Einen Unterschied wollt er sich machen

von weissgarnix am 14. September 2009

„Es reicht!“, empört sich Matthias Matussek: Das selbstsüchtige, liberale Credo der letzten 15 oder so Jahre, es mag ihm, der Vorzeigefigur des schreibenden deutschen Neokonservatismus, nicht mehr so recht schmecken. Daher ist er jetzt auch ein bisschen „links“ geworden, wenn auch nur „aus Versehen“ – gerade so, wie man auch schon mal ein bisschen „bi“ wird, auch nur aus „Versehen“ – weil man wollte das ja nur mal probieren.  Und ein bisschen links sein und über Solidarität und den Zerfall der Gesellschaft lamentieren, und die “verlorenen Werte”, na klar – das ist ja neuerdings wieder ziemlich trendy.

Die Werte, ja mein Gott, die Werte: Was soll man dazu noch groß sagen? Alles geht halt irgendwie den Bach runter, nicht wahr? Höchste Zeit den Ernst Jünger wieder rauszupacken oder gleich den Spengler, die Eliten sind egoistisch, die Familien lösen sich auf, für die Bergpredigt interessiert sich keine Sau mehr, am allerwenigsten die CDU – mit einem Satz: Das Abendland geht unter.

„Auch wir, Angehörige der erfolgreichen, sozial integrierten Mittelschicht, sind, wenn wir nicht komplett abgestumpft sind, in eine Phase des fortwährenden Selbstgesprächs eingetreten. Wir sind auf der Suche nach einem Lebensthema, nach Selbsttranszendenz. Wie können wir einen Unterschied machen?“

schreibt Matussek, und da staune ich natürlich nicht schlecht, weil den exakt gleichen Gedanken habe ich doch gerade neulich ganz woanders gelesen – in Norbert Bolz’ “Bilitis”-Remake vom „Sozialkapitalismus“, die den erquicklichen aber nichtsdestoweniger krass irreführenden Titel „Profit für alle!“ trägt. Darin schreibt Bolz, in einem Kapitel, das mit „Ich will einen Unterschied machen!“ überschrieben ist:

„Wenn diese Beschreibung unserer moderner Lebensbedingungen richtig ist, dann lautet die entscheidende Frage: Was ist wichtig? Wie finde ich mein Lebensthema?“

„Ich will einen Unterschied machen, der für andere zählt. Das wahrhaft gute Leben fordert Selbsttranszendenz.“

Ja, da schau her: Da will der Matussek also auch ein “Lebensthema” suchen und „einen Unterschied machen“ – und dann tut er genau das nicht, sondern schreibt praktisch inhaltsgleich aus einem gerade eben erst erschienenen Buch ab? Und betitelt das ganze dann auch noch mit: „Es reicht!“? – Aber hallo: Wie originell ist das denn? Wo bleibt da die “Selbsttranszendenz”?

Matusseks „Versehen“, dem er seinen Bewusstseinswandel verdankt, ist also offenbar gar keines. Ein Buch hat er gelesen, der Gute, that’s all. Das gleiche Buch übrigens, das auch schon Matusseks Bruder im Geiste, Ulf Poschardt, entzückte. Aus dessen kürzlichem Interview mit Bolz muss man zwar den Eindruck gewinnen, das Poschardt das Buch kaum gelesen oder zumindest nicht verstanden haben kann; aber für Matussek gilt das keinesfalls: Der will den „ethical capitalism“ wiederhaben, den guten, alten, den es ja irgendwann mal gab, glaubt Matussek, als die Programmatik der CDU noch der Bergpredigt folgte – das war…, das war… ja Mensch, wann war das noch mal gleich?

Bolz selbst ist übrigens nicht ganz so simpel gestrickt, schreibt sich in seinem neuesten Werk kreuz und quer durch die luhmannsche Systemtheorie, und weiß deshalb natürlich: Es gibt kein zurück! Was neues muss stattdessen her: der „Sozialkapitalismus“. In dem wissen die Unternehmen: „Es ist intelligent, nett zu sein“ – und auch wenn Bolz als Beispiel für das neue, nette Unternehmertum partout immer nur zwei Namen einfallen wollen, nämlich „Bodyshop“ und “Anita Roddick”, dann glauben wir ihm das natürlich trotzdem aufs Wort: Der schumpetersche Unternehmer – in Bolz’ früherem Werk „Helden der Familie“ gerade noch am individualistischen Lifestyle der modernen Marktwirtschaft zerbrochen – in „Profit für alle!“ darf er seine ethisch-korrekte Wiederauferstehung feiern.

Es bleibt ihm aber auch gar nichts anderes übrig, denn die internetaffinen Protagonisten in Bolz’ ganz eigener Version von Mises’ Katallaxie haben sich in Social-Media-Netzwerken verbündet:

„An die Stelle der Masse treten die vielen Stämme der Freiwilligen. Facebook, StudiVZ und Xing sind eindrucksvolle Beispiele dafür, wie sich heute „soziale Graphen“ bilden, und zwar durch die einfache Frage: Wen kennst du, und wer kennt dich? Darin steckt aber auch ein völlig neues Potenzial für politisches Linking, das nicht mehr braucht als eine führende Idee, eine Kommunikationsplattform für das gemeinsame Interesse und das Bedürfnis der Zugehörigkeit.“

Auch dieser Gedanke hat bei Matussek offenbar schwer Eindruck gemacht, daher schreitet er in seinem Essay zum Recycling :

„Am zukunftsgewandtesten sind von allen die Grünen, die ahnen, dass sich soziale Bewegungen von morgen nicht mehr über Parteien organisieren, noch nicht mal mehr über das ideologische Koordinatensystem links/rechts, sondern in einer neuen Apo. Sie verknüpft sich unterschwellig, in der Guerilla-Kommunikation des Internets, in Selbstentwürfen aus Facebook-Profilen, …“

Ja, gell? – Toll, was das Internet so draufhat. Und ohne, dass Matussek auf Bolz’ grundlegenden Gedanken weiter eingeht: Genau diese Communities, diese immense Verknüpfung unzähliger „schwacher Bindungen“ sind es, die nach Bolz’ Ansicht nach den heftig beschworenen „Profit für alle“ produzieren. Hiermit ist also kein materielles Gewinn-Konzept angesprochen, sondern ein ideelles bzw kommunikatives: der tönniessche Traum von der Transformation der „kalten“ Gesellschaft in eine neue Form von „Gemeinschaft“ – bei Twitter, Facebook, Wikipedia sowie in Foren und Blogs erfüllt er sich. Und weil das allein der darbenden, langzeitarbeitslosen Proletarier-Seele vermutlich nicht reichen wird, und weil Bolz irgendein Vehikel braucht, um sein gewohntes Sozialstaats-Bashing aufrechterhalten zu können, zaubert er den formidablen „Sozialkapitalismus“ aus dem Hut. Und der mit seinem Weltbild hadernde Matussek fällt prompt drauf rein.

Einen „Unterschied“ wollte er machen – und greift sich dann ausgerechnet dieses reaktionäre Pamphlet als Vorlage für sein “Lebensthema”…

Da finde ich ehrlich gesagt auch: Es reicht!

{ 84 Kommentare… Lesen Sie sie nachfolgend oder schreiben Sie einen }

1 Nanuk September 14, 2009 um 12:02

Hat jemand gestern das Philosophische Quartet gesehen.
Same shit… 4 Pharisäer sitzen im Glasshaus und werfen mit Steinen. Sorry üben das Steinewerfen.
:)

2 weissgarnix September 14, 2009 um 12:07

Ich habe abgeschaltet, als die Tugenddebatte (“Tapferkeit”) zum Überfall auf Polen 1939 vorstieß und sich Madame Sowieso zur These verstieg, die Wehrmachtssoldaten hätten sich nicht nur durch “Tapferkeit”, sondern auch durch “Klugheit” auszeichnen müssen.

Das war way too much für mich, soviel Political Correctness kann ich einfach nicht ertragen.

