Wirtschaft anders denken

von f.luebberding am 2. Juni 2009

Wer wissen will, warum die US Regierung GM verstaatlicht hat, muss nur folgendes Zitat aus dem Insolvenzantrag lesen:

“In a torrent of filings at the U.S. Bankruptcy Court in Manhattan, GM’s mind-numbing scale is evident: It has 463 subsidiaries and has built 450 million cars and trucks over the years. It employs 235,000 people worldwide. This includes 91,000 in the United States, which it pays $476 million each month, and 493,000 retirees with various benefits. It spends $50 billion a year buying parts and services from 11,500 vendors in North America.”

Wie sollte Obama die Liquidation eines solchen Unternehmens zulassen können? Der Markt wäre zwar ohne Zweifel bereinigt worden, aber ohne Perspektive für die Betroffenen. Da muss man sich nichts vormachen. Nun weiss niemand, ob der Neustart von GM funktionieren oder Opel eine Zukunft haben wird. Gleichwohl sind die Debatten über die Risiken des Staatsinterventionismus sinnlos. Die Alternative ist nicht Risiken in 12 Monaten zu beschwören, sondern die ohne jeden Zeitverzug einbrechende Katastrophe von heute. Das ist die politische Währung in dieser Krise – vor allem wenn schlicht niemand die Lage in 12 Monaten seriös prognostizieren kann. Die Annahme, gegen diese Logik etwas ausrichten zu können, ist naiv. Aber nach welchen Kriterien soll die Politik handeln? Diese Frage ist mehr als berechtigt.

Es gibt eine Sehnsucht nach funktionierenden Märkten. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegießer beklagt heute die Politisierung der Wirtschaft. Für diese Kritik gibt es gute Gründe. So hat Nico Fried einige Fragen formuliert, die die Sehnsucht nach klaren Regeln zum Ausdruck bringt:

“Dabei ist genau dies das Problem mit allen staatlichen Hilfen für darbende Unternehmen: Wie viel ist Krise? Wie viel ist Missmanagement? Wie viel Perspektive hat ein Betrieb, wenn man ihm hilft? Und was kann der Staat sich leisten?”

Das Problem lässt sich einfach beschreiben. Niemand – absolut niemand – wird diese Fragen heute beantworten können. Kein Politiker, kein Unternehmer, kein blogger. Welchen Sinn hat es also auf dieser Basis Kriterien für den Staatseingriff zu definieren? Jeder handelt im Nebel funktionslos gewordener Marktsignale. Heute kann ein Unternehmen in schweres Wasser geraten, obwohl es gestern noch meinte solide aufgestellt zu sein. Justus Haucap hat im Handelsblatt und bei Carta einen guten Artikel geschrieben, der das ungewollt thematisiert. Er sieht die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft gefährdet.

“Das Prinzip, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren, steht im krassen Widerspruch zur Idee der sozialen Marktwirtschaft. Weil das Geld nicht vom Himmel fällt, muss die staatliche Hilfe für Opel mittelfristig von produktiveren und erfolgreicheren Unternehmen und Wirtschaftszweigen aufgebracht werden, denn wo sonst kann das Geld herkommen? Erfolgreichen Unternehmen Mittel zu entziehen, um dann in Verlustbringer zu investieren, führt zu einem Abwürgen der Marktdynamik und letztlich zu wirtschaftlichem Siechtum. Ich frage mich, ob es allen Beteiligten klar ist oder nicht, dass es unmöglich ist, alle Arbeitsplätze in Deutschland zu subventionieren, oder ob es das Bewusstsein gibt, dass das, was ich einem gebe, einem anderen weggenommen werden muss.”

In der Logik eines funktionierenden Marktes wäre das richtig. Also wenn es etwa darum ginge, die Strukturprobleme einer einzigen Branche – wie in den 70er Jahren der Stahlindustrie – zu lösen. Das Problem ist aber, dass es heute nicht um einen einzige Branche geht, sondern um die gesamte Volkswirtschaft. Wo sind zur Zeit die produktiveren und erfolgreicheren Unternehmen, die gefährdet werden? Kann man wirklich sicher sein, dass VW überlebt, wenn Opel untergeht? Welche Marktdynamik wird durch den Staatsinterventionismus abgewürgt, wenn der Ausfall dieser Dynamik zu konstatieren ist und der Eingriff des Staates hier seinen Grund findet? Haucaps Annahme, dass Gewinne privatisiert werden könnten, ist in der Realwirtschaft kaum zu befürchten. Anders sieht das bei der Bankenrettung aus. Dort werden tatsächlich die Staatshilfen zum Erzielen von Spekulationsgewinnen verwendet – etwa in den wiederbelebten Rohstoffmärkten. Die steigenden Ölpreise haben keinen anderen Grund.

Wenn aber marktwirtschaftliche Kriterien keine Orientierung bieten, muss man die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Und tatsächlich politische Gründe für den Staatsinterventionismus definieren. Politisch bedeutet einen Selbstverständigungsprozeß über die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes zu organisieren. Wo wollen wir investieren? Welche Sektoren fördern und welche schrumpfen? Wie soll die Kompensation für die Verlierer in diesem Prozeß aussehen und wie sollen sich die Gewinner am gesellschaftlichen Lastenausgleich beteiligen? Das Starren auf Marktmechanismen und das Gerede über die segensreichen Folgen von Marktbereiningungen hilft nicht weiter. Vor allem wenn es von Leuten kommt, die diese Bereinigungen nicht am eigenen Leib erfahren müssen. Ganz im Gegenteil. Dieses Beharren hat höchst schädliche Folgen: Wir werden erst so eine andere Form der politischen Entscheidungsfindung bekommen. Dann geht es nur noch um das Kalkül der Politik, den Machterhalt, und die Einflussnahme von Lobbyisten unter Vorschiebung wirtschaftlicher Begründungen. Die wird man immer finden, weil selbst ein Justus Haucap außer der Sehnsucht nach klaren Verhältnissen nichts zu bieten hat – außer dass sich der Staate aus prinzipiellen Gründen heraushalten muss. Obwohl der Staat das nicht “politisch verantworten” kann.  So argumentierte bekanntlich Angela Merkel im Fall Opel – und auch Nico Fried ist vom Sinn der Opel Rettung überzeugt.

Dafür muss die Politik ihre selbstgewählte Fesselung und die Reduzierung auf die Setzung sogenannter ökonomischer Rahmenbedingungen aufgeben. Sie muss Entscheidungen treffen – ob sie nun will oder nicht. Und wir müssen lernen, dass solche  Entscheidungen keineswegs der Politik zu überlassen sind. Einmischung ist Pflicht. Und um das auch konkret anzuwenden: Im Fall Arcandor wird man zum Ergebnis kommen können, dass die Rettung des Konzerns keineswegs unausweichlich ist. Nicht wegen der Brutalität einer Marktbereinigung zu Lasten der Beschäftigten, sondern weil man sich in unseren Innenstädten durchaus eine andere Zukunft vorstellen kann.

Wirtschaft kann man anders denken. Vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken. Es geht eben leider nicht um Freibier für alle.

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1 Thomas Juni 2, 2009 um 13:46

Zitat: “Kann man wirklich sicher sein, dass VW überlebt, wenn Opel untergeht.”

100 % sicher kann man nicht sein. Aber wenn man die Bilanzen von VW und GM vergleicht, sieht man schon, daß da Welten dazwischen sind, was die vorhandene bzw. nicht vorhandene Substanz betrifft, und auch was die historische Ertragskraft betrifft.

2 f.luebberding Juni 2, 2009 um 14:23

Thomas

Deshalb ist ja auch VW noch kein Sanierungsfall. Immerhin müssten wir hier nicht wirklich verstaatlichen … . Es geht aber um ein anderes Problem. Heute haben wir keine integrierten Konzerne mit hoher Fertigungstiefe mehr. Das ist eines der Probleme. Es kann also durchaus passieren, dass der Ausfall eines Kunden wie Opel Zulieferer in Schwierigkeiten bringt, die aber gleichzeitig für VW arbeiten. Hier geraten Netzwerke in Gefahr, die niemand kurzfristig stabilisieren kann. Das war wohl auch das Hauptmotiv, Opel nicht in den Orkus zu schicken. Steinbrück beschrieb die fehlende Kalkulierbarkeit einer Opel Pleite heute im Interview:

“Das kann ich nicht erkennen, denn Sie müssen ja sehen, welche Preise sind denn da, wenn Opel hier in Deutschland oder in Europa insolvent gegangen wäre. Ich finde die Leichtfertigkeit, mit der darüber hinweggegangen wird, unverantwortlich. Wir hätten ein Massedarlehen dem Unternehmen bereitstellen müssen. Die Bundesagentur hätte für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mindestens drei Monate, glaube ich, Insolvenzgeld zahlen müssen, der Pensionssicherungsverein, damit die Betroffenheit vieler anderer deutscher Industrieunternehmen, wäre massiv betroffen gewesen, wir hätten es mit Folgeerscheinungen bei den Zulieferern, bei den Händlern zu tun gehabt, und all dies wird mit einer Armbewegung weggeschoben?”

Dann kann eine solche Pleite in einer ohnehin desaströsen konjunkturellen Lage eine Eigendynamik gewinnen, die eben selbst die Konkurrenten in Schwierigkeiten bringt. Obwohl sich das absurd anhört … .

3 Zecke Juni 2, 2009 um 15:12

Bei von Guttenberg stimmt die Begründung nicht, bei der SPD das Ergebnis.

Wenn zu viele Autos produziert werden, werden auch zu viele Autoteile produziert. Guttenberg sagt Markt ist Markt, SPD sagt kaufen wir. Guttenberg liegt falsch, denn Markt ist nicht Markt, sondern Schlachtfeld der geplatzten Illusionen. Die SPD liegt richtig wenn sie sagt, der Staat muss kaufen, nur, eben keine Autoteile. Überteuerte und veraltete zumal. Fällt der Politik nichts nützlichers ein als neue Autoteile oder gebrauchte Wracks?

@f.lübberding

Wo wollen wir investieren? Welche Sektoren fördern und welche schrumpfen? Wie soll die Kompensation für die Verlierer in diesem Prozeß aussehen und wie sollen sich die Gewinner am gesellschaftlichen Lastenausgleich beteiligen?

