Sie mögen scheitern!

by weissgarnix on 24. August 2009

Vielleicht geht es ja nur mir so, aber ich wünsche mir zunehmend, dass die Bundesregierung mit ihren Opel-Plänen scheitert. Und nur damit wir uns nicht falsch verstehen: mir tut jeder einzelne Opel-Arbeiter leid, der dann auf der Straße stehen und in seinen Lebensumständen ziemlich durchgerüttelt werden wird, und ich habe dabei keinerlei Illusionen, dass das in einer Vielzahl von Fällen in allergrößter Bitterkeit ablaufen wird. Aber das wird es vermutlich so oder so, ob der endgültige Käufer nun Magna, RHI oder sonstwie heißt, oder ob der ganze Laden schließlich dort landet, wo er von anfang an hingehört hätte, nämlich in der Insolvenz.

Was mich bei der ganzen Opel-Geschichte zunehmend aufregt, ist was ganz anderes: ausgerechnet jene Politiker, die uns zum Jahreswechsel noch per Sonntagsreden (Merkel) oder langatmigen Printbeiträgen (Koch) die Vorzüge der “Sozialen Marktwirtschaft” näherbringen wollten, die sich lang und breit darüber ausließen, dass der “Staat der schlechtere Unternehmer” sei, dass man sich an strauchelnden Banken zwar finanziell beteiligen, aber keinesfalls in deren unternehmerische Führung eingreifen könne, machen jetzt genau das: Sie maßen sich an, die unternehmerischen Konzepte für Opel besser beurteilen zu können, als die dafür zuständigen Verantwortlichen; und nicht nur das, sie gehen in ihrer Hybris sogar soweit, nur “ihrem” Bieter die staatliche Unterstützung zuzusagen, und allen anderen nicht. Magna ist “hui”, alle anderen pfui – Merkel und Steinmeier wollen es so, und die kennen sich bekanntlich aus.

Meine Frage lautet: Wie verträgt sich das mit all den früheren Botschaften und den frommen Sprüchen, dass es der Staat unmöglich besser wissen könne? Wie passt das mit der Ansicht zusammen, dass man der Commerzbank und anderen Pleitebankiers keinesfalls ins Gehege kommen darf? Was weiß der Staat nun bei Opel alles besser, was er bei den Banken noch nicht wußte? Oder hat hier wieder einmal der “Markt versagt”, wie es sich Merkel angesichts der Bankenschieflage immer wieder nicht verkneifen konnte, Unsinn zu verzapfen? Hat der Markt versagt, weil die Leutchens partout keine Opel kaufen wollten? Oder hat er versagt, weil er nicht erkannte, welche tollen “green technologies” in dem Laden stecken? Und versagt der Markt gar, wenn das GM-Management zur Ansicht gelangt, dass ihnen jemand anders als Magna das subjektiv bessere Angebot macht?

Opel markiert in meinen Augen nichts anderes als einen weiteren Schritt hin zu einem staatlich gesteuerten Günstlings-Kapitalismus. Man darf  der Politik wohl mit gutem Gewissen wünschen, dass sie auf diesem Weg scheitern möge.

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25. August 2009 um 20:33
Der Fall Opel und die unkonsequenten Politiker • Börsennotizbuch
16. September 2009 um 17:56

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1 HAL9002 24. August 2009 um 13:04

Ich bin davon überzeugt, dass das Scheitern schon eingepreist ist – aber erst nach der BTW. Es wäre doch ein eine unglaubliche Schlappe für Steinmeier und Merkel, so das Scheitern bereits vorbekannt würde.
Das dicke Ende kommt noch

2 Christof 24. August 2009 um 13:06

Andererseits hat man auch schon gehört, dass RHI nur als Handlanger von GM fungiert und sobald dank Staatsknete die Gewässer ruhiger werden Opel wieder an GM verhökert wird… Im Grunde genommen sollte sich der Staat komplett raushalten, richtig. Auch wenn Opel grad schöne Autos baut und es richtig Schade wäre drum…

3 weissgarnix 24. August 2009 um 13:23

@Christof

Das ist ja genau der Punkt: die Politik sollte, nach ihrem eigenen Bekunden vor noch nicht allzulanger Zeit, neutral bleiben und zB sagen: soll sich das bessere Konzept durchsetzen, wir werden es in jedem Fall mit 1Mrd/3Mrd/finanziell gar nicht unterstützen. Ich sehe zwar nach wie vor nicht, warum man sich da als Staat finanziell engagieren sollte, aber fine by me: sollen sie, wenn sie unbedingt glauben, es zu müssen.

Aber dann auch noch Partei zu ergreifen, und zu sagen: in deinem Fall “ja”, in jedem anderen Fall aber “nein” – das ist in meinen Augen ein Unding.

Notabene: es mag Branchen/Unternehmen geben, wo sogar das gerechtfertigt scheint, i.e. in der Rüstung oder der nationalen Infrastruktur. Aber bei Opel?

4 egghat 24. August 2009 um 13:37

Ach, wenn man Opel rettet, werden 3.000 Arbeitsplätze bei VW, Mercedes, BMW und Ford abgebaut. Wenn man Opel nicht rettet, fallen die 12.000 Arbeitsplätze bei Opel weg und dafür bei den anderen entsprechend weniger …

Keine Ahnung, warum da so ein Bohei drum gemacht wird.

Aber Politiker müssen regieren. So direkt wie möglich. Einen Mindest- oder Kombilohn bekommen die nicht auf die Reihe. Aber direkte Hilfsmaßnahmen, deren Auswirkungen du richtig beschreibst, die gehen dann auf einmal. Dabei wäre das erste eine Maßnahme, die die Politiker angehen sollten (Leitplanken bauen, den Rest den Markt machen lassen) und die zweite Maßnahme eine, von der man Abstand nehmen sollte.

Irgendwie ist aber jetzt alles anders.

5 unwissender 24. August 2009 um 13:44

Es ist dieser politische Gegner, welcher Merkel, Steinmeier, Westerwelle und co. die Sorgenfalten auf die Stirn treibt! :-(

http://www.youtube.com/watch?v=w7ufxiKfXDc

6 lemming 24. August 2009 um 13:55

@wgnx
Tja, so ist das nun mal: der Kapitalismus ist einfach schon too big to fail.
Den kann man als Regierung nicht so einem rätselhaften, unvorhersehbaren Dingsbums wie “Markt” anvertrauen.
Weiss ja keiner, was dabei rauskommt – am Ende noch ne Krise!
;-)

7 derrawi 24. August 2009 um 13:56

für die These von HAL2009 sprechen auch die beiden ersten Einträge der heutigen Hinweise der Nachdenkseiten, die auf die FTD und den Tagesspiegel verweisen. Könnte man echt auf die Idee kommen, dass da von wem auch immer lediglich auf Zeit gespielt wird…

8 derrawi 24. August 2009 um 13:57

@hal9002: upps, sorry für die 2009

9 derrawi 24. August 2009 um 14:05

@all: ok, und das mit dem verlinken üb ich auch noch
2.Versuch

wenn’s wieder nicht klappt, lass ich’s sein, versprochen!

