – während einer Fahrt in der Pariser Metro.

Heutzutage sagt der Name Insull den allerwenigsten Menschen etwas. Selbst Amerikaner aus der Region Chicago wissen nicht, um wen es sich handelt – wie ich kürzlich selber feststellte. Ich habe erstmalig in Amity Shlaes’ “The forgotten man” über ihn gelesen und mir vor kurzem die Biographie von Wasik besorgt, weil ich mehr erfahren wollte. Zusammen mit einer anderen Biographie übrigens, über einen deutlich bekannteren Tycoon der Jahrhundertwende: Hugo Stinnes. Wie mir scheint, eine recht ähnliche Geschichte. Aber darüber demnächst mehr.

{ 15 Kommentare… Lesen Sie sie nachfolgend oder schreiben Sie einen }

1 froZ Februar 20, 2010 um 16:17

Makabre Episode am Rande des Konkurrenzkampfes zwischen Edison und Westinghouse: Edison wollte den Wechselstrom ja diskreditieren, um seine eigentlich unterlegenen Gleichstromgeneratoren verkaufen zu können. Deshalb setzte er sich für die Einführung des mit Wechselstrom betriebenen Elektrischen Stuhles ein und schlug als Name für die neue Hinrichtungsmethode “to westinghouse” vor. Westinghouse setzte sich dagegen juristisch zur Wehr, und am Ende konnte ja auch der Schrecken des Elektrischen Stuhles den Siegeszug von Westinghouse’ Wechselstromgeneratoren nicht verhindern.

http://de.wikipedia.org/wiki/Elektrischer_Stuhl#Erfindungsgeschichte

2 Nanuk Februar 20, 2010 um 16:41

Lego ist doof. Rhino macht viel mehr Spass ist auch nicht so kantig… :)

3 Ahnungsloser Februar 20, 2010 um 17:20

@Froz

Danke für den Hinweis. Edison ist eine schier unerschöpfiche Quelle für Gemeinheiten Inspiration.

4 Susanne Februar 20, 2010 um 17:45

Das hört sich so an, als ob der Enron-Skandal nur eine Wiederholung einer alten Geschichte ist.

5 weissgarnix Februar 20, 2010 um 17:48

@Susanne

In der Tat – liest sich sehr, sehr ähnlich.

6 hacedeca Februar 20, 2010 um 18:13

Eine schöne Geschichte! Sie zeigt auch die hier im Blog kaum kritisch behandelte politische Dimension des Keynesianismus auf.

Unternehmer mit einer Vielzahl staatlicher Aufträge kriegt Schwierigkeiten mit der Politik, wird freigesprochen, geht aber Pleite.

Wie kann ein keynesianischer Unternehmer, ein Unternehmer des Hauptkunde die Politik ist , eigentlich pleite gehen? Nach den heutigen Erfahrungen mit den bail outs eigentlich nur, wenn es zu einem Machtwechsel kommt, wenn er es sich mit der Politik verscherzt. (Im Beitrag fällt ja das Wort Chicago, also demokratische Chicago Mafia? – Obama kommt ja auch aus diesen Kreisen.)

Besteht moderner Keynesianismus deshalb nicht mehr aus Infrastrukturprogrammen? Heute böte sich ja der Transrapid an, Breitbandinternet… Aber welcher Unternehmer will sich schon von politischen Konjunkturen abhängig machen?

Deshalb ist Keynesianismus heute nicht auf die Infrastruktur gestützt, sondern auf Finanzprogramme. Bei Geldprogrammen müssen sich Unternehmer nicht so exponieren, Infrastruktur bindet so viel Mittel.

7 Huuh (Rrah) Februar 20, 2010 um 18:34

@ froZ

Der Umstand, dass westinghousesche Stühle und ihre Varianten hierzuland nicht zur Anwendung kommen, setzt bei Ihnen immer heftigere Portionen Übermut frei. Als Sie mich neulich in die Nähe der Post-Lumppianer rückten, hielt mich vom Gang zum Anwalt nur zurück, dass mein Schnürsenkel riss.

Sie selbst legten offen, dass Ihr ganzes Wissen, das in seiner Bruchstückhaftigkeit einer zertretenen Zahnprothese gleicht, auf Treidelstein fußt. Ihre ganze Konfliktanalyse in Sachen Edison und Westinghouse ist bei Treidelstein in hegemannschem Duktus abgeschrieben. Was Sie als solchen betrifft, werde ich nicht ermüden.

8 holger Februar 20, 2010 um 21:22

Der einzige der es wert wäre erwähnt zu werden, ist dieser Mann.

http://de.wikipedia.org/wiki/Nikola_Tesla

http://members.tm.net/lapointe/TeslaAndCoil.jpg

9 Frankie Bernankie Februar 21, 2010 um 00:12

Interessante Geschichte, wirklich wahr.
Insull war quasi ein personifizierter Kondratieffzyklus.

Einer , der im 3. K sein Geld gemacht hatte, dort zu Hause war, sich dort auskannte und sich nicht vorstellen konnte, wie er die hohen Renditen, die ihm das Schwimmen auf dem Elektrifizierungszyklus ermöglicht hatten, ausserhalb erzielen könnte – deshalb Reiten des immerselben Pferdes ( “inside the box”) .
Das Auslaufen des Zyklus mit den dann sinkenden Grenzerträgen brach ihm das Genick.