Drei gute Fragen, nur leider gibt es in der Politik keine Anreize sie zu stellen – sonst könnte Opel die Antwort nicht sein.

4 HAM Juni 2, 2009 um 15:17

„Und wir müssen lernen, dass solche Entscheidungen keineswegs der Politik zu überlassen sind. Einmischung ist Pflicht.“

Nun, „die Wirtschaft“ überlässt solche Entscheidungen keineswegs der Politik.

Einmischung zu fordern, ist ja ganz schön. Aber bitte, wo und wie kann sich der Bürger einmischen, wenn selbst das Parlament weitgehend außen vor ist?

Und übrigens: Konsum ist erste Bürgerpflicht!
:-D

P.S.
“This includes 91,000 in the United States, which it pays $476 million each month”

Macht rund 62770 USD/a.

Grüsse
HAM

5 Thomas Juni 2, 2009 um 15:21

Zitat f.lübberding: “Es kann also durchaus passieren, dass der Ausfall eines Kunden wie Opel Zulieferer in Schwierigkeiten bringt, die aber gleichzeitig für VW arbeiten. Hier geraten Netzwerke in Gefahr, die niemand kurzfristig stabilisieren kann.”

Was ist denn die These was passieren könnte? Daß Zulieferer dicht machen, und es bestimmte Teile nicht mehr gibt, zu keinem Preis, und daher keine Autos mehr gebaut werden können? Ist das wirklich realistisch?

Klar können Zulieferer pleite gehen. Aber auch Zulieferer kann man reorganisieren, und wenn die Kunden genug für die Teile zahlen, dann wird der Insolvenzverwalter ganz sicher nicht die Produktion einstellen lassen.

6 Alvar Hanso Juni 2, 2009 um 15:25

“Es gibt eine Sehnsucht nach funktionierenden Märkten. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegießer beklagt heute die Politisierung der Wirtschaft. ”

Ist das nicht dieser Kasper der ständig versucht mit seiner Spin-Professoren-Truppe Politik und Gesellschaft zu ökonomisieren??

” “Weil das Geld nicht vom Himmel fällt, muss die staatliche Hilfe für Opel mittelfristig von produktiveren und erfolgreicheren Unternehmen und Wirtschaftszweigen aufgebracht werden, denn wo sonst kann das Geld herkommen? Erfolgreichen Unternehmen Mittel zu entziehen, um dann in Verlustbringer zu investieren, führt zu einem Abwürgen der Marktdynamik und letztlich zu wirtschaftlichem Siechtum.” ”

Da wir ja unbedingt am System “Hamsterrad” festhalten wollen, Justus Haucap sicher auch, gibt es dazu keine Alternative.
Wer die “Vollbeschäftigung” erzwingen will, muss in Kauf nehmen das man sich haufenweise erfolglose Unternehmer aufzieht, die logischerweise von den erfolgreichen Unternehmern bezahlt werden müssen.

Man könnte natürlich auch diesen Unsinn lassen und die Erfolgreichen die Erfolglosen ohne pseudowirtschaftliche Marktkommunikation zu finanzieren.

Aber das fände Herr Haucap sicher nicht gerecht gegenüber den Leistungsträgern…

7 Marcus Juni 2, 2009 um 15:45

“Erfolgreichen Unternehmen Mittel zu entziehen, um dann in Verlustbringer zu investieren, führt zu einem Abwürgen der Marktdynamik und letztlich zu wirtschaftlichem Siechtum”

Verstehe ich nicht. Jetzt habe ich dank wgn gelernt, dass den Unternehmern nicht das Geld zum Investieren fehlt, sonst würden diese nicht Bank- oder Staatsanleihen kaufen. Durch diesen Mechanismus entsteht eine Rückkopplung, das Nachfrage nach Produkten der erfolgreichen Unternehmer erzeugt wird,diese kaufen dann Staats- oder Bankanleihen, ….
Was stimmt denn jetzt?

8 Ahnungsloser Juni 2, 2009 um 15:48

“Wirtschaft kann man anders denken.”

Ja… 1 Link neben “Freibier für alle” weiss das HB auch schon wie:

“Der ökonomische Gastkommentar: Warum Deutschland sein [sic] Exportstärke erneuern muss”

Kann man – muss man aber wohl nicht…

9 Marcus Juni 2, 2009 um 15:53

Wie hoch werden denn die Unternehmenssteuern für die guten Unternehmer erhöht werden?

10 Alvar Hanso Juni 2, 2009 um 16:02

@Marcus
Wgn bezieht das wohl eher auf größere Betriebe denen die Realwirtschaft nicht genügend Rendite einbringt, nicht auf die Wirtschaft als ganzes.
Was Haucap meint bzw. fürchtet, ist wohl eine entsprechende hohe (>höhere) Steuerbelastung für erfolgreiche Unternehmen.
Nur müssen die so oder so die Restbevölkerung mit versorgen, entweder durch subventionierte “Unternehmen” oder Sozialhilfe etc..
Das diese Vermutung aber nicht zutreffend ist, dürfte unser “Aufschwung” gezeigt haben, wo trotz Steuerentlastung weniger investiert wurde.

11 Daniel Juni 2, 2009 um 16:06

Ich sehe ja das Argument, daß eine schnelle Liquidation riesige Probleme in der Region verursachen würde, vielleicht sogar in der Netzwerkart, wie beschrieben, aber da will ich mehr Daten sehen, bevor ich das glaube. Da ist auch Raum für den Staat.

Aber ich sehe da viel mehr ein Problem in dem Teil “schnell” als in dem Teil “Liquidation”. Schließlich ist es bekannt, daß die Autoindustrie massive Überkapazitäten hat und einige Firmen darunter GM und Opel grob fehlgewirtschaftet haben.

Wenn Sie schreiben, andere Innenstädte ohne Karstadt seien vorstellbar, dann interessiert mich aber schon, ob ein anderer Automobilmarkt nicht vorstellbar ist? Was fährt den der Durchschnittsdeutsche 2020? Wie sehr hängt die Deutsche Wirtschaft 2020 vom Automobil ab? Welche Unternehmen agieren auf dem Weltmarkt? Das ist halt alles schwer vorherzusehen und es beruhigt mich kein bißchen, wenn ein Herr Koch heute mit meinem Geld Wetten darauf abschließt, daß “Opel” bei zwei von diesen Frage eine zutreffende Antwort ist … darum geht es doch.

12 HAM Juni 2, 2009 um 16:12

„Opel hat die erste Tranche von insgesamt 1,5 Milliarden Euro Staatshilfe erhalten. Investor Magna muss aber noch nichts beisteuern und hält sich auch den Rückzug offen“
http://www.zeit.de/online/2009/23/magna-opel-rettung

Was bedeutet dies für den deutschen Staat, wenn Magna nicht einsteigt?

13 f.luebberding Juni 2, 2009 um 16:17

Thomas

Das weiß eben niemand. Es ist bisher noch kein großer Autohersteller innerhalb von Tagen vom Markt verschwunden. Wie gesagt: Bei einem Hersteller alten Typs mit hoher Fertigungstiefe wäre das alles kein Problem gewesen. Die gibt es aber heute nicht mehr – und darauf will ich nur hinweisen. Aber einen Konkurs von Opel auszuprobieren, wäre sicherlich ein interessantes Experiment gewesen … .

Zecke

Das glaube ich nicht, dass die Beantwortung dieser Fragen automatisch zur Guttenbergschen Planinsolvenz bei Opel geführt hätte. Selbst Hessen MP Koch wusste übrigens nicht, was das überhaupt ist – eine Planinsolvenz. Das ändert ja nichts an den kurzfristigen Effekten der Pleite. Eine ganz andere Frage ist jetzt wie die Restrukturierung der Branche abläuft – und nach meinem Eindruck wird dort keineswegs die Illusion verbreitet, dass alles bleiben wird wie es ist. Ob etwa Bochum gerettet worden ist, wird sich erst noch zeigen.

ham

“Aber bitte, wo und wie kann sich der Bürger einmischen, wenn selbst das Parlament weitgehend außen vor ist?”

Hier und anderswo – der Phantasie ist dabei keine Grenze gesetzt. Wir sind mitten im Europawahlkampf. Warum geht dort keiner hin, um den Abgeordneten die Meinung zu sagen oder zu diskutieren? Egal zu welchen Kandidaten.

Alvar Hanso

Gesamtmetall bezahlt INSM – da ist er aus den genannten Gründen über Politisierung zurecht irritiert … .

14 Martin Juni 2, 2009 um 16:18

@Lübberding

Die Szenarien, die Sie zu Papier bringen erinnern mich mich an die Szenarien, die angesichts der brennenden Ölquellen im Irak am Ende des ersten Golfkriegs täglich im deutschen fernsehen von sogenannten Experten diskutiet wurden: Panikmodus. Da habe ich mir dann doch lieber das schweizer Programm mit Sachkundigen der ETH Zürich angeschaut, und Fred Adair, den Macher bewundert.

Mann, was sind wir doch für Waschlappen. Der Grundstein unseres Wohlstands ist in viel widrigeren Zeiten gelegt worden, als sich das die Leute hier vorstellen können. Wenn wir Stabilität um jeden Preis wollen, dann muss uns klar sein, dass Stabilität Stillstand ist.

Das Problem ist, dass die Toleranzschwelle der Bevölkerung gesunken ist, nachdem man ihr jahrzehntelang vorgegaukelt, dass der Staat es letztlich richten kann. Er kann es nicht besser, als die Wirtschaft, wenn er aber Mist baut, dann ist wirklich zappenduster.

Was wäre denn gewesen, wenn sich die amerikanische Regierung mit Hilfen zurückgehalten hätte, und die Insolvenz ohne Staatsbeteiligung stattgefunden hätte? Insolvenz ist Insolvenz. Was überlebensfähig ist, kann auch ohne Staatsbeteiligung weiterexistieren. Der amerikanische Gesetzgeber hat uns die Finanzkrise eingebrockt, warum sollte er jetzt glücklicher agieren?

Was die Sorge um die Auswirkung einer zuliefererpleite auf VW angeht, kann ih nur bemerken, dass große Automobilfirmen auf solche Pleiten vorbereitet sind. Pleitekandidaten werden in konzernnahen Firmen aufgefangen, sodass die Versorgung bestehen bleibt, ohne den Zulieferer gelich in die luxuriöse Tarifstruktur des Markenunternehmens zu integrieren.

