Norbert Bolz über die Medien

von weissgarnix am 2. September 2009

Dass mich Luhmann neuerdings ziemlich in seinen Bann schlägt, hat sich vermutlich schon rumgesprochen. Teil meiner locker-leichten Sommerlektüre war daher ein schlankes Büchlein mit dem Titel „Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?“. Es beinhaltet eine Reihe von Gesprächen mit und über Niklas Luhmann, die Texte sind allesamt spontan und leicht zugänglich, ohne kompliziertes Soziologen-Geschwafel und die üblichen, sprachästhetischen Salti Mortali; daher die perfekte Lektüre für alle, die sich zunächst einmal mit „Luhmann light“ befassen wollen, bevor sie „voll“ einsteigen.

Im letzten Beitrag dieser Sammlung diskutieren der hier nicht ganz unbekannte Luhmann-Schüler Dirk Baecker und der ebenfalls einer breiteren Öffentlichkeit zugängliche Medienwissenschaftler Norbert Bolz über „das Tempo der Massenmedien und die Langsamkeit ihrer Beobachter“.

Zunächst plaudern die beiden leger über Luhmanns Eröffnungssatz in „Realität der Massenmedien“, der da lautet: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ – das plätschert so dahin, laber-rhabarber-dideldidum-dideldidei, bis Norbert Bolz plötzlich folgendes sagt:

„Man [i.e. die Massenmedien, WGN] will gar nicht, und das ist das Verblüffende, finde ich, primär Informationen übermitteln. Ein naives, aufgeklärtes Bewusstsein würde erwarten, Massenmedien informieren im Sinne der Aufklärung. Man weiß es danach besser. Es geht aber nicht um das Besserwissen und um das Besser-Informiert-Sein, sondern um das Sich-Sicherer-Fühlen. [...] Und diese große Illusion der Durchschaubarkeit der Welt, das ist es eigentlich, was wir den Massenmedien verdanken. Und das ist ihre eigentliche psychologische Leistung. Alle Weltsachverhalte sind viel zu komplex, als dass sie auch – außer von hochspezialisierten Experten – durchschaut werden können. Die Massenmedien müssen den Gegenbeweis antreten: Ihr könnt alles verstehen – und wir sorgen dafür, dass das geschieht.“

„Wenn man beispielsweise einen dieser schrecklichen Filme anschaut, von denen Dirk Baecker gerade gesprochen hat, dann lernt man da sehr wohl. Man lernt beispielsweise, wie es in Manhattan aussieht. Man lernt, wie man mit Frauen umgehen könnte. Man lernt, wie man mit seinem Chef sprechen könnte. Man lernt, wie man in bestimmten, konkreten Situationen sich verhalten kann oder auch nicht, wie man sich lächerlich macht oder auch nicht, wie weit das Piercing gehen kann oder auch nicht. [...] Also, man lernt nichts, wenn Sie so wollen, Abfragbares für „Wer wird Millionär?“, sondern man lernt, wie man in der Welt sich verhalten kann oder verhalten soll oder, vor allen Dingen, mit welcher Meinung man sich in der Öffentlichkeit blicken lassen kann und mit welcher nicht. [...] Da geht es um Isolationsangst: Mit welchen Meinungen kann ich in Kommunikationszusammenhänge eintreten? Das machen mir die Massenmedien klar. Du kannst sehr viele Meinungen haben, aber doch bitte nur in diesem Spektrum und in diesem Horizont. Und das ist natürlich unschätzbar für die Verhaltenssicherheit der Menschen.“

Über die Kehrseite dieser „Verhaltenssicherheit“ macht sich Bolz offenbar keine Illusionen:

„Für mich sind Massenmedien das wesentliche Organ der „political correctness“, in Deutschland genauso wie in Amerika und wie in anderen Ländern auch. Und das ist natürlich schon ein bisschen mehr als eine Konstruktion von Wirklichkeit neben anderen. Denn es fällt, finde ich, schwerer denn je – das ist etwas, worüber ich sehr, sehr gerne mal arbeiten würde und auch andere Meinungen hören würde – eine ernsthaft von der „political correctness“ abweichende Meinung in Deutschland zu vertreten. Man isoliert sich wahnsinnig schnell. [...] Aber de facto haben wir natürlich auch eine Art öffentliche Meinung, die in eine ganz bestimmte politische Richtung hergerichtet wird. [...] Und das wird von uns nur deshalb nicht so wahrgenommen, weil uns diese Richtung doch politisch sympathisch ist.“

Soweit als Ausschnitt aus diesen wirklich interessanten, erhellenden und vergleichsweise leicht zugänglichen 145 Seiten von und über Luhmann. Ich selbst musste speziell über die vorstehende Passage recht lange nachdenken, besagt sie doch nichts anderes, als dass Massenmedien nicht “Informations-” sondern “Konformitäts”-Vermittler sind; unabhängig davon, ob sie das wollen oder nicht, ob sie in die eine Richtung ideologisch aufgeladen sind oder in die andere. Würden sie es nicht sein, würde es sie nicht geben – sie würden vermutlich als “nutzlos” angesehen werden, weil sie für die Komplexitäten des täglichen Lebens keine Orientierungshilfen anbieten. Und wenn sich das mit einer wie immer gearteten Ideologie verbindet, mit dem Schaffen von “Massenloyalität”, um mal mit Habermas zu sprechen, dann umso … ja, was eigentlich? Wirklich nur “schlimmer”?

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1 Sigmund September 2, 2009 um 13:41

Die Frage ist, was man unter “PC” versteht. Die eine, allgemeine Definition wäre etwa der politische “Common Sense”, also z.B. Linksrutsch in D, Lafo ist linksextremistisch, der Staat zu fett usw.
In diesem Sinne würde ich Bolz auch recht geben.

ABER:
Der meint ja was anderes, nämlich eine im Kern zutiefst rechtsreaktionäre Gesinnung:

http://www.kath.net/detail.php?id=20156
Zitat: “Soziale Gerechtigkeit ist die Maske des Neids, Teamfähigkeit ist die Maske des Hasses auf die Ehrgeizigen und Erfolgreichen, Dialog der Kulturen ist die Maske der geistigen Kapitulation. Überhaupt das was man Political Correctness nennt, ist die aktuelle Rhetorik des Antichristen”

Eine ziemlich unappetitlich Mischung, etwa Hans-Olaf Henkel goes “PI-News”.

P.S. Erster!

2 keiner September 2, 2009 um 13:45

ARD-ZDF-Reichspropagandaministerium. Da kann man auch selbst durch Nachdenken drauf kommen. Oder war das nicht der Witz dieser Trivialphilosophen, wie letzthin jemand hier feststellte:

Sprachmüll und ab und an eine Erkenntnis, auf die jeder kommen kann, damit sich der Leser mit dem Autoren identifizieren kann.

8-)

3 Limited September 2, 2009 um 13:49

Die letzte Aussage von Bolz ist in meinen Augen etwas verschwörungstheoretisch gedacht.

Ausser bei Kindesmord und anderen extremen Gewalttaten gibt es meines Erachtens und meiner Beobachtung nach keinen “Common Sense” in den Massenmedien. Und schon gar keine Diktatur einer “politically correctness”. Die Bildzeitung hetzt gegen Ausländer, die TAZ versucht gegenzuhalten. Das übliche Spiel, das beiden Auflage bringt.

Geht man die gedankliche Linie von Bolz weiter, wird man sich bald in Verfolgungswahn gefangen finden. Bolz hat diesen Schritt mittlerweile getan:

Haben Sie ein Beispiel für die teuflische Rhetorik der Gutmenschen? Bolz: “Soziale Gerechtigkeit” ist die Maske des Neids, “Teamfähigkeit” ist die Maske des Hasses auf die Ehrgeizigen und Erfolgreichen, “Dialog der Kulturen” ist die Maske der geistigen Kapitulation. Überhaupt: Das was man Political Correctness nennt, ist die aktuelle Rhetorik des Antichristen.

4 mylli September 2, 2009 um 13:50

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen wir durch die Massenmedien.“

Solche Dreiviertelsätze der Luhmann?

5 Ahnungsloser September 2, 2009 um 13:58

Ja, die Frage mit dem Fernseher…

Habe ich mir auch schon oft stellen lassen müssen, oft von in größte Verwunderung versetzten Menschen, die aber bereitwillig Verhalten aus Film & Fernsehen adaptieren. Soweit der Stereotyp.

Allerdings fällt mir auch nicht ein, wie das mit dem Vermittlen von Konformität unproblematischer werden könnte – ist ja dem Massenmedium inhärent. INSM & Konsorten haben das jedenfalls erkannt. Insofern: nicht nur ,,schlimmer”.

6 Sigmund September 2, 2009 um 14:09

Bei längeren Nachdenken (naja, eher kürzeren) möchte ich mich mal aus dem Fenster lehnen und dem Mann eine nahezu faschistische Philosophie unterstellen: Der Pöbel soll malochen und sich dann sich mit Brot und Spielen narkotisieren, während “hochspezialisierte Experten” (Bolz selber oder wer?) entscheiden, was für uns das richtige ist.
Darüber wird dann die Soße “christliche Werte” gegossen, und wer aufmuckt, ist “Verfassungsfeind”.

Bolz, Broder, Fleischhauer, Diekmann, Matussek usw. stehen ja gar nicht außerhalb des Mainstreams, sie SIND der Mainstream.

“Politisch Inkorrekt” im Sinne des Artikels, das heißt, vom öffentlichen Diskurs ausgegrenzt und diffamiert, sind ja andere.

7 retep1 September 2, 2009 um 14:13

Ich stelle mir gerade vor, ich müsste als Student bei Prof. Bolz eine akademische Prüfung ablegen und wäre nicht seiner Meinung.
Ich könnte nachts nicht mehr schlafen…
Jemand, der die oben zitierten Sätze sagt (“Soziale Gerechtigkeit ist die Maske des Neids, ….Überhaupt das was man Political Correctness nennt, ist die aktuelle Rhetorik des Antichristen.”), sollte m.E. keine Studenten ausbilden dürfen, da die Gefahr der geistigen Überwältigung der ihm anvertrauten Stzudenten unübersehbar ist.

8 Nanuk September 2, 2009 um 14:17

“Aber de facto haben wir natürlich auch eine Art öffentliche Meinung, die in eine ganz bestimmte politische Richtung hergerichtet wird.”

