Vorankündigung zum “Roten Oktober”

by weissgarnix on 16. September 2009

Derrida schreibt:

“Es wird immer ein Fehler sein, Marx nicht zu lesen, ihn nicht wiederzulesen und über ihn nicht zu diskutieren.”

Und dieses Fehlers wollen wir uns doch wohl nicht schuldig machen, liebe Freunde, oder? Daher möchte ich den kommenden Oktober einer Reihe von marxistischen Texten widmen, von und über Marx, Analysen und Synthesen und womöglich die eine oder andere Rezension. Das mag einige von Euch total abturnen, die anderen mag es überraschen, weil ich mich doch gerade intensiv mit Luhmann beschäftigen wollte. Und das habe ich auch, sogar sehr intensiv – für meine Verhältnisse zumindest. Aber um ehrlich zu sein: je mehr ich von Luhmann gelesen habe, umso stärker wurde der Wunsch, mich wieder einmal intensiver mit Marx zu beschäftigen – etwas, was ich zugegeben die letzten 20 Jahre nicht gemacht habe. Worin genau dieser Wunsch begründet liegt, kann ich auch nicht sagen, aber einerseits hat die post-keynesianische Schule spätestens seit Joan Robinson eine gewisse Affinität zu Marx, und andererseits gibt es – so sehe ich das zumindest – gewisse Parallelen in den evolutionistischen Sichtweisen von Luhmann und Marx. Meiner Meinung nach konnte Luhmann zwar einzelne Aspekte von Marx zutreffend kritisieren; aber er konnte andererseits nicht ausschließen, dass die fortwährende Ausdifferenzierung der Wirtschaft in der Gesellschaft nicht zu genau jener Entwicklung führt bzw dieser entspricht, die Marx mit der wechselseitigen Bedingung von “Produktivkräften” und “Produktionsverhältnissen” beschrieb. Marxens Klassenbegriff stört einen heutzutage, klar, aber diesbezüglich muß man halt ein wenig flexibel sein. Das “Proletariat” war schließlich nichts anderes als eine dialektische Denkfigur, zudem war “Metamorphose” einer von Marxens Lieblingsbegriffen. Sloterdijk meint ja gar, man solle das “Kapital” nur parallel zu Ovid lesen, sonst könne man es unmöglich verstehen. Aber keine Angst: sooo weit werden wir es dann hier auch wieder nicht treiben.

Ich weiß noch nicht genau, wie ich das machen werde, vermutlich steige ich ein mit einer Kritik des “operativ-ökonomischen” Marx aus keynesianischer Sicht, eventuell ergänzt um Piero Sraffas Neoricardianismus, mal sehen. Auch Hilferding und Benjamin möchte ich anschneiden, Rosa Luxemburg, wenn die Zeit dafür reicht und noch ein paar andere. Und meinen lange geplanten “Marx für Goldbugs”-Artikel möchte ich da auch irgendwie unterbringen. Was ich hingegen nicht machen will, ist groß in die marxsche Metaphysik einzusteigen – erstens weil ich nichts davon verstehe und zweitens weil sie den Rahmen dieses Blogs sprengen würde.

Wer sich bei der bloßen Erwähnung von “Marx” bereits genötigt sieht,  drei Kreuze zu schlagen und zwei Rosenkränze zu beten, der soll sich halt im Oktober mit gebotener Vorsicht diesem Blog nähern. Ein RSS-Reader, bei dem nur die Titel angezeigt werden – das könnte zB ein ganz probates Mittel zum Selbstschutz sein. Marx ist zwar tot, aber wenn man die hysterischen Reaktionen sieht, mit denen die bürgerliche Presse eine sich ohnehin nur schemenhaft am Horizont abzeichnende Linkskoalition auf Bundesebene kommentiert, dann fragt man sich, ob ein Teil von ihm vielleicht nicht doch überlebt hat – und jetzt als Gespenst durch die politische Landschaft geistert.

Wer sich in die Materie einlesen oder wiedereinlesen möchte, wie ich es vor kurzem auch tat, dem empfehle ich Robert Misiks hervorragendes Einstiegswerk “Marx für Eilige“. Der Titel täuscht dabei kolossal, den es handelt sich bei Misiks Buch nicht um einen der vielen 0815-Kurzkommentare zum “Kapital”, sondern einer recht breit (und deshalb notwendigerweise nicht allzutief) angelegten Würdigung von Marxens Gesamtwerk, inklusive recht ausführlicher Biographie. Ob es nun tatsächlich so etwas gibt wie eine “tendenziell fallende Profitrate” läßt Misik zwar völlig außen vor, dafür gibt er aber eine recht gute Einführung in die wichtigsten Begriffe und Kategorien des Marxschen Denkgebäudes. Und was mir am allerwichtigsten scheint: Es macht wirklich Spaß, diese Einführung zu lesen, sie ist kurzweilig, gespickt mit Anekdoten und äußerst unterhaltsam – was man von marxistischen Werken bekanntlich nicht immer sagen kann. Ganz besonders empfehlen möchte ich das Werk den zahlreichen Marx-Kritikern und Sozialismus-Beschwörern in den deutschen Presseredaktionen – damit sie wenigstens einmal in ihrem Leben gelesen haben, was Marx wirklich gesagt hat.

PS: Robert Misik hat sich gerade bereit erklärt, sich mit ein, zwei Gastbeiträgen zu beteiligen.

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Was man noch so schreibt… • Börsennotizbuch
16. September 2009 um 19:08

{ 151 comments… read them below or add one }

1 DJ_Maki 16. September 2009 um 16:01

Das mit den Buchtips ist ganz gut..

Wie ich ja schon mal schrieb, bin kein BWLer, wie bestimmt viele hier…
Durch die tips kann man sich mit dem Thema näher befassen (oder es versuchen..).

Gruß

2 Reinhard 16. September 2009 um 16:08

BWL’er neigen, wie soviele “Fachidioten”, zum Tunnelblick, der zum Teil essentielle Dinge nicht beachtet, weil sie nicht in die Denkschublade passen. Mir gefällt der universale Ansatz in diesem Blog doch sehr viel besser :)

3 Earloffunk 16. September 2009 um 16:49

Super Thomas… ich bin beeindruckt ja sogar gerührt von der Wahl Deines Oktoberthemas…

Auch ich werde mich vorbereiten (damit nicht wieder die selben Verschwörungsthesen unpassender Weise Einzug finden ;-) ) …

… hierzu nehme ich mein etwas eingestaubtes Exenplar von “Marx Engels Ausgewählte Schriften Band I und II und werde beginnen mit dem Manifest der Kommunistischen Partei… und werde mich durchschlagen zu Lohnarbeit und Kapital und Lohn, Preis und Profit… bis hin zum Kapital…

Man muss sich mal vor Augen führen, das die ganze Sache so zwischen 1840 und 1850 geschrieben wurde, aber schon damals die Globalisierung als Gefährdung für Menschlichkeit und Gesellschaft an sich gedeutet wurde.

Viele Propleme, welche Marx zu dieser Zeit anprangerte sind heute nur all zu gegenwärtig – vielleicht ist das ein Grund, weshalb das leider keine Pflichtlektüre mehr ist – wo man heute doch “Beispiele zum Anfassen” hat.

@ alle BWLer…
lest das Richtige bevor Euer Bildungsabschluss komplett in die Mülltonne fliegt… Marktwirtschaft… Fiskalpolitik… alles fürn Arsch…

Gruss Early

4 ~ haaalbgooottt ~ 16. September 2009 um 16:50

Ich bekenne öffentlich:

…Ich habe Karl Marx in der Tat NIE gelesen!

… allerdings, zu meiner Schande: … Karl May … auch nicht !

=> … können wir nicht zunächst eine Zusammenfassung der Werke von Karl MAY bekommen, bitte ? … die sollen ja – im Gegensatz zu Marx – ziemlich spannend sein.

Retroliberale Grüsse,
~ HG ~

5 weissgarnix 16. September 2009 um 16:54

@halbgott

OK, hier in aller Kürze:

“Ich Winnetou – Du Old Shatterhand – Wir Blutsbrüder – Wir bekämpfen gemeinsam böse weiße Männer die wollen klauen Gold aus dem Reich der Apachen – Hugh, ich habe gesprochen!”

6 Limited 16. September 2009 um 16:54

Marx ohne Metaphysik?

Wie gemein!

Von Geistern konnte doch niemand vortrefflicher berichten als der olle Hegel und sein Schüler Marx.

7 ~ haaalbgooottt ~ 16. September 2009 um 16:59

@wgnX

““Ich Winnetou – Du Old Shatterhand – Wir Blutsbrüder – Wir bekämpfen gemeinsam böse weiße Männer die wollen klauen Gold aus dem Reich der Apachen – Hugh, ich habe gesprochen!””

… siehste ! … es ist genau wie in deinen Wirtschafts-Artikeln !

=> … das WICHTIGSTE übersiehst du immer !! … ich habe nämlich in TV-Ausschnitten von Karl-May-Verfilmungen mindestens eine wunder-wunderhübsche Squaw gesehen …

8 Earloffunk 16. September 2009 um 17:00

@ alle BWLer…

ok ok… natürlich müssen Unternehmen rentabel sein, deshalb sollte eine Herrausforderung der Zukunft sein, wie man Elemente der “Beschäftigung als Recht eines jeden Bürgers” mit Rentabilität und Unternehmensentwicklung und Nachhaltiger Pfofiterwirtschaftung FÜR ALLE BETEILIGTEN verknüpft… als Kombination aus Gesellschaftlicher Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit…

aber kommt ja hoffentlich alles noch…

9 Wat. 16. September 2009 um 17:25

Metaphysik und Marx…

@ Earl (vielleicht auch einige Andere (?))

Vielleicht guckst Du, wenn es Dir greifbar ist, in Marx’ “Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte” (1844).

MMn. so eine Art Ausgangspunkt von ihm, von da ist er wohl eigentlich ‘los gelaufen’.

Gab es (auch) als Einzelausgabe (Broschürchen), wann weiß ich nicht – ist aber auch MEW – Ergänzungsband Schriften bis 1844 (Erster Teil) – meine Ausgabe ist Dietz 5. Auflage 1981 unverändert nach 1. von 1968
Btw. 11,50 Mark (!)

10 ralf 16. September 2009 um 17:44

Könnten wir dazu vielleicht auch Bilder von Sarah Wagenknecht haben? Nur so zur ästhetischen Auflockerung, meine ich.

11 Nanuk 16. September 2009 um 17:52

@wgnx
Wenn das so weitergeht an den Märkten dann wird das mit roten Oktober noch was allerdings aus anderen Gründen…

http://www.nakedcapitalism.com/2009/09/lending-is-taking-a-dive-oh-my.html

12 el quietschos 16. September 2009 um 18:02

misik und strobel, was österreich nicht alles hervorgebracht hat. gut dass ich das buch schon gelesen hab. was sagt denn weissgarnix zu michael heinrich? also wissenschaft vom wert usw.

13 Klabauter 16. September 2009 um 18:11

Ich habe vor etwa einem Jahr begonnen das Kapital zu lesen. Schwere Kost, aber jede Mühe wert. Marx ist sicher eine Bereicherung für diesen feinen Blog. Ich bin gespannt…

14 holger 16. September 2009 um 18:15

Nur eine Frage:

Kannte Marx: Alan Greenspan? Oder haben die sich mal getroffen, Pizza gegessen, sich über User und Blogs unterhalten. Evtl. sogar über die Geldmengen die so im Umlauf sind?

Vielleicht sind die beiden sogar als Zwillinge aufgewachsen. mit der Halbschwester Apahatschi.

O.K. sind schon wieder zwei Fragen.

15 knt 16. September 2009 um 18:18

Cool! Freue mich schon! Dieses “Autor besprechen” hast du schon bei Luhmann sehr gut und spannend gemacht.

16 weissgarnix 16. September 2009 um 18:21

@halbgott

>ich habe nämlich in TV-Ausschnitten von Karl-May-Verfilmungen mindestens eine wunder-wunderhübsche Squaw gesehen …

Sag an – du stehst auf Uschi Glas?

17 Nanuk 16. September 2009 um 18:26

@wgnx
Ne ne der meint Nscho-tschi die Schwester von Winnetou…

18 guang_hualu 16. September 2009 um 18:26

Die Werke Marx gibt es auch kostenlos im Internet, z.B. http://www.marxists.org/archive/marx/index.htm

Ein Buch ist natürlich besser zu Lesen, kann man auch mit in die U-Bahn nehmen.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass hier einige durch das Bücherschreiben glauben, aus der Krise auch noch Kapital zu schlagen. Wenn die Aussage zutrifft, dass wir Zuschauer eines traurigen Untergangsschauspiels sind, und nicht die Akteure auf der Bühne, wieso glauben wir, die Hintergründe besser durch die Lektüre eines Buches über dieses Schauspiel zu verstehen? Wir sind in diesem Spiel genauso beteiligt wie die Autoren eben dieser Bücher. Hat die Aussage eines Autor nur deshalb mehr gewicht, weil er von vielen gelesen wird und unsere Kommentare sich nur an wenige Leser richtet?

Der Kauf eines Buches läuft aus meiner Sicht nur darauf hinaus, dass man sich einen “Sprecher” sucht, welche(r) die eigene Meinug in den Massenmedien vertritt. Wozu? Kann man doch auch alles hier im Blog lesen. Das die eigene Meinung nicht Mainstream ist und dass das Schauspiel so weiter gehen wird wie in den letzten Jahren soll uns dabei doch nicht weh tun. Es gibt noch andere Lebensinhalte als Politik.

Z.B. Jutta Ditfurth (http://womblog.de/2009/09/16/groe-koalition-und-nationale-anstrengung/):
“Zwei Jahre vor Beginn der Weltwirtschaftskrise (2006) sagte der reichste Mann der Welt, Warren E. Buffett, zur New York Times: »Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.« Er meinte damit den kapitalistischen Normalzustand vor der Krise.

Der Krieg geht weiter. Nicht nur in Afghanistan. Bald nach der Bundestagswahl wird es Massenentlassungen geben. Die Kurzarbeit wurde finanziert, damit das nicht vor den Wahlen geschieht. Die Weltwirtschaftskrise wird denjenigen Fraktionen des Kapitals irrwitzige Vorteile und Extraprofite bringen, welche die Krise überleben. Sie können Konkurrenten fressen, unser aller Reichtum als billige Beute einfahren und eingeschüchterten Menschen noch mehr Lohn und Rechte rauben – solange die sich nicht wehren. Käme nun eine Regierung an die Macht (nicht an die Herrschaft, denn die liegt beim Kapital), die keinen Einfluss auf die Gewerkschaftsspitzen hätte und keinen auf das reformistische Lager, könnte es Probleme geben.

Klüger (im Interesse von Staat und Kapital) ist es da, CDU und SPD regierten weiter. Gemeinsam können sie Teile dieses reformistischen Lagers einbinden und so befrieden, dass ihnen keine Aufstände drohen und keine Humanisierung der herrschenden Verhältnisse – weder hier noch anderswo. “

19 guang_hualu 16. September 2009 um 18:28

Ergänzung zu #18
Ich kann zu Dittfurth nichts sagen und würde ihr Buch auch nicht kaufen, aber ihre Einschätzung trifft es aus meiner Sicht in dieser Passage.

20 holger 16. September 2009 um 18:37

Wann kommt Wgnx “Basis des Lebens” auf den Markt?
Wird sich vermutlich um eine Enzykloppadie handeln. Bin darauf echt mal gespannt. Hat mutmaßlich gesehen 200 Seiten, weil der Qellennachweis etwas länger geraten wird. :-)

21 weissgarnix 16. September 2009 um 18:40

@holger

Nein, das Buch wird heißen “Sudoko für schwer erziehbare Ökonomen” – und von denen soll’s ja ein paar geben, sollte sich also daher blendend verkaufen.

22 Dietmar Tischer 16. September 2009 um 18:48

@ weissgarnix

Tun Sie, was Sie nicht lassen können.

Ich verspreche schon jetzt: Werde mich zurückhalten.

Vorab nur so viel dazu:

1) Ja, man kann Marx mit Gewinn lesen. Den größten Gewinn hat man meiner Ansicht nach, wenn man danach fragt, warum so ein überragender Kopf gescheitert ist. Aber das ist Geschmacksache.

2) Das für die nächsten Jahre oder sogar Jahrzehnte maßgebende Buch über Marx ist 2088 ist bei der Cambridge University Press erschienen. Sam Hollander: „Studies in Classical Political Economy/V. The Economics of Karl Marx: Analysis and Application”. Hollander ist der wohl überragende Ökonom zur Theoriengeschichte des ökonomischen Denkens speziell im 19. Jahrhundert.

3) “Marxens Klassenbegriff stört einen heutzutage, klar, aber diesbezüglich muss man halt ein wenig flexibel sein. Das “Proletariat” war schließlich nichts anderes als eine dialektische Denkfigur …“

Hierzu der vorletzte und vorvorletzte Satz aus dem Kommunistischen Manifest:

“Die Proletarier haben nichts zu verlieren außer Ihren Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen”

Ich bin gespannt darauf, wie flexibel Sie hier über die “ dialektische Denkfigur” diskutieren werden.

4. Meine grundsätzliche Meinung zu Marx:

Er ist dem Newtonschen Denkschema – Ursache und Wirkung – verhaftet, was überhaupt nicht zu kritisieren ist. Ich will auch nicht auszuschließen, dass man damit evolutionäre Systemveränderungen angeben kann. Das Bemerkenswerte, was Marx insoweit voraussah, war ein gesellschaftlicher Gleichgewichtszustand, der natürlich nicht Immobilität sein muss: Die klassenlose Gesellschaft.

Das ist eine teleologische Gesellschaftsentwicklung.

Sie entspricht dem Hegelschen Denken, dem sich Marx verpflichtet fühlte. Er hat ja auch ausdrücklich gesagt, dass Hegel vom Kopf auf die Füsse gestellt werden müsse.

Soweit überhaupt keine Kritik, nur Feststellungen.

Und nun hier eine Passage, auf die ich bei Franz. M. Wuketits “Darwin und der Darwinismus” gestoßen bin:

>So nahmen Karl Marx(1808-1883) und Friedrich Engels (1820 -1895) das Buch ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER ARTEN” gleich nach seinem Erscheinen mit Begeisterung auf. Bereits im Dezember 1895 schrieb Engels an Marx, Darwin sei “ganz famos”, er habe den großartigsten Versuch unternommen, “historische Entwicklungen in der Natur nachzuweisen” und die Teleologie sei jetzt endgültig “kaputtgemacht”. Ein Jahr später meinte Marx sogar – in einem Brief an Engels –, Über die Entstehung der Arten sei “das Buch, das die naturhistorischen Grundlagen für unsere Arbeit enthält.”

Marx wollte Darwin sogar die englische Ausgabe von DAS KAPITAL widmen.

Ich kann dazu nur sagen:

Marx und Engels waren sich nicht im Geringsten über Ihre METHODIK im Klaren.

Das ist der größte Treppenwitz der Geschichte – leider mit unendlichem Elend im Gefolge.

Trotzdem oder gerade deshalb: Viel Erfolg mit Ihrem Projekt!

23 sinthomat 16. September 2009 um 18:58

Super! Ich freu’ mich sehr drauf! Endlich Butter bei die Fische!

Bin äußerst gespannt auf Deine Meinung zum tendenziellen Fall der Profitrate (oder auch -masse). Mir ist immer noch unklar, ob Du bzw. Keynes mit der chronischen Investitionsschwäche was ähnliches meinst, oder nicht.

Go for it!

24 weissgarnix 16. September 2009 um 18:58

@Dietmar Tischer

>Viel Erfolg mit Ihrem Projekt!

Danke. Aber das wird kein “Projekt” im eigentlichen Sinne, sondern ich will lediglich ein paar Dinge thematisieren, die ich hier sonst nie thematisiere.

25 gelegentlich 16. September 2009 um 19:02

Jede Voraussage dieses Blogs seit Lehmann A.D. hat sich als rein theoretische Prognose erwiesen, von der k e i n e eingetroffen ist. Vom haircut bis zu Southamerica, von der Citybank bis zu angelsächsischen Apokalypsen. Ich schreib das gelegentlich mal zusammen. Wohl auch alles irgendwie dialektisch? Ich hab das hier gelegentlich zu lesen begonnen, weil mich die Krise faszinierte. Strobl hatte ein paar Monate eine kleine feine Deutungshoheit. Aber mehr als Marx revisited, würde mich mal interessieren, worüber hier so gerne geschwiegen wird: die totalen Quatschprognosen, die hier abgegeben wurden. Und know what? Ich weiss schon, wie die Antwort ausfallen wird. Auch wieder eine These. Darum mach ich das mal selbst. Ein Archiv gibts ja.

26 weissgarnix 16. September 2009 um 19:13

@gelegentlich

Was für “Prognosen” sollen das gewesen sein? Ich habe wissentlich nur 2 Prognosen abgegeben, nämlich 1) dass wir in keine Deflationsspirale fallen werden und 2) dass der Dollar (vorerst) nicht abstürzen wird – und bei beiden liege ich gar nicht mal schlecht. Die “Apokalypse” war hingegen nie mein Thema, hier nicht und andernorts auch nicht.

PS: Ach so, die Hypo Real Estate habe ich ganz vergessen – ja, da lag ich bekanntlich total daneben, stimmt.

27 unwissender 16. September 2009 um 19:14

@weissgarnix

Uschi Glas?

Neee, neee!

Wenn schon, denn schon.
Für Halbgötter brauchen wir richtige Squaws!

http://www.youtube.com/watch?v=N23Q0-OV6k4

28 meinung 16. September 2009 um 19:26

Warum Marxismus gescheitert ist? das hat sich auch Karl Korsch gefragt in Marxismus und Philosophie und dabei das Verhältnis von Marx zu Hegel gewinnbringend analysiert. Die materialistische Dialektik muss demnach auf die Dialektik Hegels angewendet werden, um die Ideologien der bürgerlichen Gesellschaft (die für sie nicht nur bloße Hirngespinste sind, wie Vulgärmarxisten glauben), aufheben zu können.
also Korsch lesen..

29 undertaker 16. September 2009 um 19:32

Ich gestehe ebenfalls, Marx nie gelesen zu haben.
Habe dies auch nicht mehr vor, weil ich nicht glaube, etwas von ihm lernen zu können. Hege aber auch keine besondere Abneigung. Die Zusammenfassung mit entsprechender Diskussion wird bestimmt unterhaltsam. Bleibt nur abzuwarten, ob die Wirtschaftskrise uns nicht einen Strich durch die Rechnung macht und wir statt dem roten einen schwarzen Oktober erleben…

30 gelegentlich 16. September 2009 um 19:34

@weissgarnix: nee, das waren schon ein paar mehr, um nicht zu sagen, sehr viel mehr. Warte nicht nur immer noch auf meinen Haircut sondern auch noch auf das Auseinanderbrechen der EU. Da gibts noch viel mehr. History has proved this blog to be a Schwätzerblog.

31 f.luebberding 16. September 2009 um 19:35

gelegentlich

“Jede Voraussage dieses Blogs seit Lehmann A.D. hat sich als rein theoretische Prognose erwiesen, von der k e i n e eingetroffen ist.”

Das ist eben das Schwierige an Prognosen, weil sie sich mit der Zukunft befassen … . Aber ich glaube, hier ist etwas falsch verstanden worden: Wir machen meistens keine Prognosen, sondern bieten Überlegungen zu aktuellen Entwicklungen an. Dass damit auch Zukunftserwartungen verbunden sind, ist klar. Aber das ist etwas anderes als eine Prognose. Der haircut war auch keine Prognose, sondern eine Forderung. Genauso wie die Verstaatlichung der Banken. Da sind wir irgendwann mitten drin hängen geblieben … . Die machen einfach nicht das was wir wollen. Um es noch an zwei Beispielen deutlich zu machen: In dem Artikel über die Lage der Kommunen ging es ja nicht um die Prognose, dass die Kommunen zahlungsunfähig werden, sondern um ein Szenario, das so eine Entwicklung nicht ausschließt. Dann kann man nämlich die Relevanz der Argumente überprüfen – und über die Wahrscheinlichkeit diskutieren. Der Artikel über Schacht ist in der Hinsicht doch ganz interessant – und auch keine Prognose. Ansonsten müssten wir wie Eichelburg auf das Ende oder den Osterhasen warten … . In dem Artikel über Angela Merkel habe ich tatsächlich eine Prognose gemacht: Sie wird als Bundeskanzlerin abgelöst werden. Ob die eintrifft, nun denn, wir werden sehen … . Also Peer Steinbrück kämpft famos für seine Kanzlerin … . Aber ganz sicher: Ich werde meinen Irrtum zugeben … .