15 hacedeca Juni 2, 2009 um 16:19

Tja, da hat dieser Blog – während weissgarnix auf dem zweiten Bildungsweg sein Studium der Gesellschaftswissenschaften nachholt – ganz schön Zeit vertrödelt!

———————————
hacedeca { 09.01.09 at 08:03 }

@The Swan, #15

Verteilungsgerechtigkeit vs. Leistungsgerechtigkeit?

Ist beides so nicht meine Sache! Ich finde, dieser Blog konzentriert sich zu sehr auf wage Dinge, wie Gerechtigkeit, Freiheit.

Müsste man sich nicht auf handfestere Indikatoren konzentrieren, die den Punkt anzeigen, an welchem keynesianische Programme dann nötig werden (oder eben liberale)?

http://www.weissgarnix.de/?p=814
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hacedeca { 19.01.09 at 21:21 }

“Was mich aber wirklich ärgert ist, dass Theyssens Gebrauch von “wir” die Gesellschaft auf die Kaste der Vermögensbesitzer reduziert.”

Unser Zivilgesetzbuch heißt bürgerliches Gesetzbuch. Unsere Gesellschaft IST eine bürgerliche Gesellschaft. Eine Gesellschaft der Bürger, der Bourgeois – also eine Gesellschaft der Kapitalbesitzer.

Wer kein Kapital hat, wird so behandelt, als hätte er welches: Er hat also alle Pflichten, aber kaum etwas von den Rechten und Freiheiten. Die kann man nur tatsächlich einfordern, wenn man Geld hat. Denn über Geld, Kapital, wird im Kapitalismus nun einmal alles vermittelt und verteilt.

So what? Das ist nämlich nicht das Problem! Das Problem ist, daß trotz Wahlen erfolglose Eliten nicht ausgewechselt werden. Daß man in der Politik und auch zunehmend der Wirtschaft weder in der Lage sein muß, die Gegenwart halbwegs zutreffend einzuschätzen, noch einen umsetzbaren Plan in die Zukunft hinein haben sollte. Politik wird auch ex post nicht ausgewertet, Lügen und Fehleinschätzungen bleiben folgenlos.

Versagen und Irrtümer werden nicht bestraft! In einer richtigen Demokratie würden erfolglose Politiker und Parteien verschwinden und in einem richtigen Kapitalismus Bankerotteure sich eine Kugel in den Kopf jagen.

http://www.weissgarnix.de/?p=919

16 HAM Juni 2, 2009 um 16:31

Am virtuellen Wirtschaftsstammtisch macht es doch Spaß, so zu tun, als könne man Regierungshandeln beeinflussen.
:-D

17 f.luebberding Juni 2, 2009 um 16:34

Ich kann mir nicht vorstellen, dass man jetzt dauerhaft Opel, Arcandor oder wen auch immer subventioniert. Die Bergbau- und Agrarsubventionen sind ein unsinniger Vergleich. Die hatten völlig andere – nämlich im Kern politische Gründe: Stichwort Versorgungssicherheit. Da ging es keineswegs darum, lediglich Bergarbeiter oder Bauern Einkommen zu verschaffen. In beiden Branchen gab es im übrigen einen Strukturwandel. Es ist eine Legende, dass dieser durch Subventionen verhindert worden sei.

Zur Zeit geht es darum, den freien Fall zu verhindern und den Absturz zu managen. Da taugen aber keine marktwirtschaftlichen Kriterien, weil die Folgen – fiskalisch und gesamtwirtschaftlich – immer von der Politik getragen werden müssen. Manche können es ja kaum abwarten, dass endlich die Leute in der Autoindustrie rausfliegen. Man kann sie trösten: Das wird passieren.

Der Strukturwandel wird also kommen.

Daniel

“Wenn Sie schreiben, andere Innenstädte ohne Karstadt seien vorstellbar, dann interessiert mich aber schon, ob ein anderer Automobilmarkt nicht vorstellbar ist?”

Na klar, der wird mit dem von heute nicht mehr viel zu tun haben. Wir sind ja nicht in der DDR mit der Einbetonierung von Strukturen … .

Ham

Dann macht Frau Merkel den Obama. Natürlich hat der Bund Opel de facto übernommen, weil es eben keinen Investor im Sinne der Übernahme auch von Risiken geben kann.

18 f.luebberding Juni 2, 2009 um 16:40

Hacedeca

Ja, den Eindruck mit der Trödelei habe ich auch manchmal. Aber wenn unser Problem wird von Dir gut beschrieben:

“Müsste man sich nicht auf handfestere Indikatoren konzentrieren, die den Punkt anzeigen, an welchem keynesianische Programme dann nötig werden (oder eben liberale)?”

Was ist nämlich, wenn zur Zeit weder diese keynesianischen, noch die liberalen Rezepte funktionieren?

Ham

Immerhin ein Stammtisch mit Liveübertragung in die weite Welt … .

19 f.luebberding Juni 2, 2009 um 16:44

martin

“Was wäre denn gewesen, wenn sich die amerikanische Regierung mit Hilfen zurückgehalten hätte, und die Insolvenz ohne Staatsbeteiligung stattgefunden hätte?”

Gute Frage. Was wäre dann gewesen? Die Antwort fehlt nämlich … . Und die Anmerkungen zur Vergangenheit sind zwar nützlich, aber der Hinweris, dass man in der Nachkriegszeit gehungert hat, ist in der Krise auch keine überzeugende Antwort.

Das mit dem Kollaps eines Zulieferers stimmt. Nur hier geht es ja nicht um einen Zulieferer, sondern um einen Autobauer.

20 klappzypresse Juni 2, 2009 um 17:07

Da sind aber viele unbewiesene Behauptungen in lübberdings Artikel:
- Natürlich gibt es JETZT immer noch mit Gewinn produzierende und verkaufende Unternehmen.

- Und warum soll unbedingt die “Spekualtion” den Ölpreis nach oben gerieben haben? Schon mal den USD-Kurs angesehen?

- Und ja, es wird für jeden von uns hier ein downgrad im Lebensstil geben. Schon mal nach Far East gesehen?

Was mich vielmehr interessieren würde (vielleicht ein Anstoß für einen Artikel von wgnx):
Wie lange kann es sich die BRD noch leisten, Firmen wie Opel, Arcandor, usw. usw. zu retten. Bei welcher saldierten Rettungssumme ist Schluß?

21 klappzypresse Juni 2, 2009 um 17:09

sorry: “Spekulation” soll es heißen und “nach oben getrieben” – Finger sind sich heute schon wund ….

22 undertaker Juni 2, 2009 um 17:09

“Anders sieht das bei der Bankenrettung aus. Dort werden tatsächlich die Staatshilfen zum Erzielen von Spekulationsgewinnen verwendet – etwa in den wiederbelebten Rohstoffmärkten. Die steigenden Ölpreise haben keinen anderen Grund.”

Alles klar, die Ölpreise steigen also nur, weil Zombiebanken mit Staatsknete darauf spekulieren…
Die Unterscheidung zwischen Spekulationsgewinnen und Gewinnen in der Realwirtschaft ist übrigens auch schon dubios. Selbst das traditionelle Bankgeschäft, Kreditvergabe an Privatkunden und Unternehmen, war schon immer naturgemäß spekulativ.
Da die Gewinne in der Realwirtschaft unter anderem von der Kreditvergabepraxis abhängen und die Börsenentwicklung von den reinkommenden Fundamentaldaten, sieht eine getrennte Betrachtung mehr nach Schwarz-Weiß-Malerei als nach einer objektiven Realitätsanalyse aus.

“Im Fall Arcandor wird man zum Ergebnis kommen können, dass die Rettung des Konzerns keineswegs unausweichlich ist. Nicht wegen der Brutalität einer Marktbereinigung zu Lasten der Beschäftigten, sondern weil man sich in unseren Innenstädten durchaus eine andere Zukunft vorstellen kann.”

Wie darf ich das verstehen? Die Arbeitnehmer in den Innenstädten werden schon was anderes finden? Ähm, wenn die Lage dort so rosig ist, dann sollte man Anreize in die Ballungszentren zu ziehen, nicht durch eine Opelrettung abschwächen. Rüsselsheim und Bochum sind ja nun auch nicht gerade die Provinz auf dem Lande…
Falls es sich auf Alternative zum Konzern beziehen sollte, dann haben wir auch im Fall Opel genügend andere – viel bessere – deutsche Autohersteller, die dann eben einen Teil der Produktion mit Freude übernehmen werden.

Was die Netzwerkeffekte anbelangt, so bliebe abzuwarten, wie schlimm diese wirklich ausfallen. Einem Zulieferer, der kurzfristig in Zahlungsschwierigkeiten gerät, langfristig aber von den anderen Herstellern noch gebraucht wird, mit staatlichen Krediten unter die Arme zu greifen, wäre jedenfalls viel sinnvoller, als ihn indirekt über den maroden Magna-Opel-Konzern zu subventionieren.

Der Verweis auf die drohende sofortige Katastrophe und zu beobachtendes Marktversagen in bestimmten Bereichen sollte nicht ausreichen dürfen, um jeden aktionistischen und opportunistischen ökonomischen Blödsinn legitimieren zu können.
So wie sich die Politik hierzulande anstellt – keine Enteignung der HRE-Aktionäre, Opel-Bürgschaften, von der SPD geforderte Arcandor-Rettung -, wäre es wohl wirklich am besten, sie würde sich aus allem raushalten. Nicht, weil es die theoretische beste Lösung wäre, sondern weil unsere Politiker es einfach nicht können und durch ihre Einmischung eher alles noch viel schlimmer machen. Also überlassen wir das Krisenmanagement lieber den Amerikanern. Deutschland ist in der Tat politisch insolvent. Der Marktradikalismus ist noch das kleinste Übel im Repertoire unserer Politclowns. Keine schöne Erkenntnis, doch nur mit diesem bitteren Prakmatismus lässt sich die Krise schnellstmöglich bewältigen.
Die ideologischen Grabenkämpfe müssen solange im Hintergrund geführt werden!