Was macht Bolz wenn seine Meinung nicht mehr abweichend ist sondern „political correctness“ wird?
http://www.youtube.com/watch?v=c_Y50hE5ri8

9 tschill September 2, 2009 um 14:30

Jetzt bin ich etwas verwundert, daß weissgarnix verwundert ist. Natürlich ist Konformitätserzeugung ein Wesenszug der Kommunikation, nicht nur der Massenmedien. Siehe dazu u.a. Aschs Konformitätsexperimente. Was ist jetzt daran spezifisch für die Massenmedien?

Noch seltsamer dann allerdings, wie hier die anderen Aspekte – Wissensvermittlung (*10 Backrezepte für Ihr Sommerfest*), ideologische Instrumentalisierung (*10 Backrezepte für Ihr Sommerfest* anstatt *10 Gründe für die ökonomische Segregation der Gesellschaft* ) etc. – unter den Tisch fallen. Aber dieser Eindruck kann auch durch den präsentierten Ausschnitt hervorgerufen werden.

10 mo September 2, 2009 um 14:38

@sigmund

Der Pöbel soll malochen und sich dann sich mit Brot und Spielen narkotisieren, während “hochspezialisierte Experten” (Bolz selber oder wer?) entscheiden, was für uns das richtige ist.

ganz banales tittytainment – mir scheint der bolz da hinterherzuhinken:

(…) “20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung würden im kommenden Jahrhundert ausreichen, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. “Mehr Arbeitskraft wird nicht gebraucht”, meint Magnat Washington SyCip. Ein Fünftel aller Arbeitssuchenden werde genügen, um alle Waren zu produzieren und die hochwertigen Dienstleistungen zu erbringen, die sich die Weltgesellschaft leisten könne. Diese 20 Prozent werden damit aktiv am Leben, Verdienen und Konsumieren teilnehmen – egal, in welchem Land. Das eine oder andere Prozent, so räumen die Diskutanten ein, mag noch hinzukommen, etwa durch wohlhabende Erben.

Doch sonst? 80 Prozent der Arbeitswilligen ohne Job? ” Sicher”, sagt der US-Autor Jeremy Rifkin, Verfasser des Buches “Das Ende der Arbeit”, “die unteren 80 Prozent werden gewaltige Probleme bekommen.” Sun-Manager Gage legt noch einmal nach und beruft sich auf seinen Firmenchef Scott McNealy: Die Frage sei künftig, “to have lunch or be lunch”, zu essen haben oder gefressen werden.

In der Folge beschäftigt sich der hochkarätige Diskussionskreis zur “Zukunft der Arbeit” lediglich mit jenen, die keine Arbeit mehr haben werden. Dazu, so die feste Überzeugung der Runde, werden weltweit Dutzende Millionen Menschen zählen, die sich bislang dem wohligen Alltag in San Franciscos Bay Area näher fühlen durften als dem Überlebenskampf ohne sicheren Job. Im Fairmont wird eine neue Gesellschaftsordnung skizziert: reiche Länder ohne nennenswerten Mittelstand und niemand widerspricht.

Vielmehr macht der Ausdruck “tittytainment” Karriere, den der alte Haudegen Zbigniew Briezmski ins Spiel bringt. Der gebürtige Pole war vier Jahre lang Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, seither beschäftigt er sich mit geostrategischen Fragen. “Tittytainment”, so Brzezinski, sei eine Kombination von ” entertainment” und “tits”, dem amerikanischen Slangwort für Busen. Brzezinski denkt dabei weniger an Sex als an die Milch, die aus der Brust einer stillenden Mutter strömt. Mit einer Mischung aus betäubender Unterhaltung und ausreichender Ernährung könne die frustrierte Bevölkerung der Welt schon bei Laune gehalten werden.”

(zitat aus “Die Globalisierungsfalle”, s. 12)” (…)

und womöglich liegt die betonung hier tatsächlich auf betäubend (langer artikel mit einigen unteressanten thesen zu physiologischen wirkungen des fernsehens, die ich nicht abschliessend bewerten kann, aber zumindest diskussionswürdig finde).

11 moosbrugger September 2, 2009 um 14:45

@ retep1: Kein Grund zur Sorge. Bolz ist eine ganz eigentümliche Gestalt: Wenn er sich und seine Thesen verkaufen will, endet das häufig in (mitunter anregendem) Geschwafel. Gleichzeitig habe ich ihn als einen hervorragenden Lehrer in Erinnerung. Unglaublich eitel, aber zugleich sehr konzentriert und aufmerksam. Dann wundert man sich, wie unprätentiös er sein kann. Paradoxerweise waren so seine Proseminare viel spannender als die Haupt- und Oberseminare, einfach weil es mehr um die Sache als um ihn ging.

Sorry für die privatistische Abschweifung…

12 egghat September 2, 2009 um 15:13

Dazu vielleicht passend einer meiner Lieblingsmissverständnisanekdoten :

Die Bild warb mal mit dem Spruch:

Bild dir deine Meinung.

Was als “bilde dir deine Meinung” gelesen werden sollte, von mir aber als “Bild: Dir Deine Meinung” verstanden wurde. Also genau in dem Sinne der “Konformität” der Massenmedien. Dem Leser nach dem Mund reden (Und Skandale aus Ullalas Dienstwagen, Ackermann Abendessen, etc. pp. machen. Was ja nicht die wirklichen Skandale sind).

Eigentlich könnte man auch viel direkter zu einem ähnlichen Schluss kommen: Allein der Begriff “*Massen*medien” beinhaltet ja schon, dass das kein Medium von bzw. für Querdenker ist.

13 egghat September 2, 2009 um 15:18

Übrigens mal ein Lob, weil ich das Blog hier sehr mag (was man ja auch an meinen dauernden Kommentaren hier sieht …). Eine ganzen Abschnitt in einem Satz wie “als dass Massenmedien nicht “Informations-” sondern “Konformitäts”-Vermittler sind” zu erklären, hat schon was! Respekt!

14 weissgarnix September 2, 2009 um 15:34

Ja klar – Bolz hat wohl ein konservatives Weltbild. Mein Freund und Zwetschgenröster Robert Misik widmet ihm in “Politik der Paranoia”, einer Abrechnung mit den “Neokonservativen”, sogar die allererste Fussnote und nennt ihn einen “strammen Rechten”.

Ich sehe das ein wenig relaxter, weil Bolz beklagt meiner Meinung nach nicht platt einen “Verfall der Moral”, sondern taucht annähernd die gleichen Beobachtungen, wie sie Luhmann strikt deskriptiv formuliert, in ein konservativ-normatives Licht. Funktionale Ausdifferenzierung, Schematismen der Massenmedien, “diabolische” Wirkung des Geldmediums – Bolz ist einer derjenigen, der die aus seiner Sicht negativen Aspekte beschreibt und dann in Sätze gießt wie: “Es gibt Kreise, in denen eine Schwangerschaft bereits als Behinderung gilt”.

A priori ist mir das nicht unsympathisch – weil ich mich ebenfalls mit einer strikt deskriptiven Sichtweise nicht abfinden will. Ich muß ja deshalb nicht gleich die Wiederkehr des “Antichristen” verkünden, wie es Bolz offenbar tut; aber andererseits: wenn in einer streng deskriptiven Auslegung à la Luhmann das “Diabolon” bereits Einzug gehalten hat, dann wundert es mich nicht, dass in einer normativen Erweiterung von Bolz der Antichrist himself erscheint.

Die schlichte Wahrheit ist aber: Ich weiß zu wenig über Bolz, um mir ein Urteil bilden zu können – ich habe nichts von ihm gelesen, kein Buch und keinen Aufsatz. Bis auf die o.g. Passagen in Misiks Buch, aber auf deren Basis käme ich nicht unbedingt zu einem negativen Urteil über ihn.

Ist aber im obigen Zusammenhang alles ziemlich egal, weil was mich daran faszinierte, war nicht Bolz’ Ansichten über Religion und Familie, sondern die Deutlichkeit in Inhalt und Übereinstimmung mit Baecker. Der zuckt zwar augenscheinlich, wenn’s ums Normative und um Fragen der “Macht” geht, zu denen Bolz Luhmann an einer anderen Stelle dieses Gesprächs kurzerhand “Blau-Äugigkeit” vorwirft. Aber hinsichtlich der primär Konformität erzeugenden Wikung waren sie sich offenbar doch recht einig.

Und wer meint, dass wäre doch alles eh sonnenklar, der möge doch einfach mal einen Journalisten fragen, ob der das auch so sieht.

15 Merkur September 2, 2009 um 15:35

Ist sicher was dran – und ja auch nichts neues “Manufacturing Consent ” von Edward S. Herman und Noam Chomsky schlagen in die selbe Kerbe. Doch schon vor vielen Jahren sagte ein Amerikaner (der mir gerade nicht einfällt) sinngemäß: “Die Massenmedien geben der Gesellschaft den Zusammenhalt in dem sie ihnen eine gemeinsame, von der Mehrheit geteilte Sicht auf die Welt geben.”

Ich habe seid 15 Jahren keinen Fernsehen und erlebe jeden Tag erneut immer wieder wie sehr das Denken der Menschen vom Fernsehkonsum beeinflust wird. Das fängt vom “Running Gag” aus der gestrigen Talks-Show an und geht bei Diskusionen über den letzten Blockbuster weiter – reicht aber auch viel tiefer.

Es ist schwer zu beschreiben aber manchmal habe ich das Gefühl mich in den 15 Jahren immer weiter von “der Gesellschaft” entfernt zu haben. Das mag auch andere Gründe habe, nicht nur mein Verzicht auf das Fernsehen (und andere Massenmedien) – doch einen gewissen Anteil daran wird es wohl haben.

16 Delphin September 2, 2009 um 15:39

@Limited, #3

“Ausser bei Kindesmord und anderen extremen Gewalttaten gibt es meines Erachtens und meiner Beobachtung nach keinen “Common Sense” in den Massenmedien. Und schon gar keine Diktatur einer “politically correctness”. Die Bildzeitung hetzt gegen Ausländer, die TAZ versucht gegenzuhalten. Das übliche Spiel, das beiden Auflage bringt”

Ja sie hetzen beide und nein es handelt sich nicht um 2 Seiten. Das macht schon Dein Beispiel deutlich, wenn Du Dir die Auflagen ansiehst. Und dann kannst Du auf der Bildzeitungsseite noch dazu addieren:
Welt
Faz
Express
Focus
Spiegel
Zeit (mit Ausnahmen)

auf Seiten der Taz fällt mir da gerade noch die Frankfurter Rundschau ein.