10 hacedeca 24. August 2009 um 14:17

Stand nicht in den letzten Tagen in den Zeitungen, dass sich die Opelrettung bis nach der Bundestagswahl verschieben wird, weil GM sich Zeit lässt?

Wie wäre dann das Bekenntnis zu Magna aufzufassen? Als Wahlkampf, als Aussage, dass man alles getan hätte? Eben!

Günstlingskapitalismus wird es erst, wenn man Opel enteignet und jemandem, dem Günstling, dann günstig überträgt, mit vielen Subventionen.

11 Lindworm 24. August 2009 um 14:55

“Opel markiert in meinen Augen nichts anderes als einen weiteren Schritt hin zu einem staatlich gesteuerten Günstlings-Kapitalismus.”

Den haben wir doch schon seit Jahrzehnten, es fällt nur langsam der Bevölkerung auf. Ich erinner mich in meiner Ausbildung vor 15 Jahren schon von meinem Chef gehört zuhaben das man sich Politiker warm halten muss und ihnen als devoter Günstling entgegentreten muss um alles von Ihnen zu bekommen. Glaub wirklich noch jemand die würden aus kompetenz Gründen oder für das Volk entscheiden? Ich behaupte mal ganz frech alle Politiker sind quasi korrupt und arbeiten erstmal für sich, ihre Familien und Freunde.

12 froZ 24. August 2009 um 15:15

Stichwort Günstlingskapitalismus: Man kann ja nur mutmaßen, aber unwahrscheinlich scheint es mir nicht, daß da hinter den Kulissen sich einige polit-wirtschaftliche Machtgruppen ein Tauziehen liefern.

Im Falle Magna wäre da die Linie Deripaska/Putin/(Bundesregierung) beachtenswert: Die russische Regierung versucht technologische Diversifizierung zu betreiben und will einen bankrotten Oligarchen sanieren, an dessen Firmenimperium ein nicht unbeträchtlicher Teil der russischen Wirtschaft hängt und dessen Insolvenz das russische Bankwesen einem großen Streß aussetzen würde. Die Bundesregierung mag u.a. auch Rußland technologisch stärker an Deutschland zu binden versuchen und zudem einen politischen Asset in den Beziehungen mit Rußland aufbauen.

Wie gesagt, nur eine Mutmaßung, aber wenn es denn so wäre, dann hielte ich das nicht für falsch. Sozusagen aus der Not noch eine Tugend machen. Die ordoliberalen Sonntagsreden sind doch nur für das CDU-Stimmvieh.

13 ~ hAlBgOtT ~ 24. August 2009 um 15:24

@wgnx:

= > … deine regelmässig vorgetragene, usa-hörige Pro-GM-Haltung in der Opel-Betrugs-Geschichte ist mal wieder mehr als auffällig !! … Nachtigall ick hör’ dir trapsen …

“Opel markiert in meinen Augen nichts anderes als einen weiteren Schritt hin zu einem staatlich gesteuerten Günstlings-Kapitalismus. Man darf der Politik wohl mit gutem Gewissen wünschen, dass sie auf diesem Weg scheitern möge.”

=> … was soll das jetzt ???

=> … du und Lübberding, ihr seid doch sonst die leidenschaftlichsten Jubelperser des totalitären Günstlings-StaMoKap !!

Retroliberale Grüsse,
~ HG ~

PS: … man muss auch das Gute sehen:

Vielleicht sind die abgezockten Opel-Arbeiter die ersten deutschen Arbeiter, die aus der MATRIX der “Deutsch-Amerikanischen Freundschaft” ERWACHEN ! … es ist an der Zeit !

14 Alfred 24. August 2009 um 15:24

Klar, es geht bei der Opel Saga um nix anderes als die Bundestagswahl. Die SPD hat Angst vor der Linkspartei. Und die CDU hat Angst davor, sich gegen die SPD zu stellen und dann als neoliberaler Todesengel dazustehen.

Aus dem Blickwinkel der handelnden Politiker durchaus nachvollziehbar, rational und taktisch richtig.

Dumm nur, dass uns diese Strategiespielchen wohl 1,5 Mrd. Euro kosten werden. Als Wahlkampfhilfe für unsere zwei Volksparteien ist das eine Menge Geld.

Schließe mich wgn an: Sie mögen scheitern! Aber bitte nicht (nur) bei Opel, sondern vor allem bei der nächsten Bundestagswahl. Also bitte Grün, Links oder FDP wählen und die Hasardeure abstrafen!

15 suann 24. August 2009 um 16:14

@lindworm:
wie ein sehr weiser mafiosi mal zu mir sagte: ach kindchen, wir waehlen keine politiker, wir kaufen sie.
absolut marktwirtschaftlich)))

16 ergo sum 24. August 2009 um 16:16

Es handelte sich anfangs um eine ganz normale Betriebsübernahme, wie Fiat sie mit Chrysler innerhalb von 14 Tagen erledigte. Erst als sich die Bundesregierung einmischte, wurde es zur Katastrophe. Fiat war ja auch bereit, Opel zu übernehmen, zog sich aber nach dem nächtlichen Kabukitheater im Kanzleramt sofort zurück, als sie merkten, was da wirklich gespielt wird.

17 ~ hAlBgOtT ~ 24. August 2009 um 16:57

@wgnX:

=> … ist die SPX Corporation eigentlich GM-Zulieferer ?

Gruss !
HG

18 Stephan 24. August 2009 um 17:01

Die Subventionitis grassiert doch schon lange? Da ist “Retten wir Opel” eigentlich keine Aufregung wert. Über die anachronistische Steinkohleförderung regt sich doch auch niemand mehr auf. Und die kostet wesentlich mehr und bringt gar nichts. Steinmeier überlegt sogar nicht 2018 auszusteigen. Da rette ich lieber Opel.

19 Peter Lehmann 24. August 2009 um 17:23

@weissgarnix:
Nicht, dass ich dir hier richtig doll auf die Füsse treten wollte, aber @froz has a point. Und der ist: der Automobilmarkt eines sehr grossen Landes steht derzeit zur “staatsmonopolkapitalistischen” Disposition. Parallele: EU-Luftfahrt- und Rüstungsindustrie.
Ich bin durchaus dafür zu haben, der hiesigen Industrie, sagen wir mal, den Waffenexport zu verbieten. Aber wenn die Russlandgeschichte wirklich so sein sollte, wie sie aussieht, grenzt es wirklich ans Undenkbare, dass man da als Politiker nicht mitzieht. Man kann ja wohl von deutschen Politikern nicht erwarten, dass sie mit Blick auf den russischen Markt zu dem Schluss kommen, es wäre besser, wenn die russischen Politiker sich an japanische statt an deutsche Politiker wenden würden, um den Marktzugang/Technologietransfer-Deal zu machen.