23 Andreas Kreuz Juni 2, 2009 um 17:11

@luebberding #17

>>Zur Zeit geht es darum, den freien Fall zu verhindern und den Absturz zu managen. Da taugen aber keine marktwirtschaftlichen Kriterien, weil die Folgen – fiskalisch und gesamtwirtschaftlich – immer von der Politik getragen werden müssen.<<

Wieviele ‘Abstürze’ wurden denn in den 90ern im Osten ‘gemanagt’ , freier Fall verhindert?

Und wer trägt seither die Folgen?

Mann, Mann, Mann, Herr Lübberding, da geht mir der Hut hoch!

24 Nanuk Juni 2, 2009 um 17:31

@Ham
Man sollte vieleicht diesem Verein beitreten… :)

http://www.youtube.com/watch?v=QfQULRldymk

25 Watawah Juni 2, 2009 um 17:36

In mir geht die Frage um, inwieweit deutsche Regierung überhaupt, setzen wir mal mutig die intellektuelle Fähigkeit voraus, eigenständig, souverän handeln “dürfte” – siehe EU, aber vorallem USA?

@ Andreas Kreuz # 23

“Wieviele ‘Abstürze’ wurden denn in den 90ern im Osten ‘gemanagt’ , freier Fall verhindert?

Und wer trägt seither die Folgen?

Mann, Mann, Mann, Herr Lübberding, da geht mir der Hut hoch!”

Mir auch – aber was sollten da “unsere” paar Hanseln, die paßten zahlenmäßig locker in NRW rein, waren gesamtdeutsch nicht wahlrelevant, sind sie bis heute nicht – und außerdem machte es sich ideologisch äußerst gut, da man genug verbildete hat(te), die die Selbst- und Alleinverschuldung bis heute glauben und beleidigt wären, würden sie sehen müssen, daß “wir” sie sogar noch einige Zeit “gerettet” haben und eher nicht umgekehrt.

Ich sag’s mal zynisch, zum GG Artikel 1 – das mit der Menschenwürde – da fehlt bis heute die Definition, wer denn nun ein Mensch ist :-(

@ klappzypresse # 20

“Wie lange kann es sich die BRD noch leisten, Firmen wie Opel, Arcandor, usw. usw. zu retten.”

‘Leisten’ ist da eher ein moralisches als ein kalkulatorisches Wort, so meine ich.
Wenn ich in Erinnerung rufe, für wieviel weniger Geld andere Dinge in letzter Zeit angeblich nicht für die Gesellschaft leistbar waren…

Also meine ich leisten kann sich BRD, besser eigentlich Regierung der BRD, alles, so lange alle für die Zukunft in die Pflicht genommenen nicht real merken, was das für sie selbst bedeutet.

26 f.luebberding Juni 2, 2009 um 17:47

Andreas Kreuz

Es wurde zu Beginn genau das gemacht, was jetzt viele propagieren. Die Unternehmen sich selbst überlassen und die Folgen sozialpolitisch abgefedert. Unter anderem weil manche Unternehmen im Westen zwar an den Absatzmärkten, aber nicht an potentiellen Konkurrenten interesseirt waren. Erst später gab es den Versuch, Industriepolitik über den Erhalt industrieller Kerne zu machen. Durchaus mit Erfolg übrigens. Insofern verstehe ich das Argument nicht. Sollen wir jetzt den Umgang mit der DDR Wirtschaft als Vorbild betrachten?

undertaker, Klappzypresse

Mit welcher Begründung steigt der Ölpreis seit Januar von unter 40 $ auf fast 70 $? Weil die Weltwirtschaft expandiert? Weil Öl knapp geworden ist? Weil der Euro gesunken ist?

http://www.ariva.de/chart/index.m?secu=101622823&boerse_id=33&t=year

Weder ist die Weltwirtschaft expandiert, noch ist Öl knapp geworden. Der Euro ist tatsächlich unter Druck geraten, rechtfertigt aber kaum diese Preise. Das ist schlicht der Preis für die Rettung der Finanzmärkte. Wir haben die Akteure an den Finanzmärkten mit der entsprechenden Liquidität ausgestattet und die suchen natürlich nach Märkten, wo sie relativ schnell Renditen erwirtschaften können. Im Ölmarkt ist das offensichtlich möglich. Nur suchen jetzt alle nach realwirtschaftlichen Begründungen – nun das war auch im vergangenen Sommer so als der Preis 150 $ betragen hatte.

Und natürlich gibt es noch Unternehmen, die Geld verdienen. Unter anderem weil man die Einkommen stabilisiert hat und der private Konsum nicht desaströs eingebrochen ist. Das ist nicht wenig in dieser Krise, ändert aber nichts an den massiven Problemen in meheren Sektoren wie Maschbau, Autoindustrie, Chemie etc.

Nur eines soll noch einmal formuliert werden: Es ist nicht die Frage, ob wir – etwa in der Autoindustrie – einen Strukturwandel bekommen oder nicht. Es geht darum wie wir ihn organisieren. Aber es scheint die Meinung zu existieren, dass ein Ende mit Schrecken besser sei als ein Schrecken ohne Ende. In meiner Sichtweise ist das ein Ausdruck für Panik.

27 Andreas Kreuz Juni 2, 2009 um 18:06

@luebberding #26

Was für eine Brille braucht jemand,
der das so sehen will:

“>>Die Unternehmen sich selbst überlassen und die Folgen sozialpolitisch abgefedert. Unter anderem weil manche Unternehmen im Westen zwar an den Absatzmärkten, aber nicht an potentiellen Konkurrenten interesseirt waren. Erst später gab es den Versuch, Industriepolitik über den Erhalt industrieller Kerne zu machen.<<

28 Nanuk Juni 2, 2009 um 18:12

“In meiner Sichtweise ist das ein Ausdruck für Panik.”

Ne ich glaube das ist die Suche nach göttlichem Beistand früher nannte man das Gottesurteil heute Marktbereinigung…

Der Markt ist meine Kraft und mein Schild, / mein Herz vertraut ihm. Mir wurde geholfen. Da jubelte mein Herz; / ich will ihm danken mit meinem Lied.

Verschaff mir Recht, o Markt; denn ich habe ohne Schuld gelebt. / Dem Markt habe ich vertraut, ohne zu wanken.

noch besser

Markt, du mein Fels, meine Burg, mein Retter, mein Gott, meine Feste, in der ich mich berge, / mein Schild und sicheres Heil, meine Zuflucht.

Klingt doch wie die Schlachtrufe vergangener Zeiten oder?

29 Jens Tramann Juni 2, 2009 um 23:55

Überraschende Einsichten vom Handelsblatt-Jounalisten, Justus Haucup, über das angebliche Wesen der sozialen Marktwirtschaft, wenn er postuliert:

“Das Prinzip, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren, steht im krassen Widerspruch zur Idee der sozialen Marktwirtschaft.”

Aber leider stimmt diese Sichtweise nun überhaupt nicht mit der Realität der sozialen Marktwirtschaft überein, wo doch ständig – übrigens nicht erst seit der Finanzkrise – Verluste sozialisiert und Gewinne privatisiert werden. Dies scheint mir schon eher der Charakter der (a)sozialen Marktwirtschaft zu sein. Dies wird nunmehr in der Wirtschaftskrise überdeutlich.

Aber vielleicht habe ich da nur eine etwas verquere Sicht auf die Realität.

30 undertaker Juni 3, 2009 um 02:12

“Weder ist die Weltwirtschaft expandiert, noch ist Öl knapp geworden. Der Euro ist tatsächlich unter Druck geraten, rechtfertigt aber kaum diese Preise. Das ist schlicht der Preis für die Rettung der Finanzmärkte.”

Du weißt, welcher Preis für Öl gerechtfertigt ist? Die 150$ vor einem Jahr waren eine spekulative Übertreibung, der Preis von knapp 40$ am Jahresanfang war aber kein Ausbruch nach unten, sondern nah an der Wahrheit und der aktuelle Anstieg spiegelt nur die neue Liquidität an den Märkten wieder? Schön, dass wenigstens einer den Durchblick zu haben scheint. Dann mal Butter bei die Fisch, eine Prognose für die mittelfristige Ölpreisentwicklung bitte;-)

Bei der Gelegenheit kannst du vielleicht auch noch erklären, wie du darauf kommst, dass ein schwacher Euro eine Begründung für steigende Ölpreise wäre. Wenn der Euro unter Druck gerät, wird Öl für Europäer teurer und damit sollte die Nachfrage und der Preis tendenziell sinken. Gerade in den letzten Wochen konnte man sehr schön sehen, wie Euro und Öl gemeinsam anzogen.

Was in den letzten Wochen gespielt wird, ist wohl die green shoots-story verbunden mit Inflationsangst aufgrund der steigenden Basisgeldmengen. Dass nun Inflation ein größeres Thema als Deflation scheint, kann durchaus als Erfolg gesehen werden, war es doch erklärtes Ziel, die drohende Schuldeflationsspirale abzuwenden.
Aber es sind eben nicht primär die Banken, die nicht wissen, wohin mit den ganzen staatlichen Liquiditätsspritzen und jetzt an den Ölmärkten den großen Reibach machen. Vor allem wird wieder Vermögen aus Cash und Anleihen in risikoreichere Anlagen umgeschichtet, also von Leuten die schon vorher ausreichend Liquidität hatten, aber nicht bereit waren, diese in die Realwirtschaft zu pumpen. Das hat doch nichts mit Sozialisierung von Gewinnen zu tun. Handelt der Staat nicht, kommt es zur Deflation und die Anleihenhalter gewinnen, gelingt es ihm Inflation zu erzeugen, gewinnen die Rohstoffinvestoren. Kann sich jeder aussuchen, auf welcher Seite er stehen möchte.
Der Staat will die Realwirtschaft retten, immer mehr Anleger glauben inzwischen, es könnte ihm gelingen und wenn sie die Entwicklung korrekt antizipieren machen sie Gewinne, so what? Dieser Glaube treibt die Rohstoffmärkte, aber es ist derselbe Glaube, der Grundlage für eine ansteigende Kreditvergabe an die “Realwirtschaft” ist. Wie gesagt, Kreditvergabe und das Bankengeschäft sind notwendigerweise spekulativ. Daher ist es ein merkwürdiger Vorwurf Banken würden mit Staatshilfen Spekulationsgewinne machen. Ja klar, was auch sonst, sollen sie anfangen Autos zu bauen? Hauptsache sie sanieren die Bilanzen und setzen das Geld nicht wieder in den Sand. In dem Fall wäre es nämlich am Ende auch egal, ob das mit besten Absichten in Form von Krediten an die Realwirtschaft, z.B. arme Häuslebauer in den USA erfolgt;-)

31 undertaker Juni 3, 2009 um 03:15

“Nur eines soll noch einmal formuliert werden: Es ist nicht die Frage, ob wir – etwa in der Autoindustrie – einen Strukturwandel bekommen oder nicht. Es geht darum wie wir ihn organisieren. Aber es scheint die Meinung zu existieren, dass ein Ende mit Schrecken besser sei als ein Schrecken ohne Ende. In meiner Sichtweise ist das ein Ausdruck für Panik.”