Ansonsten halte ich eine Liste der Fehlprognosen für wichtig.

Gruss Frank

32 weissgarnix 16. September 2009 um 19:45

@gelegentlich

>noch auf das Auseinanderbrechen der EU.

Stimmt, das war auch noch. Aber nicht das Auseinanderbrechen, sondern im Gegenteil: die unbedingte Aufrechterhaltung mit allen Mitteln, inkl. EU-Anleihe, internem Finanzausgleich usw. Und was das betrifft, sag ich nur: Warten wir einfach mal ab.

Was die “sehr vielen” anderen Prognosen betrifft, mach doch einfach eine Liste, und schick sie an diese Adresse:

http://www.schilderundbilder.com/webshop/catalog/images/Salzamt.gif

33 sinthomat 16. September 2009 um 20:01

War da nicht auch mal was mit Inflation? Aber zeitlich hattest Du Dich da nicht festgelegt, glaube ich.

Die Prognosen wären nicht uninteressant, aber die Analysen und Polemiken sind es, warum ich hier lese. Trefferquote ist mir also schnuppe. Zumal das letzte Jahr eh’ ziemlich unvorhersagbar war, sage ich mal einfach so.

34 weissgarnix 16. September 2009 um 20:06

@sinthomat

An Stagflation glaube ich auch nach wie vor. Aber man kann derartige Prognosen doch bitte nicht im Kontext von 6 Monaten sehen – das sind Szenarien für die nächsten 3-5 Jahre. Wenn ich kurzfristige Erwartungen habe – wie etwa zum Dollar – dann schreibe ich das auch dazu.

35 weissgarnix 16. September 2009 um 20:08

@undertaker

Womöglich sogar einen “ganz schwarzen” – aber dann macht es ja nur umso mehr Spaß. Zumindest solange sie uns nicht den Saft abdrehen.

36 gelegentlich 16. September 2009 um 20:08

@weissgarnix: Nee, das machst du mal selber. Titel: Wie ich der Hans-Werner Sinn von der anderen Seite wurde.

37 weissgarnix 16. September 2009 um 20:10

@gelegentlich

Ich bitte dich – das wäre ja anmaßend von mir, mich mit den Spitzen der Zacken der Krone der deutschen Ökonomie auf ein- und dieselbe Stufe zu stellen. Oh elende Hybris, würde man mir zurufen – und das mit Recht.

38 Earloffunk 16. September 2009 um 20:15

@ Herr Tischer…

na na na wir wollen doch dem Oktober nicht vorgreifen…

Nur auf Ihr Frage hin, warum “der kluge Kopf gescheitert ist” – ist er das?

Meines Wissens nach wollte Herr Marx nie die Macht an sich reissen, sondern wollte lediglich zum Denken anregen…

“Für den schliesslichen Sieg der im Manifest aufgestellten Sätze verliess sich Marx einzig und allein auf die intellektuelle Entwicklung der Arbeiterklasse, wie sie aus der vereinigten Aktion und Diskussion hervorgehn musste.” (Analog dazu geben sich ja unsere “Machthaber” alle Mühe uns zu verblöden)

Marx selber lehnte es ab politisch gloryfiziert zu werden, sondern wie eben erwähnt wollte er zum Denken anregen und nicht als Götzenbild dienen…

… das wurde meiner Meinung nach in der Vergangenheit missverstanden – oder die dann herrschenden Primaten haben aus purer Selbstverherrlichung sich auf Großleinwänden mit den damligen “klugen Köpfen” abbilden lassen… (siehe Fahne mit Marx, Engels, Lenin und Stalin)…

… jeder heute weiss (oder sollte wissen) das Lenin eigentlich Trotzky als Nachfolger bestimmen wollte… aber das konnte der findige Stalin ja vereiteln… schon ab diesem Punkt war der Sozialismus zum scheitern verurteilt – weil sobald jemand diktatorisch agiert… haben sämtliche intellektuellen Ideen keinen Nährboden mehr…

… ich freu mich also auf Oktober

39 Earloffunk 16. September 2009 um 20:26

… wenn dann ist nicht Marx gescheitert…( seine Ideen inspirieren noch mehr als 100 Jahre nach seinem Tod!!!) sondern die ersten Umsetzungsversuche sind gescheitert … aus Gründen … weshalb jetzt die Demokratie scheitern wird…

… weil einige ihren Hals nicht voll genug auf Kosten anderer bekommen…
um nicht zu sagen – bisher sind immer nur wir, die Arbeiter gescheitert)

40 Andreas Kreuz 16. September 2009 um 20:32

@Earloffunk #39

Na, da sind schon Unterschiede, was die Gründe des Scheitern betrifft.

Der Luxus in Wandlitz lag auf dem Niveau eines Vorarbeiters bei BMW…

Hätten Sie tauschen wollen?
Ich nicht.

41 Earloffunk 16. September 2009 um 20:37

eine Idee jagt die andere…

Wir können nicht beurteilen, ob eine Demokratie “kacke” ist, weil wir nur in einer “Scheindemokratie” leben… eine Demokratie wie zu Zeiten von Perikles in Athen wäre ein Traum…

und wir können nicht beurteilen ob der Sozialismus “scheisse” is weil die Umsetzung nicht hingehauen hat…

Nur eins kann man mit Sicherheit sagen:
Solange ein Großteil der Bevölkerung zu bequem ist, sich mit der umbequemen Wahrheit zu befassen, solange Neid, Missgunst und Habgier das Handeln der Menschen lenken…

… solange wird der Mensch an seinen Eigenschaften scheitern!!!!… egal welches System…

42 Wat. 16. September 2009 um 20:42

schmunzel @ Andreas Kreuz – nen paar Mythen müssen halt bleiben…

Aber es geht doch meine ich, meistens schon damit los, dass bei anderen Nationalökonomen, Philosophen, Soziologen etc. geguckt wird, was da ‘alles passt und deshalb richtig sein muss’ und bei Marx explizit geguckt wird, was nicht passen kann – möglichst noch ohne Analyse der bestehenden Verhältnisse, sondern im Abgleich mit sonst von anderen geschriebenem.

Btw. für den Anfang würde mir (fast) reichen, wenn sich die meisten der hier lesenden und schreibenden als Lohnarbeiter/Proletariat begreifen würden.

43 Earloffunk 16. September 2009 um 20:43

@ Andreas Kreuz

versteh die Frage nicht…

ich kann mich sehr gut an die Hetzkapagne gegen unsere Bonzen errinnern (bin Ossi)… und alles was in Wandlitz zu sehen war, waren Fliesen in der Küche und eine verchromte Mischbatterie…

… Leider war es ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr möglich die Wahrheit zu diskutieren, immer wurden die Pläne erfüllt und Probleme gab es zu Propagandazwecken erst recht nicht…

… aber genau da hätte es angefangen, was hat uns abgehalten in allen Bereichen nach vorne zu marschieren? … gebildeter als die Wessis waren wir allemal…

… leider hat man bei uns verlehrnt andere zum Selbstzweck über die Ohren zu hauen… aber nach der Wende haben da ja einige ganz schnell dazu gelernt…

also womit tauschen…. erbitte Neuformulierung der Frage…

44 Earloffunk 16. September 2009 um 20:46

… übrigens n Vorarbeiter bei BMW hats n bissl schicker ^^

45 Earloffunk 16. September 2009 um 20:47

obwohl son Bungalow am See hat was… fänd ich persönlich gut…

46 melethron 16. September 2009 um 20:50

Zitat: “Worin genau dieser Wunsch begründet liegt, kann ich auch nicht sagen, aber einerseits hat die post-keynesianische Schule spätestens seit Joan Robinson eine gewisse Affinität zu Marx, und andererseits gibt es – so sehe ich das zumindest – gewisse Parallelen in den evolutionistischen Sichtweisen von Luhmann und Marx.”

Kleiner Tipp:
Hegel -> Marx
Hegel -> Gotthard Günther -> Niklas Luhmann
Hegel -> Gotthard Günther -> Heinz von Foerster (+Matura et al)

Der krampfhafte Versuch Luhmanns mit den Mittel des Verstandes (im Gegensatz zur Vernunft die der Verstand nur nachzuahmen versucht) eine holistische Betrachtung anzustellen sehe ich problematisch, da er ständig bei (nicht aufgehobenen) Paradoxen landet. Weiterhin denke ich, man kann Marx nicht richtig gerecht werden kann ohne zumindest ein bisschen Hegel (siehe auch Vorposter). Das Problem ist nur, dass Hegel sehr, sehr schwer ist. Und aus diesem Grund auch falsch verstanden worden ist. Ein Beispiel für gravierende Missverständnisse gibt es bei Karl Popper: “W. Kaufmann – Hegel: Legende und Wirklichkeit”(als Popper Fan unbedingt lesen und sich die Frage stellen, ob Popper den eigenen wissenschaftliche Maßstäben, die er aufstellt, genügt.)

Ich hatte schonmal betont (im Gelben), dass ich deine Affinität für Luhmann und Foerster voll und ganz verstehe, dir aber zur Lektüre von Hegel rate (dessen Kant/Skeptizismus Kritik sich ohne weiteres auf den “Radikalen Konstruktivismus” übertragen lässt).

Ich denke, dass deine widerholte Beschäftigung mit Marx doch mal ein guter Anlass sein könnten dich mit Hegel zu beschäftigen.

In der Hoffnung, dass du auf meinen Tipp hörst mal zwei gute Buchempfehlungen:

“Klaus Vieweg (Hsg.) und Wolfgang Welsch (Hsg.): Hegels Phänomenologie des Geistes: Ein kooperativer Kommentar zu einem Schlüsselwerk der Moderne (2008)” ISBN 978-3518294765

“Ludwig Siep: Der Weg der Phänomenologie des Geistes. Ein einführender Kommentar zu Hegels ‘Differenzschrift’ und ‘Phänomenologie des Geistes’ (2001)” ISBN 978-3518290750

Vorallem ersteres ist sehr (!) zu empfehlen und macht einen gewappnet für die Lektüre der Phänomenologie des Geistes.

Ich bin voll und ganz davon überzeugt, dass gerade das was dich an Luhmann, Foerster und Marx reizt bei Hegel in voller Blüte zu finden ist und du (nach anfänglichen Schwierigkeiten die man mit Hegel einfach haben muss) deine Freunde dran haben wirst.

Grüße
melethron

Ps: Übrigens erlebt Hegel gerade in der analytischen Philosophie (aus deren Reihen auch Russel, Popper, Wittgenstein etc. stammen) ein langsames aber sicheres “Comeback” (Vgl. Wolfgangs Welsch: Hegel und die Analytische Philosophie (Antrittsvorlesung an der Uni Jena 2005) )

PPS: Sorry für verbuggte links.

47 Andreas Kreuz 16. September 2009 um 21:02

@Earloffunk #43

>>also womit tauschen…. erbitte Neuformulierung der Frage…<>übrigens n Vorarbeiter bei BMW hats n bissl schicker<>… weil einige ihren Hals nicht voll genug auf Kosten anderer bekommen…<<

Das war's dort jedenfalls nicht, wie Sie selber feststellten.

Was dann?

48 lemming 16. September 2009 um 21:16

Na, das wird ja ein ganz schwieriger Oktober!
(sofern der Saft nicht abgedreht wird, das ist die notwendige Einschränkung!
Ich fürchte, das wird zuviel für mich werden. Darum sag ich’s lieber gleich:
1) Jemand, der sich von Derrida und Luhmann zur Marx-Lektüre aufgerufen fühlt, der wird ihn vermutlich von rechts nach links lesen, oder auf dem Kopf stehend, also als Hegel, oder also gar nicht…
2) Tischer. Sie sind ein Sprachordnungshüter. Das bedeutet eben nicht, dass Sie verstehen, wovon Sie reden. Ich verstehe aus Ihren Reden nur, dass Sie von Marx gar nichts verstanden haben.

So, und jetzt kann ich den Dingen hier nur ihren vmtl. staunenswerten Verlauf lassen – Wordpress wird ächzen…!

49 weissgarnix 16. September 2009 um 21:17

@melethron

Danke für die Links. Ich war schon lang auf der Suche nach einem vernünftigen Hegel-Kommentar. Über Bertold Brechts “Herr Puntila und sein Knecht Matti” hinausgehend hatte ich da noch nichts ordentliches gefunden…

:-)

50 sinthomat 16. September 2009 um 21:24

Was bei den Leuten im Kopf immer für ein Film abgeht, wenn sie den Namen nur hören, finde ich faszinierend. Debatten, wann Marx gescheitert ist, an der russischen Revolution festzumachen, finde ich ungefähr so sinnvoll, wie die Debatten, wie die Deutschen den Krieg hätten gewinnen können. (Da möchte ich ausdrücklich dazu sagen, dass ich den ersten Kommentar von Earloffunk, gut finde und es auch so sehe.)

Es ist doch erstmal die ökonomische und gesellschaftliche Analyse von Marx, die im Kontext dieses Blogs interessiert, so zumindest mein Eindruck, und zufällig finde ich das auch das spannendste Thema. (Wobei ich mir die Hegel-Links angucken werde.) Z.B. wurde hier mal in den Kommentaren diskutiert – ich hab’ die allerdings eine Weile nicht mehr gelesen – inwieweit wir es noch mit kognitiv-ökonomischen Problemen, und inwieweit mit – sagen wir einfach mal – Herrschaftsinteressen zu tun haben. Mit Luhmann kommt man da nicht weiter. Überhaupt ist die Frage so vielleicht auch falsch. Aber mit Marx lässt sich letztere Perspektive doch wenigstens in die Analyse integrieren, statt immer einfach nur die Dummheit von Politik und Wirtschaft zu beklagen.

51 lemming 16. September 2009 um 21:29

@wgnx
Hegel-Kommentar?
Kojève!
Für einen Temporär-Franzosen doch gar keine Schwierigkeit, oder?
Und wirklich ex-zel-lent!!

52 Frankie Bernankie 16. September 2009 um 21:32

Ja, der Marxl, endlich.

Ich befürchte aber, für mich kommt wgnx ‘ s Marxlerei zu spät, zumindest für diese Wahl.

Vor zwei Wochen noch wollte ich die Linkspartei wählen, weil die sagen: “Reichtum für alle!”
Ich bin in mich gegangen, und habe entdeckt, eigentlich will ich das garnicht: “Reichtum für alle”, denn “Reichtum für mich” würde mich zunächst absolut befriedigen.

Ausserdem hörte ich , dass dort , wo die Linken herrschen, es auch nicht klappt mit dem Reichtum für alle, nirgends werden die Beschäftigten im öffentlichen Dienst so mies behandelt wie in Berlin, von wegen Subunternehmertum, Niedriglöhnen etc.

Nun ja, ist wahrscheinlich eine Lüge, dieses “Reichtum für alle!”

Aber von den Mehrwert-Abschnitten ausm Kapital verschonst uns, wgnx, gell?

53 weissgarnix 16. September 2009 um 21:36

@Frankie

>Aber von den Mehrwert-Abschnitten ausm Kapital verschonst uns, wgnx, gell?

Hatte ich eigentlich vor, aber jetzt wo du drauf bestehst …

54 weissgarnix 16. September 2009 um 21:37

@lemming

Kojève ist mir viel zu schwierig – ich verstehe ja schon bei Derrida kein Wort, wenn er ihn nur zitiert

55 sinthomat 16. September 2009 um 21:38

Ah, geh! Der Kojève hat sich doch ein bisschen sehr auf die Herr-Knecht-Dialektik eingeschossen. Mein Heglianisch ist nicht mehr so gut, aber da war doch viel mehr.

Und genau über den Mehrwert will ich mehr hören. Das ist doch des Pudels Kern. Arbeit. (Wenn das hier ein Wunschkonzert ist, will ich den DJ auch nerven dürfen… ;) )

56 FDP-Wähler 16. September 2009 um 21:44

So,so Ihr Nerds wollt also im Oktober über Marx debattieren. Brrr. Ich kenn 68 nur aus den Geschichtsbüchern und die Mauer nur aus Filmen, aber soviel weiss ich: Früher traf sich sowas im “Zwiebelfisch” in Berlin, grosse gealterte Vordenker, mit klarer Gruppenverteilung: der Brillante, der immer noch an seinem Examen sitzt (Strobl), der Abgeklärte, der die Realpolitik im Augen hat (Lübberding) und dann noch ein paar geisteskranke Followers. Ich glaubs nicht, dass dieser Seminaristensquark jetzt hier wiederkehrt. Man muß Blogs wie diesen mal mit den Geburtsjahren der Macher und Kommentatoren synchronisieren, dann wird ganz ganz traurig. Ich fass es einfach nicht, dass jetzt so ein Blog wie ein aufgescheuchter Girlie-Fangroup den roten Oktober ausruft. Au weia. Mein Credo: nach der Wahl wird sich Leistung wieder lohnen und ihr könnte arbeiten gehen, statt hier Zeugs rumzulabern, dass niemand interessiert.

57 lemming 16. September 2009 um 21:45

@wgnx
Bei Derrida hört sich alles schwieriger an als es ist. (Er ist sowieso ein Obskurant, imo…)
Kojève ist gut zu lesen! Was allein schon daran liegt, dass man am Anfang noch merkt, dass er kein Franzose ist, in einer Fremdsprache schreibt, dadurch wirkt vieles ungelenk, aber auch eingängiger.
Lass’ dir von Derrida nix vormachen – lies Kojève!

58 Wat. 16. September 2009 um 21:48

Vielleicht sollten Sie arbeiten gehen, wenn sich ARBEIT, sie wissen hoffentlich, was das ist, wieder lohnen soll.

59 sinthomat 16. September 2009 um 21:51

Ich hab’ auch einen Hegel-Link. Geht sogar mit der Finanzkrise los.

60 Frankie Bernankie 16. September 2009 um 21:52

Sieh da, die FDP-Wähler werden nervös…schon die letzen Umfragen gesehen, wa?

61 Limited 16. September 2009 um 21:58

Zum Steinbruchbereich Marx gehören dann neben Hegel aber auch Mandeville und Smith.

Die Kommentare unter den entsprechenden Artikeln kleben wir dann auf hermeneutische Art zusammen und wgn darf das Ergebnis als “Phänomenologie des Geldes” veröffentlichen.

62 lemming 16. September 2009 um 22:05

@limited
“Phänomenologie des Geldes”
Nicht schlecht! Nur leider wird wgnx Bernhard zuliebe die Mehrwert-Kapitel weglassen, weil er kennt ja nur Preise. Darum darf sein Werk dann legitimerweise nur “Phänomenologie der Preise” heißen. HG darf dann den anderen Teil schreiben, wenn er erstmal für wunderwunderschöne Winnetou-Squaws zu alt ist ;-)

63 Frankie Bernankie 16. September 2009 um 22:13

A propos “Phänomenologie des Geldes”.

Ein Programmtip : “Der Schein trügt” von Claus Strigel am 3. Oktober in 3Sat.

Dokumentarfilm übers Geld, seine Welt, sein Wesen, mit gigantischen Geschichten vom Geldforscher Bernard Litaer. Ich konnts gestern schon im BR sehen, und war begeistert. Ein ruhiger, unaufgeregter Film, ganz anders wie z. B. dieses kurzatmige, fastfoodhafte “Lets make money” mit seiner Scheinbetroffenheit und seinen Lügenbildern und Themaverfehlung ( “Michael Moore für Arme”).

http://www.br-online.de/content/cms/Universalseite/2009/09/04/cumulus/BR-online-Publikation-ab-05-2009–130576-20090904124932.pdf

64 melethron 16. September 2009 um 22:27

@wgn:

Wobei man zu beiden Kommentaren sagen muss, dass man sie parallel zur eigentlichen Phänomenologie lesen sollte. Eine ordentliche Einführung die man ohne das Original lesen kann, kenn ich auch nicht.

Ein weiteres gutes Buch wäre noch:

“Ralf Ludwig: Hegel für Anfänger. Phänomenologie des Geistes.” (ISBN 978-3423301251)

Das besitze ich aber selber nicht und habe nur mal reingeschaut. Als vorbereitende Lektüre wäre das noch geeignet, aber als Begleitliteratur reicht es nicht aus und wenn man es ohne die Phänomenologie liest wird man wohl nur eine vage Idee davon bekommen um was es Hegel geht.

Hinsichtlich der Skepsis des “Radikalen Konstruktivismus” habe ich noch einen guten Text in meiner Linksammlung gefunden:
“Klaus Vieweg: Freiheit und Weisheit – Hegels Phänomenologie des Geistes als ‚sich vollbringender Skeptizismus‘ “

Ob Hegel mit seinem Vorhaben die “Skepsis” zur “Vollendung” zu bringen Erfolg hat, sollte man dann auf jeden Fall selber anhand der Phänomenologie entscheiden. Auf jeden Fall ist dieser Text mal eine relativ gute Hinführung dazu, was Hegel denn überhaupt in der Phänomenologie vorhat (Wobei Ella Csikós Aufsatz in dem zuvor erwähnten Kooperativen Kommentar in meinen Augen besser ist) . Und man merkt bei diesem Text auch, dass Hegels Intention kein Aufstellen einer Metaphysik ist sondern er eher versucht unsere implizite Metaphysik die wir immer schon haben zu hinterfragen. Denn jede Meinung über unser Erkenntnisvermögen (Epistemologie) impliziert immer schon eine Annahme über die Wirklichkeit (Ontologie).

Im Übrigen freue ich mich auf deine Beiträge, da mir zur Beurteilung von Marx teils schlicht die ökonomischen Kenntnisse fehlen (und wie ich im letzten Jahr durch meine Hegel Lektüre merkte, leider auch die philosophischen….).

@lemming

Was Kojève angeht empfehle ich dir mal diesen Text:

“Edna Kryger – Das System der Dialektik bei Hegel (laut Kojève und Popper)”

Ich selber habe Kojève nicht gelesen (dafür aber Popper). Von daher kann ich nicht beurteilen ob sie Kojève richtig beurteilt und habe auch noch keine Gegenkommentare zu dieser Publikation gelesen. Aber wenn Kojève über die Phänomenologie selbst sagt:

“Im Laufe der Jahre habe ich diese Schrift drei Mal von Anfang bis Ende gelesen, ohne irgend etwas zu verstehen (denn wenn man hier nicht alles versteht, versteht man gar nichts). Ich bemerkte aber, daß die Historiker, die darüber sprachen, auch nichts davon verstanden.” (Quelle)

… sollte man Kojève wohl doch eher vorsichtig sein (aber wie gesagt, mir fehlt es an Kenntnis das zu beurteilen).

Der Kooperative Kommentar den ich oben empfohlen habe hat einige Vorteile gegenüber den üblichen Einführungen:
1. das Resultat einer internationalen Tagung
2. von über 30 Autoren ist (alle auf Hegel spezialisiert)
3. Aktuell (2008)
4. leicht zu lesen aber nicht zu vereinfachend (auch wenn man evtl ein phil. Wörterbuch braucht)

Wenn man sich also keine Lesart aufzwingen lassen möchte, ist dies wohl ein guter Einstieg.

Grüße
melethron

65 lemming 16. September 2009 um 22:40

@melethron
Naja, da hab’ ich einen kurzen Blick drauf geworfen, auf den gelinkten Text von Edna Kryger- der verrät mir Ahnungs- und Hilflosigkeit, also Überforderung auf den ersten Blick. Fussnoten-Apparate helfen da auch nicht. Dazu kann ich nur “sapere aude” aufrufen, also die Aufforderung, nicht nur zu lesen, sondern gefälligst auch selber zu denken! Diese Empfehlung wirkt immer etwas schräg, wenn sie in politischen Auseinandersetzungen platziert wird, in denen sowieso keiner mehr denkt, sondern nur “vertritt”, Interessen nämlich.
Wichtig für die Vitalität der Auseinandersetzung – die ich an diesem Blog besonders schätze! – ist, dass man nicht nur Fussnoten und Referenzen austauscht, sondern eigene Gedanken mitteilt. Dann bringt das auch was, und ist nicht nur wieder- oder widergängig…

66 lemming 16. September 2009 um 22:49

@sinthomat #54
Yep! Will ich auch mehr zu hören!
Und wenn da nix kommt, sende ich selber mein Notprogramm… SOS… Save Our Savings… !