Und es ist garantiert nicht so, dass das in jeder Branche genauso laufen würde. Ich habe gerade gesehen, wie gigantisch das Wachstum der Tourismusindustrie – über ein halbes Jahrhundert betrachtet – gewesen ist. Aber da ist klar, dass es keine Rettung gäbe. Du hast dich neulich auf das Gutachten von Lazard bezogen. Ich wette, IBs haben auch Gutachten verfasst, die Airbus keine Chance einräumten. Opel bewegt sich nach meiner Einschätzung noch in einer Grauzone. Man muss das nicht gut finden, wenn man theoriegesteuert argumentiert, aber eigentlich würde ich mir mein Pulver für klarere Fälle aufheben. Und die Arbeitsplatzverluste der Zukunft vermute ich hauptsächlich bei den Oberklasse-Herstellern.

20 Dingens 24. August 2009 um 17:43

@4 ” Einen Mindest- oder Kombilohn bekommen die nicht auf die Reihe. ” – Ersteres kann man beklagen. Letzteres ist eine marktverzerrende Subvention und würde genauso ausgenutzt wie die 1€-Jobs, Leiharbeit oder die volle Arbeit zum Kurzarbeitsentgelt.
Die Leutz sollen ehrlich ihre 10+€/h verdienen und ansonsten daheim bleiben. Aber Wettbewerb über subventionierte Löhne auszutragen (der eine kriegt den Zuschlag, der nächste nicht) ist kaum zielführend.

Zu Opel: der Betriebsrat will bis Ende der Woche Ergebnisse sehen (kam heute im DLF). Die wissen sehr genau, daß die Deathline bis 27.09. läuft. Hoffen wir mal, daß die Opelaner mit dem 1.09. aufwachen und auf der Straße Druck machen!

21 _Pflichtfeld_ 24. August 2009 um 17:52

@ Herr Lehmann

“der Automobilmarkt eines sehr grossen Landes steht derzeit zur “staatsmonopolkapitalistischen” Disposition. Parallele: EU-Luftfahrt- und Rüstungsindustrie.”

Wie bitte? Hier gehts nicht um DEN Automobilmarkt, sondern um eine wenig bedeutende Marke namens Opel, deren Verschwinden dem Automobilmarkt als Ganzes eher guttun würde.

22 Stephan 24. August 2009 um 18:01

Ich hab’ne Lösung: Warum kehren wir nicht zum puren, reinen Raubtierkapitalismus zurück und geben ihm ein menschliches Angesicht?

Das menschliche Gesicht: jeder Bürger kriegt ein Bürgergeld und ein Wohngeld. Das brutale Raubtier: Soziale Transferleistungen werden abgeschaffft. Subventionen gibt’s nicht mehr. Die Agentur für Arbeit wird ersatzlos gestrichen. Das Ministerium für Wirtschaft ist unnötig. Usw.

Markt pur. Der Staat zieht sich auf die Nachtwächerfunktion zurück. Ich glaub dann würde es uns besser gehen und die Wirtschaft wäre effizienter. Wer möchte schon den ganzen Nachmittag Talk-Shows glotzen?

23 weissgarnix 24. August 2009 um 18:08

@froZ und Lehmann

Nein, daran glaube ich nicht eine einzige Sekunde. Opel ist nicht die große Technologieperle, als die sie jetzt überall hingestellt wird, sonst hätten sich nicht nur so halb-seidene Bieter versammelt, sondern sich mit Daimler, VW, Renault, Fiat oder was-weiss-ich-wem noch ganz andere Kaliber zu einer “partnerschaftlichen” Lösung mit politischem Segen versammelt. Opel ist schlicht und ergreifend pleite, und zwar so pleite, dass sich kein vernünftig kalkulierender Hersteller diesen Klotz ans Bein binden möchte.

24 weissgarnix 24. August 2009 um 18:13

@halbgott

Ich weiß nicht, ob die SPX Corporation GM Teile zuliefert; genausowenig, wie der Kassierer in der Deutschen Bank-Filiale Buxtehude weiß, was die Jungs im Londoner Investmentbanking der DB so treiben. Wenn du aber jetzt der Überzeugung bist, dass der Kassier der DB-Filiale Buxtehude in seinem privaten Blog dem DB-Investment-Banking London der Corporate Identity wegen Elogen schreibt, und seinen privaten Co-Schreiber gleich auch noch dazu überredet, selbiges zu tun, dann fine by me: der Phantasie sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

25 meister 24. August 2009 um 18:32

Was ist ein “Günstlings-Kapitalismus”?
Ist damit gemeint, dass nur derjenige Staatskohle erhält, der von dieser wiederum am meisten in die Parteienfinanzierung zurückführt?
Ist es dann auch “Günstlings-Kapitalismus” wenn Gelder aus sogenannten Entführungen in diese Richtung fließen?
Ist es auch “Günstlings-Kapitalismus” wenn die sogenannten Event-Manager einen großen Teil der Kosten für “Fressen und Saufen” wieder in dieser Kassen fließen lassen?
Ist es auch “Günstlings-Kapitalismus” wenn die Schwester eines Ministerpräsidenten bei einem Großkonzern der Spendenabteilung vorsteht? Usw……usw………..

26 Limited 24. August 2009 um 19:08

Meiner Meinung nach gibt es auch gute Gründe Opel zu unterstützen.

Opelwerke liegen häufig in eher strukturschwachen Gebieten, Rüsselsheim ist ziemlich abhängig von Opel, ebenso Bochum, auch in Kaiserslautern und Eisenach gibt es nicht soviel anderes. Nimmt man die Zulieferer hinzu und die örtlichen Händler und Dienstleister, wäre bei einem schnellen Ende von Opel wohl Not am Mann in diesen Regionen.

Grundsätzlich halte ich es für vertretbar, wenn der Staat beim Strukturwandel unterstützend eingreift. Wenn dies nicht geschieht, wie z.B. nach der Wiedervereinigung, geht eine Menge kaputt, ohne das Ersatz zu finden ist.

Deindustrialisierung muss nun auch nicht noch forcieren, indem man die Hände in den Schoß legt.

27 joha 24. August 2009 um 19:09

Ich weiß, es klingt altmodisch: Aber so ist es, wenn die Ordnungspolitik komplett über Bord geschmissen wird für etwas, was wie Populismus aussieht, aber eher in Richtung Klientelismus geht. Ansonsten ist zu Opel schon alles gesagt,

28 joha 24. August 2009 um 19:09

…schon lange, wollte ich sagen (seltsame html-Formatierungen hier).

29 Bernhard 24. August 2009 um 19:10

Noch etwas mehr zum Günstlings-Kapitalismus, diesmal von mir: Dieser Begriff impliziert für mich und suggeriert mir einen anderen Kapitalimus als Alternative, der wirklich funktionieren würde, und verschiedenen Ansprüchen wie Umweltschutz oder Verteilungsgerechtigkeit genügen könnte. Er erscheint mir daher etwas arg beschönigend.

Ohne polemisch werden zu wollen, Begrifflichkeiten wie Primokap* oder, wenn es denn unbedingt sein muß, Priolkap** passen besser. Wir befinden uns schließlich in einer “entwickelten” Volkswirtschaft. Und auf allgemeine menschliche Schwächen abzuzielen, was soll das denn? Die findet man überall, wohl in jeder Wirtschaftsordnung (Gesellschaftsordnung), oder nicht?

