Dass ich das noch erleben darf!

by weissgarnix on 12. Mai 2009

Ich kann es nicht glauben. Als Aufmacher im Kampfblatt der selbsternannten Leistungsträger und Geschmacksbürger (naja, zumindest in der Online-Ausgabe):

Nein, ich war's nicht!

Dazu aus dem Text:

“In kaum einem anderen Land müssen Geringverdiener so viele Steuern und Abgaben zahlen wie in Deutschland. Das geht aus der Studie „Taxing Wages“ (Die Besteuerung der Einkommen) hervor, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) erstellte.”

“Ebenfalls bringt die Studie eine Besonderheit des deutschen Steuersystems ans Licht: Anders als die progressive Einkommensteuer es vermuten lässt, sinkt in Deutschland die Belastung wieder, wenn eine bestimmte Einkommensschwelle überschritten ist. So fallen bei einem Jahresgehalt von 63.000 Euro mit 53,7 Prozent die höchsten Abzüge durch Steuern und Sozialbeiträge an.”

Da lacht der Hausverstand.

Um eventuell aufkommenden Gerüchten vorzubeugen: Nein, ich schreibe neuerdings nicht auch noch zusätzlich für die WELT.

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Erlkoenig » Die Geringverdiener der Welt-Online
28. Juli 2009 um 22:00

{ 246 comments… read them below or add one }

1 bilbo 12. Mai 2009 um 11:37

“Ebenfalls bringt die Studie eine Besonderheit des deutschen Steuersystems ans Licht: Anders als die progressive Einkommensteuer es vermuten lässt, sinkt in Deutschland die Belastung wieder, wenn eine bestimmte Einkommensschwelle überschritten ist. So fallen bei einem Jahresgehalt von 63.000 Euro mit 53,7 Prozent die höchsten Abzüge durch Steuern und Sozialbeiträge an.”

Das ist allerdings keine Besondernheit des deutschen Steuersystems, sondern der gedeckelten Sozialabgaben. Wie wurden die eigentlich berechnet? Unter Einbeziehung des Arbeitgeberanteils oder ohne? Wie bei den Selbständigen oder den Angestellten mit privater Krankenvorsorge?

Hat jemand einen Link zu der OECD-Studie, wo die das möglicherweise erklären?

2 Marc 12. Mai 2009 um 11:45

Hier gehts zur OECD-Studie

3 HAM 12. Mai 2009 um 11:48

DEUTSCHE BILDUNGSKATASTROPHE

Auf logische Konsistenz braucht eine WELT-Redakteur offensichtlich nicht zu achten.

Da steht:

„Deutsche Geringverdiener tragen höchste Last“

Und später:

„So fallen bei einem Jahresgehalt von 63.000 Euro mit 53,7 Prozent die höchsten Abzüge durch Steuern und Sozialbeiträge an.“

63.000 € – ist das die soziale Schicht der Geringverdiener?

Richtig wäre doch:
Deutsche Mittelschicht trägt die größte Last.

4 weissgarnix 12. Mai 2009 um 12:08

@HAM

Das siehst du ganz falsch. Warum liest du nicht meine früheren Beiträge genauer? – Die Leistungsträger der WELT betrachten nur Einkommensbezieher ab 125.000 als solche. Mit 63.000 Mücken magst du zwar weit über dem deutschen Durchschnitt liegen, bist aber aus der Sicht der Elite trotzdem nur ein “Geringverdiener”.

Ist dir das jetzt endlich klar?!

:-)

5 weissgarnix 12. Mai 2009 um 12:17

@Marc – Danke für den Link.

Was mir in den XL-Tabellen auf der OECD-website sofort ins Auge sticht: die angeblich “sozialistischen” Skandinavier sind bei der Gesamtbelastung weit hinter Deutschland. Sie haben also offenbar eine höhere Lebensqualität (wenn man diversen Studien glauben darf) und eine höhere soziale Sicherheit, bei gleichzeitig niedrigerer Abgabenbelastung.

Das halte ich für bemerkenswert. Nicht, dass man daraus jetzt die ganz großen Schlußfolgerungen ziehen sollte, aber immerhin: das sollte man sich vielleicht mal genauer ansehen.

6 HAM 12. Mai 2009 um 12:18

@weissgarnix #4

Danke für den Hinweis!

Das mag wohl auch der Grund sein, dass mein gleichlautender Kommentar zwar zunächst im Thread der WELT erschienen war, aber nach wenigen Minuten wieder verschwunden war.
:-D

7 Watawah 12. Mai 2009 um 12:20

@ weissgarnix

Warum sollte man daraus nicht die “ganz großen Schlußfolgerungen” ziehen.

Mir würden die sehr gefallen…

8 staph.aureus 12. Mai 2009 um 12:22

Gestern in der WELT:
“Krise kostete Durchschnitts-Haushalt 4000 EUR”

Heute in der WELT:
Aus der Sicht eines WELT-Redakteurs ist der “Alleinstehende, der 67 Prozent des deutschen Durchschnittsgehalts in Höhe von 44.000 Euro verdient”, ein GERINGVERDIENER , der 47.3 % Steuern und Abgaben zahlt, also mit monatlichem Brutto EUR 2444,- .

Man scheint ein fettes Wohlleben in der Redaktion Hamburg zu haben, im Durchschnitt.

9 weissgarnix 12. Mai 2009 um 12:28

@Watawah

Weil man sich dafür das komplette Bild ansehen muß, inkl. Unternehmenssteuern, Struktur der Volskwirtschaft etc

10 staph.aureus 12. Mai 2009 um 12:30

Und was wird die WELT-Redaktion als politische Konsequenz fordern ? Mit Angela Merkel die Steuern senken, als Vorbild nehmen die Staatswesen von:

? United Kingdom 29.7 %
oder
? Island 23.7 %

(Oder wie wär´s mit Mexiko, 10.9 % für `Geringverdiener´ und 20.6 % für Reiche ?)

Im übrigen vergleicht die OECD Äpfel mit Birnen.
Die in anderen Ländern notwendige Eigenleistung für Privatrente und Eigenanteil im Gesundheitswesen bleibt unberücksichtigt, ebenso die im EU-Umfeld teilweise höhere Umsatzsteuer.

11 Zykliker 12. Mai 2009 um 12:33

Da aber auch die “Welt” nicht nur von den >125K-Verdienern leben kann, muss es unter ihren Lesern jede Menge Jünger geben, die gerne dazugehören möchten.

Das funktioniert dann wie bei dem Hundchen, das für sein Herrchen bellt, oder beim Fußballfan, der seinem Verein loyal ergeben ist, Überzeugungsjubler beim Parteitag…

Diese Klientel zu Geringverdienern herabzuwürdigen, ist eigentlich ein geschäftsschädigender Freudscher Lapsus, aber wirklichen Untertanen ist doch keine Zumutung groß genug, nicht wahr.

12 froZ 12. Mai 2009 um 12:36

Was aus dem “Welt”-Beitrag auch hervorgeht: Vergleichsweise stark belastet sind Alleinstehende und Doppelverdiener-Ehepaare, vergleichsweise wenig belastet sind Ehepaare mit Alleinverdienermodell. – Die dadurch geschaffenen Anreize haben Konsequenzen. Unter anderem deshalb ist die Lücke zwischen durchschnittlichen Bruttoeinkommen von Männern und Frauen in D so hoch wie nirgends sonst in der EU 27 (mit Ausnahme Zyperns).

13 egghat 12. Mai 2009 um 12:40

Also dass die prozentuale Belastung der Spitzenverdiener sinkt, ist doch bekannt. Erstens ist der Spitzensteuersatz gesenkt worden (wenn auch teilweise zurückgenommen), zweitens sind die Spitzenverdiener meistens nicht Mitglied in den anderen Umverteilungssystemen (Arbeitslosenversicherung, gesetzliche Krankenkasse) und drittens haben die Spitzenverdiener fantastische Steuersparmöglichkeiten, die man nur nutzen kann, wenn man ziemlich sicher über ziemlich viel Geld verfügt. Denn dann kann man sein Geld für 15 Jahre in Windkraftanlagen oder Containerschiffe stecken.

Also der Teil ist nicht neu, wenn auch nicht soooo bekannt, wie er sollte.

Das mit Skandinavien habe ich auch schon häufig in Diskussionen eingesetzt. Denn die dortigen, auf dem Papier hohen Steuersätze relativieren sich, wenn man berücksichtigt, dass da Krankenkasse etc. drin sind. Und es kann gut sein, dass in Skandinavien eine Familie mit zwei Kindern weniger an den Staat abgibt als in Deutschland. Vor allem wenn man in Deutschland Kindergartengebühren und so ein paar Kleinigkeiten mit reinrechnet.

In Diskussionen haben Politiker dieses Problem auch immer verstanden. Aber mit einer Senkung des Spitzensteuersatzes von 45 auf 42% (das sind schnell Tausende pro Jahr) gibt es dann eine Kindergelderhöhung um 10 Euro (lächerlich).

Aber wir diskutieren eh viel zu viel und viel zu detailliert über das Steuersystem. Das Gesundheitssystem mit der völlig unlogischen (und unsolidarischen) Trennung in privat und gesetzlich ist wahrscheinlich für 5% weniger Sozialabgaben der Spitzenverdiener und 5% mehr für die Schlechtverdienenden verantwortlich.

14 Johannes 12. Mai 2009 um 12:42

“Die höchste Last” im Titel bezieht sich nicht auf die “Geringverdiener” mit 40000 gegenüber den “Normalverdienern” mit 120000, sondern auf die deutschen Geringverdiener mit <24000 (oder was auch immer) gegenüber den Geringverdienern in den anderen OECD- Staaten.

15 HAM 12. Mai 2009 um 12:43

@ wgn

Zwischen den „Leistungsträgern der WELT“, also den Einkommensbezieher ab 125.000, und jenen, die gerade ´mal auf 63.000 Mücken kommen, dürften nur rund 3% der Einkommen liegen.