Auflagenverhältnis 10:1 ??

Und genau deshalb stimmt das mit der Political Correctness eben doch.

Gegenprobe, stell Dir vor ‘Die Linke’ hätten vor zwei Wochen 100 Millionen Euro an ‘Deutschem Volksvermögen’ (sagen wir aus alten DDR Beständen) an Palästina überwiesen. Als Entwicklungshilfe (mit der Auflage das Geld für rein Zivil Projekte zu benutzen).

Meinst Du die Gesamtheit der Deutschen Printmedien, hätten das ähnlich ignoriert wie 100 Milliarden Bankenhilfe? Oder meinst Du Hr. Gisy und Hr. Lafontaine hätten sich ziemlich warm anziehen müssen? Ich glaube, sie hätten DEN Gerichtsprozess Ihres Lebens am Hals. Wegen der ‘political correctness’.

17 Nanuk September 2, 2009 um 15:52

@Delphin
Na dann beantworte du doch die soziale Frage warum werden Menschen nicht frei? Du kannst dich überall informieren warum tun es manche nicht und nicht vergessen die Würde des Menschen ist unantastbar sonst landest du nämlich beim Führer und nicht mehr in einer Demokratie…

18 weissgarnix September 2, 2009 um 15:55

@Merkur

Nein – neu ist das tatsächlich nicht. Das oben zitierte Buch stammt ja selbst schon aus 2004.

19 weissgarnix September 2, 2009 um 15:57

@egghat

Danke – wir sind halt die Besten (ist mir im Grunde ja eh peinlich).

;-)

20 froZ September 2, 2009 um 15:58

“… unabhängig davon ob sie das wollen oder nicht…”

Die Sache mit der Konformitätsvermittlung durch die Massenmedien ist sicher so, auch wenn es natürlich im Bereich der Printmedien Blätter mit eher geringer Auflage wie “Junge Welt” und die “Junge Freiheit” gibt, die sich jenseits des allgemein goutierten Meinungsspektrums bewegen.

Aber ich frage mich schon seit längerem: Diese Einengung auf ein begrenztes Spektrum, diese Meinungs-Kanalisierung – ist das im wesentlichen etwas, was die Massenmedien sozusagen “autopoietisch” zustande bringen, durch zunehmende Selbstreferentialität? Siehe hier:

http://de.wikipedia.org/wiki/Autopoiesis#Anwendung_im_Journalismus.2F_Literaturwissenschaft

Oder werden sie von einigen vernetzten Meinungsmachern in den Verlagshäusern, PR-Agenturen und Think-Tanks gelenkt?

Beispiele gibt es sicher sowohl für das eine wie auch für das andere.

21 salvo September 2, 2009 um 15:58

ach ja, und wie wurde denn in den Gesellschaften in der Zeit vor den so genannten Massenmedien, Kon-formität geschaffen? Und auf der anderen Seite frage ich mich, warum in den höchst theoretischen Überlegungen die Frage danach gar nicht gestellt wird, wer denn diese angeblich Konformität schaffende Massenmedien kontrolliert und was diese Kontrolle darüber für die Art der Konformität bedeutet, die die Medien angeblich erzeugen. Speilt es denn gar keine Rolle, ob die Massenmedien einer Gesellschaft größtenteils demokratisch verteilt und kontrolliert sind oder in der Hand eines Berlusconis? Welche Arten con ‘Konformitäten’ ergeben sich daraus? Ausserdem stellt sich die Frage, ob diese Trennung von Information und Konformität nichts als eine für die Praxis und Realität wertlose theoretische Leistung ist. Da lese ich lieber weiter Foucault

22 froZ September 2, 2009 um 16:21

@ wgnx #14

Ich habe mal einen Journalisten danach befragt, einen Redakteur einer Regionalzeitung mit recht großer Auflage. Die Antwort war wenig überraschend: Ökonomische Zwänge, begrenzte Ressourcen für eigene Recherchen, daher im Zweifel die Orientierung an den großen überregionalen Zeitungen. Zuletzt sinkende Werbeeinnahmen und dadurch noch weniger eigene Ressourcen. Außerdem: die Auflage. Wenn im Blatt plötzlich was ganz anderes steht, als im Fernsehen verkündet wird, dann könnte das einige apolitische Stammleser irritieren. Da ist man mit Orientierung am Mainstream auf der sicheren Seite. Das Problem war ihm durchaus bewußt.

Wer sagte übrigens gleich noch dies? – “Der Soziologe ist einer, der etwas verstanden hat, ohne es erklären zu können. Der Journalist ist einer, der etwas erklären kann, ohne es verstanden zu haben.”

(O.K., eigentlich ging es mit dem Philosophen, aber der Soziologe paßt hier besser.)

23 Limited September 2, 2009 um 16:23

@ Delphin

Auch hier ist das m.E. eine Frage der Perspektive.

Ich könnte eine Gegenrechnung aufmachen:

SZ
Zeit
TAZ
FR
FAZ (mit Ausnahmen)

gegen

Bild
Welt
Express
Spiegel (mit Ausnahmen)

da fällt das Kräftegewicht doch schon gleich ganz anders aus.

Aber das ist eine Bewertungsfrage, bei der wir uns wohl kaum einig werden.

Ist der Aussage:

“Alles was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien” eigentlich richtig? Viele hier scheinen dies ja so zu sehen. Ich teile diese Sichtweise nur bedingt.

Neben Medienprodukten beeinflußen familiäre Sozialisation, peer-groups und Freundschaften, regionale Traditionen, Vereine und ihre Mythen, Bildungsinhalte und individuelle Erfahrungen u.v.m. doch stark den Wissensfundus und fungieren als Kanäle der Konformitätsvermittlung.

Das mag man aus einer systemischen Sicht heraus ausblenden, aber Massenmedien sind je nach Perspektive nur ein Prägestempel des sozialen Lebens neben anderen.

24 Limited September 2, 2009 um 16:25

sorry, gemeint ist “die Aussage:” .

25 Canucks September 2, 2009 um 16:38

Die Printmedien sind sogar teilweise wirtschaftlich dazu gezwungen ihren Lesern nach dem Mund zu reden, denn das Produkt eines Zeitungsverlages ist nicht die Zeitung an sich, sondern die Leser der Zeitung. Diese bietet er seinen Werbepartnern an und erzielt nur mit diesen einen ökonomischen Erfolg.
Grüße Canucks

26 hacedeca September 2, 2009 um 16:44

Ja gut, Konformität…

Nicht nur als Absicht, oder systemimmanent, auch bei Teilen des Publikums gibt es ja sicher da Bedürfnisse.

Nur gibt es ja jetzt das Internet. D.h., es wird zunehmend schwerer zu ergründen, aus welchen Quellen sich jetzt der “einzig wahre”, der er- und gewünschte Konformismus speist.

Wurde also bisher die “Individualisierung” triumphierend begrüsst, erwächst aus ihr zunehmend ein Problem für jegliche “Gleichschaltung” (Eva Herman).

27 weissgarnix September 2, 2009 um 16:53

@Limited

>Neben Medienprodukten beeinflußen familiäre Sozialisation, peer-groups und Freundschaften, regionale Traditionen, Vereine und ihre Mythen, Bildungsinhalte und individuelle Erfahrungen u.v.m. doch stark den Wissensfundus und fungieren als Kanäle der Konformitätsvermittlung.

Genau darum geht es im Gespräch zwischen Baecker, Bolz und Herausgeber Wolfgang Hagen. Es gibt zumindest schon einmal ein “Privatwissen”, das nicht aus den Massenmedien kommt, zB ob du gestern deine Blumen gegossen hast oder wo deine Mülltonnen stehen (Originalbeispiele Luhmann). Was du aber meinst, ist offenbar die Wissensverarbeitung, gewissermaßen die Delegation an ein Sub-Sub-System, i.e. Familie, Freundeskreis usw. Aber woher wissen die wieder, was sie wissen bzw nicht wissen? Woher wissen sie zB, dass es durchaus Berichtenswertes gäbe, vielleicht sogar etwas, was weltbildverändernde Qualität hätte, aber nicht berichtet wird (zB Darfur, Tierversuche, …)? – Zumeist wissen sie das wiederum aus den Massenmedien. Die sind ja weder homogen noch monolithisch, auch wenn sie an den entscheidenden Stellen vielleicht redundant sind, sprich häufig dieselben Themen aufmachen und recht ähnlich-lautende Nachrichten bringen. Trotzdem gibt es dann zB die eine Sendung auf Arte, in der der Georgien-Konflikt völlig anders dargestellt wird, wie in den Hauptnachrichten; oder es gibt diesen einen Kino-Film über die Problematik der “Blutdiamanten”.

Mit anderen Worten: da man in 99 von 100 Fällen schlicht nicht vor Ort war, als es passierte, kann man – direkt oder indirekt – sein nicht rein persönliches Wissen fast immer nur aus den Massenmedien haben.

28 Peter Lehmann September 2, 2009 um 17:09

Meine Reaktion auf Boltz:
1) Er wäre in einem autoritären Regime vielleicht kein Mitläufer, jedenfalls aber ein Duckmäuser, um der “Isolationsangst” zu entgehen. Es gibt ja im reaktionären Spektrum durchaus Leute wie den Prof. Rohrmoser, die die Ausübung körperlicher Gewalt gegen Andersdenkende und Anderslebende befürworten. Die müssten halt die Führung übernehmen und Boltz ein hinreichendes Mass an “Verhaltenssicherheit” gewährleisten.

2) Faktisch üben Massenmedien nicht nur Konformitätsdruck aus, sondern erzeugen auch in grossem Umfang kognitive Dissonanzen. Dieser Effekt tritt bei Angehörigen fundamentalistischer Minderheiten nicht auf.Dass Boltz sich offenbar einer solchen zurechnet, erstaunt.