67 sinthomat 16. September 2009 um 22:49

Boah, 14 Seiten braucht der Welsch, bis er endlich mal zur Sache kommt. Vorher nur Soap.

Soll nicht unbedingt ein Vorwurf sein, es gibt sicher langweiligere Texte, und das in rauhen Mengen. Aber ein bisschen schockiert bin ich schon. Mir fehlt da etwas die Phantasie, wie man von da über den Charly auf das Thema des Blogs zurückkommen will, wenn das mit solchen Umwegen verbunden ist, aber ich lass’ mich überraschen.

68 HAM 16. September 2009 um 23:25

@wgn
„Das “Proletariat” war schließlich nichts anderes als eine dialektische Denkfigur“

Das Proletariat gab es zu Marx´ Zeit durchaus in der Realität. Ich nehme an, Du meinst mit dieser Formulierung die Rolle, die Marx diesem Proletariat in seiner Revolutionstheorie zuschrieb, nämlich die Klasse zu sein, die mit ihrer Befreiung die ganze Menschheit befreit.

Marx sah in dem empirischen Proletariat ein potentiell revolutionäres Subjekt. Dabei legte er in seiner Analyse das objektive Interesse der Arbeiterklasse zugrunde, welche mit ihrer Hände Arbeit den gesellschaftlichen Reichtum schuf, aber von ihm weitgehend ausgeschlossen war.

Aus der Retrospektive lässt sich als Fakt festhalten, das die Marxsche Revolutionstheorie historisch widerlegt ist. Das Proletariat wählt als Alternative – wenn sie ihm geboten wird – lieber den Sozialstaat als die Revolution.

Wenn das Proletariat – obgleich es ein objektives Interesse an der Revolution besitzt – kein subjektives Bedürfnis nach Revolution entwickelt, kann dann der Kapitalismus überhaupt überwunden werden?

Welche Menschen im Kapitalismus besitzen dann überhaupt ein subjektives Bedürfnis zu dessen Überwindung bzw. können dieses potentiell entwickeln?

69 FDP-Wähler 16. September 2009 um 23:28

Bernankie: In der Tat, habe die letzten Umfragen gesehen. So what? Jetzt kommen wir erst mal ran und danach wird, wie Ham sehr richtig schreibt, keiner mehr Interesse an roten Oktobern haben.

70 lemming 16. September 2009 um 23:37

@FDP-Wähler
Ein Humorexperte tritt uns hier gegenüber, in vollem Ernst. Er muss sich nur noch die praktisch von Hundedärmen erprobte Materie unter die Schuhsohlen kleben, und keine Phantasmen. Dann passt das schon.
Je eher ihr “rankommt”, desto schneller werdet ihr euch wünschen, es wäre anders gekommen. Das ist mal ausnahmsweise ganz sicher.

71 froZ 16. September 2009 um 23:50

@ FDP-Wähler

Der HAM will Euch ja auch wählen, der betreibt Kapitalismuskritik vom Standpunkt des bürgerlichen Subjekts. Vom Proletariat ist er ebenso enttäuscht wie 1953 der Kurt Barthel in der DDR, dem der Brecht dann das schöne Gedicht von der “Lösung” widmete. (“Wäre es nicht besser, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein neues?”)

Der Proletarier will eben am Wohlstand partizipieren, nicht an den bürgerlichen Mythen vom autonomen Subjekt, und auch die Erfüllung historischer Missionen steht nicht ganz vorn auf der Agenda. Da zieht sich der bürgerliche Intellektuelle dann in den Schmollwinkel zurück.

72 froZ 17. September 2009 um 00:03

Gute Idee mit der Marx-Rezeption. Vor der Hegel-Linie habe ich als schlichtes Gemüt zuviel Respekt. Aber die aus der englisch/schottischen Nationalökonomie herkommende Linie im “Kapital” mal wieder zu beleuchten, fände ich doch sehr spannend. Habe ich vor langer Zeit in größeren Teilen gelesen, werde ich mal wieder rausholen.

Was mich besonders interessieren würde: Was bleibt vom “Kapital”, wenn man die Arbeitswertlehre herausdenkt? – Alle, die die Frage wirr und blasphemisch finden, bitte ich kurz zu bedenken, daß auch Ricardos Theorie der komparativen Kostenvorteile auf der Arbeitswertlehre aufbaut (damals “state of the art”, wie goodnight sagen würde), in modifizierter Form dann aber auch – aus heutiger Sicht wie selbstverständlich – in die subjektiven Wertlehren übernommen wurde.

73 lemming 17. September 2009 um 00:12

@froZ
Historische Missionen gibt’s nicht, wer sollte die auch erteilen? Derartige Agenden schon gar nicht. Aber es geht sicher nicht um die Rekonstitution eines schon immer fiktiven (“feuilletonischen”) bürgerlichen Subjekts à la HAM. Da kann nur ein Zombie bei rauskommen. Das “bürgerliche Bewusstsein” ist immer doppelt, spätestens seit Kant, es parodiert sich selber, im utopischen Höhenrausch (Adorno) zu realer Existenz (Ackermann). Insofern stimmt’s. Die Konkretion des “moralischen Imperativs” heisst: sorge für dich und lasse deinen Nächsten dasselbe tun.
Wenn’s schiefgeht: rufe 110…

74 froZ 17. September 2009 um 00:16

Oder 112. Aber da muß dann auch jemand rangehen.

75 lemming 17. September 2009 um 00:51

@froZ
Yep. Das meinte ich: Wer geht ran?
good night! (wo isser?)

76 Earloffunk 17. September 2009 um 00:59

@ FDP Wähler…

Deine Kommentare sind schon fast ein Grund die FDP nicht zu wählen…

… das Bundeswirtschaftsministerium erwartet bis zum Ende des Jahres mehr als 1 Mio neue Arbeitslose… stand neulich als ziemlich kleiner Artikel im hinteren Teil einer Zeitung…

… klar, gehört eine solche Info schliesslich nicht zum klassischen “Wahlkampf – Stuff”…

… wenn Du dann wieder mit Phrasen angeschissen kommst wie “geht arbeiten”… würdest Du von mir glatt eine in die Fresse bekommen…

77 Earloffunk 17. September 2009 um 01:02

… nach kurzem Besinnen kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, das jemand, dem etwas an der FDP liegt mit solchen Lokusreden in einen Blog einsteigt und sich FDP Wähler nennt…

Ich denke mal Dich hat entweder einer von der SPD oder Merkel selbst geschickt… Heini

78 froZ 17. September 2009 um 01:06

@ lemming

Es war noch die Frage offen, wer dem Proletariat die “historische Mission” erteilt hat. Ich meinte, es sei Lenin gewesen, aber ich suchte im Netz ein wenig und fand in einem Blogbeitrag die Angabe, erstmals sei der Ausdruck so von August Bebel gebraucht worden, 1879 in seinem Buch “Die Frau und der Sozialismus”. Kann ich jetzt nicht überprüfen. In der offiziellen Propaganda der DDR war der Ausdruck häufig anzutreffen, deshalb verwendete ich ihn im Zusammenhang mit Kurt Barthel. (Dem Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes, der 1953 verkündete, das Proletariat in der DDR habe das Vertrauen der Partei enttäuscht und könne es nur durch harte Arbeit wiedergewinnen.)

79 lemming 17. September 2009 um 01:14

@froZ
Na, das braucht auch keiner mehr überprüfen, diese Sache mit der “historischen Mission”. Das ist Mumpitz, ob von Marx, Lenin, Bebel oder Barthel. Die Frage ist jetzt: Was machen wir, wenn bei 110 oder 112 keiner mehr rangeht?

gruß zur nacht. l.

80 HAM 17. September 2009 um 01:17

@froZ #70

Nein, froZ, vom Proletariat bin ich nicht enttäuscht, meine biographischen Erfahrungen gaben keinen Anlass dazu, jemals im Proletariat ein potentiell revolutionäres Subjekt zu sehen.
Der Proletkult der Marxisten-Leninisten lag mir immer genauso fern wie umgekehrt die verächtliche Arroganz der Privilegierten gegenüber der arbeitenden Bevölkerung.

Dass die arbeitenden Menschen primär am Wohlstand partizipieren wollen und die Erfüllung Erfüllung historischer Missionen gern anderen überlassen, war mir bereits klar, bevor ich selbst politisiert wurde. Später kam die Erfahrung dazu, dass Sozialdemokratie und Gewerkschaften die revolutionären Linken nicht als Genossen, sondern als Feinde ansah.

Zutreffend ist, dass meine Kapitalismuskritik basiert auf der Perspektive eines aufgeklärten, bürgerlich-humanistischen Subjektes. Fakt ist, dass es bislang in der Geschichte bislang noch keine andere emanzipatorische Kapitalismuskritik gab, als diejenige aus der Perspektive von aufgeklärten, bürgerlich-humanistischen Subjekten. Daneben gibt es nur noch die anti-liberale und anti-emanzipatorische Kapitalismuskritik von schwarzen, braunen und roten Faschisten, die mit dem Kapitalismus das bürgerliche Individuum abschaffen wollen.

Ich denke auch nicht, dass sich die bürgerlich-humanistischen Intellektuellen „in den Schmollwinkel zurückziehen“, sondern sie haben nach den Erfahrungen von über 150 Jahren gesellschaftlicher Repression kein Interesse an einer Märtyrerrolle.

81 melethron 17. September 2009 um 01:25

@lemming

Wie schon gesagt, ich habe Kojève nicht gelesen wenn aber Sätze wie dieser:

“Die m e n s c h l i c h e Wirklichkeit ist also letzten Endes die <> : der Mensch ist nicht nur s t e r b l i c h, sondern ist vielmehr der inkarnierte Tod; er ist sein eigener Tod … Menschlicher Tod, des Menschen Tod, – und folglich also die gesamte menschliche Existenz sind sozusagen ein S e l b s t m o r d. ” – Quelle: obiger text

…oder auch die Gleichsetzung “Freiheit=Tod” repräsentativ für Kojèves Werk sind, dann hat er Hegel nicht verstanden. Denn dann hat er entweder nur bis zur Mitte des Geist Kapitels gelesen oder sogar die ganze Intentention des Werkes falsch verstanden. Das wichtige ist, dass Hegel in seinem ganzen Buch falsche Bewusstseinsformen sich selbst falsifizieren lässt:

“Die Erfahrung, welche das Bewußtsein über sich macht, kann ihrem Begriffe nach nichts weniger in sich begreifen als das ganze System desselben oder das ganze Reich der Wahrheit des Geistes, so daß die Momente derselben in dieser eigentümlichen Bestimmtheit sich darstellen, nicht abstrakte, reine Momente zu sein, sondern so, wie sie für das Bewußtsein sind oder wie dieses selbst in seiner Beziehung auf sie auftritt, wodurch die Momente des Ganzen Gestalten des Bewußtseins sind. Indem es zu seiner wahren Existenz sich forttreibt, wird es einen Punkt erreichen, auf welchem es seinen Schein ablegt, mit Fremdartigem, das nur für es und als ein Anderes ist, behaftet zu sein, oder wo die Erscheinung dem Wesen gleich wird, seine Darstellung hiermit mit eben diesem Punkte der eigentlichen Wissenschaft des Geistes zusammenfällt; und endlich, indem es selbst dies sein Wesen erfaßt, wird es die Natur des absoluten Wissens selbst bezeichnen.”
– Hegel: PdG S.80f (fett hier und fortan von mir)

Wenn dann also Hegel zum Beispiel schreibt :

“Aber die höchste und der allgemeinen Freiheit entgegengesetzteste Wirklichkeit oder vielmehr der einzige Gegenstand, der für sie noch wird, ist die Freiheit und Einzelheit des wirklichen Selbstbewußtseins selbst. Denn jene Allgemeinheit, die sich nicht zu der Realität der organischen Gliederung kommen läßt und in der ungeteilten Kontinuität sich zu erhalten den Zweck hat, unterscheidet sich in sich zugleich, weil sie Bewegung oder Bewußtsein überhaupt ist. Und zwar um ihrer eigenen Abstraktion willen trennt sie sich in ebenso abstrakte Extreme, in die einfache, unbiegsame, kalte Allgemeinheit und in die diskrete, absolute, harte Sprödigkeit und eigensinnige Punktualität des wirklichen Selbstbewußtseins. Nachdem sie mit der Vertilgung der realen Organisation fertig geworden und nun für sich besteht, ist dies ihr einziger Gegenstand – ein Gegenstand, der keinen anderen Inhalt, Besitz, Dasein und äußerliche Ausdehnung mehr hat, sondern er ist nur dies Wissen von sich als absolut reinem und freiem einzelnen Selbst. An was er erfaßt werden kann, ist allein sein abstraktes Dasein überhaupt. – Das Verhältnis also dieser beiden, da sie unteilbar absolut für sich sind und also keinen Teil in die Mitte schicken können, wodurch sie sich verknüpften, ist die ganz unvermittelte reine Negation, und zwar die Negation des Einzelnen als Seienden in dem Allgemeinen. Das einzige Werk und Tat der allgemeinen Freiheit ist daher der Tod, und zwar ein Tod, der keinen inneren Umfang und Erfüllung hat; denn was negiert wird, ist der unerfüllte Punkt des absolut freien Selbsts; er ist also der kälteste, platteste Tod, ohne mehr Bedeutung als das Durchbauen eines Kohlhaupts oder ein Schluck Wassers.”
Hegel – PdG S. 436

…so könnte man das durchaus im Sinne Kojèves verstehen, aber nur sofern man nicht kapiert um was es in dem Buch eigentlich geht. Denn der Geist hat in diesem Stadium noch nicht zu sich gefunden und darum heißt es im selben Kapitel weiter :

“Die absolute Freiheit hat also den Gegensatz des allgemeinen und einzelnen Willens mit sich selbst ausgeglichen; der sich entfremdete Geist, auf die Spitze seines Gegensatzes getrieben, in welchem das reine Wollen und das rein Wollende noch unterschieden sind, setzt ihn zur durchsichtigen Form herab und findet darin sich selbst. – Wie das Reich der wirklichen Welt in das Reich des Glaubens und der Einsicht übergeht, so geht die absolute Freiheit aus ihrer sich selbstzerstörenden Wirklichkeit in ein anderes Land des selbstbewußten Geistes über, worin sie in dieser Unwirklichkeit als das Wahre gilt, an dessen Gedanken er sich labt, insofern er Gedanke ist und bleibt und dieses in das Selbstbewußtsein eingeschlossene Sein als das vollkommene und vollständige Wesen weiß. Es ist die neue Gestalt des moralischen Geistes entstanden.
– Hegel: PdG 440f.

Anstatt das Buch dann an dieser Stelle zuzuschlagen sollte man weiterlesen. Denn ganz zum Schluss im absoluten Wissen heißt es dann:

” Das Wissen kennt nicht nur sich, sondern auch das Negative seiner selbst oder seine Grenze. Seine Grenze wissen heißt, sich aufzuopfern wissen. Diese Aufopferung ist die Entäußerung, in welcher der Geist sein Werden zum Geiste in der Form des freien zufälligen Geschehens darstellt, sein reines Selbst als die Zeit außer ihm und ebenso sein Sein als Raum anschauend. Dieses sein letzteres Werden, die Natur, ist sein lebendiges unmittelbares Werden; sie, der entäußerte Geist, ist in ihrem Dasein nichts als diese ewige Entäußerung ihres Bestehens und die Bewegung, die das Subjekt herstellt. [...] Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freien, in der Form der Zufälligkeit erscheinenden Daseins ist die Geschichte, nach der Seite ihrer begriffenen Organisation aber die Wissenschaft des erscheinenden Wissens; beide zusammen, die begriffene Geschichte, bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den er das leblose Einsame wäre; nur –
aus dem Kelche dieses Geisterreiches
schäumt ihm seine Unendlichkeit.”
– Hegel: PdG S.590

Also ich kann mir nicht helfen, aber nach Freiheit=Tod hört sich das nicht an. Aber wie gesagt, auch wenn ich noch andere Texte gelesen habe, nach denen Kojève Hegels Philosophie als “Philosophie des Todes” auslegt, will ich mir erst selbst ein Bild davon machen. Aber für mich wird Kojève erst angegangen, wenn ich mich richtig tief in Hegel eingarbeitet hab. Hegel ist nix zum runterlesen und ich brauch noch einige Zeit bis ich ihn ganz systematisch durchgearbeitet hab.

Also Kojèves Meinung bei allen Ehren, aber mir geht es erstmal darum Hegel zu verstehen. Was du übrigens gegen Zitate hast wenn es um die Auslegung eines Textes geht versteh ich nicht. Ebenso wenig warum Kryger überfordert sein soll. Und bevor du auf falsche Ideen kommst: Nein, dass ich hier soviel zitiere hat nichts damit zu tun, dass ich mich nicht meiner Vernunft bediene, sondern schlicht damit, dass es hier um die Auslegung eines Textes geht. Wie ich zu Hegel stehe kann ich dann beurteilen wenn ich ihn ganz verstanden habe…. und bis ich mir das zutraue werde ich auch keine Bücher verfassen wie Kojève ;-) .

@sinthomat

Jo, Welsch redet mir auch zuviel. Leider hatte ich keinen anderen Aufsatz zu Hegels Skeptizismus der Online verfügbar ist. Wie oben erwähnt finde ich den Essay von Ella Csikos besser (den gibts aber leider nicht online).

@wgn
Kann es sein, dass ich eine Spammeldung bekomme, wenn ich zuviele links drin hab. Wollte eigentlich die Zitate verlinken.

Grüße
melethron

82 gregor 17. September 2009 um 01:40

“Ich kenne nur Karl May und Hegel, alles andere was es sonst noch gibt, ist aus beiden eine unreinliche Mischung.” behauptet, laut Zwerenz, Ernst Bloch.
Seit zwei Monaten habe ich mich hier in geistiger Untermiete
einquartiert, nachdem ich über den Silberkannen-Sammler in der FAZ zufällig über den Strobl gestolpert bin. Danke für die Kommentare, es macht einfach Spaß hier mitlesen zu dürfen und auf den Oktober mit Carlos freue ich mich schon.

Es scheint ja hier ein richtig spannender Oktober zu werden.

83 Gekis 17. September 2009 um 01:51

@F(raktion) D(er) P(ausenclown`s),

Frage an Radio Eriwan: Ist sich, FDP Steuersenkungspartei ?
Anwort: Im Prinzip Ja aber, guckst du hier:

http://www.youtube.com/watch?v=knaMQcCaNAA

Wenn der Zweck die Mittel heiligt, dann ist der Zweck
unheilig.
Karl Marx

84 HAM 17. September 2009 um 03:01

@lemming #72
„Aber es geht sicher nicht um die Rekonstitution eines schon immer fiktiven (”feuilletonischen”) bürgerlichen Subjekts à la HAM. Da kann nur ein Zombie bei rauskommen.“

Waren bürgerliche Individuen wie Freud, Einstein, Fromm, Marcuse, Postman etc. „Zombies“?
Ich könnte jetzt auch noch andere Unternehmer, Forscher, Erfinder, Künstler etc. nennen, als Beispiel für Individuen, die ihre Subjektivität in den Gesellschaftsprozess einbrachten und einen Beitrag zu dessen Weiterentwicklung leisteten.

Historisch relativ neu, dass das Bildungsbürgertum als gesellschaftlich relevante Klasse zerstört worden ist, in Deutschland sogar zweimal: zuerst durch die Nazis und dann im Rahmen der Bildungsreformen in den 70-er Jahren durch die Sozialdemokratie. Kann man z.B. sehr schön bei Georg Bollenbeck (1996): „Bildung und Kultur: Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters“ nachlesen.
Aufschlussreich ist auch der Aufsatz von Ursula Reitemeyer: „Bildung — ein Projekt ohne Aussicht?“ In: Widerspruch. Zeitschrift für Kritische Philosophie. München 3 (1998).
http://egora.uni-muenster.de/ew/Reitemeyer.shtml

In den spätkapitalistischen Gesellschaften ist das bürgerliche Subjekt zwangsläufig marginalisiert. Ein Individuum, welches sich vermarktet, wird zum Objekt des Marktes und damit ein „Subjekt ohne Subjektivität“. Und ein Individuum, welches sich der Vermarktung nicht unterwerfen will, führt eine Nischenexistenz ohne Einfluss. Kann nur darauf hoffen, dass seine Produkte in besseren Zeiten entdeckt werden, wie z.B. Victor Klemperer mit seinen LTI-Notizen. Oder wie heute ein Wolfgang Pohrt, der vergeblich gegen den Zeitgeist angeschrieben hat und jetzt nicht mehr publiziert.

In Zeiten wie diesen wird der gebildete Bürger zur Karikatur eines Subjektes, weil die Äußerung seiner Subjektivität ohne gesellschaftlichen Einfluss ist.
Trösten kann er sich damit, dass es einem Sloterdijk auch nicht anders geht. Der mag zwar Literaturpreise und Bundesverdienstkreuze erhalten, doch was er schreibt und sagt, hat auf das Handeln der Menschen keinen Einfluss, nicht auf Ackermann, nicht auf Merkel, nicht auf Lieschen Müller.

Mag sein, dass der Versuch der Rekonstitution bürgerlicher Subjektivität in Zeiten wie diesen als lächerlich, weil aussichtslos erscheint. Die gesellschaftlichen Verhältnisse erscheinen als zu übermächtig, als von Menschen nicht beeinflussbar.

Wie häufig habe ich gerade auch von jüngeren Menschen gehört: Ich kann den Kapitalismus nicht verändern.
Der Witz bei der Sache ist: Solange die Menschen dies glauben, ist eine Veränderung unmöglich.

85 McShorty 17. September 2009 um 07:28

Hallo Weissgarnix,
Marx und Ovid, der war gut! Btw., war da nicht was mit Haushälterin od. Kindermädchen schwängern und Engels unterschieben? Egal, genug gelästert (war halt auch nur ´nen Mann).
Im Oktober? Dachte da soll die Lutzi so richtig abgehen, gibt es dann nicht vllt. wichtigere Sachen zu kommentieren? Oder lässt sich mit dem ollen Karl etwa die Tagesproblematik lösen?
Gruß McShorty

86 Nanuk 17. September 2009 um 08:42
87 Frankie Bernankie 17. September 2009 um 08:47

@Earloffunk #76

“das jemand, dem etwas an der FDP liegt mit solchen Lokusreden in einen Blog einsteigt und sich FDP Wähler nennt…
Ich denke mal Dich hat entweder einer von der SPD oder Merkel selbst geschickt…”

Ne, ne , das ist die zweite Stufe der Seehofer’schen Anti-FDP – KAmpagne. Blogs in ganz Deutschland werden mit unsympathisch wirkenden Beiträgen unterwandert, als deren Quelle dem Publikum Freidemokraten suggeriert werden.

Ich sags ja: von dem Horstl können wir alle noch was lernen. Und ein Womanizer ist er auch.

88 Nanuk 17. September 2009 um 08:50

@FDP-Wähler
“und ihr könnte arbeiten gehen, statt hier Zeugs rumzulabern, dass niemand interessiert.”

Arbeiten ist was für Leute die mit Geld nicht umgehen können.

89 FDP-Wähler 17. September 2009 um 08:53

@EarlofFunk: “wenn Du dann wieder mit Phrasen angeschissen kommst wie “geht arbeiten”… würdest Du von mir glatt eine in die Fresse bekommen…”
sehr gerne, wenn du dann noch deine identität lüftest kannst du das gerne mal versuchen. ansonsten verstehe ich deine anmerkung schon rein sprachlich nicht. das arbeitsamt zahlt doch nachschulungen, hast doch jetzt viel zeit, würde ich mal überlegen und dann arbeiten gehen.

90 sinthomat 17. September 2009 um 09:17

Melethron, in den kollaborativen Kommentar werde ich mal reingucken. Den Welsch finde ich auch durchaus interessant, allerdings stört mich an dem bis jetzt gelesenen Anfang die Reduzierung der Analytischen Philosophie auf eine – dazu erstmal noch relativ inhaltsleer dargestellte – Auseinandersetzung mit bzw. Kritik an Hegel doch ziemlich. So wird man der Analytischen Philosophie nicht gerecht. (Aber was maße ich mir als Amateur da eigentlich an.)