Oder?

„In Deutschland verdienen demnach etwa 95% der Menschen weniger als 52.293 Euro.“
http://blog.seibert-media.net/2005/11/trends/einkommensverteilung-in-deutschland/

16 Nanuk 12. Mai 2009 um 12:48

Ich wuste garnicht das ich ein Armutsgelübte abgelegt habe…

17 staph.aureus 12. Mai 2009 um 12:49

“fantastische Steuersparmöglichkeiten… Windkraftanlagen oder Containerschiffe”

Die gewünschten Verlustzuweisungen werden in der Krise ausgeteilt. Hamburger Tonnagesteuerzahler spüren es.

18 staph.aureus 12. Mai 2009 um 12:50

@nanuk:
http://www.welt.de/politik/article3719810/Wer-reich-ist-kann-auf-Geld-und-Erfolg-verzichten.html

“Reichtum ist kein Wert an sich. Er ist nur ein profaner, äußerlicher Schein. Auf WELT ONLINE erklärt Benediktinerpartner Anselm Grün, dass der wahre Schatz in der Seele und nicht im Geldbeutel sitzt. Auch wenn die Bibel das anders sieht. Wirklich reich ist der, der innere Werte besitzt. Nur so ist innere Ruhe zu haben.”

19 goodnight 12. Mai 2009 um 12:56

Nope.
Und Ihr nennt Euch Ökonomen….. Gutenberg hilf….also:
Yep, einer muss zahlen. Punkt.
Also, wen lassen wir zahlen? Die “Starken” müssen die “Schwachen” unterstützen, sagt Lübberdings Partei und nope, das ist nicht qualitativ, sondern quantitiv gemeint, weil, yep, Ihr habt es mal wieder vergessen: Wir leben in einer Demokratie, und da geht es um Menschen, und zwar um die Anzahl der Menschen. Ergo: Einige Millionäre können das garnicht zahlen, was da zu zahlen ist für die Schwachen. Nope, das können nur ganz viele. Und ganz viele sind dann IMMER die Geringverdiener. Yep, natürlich könne man jetzt aus den Geringverdienern ganz viele Top-verdiener machen, aber dann sind die die Mehrheit und müssten dann wiederum am höchsten belastet werden…whatever, in der Demokratie kommste da nicht raus.
Der einzige Weg wäre, wenn die Starken nicht mehr die Schwachen tragen, so wie in der USA ;-) , nope, geht leider nicht, weil wir ja schon per Gesetz schon ca. eine Anteil on ca. 50% Schwachen haben, d.h. Rentner (25%), Kinder (20%) und andere (10%)….also zu viele. Nun versucht man die ja jetzt zu reduzieren, also die Kinder (weniger Geburten) und die Rentner (höheres Eintritttsalter ;-) ), aber nope, das reicht nicht. Wir werden wohl nicht herumkommen, dass die Starken nicht mehr so tragen….um es mal diplomatisch zu sagen ;-) .
Yep, einige werden jetzt wieder behaupten, man müsse ja garnix gegenfinanzieren und so, das geld liegt auf der Straße bzw. geld brauch man garnicht…..nope, sage ich da, noch haben wir die Buchhaltung ;-) … da geht noch kein Weg dran vorbei.

Also, wer weniger Abgaben will, der soll sagen wo das Geld herkommen soll..und zwar die Summe von 80 Mrd. plus. Und da das keiner beantworten will oder kann, ist das alles hier irgendwie sowas von egal … bzw. reine Unterhaltung….und deshalb ist es ja auch bei Springer gelandet ;-)

“Men fear most what they cannot see.”
henri (batmen begins)

20 Nanuk 12. Mai 2009 um 13:00

Ja wohl meine Damen und Herren zurück in die verlogenheit des Victorianischen Zeitalters. Können wir Oscar Wilde schon wieder ausbudeln?

“Ach, heutzutage sind wir alle so verarmt, dass das einzige, was wir geben können, Komplimente sind.”
Oscar Wilde

21 bluedet 12. Mai 2009 um 13:05

Die höchste Belastung mit Steuern und Sozialabgaben bei 63 000 € gilt nur für gesetzlich oder freiwillig kranken- und Rentenversicherte. Drum flüchten viele in die private Krankenversicherung.

22 staph.aureus 12. Mai 2009 um 13:11

Auf BILD geht die Kampagne weiter:

http://www.bild.de/BILD/politik/wirtschaft/2009/05/12/oecd-studie-abgabenlast/steuern-sozialabgaben-fuer-geringverdiener-auf-rekordhoehe.html

“DER KLEINE IST DER DUMME”
Geringverdiener in Deutschland zahlen Rekordabgaben

“Brauchen wir eine neue Steuerreform? Diskutieren Sie mit! “

23 HAM 12. Mai 2009 um 13:25

@ bluedet #21
„Die höchste Belastung mit Steuern und Sozialabgaben bei 63 000 € gilt nur für gesetzlich oder freiwillig kranken- und Rentenversicherte. Drum flüchten viele in die private Krankenversicherung.“

In Deutschland flüchten gar nicht so viele in die private Krankenversicherung, denn es gibt nur ca. 1% “echte” Privatversicherte. 90% der 10% Privatversicherten sind beihilfeberechtigte Beamte.

Dass es mit 1% nur so wenige Privatversicherte gibt, hat m. E. diese drei Gründe:

1. Die Krankenversicherungspflichtgrenze für das Jahr 2009 beträgt 48.600 Euro.

2. Die Gesetzliche Krankenversicherung ist eine „Familienversicherung“. Wenn die Ehefrau über kein eigenes Erwerbseinkommen verfügt, ist eine freiwillige Versicherung bei der GKV meist billiger als 2 private Versicherungsverträge bei der PKV. Der Kostenvorteil bei der GKV wird mit jedem Kind größer.

3. Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass die PKV im Alter eine sehr teure Angelegenheit ist. Da lohnt sich eher eine private Zusatzversicherung zur GKV.

24 Thomas 12. Mai 2009 um 13:32

Zur auf den ersten Blick niedrigeren Abgabenbelastung in Skandinavien:

In Dänemark ist die MwSt 25 % auf alles.

Bei uns sind es 19 % (bzw sogar nur 7 % auf Lebensmittel, Bücher, usw).

Gerade für Niedrigverdiener, die ihr Geld vor allem im Inland und zu einem relativ großen Teil für Lebensmittel ausgeben, macht das schon einen Unterschied.

25 HAM 12. Mai 2009 um 13:33

@ staph.aureus

Die Springer-Kampagne in BILD, WELT etc. “DER KLEINE IST DER DUMME” wendet sich an den dummen Kleinen:

Er soll glauben, wenn er die FDP wählt, werden durch Steuersenkungen seine Abgaben geringer. Auch Ex-FDJ-Angela hat schon Steuersenkungen gefordert.

26 Thomas 12. Mai 2009 um 13:37

@HAM:

Zitat: “90% der 10% Privatversicherten sind beihilfeberechtigte Beamte”

Der Verband der Privaten Krankenversicherer behauptet, daß etwas mehr als die Hälfte der privat Vollversicherten nicht beihilfeberechtigt sind. Das wären dann immerhin knapp 6 % der deutschen Bevölkerung (insgesamt sind ca. 11 % privat versichert).

http://www.pkv.de/zahlen/zahlenbericht_2007_2008.pdf

27 SQN 12. Mai 2009 um 13:39

@ 15 HAM

wow – dann gehöre ich ja, offiziell, zu den 5% Topverdienern. Wenngleich ich das so nicht glauben kann; allein die hunderttausende Lehrer, die A12 oder A13 beziehen, liegen über dieser Schwelle; ebenso ein Großteil der Bundes- und Landesbeamtenschaft.

Zudem ist dies sowieso immer eine Milchmädchenrechnung, da die Besteuerung von Alleinverdienern, Verheirateten und Familien sich drastisch unterscheidet. Was von der Bruttolohnbetrachtung übrig bleibt, ist demnach die andere Seite der Medallie.

Und überhaupt: der Fokus liegt immer auf dem Arbeitseinkommen, nie auf den Kapitaleinkünften und den Vermögen.

@ staph.aureus (10)

“im übrigen vergleicht die OECD Äpfel mit Birnen.
Die in anderen Ländern notwendige Eigenleistung für Privatrente und Eigenanteil im Gesundheitswesen bleibt unberücksichtigt, ebenso die im EU-Umfeld teilweise höhere Umsatzsteuer.”

Das lässt sich natürlich nie ganz vermeiden – wenn man sich davon beschränken lässt, kann man nie sinnvoll verlgeichen.
Umgekehrt wird natürlich ein Schuh draus: in Skandinavien und in UK (beispielsweise) sind die Gesundheitskosten auch in den Abgaben enthalten; und trotzdem ist die Belastung geringer.

Im Prinzip müsste man aber Abgaben und Leistungen gegenüberstellen – dann hätte man bessere Transparenz

@ goodnight (19)

vollkommen richtig – irgendwie müsste eine Absenkung der Abgabenlast für Gering- und Mittelverdiener gegenfinanziert werden (Laffer is wrong!). Aber so schwer kann das doch nicht sein.