3 Nanuk September 14, 2009 um 12:10

Oh ja die stolze Thea Dorn ob die sich bückt oder will die immer oben sitzen… :)

4 Nono September 14, 2009 um 12:13

Hab mir den Text von Matussek nochmal angeschaut. Das ist ja ein eindeutiges Plagiat. Da gibts noch mehr Stellen, die eindeutig belegen, das er Bolz abgeschrieben hat, ohne in zu zitieren. Wie cool ist das denn?

5 jonjon September 14, 2009 um 12:20

Sehr schön, dann bringt uns WEB2.0. wieder mal neue Exklusionsmechanismen: Wer – aus welchen Gründen auch immer – nicht dabei mitmachen will oder kann, seine Fresse in Facebook herzuzeigen, hat keine Zukunft, weil keine Netzwerke.

Zitat: „Am zukunftsgewandtesten sind von allen die Grünen, die ahnen, dass sich soziale Bewegungen von morgen nicht mehr über Parteien organisieren, noch nicht mal mehr über das ideologische Koordinatensystem links/rechts, sondern in einer neuen Apo. Sie verknüpft sich unterschwellig, in der Guerilla-Kommunikation des Internets, in Selbstentwürfen aus Facebook-Profilen, …“

Und ein weiteres Mal wird nichts anderes als die Politik selbst zu Grabe getragen, die wir aber eigentlich bitter nötig hätten. Das es Links und Rechts nunmal mit guten Grund gibt, weil sie die Politisierung unserer Gesellschaftsstruktur selbst darstellt, wird einmal mehr verdrängt.

Eine ganz große Leistung.

6 Wolfgang September 14, 2009 um 12:20

Matussek:

„Wir leben mutlos. Wir leben in „Zeiten des Niedergangs“.

Bolz:

„Unter humanistisch gebildeten Menschen überwiegen noch die düsteren Visionen von der Sintflut der Bilder, vom Zerfall der Kultur. Es geht rasend schnell auf den Untergang des Abendlandes zu.“

7 weissgarnix September 14, 2009 um 12:32

@Nono

Ja, gell? Diesen Eindruck muß man haben. Aber vielleicht macht man das so, wenn man “Onlinejournalist des Jahres” ist. Ich kann da nicht mitreden, bin ja kein Journalist, kenn mich da nicht so aus…

8 keiner September 14, 2009 um 13:56

Sowohl die Tragkraft als auch die Reichweite dieser Internetstory zum Aufbau einess wirklichen Gegenentwurfs einer Gesellschaft wird doch total überschätzt.

Wenn es morgen hart auf hart kommt, bekommst du du von denem Blogkumpanen weder ein Stück Brot noch eine helfende Hand, um deine Familie zu verteidigen. Außerdem hat der Schäuble dann schon den Stecker gezogen zum famosen Internet, um die subversiven Kräfte zu isolieren. So sieht’s aus. Auch aus dem Internet wird der neue Heilland nicht kommen.

Und während man eine Schreib-/Druckmaschine für den Untergrund noch irgendwo verstecken konnte wird das mit einem zweiten Internet in der Hinterhand deutlich schwieriger (zumindest für die Systemgegner, der Schäuble hat sicher noch was in der Hinterhand…)

9 Ahnungsloser September 14, 2009 um 14:16

,,ethischer Kapitalismus”

Der Glaube, der die Konservativen eint: es gebe den ethischen Kapitalismus, hätte ihn mal gegeben, oder zumindest seien wir nicht weit davon weg.

Schön dass es mal einer sagt.

Mit soviel Naivität ist dem erfolgreichen Geschäftsmodell ,,CDU/CSU” noch viel küftiger Erfolg beschieden. Das kann sich die Wirtschaft sicher sein, nicht am Ende jemanden mit eigenem Gehirn — oder gar eigenen Gedanken — gekauft zu haben. Eine sichere Investition.

10 Kaiserbubu September 14, 2009 um 14:21

Ich habe Bolz nicht gelesen. Um so besser dass Matussek mal was vernünftiges Abgeschrieben hat und das auch noch ein paar Leute lesen.

11 lemming September 14, 2009 um 14:24

Darin steckt aber auch ein völlig neues Potenzial für politisches Linking
Ich glaube, er meint nicht Linking und nicht links, sondern “linken”, also politische Irreführung. Dann stimmt’s auch – er führt’s ja vor.

;-)

12 lemming September 14, 2009 um 14:32

@wgnx
Da hast du ihn aber schön kalt erwischt, den Ich-glaube-ihm-KEIN-Wort Matussek.
Selber schuld. Wenn man schon abschreibt, dann doch nicht aus einem aktuellen Schriftchen, das sowieso gerade alle lesen! Ganz schön dumm, dieser GaliMathias! Warum hat er nicht McLuhan genommen, ein bisschen Gehlen und Albert Schweitzer untergemischt, dann auf sozialdemokratisch gewendet, hätte auch gepasst und wäre nicht so peinlich aufgefallen. Aber das überfordert so ein Spatzenhirn vermutlich, das nur von den Dächern pfeifen kann, was seine Artgenossen gerade angestimmt haben.

13 jotun September 14, 2009 um 14:40

„Wir leben mutlos. Wir leben in „Zeiten des Niedergangs“.

„Unter humanistisch gebildeten Menschen überwiegen noch die düsteren Visionen von der Sintflut der Bilder, vom Zerfall der Kultur. Es geht rasend schnell auf den Untergang des Abendlandes zu.“

Heute morgen nach dem Aufstehen hätte ich vermutlich noch widersprochen. Aber nachdem ich dieses Video gesehen habe, hat sich mein Bild dieser Republik radikal geändert:

http://www.youtube.com/watch?v=TDYfm-NsXq8

http://www.ksta.de/html/artikel/1252696055663.shtml

Das Video ist ab 18. Man braucht also einen youtube-account. Doch es lohnt sich! Es ist nicht zu glauben, wenn man das Video nicht selbst gesehen hat: Ein Demonstrant, der mit einigen Polizisten diskutiert hat und wohl Anzeige gegen einen Kollegen erstatten wollte, will gerade mit seinem Rad friedlich davon ziehen, da rennt ihm ein Polizist hinterher, packt ihn am Shirt, weitere kommen dazu, einer Schlägt ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Der Mann geht zu Boden, die “Freunde und Helfer” treten nach!

Vorbildlich das Verhalten der herumstehenden Demonstranten. Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, gehen sie auf die Polizisten zu und skandieren: “Wir sind friedlich, was seid ihr?!!!”
Paris oder Athen wären nach einem solchen Vorfall vermutlich in Flammen aufgegangen…

Was mich dabei so erschreckt hat, ist nicht, dass mal einige Polizisten austicken. Das sind schließlich auch nur Menschen. Sondern dass die herumstehenden Kollegen nicht eingreifen, von sich aus einen Bericht schreiben und ein internes Ermittlungsverfahren einleiten. Erst durch das Auftauchen des Videos bei Youtube kamen die Ermittlungen wohl ins Rollen.
In den Massenmedien wird der Vorfall allerdings weiterhin totgeschwiegen.

Poppers einziger desillusionierter Anspruch an eine Demokratie bestand darin, dass man die Regierung unblutig wieder loswerden können muss. Gut, das Abwählen mag noch möglich sein. Doch wenn die Opposition sich nicht mehr Gehör verschaffen und Leute überzeugen kann, ohne von der Staatsgewalt zusammengeschlagen zu werden, dann muss ich konstatieren, dass dies in Deutschland nicht mehr der Fall ist. Welcome to the People’s Republic!

14 keiner September 14, 2009 um 15:15

juton:

Nicht ganz verzweifeln:

http://www.taz.de/1/politik/schwerpunkt-ueberwachung/artikel/1/ermittlungen-gegen-pruegelpolizisten/

Die Ermittlungen werden wohl zu nichts führen, es handelt sichwohl um eine allseits bekannte Berliner Polizeischlägertruppe aber…

15 Stefan September 14, 2009 um 16:04

Also die Botschaft ist doch wohl,daß hier einer die Frechheit besitzt eine Konversion mit einem Plagiat zu begründen. Diese ganze Konversion ist ein Plagiat und darum, wie Albrecht Müller zu Recht schreibt, passt auch nix zusammen. Es ist gewissermaßen eine Google-Bekehrung.