Ausdruck von Panik ist es eher, wenn man in Furcht vor der drohenden “sofortigen Katastrophe” wirklich jedes größere Unternehmen retten will. Insolvenzen sind unabdingbar für eine marktwirtschaftliche Ordnung. Ganz gleich, welche Kriterien herangezogen und wie hoch die Messlatte für staatliche Hilfen angesetzt wird, Fakt ist: Wenn Opel rettungswürdig ist, wäre das wohl auch jedes andere Unternehmen – zumindest ab einer gewissen Größe… -, denn es ist so gut wie unmöglich wirtschaftlich schlechter und mit mehr Eigenverschulden dazustehen als Opel.
Entlarvend finde ich auch diesen Satz aus Ihrem letzten Blogeintrag:

“Es gibt auch keinen Rechtsanspruch auf Staatshilfe wie es jetzt wohl Arcandor versucht. Sie muss aber Antworten für diejenigen formulieren, denen sie eine postive Antwort verweigert.”

Das ist nichts anderes als die Beweislastumkehr! Der Staat muss sich nicht mehr gute Gründe überlegen, wenn er ein Unternehmen rettet, sondern staatliche Interventionen in den Marktmechanismus werden zum Normalfall und die Gründe werden nur gefordert, wenn sich die Politik weigert einzugreifen. Vielen Dank, falls es noch eines Beweises bedurfte, dass Deutschland trotz Fehlgriff bei der HRE-Enteignung in erster Linie mehr FDP braucht, das war er!

http://live-bpt.wcsite.liberale.de/wcsite.php/_c-3622/_cmt-91b3f8d2c0aca55ed29234354c1f798c/i.html

Ab ca. 10:00-14:00: “Wenn wir die Mittelschicht riskieren, dann brechen wir diesem Land das Rückgrat. (…) Wenn bei den Großen einer Pleite geht, dann kommt der Bundesadler, wenn bei den Kleinen einer Pleite geht, dann kommt der Pleitegeier! (…) Deshalb wollen wir regieren, damit die DAX-Hörigkeit der deutschen Politik ein Ende hat!”

sowie 15:30-20:00.

32 Nixda Juni 3, 2009 um 09:01

Der in Autoabsatz für GM in den USA sind grob 8-9 Mio Einheiten im Jahr. Wenn ich einmal 20000 USD als Durchschnittspreis annehme, sind das 160-180 Mrd USD.

Wenn davon in Zukunft die Häfte importiert werden müsste, wäre das ein weiteres Loch 80-90 Mrd USD in der amerikanischen Handelsbilanz, die ohnehin schon ziemlich lädiert ist.

33 Zecke Juni 3, 2009 um 10:27

Jeder Versuch, die Opel Rettung mit ökonomischen Argumenten zu begründen, muss scheitern, denn es gibt keine.

ALLE Unternehmen sind spezialisiert, fehlende Vertigungstiefe ist kein Argument, das nur für Opel gilt, sondern es trifft auf die ganze
Wirtschaft zu. Was heißt das jetzt? Bailout für alle? Wie ist das mit den Produzenten, Händlern, u.s.w. bei Karstadt/Arcandor?

Strukturwandel findet nur statt, wenn der Struktur auch die Möglichkeit zur Wandlung gegeben wird. Zur Zeit gibt es für Magna finanzielle Anreize, in einem überdimensionierten Sektor weiter zu produzieren, die einzig und allein der Staat gesetzt hat – aus politischen Gründen. Die Struktur wird sich wandeln, sobald diese Anreize wegfallen.

Managment des Strukturwandels heißt, soziale Lasten zu verteilen und Anreize für INVESTITIONEN in zukunftsfähige Sektoren zu setzen. Es finden aber keine Investitionen statt. Die Zukunftsfähigkeit eines durch Lohnverzicht und Subventionen in Verbindung mit expansiver Geldpolitik aufgeblähten Teil des Exportsektors war schon gestern nicht gegeben. Jetzt, da die Zukunft die Politik einholt, möchte man sie mit Geld überbrücken: Lauf Opel, lauf!

Stiglitz nennt diese Form des risikolosen Grundeinkommens übrigens Corporate Welfarism. Kein Sozialismus, wie in den USA mit der Verstaatlichung von GM, nix mit soziale Marktwirtschaft. Vielleicht finden wir ja noch ein schönes deutsches Wort.

Bitte nur nichts, in dem das Wort “Wirtschaft” drin vorkommt.

34 f.luebberding Juni 3, 2009 um 10:31

undertaker

Im letzten Sommer konnte man sich auch andauernd anhören, warum denn die steigenden Ölpreise gerechtfertigt seien. Es geht nicht darum, ob hier jemand den richtigen Preis kennt oder gar die Spekulation zu verteufeln. Es geht um die schlichte Tatsache, dass sich der Ölpreis in weniger als sechs Monaten fast verdoppelt hat. Im übrigen haben die Zentralbanken nicht nur die Banken gepampert, sondern über diesen Transmissionsriemen den gesamten Markt (Was bei Unternehmen der Realwirtschaft bekanntlich noch nicht funktioniert). Das war ja auch das Ziel. Im übrigen erwartet man für dieses Jahr bei Hedgefonds wieder steigende Mittelzuflüsse:

http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2009-06/14070123-barclays-erwartet-2009-bei-hedgefonds-mittelzufluesse-in-hoehe-von-50-milliarden-dollar-009.htm

Und diese Anleger haben ihre Cash Positionen ja nicht unter dem Kopfkissen versteckt, sondern bei Banken geparkt. Die wurden also mit der Bankenrettung auch gerettet. Ob im übrigen hier wirklich Inflationserwartungen (und damit die genannten Folgen) dahinter stehen, ist keineswegs ausgemacht. Wir sehen nämlich immer noch eine Kreditklemme in der Realwirtschaft

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,628228,00.html

und gleichzeitig steigende Preise im Ölmarkt. Im Herdentrieb habe ich neulich geschrieben, dass wir boomende Finanzmärkte sehen könnten und gleichzeitig soziale Unruhen wegen einer crashenden Wirtschaft … . Wenn das Finanzsystem aus den von den Verbänden oben genannten Gründen keine Motivation zur Kreditvergabe hat, muss es natürlich woanders investieren. Volkswirtschaftlich ist das aber kaum als sinnvoll zu bezeichnen. Darum geht es. Der schwache Euro hat zur Zeit nicht die ansonsten zu erwartenden Folgen, weil der Ölverbrauch der Industrie zur Zeit wegen der Rezession sinkt und die privaten Haushalte im Vergleich zu 2008 immer noch relativ günstige Preise haben.

Zuletzt: Mittelfristig werden wir höhere Preise beim Öl haben, weil sich ansonsten viele Investitionen nicht rentieren werden. Aber das kann kaum die Preisentwicklung der vergangenen Monate erklären.

35 Thomas Juni 3, 2009 um 10:35

Zitat f.lübberding: “Der schwache Euro hat zur Zeit nicht die ansonsten zu erwartenden Folgen”

Inwiefern ist der Euro im Moment “schwach”?

36 Zecke Juni 3, 2009 um 10:45

@f.Lübberding

“Aber es scheint die Meinung zu existieren, dass ein Ende mit Schrecken besser sei als ein Schrecken ohne Ende. In meiner Sichtweise ist das ein Ausdruck für Panik.”

Ja, die Meinung existiert. Man könnte konkret sagen, es existiert die Meinung, dass ein Ende mit finanziellen Risiken besser ist, als finanzielle Risiken ohne Ende. Wohlgemerkt diese Meinung wird von denen vertreten, die die finaziellen Risiken zu tragen haben, nicht von denen, die die finanziellen Risiken verteilen.

Und ja,ich wäre froh, wenn die Opel-Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit gehen würden. Sie hatten die letzten Jahre ihren Arbeitsplatz auf meine Kosten, sie haben heute ihren Arbeitsplatz auf meine Kosten und sie werden b.a.w. ihren Arbeitsplatz auf meine Kosten haben. Es gibt genügend existenzielle matrielle Bedürfnisse jenseits des Individualverkehrs, die der Produktion lohnen würde.

Was ist über den Zustand einer Gesellschaft zu sagen, die statt Bildung Autoteile kauft?

37 f.luebberding Juni 3, 2009 um 11:10

Thomas

Im Vergleich zu den alten Höchststanden ist er schwach gewesen. Der jüngste Anstieg ist eine Entwicklung der vergangenen vier Wochen gewesen. Er bewegte sich im April zum Dollar auf einem Niveau der Jahre 2004 – 2006. Meines Wissens war das schon überraschend gewesen – angesichts der Entwicklung in den USA.

http://www.ariva.de/chart/index.m?boerse_id=13&secu=4633&t=all

Die Korrelation zwischen Ölpreis und Euro ist nun kein neues Thema.

http://www.ftd.de/boersen_maerkte/aktien/rohstoffe/:Devisen-und-Rohstoffturbulenzen-Angst-vor-der-Euro-Dollar-%D6l-Spirale/514612.html?p=2

Nur finde ich trotzdem keine rationale Begründung für diese Preissteigerung beim Öl – fundamental betrachtet. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass Anleger mittlerweile die Korrelation zwischen Ölpreis und Euro für einen Gewißheit halten – und sich entsprechend positionieren. Wäre dann ein klassischer Herdentrieb.

38 klappzypresse Juni 3, 2009 um 11:13

Hallo Herr Lübberding,

Sie verwechseln EUR und USD: Der USD ist schwächer geworden seit Anfang März, nicht der EURO. Seitdem steigt der Ölpreis in USD, was seit vielen Jahren so geschieht.