Ansatz 1: Warum wird Lohneinkommen stärker belastet, als Kapitaleinkommen – Anhebung der Abgeltungssteuer auf den Spitzensteuersatz; signifikante Erhöhung der Erbschaftssteuer; Wiedereinführung der Steuer auf Veräußerungsgewinne; Anheben der Unternehmenssteuern
(bei gleichzeitig: Steuerpflicht für alle deutschen juristischen Personen weltweit, à la USA; Einführen eines deutschen “IRS”)

Ansatz 2: wie von WGN schon vorgeschlagen – Steuerfinanzierung aller Sozialleistungen (Gesundheitswesen, Arbeitslosenversicherung und Rentenversicherung)

Ansatz 3: Vermögenssteuer

Je nachdem, wie radikal man diese Ansätze verfolgen würde (und ich bin überzeugt, dass man sie in einer Form umsetzen könnte, ohne dass das Abendland zusammenbricht und alle “Leistungsträger” nach Singapur und Dubai auswandern) könnte man Einkommen bis 30 TEUR womöglich komplett Abgabenfrei stellen. Das wäre doch mal was: 60% der Erwerbstätigen zahlen keine Steuern :-)

Ob das Utopie ist, sollen die Erbsenzähler und Buchhalter berechnen – wobei die wahrscheinlich eh wieder alles kaputtreden und unterstellen, die Anreize wären dann komplett verzerrt… was sie heute ja nicht sind

“honi soit qui mal y pense”
King Edward III

28 Thomas 12. Mai 2009 um 13:53

@SQN bzw. HAM:

HAM’s Link ist aus 2005, bezieht sich also auf Einkommen aus 2003 oder 2004. Da kann man demnach schon ca. 10 % für Gehaltserhöhungen bis 2009 draufschlagen.

Hinzu kommt: Es geht zum das zu versteuernde Einkommen. Das ist nicht das gleiche wie das Bruttoeinkommen, sondern ein geringerer Betrag.

29 Martin 12. Mai 2009 um 14:08

Dass die Geringverdiener die höchste Last tragen ist eh grottenfalsch. Der Rest (%uale Belastung der Einkommen) ist trivial für jeden, der ein bisschen rechnen kann. Zur Gesamtsteuerlast gehört aber ein bisschen mehr; oder waren die ca. 10.000€, Mehrwertsteuer für den Neuwagen Scheinabgaben?

Diese Trivialmeldungen sind gut für die Dummen, und auf die scheint so manche Partei zu hoffen.

30 HAM 12. Mai 2009 um 14:29

@ Thomas #26
„Der Verband der Privaten Krankenversicherer behauptet, daß etwas mehr als die Hälfte der privat Vollversicherten nicht beihilfeberechtigt sind. Das wären dann immerhin knapp 6 % der deutschen Bevölkerung (insgesamt sind ca. 11 % privat versichert).“

Es scheint, dass es große Veränderungen in der Mitgliederstruktur der PKV gegeben hat. Die Zahl, welche ich genannt habe (90%), stammt aus älteren Publikationen.
Der Anteil der Privatversicherten (ca. 10%) ist konstant geblieben, während sich die Zusammensetzung der Mitgliederstruktur offensichtlich verändert hat.

Welche Faktoren da ausschlaggebend waren, wäre interessant.

In dem von Dir verlinkten Bericht heißt es lapidar:
„Die Zusammensetzung des Versichertenbestandes kann man nur untergliedern in Personen, die beihilfeberechtigt sind, und die, die nicht beihilfeberechtigt sind. Beihilfeberechtigt sind in erster Linie Beamte und ihre Familienangehörigen ohne eigenes Einkommen. Eine weitere Aufgliederung ist nicht möglich.“

Danke für Deinen Hinweis!

31 goodnight 12. Mai 2009 um 14:36

@SQN

“Ansatz 1: Warum wird Lohneinkommen stärker belastet, als Kapitaleinkommen”

=>Nope, weil economics of scale ;-) , d.h. da kommt doch nix zusammen, außer man besteuert die Unternehmen, Erben etc. mit 80%. Und dann haben wir Sozialismus….und dann sinkt die Leistung….und damit die belastbaren Erträge etc. etc.

“Ansatz 2: wie von WGN schon vorgeschlagen – Steuerfinanzierung aller Sozialleistungen”

=>Nope, weil dann liegen wir bei einem durchschnittlichen Steuersatz von 50%. Es ist völlig egal, wie der Bürger die Sozialausgaben finanziert, ob über Steuern oder Sozialabgaben, solange die da sind, müssen die beazhlt werden.

“Ansatz 3: Vermögenssteuer”

=>Nope, siehe Ansatz 1, d.h. auch hier müssen wir dann so belasten, dass sich der Aufbau von Vermögen nicht mehr lohnt.

Whatever, der Zug geht in die ganz andere Richtung, d.h. wir werden die Durchschnittsverdiener noch viel mehr belasten müssen, weil der Rentenhammer kommt erst noch, d.h. in den nächsten 15 jahren gehen die Geburtenstarken jahrgänge in Rente bei gleichzeitigen Absinken der Anzahl junger Menschen….ups. Bald haben wir 30% Rentner….und wer mal nachrechnet, was die Riester-Selbstversorgungs-Rente für eine Belastung bedeutet, d.h. ca. 100-300 Euro jeden Monat….yep, dann sind wir schon weit über 60% Belastung für Geringerverdiener …..weil die Riester-Rente ist ja der trick des Staates eine drastische Erhöhung der Sozialabgaben als “Eigenvorsorge” zu deklarieren…nur leider sind 95% geringverdiener in Deutscheland zu blöde, das zu kapieren…und haben es deshalb nicht besser verdient….egal, die zahlen ja auch Umweltsteuer auf Benzin, die direkt zu Oma und Opa geht….ist ja auch irgendwie Umwelt….etc. etc.

Whatever….lustig, hier in DeutscheLand, immer schreien und rufen: Warum nur, warum, werden die Steuern, die Krankenkassenbeiträge und die Rentenbeiträge und die Pflegeversicherungsbeiträge jedes Jahr erhöht und zugleich jedes Jahr bei Bildung und Arbeitslosen und Infrastruktur gesparrt? Warum nur, warum? Jedes Woche einmal so ne Diskussion bei WGN, jedesmal. Nope, und wenn man die Antwort gibt, dann halten sich alle die Ohren zu….also, bis nächste Woche ;-)

“Everybody’s got to die. Nobody’s got to give up! ”
Sam (the last hard man)

32 Perpetuarius 12. Mai 2009 um 14:39

Mir wäre es sympathischer, wenn wir öffentlichen Reichtum hätten, sprich: Kostenfreier Zugang zu Bildung, geringe Kostenanteile für Kultur und Sport, Vergesellschaftung aller für das Überleben notwendigen Bereiche (Medizin, Wasserversorgung, Energieversorgung, Entsorgung, etc., Nah- und Fernverkehr) in kleineren Gesellschaften, die untereinander im Wettbewerb stehen sollen.

Steuerfinanzierung aller Soziallasten, und Besteuerung von weltweiten Einkünften aus allen Quellen.

Ich gehöre auch den den 5% Bestverdienern und mir wird schlecht, wenn ich sehe, wie die Menschen in diesem Land vor die Hunde gehen, wenn sie erst Mal auf HARTZ IV sind.

Bäder werden geschlossen, die Mitarbeiter in eine Transfergesellschaft ausgelagert und damit so gut wie chancenlos gemacht.

Mit dem Zurückdrehen der Globaliserung und der Entmystifizierung der Kapitalgötzen bietet sich eine echte Chance, dass Ruder herumzureißen.
Ein Modell “Volksheim” ist mir allemal sympathischer und erstrebenswerter, als die Brasilianisierung, auf die wie zusteuern.

Ich habe nichts gegen privaten Reichtum, aber ein daraus abzuleiten, dies sein das maßgebende Ziel für alle “Marktteilnehmer” ist einfach blödsinning und nicht an den Problemen orientiert, die wir haben.

Fragt sich, wie wir die Umverteilung organisieren, wenn es nur noch qualitatives und kein quantitatives Wachstum mehr gibt.

P.

33 pescobar 12. Mai 2009 um 14:55

hartz-IV-leute zahlen keine steuern!

34 Watawah 12. Mai 2009 um 14:58

Nee, aber 7 bzw. 19 % MwSt. – die 7% für die meisten Lebensmittel und die 19 % für z. B. Windeln.

35 Watawah 12. Mai 2009 um 15:01

# 34 sollte heißen:

Nee, keine Einkommensteuer, aber….

36 lemming 12. Mai 2009 um 15:23

@goodnight goes INSM (#31)
Und dann haben wir Sozialismus….und dann sinkt die Leistung….und damit die belastbaren Erträge etc. etc.
Kapital- und Arbeitseinkommen einer gleichen Steuerquote unterziehen, Sozialismus zu nennen, das hat bisher nichtmal die INSM-Propaganda sich getraut. Bei diesem Punkt werden üblicherweise “Heuschrecken” und “Haifische” zu “scheuen Rehen”…

Es ist völlig egal, wie der Bürger die Sozialausgaben finanziert, ob über Steuern oder Sozialabgaben, solange die da sind, müssen die beazhlt werden.
Das ist nur dann egal, wenn ich von “man”, von “dem” Bürger rede. Es ist NICHT egal, wenn ich sage, von welchen Bürgern und vor allem aus welchen Einkommen.

d.h. wir werden die Durchschnittsverdiener noch viel mehr belasten müssen,
Wer ist hier “wir”? Ansonsten: da ist nicht mehr viel mehr zu belasten, denn sonst sinken, ganz nach der unter Pkt.1 genannten Logik, nämlich auch hier die Erträge.
Was “oben” über Zins- und Kapitaleinkünfte entnommen wird, muss unten, beim Verbrauch, wieder eingebracht werden. Passiert dies nicht, gibt’s Blasen, Krisen, Schrumpfungsspiralen. Passiert es aber, ist auch die Finanzierung der Rentner gar kein Problem.

Nach goodnightscher Systemdiktion: Wird einer immer größer werdenden Zahl von Teilnehmern die Zahlungsfähigkeit entzogen, sondern diese dahin umgeleitet, wo nicht gezahlt, sondern “gespart” wird, kollabiert das durch Zahlungen sich reproduzierende System.
Ist doch logo, oder?