Aber warum eigentlich Hegel? Ich hatte den Eindruck, dass wgx an Luhmann eben wegen des systemischen Ansatzes interessant findet. Ob Hegel dafür ebensogut geeignet ist, wag’ ich zu bezweifeln. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit man auf Hegel angewiesen ist, um Marx, sagen wir, strukturalistischer zu lesen, aber ich bezweifel doch, dass man da so tief in Hegel einsteigen muss. (Das wäre vielleicht dann angebracht, wenn man versucht, den roten Faden durch das gesamte Werk von Marx zu ziehen.)

Naja. Danke für die Links. Das Hegel-Revival finde ich definitiv spannend, wenn ich auch noch nicht genau weiss, was ich davon halten soll, und vor allem, was man damit genau anfangen kann. (Sehen wir mal von Zizek ab, der ja aber wohl kaum damit gemeint sein dürfte.)

91 Earloffunk 17. September 2009 um 10:03

@ FDP Wähler…

oh…

“sehr gerne, wenn du dann noch deine identität lüftest kannst du das gerne mal versuchen. ansonsten verstehe ich deine anmerkung schon rein sprachlich nicht. das arbeitsamt zahlt doch nachschulungen, hast doch jetzt viel zeit, würde ich mal überlegen und dann arbeiten gehen.”

… ist der Herr vom Nachrichtendienst oder Verfassungsschutz…. aha

da sag ich nur…

http://www.youtube.com/watch?v=_g7__thmsL0

du Wurst DU

92 Earloffunk 17. September 2009 um 10:15

und zufällig bin ich noch der beste Koch der Welt…

http://www.youtube.com/watch?v=LMpmW4DTBi0

… jetzt kriegste Muffensausen wa?

93 alpenfoen 17. September 2009 um 10:51

@FDP-Wähler

Weißt du, was ich das Tragische an jungen FDP-Anhängern finde?
Dass sie sich auf der Gewinnerseite wähnen obwohl die gesamte Politik in den letzten 20 Jahren auf Kosten der jüngeren Generation ging. Ihr seid doch viel zu dankbar für den Hundeknochen, den man Euch hin wirft und der auf Kosten derer geht, die weniger Glück hatten.

Ihr seid auch Verlierer. Zu spät dran. Krümelaufsammler.

Ihr werdet für die zu schmale Rente Eurer Eltern genauso einspringen müssen, wie der Rest. Hohe Steuern bezahlen, Spitzenlöhne durch Eure Flexibilität und Lohnzurückhaltung mitfinanzieren.

Ein Leben mit weit weniger echter Autonomie führen als diejenigen, deren ideologischen Müll von der Leistungsgesellschaft ihr bereitwillig aufsaugt.

Als junger Mensch FDP zu wählen ist nach der Finanzkrise eine intellektuelle Bankrotterklärung, die ich mir nur durch eine Art Stockholm-Syndrom erklären kann.

94 HAM 17. September 2009 um 11:08

@froZ + @lemming

Da ihr beide offensichtlich meine Kapitalismuskritik aus der Perspektive eines aufgeklärten, bürgerlich-humanistischen Subjektes nicht teilt, frage ich mich natürlich, welches Menschbild ihr zugrunde legt?

Zum vorbürgerlich-feudalen Menschentyp wollt ihr – so meine Annahme – nicht zurückt. Das wollen die Neo-Konservativen. Die sprechen es zwar nicht so deutlich aus wie die Nazis, aber es ist ganz klar, die wollen Herr-Knecht-Beziehungen. Sie wollen zu Angehörigen einen neo-feudalen Herrenklasse werden. Die einen sind es bereits von ihrer familiären Konstellation her, wie Strahlemanns Tochter oder der Herr von und zu, die anderen sind Parvenüs aus proletarischen – wie Schröder und Fischer – oder aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, wie das Ackermännchen oder die Pastorentochter und Ex-Agitprop-Sekretärin.

Prototyp war einer neo-feudalen Führungsfigur war jedoch jener Finanzbeamtensohn, der Spitznamen wie „Dr. Hohl“ oder „Birne“ bekam und den Pohrt als „an die Macht gekommene Provinz“ bezeichnete. Er war der erste Kanzler, der offen ein neo-feudales System aufbaute, was dann auch als System Kohl bezeichnet wurde. Ja, die geistig-moralische Wende war eine Traditionsbruch bezüglich der freiheitlich-demokratischen Nachkriegskultur hin zu einer neo-feudalen Retro-„Kultur“.

Bei froZ wie auch bei lemming meine ich erkennen zu können, dass da so eine Art traditionelles „sozialdemokratisches“ bzw. „sozialliberales“ Menschenbild vorliegt.
Das ist so ein Sozialisationstyp aus Lohnarbeiter und Kleinbürger. In der Soziologie spricht man vom „Industriebürger“ oder von einer proletarisch-kleinbürgerlichen Mischkultur. Reich nannte ihn „kleiner Mann“ bzw. „little man“.

Das Wichtigste für diesen Typus ist, gut versorgt zu sein. Der Garant dafür ist der Sozialstaat. Die Autonomie eines bürgerlichen Individuums strebt er nicht an, soviel Freiheit will er gar nicht. Im Gegenteil, er ordnet sich gerne in soziale Systeme ein, er möchte Lohnarbeiter bzw. Arbeitskraftunternehmer sein mit möglichst sicheren und gutbezahlten Arbeitsbedingungen. Natürlich will er gewisse Freiheiten, wobei die für ihn wichtigsten Freiheiten die private Alltagsgestaltung betreffen, wie Konsumfreiheit, Reisefreiheit etc.

Sich selbst erlebt der proletarisch-kleinbürgerliche Mischtyp als „pragmatisch“ und „realistisch“.

In diesem Kontext erlebe ich auch lemmings (# 72) Kritik: Die Rekonstitution des bürgerlichen Subjekts ist eine realitätsferne Utopie, dieses Subjekt war schon immer fiktiv. Bourgeois und Citoyen lassen sich in der Wirklichkeit nicht vereinbaren, der Wirtschaftsbürger handelt nicht im allgemein-menschlichen Interesse, der bürgerliche Humanismus des Citoyen existiert nur im Feuilleton, aber nicht in der Realität.
In der Realität ist das bürgerliche Individuum nur eine Charaktermaske, eine Personifikation von Kapitalverhältnissen.

Wobei wir dann bei Marx wären. Denn der sagt, dass sich das bürgerliche Subjekt in kapitalistischen Verhältnissen überhaupt nicht realisieren lässt. Die Vorstellungen des liberalen Bürgertums vom freien bürgerlichen Subjekt sind Wahnvorstellungen. Der reale Bürger ist alles andere als frei, er ist gierig und geizig, ein Pfennigfuchser etc.
Die angeblich so feine bürgerliche Gesellschaft ist voll dem noch der Tierwelt zugehörigen sozialdarwinistischen Denken und Handeln verhaftet. Sie wähnen sich als emanzipierte Menschen, befinden sich aber noch in der Vorgeschichte der Menschheit. Sie wähnen sich als freie Menschen, werden jedoch von Systemen fremdbestimmt. Letzteres findet sich dann auch bei Luhmann, aber das ist – wenn man Marx kennt – kein neuer Gedanke.

Anzufügen ist nur noch die Anmerkung, dass dieser proletarisch-kleinbürgerliche Mischtyp anti-revolutionär ist, ja – wie Ebert – die Revolution hasst und sie als Bedrohung erlebt. Reich und Fromm haben das schön herausgearbeitet. Denn dies kann man nur psychoanalytisch verstehen. Wie der sexuell Verklemmte die sexuelle Freizügigkeit hasst, so hasst das politisch fremdbestimmte Individuum die politische Emanzipation.

Der proletarisch-kleinbürgerliche Mischtyp will nicht Revolution, der will vom Sozialstaat versorgt werden. Aus bürgerlich-emanzipatorischer Perspektive, aber in nicht-marxistischer Tradition erfolget eine treffende Kritik am Sozialstaat durch Horst Baier. Natürlich hat dies ein ganz anderes Niveau als das seichte Geschwätz eines Borz oder Precht. Aber wer kann 2009 etwas mit dem Namen Horst Baier anfangen?

Da aber – wie bei # 83 ausgeführt – das Bildungsbürgertum als soziale Klasse untergegangen ist, findet das kritisch-emanzipatorische bürgerliche Kritik am Kapitalismus auch keinen Adressaten mehr. Ob Adorno oder Baier, beide werden nicht gelesen, weder vom proletarisch-kleinbürgerliche Mischtyp noch von den neofeudalen Parvenüs.

Der „little man“ liest Borz und/oder Precht. Der eine bestärkt neo-liberale Ressentiments, der andere sozialliberale. Sloterdijk füttert beide gesellschaftlichen Gruppen mit philosophischer Fast Food, wobei man ihm gerechterweise zugestehen muss, dass er ab und zu auch anspruchvolleren Output für jene kleinen Restbestände des Bildungsbürgertums produziert.

95 Systemfrager 17. September 2009 um 11:15

@ wgnx

Ich bin von der Idee begeistert. Es gibt in der Blogszene wahrhaftig mehr als genug von solchen, die links und rechts pinkeln, ohne etwas bestimmtes sagen zu wollen oder gar zu können. Und von dem Willen, selber schöpferisch zu sein, ganz zu schweigen. So etwas passt gar nicht zu dem postmodernistischen Gelaber! Nach der postmodernistischen Überzeugung ist jeder, der nicht streng im Bereich der Destruktion, des Zynismus und des Agnostizismus bleibt, ein hoffnungsloser Trottel von gestern, den man als einen ekelhaften Besserwisser schnellst möglich enttarnen und mit allen denkbaren Mittel zum schweigen bringen muss.

PS.
Deshalb noch einmal: eine hervorragende Idee. Die postmodernistischen Bedürfnisse können viele Blogger schon ganz alleine im ganzen Bereich locker decken. Meine Empfehlung wäre zB Feynsinn.

96 Earloffunk 17. September 2009 um 12:06

@ HAM…

ja und was willst Du uns damit sagen?…

das wir alle doof sind oder wie soll man das verstehn?

97 Systemfrager 17. September 2009 um 12:11

@ FDP-Wähler

Wie wäre es, wenn die FDP-Wähler einmal arbeiten gehen würden, anstatt die Gesellschaft auszuplündern, und dann die Wirtschaft in die neue Große Depression zu stürzen?

Ach, man weiß gar nicht, was arbeiten bedeutet? Das seietwas für Sklaven?

98 HAM 17. September 2009 um 12:53

@Earloffunk #95

Ich will damit aufzeigen, dass jene Ziele einer freiheitlichen, bürgerlich-humanistischen Gesellschaft, wie sie mit der bürgerlichen Revolution angestrebt wurden, unter den Bedingungen einer kapitalistischen Ökonomie, niemals erreicht werden können.
Auch wenn der Liberalismus genau das Gegenteil verkündet:
Marktwirtschaft und eine freiheitliche menschliche Gesellschaft schließen sich gegenseitig aus.

Es geht um
FREIHEIT STATT KAPITALISMUS
http://www.zeit.de/2000/15/200015.beck_sennett_.xml

Die Menschen begreifen dies aber nicht, weil ihre Hirne mit liberaler Ideologie verkleistert sind.

Freiheit statt FDP!

Der Witz ist doch, dass Marx mit dem wissenschaftlichen Sozialismus das erreichen wollte, was sich die bürgerliche Revolution zwar zum Ziel gesetzt hatte, aber was unter dem Bedingungen einer kapitalistischen Marktwirtschaft niemals erreicht werden kann.

Und deshalb:

FREIHEIT STATT SOZIALSTAAT!

Was aber nicht bedeutet, den Sozialstaat im Kapitalismus abzuschaffen, sondern den Kapitalismus zu überwinden.

Aber nicht in Richtung „nicht-kapitalistischer Sozialstaat“, wie es der „reale Sozialismus“ wollte, sondern in Richtung „freie Assoziation freier Individuen“.

froZ und lemming halten dies natürlich für eine Utopie, die sich jenseits der Realität befindet.

Nein, sage ich – mit Marx, Luxemburg, Rühle, Pannekoek, Reich, Fromm, Marcuse, Dutschke, Krahl … – sie liegt als Potential latent unter der herrschenden Realität.
Die Produktivkräfte dazu sind längst entfaltet, man muss nur die Produktionsverhältnisse ändern.

Das entscheidende Problem dabei ist, diese Produktionsverhältnisse existieren nicht nur außerhalb der Menschen, sondern die Menschen haben sie als Psychostrukturen internalisiert. Wenn man will, könnte man sagen, die Menschen entwickeln im Kapitalismus eine kapitalistische Neurose, die sie gefangen hält. Der „Zwang zum Selbstzwang“ ist zu ihrer zweiten Natur geworden. Elias stellt das sehr gut dar.

Nur wenn man auf diesem Hintergrund Marx liest, kann man ihn richtig verstehen.

Marx war von bürgerlich-humanistischer Erziehung geprägt. Bereits im seinem Abitursaufsatz „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes“, den Marx als 17-Jähriger schreibt, wird sein Lebensziel deutlich:

„Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muss, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigne Vollendung. Man wähne nicht, diese beiden Interessen könnten sich feindlich bekämpfen, das eine müsse das andre vernichten, sondern die Natur des Menschen ist so eingerichtet, dass er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für die Vollendung, für das Wohl seiner Mitwelt wirkt.

Wenn er nur für sich schafft, kann er wohl ein berühmter Gelehrter, ein großer Weiser, ein ausgezeichneter Dichter, aber nie ein vollendeter, wahrhaft großer Mensch sein.

Die Geschichte nennt diejenigen als die größten Männer, die, indem sie für das Allgemeine wirkten, sich selbst veredelten; die Erfahrung preist den als den Glücklichsten, der die meisten glücklich gemacht; die Religion selber lehrt uns, dass das Ideal, dem alle nachstreben, sich für die Menschheit geopfert habe, und wer wagte solche Aussprüche zu vernichten?

Wenn wir den Stand gewählt, in dem wir am meisten für die Menschheit wirken können, dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie nur Opfer für alle sind; dann genießen wir keine arme, eingeschränkte, egoistische Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Taten leben still, aber ewig wirkend fort, und unsere Asche wird benetzt von der glühenden Träne edler Menschen.“
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Marx,+Karl/Betrachtungen+eines+J%C3%BCnglings+bei+der+Wahl+seines+Berufes

99 Earloffunk 17. September 2009 um 13:32

@ HAM…

danke HAM… jetzt glaube ich verstanden zu haben…

Wenn wir den Stand gewählt, in dem wir am meisten für die Menschheit wirken können, dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie nur Opfer für alle sind; dann genießen wir keine arme, eingeschränkte, egoistische Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Taten leben still, aber ewig wirkend fort, und unsere Asche wird benetzt von der glühenden Träne edler Menschen.“

… sehr sehr schön…

*andächtig kuck*

*seufz*

100 lemming 17. September 2009 um 15:16

@HAM
Eine Antwort bin ich wohl noch schuldig. Die nach meinem Menschenbild. Kurz gesagt: Ich habe keins.
Ich weiß nur: Ich bin selber ein Mensch, ich kann also DEN Menschen wohl nicht besser kennen als mich selber. Und ich habe das Gefühl, ich kenne mich gar nicht so gut. Alles, was ich an mir beschreiben könnte – so nach der Art deiner soziologischen Typologien – gehört nicht zu mir, sondern zum Außen.
Ich könnte also auch sagen, mein Menschenbild ist das des Menschen ALS Bild. Abbild, Reflexion.

Und noch zu Kojève: den habe ich empfohlen, nicht weil er der oberkorrekte Hegel-Exeget ist, seine “Introduction” hat eine schwere marxistische Schlagseite, was er auch keineswegs verhehlt. Darum schien er mir in diesem Kontext geeignet.

101 BB 17. September 2009 um 15:31

HUMANISTEN ALLER LÄNDER VEREINIGT EUCH!

102 lemming 17. September 2009 um 15:40

@BB
OK, und was machen sie dann, so vereinigt?
Ich vermute mal: sich gegenseitig als “Bastard-Humanisten” verunglimpfen… ;-)

103 Wat. 17. September 2009 um 16:51

@ HAM # 93

Das Wichtigste für diesen Typus ist, gut versorgt zu sein. Der Garant dafür ist der Sozialstaat. Die Autonomie eines bürgerlichen Individuums strebt er nicht an, soviel Freiheit will er gar nicht. Im Gegenteil, er ordnet sich gerne in soziale Systeme ein, er möchte Lohnarbeiter bzw. Arbeitskraftunternehmer sein mit möglichst sicheren und gutbezahlten Arbeitsbedingungen. Natürlich will er gewisse Freiheiten, wobei die für ihn wichtigsten Freiheiten die private Alltagsgestaltung betreffen, wie Konsumfreiheit, Reisefreiheit etc.

Mal ganz ehrlich, was ist daran sooo schlimm, einer unter vielen zu sein.

Sich einfach nur sein Leben einrichten zu wollen.

All diese Dinge, die bei Dir irgendwie so verachtenswert klingen, sind doch in der wirklichen Umsetzung nur möglich, wenn ich meinen neben mir, als einen wie mich akzeptiere und toleriere – ihm diese Freiheit, diese Rechte zugestehe, wie ich sie für mich selbst auch beanspruche.

Und das wäre ein gewaltiger Sprung, niemanden mehr über oder unter sich haben zu wollen, zu brauchen.
Nicht Freiheit für mich und die Meinen zu wollen, sondern eben für alle.

Freiheit ist eine ökonomische Kategorie, was auf dem Papier steht, ist schon mal recht nett, aber ohne die finanziellen Mittel, diese Freiheit einfordern zu können, ist das wie mit dem Spruch, dass allen gleichermaßen nicht gestattet ist, unter Brücken zu schlafen.

Kritikwürdig, gut, das wäre wohl und da stimme ich mir Dir wohl überein, das momentan noch gemeint/geglaubt wird, das ohne Veränderung der Verhältnisse erreichen zu können. Nicht zu wissen oder (noch) nicht wissen zu wollen/zu können, dass es ohne Veränderung der jetzigen Verhältnisse nicht umsetzbar ist. Zu meinen, dass einem selbst mehr zusteht oder es einfach alles seinen Lauf nimmt, weil es eben immer so war…

Aber diese Zeit wird kommen, ganz gewiss.

Und dann braucht es sicherlich niemanden, der von der Fähigkeit von Menschen auf den Wert von Menschen rück-schließt.
Das gehört dann nämlich auch dazu.

104 Wat. 17. September 2009 um 16:52

@ HAM # 93

Das Wichtigste für diesen Typus ist, gut versorgt zu sein. Der Garant dafür ist der Sozialstaat. Die Autonomie eines bürgerlichen Individuums strebt er nicht an, soviel Freiheit will er gar nicht. Im Gegenteil, er ordnet sich gerne in soziale Systeme ein, er möchte Lohnarbeiter bzw. Arbeitskraftunternehmer sein mit möglichst sicheren und gutbezahlten Arbeitsbedingungen. Natürlich will er gewisse Freiheiten, wobei die für ihn wichtigsten Freiheiten die private Alltagsgestaltung betreffen, wie Konsumfreiheit, Reisefreiheit etc.

Mal ganz ehrlich, was ist daran sooo schlimm, einer unter vielen zu sein.

Sich einfach nur sein Leben einrichten zu wollen.

All diese Dinge, die bei Dir irgendwie so verachtenswert klingen, sind doch in der wirklichen Umsetzung nur möglich, wenn ich meinen neben mir, als einen wie mich akzeptiere und toleriere – ihm diese Freiheit, diese Rechte zugestehe, wie ich sie für mich selbst auch beanspruche.

Und das wäre ein gewaltiger Sprung, niemanden mehr über oder unter sich haben zu wollen, zu brauchen. Nicht Freiheit für mich und die Meinen zu wollen, sondern eben für alle.

Freiheit ist eine ökonomische Kategorie, was auf dem Papier steht, ist schon mal recht nett, aber ohne die finanziellen Mittel, diese Freiheit einfordern zu können, ist das wie mit dem Spruch, dass allen gleichermaßen nicht gestattet ist, unter Brücken zu schlafen.

Kritikwürdig, gut, das wäre wohl und da stimme ich mir Dir wohl überein, das momentan noch gemeint/geglaubt wird, das ohne Veränderung der Verhältnisse erreichen zu können. Nicht zu wissen oder (noch) nicht wissen zu wollen/zu können, dass es ohne Veränderung der jetzigen Verhältnisse nicht umsetzbar ist. Zu meinen, dass einem selbst mehr zusteht oder es einfach alles seinen Lauf nimmt, weil es eben immer so war…

Aber diese Zeit wird kommen, ganz gewiss.

Und dann braucht es sicherlich niemanden, der von der Fähigkeit von Menschen auf den Wert von Menschen rück-schließt.
Das gehört dann nämlich auch dazu.

105 HAM 17. September 2009 um 17:12

@lemming #99
„Eine Antwort bin ich wohl noch schuldig. Die nach meinem Menschenbild. Kurz gesagt: Ich habe keins.“

Da bin ich wirklich – bei Dir – etwas überrascht.

Denn das waren für mich die wichtigsten Fragen im Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenleben:
Wer bin ich?
Wie bin ich geworden?
Wie möchte ich sein?

Ich weiss noch, wie wir uns als junge Studenten in der Basisgruppe trafen und gemeinsam versuchten, unser Gewordensein zu verstehen, um uns von der Fremdbestimmung durch Sozialisation und Erziehung zu befreien.

Zugleich denke ich, dass es heute eher bei jüngeren Menschen in der Regel so ist wie bei Dir, kein klares Selbst- und Menschbild entwickelt zu haben.
.
Um 1970 wurde ein soziokulturellen Epochenumbruch manifest. Die Pädagogik wollte damals auch nichts mehr von Persönlichkeitserziehung und normativer Erziehung wissen.

Die behaviorale Psychologie einschließlich des Mainstreams der psychologischen Systemtheorie interessiert sich nicht für die innere Beschaffenheit des Menschen. Im Zentrum steht nur die Herstellung eines erwünschten Verhaltens bzw. des Funktionierens eines Systems.

Das, was als „Neuer Sozialisationstyp“ beschrieben wurde, wurde m.E. durch die Entwicklungen in der Psychologie und Pädagogik allerdings nur verstärkt und ist mehr ein Reflex auf quasi naturwüchsig verlaufende Veränderungen im Sozialisationsprozess, denn deren Ursache.

Nun gut, jetzt klinke ich mich erst einmal aus der Diskussion aus. Sind mir derzeit zu viele Themen gleichzeitig in diesem Blog. Ist mir zuviel Patchwork-Diskussion. Zu postmodern.

106 BB 17. September 2009 um 17:15

@lemming / 101

>>>>>> OK, und was machen sie dann, so vereinigt?
Ich vermute mal: sich gegenseitig als “Bastard-Humanisten” verunglimpfen…

Nö! Sie schreiben erstmal ein HUMANISTISCHES MANIFEST ;-)

http://www.dfw-dachverband.de/DFW/temp/humanistisches_manifest.htm

(kann leider aus Zeitgründen gerade nicht genauer googeln, sorry)

107 HAM 17. September 2009 um 17:47

@Wat. # 103
„Und das wäre ein gewaltiger Sprung, niemanden mehr über oder unter sich haben zu wollen, zu brauchen.“

So verläuft menschliche Reproduktion nicht.
Menschen sind immer von voneinander abhängig.

Menschen entwickeln sich nicht endogenetisch, sondern bedürfen der Pflege und Erziehung.
Und Lernende benötigen immer wohlmeinenden Lehrende über sich.
Menschen benötigen Führung.
Etc.

Eine menschliche Gesellschaft ist ohne Autoritäten nicht reproduktionsfähig.

Soviel auf die Schnelle.

108 Wat. 17. September 2009 um 17:55

Autoritäten sind für mich nicht gleichzusetzen mit Abhängigkeiten.

Eine Autorität wähle ich mir, ich gestehe sie zu, ich achte eine oder mehrere Personen – aber das bestimmt nicht der Autorität, wer das zu sein hat – nicht der diese habenwollende – das bestimme allein – ICH.

Die darf sich derjenige “verdienen”, erarbeiten – und kann sie verlieren.