Zusätzlich ist der Ölpreis Ende Januar/Februar sehr oft auf einem der beiden Jahrestiefs und steigt danach kontinuierlich an bis zu einem Sommerhoch.

Keine Verschwörung, keine übermäßige Spekulation.

39 klappzypresse Juni 3, 2009 um 11:16

… übrigens müßte der Time-Stamp mal auf Sommerzeit umgestellt werden …

40 Logik-Ratio Juni 3, 2009 um 11:21

Muss f.luebberding in vielen Punkten zustimmen. Eine so kurzfristige Pleite von GM Europe (Es gibt kein dt. Unternehmen Opel mehr) hätte für die betroffenen Regionen und auch die Konkurrenten unkalkulierbare Folgen.

Ich habe mich auch anfangs gewundert, wieso die Konkurrenten nicht laut gejubelt haben, dass es den großen 3 so schlecht geht – das Problem ist eben, dass die Konkurrenten zwar an einer Schwäche dieser Firmen interessiert sind – aber eben nicht so schlagartig. Ein langsamer Wechsel ist den OEM wesentlich lieber, als schlagartige Pleiten – das begründet sich durch die gemeinsamen Zuliefererstrukturen und die unkalkulierbaren Risiken. Ein Zulieferunternehmen kann man durchaus stützen – aber was passiert, wenn von heute auf morgen ein kompletter OEM als Endkunde entfällt?

Ich bin kein großer Freund von Staatseingriffe, aber man muss auch den gesunden Menschenverstand walten lassen. Egal ob man nun für Opel bezahlt oder nicht – teuer wäre es auf jeden Fall geworden. Das stört mich auch an der Diskussion – egal ob der Staat Ged ausgibt oder nicht – das Staatsdefizit wäre auf jeden Fall stark angestiegen.

Außerdem ist es ja auch nicht so, dass das Geld nicht am Ende wieder beim Staat landet – übder die Verbrauchssteuern, Lohnsteuer, eingesparte Sozialleistungen etc. pp. Die Frage ist nur – ist GM Europe mittel – und langfristig überlebensfähig? Brauchen wir diesen Autobauer? Das ist eine Frage die der Markt beantworten muss, langfristige Subventionen dürfen nicht das Ziel sein – und sind es auch nicht. Schauen wir z.B. Holzmann an – auch der wurde fallen gelassen, weil man die Ausweglosigkeit erkannt hat. Der Strukturwandel schreitet voran – aber eben nicht so plötzlich und gibt den Akteuren Zeit intelligente Entscheidungen zu treffen… zumindest tendenziell.

Das was mich eigentlich wirklich ärgert ist der Banken und Finanzsektor. Dieser zumindest teilweise Parasitäre Zweig unserer VWL wächst und gedeiht weiter…. die Bankrotte HRE, etc.pp. – man könnte jetzt denken, man hätte das Kasino beendet – vergiss es, es ist sogar noch perverser geworden. Da die realwirtschaftlichen Aussichten wegen der Überschuldungskrise weiter Teile der Welt schlecht sind – lohnen sich Investitionen in die Realwirtschaft nicht – also wird gezockt – diesmal vermehrt und massenweise Staatsanleihen gezeichnet……. Bevor wir den Finanzsektor nicht grundlegend renovieren, wird es keine realwirtschaftliche Erholung geben – nur ist das Problem, dass wir dann auch erkennen müssen, dass die Volbeschäftigung in einer Industriegesellschaft einfach nicht mehr möglich oder sinnvoll ist.

41 Thomas Juni 3, 2009 um 12:55

Was den Ölpreis betrifft: Der hängt u.a. auch wesentlich davon ab, ob bzw. inwieweit die OPEC-Länder ihre Förderung kürzen, um sie an die gesunkene Nachfrage anzupassen. Was diesbezüglich geschieht, ist für Außenstehende (d.h. uns alle) kurzfristig fast nie nachvollziehbar, weil die öffentlichen Verlautbarungen oftmals nicht dem entsprechen, was tatsächlich geschieht.

42 f.luebberding Juni 3, 2009 um 13:02

Klappzypresse

Meinte schon den Euro. Ich habe übrigens nichts gegen steigende Ölpreise, wenn die dem wirtschaftlichen Umfeld entsprechen.

Thomas

Es gibt aber eine Erfahrung: Bei sinkenden Preisen neigen die Opec Staaten zu zunehmender Disziplinlosigkeit.

43 Thomas Juni 3, 2009 um 13:17

Stimmt, bisher war das meistens so.

Muß aber nicht zwingend so sein.

44 undertaker Juni 3, 2009 um 13:26

@ luebberding:

“Im Herdentrieb habe ich neulich geschrieben, dass wir boomende Finanzmärkte sehen könnten und gleichzeitig soziale Unruhen wegen einer crashenden Wirtschaft … . Wenn das Finanzsystem aus den von den Verbänden oben genannten Gründen keine Motivation zur Kreditvergabe hat, muss es natürlich woanders investieren.”

Dass Finanzsystem ist eben keineswegs gezwungen zu INVESTIEREN. Banken können ihr Geld als Reserve bei der Zentralbank oder in Staatsanleihen parken, bei Spekulanten und privaten Sparern würde während eines Crashs Schuldenrückzahlung oberste Priorität haben und wer danach noch Geld übrig hat, legt es aufs Tagesgeldkonto oder auch in Staatsanleihen an. Dass nach dem Pampern der genannte Transmissionsmechanismus wieder in Gang kommt, damit die Liquidität an den Märkten zurückkehrt und irgendwelche Preise nach oben treiben muss, ist also keineswegs ausgemachte Sache.
Die Entwicklung des Ölpreises in den letzten Monaten lässt sich also nur damit erklären, dass die Märkte Inflation, was eine Verringerung der realen Schuldenlast in USD bedeutet, oder sogar ein Wiedererstarken der Wirtschaft erwarten. Beides ist gut für den Erhalt von Unternehmen und von Arbeitsplätzen.
Da die Aktienmärkte ebenfalls haussieren, ein Stagflationsszenario aber normalerweise mit sinkenden Unternehmensgewinnen aufgrund von steigenden Löhnen einhergeht, lässt sich das nur als Hoffnung auf eine baldige Verbesserung der konjunkturellen Lage interpretieren.
Boomende Märkte nur aufgrund von billigem Geld sind also nicht drin. Ohne optimistische Erwartungen, die von den reinkommenden Fundamentaldaten mittelfristig gerechtfertigt werden, läuft gar nichts.
Und um es klar zu sagen: Meiner Meinung nach liegen die Märkte gerade voll daneben. Stagflation – ja. Rasche Erholung – nein.
Im Stagflationsszenario ist Öl genau das richtige Investment. Von Herdentrieb kann man daher nur sprechen, wenn man den Glauben an einen deutlichen Anstieg des Preisniveaus in den USA für irrational hält. Schließen Sie das wirklich aus?

45 f.luebberding Juni 3, 2009 um 14:19

undertaker

“Die Entwicklung des Ölpreises in den letzten Monaten lässt sich also nur damit erklären, dass die Märkte Inflation, was eine Verringerung der realen Schuldenlast in USD bedeutet, oder sogar ein Wiedererstarken der Wirtschaft erwarten.”

Davon bin ich eben nicht überzeugt. Ich habe eher den Eindruck, dass solche Überlegungen eigentlich keine Rolle spielen – das sind nur nachgeschobene Erklärungen. Die Blase im vergangenen Jahr hatte vor allem einen Grund: nach dem Kollaps der Immo- und Geldmärkte herrschte ein Anlagenotstand. Es gab ab Ende 2007 nur noch einen Markt mit steigenden Preisen – das waren die Rohstoffe. Ohne fundamentale Basis ist diese Blase natürlich geplatzt. Heute können es sich die Investoren nicht länger leisten, einfach weiter auf ihrem Geld zu sitzen. Die Fonds müssen Geld verdienen – also wird wieder investiert. Vor allem, weil die Weltuntergangsstimmung erst einmal weg ist. Die Stabilisierung ist insoweit geglückt. Wenn aber erst einmal ein Trend zu erkennen ist, nährt der sich eine gewisse Zeit selbst. Genau das erleben wir zur Zeit, meiner Meinung nach. Die Erzeugung von Inflationserwartungen war ja immer mein Lösungskonzept, nur darf sich das eben nicht auf die Finanzmärkte beschränken. Das passiert aber noch. Das wirklich Erstaunliche ist ja, dass die enorme Ausweitung der Geldmenge nicht in der Realwirtschaft ankommt. Die drucken wie blöd Geld – und nichts passiert. Das Deleveraging ist immer noch stärker. Wenn sich aber die Inflationserwartungen nicht in steigenden Löhnen und Preisen ausdrücken – und auf einem Marktsegment wie Rohstoffe beschränkt bleiben – dann erleben wir die Situation, dass diese steigenden Preise einzig Einkommen und Nachfrage weiter reduzieren. Also damit die Abwärtsspirale anheizen. Das ist übrigens auch nicht das klassische Stagflationsszenario aus den 70er Jahren, wo der Motor die Lohn-Preisspirale gewesen ist. Meine These liegt also zwischen Bofinger und Polleit im Spiegel. Polleit hat zwar die schwächeren Argumente, nur eines stimmt: Steigende Preise an Aktienmärkten und bei den Rohstoffen haben wir schon. Irgendwo muss die Liquidität der ZBs ja bleiben.

“Boomende Märkte nur aufgrund von billigem Geld sind also nicht drin. Ohne optimistische Erwartungen, die von den reinkommenden Fundamentaldaten mittelfristig gerechtfertigt werden, läuft gar nichts.”

Richtig. Mittelfristig werden wir erkennen, ob die Inflationserwartungen sich auch in der Realwirtschaft niederschlagen. Wermuth hat ja gute Beiträge zum Thema negative Zinsen geschrieben. Notfalls muss man halt die schwere Artillerie einsetzen … . Noch sehe ich das aber nicht – und das ist eigentlich Beunruhigende.

Das alles ist nicht in Stein gemeißelt, lasse mich auch überzeugen, aber der Sinn solcher Debatten ist ja einfach etwas zu Ende denken zu können – selbst wenn es sich als falsch herausstellen sollte.