* privatwirtschaftlicher Monopolkapitalismus
** privatwirtschaftlicher Oligopolkapitalismus (an dem Begriff hätte Väterchen Urban seine wahre Freude) ;-)

30 zdago 24. August 2009 um 19:21

Das mag ja alles sein – aber würdigen sie auch die Hintergründe, wie es dazu kam.
Ich habe noch einen Artikel von 2004 gebunkert – als GM einen Teil der Opel-Produktion als Kompensation für ein Waffengeschäft nach Polen verschoben hat.
Ich kann mich noch erinnern an die vielen Vorfälle der letzten 20 jahre – als Opel immer wieder in Schieflage geriet, weil GM-Manager aus Amerika gegen die Opel-Funktionalität firmenschädigende Entscheidungen durchgedrückt haben.
Kurz: Opel wurde von GM systematisch ausgeschlachtet und vernichtet.
Deshalb: keinen Euro nach Amerika !
Wenn sie hier mit den Ex-Opelmitarbeitern eine neue Firma gründen – dann allerdings wären die Investitionen gut angelegt.
Voraussetzungen: keine US-Firmenbeteiligung – keine Internationalen Großbanken
mfg zdago

31 Ein Bürger 24. August 2009 um 20:44

Sah gerade die Tagesschau, wo ein Gewerkschaftsfunktionär, die GM-Vertreter als “Cowboys” bezeichnen durfte und GM-Mitarbeiter erzählten, das sie von Ihrem Arbeitgeber “verarscht” werden. Für seriöse Berichterstattung war dann leider keine Zeit mehr.

Anschließend gabs dann einen gefühlte 10 Minuten langen Beitrag über das 2000€ Abendessen von Herrn Ackermann im Kanzleramt.
Das Thema soll jetzt wohl als Nachfolger des “Dienstwagenskandals” aufgebaut werden.

Was will ich eigentlich sagen? Ach ja, vielen, vielen Dank für diesen tollen Artikel. Gerade in Zeiten, wo in anderen Medien der Mob regiert, merkt man erst was man an Euch hat.

32 weissgarnix 24. August 2009 um 21:45

Mit Günstlings-Kapitalismus meinte ich ein System, bei der die Regierung denen zuliebe interveniert, die kraft Organisationsgröße und -fähigkeit das politisch größte Drohpotenzial aufbauen können. Und zwar aus generisch politischen Gründen (sprich: systemischen), nicht wegen Parteienfinanzierung, Bestechung u.ä.

Dabei macht es für mich keinen Unterschied, ob diese Organisationen “links” oder “rechts” stehen, mal sind es die Gewerkschaften, dann wieder die Unternehmer, häufig beide zusammen.

Man kann darüber streiten, aber ein Grund, warum der “Austro-Keynesianismus” so gut funktioniert hat, war sicherlich der, dass sich dort eine Einheitsgewerkschaft und ein Unternehmerverband gegenüberstanden, deren Beschlüsse Allgemeingültigkeit erhielten (sog. “Sozialpartnerschaft”). Das mag dem liberalen Auge nicht behagen, führte aber dazu, dass beide Organisationen IMMER die Folgen ihrer Abkommen selbst tragen mussten, und nicht auf andere Sektoren der VoWi abwälzen konnten. Mancur Olson spricht in diesem Zusammenhang von “encompassing organisations”. In Deutschland ist das bekanntlich nicht der Fall, da sprießen die Einzelgewerkschaften mit Mörder-Forderungen aus dem Boden wie die Champignons, nur um den Partikularinteressen ihrer Mitglieder zu dienen und den Rest der Arbeitnehmerschaft zu kanibalisieren.

Aber das gehört eigentlich gar nicht hierher, ich ließ nur gerade meine Gedanken abschweifen…

33 froZ 24. August 2009 um 21:58

@ Bernhard

Gerade sehe ich noch, daß wgnx schon was zu Günstlingskapitalismus schrieb. Da ich den Ausdruck hier auch mehrfach verwendet habe, will ich noch anfügen, daß er im Deutschen weniger verbreitet ist, aber seine Entsprechung im englischen “crony capitalism” findet, zu dem es sogar einen längeren Wikipedia-Eintrag gibt. Der enthält auch eine Passage zur Kritik an dem Begriff.

http://en.wikipedia.org/wiki/Crony_capitalism

Ein weniger abwertender Ausdruck wäre “politischer Kapitalismus”, von der polnischen Sozialwissenschaftlerin Jadwiga Staniszkis eigentlich für die Staaten Osteuropas geprägt, aber der Begriff hat über die Transformationsforschung hinaus wohl keine rechte Verbreitung gefunden (zu unrecht, würde ich sagen).

34 froZ 24. August 2009 um 22:01

Pardon, @meister, ich sehe, Du hast die Frage als erster aufgeworfen.

35 J.Kramer 24. August 2009 um 22:11

Der Nachteil von Staat als Firma ist, dass der Staat inhärent Fürsorgepflicht für seine Schäfchen empfindet.
Der Unternehmer als Firma denkt nur an sich, ist per se asozial. Wer anderes behauptet, lügt.

36 Victor 24. August 2009 um 22:11

Eekhoff redet auch so:
Woher weiss der Staat wie er es besser machen soll?
Im meinem Betrieb sind 2003 viele der nicht so leistungsfähigen Mitarbeiter auf die Strasse geworfen worden.
Man wollte sich attraktiver für den Kapitalmarkt aufstellen.
Die sozialen Kosten tragen dann die verbliebenen Lohnempfänger, denn die Steuern für Kapitalerträge wurden auf 25% begrenzt.
Und obendrein die Unternehmenssteuern gesenkt.

IST DAS KEIN GÜNSTLINGSKAPITALISMUS??????

37 I C U 24. August 2009 um 22:26

Ich lese gerade Atlas shrugged von Ayn Rand und bin überrascht und entsetzt, wie gut es in unsere Zeit passt. Statt Eisenbahnen sind es Autos.

38 hacedeca 24. August 2009 um 22:36

@wgn, #32

“Mit Günstlings-Kapitalismus meinte ich ein System, bei der die Regierung denen zuliebe interveniert, die kraft Organisationsgröße und -fähigkeit das politisch größte Drohpotenzial aufbauen können.”

Das könnte aber auch eine pessimistische Beschreibung von Demokratie sein…

Aber die causa Opel liegt nun ungünstig vor der Wahl. Und wie die FTD ja heute berichtet, soll es Abkommen geben zwischen Regierung und Arbeitgebern, dass erst nach der Wahl richtig entlassen wird.
http://www.ftd.de/politik/deutschland/:Jobabbau-Kahlschlag-kommt-nach-der-Wahl/557336.html

Nun will man halt Kompetenz simulieren, indem man tragfähige Konzepte vortäuscht.

39 staph.aureus 24. August 2009 um 22:50

Opel=GM=Pleite ? Abgesagt ! Zombies leben, Yes We Can !

Rüsselsheim=Opel=Produktion ? Im engen Frankfurter Umland ?