37 Alvar Hanso 12. Mai 2009 um 15:48

Der ‘Kristallpalast’ muss halt dementsprechend immer kleiner werden, da wir Baumaterial für die Barackensiedlungen im Hof brauchen.
Da die Masse der Palastbewohner das nicht versteht, bleibt am Ende nur eine auf dem juwelenbesetzten Kronleuchter kauernde Elite übrig die sich vor den hungernden und randalierenden Ausgestoßenen auf dem ruinierten Parkett fürchten muss…

38 HAM 12. Mai 2009 um 15:50

@Perpetuarius #32
“Mir wäre es sympathischer, wenn wir öffentlichen Reichtum hätten, sprich: Kostenfreier Zugang zu Bildung, geringe Kostenanteile für Kultur und Sport …“

Das ist doch der Witz bei der Kampagne „Weniger Steuer und Abgaben!“ bzw. „Mehr Brutto vom Netto!“:

Senkung der Lohnnebenkosten bedeutet weniger Rente, weniger Arbeitslosengeld etc.

Steuersenkung bedeutet weniger Geld für den Staat, weniger öffentlicher Reichtum etc.

Im Interesse der Arbeitsbevölkerung würde liegen:
● höhere Löhne
● höhere Vorsorgebeiträge
● höhere Abgaben an den Staat

Was hier mit der Kampagne „Weniger Steuer und Abgaben!“ gemacht wird, ist nicht weiter als Volksverarmung durch Volksverar****ung. Letztere ist im Gegensatz zur Volksverhetzung (§ 130 StGB) allerdings völlig straffrei.

Zum Thema soziale Gerechtigkeit fällt mir noch etwas anderes ein.

„Helsinki – Die Rekordstrafe von 170.000 Euro muss einer der reichsten Männer Finnlands zahlen, weil er zu schnell gefahren ist.
Jussi Salonoja sei in der Innenstadt von Helsinki mit einer Geschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunden in einer Zone erwischt worden, in der nur 40 Kilometer pro Stunde erlaubt sind, teilte die Polizei mit. Da in Finnland Bußgelder am Einkommen der Betroffenen gemessen werden, bekam der 27-jährige Erbe eines Wurstunternehmens eine entsprechend hohe Geldstrafe. Immerhin verdiente er im Jahr 2002 fast sieben Millionen Euro. „
http://www.manager-magazin.de/koepfe/artikel/0,2828,285851,00.html

Ist eben Finnland – und nicht Deutschland.

39 ignatius 12. Mai 2009 um 15:53

@goodnight

“[Kapitalertragssteuern] da kommt doch nix zusammen,”

Es geht dabei vor allem um die Gleichstellung. Alle Einkommensarten sollten dem gleichen Spitzensteurersatz unterliegen und genau den sollte man als Quellensteuer einheben. Und wenn der bei 46% (oder wie in at 50%) liegt, dann ist das eben so. Wer mit dem Gesamteinkommen nicht über die Höchstgrenze für den Spitzensatz kommt, kann sich dann die Differenz per Steuererklärung zurückholen.

“[80% KEST] dann sinkt die Leistung….und damit die belastbaren Erträge”

Auch bei kreativster Interpretation sind Kapitalerträgen keine Leistung in irgendeinem gängigen Sinn des Wortes. Die Laffer-Kurve, auf die Du anspielst, gilt natürlich nur bei Einkommen aus Arbeit (wozu ich auch die Tätigkeit des Unternehmers – nicht aber die des Kapitalgebers – zähle), aber nicht für arbeitslose Einkommen, denn da habe ich kein Arbeitsleid als Opportunitätskosten. Und fast nichts ist eben immer noch unendlich mehr als gar nichts.

“[steurfinanzierte SV] Nope, weil dann liegen wir bei einem durchschnittlichen Steuersatz von 50%. Es ist völlig egal, wie der Bürger die Sozialausgaben finanziert, ob über Steuern oder Sozialabgaben, solange die da sind, müssen die beazhlt werden.”

Natürlich – nur ist das nicht der Punkt. Das Zauberwort heisst hier Progression. Die musst die besteuern die nicht konsumieren (und damit dokumentieren daß sie das Geld sowieso nicht brauchen). Solange die Sparquote mit dem Einkommen steigt, ist eine Ausweitung der Progression sinnvoll.

“[Vermögenssteuern] Nope, siehe Ansatz 1, d.h. auch hier müssen wir dann so belasten, dass sich der Aufbau von Vermögen nicht mehr lohnt.”

Das ist ja genau der Zweck der Übung. Die Akkumulation von Finanzvermögen (d.h. Schuldscheinen), die über das Maß der Realinvestitionen (etwa in neue Fabriken) hinausgeht, hat uns ja die Krise erst eingebrockt. Der wünschenswerteste Effekt wäre ja genau, wenn sich die Reichen der Vermögensteuer durch erhöhten Konsum entziehen – denn des einen Konsum ist des anderen (steuerpflichtiges) Einkommen.

40 Aurelius 12. Mai 2009 um 16:03

@ goodnight 31

Na gut, gib sie uns noch einmal, deine Antwort.

41 Perpetuarius 12. Mai 2009 um 16:04

Total Offtopic, aber im Gelben Forum wollte oder konnte niemand antworten, deewegen versuche ich hier mein Glück:

Frage zur Globalisierungsdichte der Wirtschaft

Hallo zusammen,

ich habe eine Frage, zu der ich mir hier kompetenten Input erhoffe:

Wie viele Firmen nehmen maßgeblich an der globalisierten Wirtschaft teil?

Genauer gefragt:
Welcher Anteil der Unternehmen sind wirklich global tätig, in dem Sinne, dass diese Unternehmen nur einen Bruchteil ihre Erlöse / Gewinne in einem Land erzielen?

Hintergrund: Ich habe irgendwo (weiss leider nicht mehr wo) gelesen, dass die Anzahl der Fimen keine 500 betragen soll, mithin die Übergroße Anzahl NICHT globale Unternehmen sind.

Beispiele:
VW ist dieser Definition nach ein globales Unternehmen
FIAT ist es nicht, da in zu wenigen / nicht in allen Regionen vertreten.

Erweiterung der Frage:
Wieviele der globalen Unternehmen sind One-Product-Companys?
Beispiele: McDonalds, VW, TimeWarner (?), Google, Microsoft, oder bieten nur “Derivate” des einen Produkts an?

Gegenbeispiele:
GE, Siemens, IBM

Vielen Danke für konstruktive Beiträge, gerne auch per Mail.

P.

42 Nanuk 12. Mai 2009 um 16:20

Wie viele Firmen nehmen maßgeblich an der globalisierten Wirtschaft teil?

Das sind wirklich nicht viele…
Ein paar AGs das war es dann auch schon nicht jeder der ne Maschine nach China verkauft ist ein Global Player.
Aber da spielen bei der Selbsteinschätzung häufig auch Eitelkeiten eine Rolle…

43 Thomas 12. Mai 2009 um 16:51

@Perpetuarius

Definiere doch bitte den Begriff “Bruchteil”: Ab wieviel % in einem Land ist es kein “Bruchteil” mehr?

44 Mindtrap 12. Mai 2009 um 17:02

@31 goodnight

“Ansatz 1: Warum wird Lohneinkommen stärker belastet, als Kapitaleinkommen …
=>Nope, weil economics of scale ;-) , d.h. da kommt doch nix zusammen, außer man besteuert die Unternehmen, Erben etc. mit 80%.”

Du vermischst unzulässig. Kapitaleinkommen haben mit Unternehmenssteuern und Erbschaften nichts zu tun. Die Besteuerung von privaten Kapitalerträgen juckt das ertragszahlende Unternehmen nicht die Bohne.

“Ansatz 2: wie von WGN schon vorgeschlagen – Steuerfinanzierung aller Sozialleistungen…
=>Es ist völlig egal, wie der Bürger die Sozialausgaben finanziert, ob über Steuern oder Sozialabgaben, solange die da sind, müssen die beazhlt werden.”

Auch unzulässig verkürzt. Es sind Ausgaben gleicher Höhe, aber die Einnahmenbasis verbreitert sich. (Wobei ja ausgerechnet die Spitzenverdiener in der Pharmaindustrie bspw. dafür sorgen, daß die Ausgaben im Gesundheitssystem schön hoch bleiben.^^)

“Ansatz 3: Vermögenssteuer…
=>Nope, siehe Ansatz 1, d.h. auch hier müssen wir dann so belasten, dass sich der Aufbau von Vermögen nicht mehr lohnt.”

Selbst einige Spitzenverdiener fordern bereits die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer. Nach Verdie würde das nach alter Berechnungsmethode bei 2% 16 Mrd. € bringen. Und bei 1% Kohlscher Vermögenssteuer lohnt sich der Aufbau von Vermögen nicht mehr???

“…weil der Rentenhammer kommt erst noch…”

Naja, der kommt mit Vorsatz und nicht als Naturereignis. Alle Sozialausgaben werden immer aus dem aktuellen Volkseinkommen bezahlt. Es ist eine reine Frage der Aufteilung. Also dem Setzen der Prioritäten. Mann kann es den Top-5% in D hübsch gemütlich machen. Muß man aber nicht…

45 SQN 12. Mai 2009 um 17:25

@ 31 goodnight

“Nope, weil economics of scale ;-) , d.h. da kommt doch nix zusammen, außer man besteuert die Unternehmen, Erben etc. mit 80%. Und dann haben wir Sozialismus….und dann sinkt die Leistung….und damit die belastbaren Erträge etc. etc.”

=> ich glaube nicht, dass man auf 80% gehen müsste – internationale Durchschnittssätze würden wahrscheinlich schon zweistellige Mrd-Beträge an Spielraum verschaffen
Und das die Leistung automatisch sinkt, wenn die Unternehmens- und Erbschaftssteuern steigen, halte ich für eine dämliche Annahme. Fällt in die gleiche Schublade wie “alle Arbeitslosigkeit ist freiwillig”.

“Nope, weil dann liegen wir bei einem durchschnittlichen Steuersatz von 50%. Es ist völlig egal, wie der Bürger die Sozialausgaben finanziert, ob über Steuern oder Sozialabgaben, solange die da sind, müssen die beazhlt werden.”