“Dialog der Kulturen ist die Maske der geistigen Kapitulation.” Da hat für Boltz anscheinend selbst der Papst bereits die weisse Fahne gehisst. Und ich gehöre nochmals einer anderen Kultur als Boltz an. Sollte ich den Dialog mit ihm versuchen? Das wäre, wie er mir zu verstehen gibt, bereits eine Kapitulation meinerseits. Boltz bricht also Luhmann letzten Endes bis aufs Lenin/Carl Schmitt-Niveau herunter. Das hat mit dem Original nichts zu tun. Der Antichrist-Spruch ist schon sehr bemerkenswert. Sogar zu Zeiten, als deutsche Aufklärer noch als Fürstenbibliothekare arbeiteten, taugte er vor allem zur Selbstdeklaration als Dunkelmann. Hat Boltz sich womöglich auch als Intelligent Design-Anhänger verortet?.
Die letzte Anmerkung betrifft Luhmann. Die hier von @Georg Wolf vertretene Ansicht, einen “Links-Luhmannismus” könne es nicht geben, ist unzutreffend. Entsprechende Einwendungen sind hier ja auch bereits mehrfach artikuliert worden, u.a. unter Bezugnahme auf die Dichotomie Inklusion/Exklusion. Persönlich habe ich mich z. T. in diesem Sinn, zum Teil auch gegenteilig geäussert – nicht, weil ich konfus wäre, sondern weil für mich Luhmann, grob gesagt, zwei Kernthesen vertritt – eine richtige und eine falsche. Die richtige bezieht sich auf den Parallelismus und die relative Unabhängigkeit sozialer Subsysteme. Diese Faktoren können Spätmarxisten (denen Marx nicht gefolgt wäre) nicht erklären. Luhmann impliziert aber mehrfach, dass die funktionale Differenzierung quasi schon ein eigendynamisch-selbstreferentielles Posthistoire etabliert habe. Da kommt bei ihm deutsch-professoraler Späthegelianismus zum Vorschein. Der ist bei ihm weder sympathischer noch wirklichkeitsnäher als bei irgendjemandem sonst. Baecker kapriziert sich darauf, diesen Strang zu betonen. Übrigens wird Luhmann, obwohl er auf Talcott Parsons aufbaut, in den USA kaum rezipiert. Wäre er der “Scharlatan” gewesen, als den ihn jemand hier apostrophierte, müsste er einigen Amerikanern sehr gut in den Kram passen. Tatsächlich ist es der Hang zum Glasperlenspiel (siehe sein Herbeiassoziieren einer Leitdifferenz leicht/schwer im Kontext Fussball), der ihn dort ziemlich unbeachtet bleiben lässt.

29 Limited September 2, 2009 um 17:10

@ wgn

Sicher geht es bei meinen Erweiterungen um Wissensvermittlung aber eben auch um Konditionierung, Konformitätsvermittlung.

Da sind prägende Einflüsse aus vielen verschiedenen Richtungen vorhanden. Massenmedien sind dabei ein wichtiger Einfluss, aber z.B. auch familiäre Sozialisation oder regionale Traditionen, die eher wenig mit Massenmedien zu tun haben, aber den vertretbaren Handlungsrahmen (mit) vorgeben.

Und dann läuft man mit einer Schellkapp beim Rotenburger Fasching mit oder ist CDU-Mitglied und Bäcker in der vierten Generation und hat auch eine entsprechende Konformitätskonditionierung und einen angepassen Wissensbereich, ohne dass dies irgendetwas mit den Massenmedien zu tun hätte.

Derartige “triviale” Handlungsweisen sind m.E. aus systemischer Sicht irrelevant, prägen das soziale Leben dennoch deutlich.

Insofern sehr ich ein Diktat der Massenmedien nur als teilweise richtig, auch wenn das gegen so manche Journalisteneitelkeit gehen könnte.

Hinzukommt das hier schon erwähnte Internet. Damit ist man nicht mehr nur passiver Konsument, dem eine Passform übergestülpt wird, sondern kann aktiv tätig werden und ist sehr heterogenen Einflüssen in Hinsicht auf Konformitätserwartungen ausgeliefert.

30 J.Kramer September 2, 2009 um 17:43

Systemtheorie ist immer faschistoid.
Schließlich entwirft (deshalb: Theorie) sie ein “System” in dem die “Systembewohner” Marionetten sind.
Nur, das funzt nicht. Jedes System fusst auf Annahmen. Systemtheoretiker wissen nicht einmal, was Materie an sich ist. In diesem wissensfreien Raum lässt sich dann beliebig spielen.

Faschistoid deshalb, weil Mensch in den Systemen immer als zentrale Figur dargestellt wird. Sozusagen wie Religion: Der liebe Gott hatt einen Menschen gesandt. Richtig wäre es, anzufangen zu fragen: Z.B. Warum keine Ameise? Der alte Witz, dass die sich schlecht am Kreuz macht, ändert nichts an der zu beobachtenden selbstbezüglichkeit, also faschistoiden Struktur solcher Systeme.

Der liebe Gott, so es ihn gibt, ist sicher kein Faschist.

31 froZ September 2, 2009 um 17:45

Da der “Antichrist” hier solchen Staub aufwirbelt: Bolz bezieht sich vermutlich hierauf:

http://www.kath.net/detail.php?id=17801

In katholischen Kreisen dürfte der Solowjow bekannt sein (übrigens durchaus lesenswert). Aber bei Solowjow – wenn ich ihn recht verstanden habe – geht es um das grundlegende Verhältnis des Gesellschaftlichen zum Religiösen, um das Prinzip “Mein Reich ist nicht von dieser Welt”. Bolz dagegen macht daraus eine politische Polemik, sicher nicht im Sinne von Solowjow.

32 froZ September 2, 2009 um 18:00

Es gibt Solowjows Erzählung auch in voller Länge im Netz:

http://kleinbuerger.blogspot.com/2007/03/antiquarisches.html

Der Antichrist als großer Sozialreformer, Weltfinanzverwalter, vegetarischer Tierschützer… und Präsident der Vereinigten Staaten von Europa. Geschrieben 1900. Also irgendwie ist der Solowjow schon erstaunlich.

33 froZ September 2, 2009 um 18:02

Äh, veröffentlicht doch schon 1899, wie man sieht.

34 moosbrugger September 2, 2009 um 18:14

Warum Solowjow bemühen? Bolz variiert Nietzsches Kritik des Ressentiments, nur mit dem kleinen perversen Dreh, dass Nietzsche ursprünglich damit das Christentum hat treffen wollen. B. ist ein Spieler.

35 undertaker September 2, 2009 um 18:33

“als dass Massenmedien nicht “Informations-” sondern “Konformitäts”-Vermittler sind; unabhängig davon, ob sie das wollen oder nicht, ob sie in die eine Richtung ideologisch aufgeladen sind oder in die andere. Würden sie es nicht sein, würde es sie nicht geben – sie würden vermutlich als “nutzlos” angesehen werden, weil sie für die Komplexitäten des täglichen Lebens keine Orientierungshilfen anbieten.”

Tja, durch das Internet werden sie als “Konformitäts”-Vermittler immer überflüssiger. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen scheint das bereits erkannt zu haben und reagiert entsprechend, um nicht als nutzlos angesehen zu werden. Wie hat meine Mutter neulich treffend festgestellt: Da läuft ja den ganzen Tag nur noch Fußball…

Da kann man wenigsten objektiv Information vermitteln. 30 Kameras im Stadion entgeht nichts: War der Ball nun hinter der Linie oder nicht, böser Schlag in Gesicht des Gegenspielers, aber im Rücken des Schiedsrichters, das sind doch die Informationen, die ich wirklich brauche.

Die Bild kann dann Exklusiv-Interviews mit Beckenbauer über Ribery bringen, hinter den Kulissen kriselt es, das sieht man nicht auf dem Platz und damit im Fernsehen. So haben die Massenmedien weiter ihre Daseinsberechtigung.

Mal schauen, wann auch die Herren Soziologen zu dieser bahnbrechenden Erkenntnis kommen;-)

36 lemming September 2, 2009 um 18:58

@wgnx
da man in 99 von 100 Fällen schlicht nicht vor Ort war, als es passierte, kann man – direkt oder indirekt – sein nicht rein persönliches Wissen fast immer nur aus den Massenmedien haben.
Wieso? Ich bin IMMER vor Ort, also hier, bei mir. Geht nicht anders. Vorm Fernseher bin ich auch nicht am Hindukusch, wenn da was über Afghanistan läuft, sondern aufm Sofa.
Also wer ist “man”? Man ist dieses konstruierte kollektive Subjekt, als das man sich selber – als Adressat – in den Massenmedien begegnet.
Das ist aber nun alles gar nicht neu, sondern uralt. Hier, wie auch beim Luhmann-Thema “Realität der Massenmedien”, kann man sich nur wundern, wie ausgerechnet die sytemisch recycleten, längst bekannten Phänomene als neue Erkenntnisse bestaunt werden…

37 weissgarnix September 2, 2009 um 19:02

@Peter Lehmann

>Luhmann impliziert aber mehrfach, dass die funktionale Differenzierung quasi schon ein eigendynamisch-selbstreferentielles Posthistoire etabliert habe. Da kommt bei ihm deutsch-professoraler Späthegelianismus zum Vorschein.

Wie kommst du darauf?

38 weissgarnix September 2, 2009 um 19:06

@lemming

>Hier, wie auch beim Luhmann-Thema “Realität der Massenmedien”, kann man sich nur wundern, wie ausgerechnet die sytemisch recycleten, längst bekannten Phänomene als neue Erkenntnisse bestaunt werden…

Tja, dann ist das eben der Blog der großen, staunenden Kinderaugen; hat ja auch was für sich – in Zeiten wie diesen.

39 weissgarnix September 2, 2009 um 19:18

@J. Kramer

Nein, das stimmt so nicht. Menschen haben ja natürlich eine Rolle, aber eben als Umwelt bzw Träger des Systems, nicht als deren Elemente. Das macht sie keineswegs zu Marionetten – ein Begriff, der in der luhmannschen Systemtheorie meines Erachtens völlig fehl am Platz ist.