So wie Kinder auch auf dem Weg zum Erwachsenwerden ihr “Urvertrauen” in ihre Eltern verlieren und sich “frei-strampeln” und trotzdem nie die Achtung vor ihren Eltern verlieren. (wenigstens im Allgemeinen)

Auch nur auf die Schnelle ;-)

109 HAM 17. September 2009 um 18:16

@Wat. # 108
„Eine Autorität wähle ich mir, ich gestehe sie zu, ich achte eine oder mehrere Personen – aber das bestimmt nicht der Autorität, wer das zu sein hat – nicht der diese habenwollende – das bestimme allein – ICH.“

Dann hoffe ich, dass Du immer die richtige Wahl getroffen hast, so bei Deinen/r

- Eltern, Großeltern, Geschwister
- Kindergärtnerinnen
- Lehrer
- Hochschullehrern
- Führerscheinprüfer
- Amtsrichter, Staatsanwälte etc.
- Regierung
etc.

110 staph.aureus 17. September 2009 um 18:28

Sex sells, Marx auch:
Marx als Cash-Cow, 110 Einträge in 150 Minuten, boah ey !
————————————————————————

Der Marxismus ist historisch ohne Bedeutung. ;-)
Er hat nichts bewirkt.
Es waren der Sozialismus, der Kommunismus, der Bolschewismus, der Leninismus, der Stalinismus, nicht zu vergessen der Katholizismus und der Protestantismus, welche die Massen bewegte. Notfalls in die Grube.

Persönlich bevorzuge ich Pflaumenmus.

111 Wat. 17. September 2009 um 18:41

@ HAM

Ich bitte Dich…

Es ist doch wohl ein Unterschied, ob mir jemand sagt, wo und dass ich die ‘Früchte meiner Arbeit’ im Wesentlichen an Einen, eine kleine Gruppe, abzuliefern habe oder diese mir gar von vornherein nur ein vgl. Minimum zugesteht oder ob ich mich im mittel-oder langfristigen Verlauf noch an eine Organisationsform der Gesellschaft halten muss – siehe Staatsanwalt, Regierung.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du das nicht verstehst. Menschliche Abhängigkeit als des sich gegenseitigen Brauchens ist doch was völlig anderes, als jemanden komandieren zu wollen oder Befehle empfangen zu wollen.

Btw. Außerdem, das menschlich Hochwertige, also das eigentlich Menschliche wäre, mit Allen in Respekt und Achtung klar zu kommen, aber eben gegenseitig und auf Augenhöhe.

Und dass Du das in den Topf haust mit Familie und Erziehung, ob ich diese wählen, aussuchen kann – scheint mir Deiner nicht würdig, echt nicht.

Du entscheidest doch auch recht deutlich, wem Du Respekt zollst und wem nicht.

Ich möchte Mensch unter Menschen sein – nicht mehr, nicht weniger.

Falls es etwas gibt, was mich auf einem Gebiet vielleicht ‘besser’ erscheinen lässt, als den Anderen, so bin ich mir sicher, derjenige kann dafür wieder etwas anderes besser als ich.
Das erhebt mich nicht über ihn und ihn nicht über mich.
Wir brauchen uns, insofern sind wir voneinander abhängig, aber nicht so, dass nur einer von uns beiden leben oder besser leben darf.

In diesem Zusammenhang ist dann Autorität nichts, wovon derjenige ‘besondere Rechte’ für sich als Person einfordern kann und darf.

112 Wat. 17. September 2009 um 18:44

staph.aureus nach selbst errechneten Stunden bezahlen – das wird eine Rendite… ;-)

113 Earloffunk 17. September 2009 um 19:39

… ach Wati….. ich glaube Du missverstehst den HAM etwas… es geht nicht darum wie man es gerne hätte oder wie es gerecht wäre…

Ich glaube das worauf HAM anspielt, sind die WEigenschaften eines Menschen als Homo sapiens… und leider die Ausnutzung oder Verstümmelung unseres Selbst durch das System in dem wir leben und glauben etwas bewirken zu können, obwohl wir einer ständigen Manipulation unterliegen… in allem was wir machen tun sind und geworden sind…

ach HAM… ich habe Deine verlinkten Themen alle gelesen… ja was soll ich sagen… ich habe einige Sachen von denen ich ansatzweise im Bilde war wiedergefunden…

… und unterm Strich die Aussage, das Deutschland das Ziel und Opfer einer langangelegten angloamerikanischen Intrige geworden ist, um es als Marionette für den 2. Weltkrieg zu nutzen um Eurasien endgültig unter Kontrolle zu bekommen…

… es ist erdrückend das zu wissen, in diesem komplexen Zusammenhang habe ich das vorher nicht erkannt, nur teilweise…

… tja nun die alles entscheidende Frage, wie kann man unser Volk aus der Unterjochung befreien um nicht zu sagen… zur Freiheit “führen”?

Wie kann Deutschland seine Identität wieder finden – damit meine ich seine eigene und keine von einer anderen Gruppierung angedichtete?

114 Wat. 17. September 2009 um 19:55

@ Earl, warum sollte wer dieses System ändern wollen , wenn er nicht wollte, wie er es gerne hätte, oder es gerecht wäre. Dann könnten wir ja behalten, was wir haben. Eine Ungerechtigkeit gegen die nächsten eintauschen…

Natürlich spricht er von Eigenschaften, von Selbstverstümmelung innerhalb des Systems, wie Du es nennst und da hat er recht.

Mir ist aber das, was HAM zu wollen scheint zu wenig, zu kurz gesprungen, nicht zu Ende gedacht, die Konsequenz nicht erkannt, an seinen eigenen (inneren) Systemgrenzen gescheitert.
Ist ja keine persönliche Kritik, es geht mir um den Standpunkt.

Mit seinen Ausgangswertungen zum humanistischen-bürgerlichen Subjekt, komme ich noch gut klar – aber dann reißt da, so scheint mir, etwas in der Logik weg.
In bin für Individualismus, für Eigenständigkeit. Aber ich bin eben auch für Akzeptanz der Autonomie innerhalb von Gesellschaft und Gemeinschaft und trotzdem lange nicht für Gleichmacherei.

Und doch sind alle Menschen gleich!

@ Earl, ich hoffe, ich konnte mich wenigstens etwas ‘vernünftig’ ausdrücken, dann wirst Du da einen Unterschied finden.

Wir können niemanden befreien, nur wir uns selbst und dafür brauchen wir einander, alle.

115 Earloffunk 17. September 2009 um 20:40

@ Wat…

na klar Wati… wir verstehn uns schon… ich glaube ich kann Deinen Ausführungen folgen…

… aber ich habe einen leicht anderen Eindruck von HAM… (ich ärgere mich über meine fehlende Bildung, wenn ich einigen Kommentaren nur schwer folgen kann) – aber HAMI ;-) strengt sich glaube ich extra an, das auch wir was verstehen können *lol*.

Ich kann mich noch gut an den Slogan errinnern… “auch wer zu früh kommt den bestraft das Leben”.

Ich weiss nicht von welchem Stern Herr HAM kommt – aber das was er ab und an “durchblitzen lässt” (so habe ich zumindest den Eindruck) ist nur ein Funken dessen was er an Infos zu haben scheint – echter Freidenker eben, vom anderen Stern… [soll nicht wie schleimen wirken... is halt so, freu mich zumindest, wenn ich ab und an mal was verstehe]

Er hat es doch zu Ende gedacht – sogar sehr konkret… siehe:

“…Es geht um
FREIHEIT STATT KAPITALISMUS”…oder

“FREIHEIT STATT SOZIALSTAAT!

Was aber nicht bedeutet, den Sozialstaat im Kapitalismus abzuschaffen, sondern den Kapitalismus zu überwinden.”

… ich glaube schon das HAM in der Lage ist die Sache zu Ende zu denken, sich eben nur etwas zurückhält.

Wenn sich überhaupt etwas an der Schieflage Deutschlands ändern soll, (aufmerksame Blogleser werden die waren Hintergründe kennen) dann geht das nur mit einer Änderung von Grund auf und in aller Konsequenz und Härte.

Aber wie Du sagst Wat… dafür brauchen wir uns alle einander!!! Dafür Bedarf es auch einer gewaltigen Kraftanstrengung um die Ketten der Sklaverei zu sprengen – dafür brauchen wir mehr die unsere Meinung teilen und bereit sind etwas zu ändern . . . den Kapitalismus zu überwinden!!!

Wir Träumer wir … mach mal den Fernseher an, da rennen Leute mit “Angie” T- Shirts rum… “draussen” hängen überall diese dämlichen Anbiederwahlplakate … das Volk ist zu mind. 60 % komplett verblödet….und und und…..

…noch kann ein kleines Einsatzkommando vom Verfassungsschutz bei uns plötzlich auftauchen und es wie ein Unfall eines “Pedophilen” aussehen lassen…

Wati…. wir haben im Moment echt keine guten Karten in der Hand…

…überleg mal, mal angenommen wir legen jetzt los mit bestem Wissen und Gewissen und fangen irgendwo an…. was machen wa denn mit unseren Politbonzen?… um die Ecke bringen? einbuchten?… ans Kreuz nageln?… die werden uns doch wo sie nur können sabottieren…

Wir brauchen auf jeden Fall die Öffentlichkeit – ich meine damit Oldschool mit Sprachrohr und so (Internet wird ja schon Echtzeit überwacht) – wir brauchen Finanzen – kennt nich wer irgend welche Angloamerikaner?…hihi

verstehst Du?

116 HAM 17. September 2009 um 20:50

@Wat. #111

Offensichtlich hast Du gar nicht verstanden, worum es geht.

Ehrlich gesagt, mich nervt Dein Geplapper aus dem Bauch, zumal wenn es anmaßend und beleidigend ist.

Mach Dich bezüglich des Themas erst einmal sachkundig.

Z.B. hier:
Autorität – Organisation – Revolution
Beiträge von: Adorno, Agartz, Benseler, Engels, v. Friedeburg, Hofmann, Helms, Herzog, Holz, Krahl, Küntzel, Lenin, Lenk Lukacs, Oehllke, Tomberg, Wolf
prolit, Gießen 1972

117 Earloffunk 17. September 2009 um 20:50

…aber locker bleiben… Kräfte schonen für den Tag X…

…das was die “Grossen” schon immer zu Fall gebracht hat, war ihr Hochmut und ihre Arroganz…

hier mal was lustiges… hast DU das schon gesehen @ Wat?

http://www.youtube.com/watch?v=LMpmW4DTBi0

;-)

118 Wat. 17. September 2009 um 20:53

@ Earl

HAM hat es geschafft, mich hier mal genau dort ‘abzuholen’, wo ich zum damaligen Zeitpunkt gedanklich war.

Genau diese Zweifel oder wenigstens so ähnliche, wie Du, hatte ich da auch. Was geht hier noch, wie geht es, geht es überhaupt… was kann man machen.

Ich bin ihm immer noch mehr als dankbar dafür, echt.

Aber ich darf doch wohl anschließend weiter arbeiten, denken. Und das habe ich getan, wenigstens versucht – auch mich u. a. durch meine eigene ‘Bibliothek’ gekämpft, und bin dann eben auf Differenzen gestoßen, die man, so meine ich, eben nicht so einfach ‘unter den Tisch kehren kann’.

Hier, das war mein ‘Lern-Thread’:
http://www.weissgarnix.de/2009/04/18/am-kredit-hangt-alles/

Da sieht man glaub ich ganz gut, die Irrungen und Wirrungen in meinem Kopf und die großartige Hilfe bei der ‘Entwirrung’.

Btw. Der humanistisch-gebildete Bürger ist (leider) nicht gleichzusetzen mit dem (humanistisch-gebildeten) Einwohner

119 Earloffunk 17. September 2009 um 21:10

@ HAM und WAT

…habs grade über Internet bestellt… kostet 16,50 € unsere kleiner Leitfaden hihi.

120 Peter Lehmann 17. September 2009 um 21:32

@weissgarnix:
Mit deinen Ausführungen zu Karl May hast du den Groucho-Anteil des Themas Marx schon abgedeckt.
Nun zum ernsthaften Teil. Du hattest geschrieben: “Luhmann schreibt mE zutreffend, dass die Solidarität mit der Ausweitung des Wohlfahrtsstaates immer weiter gesunken ist.”
Tischer sagte zu diesem Thema: “Er müsste mal erklären, warum es keine Solidarität ist, wenn mehr als die Hälfte der Bevölkerung Transferzahlungen erhält. Mag ja sein, dass es keine ist. Aber dazu muss er sagen, was unter Solidarität zu verstehen ist.”
Würdest du deine Aussage nicht doch qualifizieren wollen? Notabene: Ich kenne Putnam. Ich behaupte also nicht, dass es so etwas wie ein lineares historisches Wachstum von “Solidarität” gibt. Nur: “Aber dazu muss er sagen, was unter Solidarität zu verstehen ist” – ja, dem ist so. Wieso Luhmann glaubt, hier gegen seine Systematik verstossen zu können, ist unklar. Und du schiebst an der Stelle völlig unmotiviert Tönnies nach. Da kann ich nur fragen: Solidarität nein, Gemeinschaft ja? Ohne Begriffsklärung geht es von da an nicht mehr weiter. Ich bitte also darum, diese im Laufe des Roten Oktobers einfliessen zu lassen.

121 lemming 17. September 2009 um 21:38

@HAM #105
Da bin ich wirklich – bei Dir – etwas überrascht.
Hmmm – wenn ich den Rest deiner Antwort lese, dann fürchte ich, dass ich mich doch etwas zu knapp ausgedrückt habe, oder zu simpel, oder einfach zu salopp.

Die Richtung ist eher die: der Mensch als das “nicht festgestellte” Wesen, als – ja, auch wenn ich dem Konstruktivismus ansonsten nix abgewinnen kann – Konstrukt seiner gesellschaftlichen Existenz. Das menschliche Leben ist (meist) Veräußerung. D.h. wir schaffen Dinge, arbeiten, und diese Dinge, und die Bedingungen, unter denen wir schaffen und mit denen wir diese Bedingungn wieder reproduzieren, umgeben und prägen uns dann. Philosophien und Denkschulen, Dogmen, Ethiken rechne ich hier auch zu den “Dingen”, als “Software” sozusagen.
Und darum wird aus diesen ewigen Fragen:
Wer bin ich?
Wie bin ich geworden?
Wie möchte ich sein?

Immer eine sehr zeitabhängige Antwort gemacht:
„Neuer Sozialisationstyp“, die Entwicklungen in der Psychologie und Pädagogik

Die bestimmen mein Menschenbild eben NICHT. Ich nehme sie zur Kenntnis, als: Veräußerung oder Entäußerungen von Menschen, diesen unbekannten Wesen, die sich machen müssen, um sich zu erkennen.
Das kann man agnostisch auffassen, ich meine es aber mehr in einem sehr direkten Sinne “materialistisch”.

Verständlicher so?

gruss von l.

122 HAM 17. September 2009 um 21:54

@Earloffunk #111
„… und unterm Strich die Aussage, das Deutschland das Ziel und Opfer einer langangelegten angloamerikanischen Intrige geworden ist, um es als Marionette für den 2. Weltkrieg zu nutzen um Eurasien endgültig unter Kontrolle zu bekommen…“

Aber dies war die Konstellation bis Ende des WK II. Theoretisch kann man dies als imperialistische Konkurrenz zwischen Nationalstaaten beschreiben.

Inzwischen ist Deutschland nicht nur militärisch, sondern auch ökonomisch und kulturell Teil einer supranationalen Struktur, welche in den Medien meist als „Staatengemeinschaft“ benannt ist, konkret also Teil der Staatengemeinschaft der NATO-Staaten bzw. der westlich-kapitalistischen Staaten.

„… tja nun die alles entscheidende Frage, wie kann man unser Volk aus der Unterjochung befreien um nicht zu sagen… zur Freiheit “führen”?“

Die Frage ist, ob es zutreffend ist, wenn sich Deutschland als bedrohter Nationalstaat, also volksgemeinschaftlich definiert, so wie es Elsässer oder die nationale Rechte tuen?

Und weiter fragst Du:
„Wie kann Deutschland seine Identität wieder finden ….?“

Zuvor sollte man sich m.E. erst fragen, ob es in der gegenwärtigen Welt überhaupt vernünftig ist, als aufgeklärter Bürger die Bildung einer nationalen, deutschen Identität anzustreben?

Deutschland ist doch keine Kolonie, welche von einer imperialistischen Macht versklavt und ausgebeutet wird, so wie Deutschland mittels des WK II die Ostvölker versklaven und ausbeuten wollte. Aber so ein Bild vertritt die nationale Rechte. Bei Elsässer ist es natürlich differenzierter und auch in entscheidenden Punkten anders.

London City und Wallstreet sind zwar Zentren des Finanzkapitals, aber dieses Finanzkapital ist doch eine INTERNATIONALE Struktur und die herrschenden Klassen besitzen eine transnationale = globale Struktur.

Es ist doch nicht so, dass das deutsche Volk zu Gunsten des amerikanischen oder des englischen ausgebeutet wird. Der amerikanischen oder englischen Bevölkerung geht es doch nicht besser als der deutschen. Im Gegenteil, dem Durchschnittslohnarbeiter geht es in den USA und in GB eher schlechter als dem deutschen. Ansonsten würden viel mehr Menschen versuchen, in die USA oder nach GB auszuwandern. Machen sie aber nicht, weil sie keine besseren Arbeits- und Lebensbedingungen dort vorfinden.

Und als EU-Bürger können deutsche Staatsangehörige überall in Europa problemlos arbeiten. Das wird auch genutzt.

Die US-amerikanische arbeitende Bevölkerung ist genauso von der Herrschaft des „IFF“, wie holger dieses System bezeichnet, betroffen wie all die anderen Arbeitsbevölkerungen in diesem Wirtschaftssystem, wobei es natürlich selbst im nationalstaatlichen Binnenraum ganz unterschiedliche Bedingungen gibt, z.B. in D in den verschiedenen Bundesländern und Regionen.

Wir haben ja über Elsässer und seine Volksinitiative schon einmal diskutiert.
Die Verhältnisse sind sehr kompliziert und deshalb benötigen wir wohlüberlegte Konzepte.

123 lemming 17. September 2009 um 22:06

@Peter Lehmann
Ohne Begriffsklärung geht es von da an nicht mehr weiter.
Na, da scheint es sich doch um eine klassische Tischer-Komplikation zu handeln. Gemeint ist doch ganz einfach, zum Beispiel, der Unterschied zwischen Spende und Sozialabgabe. Die erste setzt einen persönlichen Entschluss, Motivation voraus, ist also solidarisch, die zweite erfolgt von Staats wegen. Auch wenn der Empfänger identisch ist, so ist es nicht der Weg. Der Sozialstaat macht Solidarität überflüssig, viele Leute denken beim Anblick eines Bettelnden “Soll er doch zum Amt gehen.”
Und das leistet der “Entlastung” der Einzelnen von solidarischen Anforderungen Vorschub, also der Vereinzelung, also der Ent-Solidarisierung. Der Sozialstaat regelt das schon, wofür früher die Tugend der Solidarität geübt wurde, also warum sich selber darum kümmern? Der homo oeconomicus ist ein unsolidarischer Einzelgänger, weil sein gesamter gesellschaftlicher Zusammenhang geldvermittelt ist. So schick könnte man das natürlich auch sagen…

124 HAM 17. September 2009 um 22:57

@lemming #121
„Verständlicher so?“

Viel verständlicher.

„Die Richtung ist eher die: der Mensch als das “nicht festgestellte” Wesen, als – ja, auch wenn ich dem Konstruktivismus ansonsten nix abgewinnen kann – Konstrukt seiner gesellschaftlichen Existenz.“

Marx sagt, die Menschen machen einander.

Dies macht das Wesen des Menschen aus:
Seine bei Geburt vorhandene psychosoziale Entwicklungsoffenheit, aus der zugleich seine Gemeinschafts- und Erziehungbedürftigkeit resultiert.
Es ist individuelles Subjekt und nicht-individuelles Gemeinschaftswesen zugleich.

Sehr gut hat das Alexander Mitscherlich ausgeführt.

Übrigens, so wie ich die sog. 68-er-Bewegung erlebt habe, so gab es damals bei vielen zugleich ein Bedürfnis nach Autonomie (Selbständigkeit, Selbstbestimmung, Selbstbildung, Selbstverwrklichung) wie auch nach Gemeinschaft. Also eine starke Tendenz zu individueller Selbstverwirklichung gepaart mit einer Bindung an eine non-kollektivistische Gemeinschaft mit sehr starkem Wir-Gefühl.

Beides konnte sich natürlich nur in einer studentischen Sphäre halten, unter Bedingungen kapitalistischer Lohnarbeit und Konkurrenz ist dies nicht möglich. Und heute, wo die meisten Studierenden jobben gegen müssen, ist dies auch nicht mehr möglich.

Bei Luhmann ist der Mensch gespalten. Da ist das individuelle Subjekt, welches sich an seiner Umwelt = dem sozialen System selbstsozialisiert. Aber diese Umwelt determiniert zugleich das System einzelner Mensch.
Damit reproduziert sich bei Luhmann jene Bewusstseinsspaltung, welche kennzeichnend für den Liberalismus ist: Das Individuum erlebt sich nur als Monade, die Gesellschaft sind die anderen. Die menschliche Gesellschaft wird nicht als „Wir“ erlebt.

„Die bestimmen mein Menschenbild eben NICHT.“

Aber was ist mit den konkreten Menschen?
Die entwickeln doch Strukturen, welche Entwicklungsmöglichkeiten sowohl eröffnen können (Entwicklungs-, Bildungspotentiale) wie auch einschränken oder gar verhindern können (Zwangsstrukturen, Neurosen)?
Und diese Persönlichkeits- und Identitätsstrukturen lassen sich doch auch in entsprechenden „Menschenbildern“ erfassen.

125 Earloffunk 17. September 2009 um 23:00

@ HAM… Danke für Vertiefung dieses Themas…

Genau das ist der Punkt…

… leider bekommt man über die Medien meist nur am Rande mit, wie sich die Bevölkerung z. B. in Frankreich, Spanien, Italien, Irland, Großbrittanien und so weiter, welche das gleiche Schicksal wie wir teilen, mit.

Auch in diesen Ländern stehen ein grosser Teil der Bevölkerung dem Lissabon Vertrag Skeptisch gegenüber, auch bei unseren franz. Nachbarn oder den Italienern herrscht Politik Verdrossenheit – dort werden die gleichen Überlegungen angestellt wie in unserem Blog.

Leider erfolgt der Informationsaustausch dank unserer gekauften Medien nur zu Gunsten unserer Machthaber – eine Volkskommunikationsplattform zwischen unseren Bündnispartnern gibt es nicht…

So fühlen sich die Bürger der EU Staaten doch einfach nur noch isoliert in Fragen des Veränderns auf EU Ebene…

So wie das Problem welches wir an den Hacken habenein internationales ist, muss auch die Kommunikation des Proletariats (damit meine ich die arbeitende Bevölkerung ) auf internationaler Ebene beginnen…

…wenn alle gemeinsam die Karten des Spiels Schritt für Schritt aufdecken und alle am selben Strang ziehen – dann sind wir einen Schritt weiter…

126 froZ 17. September 2009 um 23:05

@ lemming, @ HAM

Pardon, komme erst jetzt zu einer Antwort, und auch das nur im Kurzdurchlauf.

“Wer hebt ab?” (bei 110)

Hobbes’ Leviathan.

“Was machen wir, wenn keiner mehr abhebt?”

Dem versuchte ich schon mal anhand von @holgers Frage nachzugehen, was wohl geschehen würde, wenn aufgrund einer einstweiligen Verfügung das Kacke nicht mehr abgepumpt werden kann.

http://www.weissgarnix.de/2009/09/15/lehman-vor-ort/#comment-35859

Deine (Lemmings) Frage impliziert wohl, daß 4.) “DER STAAT” als Lösung ausfällt. Dann halte ich 2.) “DIE REALE ZIVILGESELLSCHAFT, vulgo MAFIA” für die bei weitem wahrscheinlichste Variante.

“Was für ein Menschenbild habt ihr?”