Richtig, solange sie da sind, müssen sie bezahlt werden. Es ist nur ein Unterschcied, ob ich Sozialabgaben bis zu einer Decklungsgrenze von 5 TEUR (und ein paar Zerquetschte) zahle, und darüber gar nichts – bzw. als Selbständiger gar keine Abgaben zahle – oder ob der ganze Kuchen über Steuermittel abgedeckt wird. Und der durchschnittliche Steuersatz müsste definitiv nicht bei 50% liegen. Der Spitzensteuersatz vielleicht, aber nicht der Durchschnittssteuersatz.

“wir werden die Durchschnittsverdiener noch viel mehr belasten müssen, weil der Rentenhammer kommt erst noch”

=> abgedroschen; es wird kurz- bis mittelfristig etwas enger, was die Versorgung der Alten betrifft; keiner weiß aber, wie die Alterspyramide oder die Produktivität in 20 Jahren aussieht. Demographen haben seit Malthus eigentlich regelmäßig mit ihren Prognosen ins Klo gegriffen.

“und wer mal nachrechnet, was die Riester-Selbstversorgungs-Rente für eine Belastung bedeutet, d.h. ca. 100-300 Euro jeden Monat [...] nur leider sind 95% geringverdiener in Deutscheland zu blöde, das zu kapieren”

Zustimmung – mit diesem Hebel bekäme man den RV-Beitrag im Endeffekt auch auf 0%, wenn man denn wollte. Bringen würde es nichts.

“und haben es deshalb nicht besser verdient”

Keine Zustimmung – vielleicht bin ich zu sehr Gutmensch; aber im Endeffekt leide auch ich, wenn alle um mich herum mies drauf sind und bedrückt dreinschauen – deshalb bin ich schon aus rein egoistischen Motiven für die Rettung der dummen Masse

“lustig, hier in DeutscheLand”

Ja, das isses – aber woanders auch. Gejammert wird letztendlich überall.

46 taurus 12. Mai 2009 um 17:45

Hab den Link schon mal im Thomas-Blog gepostet, aber weil’s so gut in diesen Kontext passt:

http://www.karl-braeuer-institut.de/files/65/Sonderinformation_Nr_57.pdf

Das ist eine Studie vom Bund der Steuerzahler, in der die Besteuerung von 1990 und von 2010 verglichen wird für unterschiedliche Einkommensklassen.

Stellt sich raus, es ergibt sich eine Gaußkurve (Tabelle auf Seite 10):

Geringe Einkommen (bis 28.000 Euro) werden 2010 geringer belastet als 1990. Soweit nichts einzuwenden.

Doch mittlere Einkommen werden 2010 um bis zu 3,5% höher besteuert als 1990!

Hohe Einkommen werden dagegen um bis zu 5,3% *entlastet*!

Dass das schief ist, dürfte offenkundig sein. Über die vieldiskutierte Erosion der Mittelschicht braucht sich vor diesem Hintergrund niemand zu wundern.

47 Thomas 12. Mai 2009 um 17:50

@SQN

Zitat: “Keiner weiß aber, wie die Alterspyramide oder die Produktivität in 20 Jahren aussieht. ”

Die Alterspyramide in 20 Jahren kennen wir ziemlich gut, was die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter angeht, da die alle schon leben. Selbst wenn die Fertilität in den nächsten 10 Jahren drastisch steigt, hilft das erst nach 2035. Und daß die Fertilität tatsächlich stark nach oben geht, dafür gibt’s bisher keine Anzeichen. “Helfen” würde also allenfalls eine Epidemie, die Millionen älterer Leute dahinrafft…

Die Produktivität kennen wir nicht so genau. Aber wenn man unterstellt, daß Öl und andere Rohstoffe in absehbarer Zeit deutlich knapper werden, dann spricht das eher gegen erhebliche Produktivitätssprünge. Das schließt aber natürlich nicht aus, daß ein paar wunderbare neue Innovationen wider Erwarten Entlastung bringen.

48 Thomas 12. Mai 2009 um 18:08

Nochmal zur Demografie:

Es ist vielen Leuten nicht klar, daß Deutschland bisher noch kaum angefangen hat, die Effekte der Alterung zu spüren: Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ist momentan annähernd konstant. Ab 2010 geht’s langsam mit der Schrumpfung los, und von 2020-2030 wird die Gruppe der 20-65-jährigen um massive 14 % schrumpfen (es sei denn, es kommt zu massiver Einwanderung, wonach es momentan nicht aussieht).

Ein paar zusätzliche Daten hier:

http://miscellaneous-economic-ramblings.blogspot.com/2009/03/german-demographics_28.html

49 froZ 12. Mai 2009 um 18:41

@ Thomas

Diesmal nur ein kürzerer Artikel von Gerd Bosbach dazu (hatte bei ähnlicher Gelegenheit früher schon mal einen längeren Essay von ihm verlinkt):

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/spezial/dossiers/volk_mit_falten/38963060318katastrophe/index.php

50 froZ 12. Mai 2009 um 18:52

Pardon, das in der “Berliner Zeitung” ist natürlich ein Interview, kein Artikel.

Was die spezifische Aufmachung des Steuerthemas in der “Welt” angeht: Wenn ich es recht bedenke, so scheint mir damit doch auch schon ein bißchen Wahlkampf für die Steuersenkungsparteien gemacht zu werden. Steuersenkungsfundamentalismus geht in Deutschland ja sonst immer, aber angesichts des immensen Haushaltsdefizites dürften diesmal auch potentielle CDU/CSU-Wähler da eher Bedenken haben. Also muß ein bißchen Suggestion her (“Geringverdiener”), die auch auf fruchtbaren Boden fallen wird.

Wenn er als Kleinanleger am Kapitalmarkt spekuliert, dann träumt sich der deutsche Michel ja gern als George Soros. Wenn er aber Steuern zahlen soll, dann ist er plötzlich die ärmste Sau auf dem Planeten…

51 SQN 12. Mai 2009 um 18:56

@ Thomas

Ich habe mir auch den Beitrag in Deinem Blog durchgelesen – und natürlich hast Du recht: selbst wenn morgen die Geburtenrate *magically* über die 2,x-Grenze ansteigen würde, würde dies am von Dir beschriebenen Knick 2020-2030 nichts ändern, sondern erst ab 2030 für Stabilität sorgen.

Nun ist es eine Sache, die Geburtenrate auf über 2,x zu bekommen – bisherige Versuche haben nicht gefruchtet (was nicht verwunderlich ist, wenn Familienpolitik sich auf 10 EUR Kindergelderhöhung und die Einführung von Elterngeld beschränkt – was alles prinzipiell nicht schlecht ist, aber das ist ein anderes Thema).

Gleichwohl ist alles nach 2030 reine Kaffeesatzleserei und basiert schlimmstenfalls auf einer rein linearen Hochrechnung heutiger Zahlen; und bestenfalls auf halbwegs nachvollziehbaren Annahmen, die sich die Demographen aber auch jedesmal wieder heimlich aus dem Ärmel schütteln.

Hand und Fuß hat an den ganzen Prognosen bis 2050, die immer wieder durch die Medien wandern, so gut wie gar nichts (von denen hattest Du aber auch nicht gesprochen).

Im Endeffekt kann es also bis 2030 nur drei Lösungen geben:

a) die Produktivität steigt – und hier wäre ich “nur” aufgrund der Knappheit fossiler Rohmaterialien nicht gleich so pessimistisch; keine Sau weiß, was in 20 Jahren ist; gleichwohl kann man allein schon durch die Aktivierung heute ungenutzter Ressourcen (Arbeitslose, Frührentner, etc.) schon viel Potenzial nutzen, wenn die Jungs und Mädels in Berlin und anderswo denn endlich mal den Willen dazu hätten, dies zu tun;
(ich glaube wir sind uns aber alle einig, dass das Produktivitätswachstum nicht aus der Finanzindustrie kommen wird :-) )

b) Zuwanderung steigt – und hier frage ich: warum nicht? 100 tsd. per annum, wie in der Annahme von Destatis sind zwar schon eine Menge; aber wenn man den Fokus auf qualifizierte Fachkräfte legt und diesen mal wirklich attraktive Rahmenbedingungen bereitstellt (nicht à la “ihr dürft 3 Jahre bleiben, niemanden mitbringen, und Eure Kinder bekommen erst recht keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, geschweige denn die Staatsbürgerschaft”), dann führt dies mitunter zu weiterem Produktivitätswachstum unter Punkt a)

c) Die Abgabenlast steigt/die Renten sinken und wir begnügen uns mit weniger (richtig goodnight? – das ist doch Deine Kernaussage)

Im Endeffekt wird es wahrscheinlich eine Kombi aus a, b, und c. Der Produktivitätszuwachs wird einiges abfedern; die Politik (und die Menschen) wird/werden irgendwann erkennen, dass es ohne mehr Zuwanderung nur noch unangenehmer wird; und “wir” werden uns mit weniger begnügen müssen. Frage ist jetzt: wer ist “wir” (um nicht zu sagen “man”)? Und da ist die Antwort für mich recht einfach – die Bezieher von Kapitaleinkommen. Wenn mein einfach die Entlastungen der letzten Jahre rückgängig machte, hätte man schon wieder sehr viel Luft.

Insofern sehe ich die ganze Thematik relativ enspannt. Es ist zwar ein “Problem”, aber Probleme sind dazu da gelöst zu werden. Die Teufel-an-die-Wand-Malerei geht mir ziemlich auf den Senkel.

Und viel wichtiger, als diese permanente Analyse “nackter Zahlen” fände ich es eigentlich, dass die Gesellschaft generell einmal Antworten auf die Frage findet, wie man mit “Alten” umzugehen gedenkt. Das alte Familienmodell ist tot (zum Glück!); die Damen und Herren leben immer länger (ja, super); sind aber oftmals allein, keiner interessiert sich für ihre Existenz, und so siechen sie 20-30 Jahre dahin, bis sie mal den Löffel abgeben (etwas salopp ausgedrückt). Jaja, es gibt zig andere Beispiele; aber die Realität für die Generation 70+ sieht häufig alles andere, als rosig aus. Und eine Antwort auf diese Frage wäre mir persönlich mindestens genauso wichtig, wie die Berechnung, ob der “Eckrentner” 2030 nun EUR 800 oder nur EUR 700 bekommt. Mitunter findet man ja eine Antwort, die beide Seiten der Medallie mit abdeckt.