Und ja – das “An-Sich-Sein” Hegels bzw jede andere klassische Ontologie hat in der Systemtheorie keine Entsprechung, das stimmt. Das heisst aber noch lange nicht, dass es keinen Begriff von Materie oder von Wahrheit gäbe, nur kommt er halt anders zustande: über eine Unterscheidung.

40 cato September 2, 2009 um 19:51

Ich frage mich schon seit meiner Zeit an der Universität, warum die Systemtheorie und der Poststrukturalismus ausgerechnet progressiv-linksorientierte Leute – zu denen ich auch WGN zähle – eine solche Faszination ausüben? Das ist in Wahrheit ja alles konservativer Dreck. Warum also suchen wir nicht nach normativen und vernünftigen Ressourcen? Also Kant statt Hegel, Habermas statt Luhman?

41 Georg Wolf September 2, 2009 um 20:21

ad Kommentar #15 (Merkur)

Ihre Bemerkungen kann ich sehr gut nachvollziehen, und es ist in höchstem Maße verblüffend, erschreckend, erheiternd und rucft das Gefühl des gewissermaßen freischwebend Grotesken und Absurden hervor, etwa auf einer Reise in einem Hotelzimmer den Fernseher einzuschalten und beispielsweise die sog. Nachrichten zu sehen, die gesamte Inszenierung mit ihren optischen Bauelementen und akustischen Versatzstücken, ihren Ritualen, Schnitten, Assoziationen, Konklusionen und Suggestionen. Das mutet in einem ganz elementaren Sinne surreal an, wie aus einer anderen Welt kommend, und niemand, der nicht seit Jahren dem Fernsehen entwöhnt ist, kann meines Erachtens die steuernde, synchronisierende, formende Macht dieses Mediums angemessen beurteilen. Diese liegt natürlich vor allem darin, dass Bild und Ton zusammengefügt sind und der Film sozusagen unaufhörlich weiterläuft, während man in einem Zeitungsartikel oder einem Buch zurückgehen, retrospektiv anders urteilen kann usw.; die Möglichkeiten der Differenzierung, Distanzierung, partiellen Zustimmung usw. sind ganz andere. Ein Bild, vor allem ein bewegtes, lügt eben mehr als tausend Worte. Dass die weitaus meisten Medien aller Art primär die Bedürfnisse von individueller oder gruppenhafter täglicher Erregung sowie sozialer Bestätigung, Einfügung und Ausgrenzung anderer bedienen, ist banal und etwa an jedem Kiosk alleine anhand des Zeitschriftenangebots ersichtlich. Auch die Ratgeberzeitschriften iterieren ja nicht ohne Grund immer die gleichen Themen, und die Werbung sog. Qualitätszeitungen spricht durch das Offerieren von entweder kollektiver Einbettung oder von Exklusivität für sich. Interessant ist übrigens, dass es in der Regel ratsam ist, sich nicht anmerken zu lassen, dass man die Television nicht nutzt, denn überraschend viele Leute fassen die bloße Tatsache sogleich als gegen sie gerichtete Aggression auf, auch dann, wenn man über die Qualität nichts verlauten lässt. Es ist viel besser, einen Mangel an Zeit vorzuschieben. Diese Beobachtung bestätigt die vorwiegend sozial synchronisierende Funktion dieses Mediums, denn von der Information her wäre es ja gleich, woher man die hat.
Der Medientheoretiker Bolz ist mir bislang nur als ressentimentgeladener, nietzschelierender, akademisch aufgerüsteter Trivialinski aufgefallen, wie auch die zitierten Passagen zeigen. Dass er gerne zu Platons Herrenschicht gehören möchte, ist evident.

ad Kommentar #21 (salvo)

Die Kontrolle und Synchronisation erfolgte früher offenbar großenteils über die Religion und generell über stärkere kleinräumige, doch teils vernetzte soziale Zusammenhänge, von der Zunft bis zur Großfamilie. Dem Glockenläuten und Abendgebet entspricht heute die Tagesschau usw. Massenmedien haben eine inhärente Tendenz, sich selbst gleichzuschalten, da sie die Masse bedienen, Journalisten sind in dieser Hinsicht primär Opportunisten und Opportunismusbediener. Das sieht man beispielsweise in dem Verhalten der Presse 1914 oder Anfang der 1930er Jahre mit aller Deutlichkeit, da bedarf es keines Zwanges, alleine die (angenommenen) Erwartungen des Publikums oder der eigenen Bezugsgruppe sowie die Angst, Außenseiter zu werden, reichen aus, bis auf Ausnahmen. Dass Konformität bzw. als Verfeinerung kontrollierte, begrenzte Nichtkonformität zentrale Faktoren des Verhältnisses zwischen Gruppe und Einzelnen sind, lässt sich buchstäblich auf Schritt und Tritt täglich beobachten. Es erscheint sinnvoll, zwischen Information, die auf die Herstellung von Konformität abzielt, und Information, die nicht darauf abzielt, zu unterscheiden. Dass letztere dann ebenfalls eine soziale Funktion annehmen kann, beispielsweise als Abgrenzungsvehikel, ist unbestritten. Wie aber beispielsweise die Geschichte der Wissenschaften, speziell der Naturwissenschaften, zeigt, ist Nichtkonformität der Motor der Gewinnung neuer Erkenntnisse, daran ändern auch alle moderneren Relativierungsversuche nichts.

ad Kommentar #34 (moosbrugger)

Ihre Bemerkung scheint mir sehr richtig. In gewissen Kreisen funktionalisiert man Nietzsche, indem man einerseits die elitistische Pose der Vornehmheit, des unvoreingenommen mitleidlosen Blicks und der Ideologiezerstörung übernimmt, andererseits aber genau damit die ewigen, seien sie christlichen oder biologischen, Wertsetzungen abzusichern sucht, und dabei natürlich die eigene privilegierte Position. Hier muss man nicht nur bei Nietzsche suchen, sondern kann auch etwa in Platons „Staat“ fündig werden. Im Kontext der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ist das eigentlich so durchsichtig und geradezu primitiv, dass man sich fragen muss, ob sich darüber überhaupt sinnvoll diskutieren lässt.

42 lemming September 2, 2009 um 20:27

@wgnx
Das heisst aber noch lange nicht, dass es keinen Begriff von Materie oder von Wahrheit gäbe, nur kommt er halt anders zustande: über eine Unterscheidung.
In der ganzen luhmannschen Systemtheorie kommt nichts anders zustande als durch eine Unterscheidung. D.h. es kommen Begriffe zustande, oder Signifikanten, die Signifikate bleiben außen vor. Denn Materie entsteht eben nicht aus einer Unterscheidung, nur der Begriff von ihr. Darum fühlt sich diese Theorie in den Medien und allg. der Ideologieproduktion so wohl…

43 froZ September 2, 2009 um 20:37

@ moosbrugger

“Warum Solowjow bemühen?” – Nun, Bolz wendet sich ja an ein katholisches Publikum, und da ist Solowjow als russischer katholischer Konvertit und Verfechter einer Ökumene unter römischer Führung sicher eher eine Referenz als Nietzsche. Zudem hat sich Benedikt XVI. ja in seinen Schriften mehrfach auf Solowjow bezogen, deshalb dürfte dieser den theologisch interessierten Katholiken ganz sicher ein Begriff sein.

Aber es paßt bei Bolz nicht so recht, es wirkt eher wie eine plumpe Anbiederung.

44 guang_hualu September 2, 2009 um 21:08

“Nein, das stimmt so nicht. Menschen haben ja natürlich eine Rolle, aber eben als Umwelt bzw Träger des Systems, nicht als deren Elemente.”

Das erinnert mich an an ein Zitat von Einstein “Does God play dice?”, welches Paul Davies in einem seiner Bücher verwendet um zu hinterfragen, ob aufgrund der neuen Kenntnisse der Quantentheorie die Vorherbestimmheit des Weltalls und unserer Zukunft so wie es Einstein einmal aufgestellt hat immer nocht haltbar. Für Paul Davies gibt es den Zufall nicht nur als statistische Grösse, sondern der Zufall besteht theoretisch als unberechenbares Element. Auch dann wenn aus der Vogel-Perspektive des Physikers eine bestimmte Wahrscheinlichkeit für ein Experiment mit Bestimmtheit vorhergesagt werden kann, so ist nach Paul Davies die Vorhersagbarkeit des Verhaltens auf der Ebene der Quanten und Elektronen nicht mehr postulierbar.

Wenn Menschen reine Träger eines Gesellschaftssystems sind, wie können dann Veränderungen in dieser Gesellschaft entstehen? Oder aber gibt es in dieser Systemtheorie zwei Arten von Menschen, nämlich diejenigen, welcher der ,,Masse” zugeschrieben sind, also Träger und Umwelt sind, und solche Menschen, die in ihrem Handeln und Denken frei sind, und welche damit befähigt sind dem System neue Impulse zu geben. Letzte wären also dann wir, die wir kein Fernehen gucken und welche aufgrund unserer Ausbildung befähigt sind über die ,,Masse” zu urteilen.

Nein, ich glaube, in diese Richtung zu denken bringt uns nicht weiter. Wir sollten nicht so arrogant sein, den anderen zu unterstellen, dass sich nicht frei denken können. Selbst wenn dies auf 99% unserer Mitmenschen zu träfe, haben wir nicht das Recht über unser Gegenüber eine solche Aussage zu treffen, denn den Anderen kann ,,ich” immer nur empfinden. Ich bin ich, der Andere ist stets der Andere. Ich fühle, ich denke, dass der Andere so oder so ist, ich kann ihn nicht direkt erleben, daher ist alles, was ich über den Anderen denke ,,nur” meine Theorie, denn ich bin nicht und kann es nie sein, der Andere.

45 froZ September 2, 2009 um 21:11

Hm, ich muß gestehen, ich habe das Religionsbuch von Bolz selbst gar nicht gelesen, sondern nur einige Rezensionen. Nun habe ich mich im Netz nochmal umgeschaut und noch diese Rezension gefunden:

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12149&ausgabe=200808

Also vielleicht war mein Urteil etwas vorschnell und übertrieben, das Buch könnte ja doch für wgnx’ eigenes Buchprojekt von Interesse sein (wenn da schon auch “Ideologie und Utopie” abgehandelt wird).

Ansonsten ist mir Bolz in Zeitungsinterviews aber gelegentlich aufgefallen durch sein etwas konfuses Hin- und Herspringen von einem Gedanken zum anderen.