16 gelegentlich September 14, 2009 um 16:11

Unverständlich, dass er das gemacht hat. Der wußte doch, daß der Bolz gerade erschienen ist. Es ist, wenn man beides liest, Wort- und Gedankenplagiat plus Safranski-Plagiat.

17 unwissender September 14, 2009 um 16:17

“Ethischer Kapitalismus” !
Welch Wortschöpfung.
Das ist ganz große Literatur! ;-)

http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus

Hier ein aktueller Beitrag aus der SZ:

http://www.sueddeutsche.de/finanzen/962/487370/text/

oder gleich was für Fortgeschrittende:

http://www.youtube.com/watch?v=Ou3AV5i1754

18 weissgarnix September 14, 2009 um 16:49

Nietzsche meinte dazu übrigens:

“Denn warum ist die Heraufkunft des Nihilismus notwendig? Weil unsere bisherigen Werte selbst es sind, die in ihm ihre letzte Folgerung ziehen; weil der Nihilismus die zu Ende gedachte Logik unserer großen Werte und Ideale ist – weil wir den Nihilismus erst erleben müssen, um dahinter zu kommen, was eigentlich der Wert dieser “Werte” war.”

Jaja – er war definitiv und hundertpro kein Blödie, dieser Herr Nietzsche. Und schreiben konnte der – mein lieber Herr Gesangsverein!

Und jetzt erleben also unsere Bergpredigt- und Peking-Rundschau-Fans den wahren Wert ihrer Werte, und siehe da: es gibt deren nur noch einen einzigen. Und der lautet: Cash is king!

Sehr traurig.

19 gelegentlich September 14, 2009 um 16:51

..ja und Nietzsche hat noch nicht einmal abgeschrieben. Oder hat der von Matussek geklaut, wie der von Bolz, also letztlich von Bolz?

20 weissgarnix September 14, 2009 um 16:52

@gelegentlich

Vielleicht war er ja auch nur so dermaßen konsterniert, der Matthias Matussek, dass er vergessen hat, zu erwähnen, wo er die Passage her hat.

21 Stefan September 14, 2009 um 16:54

Eindeutiges Plagiat. Wahrscheinlich auch in anderen Teilen. Daher dieser sonderbare Hinweis auf die vielen Bücher, die jetzt grad erscheinen.

22 weissgarnix September 14, 2009 um 16:55

@gelegentlich

Nein, Nietzsche hat nicht abgeschrieben. Aber sein schreiberisches Motto lautete ja bekanntlich: “Verwende Altbekanntes in einem neuen Zusammenhang” – insoferne betrieb er womöglich eine Art “Plagiats-Evolutionismus”…

23 Nanuk September 14, 2009 um 17:09

Wir sollten uns Hippo Konstüme anziehen oder Hörner auf die Köpfe kleben…
http://www.youtube.com/watch?v=N8mzz8xt6AU

http://www.youtube.com/watch?v=LU8DDYz68kM

24 13 September 14, 2009 um 17:16

“Ich habe Journalisten nie gemocht.
Ich habe sie alle in meinen Büchern sterben lassen.”

Agatha Christie

Ein solches Buch, ein solches Problem hat keine Eile; überdies sind wir beide Freunde des lento, ich ebensowohl als mein Buch. Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, man ist es vielleicht noch, das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens: – endlich schreibt man auch langsam. Jetzt gehört es nicht nur zu meinen Gewohnheiten, sondern auch zu meinem Geschmacke – einem boshaften Geschmacke vielleicht? –, nichts mehr zu schreiben, womit nicht jede Art Mensch, die »Eile hat«, zur Verzweiflung gebracht wird.
Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor allem eins heischt, beiseite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden –, als eine Goldschmiedekunst und -kennerschaft des Wortes, die lauter feine vorsichtige Arbeit abzutun hat und nichts erreicht, wenn sie es nicht lento erreicht. Gerade damit aber ist sie heute nötiger als je, gerade dadurch zieht sie und bezaubert sie uns am stärksten, mitten in einem Zeitalter der »Arbeit«, will sagen: der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit allem gleich »fertig werden« will, auch mit jedem alten und neuen Buche: – sie selbst wird nicht so leicht irgend womit fertig, sie lehrt gut lesen, das heißt langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken mit offengelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen lesen… Meine geduldigen Freunde, dies Buch wünscht sich nur vollkommne Leser und Philologen: lernt mich gut lesen! –

Ruta bei Genua, im Herbst des Jahres ….
Friedrich Nietzsche

25 HAM September 14, 2009 um 17:29

Dem Sammelsurium von moralisierenden Schwätzern – ganz gleich, ob ihre Namen mit P, M, B, S etc. beginnen – ist gemeinsam, dass sie von den Menschen eine Veränderung ihres Verhaltens fordern („Du musst Dich ändern!“) – und dies ohne Reflexion auf die Logik des Systems.

Die Entwicklung des Gedankens, dass die Logik des Systems sich in der Verhaltenslogik der Individuen manifestiert und dass deshalb die Individuen gar nicht an der Entwicklungen jener Tugenden interessiert sind, welche eine humanistische Philosophie propagiert, überfordert offensichtlich die Hirne der Spitzenkräfte unseres Kulturbetriebes.

Schlimm genug, dass die Massenmedien mit den Trivialitäten der Kulturschwätzer zugemüllt werden, jetzt wird dieser Kulturmüll noch in diesen Blog importiert.

26 Stefan September 14, 2009 um 17:44

@HAM: “Aber es gibt ja auch noch den Sickereffekt” (Poschardt)

27 unwissender September 14, 2009 um 17:53
28 Nanuk September 14, 2009 um 17:56
29 weissgarnix September 14, 2009 um 17:56

@HAM

Ich weiß gar nicht, was du hast: Ich finde das höchst amüsant, wie sich die Jungs ein halbes Jahrhundert nach Polanyi, Adorno, Schelsky und Co. allesamt erneut am bürgerlichen Individuum abstrampeln.

30 Nanuk September 14, 2009 um 18:00
31 sunbringer September 14, 2009 um 18:09

Von der FT:

In order to measure well-being, it called for a “dashboard” of indicators ranging from income and wealth, to health, education, social connections and relationships, the environment and insecurity.

Launching the report of the Stiglitz commission in Paris, Mr Sarkozy said national accounting systems now longer reflected peoples’ aspirations, values or experience, creating a source of distrust between citizens and governments.

“The world over, citizens think we are lying to them, that the figures are wrong, that they are manipulated. And they have reasons to think like that.”

Mr Sarkozy said the world had become trapped in a “religion of figures” whereas it needed to re-assess its priorities, a need underlined by the financial crisis.

Although he did not mention the US, Mr Sarkozy suggested that an overriding focus on GDP had helped propagate an Anglo-American vision of deregulated markets as the basis of faster economic growth.

“It was an essential part of the vision of the economy and society, of an ideological system that spread across the world so that questioning it seemed far too enormous an endeavour so nobody seriously imagined doing so.

Das Sarkozy tatsächlich auf Stiglitz und Sen gehört hat finde ich schon ein bisschen ermutigend. Es ist wohl ein Anfang, oder?

32 schwuppsdiwupps September 14, 2009 um 18:17

@WNX

– insoferne betrieb er womöglich eine Art “Plagiats-Evolutionismus”…

“Plagiats-Evolutionismus”… genau das sollte man vom Menschen doch fordern. Denken. Und da Friedrich das erkannt hat war er wirklich kein blödie ;)

cya

33 Nanuk September 14, 2009 um 18:22

@sunbringer
So lange Menschen die so zynisch und sarkastisch sind wie ich weiter machen hat niemand das Recht verzweifelt zu sein…

34 lemming September 14, 2009 um 18:37

@wgnx

Ich finde das höchst amüsant, wie sich die Jungs ein halbes Jahrhundert nach Polanyi, Adorno, Schelsky und Co. allesamt erneut am bürgerlichen Individuum abstrampeln.