Aber jetzt schweife ich ab…

52 goodnight 12. Mai 2009 um 19:11

@lemming

“kollabiert das durch Zahlungen sich reproduzierende System”

=>Yep. Es wird kollabieren, wenn es so weiterläuft.

@ignatius

“Die Akkumulation von Finanzvermögen (d.h. Schuldscheinen), die über das Maß der Realinvestitionen (etwa in neue Fabriken) hinausgeht, hat uns ja die Krise erst eingebrockt. Der wünschenswerteste Effekt wäre ja genau, wenn sich die Reichen der Vermögensteuer durch erhöhten Konsum entziehen – denn des einen Konsum ist des anderen (steuerpflichtiges) Einkommen.”

=>Nope, weil dann enden wir doch auch im Sozialismus….weil dann keiner mehr Eigentum erwirtschaften kann….und ohen Eigentum keine Kredite und ohen Kredite keine Unternehmensgründungen etc. Diese ganze SPD-Politik der progression führt doch in die merde. Diese ganze kontinentaleuropäische Sozialismus…elender ;-) Nope, im Ernst, da lobe ich mir Ami-land, da ist das Sozialsystem einfach ausgelagert, wie eine große Riester-Rente…kommt bei uns ja auch demnächst.

@Aurelius

“Na gut, gib sie uns noch einmal, deine Antwort.”

=>Äh, also auf die Frage nach dem Warum habe ich ja schon gesagt: Die Asymmetrie in der staatlichen Finanzierung der Bürger zugunsten der Renter und zu Ungunsten der jungen Menschen.
mein Vorschlag zu Lösung wäre: Man haut das ganze Geld in die Jungen, damit die voll leistungsfähig werden und viele Kinder machen, und so ganz viele Steuern und Sozailabgaben zahlen können und viel neu Stuer-und Sozailabgabzahler produzieren, die so dann die Rentner finanzieren können. D.h. wie folgen einfach dem ökonomischen bzw. biologischen Kreislauf in der richtigen Richtung…und fangen nicht wie die BRD bei den Alten an und hören bei den Jungen auf.

@mindtrap

“Kapitaleinkommen haben mit Unternehmenssteuern und Erbschaften nichts zu tun”

=>Yep, dann besteuer die kapitaleinkommen noch mehr…mit der Folge, dass keiner mehr Geld in DeutscheLand anlegt bzw. alles konsumiert…. ist nur etwas blöd angesicht der Rentensituation, wenn keiner mehr sparen kann ;-)

“die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer. Nach Verdie würde das nach alter Berechnungsmethode bei 2% 16 Mrd. € bringen”

=>Yep, wenn alles gut läuft, keiner offshore geht etc. Yep, einfach machen, ist ja mal ne Idee, ich tippe mal, dann gehen alle in Immobilien, wir bekommen eine blase, ich shorte, und werde endlich reich ;-) Whatever, die Demografie-Finanzierung-lücke lösen wir dadurch noch lange nicht.

@sqn

“es wird kurz- bis mittelfristig etwas enger, was die Versorgung der Alten betrifft; keiner weiß aber, wie die Alterspyramide oder die Produktivität in 20 Jahren aussieht. ”

=>Nope, die nächsten 20 jahre sind relativ sicher, weil …äh…Kinder, Facharbeiter und Steuerzahler wachsen nicht auf Büumen…sorry…es wird dunkel… und zwar so, wie Thomas schreibt. Lustig nur, dass wir meinen, wir könnten uns mal wieder 5 Mio. Arbeitslose erlauben…und zwar wie in Deutscheland üblich: Langzeitarbeitslose….und wir müssen auch keine Facharbeiter wie blöde schulen, die brauchen wir ja auch nicht….Ach habe ich ich schon gesagt: es wird wie 2001…..
Egal. Yep, alles wir gut in DeutscheLand, in der jetzt schon jeder vierte Deutsche ein Rentner ist, yep, ich sehe blühende Landschaften, yep, damit hat schon Helmut alle Deutschen gekauft, weil die glauben sowas wirklich, yep, wenn es dunkel wird, dann wird der Deutsche zum Romantiker…yep, vielleicht braucht er immer mal wieder Desaster für den Wiederaufstieg.
Also: Ohren zu halten! Danke!

“Only after disaster can we be resurrected.”
Tyler (fight club)

53 Ein Alter 12. Mai 2009 um 19:20

Die Alten leben immer länger.

Nö, zurückgegangen ist die Sterblichkeit von Säuglingen und jungen Menschen. Der Autoverkehr rafft auch nicht mehr so viele dahin, usw.
Schöne Statistik. Mit 90 und mehr zu sterben ist nicht der Normalfall.

54 Michael 12. Mai 2009 um 19:43

@Ein Alter
Genauso ist es. Die Massen werden auf breiter Front, auch in dem Punkt, ver*rscht. Und dann denken die Trolle noch darüber nach, wie sie ihren Mitmenschen an den Geldbeutel könnten. Na bravo. :-D

55 HAM 12. Mai 2009 um 20:13

„Es ist eine traurige Spitzenposition: Kaum ein anderes Industrieland belastet seine Arbeitnehmer so stark mit Steuern und Abgaben wie Deutschland. Die jährlich veröffentlichte OECD-Statistik ist beschämend für die Politik, denn Deutschland steht seit Jahren ganz oben auf der Liste. Und das obwohl Politiker seit Jahren versprechen, Bürger zu entlasten und Arbeit durch die Senkung von Sozialbeiträgen günstiger zu machen.

Bei Versprechungen ist es geblieben. Die geringen Steuersenkungen der vergangenen Jahre haben an Deutschlands unrühmlicher Spitzenstellung wenig geändert, genauso wenig wie an den Ungerechtigkeiten des Steuersystems. Und der Beitragssenkung in der Arbeitslosenversicherung standen höhere Beiträge für Krankenversicherung und für Kinderlose bei der Pflegeversicherung gegenüber.“
http://www.welt.de/finanzen/article3726264/Studie-zur-Steuerlast-entlarvt-Politiker-Luegen.html

Die Springer-Presse macht sich zum Anwalt des kleinen Mannes.
Selten so gelacht!
:-D

Diese Aussage fand ich besonders interessant:
„Die geringen Steuersenkungen der vergangenen Jahre …“

Der Spitzensteuersatz für die Reichen wurde von 53% auf 42% gesenkt. Macht fast 21% bzw. ein Fünftel. Was ist daran „gering“?
2007 gab es noch für jene, die als Ledige über 250.000 bzw. als Verheiratete über 500.000 € als Gerechtigkeitskosmetik einen kleinen Aufschlag von 3% für die Beträge über diesen Grenzen. Aber in diese Einkommensdimensionen kommen – so schätze ich – wahrscheinlich weniger als 1 Promille der Bevölkerung.

„Tarifzone III (Proportionalzone 1)
Ab einem zvE von 52.552 € bleibt der Grenzsteuersatz konstant bei 42 %; d.h. von jedem Euro, um das sich das zvE in dieser Zone erhöht, wird – ohne Berücksichtigung der Rundungsregelung – eine Steuer von 0,42 € fällig. Dies gilt jedoch nur bis zum Betrag 250.400 Euro für Ledige bzw. 500.800 Euro für Verheiratete.

Tarifzone IV (Proportionalzone 2)
Diese zweite Proportionalzone wurde als so genannte “Reichensteuer” ab 2007 hinzugefügt. Ab einem zvE von 250.401 € (Ledige) bzw. 500.802 € (Verheiratete) beträgt der Grenzsteuersatz 45 %, d. h. von jedem Euro, um das sich das zvE in dieser Zone erhöht, wird – ohne Berücksichtigung der Rundungsregelung – eine Steuer von 0,45 € fällig.

Spitzensteuersatz
Zum Vergleich: In den 70er Jahren betrug der Spitzensteuersatz noch 56 %. Im Vergleich zum Jahr 1998 (53 %) zahlte ein Einkommensteuerpflichtiger mit einem zu versteuernden Einkommen von 70.000 € im Jahre 2005 etwa 4.000 € weniger, ein Steuerpflichtiger mit 100.000 € etwa 7.000 € weniger und jemand mit einem zvE von 200.000 € etwa 18.000 € weniger.“
http://de.wikipedia.org/wiki/Einkommensteuertarif

Auf der anderen Seite wird deutlich, dass der Hauptgrund für die – im Vergleich zu anderen Ländern – extrem hohen Steuerbelastungen der unteren und mittleren Schichten die hohe Progression ist, bedingt durch die sog. „kalte Progression“. So verdoppelt sich der Steuerbetrag bei den relativ niedrigen Jahreseinkommen in der Spanne von 15.000 bis 30.000 € von rund 10% auf rund 20%.
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/a/ac/EStTarif.PNG

56 Michael 12. Mai 2009 um 20:25

@froZ
“Wenn er als Kleinanleger am Kapitalmarkt spekuliert, dann träumt sich der deutsche Michel ja gern als George Soros. Wenn er aber Steuern zahlen soll, dann ist er plötzlich die ärmste Sau auf dem Planeten…”
Das klingt ja so, als ob da Gewinne ohne Ende gescheffelt würden. 8-) Das kann aber nicht sein. Die meisten Kleinanleger sind zu dämlich oder zu faul nachzudenken und sitzen noch heute auf ihren Telekom oder Infineon-Aktien-Verlusten. Ich empfehle Günther Ogger, Der Börsenschwindel. Oder Harald Klimenta, Die 12 Aktienirrtümer, Was Börsengurus verschweigen. Oder… Selbst ein Merckle ist dieses Jahr dem Wiedeking mit seiner “VW-Übernahme” zum Opfer gefallen, er hatte völlig richtig spekuliert, daß das nicht sein kann. Ich selbst war schon versucht put-VW zu spielen, so unverschämt war (und ist) der VW-Kurs durch obskure Derivatgeschäfte bei gleichzeitig fehlendem free float. Ich fand es dann konstruktiver auf steigende Bankaktien zu spielen, obwohl ich wußte, daß das entschieden riskanter war und ist.