46 J.Kramer September 2, 2009 um 21:24

Nebulöse Fabelei, die nur einem Menschen einfallen kann. Wenn etwas nicht bestimmbar ist (mangels Messequipment, bzw menschlichem Unvermögen), konstruiert man aus dem eigenen Mangel ein Naturgesetz.

Gerade Einstein hat sehr wohl verstanden, dass wir nur Beobachter sind und nicht ursächlich Handelnde. Dieser Missstand ist für Wissenschaftler und Religionsschöpfer natürlich unbefriedigend. Widerspricht es doch dem eigenen Bild als Krone der Schöpfung. Manche gehen so weit, und meinen, man schöpfe sich selbst.
Auch nicht schlecht :-)

47 J.Kramer September 2, 2009 um 21:26

muss mal HTML lernen

48 lemming September 2, 2009 um 21:34

@froZ
Ansonsten ist mir Bolz in Zeitungsinterviews aber gelegentlich aufgefallen durch sein etwas konfuses Hin- und Herspringen von einem Gedanken zum anderen.
Bolz ist mir vor allem in Telekom-Spots aufgefallen. Ansonsten gehört er zu denen, die stets mit dem postmodernen Vorschlaghammer “Komplexität” rumfuchteln, und, nachdem sie damit alles in Fragen der “Codierung/Kommunikation” zerlegt haben, die alten Idole wieder neu zusammenfabulieren. Je nach Bedarf, Kirche oder Telekom – passt immer, macht immer was her.

49 guang_hualu September 2, 2009 um 21:48

@J.Kramer
>>Manche gehen so weit, und meinen, man schöpfe sich selbst.
Auch nicht schlecht.

Das Wort schöpfen bitte einmal durch ,,bilden” oder ,,entwickeln” ersetzen. Aus meiner Sicht können wir unser Verhalten in einem bestimmten Maße selbst bestimmen. Ob wir abends ,,fernsehen” gucken oder vor einem Computer sitzen und einen Kommentar in ein Blog schreiben ist aus meiner Sicht auch als Ausdruck eines freien Willen über den jedes Individuum verfügt zu verstehen.

Das hat nichts mit ,,Krone” der Schöpfung zu tun. Wer weiss, vielleicht verfügen auch Ameisen und andere Lebewesen über einen ,,ähnlichen” Zufallsgenerator… Man sollte den sozialen Wert eines solchen ,,freien Willens” auch nicht zu hoch schätzen. Nicht zwingend sind Entscheidungen nur deshalb gut, weil sie nicht manipuliert sind.

50 Limited September 2, 2009 um 21:52

Bolz ist hochgradig eklektizistisch, ähnlich wie Luhmann bastelt er mal da mit Versatzstücken aus anderen Theorien herum und stückelt dort ein wenig Methodenkritik an. Mal ein wenig Derrida hier, mal ein paar Simulakren und eine Prise Baudrillard dort und ganz rechts oben gibt es auch ein bisserle Systemtheorie.

Bolz ist so ein wenig der Broder der Wissenschaftstheorie. Immer gut für ein griffiges Bonmot und für schrille Töne, aber selten wirklich fundiert. Die nächste Eskalationsstufe ist dann Zizek.

51 guang_hualu September 2, 2009 um 22:40

>Da geht es um Isolationsangst: Mit welchen Meinungen kann ich in Kommunikationszusammenhänge eintreten? Das machen mir die Massenmedien klar. Du kannst sehr viele Meinungen haben, aber doch bitte nur in diesem Spektrum und in diesem Horizont. Und das ist natürlich unschätzbar für die Verhaltenssicherheit der Menschen.“

Dies trifft es aus meiner Sicht auf den Kern. Die Massenmedien sind eine Art Gemeinplatz, die zu verbreiten man sich keiner sozialen Repression zu fürchten hat.

Es stimmt auch, dass der Leser bzw. Zuschauer der Massenmedien an 99 der 100 Tatorte nicht persönlich anwesend ist, sich sein nicht persönliches Wissen daher nur über die Massenmedien beziehen. Gerade dies aber stellt für mich den Wert des nicht persönlichen Wissens in Frage. Ich habe vier Jahre lang in einer Diktatur (Volksrepublik China) gelebt. Aus meiner Sicht sind die Menschen dort in ihren Ansichten und Einstellungen nicht weniger frei, als die Menschen in Deutschland. Das Denken ist ein anderes. Viele hier halten sich für ,,gebildet”, weil sie aus den freien Medien erfahren können, was in der Welt ,,wirklich” geschieht. Im Alltag erlebe ich die ,,Ohnmacht” hier wir dort aber aufs gleiche und ich wage zu bezweifeln, dass die Menschen hier in diesem Land in ihrem Handeln (alle vier Jahre Stimmabgabe) demokratischer denken als die in einer Diktatur.

Ich hoffe, dass Spektrum und der Horizont dieses Blogs ist mit einer solchen Behauptung nicht überschritten….

52 lemming September 2, 2009 um 23:08

@guang_hualu
…in ihrem Handeln demokratischer denken…
Oder in ihrem Denken demokratischer handeln. Das trifft einen Punkt, nämlich die Unterscheidung der Vorstellung von sich selber als Teil einer demokratisch verfassten Gesellschaft und dem täglichen Erleben, wo sich das Handeln auf zahlen/nicht-zahlen (Können) beschränkt. Wenn man unter Demokratie nicht das regelmässige Abzählen zur Kreation legitimierender Mehrheitsverhältnisse zwischen Parteien versteht, sondern als praktische Teilhabe, dann liegen demokratische Verhältnisse hier so wenig oder so viel vor wie wohl in China. Tatsächlich sind Machtverhältnisse keine Fragen von Mehrheiten, sondern von praktischem Vermögen, zahlen/nicht-zahlen.

53 froZ September 3, 2009 um 00:15

@ lemming

Ah, Norbert Bolz macht Telekom-Werbung? Die intellektuelle Elite beim Einwerben von Drittmitteln? Ist mir entgangen, ich schaue wohl zuwenig fern.

Aber gut, Brecht hat Werbung für Ford gemacht. Er war ja nicht nur (parteiloser) Kommunist, sondern vor allem praktizierender Brechtianer. Und wenn wir jemals Star-Professoren geworden wären, so hätten wir gewiß Werbung für Hundefutter gemacht. Oder verwende ich zu unrecht den Plural?

Mir war noch so halb in Erinnerung, vor ein paar Tagen was von Bolz gelesen zu haben, ohne es recht zur Kenntnis zu nehmen. Jetzt habe ich es wieder gefunden:

http://www.welt.de/die-welt/politik/article4383822/Steinmeier-opfert-seine-Intelligenz-auf-dem-Altar-der-SPD-Seele.html

Hm, er hat ein neues Buch geschrieben, “Profit für alle – Soziale Gerechtigkeit neu denken”. Klingt ja nicht schlecht. Das Interview in der “Welt” ist aber grauslich, man weiß gar nicht, über welche Stelle man zuerst herziehen soll. Sein da formuliertes Bekenntnis zum Individualismus scheint mir auch schwer vereinbar mit dem, was er offenbar in dem Religionsbuch schrieb (zumindest letzteres werde ich wohl mal lesen). Die einzige Konstante ist die offensichtliche Feindschaft gegenüber formalen staatlichen Institutionen, einmal in hardcore-konservativer, einmal in turbo-fortschrittlicher Verpackung.

@ wgnx

Du solltest diesen Autoren also vielleicht doch nicht in den Literaturkanon Deines Buches aufnehmen. Zu unverbindlich, zu wenig faßbar. Eklektizismus ist eine feine Sache, aber die Gedanken sollten doch zumindest noch eine gewisse Kontur behalten.

54 lemming September 3, 2009 um 00:35

@froZ
Ah, Norbert Bolz macht Telekom-Werbung?
Er MACHTE, damals, da war er noch Guru der new-economy, der Bolz, und darum dann im Telekom-Kontext der Kollege von Manfred Krug. Dann hat er solche Sachen verzapft wie das “konsumistische Manifest”, also die Absage an alle Werte ausser dem Preis (guckguck weissgarnix!). Er ist ein gnadenloser Opportunist, der seine rhetorischen und sprachverdreherischen Tricks, die er seit seiner Dissertation über Heidegger in allen Feinheiten beherrscht, in jedes Lüftchen hängt, das gerade Zeitgeist heisst.
Ich erinnere mich an ein wirklich übelriechendes neoliberales Pamphlet im Tagesspiegel (Meinungsseite), habe aber keine Lust, hier auch noch den Link dafür rauszugoogeln. Lohnt nicht.

55 J.Kramer September 3, 2009 um 00:37

Das Wort schöpfen bitte einmal durch ,,bilden” oder ,,entwickeln” ersetzen. Aus meiner Sicht können wir unser Verhalten in einem bestimmten Maße selbst bestimmen. Ob wir abends ,,fernsehen” gucken oder vor einem Computer sitzen und einen Kommentar in ein Blog schreiben ist aus meiner Sicht auch als Ausdruck eines freien Willen über den jedes Individuum verfügt zu verstehen.

Nein. Unser Bewusstsein ist Vorstellung, Einbildung. Es kann nur ein Bewusstsein geben. Monitor, Tastatur existieren nur einmal. Die Vorstellung, einmal real vor dir und noch einmal als Abbild im Gehirn, funktioniert nicht. Urbild und Abbild müssen Eins sein.

56 Kritiker des Bösen September 3, 2009 um 00:54

Hier ist mehr los:)) Deshalb auch hier noch mal, weil wirklich
wichtig! Passt hier auch gut rein, denn es betrifft auch die Medien..

ALL

Ich nehme jetzt mal diesen neuesten Tread um euch allen ein
weiteres Buch zu empfehlen. Habe es heute morgen angefangen und kann es nicht mehr aus der Hand legen. Bin jetzt etwa bei der Hälfte..

Aber Vorsicht! Leute mit einem einigermaßen ausgeprägtem
Gerechtigkeitssinn sollten sich die Lektüre dieses Knallers noch mal überlegen! Man soll hinterher nicht sagen ich hätte nicht gewarnt. Meine Halsschlagader ist mittlerweile armdick! Bitte mindestens einen Eimer zum Kotzen neben den Stuhl bzw Sofa
platzieren, denn das Würgegefühl ist permanent vorhanden!