Die Quadratmeter der Werksfläche lassen sich von der GM-Bank, oder deren Gläubiger-Banken renditeträchtiger vermarkten. Neue hochautomatisierte Werkshallen werden in die Walachei (Uckermark ? ) umgesetzt. Mit EU-Förderung, und die Grundstücke gibt´s geschenkt. Die Arbeiter erhalten das Angebot zum Umzug + kostenlosen Rumänisch-Sprachkurs.

Oder nach Petersburg,da fördert ein Auto-Zar.

Und Mainhattan´s Youngbankster erhalten trendige Condos.
Und die Financial Directors Europe einen netten Bonus.

http://ruesselsheim.erento.com/mieten/gewerbeimmobilie_wg_mietwohnung/gewerbe/loft-fabriketage/

40 froZ 24. August 2009 um 22:59

Also nochmal zum Günstlingskapitalismus:

Der “politische Kapitalismus” von Staniskis meint die Reproduktionslogik des Systems, der “crony capitalism” wohl überwiegend politisch-wirtschaftliche Kollusionen in einzelnen Wirtschaftssektoren. Insofern scheint wgnx mit seiner Deutung wohl näher an Staniszkis’ “politischem Kapitalismus” zu sein als am “crony capitalism”.

Leider findet man kaum etwas zu Jadwiga Staniszkis. Ich habe das Konzept aus: Melanie Tatur: Ökonomische Transformation, Staat und moralische Ressourcen in den post-sozialistischen Gesellschaften, in: PROKLA, Heft 112, 1998, S. 339-374. Da wird es für die osteuropäischen Staaten hergeleitet, am Ende des Essays aber auch auf andere Regionen (incl. Westeuropa) erweitert.

Zitat: “Der ‘politische Kapitalismus’ verweist auf Privatisierungsmechanismen und Formen von privatem Eigentum, die über die Aktivierung eines entformalisierten politischen Kapitals ’schwache’ Eigentumsrechte und tradierte Orientierungen auf staatliche Renten institutionell reproduzieren. Die ‘Wettbewerbsvorteile’, die sich aus solchen Institutionen ergeben, beruhen nicht auf Produktivitätsgewinnen durch Innovation und Kooperation, sondern auf der Externalisierung von Kosten an den Staat und die Gesellschaft.” (S. 350)

In Osteuropa kann ein solcher “politischer Kapitalismus” wahlweise als institutionelles Erbe der zunehmend fragmentierten spätsozialistischen Zentralplanwirtschaft oder als Ausdruck von Peripherisierung verstanden werden. Wir nähern uns hierzulande möglicherweise von der anderen Seite an diesen Zustand an.

@bismodo hatte mal einen interessanten Text von Ernst Lohoff verlinkt, der das Thema auch berührt:

http://www.krisis.org/2009/die-etwas-andere-normalisierung

41 unwissender 24. August 2009 um 23:05

Aha!

Die FTD berichtet heute Abend von einer möglichen “externen Lösung” der Herren aus USA!

http://www.ftd.de/unternehmen/autoindustrie/:Kehrtwende-bei-der-Rettung-GM-beh%E4lt-Opel-jetzt-doch-vielleicht/557837.html

42 unwissender 24. August 2009 um 23:12

Und hier noch die passende Karikatur zu diesem Trauerspiel !

http://www.stuttmann-karikaturen.de/archivseq.php?id=3252

43 froZ 24. August 2009 um 23:26

@ wgnx

Möglicherweise ist Opel nicht die große Technologie-Perle, das vermag ich nicht zu beurteilen. Aber Deripaska will in seinen Nishnij Novgoroder GAZ-Werken mit Opel-Technologie sicher auch kein Auto für den Weltmarkt produzieren, sondern ein auf dem heimischen russischen Markt halbwegs konkurrenzfähiges und preisgünstiges Auto, möglicherweise eine Art russisches Pendant zum Dacia Logan. Und der russische Markt (in den Regionen) gibt gewiß noch einiges an Absatz her, auch wenn man das nicht glauben mag, wenn man nur den Moskauer Verkehrsinfarkt kennt.

Irgendwann wird sich sicher die Frage stellen, ob es dann eigentlich noch Standorte in Bochum und so braucht. Aber da halte ich es für wahrscheinlich, daß gerade wegen der starken Involviertheit der Politik und der zwischenstaatlichen Ebene hier keine Entscheidung getroffen wird, die in Deutschland als schwerer Affront aufgefaßt würde. Und wenn der Deripaska das anders sieht, dann wird ihm der Putin schon was vom Onkel Doktor erzählen… Die deutschen Opel-Standorte sind dann eben auch ein politisches Asset.

Man mag das alles nicht aus abstrakter “ordnungspolitischer” Sicht nicht schön finden, aber ich finde, man sollte es pragmatisch sehen.

44 ergo sum 24. August 2009 um 23:49

Guttenberg etablierte die Treuhand unter dem alleinigen Vorwand, die Mutterfirma GM stehe vor dem Aus, und man müsse deshalb die Firma Opel von GM trennen, um sie zu “retten”.

Die neue GM in Detroit ist längst refinanziert und stellt bereits wieder Tausende neuer Arbeiter ein. Damit wurde der Bundesregierung der Vorwand einer “Rettung” genommen.

45 Nanuk 24. August 2009 um 23:53

@WGNX
Günstlings-Kapitalismus?Wo?

http://www.sueddeutsche.de/politik/827/485255/text/

46 Bernhard 25. August 2009 um 01:31

@froZ, Weissgarnix: Danke für Eure Erläuterungen. Man lernt schließlich gern dazu.

Gruß aus hessisch-Absurdistan
Bernhard

47 MAIN-Blog 25. August 2009 um 08:24

Meine bescheidene Meinung zum Thema lautet nicht: “Sie mögen scheitern” sondern vielmehr: “Sie mögen aufhören”. Es ist wirklich wie in einer ganz schlechten Soap und man traut sich schon gar nicht mehr, TV oder Radio anzuschalten, da man den Müll rund um Opel echt nicht mehr hören kann. Oder wie ich heute mal kurz zusammengefasst habe:

http://www.main-blog.de/2009/08/25/opel-oder-der-unendlichen-geschichte-teil-1736/

48 chriwi 25. August 2009 um 09:01

Der Staat ist immer dann der bessere Unternehmer, wenn er Geld reinstecken kann um Schulden abzubauen. Sobald es irgendetwas zu verdienen gibt ist er der Schlechtere. Leute die sagen, dass der Staat ein schlechter Unternehmer ist reden in meinen Augen Unsinn. Es liegt nicht am Staat sondern an der Größe. Unternehmen wie Siemens oder GM haben die gleichen Probleme. Irgendwann ist die Befehlskette einfach zu komplex und groß. Auch dort nimmt die Bürokratie zu, ganz einfach weil sie es muss. Aber da wir in einer Scharz/Weiß Welt leben funktioniert eine diffenrenzierte hinterfragende Argumentation leider nicht.