46 Thomas Juni 3, 2009 um 14:44

Zitat: “Es gab ab Ende 2007 nur noch einen Markt mit steigenden Preisen – das waren die Rohstoffe. Ohne fundamentale Basis ist diese Blase natürlich geplatzt”

Man kann m.E. schon auch argumentieren, daß es damals eine fundamentale Basis gab: Der Weltölverbrauch war so groß, daß die Anbieterländer beim besten Willen ihre Kapazitäten nicht mehr ausweiten konnten. Damit gab es eine harte Kapazitätsrestriktion, und so was kann schnell zu enormen Preissprüngen führen (zumal die Marktteilnehmer damals dachten, daß die Nachfrage angesichts der guten Konjunktur noch weiter steigen würde). Ab Mitte 2008 war dann aber plötzlich aus verschiedenen Gründen bei der Nachfrage die Luft raus. Kapazitätsrestriktion war damit urplötzlich weg, und der Preis konnte kollabieren.

47 undertaker Juni 3, 2009 um 18:27

Naja, nimmt man die Great Depression oder die Asienkrise zum Vergleich, dann könnte man sagen, das Geld muss auch in der Realwirtschaft angekommen sein, wenn sich einfach nichts tut. Sonst wäre ein noch viel dramatischerer Einbruch der Preise und Kreditvergabe zu erwarten gewesen, als bisher gesehen.
Die zuerst ansteigenden Rohstoffpreise passen doch auch eigentlich wunderbar in ein Stagflagtionsszenario. Was soll sonst Auslöser für das Durchbrechen der Lohn-Preis-Barriere sein? Völlig richtig, dass diese steigenden Rohstoffpreise anfangs einzig Einkommen und Nachfrage weiter reduzieren. Bis die Arbeitnehmer an den Punkt gelangen, wo sie sagen: Jetzt langt’s! Und auch die Warnung vor drohendem Arbeitsplatzabbau nicht mehr zieht. Wo ist der Unterschied zu den 70ern? Hatten wir damals etwa keine Ölkrise und lief der Ölpreis nicht anfangs der allgemeinen Preisentwicklung voraus?

Noch Kurz ein Wort zu den negativen Zinsen: Ich habe zwar gesagt, dass ich nicht glaube, dass im Moment mit Staatsknete an den Finanzmärkten der große Reibach gemacht wird. Aber Geldpolitik als einziges Stabilisierungsinstument hat langfristig unerwünschte Nebenwirkungen u.a. auf die Einkommensverteilung.
Genau diese Einstellung, man müsste nur richtig an der Zinsschraube, dann regeln die Finanzmärkte schon alles andere von alleine, hat uns erst in diese Krise gebracht. Von daher würde ich den Helikopter, also Abwurf von Geld über der Bevölkerung bzw. den Leuten einfach direkt pro Kopf einen gewissen Betrag auf dem Girokonto gutschreiben, vorziehen. Ob der traditionelle monetäre Transmissionsmechanismus die sinnvolle Verwendung der Gelder in dieser Situation besser sicherstellt, was das einzige Argument für negative Zinsen wäre, muss nämlich stark bezweifelt werden.

48 Zykliker Juni 3, 2009 um 19:11

Nun haben wir ja die Zutaten beieinander, um einen Kuchen gebacken zu kriegen:

1. die Realwirtschaft kollabiert – eine auf der Schuldenwoge der Angelsachsen basierende Jahrzehnte dauernde Sonder-Konjunktur weltweit bricht zusammen; das heilt nicht in Monaten, nicht in Jahren, das dauert länger, da können die Notenbanken/Regierungen noch so viele Billionen neues Geld “drucken”, nütz alles nix, wenn der amerikanische Babyboomer nicht mehr konsumieren kann, weil sich seine Altersvorsorge gerade in Luft auflöst, und er eigentlich wieder anfangen müßte zu sparen, aber erstmal natürlich seine Schulden abstottert.

2. dieser Abschwung ist – betrachtet man das aus der Sicht der Kondratieff-Zyklen – absolut folgerichtig und würde zu einem “Großreinemachen” mit der Chance eines danach folgenden Neuanfangs führen.

3. diese Depression erzeugt Pleiten in einem Ausmaß, das man nur noch mit einer unkontrollierten Kettenreaktion einer Kernschmelze vergleichen könnte; hier greift der Staat zurecht ein, und versucht, den Prozeß so geordnet ablaufen zu lassen, daß für die Gesellschaft als ganzes nicht wieder das Risiko einer Katastrophe wie nach 1933 in Deutschland entsteht. Zumindest billige ich den Politikern – abgesehen mal von Ideologen – eine derartige Absicht zu.

4. diese Interventionen können und sollen den Strukturwandel langfristig nicht verhindern, aber die Menschen haben jetzt Hunger, “langfristig sind wir alle tot.” Also alles in einem Tempo, das die Menschen nicht umbringt, der Fallschirmspringer setzt sich ja auch nicht ungebremst der naturgesetzlichen Schwerkraft aus.

5. eine Pleite von Opel wäre nicht aus einer Schwäche des Unternehmens heraus entstanden, sondern aus der bei einer GM-Pleite notwendigen Abschreibung von konzerninternen Milliardenforderungen ggü der Muttergesellschaft (z.B. aus Konzern-cash-pooling?), zumindest habe ich das so verstanden. In der öffentlichen Debatte wird dann gern der wirkliche Grund der Pleite ignoriert, und nur der ideologische Glaubenssatz der “reinen Le(eh)re hochgehalten.

6. die staatlichen Interventionen haben ihren Preis: aberwitzig hohe Staats-Schulden; diese werden sich irgendwann inflationär auflösen müssen. Da die Realwirtschaft noch lange nicht wieder wachsen kann – aber wenigstens auch nicht weiter im bisherigen Tempo implodiert – geht das Geld zwangsläufig in neue Asset-Blasen. Man kann den Banken auch nicht den Vorwurf machen, sie würden zu wenig Kredite vergeben: sie verhalten sich bei den Konjunkturaussichten und dem Fehlen von entsprechenden Sicherheiten (danke: Heinsohn) absolut risikokonform.

7. daß die großen Vermögen in dieser Depression relativ – nicht komplett – verschont bleiben ( in einem “normalen Kondratieff-Winter” wäre das anders) und schon wieder in Asset-Blasen spekuliert werden kann, ist ein gern gezahlter Preis dafür, daß die Existenz von Millionen von Menschen nicht vollständig vernichtet wird.

49 voodoo Juni 3, 2009 um 19:41

verstehe nicht, wieso opel oder nicht mehr opel irgendeinen einfluss auf die menge der zu produzierenden teile von zulieferern hat !? die produzieren doch für mehrere hersteller, die ohne weiteres die ausfallende prod.kapazität von opel ersetzten ..

50 Michael Juni 3, 2009 um 20:34

@f.luebberding { 03.06.09 at 11:10 }
Wohl wahr, wenn vor Rotterdam 40 Tanker liegen, weil die Tanks einfach voll sind, und nicht entladen werden können und Brasilien neue Riesenlagerstätten aufschließt, sollte man nicht an reale Nachfrage glauben. Der Ölpreis ist zu teuer, selbst wenn ich annähme, dass der Dollar “zu stark” wäre.

Der Anstieg der Preise kann auch durch irgendwelche Termingeschäfte aus dem vergangenen Jahr zu Stande kommen. Denn nicht etwa als Banker würde ich Ölfutures handeln, sondern als Ölmulti. Und bei einem Preis von 146 $/b, wie vergangenes Jahr hätte ich mit Sicherheit eine komplette Jahresproduktion versucht vorwärts zu verkaufen. Ich vermute das ist jetzt sowas wie ein Rückkopplungseffekt. Denn ansonsten wären die Verluste der Futurekäufer ungeheuer hoch. Das wäre nicht schlecht, dann wüßten wir wer die waren, die letztes Jahr die Schweinerei veranstaltet haben, die stünden jetzt vor dem Bankrott, davon würde man hören. Ein Future verpflichtet doch, wenn man ihn niemand anders unterjubeln kann, zur Abnahme der Ware zum vereinbarten Preis und Termin. Somit ist es möglich, daß die Preise steigen. Nur werden sich keine Käufer für die Preise finden, weil die Tanks voll sind. Den verlogenen Finanzminister freuts. Außerdem gibt es Leute, die an Deflation glauben, die lassen sich natürlich so beruhigen. Allerdings kriegt die Konjunktur noch eins drauf. Wenn ich Recht hätte, wäre das sowas wie ein dead cat bonce, da sollten die Preise zum August weiter steigen, um dann abzustürzen. Das Ergebnis wird diesen Herbst präsentiert werden.

51 lemming Juni 4, 2009 um 01:07

@undertaker
Aber Geldpolitik als einziges Stabilisierungsinstument hat langfristig unerwünschte Nebenwirkungen u.a. auf die Einkommensverteilung.
Naja… des einen unerwünschte Nebenwirkungen sind des anderen erwünschte Wirkungen. Da muss man mal wieder differenzieren…

Genau diese Einstellung, man müsste nur richtig an der Zinsschraube, dann regeln die Finanzmärkte schon alles andere von alleine, hat uns erst in diese Krise gebracht. Von daher würde ich den Helikopter, also Abwurf von Geld über der Bevölkerung bzw. den Leuten einfach direkt pro Kopf einen gewissen Betrag auf dem Girokonto gutschreiben, vorziehen.
Das mag VWL-mässig richtig sein, politisch, “volks-psychologisch” wäre das fatal. Es würde nämlich auch dem letzten Trottel klar vor den Kontoauszug führen, dass es nicht etwa nur Arbeit ist, die zu Einkommen führt, sondern dass es da auch noch ganz anders geartete Quellen gibt. Schon darum kommt das gar nicht infrage.
Dafür müsste man schon ein “Umwelt-Girokonto” erfinden, das, so nach “Abwrack-/Umweltprämien-Logik” rechtfertigt, warum da auf einmal ein Guthaben ist, das gar nicht “erarbeitet” wurde.

Die Arbeit ist die Krux, sieht man hier mal wieder. Dieses Wertschöpfungsprinzip hat dieses System geschaffen, und es wird es auch wieder zugrunderichten.