Es ist auch amüsant. Es ist aber auch Propaganda. Dafür, dass das Wahre und Gute bei den Eliten noch lebt, man ihnen also vertrauen soll. Pfui Teufel…!

35 froZ September 14, 2009 um 18:42

Vielleicht haben B. und M. nur das gleiche Textgenerierungsprogramm benutzt?

Eine prägnante Aussage zum Thema Wirtschaft und Ethik, wenn auch schon etwas älter:

http://www.trafff.de/records-Dateien/08-Die_belebende_Wirkung_des_Geldes.pdf

36 hacedeca September 14, 2009 um 19:45

Ich frage mich immer, ob diese Lust am “Vernetzen” nicht das mimicry falsch verstandener Illuminatenvideos ist. Der gute Bürger als Möchtegern-Hintergrundmacht…

Dazu auch diese Lust an Vampirfilmen:

A: Guten Tag! Sie halten mich zwar für einen Sacharbeiter, aber in Wirklichkeit bin ich ein geheimer Vampir.
B: Das freut mich, ich bin ja in Wirklichkeit ein Werwolf!

37 undertaker September 14, 2009 um 19:53

@sunbringer:

Hoffnung? Nimm das:

http://www.bloomberg.com/avp/avp.htm?N=av&T=Stiglitz%20Says%20Banking%20System%20Still%20Not%20Fixed%20Post-Lehman&clipSRC=mms://media2.bloomberg.com/cache/v41ifT2Bg._I.asf

“The problems are worse than they were in 2007 before the crisis! And again we aren’t doing anything significant so far.”

38 guggle September 14, 2009 um 20:19

Matussek ist von Weissgarnix eindeutig als Plagiator überführt. Und der “Spiegel” schweigt??

@Ham: könntest du die Initialien mal ausschreiben?

39 HAM September 14, 2009 um 20:36

@weissgarnix ‚29
„Ich finde das höchst amüsant, wie sich die Jungs ein halbes Jahrhundert nach Polanyi, Adorno, Schelsky und Co. allesamt erneut am bürgerlichen Individuum abstrampeln.“

Ja, abstrampeln tun sie sich schon, indem sie sich am Kultur- und Medienmarkt vermarkten.

Natürlich ist es amüsant, wenn ein Matussek über „eine von allen Überzeugungen entkernte Kanzlerin“ schreibt und dabei gar nicht realisiert, dass er genauso zutreffend diese Aussage auf die Figuren in seiner eigenen Zunft beziehen müsste. Denn anders als „von allen Überzeugungen entkernte“ Charaktermasken können sich diese moralisierenden Schwätzer am Markt überhaupt nicht erfolgreich positionieren.
Sie schwätzen – wie gestern beim Philosophischen Quark – von Tugenden, die sie für sich selbst gar nicht mehr entwickeln können. Als von der Nachfrage des Marktes wirtschaftlich Abhängige können sie sich eigene Meinungen – zumal abweichende – gar nicht mehr leisten, sondern müssen sich entsprechend der Nachfrage prostituieren.

Voraussetzung für eine eigene Meinung wäre wirtschaftliche Autonomie, also das Vorhandensein von Einkommen und Vermögen, welches unabhängig von der Nachfrage des Medien- bzw. Kulturmarktes ist. Darüber verfügt diese Sorte von kulturellen Arbeitskraftunternehmern aber in der Regel nicht. Und da sie meist über keine anderweitige relevante Qualifikation besitzen, erfordert der wirtschaftliche Erfolg eine ideologische Prostitution und führt zur Existenz eines eine Kulturstrichers bzw. einer Mediennutte.
Und deshalb sieht man in den Massenmedien die immergleichen Figuren, die sich dann gegenseitig einladen, mit dem Effekt, dass diese Szene fast auschließlich aus mediokren Bluffern besteht, die sich gegenseitig aufwerten und für sich Grandiosität imaginieren.

So wie die Politiker schon längst zu Politiker-Darstellern geworden sind, so bestehen die massenmedial präsenten Journalisten und Philosophen fast nur noch aus Journalisten- und Philosophen-Darstellern, zumal aus schlechten, weil sie nur alten und minderwertigen Kulturmüll verkaufen. Was sie dort von sich geben, hat man schon alles gehört oder gelesen, und zwar viel besser.

Insofern stellt sich m. E. auch die Frage des Plagiats auch nicht. Denn einen neuen Gedanken habe ich bei diesen Figuren noch nie gefunden. Die meisten sind noch nicht einmal in der Lage, einen anspruchsvollen Gedanken zu reproduzieren. Allesamt plappern sie nur nach.

Ihr moralisierendes Geschwätz ist nichts weiter als das Pendant zu Junk Food: Kulturmüll.

40 HAM September 14, 2009 um 21:06

@guggle #38
„@Ham: könntest du die Initialien mal ausschreiben?“

Gemeint sind damit massenmedial präsente Figuren.

41 Kussi September 14, 2009 um 21:06

@wgn:
#22 und vor allem #18:
Interessant ist doch (in #18), dass Nietzsche die Ergbnisse der Gehirnforschung vorweg nimmt: Alles ist Reproduktion, ein Bild oder ein Wort wird immer nur kopiert und v.a. kombiniert (die “geisitge Leistung”); es gibt nichts wirklich Neues.

Die geistige Reproduktion (unsere sog. “Werte”) bedürfen daher einer periodischen Gesundschrumpfung (Nihilismus)… oder: nach einer gewissen Zeit haben wir Menschen eben die Kopie satt und nehmen einen (scheinbar) neuen Film auf (eine sog. Re-Kopie ;-) ).

Das mutet vielleicht “Sehr traurig.” an, ist aber eben zwangsläufig so: wir bedürfen eines neuen Messias… Menschmeier, das alles hat Hollywood schon gewusst…

42 nachdenker September 14, 2009 um 21:14

@HAM: Deine Wut hat ja KK-Format. Allerdings schrieb der seine Fackel nicht anoym. Ob das die neue Arbeitsteilung ist? Der anoyme Durchauer und der nicht-anonyme Schwätzer?

43 Nanuk September 14, 2009 um 21:42
44 dreas September 14, 2009 um 21:51

Ich finde das höchst amüsant, wie sich die Jungs ein halbes Jahrhundert nach Polanyi, Adorno, Schelsky und Co. allesamt erneut am bürgerlichen Individuum abstrampeln.

Die Idee ist, mangels eigenem Profil, das alte Licht, alter Scheinwerfer, neu auf Inhalts und ideenleere Vertreter der Konservativen, scheinen zu lassen. Man weiss das man sich vor sich selbst schämt, aber kontert mit Licht und Wärme wo man selber kalt und dunkel ist und schaffts sich selbst die Illusion doch nicht wirklich banal zu sein.

dreas

45 H. Mose September 14, 2009 um 23:07

“Man weiß ja auch nicht recht, woran man denn eigentlich glaubt. Es ist nicht etwa nichts, weiß Gott nicht, man glaubt doch – wenn auch recht dämmerhaft [...] – an so etwas wie Menschlichkeit, Christentum, Toleranz, Gerechtigkeit, Sozialismus und Nächstenliebe, Dinge, die etwas hohl klingen, was man ja auch zugibt, doch denkt man sich immer noch: Es kommt ja auch nicht auf de Worte an; am wichtigsten ist es doch, dass man anständig und nach bestem Gewissen lebt. [...]
Ich glaube an die Materie [...] die keinen Gott braucht oder was man auch immer dazuerfindet, deren einziges unbegreifliches Mysterium ihr sein ist, ebenso Zufall wie ich – die Erde etwas näher bei der Sonne und es wäre kein Leben – und mein Sinn besteht darin, nur Augenblick zu sein.”
(Dürrenmatts “Verdacht”)

Das erste trifft wohl auf die allermeisten hier zu (inkl. mich).
Es mag stimmen, dass diese Einstellung verwaschen und “profillos”
ist. Jedoch ist sie die stabilisierende, erhaltende und Frieden schaffende Macht. Ich denke, wir sind ein wichtiger stabilisierender systemimamenter Faktor. Vielleicht unter kosmischen Gesichtspunkten naiv und eingeschränkt, dafür aber menschlich.