Gegen Spekulationssteuern hätte ich nicht das geringste einzuwenden, aber die müßten schon nach Möglichkeit weltweit einheitlich festgelegt sein, so daß auch da Chancengleicheit bestünde. Man kann nämlich Spekulation auch als intellektuellen Sport auffassen. Aber dann kann und darf es nicht sein, daß die Märkte so manipuliert werden, wie es der Fall ist. Zum Beispiel, schau nach bei Buba, die Aktienpositionen der Landesbanken in deutschen Dividendenpapieren -5 Mrd im Jan., -5 Mrd. im Feb. -3,5 Mrd. im März, niemand anders, als die Landesbanken, öffentliche Finanzinstitute waren voll short, obwohl in diesem Land Leerverkäufe verboten sein sollen. So nicht, liebe Luschenbanker. Ich wünsche fröhliches Weitersqueezen, der Finanzminister rettet euch bestimmt mit den Geldern, die er aus der “Abgeltungssteuer” abgreift. :-( Diese Ratten !

57 Michael 12. Mai 2009 um 20:48

@HAM
Volle Zustimmung. ein äußerst durchsichtiges populistisches Manöver. Spaßfaktor Null. Letztendlich geht es denen darum, ein Sozialsystem nach dem Muster England oder USA einzuführen, die Schwachen fallen durch den Rost und schlafen gefälligst unter der Brücke. Nicht mit uns, Sportsfreunde. Genau wie die Senkung der ALV-Beiträge vor einer klar erkennbaren Rezession. Was soll denn das, NEIN, die wissen genau, was sie tun. Und deshalb gibt es keine mildernden Umstände.

58 Watawah 12. Mai 2009 um 20:54

@ Michael # 57

” Und deshalb gibt es keine mildernden Umstände.”

Dazu müßte wenigstens eine Anklage stehen… und die scheint mir derzeit mehr als unrealistisch bzw. nur rhethorisch.

59 froZ 12. Mai 2009 um 21:20

@ Michael

“Man kann nämlich Spekulation auch als intellektuellen Sport auffassen.”

Oh, gar kein Einwand, ich habe nichts gegen Spekulation. Der homo ludens steckt doch in uns allen irgendwo, und wie sagte schon Kostolanyi: “Wer Geld hat, kann spekulieren, aber wer kein Geld hat, der muß spekulieren.” Trotzdem hätte ich grundsätzlich auch nichts gegen eine Börsenumsatzsteuer, aber ich stimme Dir zu: Auf nationaler Ebene dürfte das wenig Sinn haben.

Mir ging es bei dem Kommentar nur um die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit im Bewußtsein. Üblicherweise sieht man den eigenen Status besser, als er in der Realität ist – nur wenn Papa Staat die Steuern kassiert, dann will plötzlich so fast jeder unterhalb von Ackermann der “kleine Mann” sein, dem ein schreiendes Unrecht angetan wird.

60 Michael 12. Mai 2009 um 21:20

@Watawah
Nö, ich wähle dieses Jahr nicht systemkonform, da können die kämpfen, wie sie wollen.

61 Thomas 12. Mai 2009 um 21:23

@froZ & SQN

Ihr habt natürlich Recht, daß wir nicht wissen können, wie sich die Geburten in der Zukunft entwickeln. Wenn die Fertilität wieder deutlich steigt, dann entschärft sich die Sache langfristig wieder.

Ich persönlich bin allerdings eher skeptisch, da die (west-)deutsche Geburtenrate inzwischen seit fast 40 Jahren konstant bei 1,3-1,4 Kindern pro Frau liegt. Insofern wäre meine “Arbeitshypothese”, daß sich da in absehbarer Zeit nichts dramatisches daran ändert. Kann man natürlich anderer Meinung sein, ein “Naturgesetz” ist das nicht.

Was Produktivität und “momentan ungenutzte Resourcen” betrifft: Auch hier kann ich natürlich nur spekulieren.

Fakt ist: Wenn die Produktivität dauerhaft um mindestens 1 % p.a. wächst, und wir auch noch ein bisschen die “ungenutzten Resourcen” nutzen bzw. die Leute etwas später in Rente schicken, dann reicht es natürlich rein rechnerisch, daß der “Durchschnittsdeutsche” nicht ärmer sein wird als heute, sondern ungefähr konstantes Niveau halten oder sogar noch ein bisschen reicher werden kann.

Ich persönlich bin auch hier eher auf der skeptischen Seite, und denke, daß die Produktivitätszuwächse tendenziell nachlassen werden. Das ist aber rein intuitiv-spekulativ, mit harten Fakten kann ich das nicht begründen (abgesehen von der bereits erwähnten Problematik, daß uns Chinesen, Inder & co die immer knapper werdenden Resourcen wegkaufen werden).

Zur Zuwanderung: Wenn wir etwas “freundlicher” zu unseren Zuwanderern wären, würden wohl etwas mehr von ihnen kommen, da gebe ich SQN schon recht. Ob uns die hochqualifizierten Ausländer dann so richtig die Türe einrennen würden, das bezweifle ich allerdings.

Für Osteuropäer sind wir eine naheliegende Adresse (allerdings kriegen die auch keine Kinder – die demographischen Hochrechnungen für Bulgarien und die Ukraine sind geradezu apokalyptisch), aber der Rest der Welt ist da schon zurückhaltender: Deutsch lernen? Viel Steuern und Sozialabgaben zahlen, um die deutschen Rentner durchzufüttern? Und das Wetter ist auch noch mäßig? Neee, danke, da gehen wir lieber nach Amerika oder Australien, oder wir bleiben gleich ganz zu Hause…

Wobei ich SQN durchaus Recht gebe, daß es nicht der Weltuntergang sein wird. Alles in allem wird’s schon möglich sein, mit der Sache umzugehen. Aber einfach wird’s nicht, und umso wichtiger ist es, daß Politik und Gesellschaft halbwegs kompetent und durchdacht mit dem Problem umgehen. Dazu gehört aktive Familienpolitik genauso wie eine Neudefinition der Rolle der alten Leute. Und eine ehrliche Diskussion der Frage, wer wofür zu zahlen hat, damit wir einerseits in einer “fairen Solidargemeinschaft” leben, und andererseits die berühmten “Leistungsträger” nicht vollends vergraulen.

62 Michael 12. Mai 2009 um 21:25

@froZ
Wir sind uns da nicht uneinig. Eine Steuer ist für mich kein Unrecht, irgendwie muß man ja wohl seinen Staat finanzieren. Ich bin weder Steuersparer noch Steuervermeider. Nur sollte der Staat auch die Interessen der Massen zur Kenntnis nehmen und berücksichtigen.

63 Michael 12. Mai 2009 um 21:28

@61 Thomas
Das hat den kleinen Fehler, das die Anzahl der Deutschen ohne Migrationshintergrund einfach seit 100 Jahren konstant ist. “Rühmliche” Ausnahme war die gescholtene DDR.

64 Thomas 12. Mai 2009 um 21:31

Zitat aus dem Bosbach-Artikel:

“So haben die jüngsten realen Rentenkürzungen nichts mit der Demografie zu tun. Schuld an den Löchern in den Sozialkassen sind die Arbeitslosigkeit, der Rückgang der Lohnquote, der wachsende Niedriglohn-Sektor und die Tatsache, dass immer mehr sozialversicherungspflichtige Stellen durch Mini-Jobs oder sogar Ein-Euro-Jobs ersetzt werden.”

Da hat er natürlich recht: Die bisherigen realen Rentenkürzungen haben noch nicht allzuviel mit der Demografie zu tun, weil das demographische Problem ja erst in ein paar Jahren so richtig durchschlagen wird.

Rein theoretisch kann man also wohl sagen, daß eine Umkehrung der genannten Effekte das demographische Problem zumindest abmildern könnte. Ob bzw. wie man sie de facto umkehren kann, ist allerdings eine andere Frage.

65 Thomas 12. Mai 2009 um 21:32

@Michael #63

Das verstehe ich nicht ganz: Worauf genau bezieht sich das? Was für ein Fehler?

66 Michael 12. Mai 2009 um 21:53

@Thomas
Das heißt, die Anzahl der Deutschen ohne Migrationshintergrund ist seit 100 Jahren konstant. Im Westen nahm sie ab, Devise war Hunde statt Kinder, im Osten nahm sie zu.

Ich denke, das Wachstum flacht sich logischerweise ab. Wenn etwas von 1 auf 2 wächst, sind das 100 % Wachstum, wenn etwas von 100 auf 101 zulegt sind das magere 1 %. Aber in beiden Fällen war das Wachstum 1.

Ich glaube nicht, daß wir wirklich Zuwanderer brauchen. Die Hälfte oder mehr unserer Hartz IV-Fälle dürften nämlich Zuwanderer sein. Die haben höchstens das Lohnniveau zusätzlich unter psychologischen Druck gesetzt. Diejenigen, die etwas mehr in der Rübe hatten, haben auch attraktivere Stellen in anderen Ländern gefunden. Selbst die Polen fanden die Arbeit als Erntehelfer hier in den vergangenen Jahren keineswegs mehr akzeptabel. Wir sind zur Bananenrepublik degeneriert. Ein Billiglohnland, aus dem wertvolle junge Leistungsträger abwandern und in das Sozialschmarotzer einwandern, um es brutalst möglich auszudrücken.

Die Fehler der Politik liegen klar auf der Hand. Also, Lösungen bitte.