Hätte er mal auf das Auto gesetzt! ( Aber das tat der nächste personifizierte Kondratieff – Zyklus: Henry Ford )

10 froZ Februar 21, 2010 um 02:24

@ Huuh (Rrah)

Nun, in der Tat entnehme ich vieles dem Schrifttum von Treidelstein; man sieht eben weiter, wenn man auf den Schultern von Giganten steht. Auch ist ein Bezug auf Treidelstein irgendwie chic, da seine Werke heutzutage meist vergriffen oder gar vergessen sind, und der Umstand, daß sie ohnehin zumeist nur in mündlicher Überlieferung vorliegen, eröffnet einem darüber hinaus erstaunliche Interpretationsspielräume.

Was das Post-Lumppianertum angeht, so wollte ich Ihnen nicht zu nahe treten. Mit Ihrer Behauptung, Bruchmüller habe sich vor Inbetriebnahme seiner Versuchsanordnung durch ein seitlich in ihr angebrachtes Loch aus selbiger entfernt, hatten Sie mir da allerdings auch eine Vorlage geliefert, die ich nicht liegenlassen konnte – auch wenn dies vielleicht ein billiges Vergnügen war und ich daraus nicht viel symbolischen Honig zu saugen vermochte.

Ansonsten: Gleichstrom… Wechselstrom… da war doch noch was… (auch wenn es nicht dem Jazz-Zeitalter entstammt)

http://www.youtube.com/watch?v=uego9Ba1a3w&feature=related

11 Nanuk Februar 21, 2010 um 10:29

@froz
“Ansonsten: Gleichstrom… Wechselstrom… da war doch noch was… (auch wenn es nicht dem Jazz-Zeitalter entstammt)”

Karl Theodor bist du es ich dachte du gehst auf die Loveparade…

http://www.youtube.com/watch?v=5PBCYTAKXdM

Da gibt es auch keine dialektische Auflösung in deiner Person Karl Theodor…

12 Antinolte Februar 21, 2010 um 10:50

Schöner Artikel.
Denn wessen werden wir uns bewusst?

“Aber sind denn wenigstens die reichsten Bürger unseres Landes “wirtschaftlich unabhängig”? Und: haben diese Leute ihren privilegierten Status mittels harter Arbeit erworben? Quatsch. Hauptsächlich hängt ihr Reichtum einerseits mit einem Netzwerk an ausbeuterischen Beziehungen zusammen (bzw. entsteht dadurch), zum andern mit Arrangements, die sie mit öffentlichen Stellen getroffen haben. Auf diese Weise ist es den Reichen möglich, einerseits ausgebeutete Arbeitkräfte u. andererseits die Steuergroschen des braven Bürgers für sich arbeiten zu lassen. So finanziert sich deren parasitärer Lebensstil. Reiche müssten wie die große Masse von uns leben, würde man es ihnen nicht strukturell ermöglichen, den Surplus aus den Arbeitenden rauszuholen. Daneben profitieren sie aber auch noch von der ‘Konzern-Wohlfahrtshilfe’ bzw. von jenen andern ganz selbstverständlichen staatskapitalistischen Subventionen (Exportkredite, Einfuhrzölle, “abgesicherte” Verträge (Cost-plus), Steuererleichterungen, militärischer Schutz, Patente, usw.), wie sie der “öffentliche Sektor” für seine Freunde bereithält. “Nur Arbeit darf sich auszahlen”? Sagen Sie das mal unsern ökonomischen “Eliten”! Je höher man hinaufkommt, desto weniger resultiert deren Einkommen ja von (eigener) Hände Arbeit desto mehr aus Investitionen bzw. aus Beziehungen, die sich buchstäblich auszahlen.”
Quelle:
http://zmag.de/artikel/Sozialhilfe-Reform-und-die-Grenzen-der-erlaubten-Debatte-in-den-USA

Was erlaubte sich Roosevelt als diese faschistischen Strukturen zerbrach.

Aber was einmal zerbrochen wurde läßt sich wieder restaurieren.

Die Zeit und viel Schmiergeld heilt alle Wunden.

13 Stefan Enzinger Februar 22, 2010 um 01:58

@wgn
Gibt es über Ivar Kreuger eigentlich auch eine Biographie?

14 ceteris Februar 22, 2010 um 02:30

@froZ
Nun, in der Tat entnehme ich vieles dem Schrifttum von Treidelstein; man sieht eben weiter, wenn man auf den Schultern von Giganten steht.
Da haben Sie recht, verehrter froZler – noch weiter aber kann man sehen, wenn man sich auf die eigenen Schultern stellt, und nicht einfach nur der eigenen Versuchsanordnung durch ein seitliches Loch entfliegt.
Bedenken Sie das künftig! Ich bitte darum…

15 Steffan Februar 22, 2010 um 12:19

Ironie der (Technik-)Geschichte: Heute würde man dank Hochleistunsghalbleiter-Schalter ein Gleichstromnetz aufbauen.
Siehe hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung
Auch im Heimbereich findet man eigentlich nur noch Schaltnetzteile, die Gleichspannung eigentlich viel besser vertragen als diese Wackelspannung.
Interessant sind die in der Tat sehr putzigen PR-Stunts mit dem elektrischen Stuhl.

Hinterlassen Sie einen Kommentar