49 Chat Atkins 25. August 2009 um 10:10

Wieso schreibst du “auf dem Weg hin zu einem Günstlings-Kapitalismus”? Den haben wir doch längst. Denk nur an die rauschende Geburtstags-Party, die Frau Merkel ihrem Favoriten, dem Jupp Ackermann auf Kosten des Steuerzahlers ausrichtete …

50 Nanuk 25. August 2009 um 10:40

@Chat Atkins
Man muss das nur Romantisieren dann verschwindet auch der üble Geruch und der ekelhafte Geschmack…
http://www.youtube.com/watch?v=7Y-cgjHTsYw

51 Nanuk 25. August 2009 um 10:55

Oh das ist ja noch besser…
http://www.youtube.com/watch?v=pc7k44TmYRc

52 Victor 25. August 2009 um 11:31

@Ackermann

Wie schrieb Frau Herrmann in der TAZ: Die Deutschen sind gut darin zu meckern, sind aber unfähig sich zu solidarisieren und Forderungen zu stellen.
Meckert mal weiter.
Als wenn sich sich damit irgendeiner beeinflussen ließe.

53 Bernhard 25. August 2009 um 12:52

@frozZ:

Meine abschließenden Gedanken zum Günstlingskapitalismus: In der engl. Wikip. wird eine Kritik Naom Chomskys aufgeführt, die ich für sehr wichtig halte. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das Gebilde Kapitalismus, so wie es immer menschelnd umgesetzt wird, wenn es dann so beschrieben wird, das Etikett Crony Capitalismus (Günstlingskap.) erhält. Für mich ist der Begriff eine einzige Irreführung. Als ob es einen nicht-Günstlingskapitalismus gäbe. Den zeige man mir. Man kann auch ins Nirwana differenzieren. Und verliert den Überblick. Schließlich sei noch bemerkt, das behaupte ich, jede reale kapitalistische Volkswirtschaft wird im Laufe ihrer Reifung mehr oder minder das Merkmal Crony Capitalism aufzeigen.

Fruchtbar an dem kapitalistischen Wesensmerkmal Crony Capitalism ist für mich die Beschreibung des Merkmals Crony. Also folgere ich mal frei:

Kapitalismus enthält(stets)/ist Crony Capitalism. Er ist per se Anti-demokratisch. Und enthält immer Anteile von Mafia-Machtstrukturen (vg. Rolle Goldman Sachs (USA), Rolle der Mafia (I) und Rolle der Deutschen Bank (D)).

Aber sonst sehe ich keinerlei Erkenntnisgewinn – außer vielleicht für abstrakte Theoretiker, die mal wieder etwas Realität einbauen wollen.

Gruß in den restdeutschen Teil Absurdistans,
Bernhard

54 Nanuk 25. August 2009 um 13:16

@Bernhard
Frei nach Franz Oppenheimer…

Es wächst zusammen was zusammen gehört.
Die Anarchisten hatten halt schon immer recht… :)

55 Chat Atkins 25. August 2009 um 13:34

@ Nanuk: Sag’s ruhig – du willst mich mit Audio-Terrorismus und dem Gedanken an Missionarstellungen fertig machen!

56 Peter Lehmann 25. August 2009 um 13:59

@Pflichtfeld, weissgarnix:
Das gemeinte Land war Russland. Das Argument war auch nicht, dass Opel eine Technologieperle sei – ausser eben im Vergleich zu den russischen Firmen.
Bevor der Krisenknall kam, brachte die FTD einen Artikel darüber, dass in Russland ein grosser Kapitalpool gebildet werde, der in die deutsche Auto- und Zuliefererindustrie investieren wolle. Ich sage nur, dass es eine sehr hochgespannte Anforderung an deutsche Politiker ist, aufgrund der Tatsache, dass es am Weltmarkt genügend expansionsfähige Produzenten gibt, das winner-picking zu unterlassen, wenn die Russen es ihnen ermöglichen. Es gibt eben keine global gewählten Politiker. Und: War die erste Chrysler-Rettung unter Iacocca ein Fehler? Es war jedenfalls eine erfolgreiche Sanierung – ohne quasi zugeschanzten Auslandsmarkt.
(Und dann ist da noch die Forderung nach einer Banken-Rekapitalisierung. Darin steckt auch eine Asymmetrie, die es in sich hat.)

57 Victor 25. August 2009 um 15:44

Ich habe einen Grund gefunden dem Opelstandort NRW den Vorzug vor dem BMW-Standort Bayern zu geben.

http://www.zeit.de/2009/35/Interview-Muecken?page=1

Viele Investoren sollten jetzt berücksichtigen, dass der Krankenstand in Mecklenburg-Vorpommern zukünftig sehr viel niedriger als in Bayern sein wird.

Eignet sich Bayern eigentlich noch als Standort für die Industrieproduktion?

58 Bernhard 25. August 2009 um 16:36

@Nanuk – Gut, dass Du hier liest. Auf die Schnelle:

Du hast mich einmal mit PC oder (aka HG) verwechselt oder mich falsch verstanden: Das mit N.-Korea und Cuba war von mir bloß eine Entgegnung, sprich Kritik an PC/HG: Wenn ich nicht weiter weiß, erweitere ich die Diskussion, hier um Länder. Das war von meiner Seite eher als eine Art Tagesordnungsruf zu verstehen. Ich glaube, ich habe einen guten logischen Riecher für Eklektiker.

Wahrscheinlich war ich früher selbst so. Kritiker der Elche,… Ganz früher hatte ich sogar einmal FDP gewählt. Ein historischer Irrtum *schäm*

Gruß
Bernhard

59 Bernhard 25. August 2009 um 16:52

@Weissgarnix:
Eine knappe zusammenfassende Kritik
=========================

Opel war schon immer pleite – Entgegnung: Ausgesaugt (Bilanzrecht von Konzeren).
Opel hat nichts (Patente bei (GM) – Entgegnung: Konw-How des Entwicklungszentrums Rüsselsheim.

Warum hängt GM an Opel? Weil es so viele Verluste macht? Oder weil das GM Imperium bei Opel weiß, dass dort noch etwas ist, was wngX nicht sieht?

——————

Ansonsten ist für mich das Thema Opel total ausgelutscht. Bloß Brot und Spiele; gerade ist wieder ein Gespräch mit GM ohne Ergebnisse zu Ende gegangen. Wer spendiert dem Baron etwas Mundpflaster (warum ist der eigentlich nicht in der FDP?)?