Wer mich kennt weiß das ich Politikern mittlerweile so ziemlich alles zutraue. Aber was da drinsteht, ist purer Sprengstoff! Wenn
unsere ach so freie Presse nur einigermaßen ihren gesetzlichen
Auftrag ernst nehmen würde, dann müßte hier ein Beben einsetzen, der die aktuell agierenden politischen Akteuren aus dem Lande fegen MÜSSTE!!!

Da aber die meisten Zeitungen selbst reichen Akteuren gehören,
wird man da nix hören.

Was ich da lese kann ich kaum glauben! Das ist der HAMMER!

Das Buch heißt ” Schön reich, Steuern zahlen die anderen”
von den Autoren Sascha Adamek und Kim Otto, die auch das sehr
gute Buch ” Der gekaufte Staat” geschrieben haben. Ebenfalls ein
Buch das Zorn und Wut hervor ruft. Aber was die zwei hier im aktuellen Buch zum Thema Steuern, Steuerhinterziehung usw ans Tageslicht gezerrt haben, müsste hier eigentlich für ein
Erdbeben sorgen…wie gesagt..müsste.

Das Buch hat übrigens mit dem Filmchen gleichen Titels nur sehr
am Rande was zu tun. Ich wollte es mir erst gar nicht kaufen,weil
ich dachte, na ja das kennst du ja schon aus dem Filmbeitrag.

Weit gefehlt! Mittlerweile denke ich das der Filmbeitrag nur eine geziehlte Verharmlosung dessen war was ich jetzt lese. Also wer noch zweifelt ob wir in einer Bananenrepublik leben, jetzt bin ich
mir absolut sicher! Das hätte selbst ich nicht für möglich gehalten..

Lesen und bekoppt werden….IRRE

57 lemming September 3, 2009 um 01:16

Na gut, für diejenigen, die Belege brauchen – die Telekom-Spots krame ich aber nicht mehr raus! – :
http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Wirtschaftskrise-soziale-Gerechtigkeit;art141,2776972

Ist noch gar nicht so lange her. Kinder, wie die Zeit vergeht!…

58 guang_hualu September 3, 2009 um 08:45

@J.Kramer #55

Ich glaube, die Wahrheit liegt irgendwie dazwischen. Wir sind weder ,,Gott” noch sind wir fataler Automat. Jedes Individuum hat in seinem Leben ein paar Lichtblicke.

59 weissgarnix September 3, 2009 um 08:48

@lemming

Danke für den Link. Über einzelne Formulierungen kann man sich streiten, aber als Gesellschaftskritik finde ich den Text noch gar nicht mal schlecht. Er diagnostiziert darin ja ziemlich offensichtlich einen “Widerspruch” – denselben Widerspruch, wenn ich nicht irre, den Jürgen Habermas anno 1980 oder so in seinem “Legitimationsprobleme des Spätkapitalismus” diagnostizierte; wenn auch mit anderen Worten. Und Habermas’ damalige Analyse ist durch und durch post-marxistisch.

Die Frage, die man Bolz nun stellen müßte, lautet: OK, was nun? Die Demokratie ist nun mal so (sagt er), die Leute sind nun mal so (sagt er) und die liberale Ideologie funzt auch nicht (sagt er). Schön, dass wir das jetzt wissen – was machen wir mit diesen News?

60 guang_hualu September 3, 2009 um 09:44

>”Die Printmedien sind sogar teilweise wirtschaftlich dazu gezwungen ihren Lesern nach dem Mund zu reden, denn das Produkt eines Zeitungsverlages ist nicht die Zeitung an sich, sondern die Leser der Zeitung. Diese bietet er seinen Werbepartnern an und erzielt nur mit diesen einen ökonomischen Erfolg.
Grüße Canucks”

Das trifft den Kern! Auch Buchautoren sind von diesem Zwang nicht befreit. Wahrscheinlich deshalb antwortet Bolz im Interview der Weltonline (Link unter #53 von froz), dass er hofft “den intelligenten leistungsfähigen Menschen, die keinen Zugang zu den öffentlichen Medien haben aus dem Herzen zu sprechen. Dafür ist er sogar bereit, mit Freunden zu brechen.

Diese intelligenten und leistungsfähigen Menschen sind es nämlich allmählich Leid für das Verwalten der vielen nicht-leistungsfähigen Menschen aufzukommen. Da gibt es die Auffassung, ,,Ich bin intelligent, ich bin leistungsfähig, ich habe eine Position in meiner Firma/in der Gesellschaft erklimmt, die zu erreichen nur ganz wenige in der Lage sind. Und jetzt? Der Staat nimmt wieder alles weg. Das Geld.”

Doch anstatt zu untersuchen, weshalb in unserer Gesellschaft zunehmend mehr Menschen an der Leistungserbringung ausgeschlossen werden, wird stattdessen gefordert, dass gegenwärtige System sei nur dann aufrechtzuerhalten, wenn die Masse der Nicht-Produktiven, ihre Forderungen gegenüber den Staat einschränken. Zu fordern, die Masse der Erwerbslosen solle wieder arbeiten wäre auch zynisch, denn Arbeit zu “geben” ist das Wirtschaftssystem in Deutschland zunehmend nicht mehr in der Lage. Derweil verweisen wir auf den Unterschied im Lebensstandard wie er noch vor 100 oder 200 Jahren bei uns bestand.

Sowohl die Masse der verwalteten Systemträger wie auch die Leistungsträger der Verwaltung des Systems sind unzufrieden. Da wir begriffen haben, dass die alle vier Jahr stattfindende Wahl der Regierung keine Abhilfe dieses Dilemmas schafft, kaufen wir derweil Taschenbücher eines Autoren, welcher Zugang zu den öffentlichen Medien besitzt oder wir versuchen, selbst Buchautor zu werden.

61 guang_hualu September 3, 2009 um 09:48

#60 Den letzten Passus meines Kommentars bitte nicht missverstehen. Ich finde dieses Blog eigentlich ganz gut. Und “Demokratisch”.

62 Chat Atkins September 3, 2009 um 10:38

Komisch nur, dass bei so viel publizistischen ‘Streamlinern’ die Leute dann doch regelmäßig anders wählen, als es konformistische Medien ihnen vorgeschrieben haben. Das Problem aller Systemtheorie: Sie positioniert gesellschaftliche Teilsysteme an jenen Funktionsstellen, wo sie angebliche Aufgaben oder gesellschaftliche Regulierungen für die Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems ‘Gesellschaft’ vornehmen sollten, die nur in der Theorie plausibel und existent erscheinen. Der nähere Blick zeigt, dass dort unten dann alles immer sehr viel widersprüchlicher und komplexer ist als ‘auf den Höhen der Menschheit’, wo die Bolzens und Luhmänner Hand in Hand mit ihrer Theorie daherwandeln …

63 absurdistan September 3, 2009 um 10:51

@ Limited 29

Du willst jetzt aber nicht ernsthaft DIE ZEIT zum linken Meinungsspektrum rechnen, oder? Spätestens seitdem dort der ultrarechte, neokonservative Josef Joffe marschiert, ist die Ausrichtung des Blattes unerträglich.

Am besten gefällt mir jedoch, wie der gute Josef im Ausland auftritt. Ich habe zufällig mal eine Op-Ed in der englischen FT von ihm gelesen. Da firmiert er dann auch nicht als Herausgeber der ZEIT, sondern als Fellow der Hoover Institution. Diese und seine anderen Verstrickungen werden in Deutschland aber nicht so erwähnt. Das scheint wohl der Preis dafür zu sein, dass die Zeit regelmässig Journalisten zu den Bilderbergkonferenzen entsendet.

64 ergo sum September 3, 2009 um 13:32

@ wgn:
“Konformitätsvermittlung” ist blendend, wgn — das trifft es mit einem einzigen Wort, sogar noch besser als Luhmanns etwas umständlichere Beschreibung der Massenmedienfunktion. Wie kam es beispielsweise, dass jeder neuerdings anti-EU eingestellt ist? Warum wurden vor Jahren alle auf einmal antiamerikanisch? Natürlich trifft “jeder” und “alle” nicht wörtlich zu, nur ist es nicht mehr politisch korrekt, sich offen zu den Andersdenkenden zu bekennen, die durch die Massenmedien mundtot gemacht wurden.

Offenbar stand der “Spiegel” zumindest vor der Wende in der Vorderfront der Meinungsmacher, denn Blogger und Kommentatoren beriefen sich immer wieder auf irgend einen Spiegelartikel als Autorität, um ihrer Stammtischmeinung Nachdruck zu verleihen. Heutzutage sind die Hauptquellen wohl eher die elektronischen als die gedruckten Medien, deren Auflagen rapide schwinden.

65 genova September 3, 2009 um 16:33

Bei Bolz wäre ich sehr vorsichtig. Sollten seine obigen Bemerkungen interessant sein, wären es das erste Mal in seiner Karriere, dass er etwas Interessantes gesagt hat. Bolz ist reaktionär, seine PC-Thesen krude und politisch ziemlich rechts. Schleierhaft auch, wie der Mann einen richtigen Lehrstuhl in Berlin ergattern konnte.

Aber das wurde hier von Kommentatoren alles schon gesagt, sehe ich gerade :-)

66 Wittkewitz September 4, 2009 um 01:18

Naja, der Bolz hatte wohl gerade Festinger gelesen und wollte mal seine Lektüre in den aktuellen Diskussionzusammenhang bringen. Das ist so ein Art mediokrer Akademiker, sich das anzueignen, was sie gerade lesen: Assimilation an der aktuellen Problematik. Dabei kommt es immer wieder zu lustigen Verwerfungen beim semantischen Priming.

67 Medienbeobachter September 4, 2009 um 12:04

Also wenn Medien heutzutage nur versagen würden, in ihrer Kernfunktion der Aufklärung, wär ja alles halb so bedeutsam.

Gravierender für unsere gesellschaftliche Entwicklung ist, daß sie eindeutig lenkend sind.

Sie üben eindeutig eine lenkende Funktion heutzutage aus. Das ist die Crux, was gedacht werden kann, erfahren wir durch die Medien.

Die Technik, die sie dabei anwenden ist das Themensetting.