Die Rede stammt (im Buch) von einem folternden, ehemaligen
KZ-Arzt.

46 Loki September 14, 2009 um 23:35

@ H. Mose
Ach du schreck – hatte Dürrenmatt immer für einen aufgeklärten menschen gehalten. In der regel waren es doch die werte aus dem ersten abschnitt, die den anderen menschen eingefoltert, bzw. eingebrannt, -gebombt, usw. wurden. Materialismus eignet sich dafür ja gerade deshalb nicht, weil er so schlecht als höhere rechtfertigung zu gebrauchen ist.

47 Sigmund September 15, 2009 um 00:06

Also jetzt muß ich ja ein bischen schimpfen:
Ich empfand diesen Blog ja bisher immer als wirklich tolle, aufklärerische und sogar noch wirklich unterhaltsame Lehrstunde in Sachen politische Ökonomie. Riesengroßes Lob!
(Von einem, der wirklich kein Grundlagenwissen in WiWi hat.)
Und ganz ehrlich und schleimig: Vielen Dank!
Aber die Rosen haben Dornen:
Das auch andere, wirtschaftsfremde Themen behandelt werden, ist auch absolut in Ordnung. Das dort der Erkenntnisgewinn für mich nicht so hoch ist, geschenkt. (Und ich hab das sowieso nicht zu bestimmen.)

Aber eine -ernsthafte- Auseinandersetzung mit Matussek, Bolz, und jetzt sogar Poschardt? Mit Poschardt?
War das nicht der Mann mit der These vom €150.000 p.a. verdienenden Handwerksmeister?

Was kommt als nächstes: Fleischhauer? Vielleicht sein “Interview” mit Baring?
Man soll einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen, aber das ist schon ein klitzekleiner intelektueller Abstieg. -:)

48 klaus baum September 15, 2009 um 00:17

Bolz hat einst über Adorno promoviert. Eine Dissertation als Ansammlung von Zitaten, so wie der Bauern früher sein Stroh in die Scheune stopfte, damit auch alles reinging. Der Anteil an durchreflektierten Passagen Adornoscher Gedanken ist in der Bolzschen Arbeit gering. Als es diese schon gab, habe ich angefangen mit meiner Diss, ebenfalls über Adorno (und Schelling). Woran mag e liegen, dass ich im Unterschied zu Bolz nie Sozialstaats-Bashing betrieben habe?

49 lemming September 15, 2009 um 00:23

@klaus baum
Woran mag es liegen, dass ich im Unterschied zu Bolz nie Sozialstaats-Bashing betrieben habe?
Vielleicht, daran, dass dir nie jemand angeboten hat, dich für ein solches Betreiben zu “sponsern”? Vielleicht solltest du deine implizite Annahme, dass Bolz glaubt, was er sagt, nochmal ein bisschen durchreflektieren?

50 lemming September 15, 2009 um 00:30

@Sigmund
Auch in einem Kaffeelöffel spiegelt sich die Sonne[Giedion]
Nun kann es das Geschreibsel von Matussek mit dem prakischen Wert eines Kaffeelöffels nicht aufnehmen, und was sich in ihm spiegelt, ist auch bestimmt nicht die Sonne, sondern eher die gegenwärtige Geistesfinsternis. Mit Wirtschaft hat aber auch das zu tun, gespiegelt. Denn kein Wirtschafts- und Verteilungssystem kommt ohne Legitimation, aka “Überbau” aus. Wenn der so aussieht wie dieser hier, dann dürfte es auch mit dem Unterbau schon lange nicht mehr zum besten bestellt sein.

gruss, l.

51 Sigmund September 15, 2009 um 00:50

@lemming

Lassen Sie mich raten: der Überbau ist:
Friede den Palästen, Krieg den (Hartz IV)-Hütten.

(Andersherum wäre es ja linksextrem.)

52 max September 15, 2009 um 00:54
53 froZ September 15, 2009 um 02:28

@ H. Mose(r) #45

Fehlt das “r” am Ende jetzt zufällig, oder ist es gewollt? Oder gar – angesichts des Kommentars vielleicht keine ganz abwegige Vermutung – eine Art “Freudscher Weglasser”?

Das von Dürrenmatt skizzierte Dilemma findet nach meinem Dafürhalten seine überzeugende Auflösung in dem Abschnitt “Schnee” im 6. Kapitel von Thomas Manns Roman “Der Zauberberg”. (Kann man auch isoliert lesen, ohne den ganzen langen Wälzer verschlingen zu müssen.) – Bei Thomas Mann, dem alte bourgeoisen hanseatischen Snob, kommt nämlich doch gelegentlich ein fundamentaler Humanismus zum Vorschein, aber dieser Humanismus ist vielleicht eher schon trans-bürgerlich, mehr seinem Intellekt als seiner Herkunft geschuldet. Brecht hat Th. Mann da mit der abwertenden Polemik sicher unrecht getan. (“Der Dichter gibt uns seinen ‘Zauberberg’ zu lesen./ Was er für Geld da spricht/ ist gut gesprochen./ Was er umsonst verschweigt/ die Wahrheit wär’s gewesen./ Ich sag: Der Mann ist blind und nicht bestochen.”) – Umso mehr trifft der Brechtsche Befund wohl auf einige der hier referierten Autoren zu, den Herrn Bolz mal an erster Stelle genannt. Wobei ab einer gewissen Stufe der Etabliertheit sicher nicht mehr vordergründig Geld, sondern (knappe) Medien-Aufmerksamkeit die Währung ist, in der solcherlei Textproduktion abgegolten wird.

@ HAM #39

Gut gebrüllt, Löwe! Welcome back.

54 lebowski September 15, 2009 um 07:25

Die These über die “Grünen”, die sich in einer APO organisieren, ist ziemlich steil. Da muss man erstmal drauf kommen ohne schwere Drogen zu konsumieren.
Es stimmt wohl eher, was Roger Behrens in der “Jungle World” schreibt:

“Von daher ist bemerkenswert, dass die Grünen sich »Jobs, Jobs, Jobs« zur Parole haben machen lassen: Das ursprüngliche Umweltprogramm ist längst nicht mehr an gesellschaftliche Alternativen geknüpft und wird von jeder anderen Partei ebenso vertreten. Mit dem Elan, mit dem sich die Grünen hier auf das realpolitische Feld »Wirtschaft« stürzen, ist jede Forderung nach Verbesserung der Lebensqualität verschwunden. Früher wollten die Grünen die Wähler dort abholen, wo es Widerspruch gab, Unzufriedenheit, Bereitschaft zur Veränderung. Heute werden die Wähler dort abgeholt, wo sie sich selbst am wohlsten fühlen: in der beharrlichen Fiktion der deutschen Normalgesellschaft, die vor noch nicht langer Zeit als »Neue Mitte« deklariert wurde.”

55 Systemfrager September 15, 2009 um 09:30

@ wgnx (29)
„Ich finde das höchst amüsant, … “

Jawohl! Herrlich! Ein richtiges Vergnügen! Aber nicht nur. Zuerst wirft der Mensch mit Steinen um sich (Kritik) und erst danach, wenn er erschöpft und enttäuscht zusammenbricht, beginnt er nachzudenken (Schöpfung), … Gab es je eine andere Reihenfolge im menschlichen Verhalten?

56 unwissender September 15, 2009 um 09:32

Adorno? Dürrenmatt? Brecht? Mann?

oder doch lieber ganz unkompliziert ausgedrückt:

us and them

http://www.youtube.com/watch?v=tZGRtUeYTU8

57 Fabrikant September 15, 2009 um 10:57

@39
“Junk Food: Kulturmüll.”