Lemmings Agnostizismus & Konstruktivismus kann ich mich zum Teil anschließen. Als Arbeitshypothese würde ich sonst vielleicht auch auf das Feld der Psychoanalyse ausweichen, da allerdings eher auf Otto Rank (das ist der mit Geburtstrauma, Individuations- und Todesangst). In einer solchen Logik sind neurotische Befindlichkeiten nicht primär Ergebnisse von Internalisierungen kapitalistischer Systemzwänge, sondern sie liegen in existenziellen Dilemmata der menschlichen Existenz begründet. Die psychischen Dispositionen einer nach außen hin stabilen Persönlichkeit der Waren- und Geldgesellschaft etwa wären dann zwar nur konkretes Ergebnis einer sozial konstruierten Pseudo-Normalität. Aber würde man diese (meinetwegen “neurotische”) Pseudo-Normalität suspendieren, dann wäre das Selbst nur wieder auf seine ursprüngliche Traumatisierung geworfen, die in der Erfahrung der Vergänglichkeit “stabiler” physischer Zustände besteht. Oder es gäbe eine Regression auf eine frühere Stufe sozialer Verdrängung. Siehe Luigi DeMarchi “Der Urschock”. (Würde Dir einerseits gefallen, HAM, der schreibt nämlich einen ähnlich apodiktischen Stil wie Du, aber er befindet sich natürlich in Gegensatz zu Deinen Theorien, obwohl er wohl auch mal Vorsitzender der italienischen Reich-Gesellschaft war. Aber wir müssen jetzt wohl nicht auf dieses Feld ausweichen, sonst kriegt die @Loki als klinische Psychologin noch die Krise…)

Und normativ: Schrieb ich auch schon mal: Der Abschnitt “Schnee” im 6. Kapitel von Thomas Manns “Zauberberg”. Habe ich mit 20 gelesen, und es beeindruckt mich bis heute. Ist aber bei Lichte betrachtet im besten Falle ein individueller Leitgedanke, kaum das Organisationsprinzip einer komplexen Gesellschaft. Der Hans Castorp, dem dieses geträumt hatte, verschwand dann ja auch in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges…

127 froZ 17. September 2009 um 23:13

P.S. @HAM

Der kleinbürgerlich-proletarische “little man”… ach, da finde ich mich durchaus wieder, und dem gehört eigentlich auch meine Sympathie…

128 Dietmar Tischer 17. September 2009 um 23:56

@ lemming # 123

Zur Tischer-Komplikation:

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Spende und Sozialabgabe.

Sie können ihn so sehen, wie Sie ihn sehen – der Sozialabgabe den solidarischen Aspekt absprechen.

Das ist nicht mein Punkt gewesen.

Der Punkt war: Es muss definiert werden, was man unter Solidarität versteht, bevor man irgendein Urteil darüber abgibt!

Es muss definiert werden, weil man auch ein anderes Verständnis als Sie von Solidarität haben kann.

Beispielsweise: Sowohl der Spender wie auch derjenige, der Sozialabgaben zahlt, teilt mit anderen, die bedürftig(er) sind. Teilen, und nicht der Grad von Empathie mit der geteilt wird, ist dann das Kriterium für Solidarität.

So, und jetzt nicht mit mir rumdiskutieren.

Einfach mal anerkennen, dass andere ein anderes Verständnis von „Solidarität“ haben können und dass daher vorher definiert werden muss – wie gesagt, von mir aus auch so, wie Sie definieren würden.

129 HAM 18. September 2009 um 00:26

@froZ #126

„Als Arbeitshypothese würde ich sonst vielleicht auch auf das Feld der Psychoanalyse ausweichen, da allerdings eher auf Otto Rank (das ist der mit Geburtstrauma, Individuations- und Todesangst). In einer solchen Logik sind neurotische Befindlichkeiten nicht primär Ergebnisse von Internalisierungen kapitalistischer Systemzwänge, sondern sie liegen in existenziellen Dilemmata der menschlichen Existenz begründet. Die psychischen Dispositionen einer nach außen hin stabilen Persönlichkeit der Waren- und Geldgesellschaft etwa wären dann zwar nur konkretes Ergebnis einer sozial konstruierten Pseudo-Normalität. Aber würde man diese (meinetwegen “neurotische”) Pseudo-Normalität suspendieren, dann wäre das Selbst nur wieder auf seine ursprüngliche Traumatisierung geworfen, die in der Erfahrung der Vergänglichkeit “stabiler” physischer Zustände besteht. Oder es gäbe eine Regression auf eine frühere Stufe sozialer Verdrängung.“

Nur kurz dazu. Wir müssen klinische Neurosen von soziogenen Neurosen unterscheiden. Zutreffend wäre es, bei letzteren von „Soziosen“ oder vom „Normo-Neurosen“ zu sprechen. Erich Wulff spricht vom „Normopathen“. Erich Fromm hat hier den Begriff des „Sozialcharakters“ entwickelt, der für die sozialpsychologische Betrachtung außerordentlich wichtig ist, vor allem auch unter dem Aspekt der „Pathologie der Normalität” (Fromm).
Erich Wulff ist ein Pionier der transkulturellen Psychiatrie sowie Fritz Morgenthaler, Paul Parin und Goldy Parin-Matthey entscheidende Pioniere der Ethnopsychoanalyse sind. Aus deren Forschungen resultieren entscheidende psychoanalytische Erkenntnisse zur Entwicklung des Sozialcharakters in unterschiedlichen Kulturen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang insbesondere noch Johannes Cremerius, der schichtspezifische Charakterbildungen erforschte.
Otto Rank hingegen ist ein früher klinischer Psychoanalytiker, bei dem man nichts Relevantes hinsichtlich der Soziopsychogenese findet.

„Würde Dir einerseits gefallen, HAM, der schreibt nämlich einen ähnlich apodiktischen Stil wie Du …“

Das ist so eine typische hinterfroZige Anmerkung von Dir. Ein paar polemische Tiefschläge kannst Du Dir ab und zu offensichtlich nicht verkneifen.
Welcher Kommentator schreibt denn keinen apodiktischen Stil? Das ist DER Stil in den Blog-Kommentaren. Oder erwartest Du lange dialektische Abhandlungen?

„Der kleinbürgerlich-proletarische “little man”… ach, da finde ich mich durchaus wieder, und dem gehört eigentlich auch meine Sympathie…“

Dan haben wir für Dich doch heutzutage die richtige Regierung, die besteht doch nur daraus.
:-D

130 Earloffunk 18. September 2009 um 08:32

@ HAM

…also ich muss gestehen, ich hätte echt nix gegen einen findigen Monarchen…

… der würde mit Leuten, die Ihn und / oder das Volk betrügen würden, sei es in Baumaßnahmen o.ä., schlicht kurzen Prozess machen – würde also auf den Staatsschatz achten …

… Schulden machen wäre Ihm von Haus aus unangenehm …

131 HAM 18. September 2009 um 12:18

@Earloffunk #130

Für die meisten Russen ist Putin so ein Mensch.
Sie sehen ihn als Retter Russlands an.

132 sinthomat 18. September 2009 um 13:57

Die Monarchen haben doch das Schuldenmachen erfunden. Stichwort Fugger und Habsburger.

133 froZ 18. September 2009 um 14:56

@ HAM

Jetzt noch mal zu Deinem autonomen bürgerlichen Subjekt. Wo kommt das her? Aus unserer conditio humana wohl kaum; wir werden in Blut und Schleim geboren und tun dereinst in Blut und Schleim unser letztes Röcheln, und wenn wir Pech haben, ist auch zwischendurch viel Blut und Schleim und allfällige Hilfebedürftigkeit.

Sozialgeschichtlich wird man die Idee des autonomen bürgerlichen Subjekts wohl zurückverfolgen können bis zu den – mehr oder weniger begüterten oder versorgten – fahrenden Schülern des Mittelalters, auch zu den Bürgern der freien Städte – allerdings: volles Bürgerrecht war an Besitz gebunden. Die ökonomischen Grundlagen, die es brauchte, um sich in die Rolle des autonomen Subjekts hineinimaginieren zu können, waren wohl schon immer auf einen gesellschaftlichen Unterbau angewiesen, der eben nicht auf Autonomie begründet war, sondern auf Hierarchie und Abhängigkeit (Mehrprodukt der agrarischen grundherrschaftlichen Wirtschaft, Apparat der Kirche). Aber selbst die auf dieser Grundlage erzielte Autonomie ist wohl oft mehr Schein als Sein gewesen. Selbst in seiner persönlichen Lebensorganisation war der Bürger doch immer von Konventionen und Ritualen eingegrenzt, und – schlimmer noch – die idealisierte bürgerliche Privatheit reproduzierte gesellschaftliche Repressionsmechanismen im kleinen.

Es gibt ein schönes Buch von dem ungarischen Filmwissenschaftler Bela Balasz, “Jugend eines Träumers”, eine Autobiographie seiner Jugendjahre, in dem er das Aufwachsen in einem begüterten ungarisch-jüdischen Elternhaus in Lötsche (heute Levoca, Slowakei) schildert. Da zeigt er sich als genauer Beobachter des ritualhaften Distinktionsstreben seiner bürgerlichen Umgebung gegenüber der slowakisch-bäuerlichen Bevölkerungsmehrheit. Aber er beschreibt auch, wie die in den bürgerlichen Haushalten angestellten slowakischen Dienstmädchen gleichzeitig eine Rolle als mehr oder weniger gewaltsam zu erobernde Sexualobjekte der heranwachsenden Bürgerjungs zu spielen hatten. Damit der junge Besitz- oder Bildungsbürger sich die Hörner nicht im Puff abstoßen mußte (mit allen denkbaren unerfreulichen Folgen), hatten eben die Marinkas und Katinkas herzuhalten, so blieb alles “in der Familie”.

Diese Geschichte verweist m.E. auch auf den vielleicht größten blinden Fleck der bürgerlichen Subjektfiktion: das Geschlechterverhältnis. Das autonome Subjekt war natürlich ausschließlich als ein männliches zu denken, der Bürgersmann brauchte die Pseudo-Normalität der strikten familiären Rollentrennung nach innen, um sich nach außen als autonomes Subjekt imaginieren zu können. (Und jetzt komm’ mir bitte nicht mit der Gleichberechtigung in den literarischen Salons zu Rahel von Varnhagens Zeiten, das war gesellschaftliche Realität für vielleicht 0,01% der Bevölkerung.) Nicht zufällig ist ja gerade in der Schweiz, die Du gelegentlich als letztes Refugium einer kultivierten Bürgerlichkeit skizzierst, das Frauenwahlrecht erst 1971 eingeführt worden, 7 Jahre nach Afghanistan.

Bürgerliche Subjektivität bedurfte also immer (primordialer oder ökonomisch vermittelter) struktureller Gewalt, um sich in Szene setzen zu können. Nun wirst Du vielleicht einwenden, daß dies in historischer Perspektive so sein mag, daß aber dennoch diese Form bürgerlicher Subjektivität sozusagen das unumgängliche Larvenstadium darstellt, aus dem heraus sich dereinst der Schmetterling einer freien Assoziation freier Individuen entfalten werde. Nun, das wäre eine geschichtsphilosophische Spekulation, die ich nicht so einfach vom Tisch wischen wollte. Aber ich habe doch meine Zweifel: Läßt sich eine Sumpfblüte so einfach in ein Trockenbiotop verpflanzen?

“…hinterfroZige Bemerkung…”

Ich versuche selbst in meinen Polemiken immer respektvoll und dezent zu sein, und ich finde, in dieser Hinsicht bin ich doch fast der Knigge dieses Blogs…

134 froZ 18. September 2009 um 14:58

… was den wgnx nicht daran hindert, meine Kommentare zu blockieren.

135 froZ 18. September 2009 um 15:18

…und bei Kapitalismuskritik vom Standpunkt des bürgerlichen Subjekts habe ich immer ein wenig den Verdacht, es handele sich eigentlich im wesentlichen um eine Kritik daran, daß die kapitalistische Warenwirtschaft mit ihrer formal-egalitären Zahlungslogik eben jene versteckten hierarchischen Abhängigkeiten auflöst, welche die bürgerliche Subjektimagination erst ermöglicht haben.

136 melethron 18. September 2009 um 15:42

@sinthomat

Was die analytische Philosophie angeht, so will Welsch diese nicht schlecht reden. Es geht bei dieser Vorlesung nur um die Verbindungslinien zwischen analytischer Philosophie und Hegel – und die waren am Anfang definitiv anti-hegelianisch. Die Intention Welschs ist es weder die Geschichte der analytische Philosophie darzustellen noch diese zu diffamieren. Übrigens verstehe ich Russell in gewisser Weise in seinem mathematische Denken (studiere Mathe und Philosophie), aber selbst in der Mathematik ist der logische Atomismus durch Gödels Satz (den er sich auf Russells Principia Mathematica bezog) gescheitert. Eine “reine” Mathematik ist (axiomatisch) nicht möglich. Also nochmals: Welsch will eigentlich nur ein paar parallele Entwicklungen des Geistes zeigen die Hegel bereits gezeigt auch. Dennoch ist das nicht in dem Sinne zu verstehen, dass Hegel das alles schon wusste. Denn bei einem hakt es bei Hegel ganz massiv: Der klaren Ausdrucksweise (und da sind sich übrigens alle Philsophen einig – wie unterschiedlich ihre Stellung zu Hegel sonst auch sein sollte). Eine analytische Rekonstruktion des Hegelschen Werks wäre eine große Bereicherung für die Philosophie und nicht wenige Philosophen versuchen sich sowohl mit dem dt. Idealismus als auch mit den jüngeren Kenntnissen der analytischen Philosophie zu beschäftigen.

Was das systematische angeht (das du bzgl. Luhmann nennst): Hegel ist der systemische Denker überhaupt. Daher verstehe ich deine Einwand hier nicht ganz. Hegel hat wie kein anderer versucht alles im geschichtlichen (und somit im gesellschaftlichen) Zusammenhang zu denken. Seine Logik ist der Versuch immer auch die “andere Seite der Medaille” zu sehen. Jedoch schafft Hegel es im Gegensatz zu Luhmann nicht bei (aporischen) Paradoxen zu landen.

Was übrigens Hegels Idealismus angeht, so empfehle ich übrigens die Begriffe nicht ganz so aufzufassen wie man es heute allgemein tut. Wenn man zb. bei Weltgeist eher an “kollektives Unterbewusstsein”, also eher an ein dynamisches Netzwerk aus Individuen, denkt, dann geht Hegel (erstmal) besser runter. Aber das mal nur nebenbei. Viel Spaß mit dem “kooperativen Kommentar”.

Grüße
melethron

137 Dietmar Tischer 18. September 2009 um 20:23

@ melethron

Substanzielle Beiträge.

Dazu nur die folgenden Anmerkungen:

a) zu Kojève

Der Titel des Buches heißt „Einführung zum LESEN von Hegel“. So würde ich jedenfalls „Introduction à la lecture de Hegel“ übersetzen. Man kann also Kojève lesen – wenn man Hegel danebenlegt.

Ihre in # 81 anhand von Hegelzitaten getroffenen Feststellungen zu Kojève halte ich für richtig.

Ich glaube, dass die Schwierigkeiten von Kojève daher rühren: Einerseits folgt er der Ansicht Hegels, dass Bewusstsein/Denken historisch bestimmt ist und daher nur am Ende der Ge-schichte „absolutes Wissen“ erreicht werden kann. Die Geschichte erfüllt sozusagen die Forderungen der Vernunft. Für Hegel war das Ende der Geschichte mit der Französischen Revolution erreicht und somit kein sozialistisches, sondern ein liberales Ende (daran knüpft auch Francis Fukuyama an). Für Kojève war das nicht der Fall. Und nach 1939, nach der letzten dieser Vorlesungen wäre das noch weniger der Fall gewesen.

Ich denke, dass er hier möglicherweise einen Ausweg bei Heidegger suchte, ohne dass ich dies konkret nachweisen könnte.

b) die analytische Philosophie und Hegel

Es wird meines Erachtens keine definitive „analytische Rekonstruktion“ des Hegelschen Werks geben.

Das liegt nicht so sehr daran, dass Hegel unklar wäre. Er begeht jedenfalls keine offensichtlichen Kategorienfehler, wie z. B. „moralische Briefkastenfirma“.

Ich glaube, dass die analytische Philosophie sagen muss: Es gibt kein Kriterium, nach dem wir beurteilen können, ob wahr oder nicht wahr ist, was Hegel behauptet.

Die analytische Philosophie hat eines: Das normale Sprachverständnis („Was meinen wir, wenn wir sagen …“).

Damit beginnt sie, darauf fällt sie immer wieder zurück.

Dafür ist Hegel zu „offen“ – und zu unbestimmt.

138 Earloffunk 18. September 2009 um 22:42

@ HAM…

ich muss wiederum ganz ehrlich sagen, das ich Putin sehr schätze…

… und wenn ich wählen könnte / müsste – würde ich mich ohne mit der Wimper zu zucken auf Putins Seite anstatt der Ami – Seite schlagen…

139 HAM 18. September 2009 um 22:51

@froZ #133

De omnibus dubitandum …
auch am Konzept des bürgerlichen Individuums.

Die empirischen Argumente gegen das bürgerliche Individuum, welche Du anführst, sind insofern zutreffend, dass die Realität der bürgerlichen Gesellschaft eben NICHT gekennzeichnet war durch jene humanistischen Individuen, von denen die bürgerlichen-emanzipatorischen Sozialphilosophen träumten.
Nun, hinsichtlich der Kritik an der Realität der bürgerlichen Gesellschaft besteht zwischen uns kein Dissens.
Warum hätte ansonsten ein Marx die bürgerliche Gesellschaft revolutionär überwinden wollen?

„Diese Geschichte verweist m.E. auch auf den vielleicht größten blinden Fleck der bürgerlichen Subjektfiktion: das Geschlechterverhältnis.“

Volle Zustimmung!

„Nun wirst Du vielleicht einwenden, daß dies in historischer Perspektive so sein mag, daß aber dennoch diese Form bürgerlicher Subjektivität sozusagen das unumgängliche Larvenstadium darstellt, aus dem heraus sich dereinst der Schmetterling einer freien Assoziation freier Individuen entfalten werde. Nun, das wäre eine geschichtsphilosophische Spekulation, die ich nicht so einfach vom Tisch wischen wollte. Aber ich habe doch meine Zweifel: Läßt sich eine Sumpfblüte so einfach in ein Trockenbiotop verpflanzen?“

Natürlich nicht, Goethe und Schiller sind in der heutigen Gesellschaft undenkbar.
Heute geboren, müssten sie womöglich ihr Geld als Sprachdesigner in einer Werbeagentur verdienen.

„Ich versuche selbst in meinen Polemiken immer respektvoll und dezent zu sein, und ich finde, in dieser Hinsicht bin ich doch fast der Knigge dieses Blogs…“

Ja, fast der Knigge… :-D

„…und bei Kapitalismuskritik vom Standpunkt des bürgerlichen Subjekts habe ich immer ein wenig den Verdacht, es handele sich eigentlich im wesentlichen um eine Kritik daran, daß die kapitalistische Warenwirtschaft mit ihrer formal-egalitären Zahlungslogik eben jene versteckten hierarchischen Abhängigkeiten auflöst, welche die bürgerliche Subjektimagination erst ermöglicht haben“

Dieser Verdacht ist sicherlich nicht unbegründet.
Falsch wäre aber eine Auffassung, die glaubt, daß die kapitalistische Warenwirtschaft mit ihrer formal-egalitären Zahlungslogik die hierarchischen Abhängigkeiten auflösen würde.
Das Gegenteil ist der Fall. Nur eben anders.

140 froZ 18. September 2009 um 23:44

@ HAM

O.K., Frieden für heute.

Putin…

Der Putinismus ist mir auch suspekt, andererseits: wenn man sich ansieht, was für Personal die Russen seit Chruschtschow sonst so an der Spitze hatten…

… wenn man die schwere Zerrüttung des Staatswesens und die Dauerkrise in den 90-er Jahren bedenkt…

… und wenn man sich dann noch in der benachbarten Ukraine umschaut:

http://de.rian.ru/postsowjetischen/20081112/118268133.html

… dann kann man, finde ich, verstehen, daß viele Russen das derzeitige Herrschaftssystem als die beste denkbare Variante betrachten.

141 paul pretzel 19. September 2009 um 11:49

hundertfünfzig jahre später ist das eher als historische primärquelle anzusehen. vielleicht sind die tagespolitischen / geistesgeschichtlichen arbeiten eher interessant, als das grosse fragment.
literatur: v. Berg. Marxixmus-Leninismus.
wurde seinerzeit totgeschwiegen, marxundengels als plagiatoren, das kommt bei den gläubigen nicht so gut.

nach meiner auffassung haben wir heute ein stadium der produktion erreicht, das dem avisierten sozialismus schon recht nahe kommt: eine aktiengesellschaft in streubesitz, ein fonds, ein hedgefond ist nicht viel anders, als gemeinschaftliches (sozialisiertes) kapital. staatseingriffe in die wirtschaft bis hin zur lenkung (doder dem versuch der lenkung) tun ein übriges.
literatur: Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie

das ganze brimborium und der klimbim vom neuen menschen hat weder mit wiwi noch mit sowi was zu tun, mit heilsversprechen, wei das religionen geben, umso mehr. wenn schon der kapitalist sehr effektiv ausbeutet, dann kann das der sozialist noch viel besser, siehe real existiert habende ddr. passt natürlich nicht ins weltbild von leuten, die als priester einer diesseitsreligion recht gut dabei leben.
literatur: Kowalkowski, Die Hauptströmungen des Marxismus
dazu Nigg, Ketzer, damit die Parallelen klar erkennbar werden

ach so, schon mal überlegt, was vom marxismus mitsamt seinen haupt- und nebenstrümungen noch übrig wäre, wenn lenin in wien an die leute gekommen wäre, die hitler die ideen gaben?
wo wären die gemeinsamkeiten, wo die unterschiede zu dem, was putin heute so als parole ausgibt?
literatur: Hamann, Hitlers Wien

142 melethron 19. September 2009 um 14:44

@Dietmar Tischer #137

zu a.)

Klar ist Kojève als Lektürenhilfe zu verstehen. Aber genau aus obigen Gründen sehe ich Kojève als Einführung eher ungeeignet. Ich denke, dass man gerade aufgrund seiner Auslegung (die viele nicht teilen) sich Hegel erst anders annähern sollte. Dann kann man ja Kojève immer noch lesen.

Ich würde es übrigens andersherum sagen: Nur durch das Erreichen des absolutes Wissen – durch das sich selbst als Geist wissen – aller Individuen wird das Ende der Geschichte erreicht (bzw ist es möglich – ob determiniert ist eine andere Frage).