52 Peterle Juni 4, 2009 um 05:38

Im Grunde ist es doch ganz einfach:
Der mangelhafte wirtschaftspolitische Ordnungsrahmen hat bei der Wirtschaft erwartungsgemäß auf direktem Wege zu Herzkammerflimmern geführt und bis wir uns auf einen funktionsfähigen Ordnungsrahmen geeinigt haben (das kann dauern!), oder zumindest bis nach der Wahl, werden – frei nach dem Motto “Kinder und Frauen zuerst” – unsere Banken – und jetzt halt auch Opel – mit Herzmassage behandelt. Karstadt war sowieso hochbetagt, da macht Herzmassage bestimmt eh keinen Sinn mehr. Diese Entscheidung wurde ihnen präsentiert von: Ihr behandelder Arzt(tm).
Die Frage ob ein im Grunde profitables Großunternehmen pleite macht, weil es vom Systemkollaps überrascht wurde, oder ob es operativ aus eigenem Antrieb versagt hat, oder ob das Geschäftsfeld oder -modell einfach veraltet ist und der Laden deshalb weg muss, lässt sich natürlich letztlich objektiv nicht wirklich ergründen.

53 Thomas Juni 4, 2009 um 09:15

Nochmal zum Ölpreisanstieg:

“a leading energy analyst found strong evidence that the run-up in oil prices in recent weeks stemmed from stockpiling, or hoarding, by the Chinese. Neil McMahon of Bernstein Research concluded that the rise ‘reflects not strengthening demand, but rather China’s efforts to boost its strategic petroleum reserve.”

Quelle: http://www.huffingtonpost.com/michael-j-panzner/holes-in-the-china-recove_b_211054.html

54 bismodo Juni 4, 2009 um 11:06

zu @ Zykliker # 48

“3. diese Depression erzeugt Pleiten in einem Ausmaß, das man nur noch mit einer unkontrollierten Kettenreaktion einer Kernschmelze vergleichen könnte; hier greift der Staat zurecht ein, und versucht, den Prozeß so geordnet ablaufen zu lassen, daß für die Gesellschaft als ganzes nicht wieder das Risiko einer Katastrophe wie nach 1933 in Deutschland entsteht. Zumindest billige ich den Politikern – abgesehen mal von Ideologen – eine derartige Absicht zu.”

“hier greift der Staat zurecht ein” sagst Du
+
“billige ich den Politikern – abgesehen mal von Ideologen – eine derartige Absicht zu.”

So?

Sie kurbeln das Finanzmarkt-Kasino wieder an, das wegen fehlender Schuldner zusammengekracht IST. Und yuppieee! liefern die Politiker den Staat als neuen Schuldner, und hurraahhh! läuft das Kasino wieder an. Auf Kosten der produzierenden (‘Real’-)wirtschaft.und auf Kosten der Allgemeinheit.

Was als “systemrelevant” bezeichnet wird, ist NUR und AUSSCHLIESSLICH relevant fürs Kasino und für all die, die davon abhängen und davon profitieren. Für niemand sonst, im Gegenteil.

Ich, für mein Teil, unterstelle den Politikern DIESE Absicht – und in der Tat: alle Ideologien eingeschlossen.

55 Zykliker Juni 4, 2009 um 12:28

@bismodo

“Sie kurbeln das Finanzmarkt-Kasino wieder an…”

das ist eine zwar nicht erwünschte, aber leider unvermeidliche Nebenwirkung; ähnlich der bei einer Organtransplantation notwendigen Unterdrückung des Immunsystems.

Was wäre die Alternative? Daß wie in den 30ern die Realwirtschaft dominoartig in einem Ausmaß kollabiert, daß wir uns in der konkreten Barbarei wiederfinden. Wem das lieber ist, nur um der reinen Le(eh)re willen, oder weil er aus moralischen Gründen das dekadente Gambling verurteilt….

Machen wir uns doch nichts vor: unsere konkrete Erfahrung vom Wirtschaften kennt keinen Kondratieff-Winter; deshalb neigen wir dazu, diese Implosion und ihre Folgen zu verniedlichen.

Ich gestehe zu, daß mit uns als Beteiligten eine grandioser Versuch mit ungewissem Ausgang abläuft, und daß da natürlich unterschiedliche Perspektiven zu unterschiedlichen Meinungen führen. Aus meiner Sicht ist der Versuch, über den zeitweisen Erhalt von Arbeitsplätzen Zeit zu kaufen, ohne Alternative.

56 keiner Juni 4, 2009 um 13:34

Hübscher Vergleich, mit der Organtransplantation und den Immunsuppressiva. Die müssen bis zum Tod genommen werden. Wann ist der Staat tot? Meinhard Miegel meint: 2015…

57 bismodo Juni 4, 2009 um 13:42

@ Zykliker # 55

Oh, Mann !

“alternativlos” den Karren weiter in den Dreck zwingen; “alternativlos” nach all den Alternativen, die hier im Laufe der Zeit diskutiert worden sind…; “alternativlos” in die Diktatur:

ich fasse es nicht !

Die Behauptung, etwas sei “alternativlos”, ist vielleicht die grösste Lüge, die Politnutten bei ihren VERBRECHEN vom Stapel lassen

58 Zykliker Juni 4, 2009 um 15:34

““alternativlos” nach all den Alternativen, die hier im Laufe der Zeit diskutiert worden sind…; ”

Ja, ich diskutiere auch immer am Stammtisch, daß “Meniskus 04″ endlich Deutscher Meister werden und natürlich immer bleiben muß; “wann wirds mal wieder richtig, Sommer, und Schuld daran ist nur die SPD”; Verdammte Realität…..

“das Sein bestimmt das Bewußtsein…..”

im nächsten Leben werde ich auch Revolutionär (am Stammtisch), da zeige ich den Polit-Nutten aber, wo der Hammer hängt… bis dahin “Süße Träume!”

59 bismodo Juni 4, 2009 um 15:46

@ Zy…

ich mache einen grossen Unterschied zwischen Arbeitsverweigerung und Politik, zwischen Politnutten und Politikern… nur fallen mir spontan immer nur die ersteren ein, und wenn ich dann nachgrüble, komm ich bei den zweiten auch immer nur auf ne (ganz kleine) handvoll. Das sind übrigens Leute, die NIE von “alternativlos” und ähnlichen Blödheiten schwafeln: ist doch logisch !

Kleine Frage: zufällig selbst ne Politnutte, der ich auf den Schlips getreten bin?

60 Andreas Kreuz Juni 4, 2009 um 17:08
61 Zykliker Juni 4, 2009 um 17:38

nö, nur Realist; das Durchdeklinieren von revolutionären Alternativen war seit der Absurdität der RAF-Aktivitäten abgehakt; und als 1989 die Weltverbesserungs-Religion aufgeben mußte…..(armer Marx).

Nichtrevolutionäre Alternativen laufen entweder ins Leere (z.B. die Grüne Fundamentalopposition) oder brauchen einen sehr langen Atem, bis sie im politischen Bewußtsein so angekommen sind, daß sie Nutzen stiften können (und schon wieder fällt mir der Lord ein: “langfristig sind wir alle…..” verhungert)

Eigentlich schade, ich hatte nur die Intention von Lübberdings Artikel nochmal in einfach strukturierten Worten für mich einfaches Mensch vom Lande mitmeisseln wollen… und beobachte u.a.:

Da sind zum einen die Korinthenkacker, die sich an Nebensächlichkeiten aufgeilen, und zum anderen die Krawallmacher, deren Realitätswahrnehmung leider durch Wunschdenken, ich sag mal, unvollständig zu sein scheint.

@Andreas Kreuz, danke für den Link, werde ich aufmerksam lesen.

Kleiner Vorschlag zur Güte: Da wir ja wissen, wie mans besser machen kann (ich hab ja hier auch schon Vorschläge formuliert), könnten wir doch das Volk auflösen und uns ein neues wählen. Das hat dann die Politiker in Amt und Würden zu bringen, die nur noch dem Wohle des Volkes zu dienen…..

62 undertaker Juni 4, 2009 um 19:46

@Lemming:

“Es würde nämlich auch dem letzten Trottel klar vor den Kontoauszug führen, dass es nicht etwa nur Arbeit ist, die zu Einkommen führt, sondern dass es da auch noch ganz anders geartete Quellen gibt. Schon darum kommt das gar nicht infrage.”

Die Amis haben das doch mit ihren Steuerschecks schon längst gemacht. Und ja, seitdem hat dort auch der letzte Trottel begriffen, dass man mehr konsumieren als selbst erarbeiten kann. Fürs Arbeiten gibt’s ja die fleißigen, aber dummen Deutschen und Japaner…

“And I say to myself, what a wonderful world!”

63 Zecke Juni 8, 2009 um 19:04
64 keiner Juni 8, 2009 um 19:08

Ich war schneller, nur im FDP-Koch Fred :-p

65 Zecke Juni 8, 2009 um 19:20

Hab ich gesehen. War hier als abschließender Beitrag zu den unseligen Forderungen nach Corporate Welfare und für alle vermeintlichen und selbstverständlich wohlmeinenden Opelarbeitsplatzretter – enjoy the show, because it’s your show.

66 Zecke Juni 9, 2009 um 16:04

#33

“Stiglitz nennt diese Form des risikolosen Grundeinkommens übrigens Corporate Welfarism. Kein Sozialismus, wie in den USA mit der Verstaatlichung von GM, nix mit soziale Marktwirtschaft. Vielleicht finden wir ja noch ein schönes deutsches Wort.”

Peter Sloterdijk wagt einen Versuch. Leider ist es kein Wort sondern ein Satz, außerdem kommt das Wort “Wirtschaft” drin vor. Aber immerhin, ein Anfang ist gemacht. Im Appetithäppchen für seinen morgen erscheinden Beitrag in der Kapitalismusreihe wird Sloterdijk zitiert:

„Wir leben gegenwärtig keineswegs ,im Kapitalismus’ – wie eine so gedankenlose wie hysterische Rhetorik neuerdings wieder suggeriert -, sondern in einer Ordnung der Dinge, die man cum grano salis als einen massenmedial animierten, steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage definieren muss.“

Ausbaufähig würde ich sagen, vielleicht geht es ja noch etwas griffiger. Aber da uns die Krise b.a.w. erhalten bleibt, kann man wenigstens in dieser Hinsicht zuversichtlich sein.

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