HAM hat natürlich recht mit seiner schönen Analyse. Trotzdem ist der Matussek Artikel im Kontext nicht so schlecht, wie er hier gemacht wird.

Viel interessanter finde ich die aufgeregte Feindseligkeit die Matussek in diesem Faden entgegenschlägt. Danke, dass Ihr mich noch einmal daran erinnert, wie ideologiegetränkt, selbstreferentiell und ressentimentgeladen Euer linkes Weltbild doch ist.

58 Systemfrager September 15, 2009 um 11:10

@ Fabrikant

Was du nicht sagst! Und wie “ideologiegetränkt, selbstreferentiell und ressentimentgeladen Euer neoliberales Weltbild ist”? Wollen wir darüber (logisch und rational) sprechen? Gerne. Oder du weißt schon a priori, dass du und nur du Recht hast – auf so etwas würdest du dann verzichten?

59 Ahnungsloser September 15, 2009 um 11:12

@sunbringer:

Ja, würde ich auch so sehen. Die bloße Erkenntniss, dass eine Prodikitivätsmessung nicht mit Wohlstand gleichzusetzen ist (was übrigens dem Mantra/Glaubenssatz/Geschäftsmodell der CDU widerspricht – Umsetztung in DE also unwahrscheinlich) ist schon was Wert.

Ein Bullshit, den ich schon in meinem Schulbuch zur Soziologie (Bertelsmann, was sonst) etwas dämlich fand, aber der Lehrer traute sich wohl nicht diese Gleichsetztung anzuzweifeln.

Mal gespannt, wie sich das entwickelt wenn die Gallier anfangen, Konsequenzen daraus zu ziehen.

60 klaus baum September 15, 2009 um 12:12

eine erklärung für bolz oder matussek wäre, was froZ schreibt:
>>Wobei ab einer gewissen Stufe der Etabliertheit sicher nicht mehr vordergründig Geld, sondern (knappe) Medien-Aufmerksamkeit die Währung ist, in der solcherlei Textproduktion abgegolten wird.<<
Was nun den Bolz betrifft und seine frühe Dissertation: Er gehört zu jenen Leuten, die Sprache verwenden, ohne etwas mit ihr zu tun zu haben.

61 Systemfrager September 15, 2009 um 12:25

@ klaus baum

“Er gehört zu jenen Leuten, die Sprache verwenden, ohne etwas mit ihr [praktisch] zu tun zu haben.”

Hervorragend ;-)

62 BB September 15, 2009 um 12:30

@wgnx / 2
>>>>> … auf Polen 1939 vorstieß und sich Madame Sowieso zur These verstieg, die Wehrmachtssoldaten hätten sich nicht nur durch “Tapferkeit”, sondern auch durch “Klugheit” auszeichnen müssen. Das war way too much für mich, soviel Political Correctness kann ich einfach nicht ertragen.

Hey, hey, hey, bitte nichts gegen Thea Dorn. Das hatte überhaupt nichts mit “Political Correctness” zu tun, sondern sie hat nur ihre “aristotelische” Sichtweise logisch angewandt. Und gerade die stringente Argumentation unterscheidet sie wohltuend von der wirren Assoziations-Akrobatik eines Sloterdijk. Thea Dorn ist eine ganz Kluge. Zugegeben, das Thema gab nicht viel her und peinlich wurde es am Schluss, als Sloterdijk aufdringlich indirekt sein Buch “Tugenden – Anleitung zur Einübung” oder so ähnlich empfahl.

63 HAM September 15, 2009 um 13:28

Fabrikant #57
„Trotzdem ist der Matussek Artikel im Kontext nicht so schlecht, wie er hier gemacht wird.“

Interessanter als die Fragen, ob Matussek zum „Linken“ geworden ist oder wer von wem abgeschrieben hat, sind tatsächlich einige Punkte im Matussek-Artikel, worauf ich bereits im vorangegangenen Thread hingewiesen hatte. http://www.weissgarnix.de/2009/09/13/mucken-und-elefanten/#comment-35713

Es scheint, dass sich bei Leuten wie Matussek ein „Titanic-Feeling“ einstellt:

„Wir sind wie unter Wasser, und oben fegt ein Sturm. Wir ahnen, dass der gegenwärtigen Börsenerholung der nächste Crash folgen wird. Wir ahnen, dass wir für den Bail-out der Banken Schulden aufgenommen haben, die wir in Generationen nicht werden tilgen können. Wir wissen bereits jetzt, dass das Klima in den nächsten Jahren mehrere Points of no Return zum Schlechteren passieren wird. Aber wir sind gelähmt wie in einem Erstickungsanfall.“
und:
„Der Schock über 9/15, den Tag des Börsencrashs, sitzt tiefer als der über 9/11, denn er stellt das System in Frage.“

9/11 hat Leute wie ihn nicht geschockt. Darüber konnte man hinwegsehen, weil es keine persönliche Betroffenheit gab. Das konnte man abhaken wie das 9/11 von 1973.

Moralische Skrupel plagten „konservative“ Eliten nie. Oder hat jemand von ihnen Kritik an der Thatcher-Politik gehört?
“The former UK prime minister met with the one-time Chilean dictator in a rare public appearance televised live from the house in Wentworth, Surrey.
General Pinochet is staying in the rented mansion during his legal battle to avoid extradition to Spain.
Lady Thatcher thanked her old friend for being an ally during the 1982 Falklands War – and for “bringing democracy to Chile”.
“I know how much we owed to you for your help,” she said. “
http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/304516.stm

Insofern kann man die von M. geäußerte Sorge um die „Zivilgesellschaft“ als hohles Geschwätz abtun. Um das vom Untergang bedrohte bürgerliche Individuum ging es der Kritischen Theorie. Und in der 68-er-Revolte manifestierte sich die „Trauer um den Tode des bürgerlichen Individuums“ (Krahl).
Aber das interessierte die Nach-68-er-Generation, der Matussek angehört, nie wirklich.

„Keiner weiß im Moment, wohin die Reise geht.“ schreibt Matussek.

9/15 macht ihnen Angst, zumal wenn sie sehen, wie ignorant die herrschenden Eliten damit umgehen: „Immer lustig und vergnügt bis der Arsch im Sarge liegt“
http://www.youtube.com/watch?v=Ral4yyfYOZg&feature=PlayList&p=33F51EBAD344F458&playnext=1&playnext_from=PL&index=5

64 keiner September 15, 2009 um 16:53

@62 Wobei Nanuk ja dann noch die Frage aufwarf, ob Fau Dorn auch bei ihren Sexualpraktiken den Aristoteles konsequent zu Ende denkt…

65 BB September 15, 2009 um 17:29

@64 Hübsch und klug? Das ist für manch einen zuviel. Das hält er nicht aus. Da fällt das Hirn dann schlagartig zwischen die Beine und bleibt dort hängen, wo es mit noch ziemlich Luft gut rein passt.

66 keiner September 15, 2009 um 17:41

..so Nanuk, jetzt hastes! Bitte schön!

67 klaus baum September 15, 2009 um 22:52

@systemfrager: danke für das kompliment. das “praktisch” wäre eine möglichkeit. ich würde aber eher von erfahrung sprechen, von sprache, die ihren gehalt und ihre bedeutung an erfahrung gewinnt.

68 Nanuk September 15, 2009 um 23:05

@BB
“Da fällt das Hirn dann schlagartig zwischen die Beine und bleibt dort hängen, wo es mit noch ziemlich Luft gut rein passt.”