Deshalb mein etwas ironisch aufzufassender Hörtipp zum Entspannen:

Hörtipp-Link

Grüße aus hessisch-A.
Bernhard

60 Dozoern 25. August 2009 um 17:19

Opel ist nicht einfach pleite – sondern ein lehrreicher Fall von Realkapitalismus, dem man mit simplen Lehrbuchweisheiten (wie, sollen sie doch pleite gehen, WENN sie nicht innovativ und profitabel sind) leider nicht beikommt. Es überschneiden sich mehrere Interessenlagen:
1. Die Konkurrenten in Europa. Ginge Opel pleite, könnten sie die Stückzahlen unter sich aufteilen. Selbst wenn der Markt schrumpft, bleibt da noch was übrig. Also, haben sie alle ihre Spindoctors in Marsch gesetzt, um Opel zumindest medial den Garaus zu machen.
Warum sollten sie also mitbieten? Das wäre dumm.
2. In der Bundesregierung wollen sich beide Parteien als Retter aufspielen, obwohl sie am kürzeren Hebel sitzen. Die Firma gehört halt mal GM, ob uns das passt oder nicht.
3. GM sagt sich, nachdem sie nun in den USA aus dem Schneider sind: Warum sollte wir Opel für immer fahren lassen, wenn es die Möglichkeit gibt die Firma bei einer Heuschrecke zu parken, und später zurückzukaufen. Ergo, muss sie für GM auch in Zukunft einen Wert bezitzen sonst wären sie froh, sie los zu werden.
4. Die Kanzlerin sagt zu recht: Der europäische Automarkt muss sich restrukturieren, nur warum gerade über Opel? (Warum redet eigentlich niemand über Ford? Nur, weil die ihre bertriebswirtschaftlichen Probleme momentan besser im Griff haben, ansonsten jedoch ähnliche strukturelle Probleme haben.)
5. Für alle BMW, Mercedes und Audi – Fahrer ist Pobel-Opel natürlich ein Nix, das niemand braucht. Dass der Insignia Auto des Jahres wurde, ist für die schlicht ein Versehen.

Dass Opel innovativ ist, wissen zumindest die Opel-Fahrer und beweisen es mit über 1 Mio verkaufter Autos. Ob Opel UNTER FAIREN Bedingungen profitabel war, werden wir nie erfahren. Nichts ist leichter, als in einem internat. Konzernverbund die Verrechnungspreise so zu gestalten, dass im Hochsteuerland Deutschland kein Gewinn anfällt.

Eines ist natürlich richtig: Eine Firma wie Opel (ob im Konzernverbund oder Freestanding) hat es ALLEINE schwer, weil die Stückzahlen und die Plattformresourcen zu klein sind, um allein zu überleben. Ich hätte mir erhofft, dass der Markt innovativere Lösungen zu bieten hätte, als Magna oder eine Heuschrecke. Aber der Markt kennt natürlich nur das oberste Gebot: “Fressen oder gefressen werden”.

Was mir stinkt, ist die Leichtigkeit, mit der wir in D bereit sind, Firmen wie Opel und 200.000 Arbeitsplätze im Umfeld aufzugeben und uns einerseits damit trösten, dass wir in “Zukunftstechnologien” diese verlorenen Arbeitsplätze schon wieder reinholen werden und sie andererseits den asiatischen Anbietern überlassen. Und wenn Opel nur für 10 Jahre gerettet würde, wäre es ein Gewinn an Arbeitsplätzen für diese Zeit. Ich meine, wir werden uns eine solche Denkweise angewöhnen müssen, wenn wir durch die Globalisierung nicht völlig unter die Räder kommen wollen. Und Opel ist ein wahrhafter “Grenzbetrieb”, an dem man diese Denkweise mal einüben könnte.

61 Nanuk 25. August 2009 um 17:30

@Bernhard
“Wahrscheinlich war ich früher selbst so. Kritiker der Elche,… Ganz früher hatte ich sogar einmal FDP gewählt. Ein historischer Irrtum *schäm*”

Ich bin gut Katholisch erzogen darum…
http://www.youtube.com/watch?v=p445rbEo6sw
die Absolution muste dir aber woanders abhohlen… ;)

62 ~ hAlBgOtT ~ 25. August 2009 um 18:44

ja, mensch @Bernhard !

=> … dass ich das noch erleben darf ! … wir haben (mehr oder weniger) dieselbe meinung !

=> … deine Argumente in #59 sind heute durchaus brauchbar. Das ist so aussergewöhnlich, dass ich mich eben sogar veranlasst sehe, erstmalig einige Zeilen der Anerkennung zu tippseln … ;-) )

=> … meinst du nicht auch, dass es irgendwie auffällig ist, wie sich unser wgnX immer wieder so für RHJ/GoldmanSachs in’s Zeug legt ? … und dann auch noch mit “Argumenten”, die noch deutlich hinter dem sonst gewohnten zurückfallen …

Grüsse an alle Aufrechten (auch wenn sie manchmal nicht den klaren Durchblick haben),
~ HG ~

63 ~ hAlBgOtT ~ 25. August 2009 um 18:54

@Bernhard

… siehst’de, jetzt habe ich die #58 gelesen und muss mein Lob wohl gleich wieder zurücknehmen!

=> … oder wie meinst du das folgende:

“Du hast mich einmal mit PC oder (aka HG) verwechselt oder mich falsch verstanden: Das mit N.-Korea und Cuba war von mir bloß eine Entgegnung, sprich Kritik an PC/HG:”

=> … dein Plädoyer für das Wirtschaftsmodell Kuba-Nordkorea würde mich jetzt schon interessieren…

~ HG ~

64 Logik-Ratio 25. August 2009 um 19:13

Zu dem Thema Opel und Autos

Im Endeffekt bewegen wir uns in der Automobilbranche doch auf einen Showdown zu.

Die Zahl der Wettbewerber sinkt und die Anzahl der gebauten Autos pro Wettbewerber steigt – aus den Schwellenländern treten neue Firmen im Niedrigpreissegment in den Markt ein.

Dazu kommt die zweite Front mit den alternativen Antrieben.

Ich sehe die US Firmen aktuell in einer sehr schlechten Ausgangssituation im Vergleich zu ihren Mitwettbewerbern.

Nur die russische Autoindustrie steht noch schlechter da – diese Arbeitet noch mit Strukturen von vor 20 Jahren. Praktisch alle russischen Autobauer produzieren zunehmend Rückständige Autos und in der Zulieferindustrie wurde Russland bereits von China / Indien überholt (Fähigkeit der Tier 1,2 und 3 Produzenten qualitativ hochwertige Vorprodukte oder Systemkomponenten zu liefern.) Zudem sind die Produktionsbedingungen in Russland schwierig.

Der einzige Grund wieso die russischen Autobauer überleben ist das strategische Interesse der russischen Administration diese Industrie im Land zu halten und einen Technologietransfer zu beginnen. Dieser wird allerdings ein hartes Stück Brot, weil eben die Zulieferstrukturen in Russland nicht existent sind. (Fertigungstiefen der OEMs von bis zu 80% im vergleich zu 20% in Europa, Asien und den USA)

Selbst die ausländischen Autobauer in Russland haben die gleichen Probleme und müssen die meisten Komponenten einführen.

Kurz – Opel ist technologisch den russischen Autobauern um Jahre voraus und die beste Wahl beim Einkauf von Know How. Russische und deutsche Partner haben schon in vielen Projekten gut Zusammengearbeitet und der Technologietransfer für den russischen Markt ist machbar – international werden da aber keine Exportschlager entstehen.

Das Entwicklungszentrum ist für GM überlebenswichtig, wie auch der europäische Absatzkanal – ohne Masse keine Chance. VW, BMW etc. besitzen diese Technologie bereits und haben eigene Entwicklungszentren – zudem sind Opel Autos eben wegen dem fehlenden Image recht günstig und bieten ein gutes Preis / Leistungsverhältnis.

Aber Hand aufs Herz, Opel hat nicht gerade gute Ausgangsbedingungen um im Markt bestehen zu können. Genausowenig wie New GM. Ohne Dauersubventionen geht da nichts….