Ich würde dem nicht zustimmen, dass Hegel mit der frz. Revolution das Ende der Geschichte sah (wenn man überhaupt davon Reden kann – s.u.). Siehe hierzu in der Phänomenologie: Der Abschnitt “Die Freiheit und der Schrecken” (S 431ff.) im Geist Kapitel. Dies sollte nämlich als Kritik an der frz. Revolution zu verstehen sein. Der Geist hat hier aber noch keine Sittlichkeit entwickelt. Vom “absoluten Wissen” ist man hier noch ein gutes Stückchen entfernt. Auch in den Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte heißt es :

“Von Robespierre wurde das Princip der Tugend als das Höchste aufgestellt, und man kann sagen, es sey diesem Menschen mit der Tugend Ernst gewesen. Es herrschen jetzt die Tugend und der Schrecken; denn die subjective Tugend, die bloß von der Gesinnung aus regiert, bringt die fürchterlichste Tyrannei mit sich. Sie übt ihre Macht ohne gerichtliche Formen, und ihre Strafe ist ebenso nur einfach — der Tod. Dieße Tyrannei mußte zu Grunde gehen; denn alle Neigungen, alle Interessen, die Vernünftigkeit selbst war gegen diese fürchterliche,consequente Freiheit, die in ihrer Concentration so fanatisch auftrat.”
-Hegel: Phil. d. Gesch. S 541 (google books)

Und später heißt es dann:

” Allein, wenn auch jetzt ein Hauptpunkt ausgeglichen worden, so bleibt einerseits immer noch dieser Bruch von Seiten des katholischen Princips, andrerseits der der subjectiven Willen. In der letztern Beziehung besteht die Haupteinseitigkeit noch, daß der allgemeine Wille auch der empirisch allgemeine seyn soll d. h. daß die Einzelnen als solche regieren, oder am Regimente Theil nehmen sollen. Nicht zufrieden, daß vernünftige Rechte, Freiheit der Person und des Eigenthums gelten, daß eine Organisation des Staates und in ihr Kreise des bürgerlichen Lebens sind, welche selbst Geschäfte auszuführen haben, daß die Verständigen Einfluß haben im Volke und Zutrauen in demselben herrscht; setzt der Liberalismus allem diesen das Princip der Atome, der Einzelwillen entgegen[fett hier und fortan von mir]: Alles soll durch ihre ausdrückliche Macht und ausdrückliche Einwilligung geschehen. Mit diesem Formellen der Freiheit, mit dieser Abstraction lassen sie nichts Festes von Organisation aufkommen. Den besonderen Verfügungen der Regierung stellt sich sogleich die Freiheit entgegen, denn sie sind besonderer Wille, also Willkür. Der Wille der Vielen stürzt das Ministerium, und die bisherige Opposition tritt nunmehr ein; aber diese, insofern sie jetzt Regierung ist, hat wieder die Vielen gegen sich. So geht die Bewegung und Unruhe fort. Diese Collision, dieser Knoten, dieses Problem ist es, an dem die Geschichte steht, und den sie in künftigen Zeiten zu lösen hat.
-Hegel: Phil. d. Gesch. S. 541

Also wenn man den Kapitalismus/anglizistischer Liberalismus (oder den Sozialismus – Stalin wäre aus hegelscher Sicht eine Art Widerholung von Robespierre) in seinen bisher verwicklichten Formen als Ende der Geschichte sieht, sollte sich wohl eher nicht auf Hegel berufen. Und in den letzten Sätzen schreibt Hegel übrigens nicht: “So das war’s nun. Die Geschichte ist vorbei.” Sondern:

“Bis hierher ist das Bewußtseyn gekommen, und dieß sind die Hauptmomente der Form, in welcher das Princip der Freiheit sich verwirklicht hat, denn die Weltgeschichte ist nichts als die Entwickelung des Begriffes der Freiheit. Die objective Freiheit aber, die Gesetze der reellen Freiheit fordern die Unterwerfung des zufälligen Willens, denn dieser ist überhaupt formell. Wenn das Objective an sich vernünftig ist, so muß die Einsicht dieser Vernunft entsprechend seyn, und dann ist auch das wesentliche Moment der subjectiven Freiheit vorhanden”
-Hegel: Phil. d. Gesch. S 546

zu b)
Die wichtigste Frage ist hier: „Was meinen wir, wenn wir sagen: Wahrheit“. Also nicht die Frage, ob dies oder das wahr ist, sondern den Begriff der Wahrheit überhaupt. Hegel untersucht eben vorpräpositionale Ausdrücke. Leider habe ich im Moment gerade keine Zeit das näher auszuführen (siehe hierzu aber die oben verlinkte VL, dort wird dies beschrieben – wenn auch nicht ausführlich genug).

Also eigentlich halte ich es auch nur notwendig, dass die analytische Philosophie sich mit der Wissenschaft der Logik beschäftigt.

Was das Rückfallen angeht, so bin ich mir nach dem “linguistic turn” nicht sicher. Ich muss auch sagen, dass ich mich bisher noch nicht genug mit neuerer/neuster analytischen Philosophie beschäftigt habe. Aber da das Bewusstsein nach Hegel prinzipiell versucht der Aporie zu entkommen, bin ich zuversichtlich ;-) . Wir werden sehen. Auch wenn die analytische Philosophie noch nicht daraus raus sein sollte so kann man nur sagen: “Bis hierher ist das Bewußtseyn gekommen.”

Grüße
melethron

143 Stephan 19. September 2009 um 15:35

Roter Oktober? Da denk ich an U-Boote und hab das “ping … ping …” Sonargeräusch im Ohr.

Aber sonst passt das perfekt! Ich les grad “Why read Marx today” von Jonathan Wolff und auf meinem Nachtkastl liegt “Marx’s Revenge” von Meghnad Desai.

Und da ich mir beim Klettern in Tirol ein paar Knochen gebrochen habe, hab ich Dank 2-Klassen Medizin auch viel Zeit in meinem schönen Einzelzimmer.

Und wenn das Lesen zu anstrengend wird, kann ich ja 3 Tage 24 Stunden lang fernschauen und berichten was das Hartz IV Proletariat so den ganzen Tag macht. Oder auch nicht … laut Stern schauen die ja alle nur mehr Pornos. Das geht in meinem OP-Umhang natürlich nicht.

144 Dietmar Tischer 19. September 2009 um 23:41

@ meletron # 147

a)

Sie:
>Ich würde es übrigens andersherum sagen: Nur durch das Erreichen des absolutes Wissen – durch das sich selbst als Geist wissen – aller Individuen wird das Ende der Geschichte erreicht (bzw. ist es möglich – ob determiniert ist eine andere Frage).>

Hegel lässt sich ohne Zweifel so lesen wie Sie (ob Hegel „ALLER Individuen“ unterschreiben würde, wage ich zu bezweifeln. Aber ich weiß es auch nicht anders).

Beleg für Ihre Lesart (in einer „starken“ Variante):
„Die Bewegung, die Form seines Wissens von sich hervorzutreiben, ist die Arbeit, die er (der Geist. D.T.) als wirkliche Geschichte vollbringt.“ (P.d.G. „Das Absolute Wissen“)
Geschichte ist hier „Werk“ des Geistes.

Ich:
>…. folgt er der Ansicht Hegels, dass Bewusstsein/Denken historisch bestimmt ist und daher nur am Ende der Geschichte „absolutes Wissen“ erreicht werden kann.>

Beleg für meine Lesart:

„Dass Geschichte , und zwar wesentlich der Weltgeschichte ein Endzweck an und für sich zum Grunde liege und derselbe wirklich in ihr realisiert worden sei und werde – der Plan der Vorsehung – das überhaupt Vernunft in der Geschichte sei, muss für sich selbst philosophisch und damit als an und für sich notwendig ausgemacht werden.“ (Enzyklopädie der phi-losophischen Wissenschaften, Teil III, Die Weltgeschichte, § 549)

Der Geist ist in der Geschichte, er offenbart sich durch Geschichte.

Ich glaube, dass weder die eine noch die andere Lesart Hegel gerecht wird, wenn sie die jeweils andere ausschließt. Hegel würde die Entwicklung von Geist und Geschichte mit dem Rückgriff auf die Kategorien Ursache und Wirkung als nicht angemessen verstanden ansehen.

Einig sind wir uns, dass für Hegel „Absolutes Wissen“ und das „Ende der Geschichte“ zusammenfallen.

Zur Französischen Revolution:

Hier akzeptiere ich Ihre Kritik. Die Französische Revolution ist für ihn nicht das Ende der Geschichte.

Wenn für Hegel Philosophie „ihre Zeit in Gedanken gefasst“ ist (Vorwort zur „Philosophie des Rechts“) und er ebenda schreibt („Das germanische Reich“, § 358): „ … erfasst der in sich zurückgedrängte Geist … die unendliche Positivität seines Inneren, das Prinzip der Einheit der göttlichen und menschlichen Natur, die Versöhnung als der innerhalb des Selbstbewußtseins und Subjektivität erschienen objektiven Wahrheit und Freiheit, welche dem nordischen Prinzip der germanischen Völker zu vollführen übertragen wird“, dann darf man vielleicht so viel sagen: Die Französische Revolution (als unmittelbarer Vorläufer und Bedingung für das „Germanische Reich“) ist für ihn so etwas wie der Anfang vom Ende der Geschichte.

Zu unterstreichen wäre dies mit Aussagen in seiner Berliner Zeit über die Französische Revolution, mit der er ein neues Weltalter angebrochen sah „sich der Mensch auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut“.

Die Autorität zu diesem Thema ist wohl noch immer Joachim Ritter mit „Hegel und die Französische Revolution“.

b) Hegel und die Analytische Philosophie

Ich bin ganz sicher nicht auf dem letzten Stand der analytischen Philosophie, soweit die sich mit dem Wahrheitsbegriff befasst. Aufgrund der Davidson/Rorty-Debatte über den Wahrheitsbegriff glaube ich allerdings, dass es möglicherweise keine PHILOSOPHISCH befriedigende Antwort auf die Frage „Was meinen wir, wenn wir sagen: Was ist Wahrheit?“ geben wird.

Für Davidson heißt die Antwort: Die Bedeutung von Sätzen sind durch ihre Wahrheitsbedingungen bestimmt, d.h. dadurch, dass ich angeben kann, unter welchen Bedingungen sie wahr sein können. „Es regnet“ ist demnach wahr, wenn schwarze Wolken am Himmel sind, und Wasser von oben auf meine Hand fällt, wenn ich diese aus dem Fenster strecke.

Wie immer man dazu steht – Hegel wird man meines Erachtens damit nicht erklären können. Denn Hegel würde meiner Meinung nach sagen: Das Bewusstsein setzt sich selbst die Bedingungen seiner Wahrheit.

Rorty setzt dem eine von Wittgenstein entlehnte Gebrauchstheorie sprachlicher Bedeutungen entgegen: Eine Sprache sprechen und verstehen zu können, heißt demnach nichts anderes als die Ausdrücke dieser Sprache richtig gebrauchen zu können. Der Wahrheitsbegriff ist damit als philosophisches Projekt überflüssig. Das ist die Auffassung des Neopragmatismus. Hegel würde ihm Kapitulation bescheinigen.

Sie sind Mathematiker und schließen Widersprüchlichkeit als Axiom aus.

Begründen bzw. rechtfertigen Sie MATHEMATISCH/LOGISCH, warum sie es ausschließen?

Und wenn so, wo enden Sie damit?

Genügt es Ihnen nicht zu sagen, ich schließe es aus, weil ich damit als Mathematiker erfolgreich bin?

Man muss nicht alles begründen wollen, nur weil man alles zu begründen versuchen kann (was nicht heißt, jeden Unsinn durchgehen zu lassen).

Korrespondenz-, Kohärenz-, und Konsens-Theorie der Wahrheit – alle sind philosophisch gescheitert.

Für den Instrumentalismus/Pragmatismus sind alle drei bedingt berechtige Wahrheitstheorien, weil sie uns auf unterschiedlich Weise ermöglichen, die Fähigkeiten unseres Gehirns adaptiv erfolgreich einzusetzen. Damit ist der Wahrheitsbegriff eine kognitionsbiologische Hypothese, die ihn einem empirisch, realwissenschaftlichen Zugriff öffnet.

145 lemming 20. September 2009 um 00:28

Das ist ja alles ganz nett, und so weit so strittig wie bekannt:
Platon: Ideen
Descartes: Cogito
Kant: Vernunft
(Fichte: Ich)
Hegel: Geist

Worum es geht, ist die “geschichtliche Wahrheit”, die Hegel erstmals aufs Tapet bringt und die Marx “materialisiert”, und Sohn-Rethel dies dann auf seine Ursprünge in der Antike zurückverfolgt.
Die Frage, jenseits hegelschen “Geistes” ist: Gibt es eine Geschichte der Menschheit oder gibt es nur (spenglersch/huntingtonsch) Geschichten von Kulturen? Wenn es die Globalisierung wirklich gibt, dann ist die Antwort klar, und auch, wo der “Geist” wirklich zu lokalisieren ist: nämlich in den Produktions- und Aneignungsverhältnissen. Das meinte Marx mit dem von dem Kopf auf die Füße stellen. Es gibt aber immer noch Leute, die Kopfstände bevorzugen, nicht nur bei den Ökonomen…

146 Dietmar Tischer 20. September 2009 um 13:50

Ja, wenn die Antwort so klar ist …

Klar.

147 melethron 20. September 2009 um 17:32

@Dietmar Tischer

Zu a)

Zitat von Ihnen: “Die Französische Revolution [...] ist für ihn so etwas wie der Anfang vom Ende der Geschichte.

Absolute Zustimmung! Die Idee der allgemeinen [sic!] Freiheit wurde dort zum ersten mal erfasst (im Gegensatz zu den Griechen mit den Sklaven etc). Realisiert aber eben noch nicht. Wie bereits oben erwähnt gibt es nach Hegel Gründe, dass sie noch nicht realisiert worden ist. Gerade der Punkt des “Atomismus der Einzelwillen” ist heute immer noch so relevant wie damals. Auch wenn es Kritik daran gibt so sind die Lösungen auch immer nur eine “Fraktion” des allgemeinen Willens (der aus den selben Gründen scheitern muss): z.B Berufung auf “gemeinsame” Christliche Werte oder was sonst noch so im Geplänkel des “natürlichen Bewusstsein” an der Tagesordnung ist. Um nun dort raus zu kommen sehe ich (und Hegel – wie ich verstehe) keine andere Möglichkeit, außer dass die Individuen eben den allgemeinen zu ihrem eigen machen und nach Hegel aber dennoch als atomare Einheiten, als Individuen, erhalten bleiben:

“Was ihm darin verschwindet, ist das abstrakte Sein oder die Unmittelbarkeit des substanzlosen Punkts, und diese verschwundene Unmittelbarkeit ist der allgemeine Wille selbst, als welchen es sich nun weiß, insofern es aufgehobene Unmittelbarkeit, insofern es reines Wissen oder reiner Wille ist. Hierdurch weiß es ihn als sich selbst und sich als Wesen, aber nicht als das unmittelbar seiende Wesen, weder ihn als die revolutionäre Regierung oder als die die Anarchie zu konstituieren strebende Anarchie, noch sich als Mittelpunkt dieser Faktion oder der ihr entgegengesetzten, sondern der allgemeine Wille ist sein reines Wissen und Wollen, und es ist allgemeiner Wille, als dieses reine Wissen und Wollen. Es verliert darin nicht sich selbst, denn das reine Wissen und Wollen ist vielmehr es, als der atome Punkt des Bewußtseins. Es ist also die Wechselwirkung des reinen Wissens mit sich selbst; das reine Wissen als Wesen ist der allgemeine Wille; aber dieses Wesen ist schlechthin nur das reine Wissen.”
– Hegel: PdG S. 440

Kleine Anmerkung dazu. Das hat ein bisschen was vom Atomverständnis in der klassischen Mechanik (Einzelwillen) und der der Quantenmechanik (Teil des allgemeinen Willens). Dies aber nur mal so als kurzer Gedanke in den Raum geworfen. Solche Vergleiche hinken in der Regel immer und sind ohne Erkenntnisgewinn.

Weiter zu ihrem Kritikpunkt, dass Hegel wohl nicht das Erreichen des absoluten Wissens aller Individuen gemeint haben kann. Auch hier gebe ich ihnen absolut recht. Jedoch war dies eher eine unpassende Formulierung meinerseits. Schon alleine, da wir mit einem “natürlichen Bewusstsein” das sich erst zum Geist entwickeln muss spricht gegen die strikte Formulierung durch den Allquantor ;-) . Ich hatte dies eher im Sinne einer gravierenden Mehrheit gemeint. Der Rest ist dann als – modern ausgedrückt – “Hintergrundrauschen” zu verstehen.

Soweit mal zu den Übereinstimmung. Jedoch muss ich einem ihrer Punkte ganz vehement widersprechen (Zitat): “Einig sind wir uns, dass für Hegel „Absolutes Wissen“ und das „Ende der Geschichte“ zusammenfallen.”

Hier stimme ich garnicht überein. Denn Hegel setzt das absolute Wissen aus der Phänomenologie für seine späteren Betrachtungen und für Wissenschaft überhaupt voraus:

“Die Reihe seiner Gestaltungen, welche das Bewußtsein auf diesem Wege durchläuft, ist vielmehr die ausführliche Geschichte der Bildung des Bewußtseins selbst zur Wissenschaft”

“Die Erfahrung, welche das Bewußtsein über sich macht, kann ihrem Begriffe nach nichts weniger in sich begreifen als das ganze System desselben oder das ganze Reich der Wahrheit des Geistes, so daß die Momente derselben in dieser eigentümlichen Bestimmtheit sich darstellen, nicht abstrakte, reine Momente zu sein, sondern so, wie sie für das Bewußtsein sind oder wie dieses selbst in seiner Beziehung auf sie auftritt, wodurch die Momente des Ganzen Gestalten des Bewußtseins sind. Indem es zu seiner wahren Existenz sich forttreibt, wird es einen Punkt erreichen, auf welchem es seinen Schein ablegt, mit Fremdartigem, das nur für es und als ein Anderes ist, behaftet zu sein, oder wo die Erscheinung dem Wesen gleich wird, seine Darstellung hiermit mit eben diesem Punkte der eigentlichen Wissenschaft des Geistes zusammenfällt; und endlich, indem es selbst dies sein Wesen erfaßt, wird es die Natur des absoluten Wissens selbst bezeichnen.”
- Hegel: PdG S. 73 u. 80f

Ich gebe ihnen an der Stelle insofern Recht, dass die Realisierung des absoluten Wissens durch den Weltgeist mit dem Ende der Geschichte zusammenfallen müsste. Das heißt aber nicht, dass einzelne (hier Hegel) nicht schon das absolute Wissen erreichen können:

“In dem Begriffe, der sich als Begriff weiß, treten hiermit die Momente früher auf als das erfüllte Ganze, dessen Werden die Bewegung jener Momente ist. In dem Bewußtsein dagegen ist das Ganze, aber unbegriffene, früher als die Momente.”
– Hegel: PdG S.584

Das ist etwa so wie bei der Freiheit des Herrn in der Dialektik der Herrschaft und Knechtschaft. Der Herr hat seine Freiheit nur als Moment der allgemeinen Freiheit realisiert. Die allgemeine Freiheit ist aber in diesem Moment – unbegriffen – schon enthalten, jedoch aufgrund des unfreien Sklaven noch nicht realisiert. So wie aus diesen Momenten nun der Begriff der allgemeinen Freiheit gewonnen werden kann ohne bereits realisiert zu sein, kann auch Hegel das absolute Wissen zum Begriff bringen und für sich – aber nicht an und für sich – realisieren. Wie aber durch die Befreiung eines einzelnen Sklaven noch nicht der Begriff der allgemeinen Freiheit realisiert wird, so wird auch das absolute Wissen als allgemeines nicht durch die Realisierung eines Einzelnen erreicht. Und bleibt somit selbst nur Moment für sich. Sollte ich ihre Kritik hier falsch Verstehen und sie meinten die Realisierung des allgemeinen absoluten Wissen in diesem Sinne, so sind wir uns in diesem Punkt doch einig.

Eben aus diesem Punkt sehe ich in unseren Lesarten prinzipiell gar keinen Widerspruch. Wenn sie schreiben (Zitat): “Der Geist ist in der Geschichte, er offenbart sich durch Geschichte”. Ich gebe ihnen absolut Recht, dass die Geschichte in ihren Momenten die Offenbarung des Geistes bedingen. Jedoch nicht den Geist selber. Insofern steht meine Lesart nur insofern im Widerspruch mit ihrer, als ich die zwischen unbegriffenen Geist und dem “zum Begriff bringen” nicht unterschieden habe. Wenn sie dann aber schreiben (Zitat):
“Ich glaube, dass weder die eine noch die andere Lesart Hegel gerecht wird, wenn sie die jeweils andere ausschließt. Hegel würde die Entwicklung von Geist und Geschichte mit dem Rückgriff auf die Kategorien Ursache und Wirkung als nicht angemessen verstanden ansehen.” so möchte ich daraufhin betonen, dass ich die Ursache doch ganz auf der Seite des Geistes sehe. Der Geist ist also – meinem Verständnis nach – an sich Ursache der Geschichte und zeigt sich für uns (bzw für sich) in einzelnen (zeitlichen) Momenten als Erscheinungen. Er offenbart sich aber an und für sich erst wenn seine Erscheinungen als Momente begriffen werden und er somit zum Begriff gebracht wird und erst dann vollkommen ist:

“Die Zeit ist der Begriff selbst, der da ist und als leere Anschauung sich dem Bewußtsein vorstellt; deswegen erscheint der Geist notwendig in der Zeit, und er erscheint so lange in der Zeit, als er nicht seinen reinen Begriff erfaßt, d.h. nicht die Zeit tilgt.”
-ebd.

Durch jenes Tilgen der Zeit wird aber die oben gemachte Unterscheidung obsolet. Somit gibt es also durchaus eine Übereinstimmung in unseren Lesarten. Da nämlich Ursache und Wirkung ohne Zeit zusammenfallen. In Ansehung der Zeit aber, sind die scheinbaren Ursachen in der Geschichte eben nur Momente des Geistes selbst und dürfen somit – meiner Lesart nach – nicht als Ursachen verstanden werden.

zu b)

Gerade das meinte ich ja nicht. Es geht nicht um die Frage: “Was ist Wahrheit?” die ja ein präpositionaler Ausdruck ist.Sondern um den vorpräpositionalen Begriff “Wahrheit”, der ja an sich selbst schon seine Unterscheidung zu sich selbst enthält. Seine notwendige und somit wesentliche Bestimmung nur als Abgrenzung zu anderem, also durch sein für sich sein erhält und somit an und für sich als die absolute Negation seiner selbst begriffen werden kann.

Wie gesagt bin ich mit der Entwicklung der analytischen Philosophie selbst nicht gut vertraut. Jedoch fand ich das Skript zur VL von Welsch sehr anregend. Eine ordentliche Einarbeiten in die analytische Philosophie steht auf meiner “to-do” Liste weit oben. Das Hegel – so wie sie es beschrieben haben – nicht erfasst werden kann, gebe ich ihnen absolut Recht. Aber nach Welschs Darstellung wächst die analytische Philosophie eben gerade über dieses Sprachverständnis hinaus.

Was das ausschließen der Widersprüchlichkeit angeht, so verstehe ich diesen Punkt nicht. Ich habe doch keine Widersprüchlichkeit ausgeschlossen. Jedoch ist mir keine formalisierte konsistente Logik bekannt in der der Satz des Widerspruchs nicht gilt (der Satz des ausgeschlossen des Dritten gilt aber zB in der intuitionistischen Logik nicht).

Ich denke also, dass Konsistenz doch ein Kriterium ist. Wie sie sagen setzt sich bei Hegel das Bewusstsein die Bedingungen seiner Wahrheit selbst. Und Hegel prüft nun die Konsistenz dieses Bewusstseinszustand. Eben so ist es auch mit der üblichen Mathematik beschaffen. Sie setzt sich den ausgeschlossenen Widerspruch als Wahrheit und muss zur Wahrung ihre Konsistenz somit auf die Vollständigkeit verzichten (Gödel).

In der Mathematik als Ganzes gefasst ist aber der Widerspruch nicht wirklich ausgeschlossen. Ich kann zum Beispiel mit ZF+A arbeiten, als auch mit dem Gegenteil des Auswahlaxioms arbeiten. Also ZF+(non)A. Somit widersprechen sich bestimmte Bereichen. Was aber beides rechtfertigt ist ihre relative Widerspruchsfreiheit (also ihre Konsistenz).

Das Problem, dass ich nun für eine Logik sehe wäre vorab augenscheinlich nicht die Konsistenz die sich aus der Negation des Satzes des ausgeschlossen Widerspruchs ergibt. Denn eine solche Logik ist auf den ersten Blick inkonsistent. Jedoch ist sie willkürlich. Denn wenn ich sage A und non-A muss gelten so muss eben immer alles gelten. Dieser Willkürvorwurf würde Hegel ja auch gemacht (Popper). Aber Hegel hat die Willkür der bloß unbestimmten Negation selbst kritisiert. Eine solche Logik wäre also vorerst scheinbar konsistent. Es gilt eben alles. Auf den zweiten Blick aber ist sie es eben doch, denn aufgrund der Unbestimmtheit der Wahrheit fällt diese nämlich ebenso mit ihrem Gegenteil zusammen. Dadurch wird aber diese Logik dem Wahrheitsanspruch den sie selbst stellt selbst nicht fähig. Wenn alles wahr ist ist eben auch alles falsch. (Das ist wie beim reinen Sein, das aufgrund seiner unbestimmtheit mit dem reinen Nichts zusammenfällt. Eine klassische Logik mit der Negation des Satz des Widerspruchs wäre also auch nach Hegelschen Kriterien nicht haltbar und inkonsistent.