Du weist doch dumm Fickt gut… ich bin gut zu Vögeln wirklich. :)

69 Nanuk September 15, 2009 um 23:11

@BB
Deutsche Soldaten in Polen waren einfach nicht Tapfer so einfach ist die Antwort.Tapfer ware die die sich verpisst haben… Aber wir haben ja 60 Jahre Gebraucht um sie wenigstens von ihren Urteilen zu erlösen… Desertieren als Heldentat kommt nicht gut in Kriegszeiten nicht wahr…

70 unwissender September 15, 2009 um 23:34

@Nanuk

Der Thread hier braucht mal ein wenig ….. Frieden ….. !

http://www.youtube.com/watch?v=0SvAgn0kokk&feature=related

71 lemming September 15, 2009 um 23:56

@HAM
Moralische Skrupel plagten „konservative“ Eliten nie.
tja: “Elite”, das sind immer die anderen. Alles eine Frage der Wahrnehmung. Am beliebtesten ist die Selbstwahrnehmung als “etablierter Mittelstand”, möglicherweise sogar bei Leuten wie Ackermann, die nun jeder – außer ihnen selbst – als Elite klassifizieren würde. Und warum ist das so? Eine Möglichkeit: Weil aus dem Bewußtsein, Elite zu sein, auch das Bewußtsein einer Gesamtverantwortung folgen würde, die aber keiner will. Weil sie keiner sieht. Die Gesellschaft tritt ihren Mitgliedern als “universalisierter Sachzwang” gegenüber, als eigenlogisches System (in Luhmann-Diktion), in dem es nur auf das eigene Funktionieren ankommt. Eine Welt der Funktionäre, schuldunfähig, historisches Gesetz der Objektivierung, oder was weiss ich.
Die Freiheit ist immer noch ganz weit weg. Revolution geht immer, aber immer nur woanders.

72 ~ haaalbgooottt ~ September 16, 2009 um 00:33

Das Ur-Ich und die Ich-Idee Gingen selbander im grünen Klee:

Die Ichidee fiel hin ins Gras, Das Ur-Ich wurde vor Schreck ganz blaß.

Da sprach das Ur- zur Ichidee: “Was wandelst du im grünen Klee?”

Da sprach die Ichidee zum Ur-: “Ich wandle nur auf deiner Spur.” -

Da, Freunde, hub sich große Not:

===> … Ich schlug mich gegenseitig tot.

73 HAM September 16, 2009 um 01:24

@lemming #71
„Weil aus dem Bewußtsein, Elite zu sein, auch das Bewußtsein einer Gesamtverantwortung folgen würde, die aber keiner will.“

Gesamtverantwortung für die menschliche Gattung zu übernehmen, ist den humanistischen Eliten meist nicht gut bekommen. Wilhelm Reich hat dies im „Christusmord“ thematisiert.

Natürlich gehört ein Ackermännchen nicht zur humanistischen Elite. Das ist und bleibt ein ewiger Spießer.

„Die Gesellschaft tritt ihren Mitgliedern als “universalisierter Sachzwang” gegenüber, als eigenlogisches System (in Luhmann-Diktion), in dem es nur auf das eigene Funktionieren ankommt. Eine Welt der Funktionäre, schuldunfähig, historisches Gesetz der Objektivierung, oder was weiss ich.“

Funktionieren im Sinne der Systemlogik wird belohnt. Das exkulpiert die Systemagenten, weil jeder sagen kann, wenn ich es nicht tue, dann tut es ein anderer.

„Die Freiheit ist immer noch ganz weit weg. Revolution geht immer, aber immer nur woanders.“

Die Freiheit beginnt dort, wo das Individuum sich von der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit. Gebrauch vom eigenen Verstand zu machen, ist der Beginn einer Revolution.

74 Nono September 16, 2009 um 02:53

@HAM Jetzt sind wir also bei Luhman ad usum delphini angekommen. Ehe noch jemand diesen Schrott glaubt, sei der geneigte Leser darauf hingewiesen, dass die nicht-triviale Maschine bei Luhmann genau damit gar nix zu tun hat. Verschiedene Systemlogiken schaffen sich ihre eigene Kausalität, das ist ja gerade der Witz an der Sache . “Funktionieren im Sinne der Systemlogik wird belohnt”, auch so ein cooler prähistorischer Satz, der jedenfalls mit Luhmann gar nix zu tun hat. Funktionieren im Sinne der Systemlogik wird eben gar nicht belohnt sonder ermöglicht operativ ausschließlich Kommunikation. Klar, wie klug der HAM ist: der Pilot, der auf den “Fasten seat belt” Knopf drückt, wird bei ihm bestimmt auch belohnt. Und als Höhepunkt dann die kantsche SELBSTverschuldete Unmündigkeit, die ja hier deshalb gar nicht paßt, weil es das Selbst in der Black Box gar nicht gibt. Werter Ham, du bist vielleicht spießig, aber vor allem ein Schwafler. Fasziniert zu sehen, wie ein avancierter Gedanke wie der von Weissgarnix oder lemming hier sofort wieder ins Mittelmass zurückgeholt wird, Wahrhaft ein Beispiel für statistische Durschnittsergebnisse bei angeblicher Schwarmintelligenz.

75 BB September 16, 2009 um 13:18

@Nono, sorry aber ich versteh Deinen Angriff auf HAM nicht. Im Gegensatz zu Deinem Statement meine ich, HAM einigermaßen verstanden zu haben und weiß den Gehalt seiner Aussage zu schätzen.

HAM vertritt einen humanistischen Standpunkt, wobei er die Forderung nach “Gesamtverantwortung” zu Recht in Frage stellt, die ja häufig von unseren Eliten gefordert wird. Diese können dieser nicht gerecht werden. Dann ist es auch sinnlos, die von ihnen zu verlangen. Aber diese Forderung ist ein wichtiger Bestandteil der Heuchelei unserer Politiker.

Übrigens war Marx auch Humanist genauso wie ein Erich Fromm, von unserm Salon-Humanisten und Post-Marxisten Richard David Precht ganz zu schweigen, der sich mit dem Erkenntnisfundus Erich Fromms heute in Talk-Shows spreizt.

Auch Matussek hat wohl eine humanistische Ausbildung genossen, den er war Schüler auf dem Jesuiten-Kolleg in Bonn-Bad Godesberg. Ich habe übrigens ein paar Jahre später ebenfalls ein humanistisches Gymnasium auf der anderen Rhein-Seite besucht, das damals als zweitbestes in der Gegend galt. Als bestes galt das Aloisius-Kolleg in Godesberg. Matussek hat in seiner ZDF-Fernsehserie “Meine Welt” (Matusseks Welt natürlich, aber wen interessiert die eigentlich?) seine alte Schule in Godesberg besucht. Mein Gott, war das peinlich. Da hat er sich doch tatsächlich vor den Lehrern dort wichtig gemacht mit dem Statement, er sei ja eigentlich mehr für den “alten Ritus”, nachdem er einem Schulgottesdienst beigewohnt hatte, bei dem sich die Lehrer bemüht hatten, den Gottesdienst etwas “jugendlicher” zu gestalten mit irgendwelcher New Age Musik (oder war es Gospel)? Aber die bräsige Wichtigtu-Präsenz von Matussek an seiner alten Schule war einfach zum Fremdschämen. Nun, gut, diese ZDF-Serie wurde auch ziemlich schnell wieder abgesetzt.

Übrigens hat wohl auch Nanuk in seiner jugendlich nerdigen Spontanität im ersten Statement (1) ganz oben wohl unscharf erkannt, dass es in dem Philosophischen Quartett ebenfalls irgendwie um etwas ging, dass mit diesem Thread hier zu tun haben könnte. Und tatsächlich, einer der Teilnehmer war auch Jesuiten-Pater und vertrat als solcher aufklärerische und humanistische Positionen. Ja, er forderte sogar zum Widerstand gegen die aktuellen Missstände auf (war jedenfalls mein Eindruck)! Wer hätte das gedacht!

So und jetzt kommen wir zu Bolz, der ja nach Wgnx in Luhmannscher Manier mit Systemtheorie argumentiert, und das darf ja wohl nicht sein, weil Wgnx mit Luhmann schließlich sein linkes Weltbild zu fundieren gedenkt und insofern jetzt gezwungen ist, sich mit Bolz – was erlauben der – auseinander zusetzen, weil: da muss doch irgendetwas faul sein, wenn der Luhmann sich so gut eignet, eine konservative Weltsicht zu zimmern.