Themensetzung ist die aktuell erfolgreiche Technik der Manipulation der Gesellschaft.

Themen, die diskutiert werden dürfen, sind auffällig überproportional aus dem konservativen Milieu.

Steuersenkungsversprechen, Schuldenabbau, Festhalten an der vorgeschriebenen Isolierung der Linkspartei etc, etc.

Die tatsächlich wirklichen und unangenehmen Fragen der gerade ablaufenden Gesellschaftsentwicklung werden durch diese Technik gezielt abgewürgt bzw unsichtbar gemacht.

Also, Blasen produzierender Krisenkapitalismus (Minsky), Krise der deutschen Wirtschaftstheorie, Sozialer Rückschritt, Gerechtigkeitsabbau, Entsittlichung des Bürgertums durch Profitgier etc, etc.

Die TV-Medien sind hier besonders lininetreu.

Humanistische Bildung ist dort praktisch zum Tabu erklärt worden.

Einen Thomas Mann aus den Buddenbrocks zu thematisieren ist dort vollkommen unmöglich geworden. Ich erinnere einmal an das Buddenbrockszitat “Die Unternehmer, die tun doch nur immer so ehrbar. Aber es ist doch klar, daß sie in Wahrheit Gauner und Halunken sind.”

Das ist jetzt bürgerliche Literatur. Wenn man das schon nicht mehr hören kann, wie sieht es dann erst mit ernsthafter Gesellschaftskritik aus?

Die Frage beantwortet sich doch wohl von selbst.

Wie sagte Pierre Bourdieu immer so unüberbietbar genau?: “Wir leben in Zeiten der Gegenaufklärung.”

PS: Ich habe in Essen bei Bolz studiert. Ist ein wirklich netter Zeitgenosse, der niemanden etwas tut.

Seine Weltanschauungen sind daneben. Aber ist das ein Wunder bei diesem geistig deformierenden Zeitgeist?

68 weissgarnix September 4, 2009 um 12:34

@Medienbeobachter

Bolz sagt das übrigens in diesem Gespräch von oben auch. Zitat:

“Allerdings, glaube ich, gehört es auch zu den Kosten der schönen Luhmannschen Theorie, dass sie vielleicht doch ein bisschen blauäugig ist, was die Möglichkeiten konkreter Manipulation, und das wäre ja Machtausübung im Sinne von Wolfgang Hagen, betrifft. Ich habe mich gerade in letzter Zeit beschäftigt mit den Analysen von Kepplinger [dem Mainzer Kommunikationswissenschaftler, WGN], und die Mainzer Schule steht ja Luhmann gar nicht so furchtbar fern. Kepplinger ist, wie würde Dirk Baecker sagen, eher Protosoziologe; also macht die ganze Sache viel unmittelbarer und naiver und weist sehr schön nach, wie ganz konkrete Journalisten Meinungen in der Bundesrepublik Deutschland gemacht haben und bis zum heutigen Tag machen, welche Techniken sie dabei benutzen, dass es offensichtlich auch so eine Art großes Bündnis deutscher Journalisten gibt, die also sehr starken meinungsaffin operieren, dass da einige Informationen zugelassen werden in Richtungs Skandalisierbarkeit und andere mögliche Skandale als solche gar nicht hochkommen. Das ist so, im groben gesprochen, Kepplingers Zugriff. Ich finde, da trifft diese Mainzer Schule etwas, was bei Luhmann ein bisschen unterbelichtet bleibt. Bei Luhmann ist es ja gerade die polemische oder eine seiner wunderbaren polemischen Pointen zu sagen: Manipulation ist ein Fehlbegriff. Wenn ihr mit Manipulationen an die Massenmedien herangeht, verdeckte ihr gerade das wesentliche Funktionieren. Aber so richtig mir diese Analyse von Luhmann scheint, es lässt sich andererseits auch mit Händen greifen, dass selbstverständlich bestimmte Verleger in machtvollen Positionen, aber eben auch, wie soll man sagen, Generationenbanden von Journalisten sehr wohl ein bestimmtes Meinungsklima prägen können. Stichwort wäre tatsächlich” Political Correctness”.

69 lemming September 4, 2009 um 13:08

Wenn ihr mit Manipulationen an die Massenmedien herangeht, verdeckte ihr gerade das wesentliche Funktionieren.

Da hat er mal recht, der Luhmann. Diese Herangehensweise unterstellt nämlich implizit, dass es auch “manipulationslose” Massenmedien geben könnte oder gar sollte. Massenmedien, im Sinne von Leitmedien oder öffentlich-rechtlichen, sind Herrschaftsinstrumente, die sog. “4 Gewalt” Bestandteil einer systemerhaltenden Gewaltenteilung. Werden sie als Wirtschaftsunternehmen betrieben, unterliegen sie weiteren Notwendigkeiten des “sich-nützlich-Machens”. Natürlich vermittelt sich die jeweilige Agenda mit ihren “Sachzwängen” (wenn jede Zeitung ihren eigenen “Skandal” hätte, gäbe es keine allgemeine Aufmerksamkeit, kein “Wir-Gefühl”) indirekter und netzwerkartiger als zu Zeiten des Propagandaministeriums, wo die Chefredakteure täglich einbestellt wurden, zwecks Agendasetting und Synchronisierung.

70 weissgarnix September 4, 2009 um 13:16

Ich finde jetzt diesen Bolz jedenfalls interessant genug, mal ein wenig was von ihm zu lesen. Daher habe ich mir gerade folgende Bücher von ihm bestellt:

- Profit für alle: Soziale Gerechtigkeit neu denken
- Die Helden der Familie

Das erste erwarte ich mit Skepsis, beim zweiten werde ich vermutlich viele Gemeinsamkeiten entdecken.

Zudem auch noch dieses Werk von diesem Kepplinger:

- Die Mechanismen der Skandalierung: Die Macht der Medien und die Möglichkeiten der Betroffenen

Das hört sich auch recht interessant an.

Werde ich nach Lektüre alles hier im Blog besprechen.

71 lemming September 4, 2009 um 13:46

@wgnx
Ja, das ist so ein Feuilleton-Denker, Gedanken-Recycler, da wirst du dich gut unterhalten und dich dabei weniger anstrengen müssen als bei Slotterdick, der schreibt eine Gewichtsklasse höher, aber in derselben Disziplin. “Transhumanismus”, “Anthropotechnik” sind so gemeinsame Grundharmonien.
Und natürlich findet man bei ihm auch die eine oder andere gelungene Formulierung, so wie das blinde Huhn das Korn:
Das lautstarke Bedürfnis nach einer Ethik der Gegenwart lässt sich nicht erfüllen, aber gut erklären. Wer nach Ethik fragt, traut den Mächtigen nicht mehr zu, die Welt zu ordnen, und traut sich selbst nicht mehr zu, die Welt zu verstehen.
oder der hier:
Eine Partei wirbt nämlich nicht um Wähler, weil sie ein Programm realisieren will, sondern sie verkündet Programme, um ihre Wahlchancen zu verbessern. Wahlen haben für die formale [!] Demokratie eigentlich nur den Sinn, das Verhältnis der zwei Wertstellen Regierung/Opposition elastisch zu halten.

Aber eigentlich klingt dieser Postmoderne-Jargon auch schon ziemlich angestaubt, schlaubergerisches Wortgeklingel halt, bei dem man sich – wie du – fragen muss: “Na und? Was jetzt?”…

72 Medienbeobachter September 4, 2009 um 13:59

@weissgarnix

Dem heutigen Bolz messe ich keinerlei wirkliche große Bedeutung mehr bei.

Sei persönliches Lebensmotto,” Tief sein, bedeutet oberflächlich sein, sagen die alten Griechen”, ist mir klar zu eskapistisch.

Der alte Bolz war indes sehr reflexiv.

Meine Empfehlung wäre sein altes Werk: “Eine kurze Geschichte der Zeit.”

Schöne Verknüpfungen von Heidegger, Kant und Nietzsche

Eins von Bolz Lieblingswerken war wohl Blumenbergs “Arbeit am Mythos” (Gesellschaften sind Mythen bildende Systeme, viel alte griechische Mythologie – die Prometheussage, also die Abstrafung des Aufklärers durch die herrschenden Mächte)

Mein Interesse dagegen würde eher ein guter Literaturtip bezüglich des amerikanischen Ökonomen Hyman Minsky wecken.

73 Medienbeobachter September 4, 2009 um 14:01

Nachtrag:

Das Werk von Bolz heisst “Eine kurze Geschichte des Scheins”

sorry

74 weissgarnix September 4, 2009 um 14:03

@Medienbeobachter

Entweder “John Maynard Keynes” – in deutsch, aber recht schwierig; oder “Stabilizing an unstable economy” – in englisch, aber recht einfach und anschaulich.

Und zum einlesen: http://www.weissgarnix.de/2008/04/26/wie-hatte-minsky-die-kreditkrise-gesehen-teil-1/

75 Soldatenkoenig September 4, 2009 um 15:13

@ wgnx

Ich finde den Bolz einfach Spitze.

Bolz:

Kritik von links kann ja immer nur heißen: Kritik von Linksintellektuellen. Und die leiden an dem, was Soziologen Statusinkongruenz nennen. Zu Deutsch: Die Linksintellektuellen haben einen hohen Status, aber nur ein vergleichsweise niedriges Einkommen – deshalb hassen sie die Reichen.

76 Soldatenkoenig September 4, 2009 um 15:14
77 froZ September 4, 2009 um 15:41

@ Soldatenkoenig

Ach, mit einer C3- oder C4-Professur, die man als klassischer “Linksintellektueller” so innehat, sollte nicht soviel Anlaß zum Haß auf die Reichen bestehen.

Obwohl… Bolz war ja wohl mal selber einer. – “Er verachtet die Menschen nur deshalb, weil er sich selbst so genau studiert hat.” (Talleyrand über Fouche)

78 Soldatenkoenig September 4, 2009 um 16:05

@ froZ

Aber Erdnüsse gegenüber Profs. aus technischen Bereichen . Die haben nämlich alle noch eine Company nebenbei, wo sie äußerst günstiges Personal beschäftigen können.

Meinst Du den Fouche der als (ich glaube einziger) Führungsmann die Zeit der franz. Revolution überlebt hat?. (Genialer Wendehals)

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