65 Kritiker des Bösen 25. August 2009 um 19:22

Ist jetzt ein wenig off topic…

..ich will es trotzdem mal hier aktuell ansprechen..

Heute abend kommt im ZDF eine Diskussion um 22.15 Uhr.
Titel: ” Wieviel Sozialstaat können wir uns noch leisten?”

Diese “Diskussion” kommt unter der Überschrift: ” Wahlforum 2009″.

Wenn ich schon diesen Titel lese, kriege ich Mordgelüste..grrr

66 hacedeca 25. August 2009 um 21:05

Mal zu dem Technologieargument: Der Tata Nano, das vorab berühmte indische Auto für 2.000 €, ist ja ohne deutsche Beteiligung kaum denkbar.

Bosch stattet den Nano über seine indische Tochtergesellschaft Mico mit Einspritztechnik, Bremssystem und Autoelektrik aus. Bosch soll insgesamt zehn Prozent der gesamten Bauteile des Nano liefern. Continental steuert aus seinem indischen Innovationscenter und Werk für den Nano die Benzinpumpe und den Füllsensor bei. BASF liefert Plastikteile.
http://die-innovationsmaschine.de/?p=88

Dass die Russen also wegen der Technologie an Opel interessiert sein sollen, klingt kaum glaubhaft. Deutschland lebt doch davon, die Welt mit Technologie zu versorgen und würde auch die Russen dankbar und vor allem sehr preiswert mit allem know how beliefern.

Da wird also bei den Russen eher Großmannssucht hineinspielen und imperiales Denken. Die starke Stellung von Gazprom absichern, Deutschland aus seiner Mittellage gen Osten orientieren und ähnliches.

67 ergo sum 25. August 2009 um 22:02

@ froZ:

Mit den Arbeitern hat der abgekartete Opelverkauf an die Russen wenig zu tun. Es ist Chefsache des Betriebsratsvorsitzenden Klaus Franz, einem alten Kumpel von Putins engstem Freund Gerhard Schröder. So ein Zufall, was?

68 unwissender 25. August 2009 um 22:46
69 froZ 25. August 2009 um 23:25

@ hacedeca

“Da wird bei den Russen eher Großmannssucht hineinspielen und imperiales Denken.”

Man kann ja nur spekulieren. Wahrscheinlich spielen auch Prestigegründe und außenpolitische Gründe eine Rolle. Daß die russische Regierung so etwas jedoch allein aus solchen nicht-ökomischen Motiven heraus massiv unterstützt, halte ich derzeit für schwer vorstellbar. Vielleicht wäre das vor einem guten Jahr eine mögliche Erklärung gewesen, heute eher nicht mehr.

Man sollte nicht den Umstand unterschätzen, daß wegen der lange Zeit (und wohl auch heute noch) fehlenden Rechtssicherheit in Rußland, gerade was Vertragsdurchsetzung betrifft, das russische Big Business stark auf vertikale Integration hin orientiert ist. D.h. in Fällen, wo ein europäisches Unternehmen sich für einen langfristigen Vertrag entscheiden wird, wird ein russisches Unternehmen eher zu einer Übernahme des Zulieferers tendieren. Also “Hierarchie” statt “Markt”. Das ist der russischen Geschäftswelt fast so ein wenig genetisch eingeschrieben.

Und “imperiales Denken”, ich bitte Dich. In diesem Blog klingt das schon eigenartig. Andauernd wird hier verkündet, daß der Staat nichts mehr steuern könne und die Leitdifferenzen von Politik und Wirtschaft irgendwie inkommensurabel seien. Nur wenn es um Rußland geht, das im besten Falle eine regionale Hegemonialmacht im postsowjetischen Raum sein könnte, da springen plötzlich die alten Abwehrreflexe wieder an, und man malt einen russischen Wirtschaftsimperialismus an die Wand.

@ ergo sum

Auch das ist Spekulation, ich bin da eher skeptisch, aber vielleicht spielt die Verbindung eine Rolle. So what? GM ist ja offenbar ein super-marktwirtschaftliches Unternehmen, das gewiß nie in die Verlegenheit käme, über die politische Bande zu spielen.

70 hacedeca 25. August 2009 um 23:52

“Und “imperiales Denken”, ich bitte Dich. In diesem Blog klingt das schon eigenartig. Andauernd wird hier verkündet, daß der Staat nichts mehr steuern könne und die Leitdifferenzen von Politik und Wirtschaft irgendwie inkommensurabel seien.”

Ja, hier im Blog, der eigentlich mal ein keynesianischer war, gefällt man sich in postmodernem Defätismus.

Und? Apropos “imperiales Denken”: Vielleicht wollen auch die Amis keine russische Lösung, damit sich die BRD nicht noch stärker gen Russland orientiert?

Rolf Hochhuth: Die BRD ist “dummsatt dank Friede und Reichtum wie nie zuvor, und folglich historisch gedächtnislos geworden, vor sich hinblödeln[d].”…”Deutsche sind eben nicht souverän… leben aber, als sei das so.”
http://tinyurl.com/dxqro3

“Wer Berlin beherrscht, beherrscht Deutschland, und wer Deutschland beherrscht, beherrscht Europa.” – Lenin

71 lemming 26. August 2009 um 00:00

”Deutsche sind eben nicht souverän… leben aber, als sei das so.”
Das tun doch alle. Unser “Friede und Reichtum” bis zur Verblödung steigerndes System ist das des Generalisierten Sachzwangs des Profits und des Wachstums. Da letzterer zunehmend schwieriger wird, wird es auch ersterer, so werden uns dann Krieg und Armut schlau machen… so wie früher? Äh… Funktioniert halt nicht immer, nur so Leutchen wie Hochhut die denken das in ihren nationalen, diffus antikapitalistischen, antiamerikanischen Zerebralperturbationen.

72 Nanuk 26. August 2009 um 08:52

@hacedeca
Die EU hat über 2000km gemeinsame Grenze mit Russland wer sich die zum Feind machen will Unterschreibt Europas Todesurteil… und zu Putin und der Räuberbande die Herrscher kommen und gehen aber das Volk bleibt öffnet die Grenzen schafft die Visa ab dann findet Gedankenaustausch statt und es wächst auch da zusammen was zusammen gehört…
Leider ist es in Mode im Moment nicht weiter als von 12 bis Mittag zu denken aber es kommen auch wieder andere Zeiten…

73 hacedeca 26. August 2009 um 10:08

@Nanuk

Ganz Deiner Meinung! Aber ist das auch die Meinung der Amerikaner?

Wir reden doch noch über Opel? Inwieweit passt denn eine weitere Annäherung Deutschlands und Russlands in den Kontext der bunten Revolutionen, der Unterstützung Georgiens und der Ukraine, in das great game um die Schätze Zentralasiens und Sibiriens?

74 Harry Kayne 27. August 2009 um 09:50

Dem ist nichts hinzuzufügen. Sie mögen scheitern und endlich den Opel an die Wand fahren lassen und anschließend abwracken. Vielleicht gibt’s ja dafür noch ‘ne Prämie…

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