Ja, da ist was faul! Aber ich werde den Teufel tun, das jetzt hier nochmal zu begründen. Zu groß die Wiederholungsgefahr. Manche schmerzhaften Häutungsprozesse muss jeder selbst durchstehen.

Wenn man eine Erkenntnis ziehen soll aus der unsäglichem Schwafelei Matusseks in seinem unsäglichen Artikel im unsäglichen Spargel-Magazin, dann die, dass wir es zur Zeit mit einer tiefen Erschütterung der Neo-Liberalen zu tun haben (aber das ist ja sowieso klar) und dass jetzt von deren Seite versucht wird, wieder die Diskurs-Hoheit zu erlangen. Das gelingt ihnen bisher nur ungeschickt. Weder Matussek noch Boltz und schon gar nicht diesem Porschloch.

Falls sich die Linke nicht durch verführerische Theorien a la Luhmann und Krugman das Hirn vernebeln lässt, hat sie eine gute Chance, sowohl unter den Bedingungen von Schwarz-Gelb oder noch schlimmer unter Schwarz-Rot die Neo-Liberalen argumentativ in die Ecke zu stellen und zwar auf Dauer. Aber wie schon mehrfach betont, wenn sie nicht den falschen Propheten nachläuft. Der Humanismus dagegen ist eine gute Basis, von der aus man operieren kann.

76 weissgarnix September 16, 2009 um 13:59

@BB

>und das darf ja wohl nicht sein, weil Wgnx mit Luhmann schließlich sein linkes Weltbild zu fundieren gedenkt

Ich weiß nicht, ob mein Weltbild “links” ist, um es mal ganz ehrlich zu sagen. Umsomehr freut es mich, dass du zu wissen scheinst, dass mein Weltbild “links” ist, weil damit habe ich wenigstens einen Ankerpunkt für die weitere Reflexion.

>weil: da muss doch irgendetwas faul sein, wenn der Luhmann sich so gut eignet, eine konservative Weltsicht zu zimmern.

Muss es, ja. Luhmann ist in meinen Augen der Osama Bin Laden der konservativen Weltbildzerstörung, daher finde ich es ja auch so putzig, dass ausgerechnet Bolz & Co. ihn so intensiv rezipieren. Man denke an den Habermas-Luhmann-Streit in den 70ern zu “Legitimität vs. Legalität” – ein topos, der für unsere Debatte und speziell das Thema des letzten Phil. Quartetts in meinen Augen von entscheidender Bedeutung ist. Luhmann delegiert die Legitimität – simpel gesprochen – an das “Verfahren”, während Habermas zusätzlich die Legitimität der am Verfahren beteiligten Institutionen einfordert. Das ist natürlich der allesentscheidende Dissens, die Frage aller Fragen, das ultimative Urteil aller Urteile: nach luhmannscher Auffassung ist legal und legitim, was durch das Verfahren als legal bestimmt ist – und sei es ein Verfahren innerhalb eines totalitären Regimes. Die praktische Relevanz dieser Ansicht läßt sich sehr schön bei Joachim Fest zu Speer nachlesen, dessen Rechtfertigung war ja im Prinzip auch, dass “das Verfahren” die Kontrolle über alles und jeden übernommen hat. Und wer in Großkonzernen arbeitet, mag darüber nachdenken, was mitunter in seinem “Policies & Procedures”-Manual steht, und welche praktische Relevanz es entfaltet.

Aus unserer ex post-Sicht auf die NS-Zeit ist das natürlich alles unverständlich und massiv kritikwürdig. Aber wenn wir mal ein paar aktuelle ex ante Hypothesen durchleuchten, dann bin ich mir da nicht mehr so sicher. Sind die Jungs in Afghanistan “tapfer” weil sie einer “guten, höheren Sache” dienen und mitunter dafür ihr Leben lassen? Oder sind sie doch nur Werkzeuge eines interessengeleiteten Feldzugs des Westens?

Alles nicht so easy, wenn ihr mich fragt. Ich würde mich mit moralischen Wertungen jedenfalls immer zurückhalten, insbesondere in Fragen von Frieden und Krieg.

77 James Tobin September 16, 2009 um 15:13

Danke für den tollen Blog.

Die Macht der Medien (über die Systemtheorie – sehr schön erklärt)
http://mp3.swr.de/swr2/aula/achtung-hinsehen.6444m.mp3

78 ~ haaalbgooottt ~ September 16, 2009 um 15:17

“Alles nicht so easy, wenn ihr mich fragt. Ich würde mich mit moralischen Wertungen jedenfalls immer zurückhalten, insbesondere in Fragen von Frieden und Krieg.

=> .. umgekehrt! … UMGEKEHRT !!! … mein Lieber.

… aber ich befürchte, was Weissgarnix-Klein nicht gelernt hat, das lernt der grosse Weissgarnix … nimmermehr. :-(

79 Lorenz Kleist September 16, 2009 um 15:18

@nanuk #1/3, @weissgarnix #2

Ich habe mir das philosophische Quartett nachträglich im Internet angeschaut und fand es eine wunderbare Sendung. Die Pflicht, sich an einem gemäßigten Gesprächststil zu üben, erscheint mir ein Aspekt des Tugendsamen, der auch angesprochen hätte werden können.

Den Untugenden der üblen Nachrede und der Rechthaberei begegne ich in diesem ansonsten informativen Forum leider so oft, dass ich mich an meiner eigenen Mäßigung angestrengt üben darf. Sehr schade, aber so völlig unmotivierte, sexistische Bemerkungen wie in #3 machen es für mich, dazu im Zusammenhang mit oberflächlichster Kritik an einer der interessantesten Sendungen, die es im Fernsehen gibt, fast schon unmöglich zuzugeben, dass ich diesen Blog teilweise richtig gut finde.

80 Nanuk September 16, 2009 um 15:32

@Lorenz Kleist
“Das Publikum verwechselt leicht den, welcher im Trüben fischt, mit dem, welcher aus der Tiefe schöpft.”
Nietzsche

und Mässigung Predigen komischerweise immer diejenigen die an den Fleischtöpfen sitzen…

sexistische Bemerkungen?

Ich fragte lediglich danach ob sie sich Bückt oder ob sie oben sitzen bleibt. Sexistisch ist das was ihr draus mach wenn ich das euch Scheinheiligen und ach so Keuschen mal vorwerfen darf.
Die assoziationen entstehen nämlich in eurem Kopf…

81 keiner September 16, 2009 um 16:03

…oder halt 1-2 Etagen tiefer. Soweit vorhanden. Geistige und körperliche Impotenz sollen ja oft hin vergesellschaftet auftreten. Und nicht alles, was mit Körperlichkeit zu tun hat ist Sexismus. Primitiv sucks—

82 weissgarnix September 16, 2009 um 16:25

@Lorenz Kleist

Nur, damit das hier nicht in den falschen Hals gerät: ich mag das “Philosophische Quartett” durchaus und ohne jeden Zweifel hat das Fernsehen mit dieser Sendung schon die eine oder andere Sternstunde erlebt. Ich fand aber diese Ausgabe diffus und oberflächlich – insbesondere vor dem Hintergrund, dass alle Beteiligten eigentlich der Meinung waren, mit den “Tugenden” einen leichteren Topos zu diskutieren, als etwa die “Werte” darstellen.

83 Systemfrager September 16, 2009 um 18:14

@ klaus baum (67)

einnverstanden; aber an der Stelle brauchte ich ein Adverb, und in Bezug zu “Erfahrung” lässt sich kein passendes herleiten – fiel mir nichts ein :-(

84 gregor September 17, 2009 um 05:08

Hallo Nanuk, hallo kleiner…

“Onanieren passiert. Mit Parisern vögeln passiert. Aber diese Leute
onanieren mit Parisern.” Bertolt Brecht über Schriftsteller-Kollegen.

Es lebe das intellektuelle Verhüterli oder Pharisäer beim geistigen Orgasmus in der Kolumnisten-Kuppel ratlos.

Hinterlassen Sie einen Kommentar