Da ich aber im Gegensatz dazu Hegels Logik eben nicht für inkonsistent halte, wäre es zu befürworten diese Logik auch zu formalisieren. Nur leider habe ich im Moment keinen blassen Schimmer wie das zu gewährleisten ist. Leider machen wir in der Mathematik kaum Mengenlehre und keine Beweistheorie bzw Logik und ich bin darauf angewiesen mir diese Sachen selbst anzueignen. Aber prinzipiell bin ich zuversichtlich was die Möglichkeit angeht. So hat man zum Beispiel vor 100 Jahren noch gemeint, dass zirkuläre Definitionen inkonsistent sind. Aber es gibt in der Mengenlehre zB die “non-well-founded set theory” die zirkuläre Mengen zulässt. Diese ist relativ widerspruchsfrei und auch Russells Paradox tritt darin nicht auf. Jedoch muss das ganze eben noch weiter gehen. Auch wenn dann “selbstreferentielle Aussagen” möglich sind so sind selbstreffentielle negative Aussagen aus der Mathematik verbannt. In gewisser Weise sind aussagen wie “ich bin ein Lügner” für die Mathematiker nicht wohldefiniert. So werden eben solche Aussagen mit Formelsalat gleichgesetzt. Ich kann aber als Philosoph nicht sagen, dass Sätze wie “ich bin ein Lügner” Buchstabensalat wie “asjd hsdafh kshfhak hdfhsdsdsds” ist.

Aber wie ich schon oben gesagt habe, eine klassische Logik mit der Negation des Satzes des Widerspruches schließe ich eben aus, da diese ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht wird.

Übrigens würde ich Hegel prinzipiell nicht so weit vom Neopragmatismus entfernt sehen. Aber wie gesagt, eine ausreichende Beschäftigung damit steht bei mir noch aus und ich möchte nicht, dass sie dies als mein letztes Wort sehen.

Weiterhin würde es mich sehr interessieren wie sie sich Widersprüchlichkeit als Axiom vorstellen, so das diese Logik eben ihrem selbst gesetzten Wahrheitsanspruch gerecht wird. Wie schon oben gesagt sehe ich auf Basis der klassischen Logik diese Möglichkeit nicht. Bin aber sowohl für Alternativen als auch Argumente gegen meinen Standpunkt offen.

Und noch eine letzte Frage, sind sie im akademischen Bereich tätig oder ist ihr Intresse an der Philosophie privater Natur (was ersteres ja nicht ausschließt).

Grüße
melethron

148 Dietmar Tischer 23. September 2009 um 00:53

@ melethron

Ich danke Ihnen für die sehr ausführliche, gehaltvolle Antwort.

zu a)

Ich denke, dass es keine großen Unterschiede dazu gibt, wie Hegel zu lesen ist. Ich will ihnen auch nicht widersprechen in Ihren Bewertungen meiner Ausführungen, weil

a) die Unterschiede aus meiner Sicht eher in Akzentuierungen liegen (wenn es überhaupt nennenswerte Unterschiede gibt),

b) ich Ihre Begründungen gut finde und

c) Hegel nicht (mehr) so intensiv und umfänglich lese wie Sie es offenbar tun.

Ich will noch etwas zur Geschichtsphilosophie von Hegel sagen, um darzulegen, wie man ihn jenseits eines angemessenen Verständnisses meiner Meinung nach zu „verorten“ hat.

Ich glaube, dass Sie Hegel richtig interpretieren, wenn Sie schreiben:

>Der Geist ist also – meinem Verständnis nach – an sich Ursache der Geschichte und zeigt sich für uns (bzw. für sich) in einzelnen (zeitlichen) Momenten als Erscheinungen. Er offenbart sich aber an und für sich erst wenn seine Erscheinungen als Momente begriffen werden und er somit zum Begriff gebracht wird und erst dann vollkommen ist>

Es geht bei Hegel nicht um eine Folge von unzusammenhängenden Ereignissen. Geschichte ist zielgerichtetes WERDEN oder wie Sie an anderer Stelle sagen „Realisierung des absoluten Wissens“ derart, dass diese Realisierungen – Momente des Werdens als Erscheinungen – dem Telos des in der Geschichte innewohnenden Vernünftigen entsprechen wie Hegel wohl zustimmend sagen würde.

Wenn man Hegel so versteht, begreift man auch die folgende Feststellung aus dem Vorwort zu den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“:

„Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“

Das ist konsequentes Denken und aus seiner Sicht überhaupt nicht zu kritisieren.

Es ist aber auch ersichtlich der Punkt, an dem man Hegel nicht mehr folgen muss.

Ich habe zwei Gründe dafür:

1. Wir wissen – auf welcher „unvollendeten Wissensstufe“ nach Hegel auch immer –, was geschichtlich jeweils wirklich ist. Dieses Wirkliche bewerten wir mit Blick auf das, was wir – wie uneinsichtig wir auch noch sein mögen – für vernünftig halten. Dabei kommen wir zu Ergebnissen, die dem Satz „was wirklich ist, das ist vernünftig“ widersprechen (1. und 2. Weltkrieg, Totalitarismus im 20. Jahrhundert z. B.). Wir können deshalb Hegels Geschichtsphilosophie nicht akzeptieren.

Der epistemische Grund dafür ist, dass Hegel voraussetzt, dass wir „absolutes Wissen“ haben müssen, um zu erkennen, dass wahr (und notwendig wahr) ist, was er behauptet hinsichtlich der geschichtlichen Entwicklung. Wenn wir es haben, dann können wir erkennen, dass manche Ereignisse eine „List der Vernunft“ sind, wie er es einmal ausgedrückt hat. Für das 20. Jahrhundert interpretiert, könnte das verdeutlichend heißen: Es musste erst die Ungeheuerlichkeiten geben, bevor eine UNO gegründet wurde – die UNO als ein historischer Schritt in Richtung einer Offenbarung des Geistes an und für sich.

Solche Interpretationen werden zu recht nicht akzeptiert.

Sie haben den gleichen epistemischen Stellenwert, der in einer Erklärung des Wiener Kardinals Christoph Schönborn in der N.Y.T. aus dem Jahr 2005 zu finden ist:

„Die Evolution im Sinn einer gemeinsamen Abstammung (aller Lebewesen) kann wahr sein, aber die Evolution im neodarwinistischen Sinn – ein zielloser, ungeplanter Vorgang zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion – ist es nicht. Jedes Denksystem, das die überwältigende Evidenz für einen Plan in der Biologie leugnet oder wegzuerklären versucht, ist Ideologie, nicht Wissenschaft.“

Dahinter steht die Auffassung, dass die Annahme eines „Plans“ (des Schöpfers) ein Art Postulat der Vernunft ist. Dabei kann sich der Kardinal auf den Katechismus der katholischen Kirche berufen, der da lautet: „Durch seine natürliche Vernunft kann der Mensch Gott aus dessen Werken mit Gewissheit erkennen“.

Jeder weiß, dass die überwältigende Evidenz erklärbarer naturhistorischer Ereignisse für die darwinistische Evolution spricht und eben nicht für einen Plan irgendeines Gotts, WEIL die Evolution eben nicht nur ein „Denksystem“ ist, sondern auch auf empirischer Evidenz beruht.

Wir adaptieren nicht Wahrheit, um dann dieser Wahrheit entsprechend die empirischen Ereignisse einzuordnen. Was als wahr anzunehmen ist, ergibt sich vielmehr aus den Ereignissen.

2. Wir begreifen uns als autonom bestimmende Gestalter der Geschichte. Denn wir erfahren uns als diejenigen, die z. B. Kriege beginnen oder Frieden schließen etc. Es gibt von daher nicht den geringsten Grund uns als „Ausführende“ irgendeines wie auch immer beschaffenen Telos der Geschichte zu verstehen.

Fazit: Hegel ist Sinnstifter. Was er sagt, hat nichts mit der Realität zu tun oder wenn doch, dann allenfalls zufällig.

149 melethron 23. September 2009 um 17:27

@Dietmar Tischer

zu c) ich würde mich nicht als Hegelkenner bezeichnen. Auch wenn ich mich intensiv damit beschäftige ordne ich mich eher noch zu den “Anfängern”

Ihrem Vergleich mit dem “intelligent design” stimme ich voll und ganz zu. Hegels “VL der Philosophie der Geschichte” endet nicht umsonst mit folgenden Worten:

“Daß die Weltgeschichte dieser Entwickelungsgang und das wirkliche Werden des Geistes ist, unter dem wechselnden Schauspiele ihrer Geschichten, — dieß ist die wahrhafte Theodicee, die Rechtfertigung Gottes in der Geschichte. Nur die Einsicht kann den Geist mit der Weltgeschichte und der Wirklichkeit versöhnen, daß das, was geschehen ist und alle Tage geschieht, nicht nur nicht ohne Gott, sondern wesentlich das Werk seiner selbst ist.”

Aber auch wenn dies Hegels Begründung ist, so lesen ich ihn doch eher “evolutionstheoretisch” bzw. als “introspektive Psychologie”. Ob ich diese Lesart beibehalten kann, weiß ich noch nicht. Im Moment beschäftige ich mich hauptsächlich mit der Phänomenologie. Ob ich – wie ich es hier tue – diese Überlegungen wirklich auf die Phil. d. Gesch. anwenden kann weiß ich wie gesagt noch nicht. Ich möchte kurz zwei Beispiele nennen wie ich das meine:

1. Die Pubertät. Das Trotzverhalten in der Pubertät ist gewiss kein von Vernunft geprägtes Verhalten. Dennoch würde wohl heutzutage kaum ein Pädagoge diese Phase als “Störung” der Entwicklung, sondern als Teil der Entwicklung sehen. Für ein selbstständiges vernünftiges Subjekt ist diese Phase notwendig. Durch bloßes Nachahmungsverhalten würde sich wohl kaum etwas wie Vernunft entwickeln können. Wenn nun diese Phase notwendig ist zur Entwicklung ist, so ist sie eben auch Teil des Resultats. Aus diesem Grund muss in der Betrachtung der Entwicklung eben auch das was dem Verstand als unvernünftig erscheint (die Unterscheidung Verstand Vernunft ist bei Hegel immens wichtig) doch als notwendig für die Vernunft angesehen werden. Was aber notwendig ist eben auch wesentlich. Es liegt also im Wesen der Vernunft selber. Das was Kant “positive Unvernunft” nannte, gibt es bei Hegel nur für den Verstand. Die “postitive Unvernunft” ist eine Erscheinung (ein “für sich”) der Vernunft und somit ein Moment der Vernunft “an und für sich”.

Und so lässt eben der einsichtige Pädagoge das Kind ein wenig trotzen und Hegel den “Weltgeist” Kriege führen. Wenn das Kind sein Maß überschreitet folgt die Strafe. Ebenso beim Weltgeist, nur der straft den partikulären Willen in sich selbst. Und auch wenn die Geschichte unglaublich langsame Fortschritte macht, so hat sich zumindest ein klein wenig was getan, was unser Freiheitsverständnis angeht.

2. Evolution. Hier brauchen wir nur eine einzige Prämisse. Nämlich das Leben sich selbst Zweck ist. Der Überlebensdrang jedes Lebewesens bzw der Art im Ganzen sollte als Evidenz genügen. Da natürlich nun das Leben Schranken durch die Naturgesetze hat (Organismus muss Energie umwandeln etc.) muss es diesen gehorchen. Überschreitet es das Maß so wird durch Aussterben korrigiert. Das Wechselspiel aus Mutation (Willkür) und Selektion (Notwendigkeit) ist in meinen Augen absolut vernünftig. Dies soll aber bitte nicht so verstanden werden, dass es einem Plan gehorcht, wie es der zitierte Pfaffe sich wünscht. Den “Plan” geben die Naturgesetze vor. Wenn sich zum Beispiel, das Auge auf 6 verschieden unabhängigen Zweigen der Evolution entwickelt hat, so liegt das schlicht daran, dass dies die beste physikalische Lösung ist. Diese Lösung ist schlicht “vernünftig”. Möchte ich auf vernünftige Weise ein Gerät zur “Lichtmessung bauen, so würde ich es mit meinen physikalischen Kenntnissen dies nicht anders realisieren. Da die Willkür der Mutation ein notwendiges Moment zu Anpassung ist, ist es fatal die Evolution als Ganzes ziellos zu nennen. Das Ziel fällt wieder mit der Ursache zusammen. Leben als ein sich selbst erhaltender Prozess. Nicht nur die Evolutionstheorie ist vernünftig, sondern in meinen Augen auch die Evolution selbst.

Übrigens denke ich, dass man keinesfalls falsch liegt wenn man die Phänomenologie als “Evolution der Bewusstseinsformen” ansieht, die solange durch Bewusstseinsformen die sich aus der vorherigen bildet (Mutation) und einer Selbstfalsifizierung (Selektion) voranschreitet, bis keine weiter Anpassung mehr möglich ist absolutes Wissen erreicht ist (natürlich in Anbetracht der Zeit – absolutes Wissen heute hat andere Bedingungen als damals – der Begriff wird sowieso meist falsch verstanden).

Somit denke ich, dass meine Lesart bestimmt mit ihrer Kritik in Einklang zu bringen ist.

Noch was zu Punkt 2: Sind wir wirklich autonom bestimmte Gestalter der Geschichte? Oder sind wir nicht vielmehr “Kinder unserer Zeit” (wie Hegel sagen würde). Ich denke, dass der Knackpunkt hier vor allem an dem Telos, an dem vermeinten Ziel der Geschichte liegt. Ich denke, dass man Hegel hier anders verstehen muss. Die Geschichte ist wie das Leben sich selbst Zweck (bzw entstammt dem Selbstzweck des Geistes, der dem Selbstzweck des Lebens entstammt). Und eventuell lässt sich die Hegelsche Geschichtsinterpretation als Fortsetzung der Evolution lesen. Die Willkür der einzelnen als Mutation und der allgemeinen Willen aller als Selektion (Jedoch ist diese Aussage aber unter Vorbehalt zu verstehen. Wie gesagt, bisher bin ich nur mit der Phänomenologie vertraut und mit dem Rest nur rudimentär. Daher lehne ich mich hier vielleicht zu weit aus dem Fenster). Aber dennoch noch ein passendes Zitat zum “Telos” der Welt:

“Das unbefriedigte Streben verschwindet, wenn wir erkennen,
daß der Endzweck der Welt ebenso vollbracht ist, als er sich ewig vollbringt.”
– Hegel: Enzyklopedie §234 Zusatz

Grüße
melethron

150 Dietmar Tischer 26. September 2009 um 11:49

@ melethron

1. zu Hegel:

Ich meine auch, dass man Hegel sehr wohl „evolutionstheoretisch“ und speziell die P.d.G. als „Evolution der Bewusstseinsformen“ verstehen kann. Denn in allen seinen Schriften geht es um „Entwicklung“. Allerdings: Es gibt bei Hegel kein „open end“, sondern das Ende ist Vollendung.

Zu Pubertät: Ich finde das Beispiel zwar überzeugend mit Blick auf das Erwachsenwerden, aber nicht angemessen mit Blick auf die Ereignisse des 20. Jahrhunderts, auf die ich verwie-sen habe. Die Pubertät ist sicher notwendig fürs Erwachsenwerden, aber ich würde nicht sagen, dass der Faschismus oder der 2. Weltkrieg NOTWENDIG waren für die – sagen wir – Weiterentwicklung der Zivilisation.

2. Evolution

Ich wollte Evolution nicht zum Thema machen, sondern nur anhand des Kardinal-Zitats zeigen, dass eine Argumentationsparallele zu Hegel besteht. Der Kardinal stellt ebenso wie Hegel (aber natürlich anders als dieser) ein Wissenspostulat als Erkenntnisbedingung auf, mit dem er empirische Befunde derart unterordnet, dass sie für Erkenntnisgewinnung grundsätzlich untauglich sind. Soweit das Zitat zur Veranschaulichung dienen soll, spielt Evolution nur zufällig rein.

Da Evolution nun einmal angesprochen wurde, so viel dazu aus meiner Sicht:

Mutation kann man, denke ich, als zufällig ansehen (zumindest aus unserer kognitiven Perspektive).

Hier eine Erklärung zur Mutation, die meiner Ansicht richtig, eindeutig und in unserem Zu-sammenhang hinreichend ist:
Der der Mutation zugrunde liegende Vorgang der genetischen Rekombination ist die Ursache jeder Variation und damit der genetischen Vielfalt, die wiederum die Voraussetzung für Evolution darstellt.

Die Willkür der Mutation ist meinem Verständnis nach aber kein notwendiges Moment der Anpassung, wie Sie sagen. „Notwendiges Moment der Anpassung“ – ich weiß nicht, was das heißen soll.

Wenn Sie schon eine Verbindung von Mutation und Anpassung herstellen wollen, dann ist es meinem Verständnis nach diese:

Ohne Anpassung keine Mutation. Denn es mutieren immer nur Gene von hinreichend angepassten Individuen. Heißt: Individuen müssen wenigstens insoweit angepasst sein, dass sie lang genug leben, um sich reproduzieren und dabei mutieren zu können. Durch Mutation aber noch keine Anpassung: Denn es kann sein, mutierte Lebewesen nicht hinreichend anpassungsfähig sind und daher sterben, bevor sie sich hinreichend reproduzieren und dabei mutieren können.

Das ist der grundlegende Zusammenhang der beiden entscheidend wirkenden FAKTOREN. Das SCHICKSAL neuer Mutationen hängt u. a. von der GRÖSSE der Population ab, die wiederum von der Anpassung, d.h. dem Selektionsdruck abhängig ist. Eine größere Population hat ein größeres Potenzial für Mutationen bei gleicher Kombinationfähigkeit der Gene (Gendrift).

Anpassung hat mit der Mutation als generativem Verfahren für Variation nichts zu tun. Es ist ein völlig anderes Konzept und im Zusammenhang mit „Existenzbedingung“ zu verstehen.

Selektion ist das PRINZIP, nach dem diejenigen Individuen, die unter ihren Existenzbedingungen die fürs Überleben genetisch bedingt beste „Ausstattung“ haben, zur Fortpflanzung bevorteilt sind („survival of the fittest“ ist nicht „Überleben der Tüchtigsten“, sondern „Überleben der Tauglichsten“).

Selektion ist ein Erklärungsmuster aus UNSERER Lebenswelt, mit dem man universell und schlüssig darlegen kann, warum bestimmte Arten überlebt haben und andere nicht. Allerdings kann man zeitlich rückwärtsgewandt das Prinzip empirisch nur punktuell überprüfen. Vielfach muss man mit Indizien arbeiten.

Übrigens:

>Überschreitet es (das einzelne Leben) das Maß (das durch die Naturgesetze gesetzt wird) so wird durch Aussterben korrigiert.>

Das ist nicht richtig. Hatte die ausgestorbene lila Schlange ein Naturgesetz überschritten, die ansonsten genetisch gleiche, aber überlebende grüne jedoch nicht? Keineswegs. Die grüne Schlange war im grünen Blätterwald von ihren Feinden schlechter auszumachen als die lila Schlange, die deshalb mehr als die grüne das Opfer von Futtersuchern geworden ist. Das heißt sie war nur schlechter angepasst. Selektion ist ein Prinzip, nach dem natürliche Auslese stattfindet. Sie ist kein Naturgesetz im strengen Sinn. Denn die lila Schlange würde unter den selben Naturgesetzen, jedoch anderen Existenzbedingungen, z. B. wenn Beutetiere andere Nahrung gesucht hätten (aufgrund von vorhergehend anderer Selektion), möglicherweise überlebt haben.

Allerdings kann Aussterben sowohl ein Ergebnis von Selektion als auch von Naturgesetzen sein. Deshalb ist Selektion nicht ausschließlich die Ursache von Aussterben.

Denn es gibt die fundierte Annahme, dass aufgrund von Katastrophen (Kometeneinschläge, Vulkanausbrüche etc., die sich in Übereinstimmung mit Naturgesetzen ereignen) immer wieder Massensterben stattfanden – z. B. vor ca. 253 Millionen Jahren starben dadurch 96% der marinen und 75% der Landtierarten aus –, so dass die evolutionäre Entwicklung „aus der Bahn geworfen“ wurde (was nicht heißt, außer Kraft gesetzt worden zu sein).

Wer wann unter welchen Umständen in welchem Umfang (Population) wie lange überlebt – alles offen. Beste Chancen scheinen die Bakterien zu haben. Es ist nach Meinung von Evo-lutionsbiologen nicht vorstellbar, wie sie ausgerottet werden könnten.

Die Evolution ist als Ganzes ziel- und zwecklos.

Das ist die Meinung der ganz großen Zahl von Evolutionsbiologen.

Es gibt jedoch auch eine Minderheitenposition, die Konvergenz in der Evolution annimmt (Sie spielen darauf an). Sie beruht im Wesentlichen auf der verblüffenden Ähnlichkeit der vielen Augen in der Tierwelt, die sich z. T. durch ein Master-Kontrollgen erklären lässt, das immer beteiligt zu sein scheint. Es setzt die Bildung eines Auges in Gang. Das „Fußvolk der Gene“ entscheidet dann, ob ein Kameraauge der Wirbeltiere oder ein Facettenauge der Insekten entsteht. Es gibt aber zu wenige solcher Beispiele – als UNAUSWEICHLICHE Erfolgsmodelle der Evolution anzusehen –, um davon ZWINGEND abzuleiten, dass sich in der Evolution Muster eingegraben haben. Meiner Meinung nach gilt DESHALB hinreichend begründet, dass der Mensch wie andere Lebewesen auch „nur“ ein Zufallsprodukt ist. Wir hatten mit dem Los, das uns in der größten Lotterie der Welt zugewiesen wurde, einfach nur Glück.

Möglich und schon von Darwin bemerkt, scheint allerdings „die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Wesen“. Sicher ist das allerdings nicht.

Ich glaube, dass Ihre Auffassung „die Evolution ist vernünftig“ ohne Basis ist.

Denn ich kenne kein Kriterium, anhand dessen man feststellen könnte, ob sie vernünftig oder unvernünftig ist.

Ich vermute, dass Sie mit Hegelschem Denken da Dinge hineininterpretieren, die nicht da sind. Ich nenne das Sinnstiftung durch metaphysische Aufladung.

Belege:

>Wenn sich zum Beispiel, das Auge auf 6 verschieden unabhängigen Zweigen der Evolution entwickelt hat, so liegt das schlicht daran, dass dies die beste physikalische Lösung ist.>

Was heißt hier beste physikalische Lösung? Woran messen Sie die? Dass die Zweige unabhängig voneinander sind? Dass sich Licht nicht besser in bioelektrische Impulse umsetzen lässt? Das ist Spekulation. Übrigens: Unser Auge soll physikalisch eine ganz miserable Lösung sein. Wenn da irgendeiner am Werk war, hat er gepfuscht (Es war Richard Dawkins, glaube ich, der das festgestellt hat).

Oder:

>Das Wechselspiel aus Mutation (Willkür) und Selektion (Notwendigkeit) ist in meinen Augen absolut vernünftig>

Abgesehen davon, dass ich kein Wechselspiel erkennen kann: Was soll daran absolut vernünftig sein? Was wäre, wenn es bei gleicher Reproduktionsfrequenz und genetisch gleicher Sterblichkeitsrate aller Individuen welche gäbe, die sich früher nach ihrer Geburt als andere reproduzieren können? Sie hätten vermutlich die besten Chancen, ihre Art überleben zu lassen bei gleichen Existenzbedingungen für alle. Warum sollt das nicht genauso „absolut vernünftig“ sein?

Die Evolution ist wie sie ist. Man kann sie erklären, IHR aber bewertend keinen (höheren) Sinn zuschreiben.

151 melethron 30. September 2009 um 11:05

@Dietmar Tischer

Eine Antwort folgt heute oder morgen (heut mittag Lateinprüfung, dann hab ich wieder etwas Zeit). Ich denke das unseren divergente Positionen sich nur der Form und nicht dem Inhalt nach unterscheiden.

Nur soviel vorweg zu ihrem Zitat: “Die Evolution ist als Ganzes ziel- und zwecklos.”

Absolut. Sofern man Ziel und Zweck außerhalb sucht. Jedoch ist die Evolution sich selbst Zweck und Ziel. Es geht um schlicht um den Selbsterhalt des Lebens. Es ist nichts weiter als eine sich entwickelnde Selbsterhaltende Struktur (alternativ: Begriff).

Ich denke das Problem ist der Vernunftsbegriff an dem wir uns missverstehen. Dazu später mehr.

Grüße
melethron

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