67 Thomas 12. Mai 2009 um 22:03

@Michael

Ich verstehe nicht ganz, wo da mein “Fehler” liegt? Ich behaupte ja nicht, daß die Zahl der Deutschen steigt, im Gegenteil.

Was die “einwandernden Sozialschmarotzer” betrifft: Wenn sich das auf unsere türkischen Mitbürger beziehen sollte, ist vielleicht der Hinweis interessant, daß Deutschland in den letzten zwei Jahren ein Wanderungsdefizit mit der Türkei hatte. Mit anderen Worten: Es sind mehr Leute von Deutschland in die Türkei gezogen, als von der Türkei nach Deutschland. Da kaum Deutsche “ohne Migrationshintergrund” in die Türkei ziehen, kann das eigentlich nur heißen, daß zunehmend Türken zurück nach Hause gehen. Warum auch immer.

Details zu Wanderungsströmen von/nach Deutschland:

http://miscellaneous-economic-ramblings.blogspot.com/2009/03/german-migration-where-to-and-why.html

68 guggel 12. Mai 2009 um 22:10

Uh, die WO, und die druckt sowas? Da steckt doch was dahinter! Wahrscheinlich Wahlkampftataktig von wegen “Angie” unterstützen. Und hier ganz speziell das “gespielte Bedürfnis” von Angie gegen ihre eigene Partei Steuersenkung durchzusetzen…

Ist natürlich alles nur Show und deswegen steht dann auch mal so eine Studie in der WO. Yes, we pan (the German Volk)!

69 froZ 12. Mai 2009 um 22:11

Ich denke auch, daß die Idee, über Zuwanderung die Sozialkassen zu sanieren, nicht trägt. Dahinter steht ja der Gedanke: Laß die anderen Länder mal die Ausbildung finanzieren, wir nutzen dann die Arbeitskraft. Selbst wenn man das O.K. findet, es wird in D nicht funktionieren, jedenfalls nicht mit hochqualifizierten und integrationswilligen Zuwanderern, die hier dann hohe Einkommen erzielen und versteuern. Die haben nämlich die Wahl, und man sollte ein Problem nicht unterschätzen, das Mark Twain folgendermaßen beschrieb:

“Ein halbwegs talentierter Mensch kann Englisch in 30 Tagen lernen, Französisch in 30 Wochen und Deutsch in 30 Jahren.”

Und da, wo es wirklich Zuwanderung qualifizierter Leute aus einem kulturell nahestehenden Raum gab, nämlich bei den Rußlanddeutschen, waren wir ja nicht mal in der Lage, dies adäquat zu nutzen: Nein, deren Qualifikationen wurden systematisch entwertet, für die allermeisten war die Ankunft in der neuen Heimat mit einem massiven sozialen Abstieg verbunden, und das wäre in diesem Ausmaß vermeidbar gewesen.

“Apokalyptisch” sind die demographischen Prognosen übrigens nicht für die Ukraine und Bulgarien, sondern für Schwarzafrika und einige islamische Länder wie den Jemen…

70 Thomas 12. Mai 2009 um 22:15

Zitat: “Apokalyptisch sind die demographischen Prognosen übrigens nicht für die Ukraine und Bulgarien, sondern für Schwarzafrika und einige islamische Länder wie den Jemen.”

Hängt halt immer davon ab, was man unter “apokalyptisch” versteht… Wieviele Kinder hat die typische jemenitische Frau? 5? 6? 7? Noch mehr?

71 Watawah 12. Mai 2009 um 22:18

@ Michael # 66

“Die Fehler der Politik liegen klar auf der Hand. Also, Lösungen bitte.”

Einen Lösungsvorschlag hat HAM hier vorgestellt:

http://www.weissgarnix.de/?p=2157

unter # 79

Und bevor mir nun wieder hundert “wenn, aber und naja” dazu einfallen, den Vorschlag finde ich bestechend gut.

72 unwissender 12. Mai 2009 um 22:20

@Alle

Meine Herren, ….. bei allem Respekt!

- da hilft nur noch eins – ! :-)

http://www.youtube.com/watch?v=WQF0ZuL8vus&feature=related

73 Michael 12. Mai 2009 um 22:26

@67 Thomas
Wir sind irgendwie nicht auf derselben Wellenlänge. Ich meine doch keine Türken. Kein deutsches Stahlwerk würde ohne die noch laufen. Aber das diskutiere ich jetzt nicht mehr weiter. Ohne die Türken hätte die Bundesrepublik echte Probleme.

74 Louis 12. Mai 2009 um 22:33

Was haltet ihr von einer Mehrgeldsteuer?

Das ist die Idee einer Abgabe auf jede Form von verbrieften Geldansprüchen, d.h. jede Form neu geschöpften Geldes, das ja wie gesagt zu der Geldblase geführt hat und immer auch Inflation bewirken kann. Die Mehrgeldsteuer setzt direkt am Kern des Problems an. Eine Mehrgeldsteuer würde von jedem, der „Geldansprüche“ ausgibt, seien dies Aktien, Schuldverschreibungen, Genussscheine, Zertifikate, Anleihen oder was auch immer und jedem der „verbriefte Geldansprüche“ erzeugt, in dem er einen Kredit aufnimmt, eine jährliche Abgabe auf den Gesamtbetrag einfordern. Die Höhe der Steuer richtet sich nach der Leistungsfähigkeit, dem Rating. Ein gut bewerteter Investor müsste dabei mehr zahlen als bspw. ein Mittelständler für einen Firmenkredit oder eine Privatperson für einen Hypothekenkredit und die sowieso höhere Zinsen zahlen als der Investor. Man kann also bestehende Regelungen nutzen (Rating) und gleicht die Unfairness des Marktes aus, die den leistungsfähigsten Akteuren auf Kredite niedrige und den weniger leistungsfähigen Marktteilnehmern höhere Zinsen abfordert

75 froZ 12. Mai 2009 um 22:39

@ Thomas

Ich beziehe mich auf Gunnar Heinsohn: “Söhne und Weltmacht”, da gibt es keine Angaben zur durchschnittlichen Kinderzahl, sondern zum derzeitigen Anteil der Unter-15-Jährigen an der Gesamtbevölkerung. Einige Zahlen dafür:

Jemen 47%, Mali 48%, Sudan 45%, Saudi-Arabien 42%, Irak 41%, Palästina 47%, Niger 49%, Uganda 51%.

Iran – interessanterweise nur 32%. (Die haben das Problem früher in den Griff bekommen, vielleicht ein Anlaß für Optimismus hinsichtlich der politischen Entwicklung nach Ahmadinedschad.)

In Europa: Deutschland 15%, Spanien 14%, Italien 14%, Schweden 18%, Frankreich 18%, Ukraine 16,5%, Bulgarien 15%.

76 Michael 12. Mai 2009 um 22:50

@71 Watawah
Das sähe ich nicht ganz so pessimistisch wie der Artikel ist.

Eine steuerfinanzierte Einheitsrente als Basisrente, gut. Dazu führen wir eine Rentensteuer ein. Schaffen die Ökosteuer ab. Das geht in die Rentensteuer ein. Jetzt das Problem. Beamte, Staatsdiener, zahlen dann auch Steuern, vom Bettler bis zum Millionär, jeder, der ein Einkommen hat, zahlt meinetwegen 35 % seines Einkommens als Rentensteuer. Dafür bekommt er als Gegenleistung eine Rente, mit der er in Würde leben kann. Aber ich glaube, als Politiker fände ich damit keine Mehrheiten. Mir persönlich würde das gefallen, aber es wäre etwas utopisch.

Für mich ist die Krise zur Zeit noch bei den Banken ein Risiko von ungeklärten 550 Mrd. $ bei US-Banken und von ungeklärten 995 Mrd. $ bei europäischen Banken.

Ich wäre nicht bereit, bei fallenden Löhnen die Renten stabil zu lassen oder gar anzuheben. Das sind Kosten, die ich nicht gegenfinanzieren kann. Das belastet sogar meine Währung.

Warum sähe ich das dann nicht pessimistisch ? Weil ich das machen würde, was Obama vorhat. Steinbrück liegt falsch. Er muß die Steuern der Unternehmen mit Konten in Steueroasen unter die Lupe nehmen. Deshalb müssen diese Oasen trockengelegt werden. Das sind gewiß nicht unsere eidgenössischen Nachbarn.

Aber zunächst müssen wir mal sehen, wie wir die Bankenkrise meistern, das Tal der Tränen ist noch nicht durchschwommen.

77 Watawah 12. Mai 2009 um 23:04

@ Michael # 76

Hm, ich meine, kann das aber natürlich nicht mit Zahlen unterfüttern, daß die prognostizierten 35 % wenn es über alle Einkommen, also ja alle darunter fallende Einkunftsarten, geht, diese nicht nur die Rentensteuer bedienen müßte, da wäre bestsimmt noch was über. Damit könnte man eigentlich auch den Rest auf seiner (HAM) Rechnung finanzieren.

Obama hat vor… genau, dürfte schwer genug fallen und da Steinbrück, EU+Co. nicht mitmachen wollen, dürfte sein Vorhaben, so es denn wirklich eins ist, nicht leichter werden.

Ich frag’ mich immer, wie lange der noch zu leben gedenkt.

Doppelbesteuerungsabkommen hin oder her, kann man da nicht auch etwas machen, wir haben uns doch sonst so miesepampich mit unserem Staatsbürgerschaftsrecht.

Solange also Brüssel noch nicht die Entscheidungsgewalt hat, ich hoffe auf die Iren, sollten wir vielleicht da etwas tun. Wer Deutscher ist und das bleiben will, egal wo er gerade ist, der darf sich auch hier beteilgen, denn schließlich würde sich der Deutsche Staat ja auch immer für ihn einsetzen (müssen).

78 Bernhard aus Frankfurt 12. Mai 2009 um 23:16

@pescobar, #33: Wie kann man nur schreiben Hartz-IVler zahlen keine Steuern. Das gilt für die Einkommenssteuer. Sehr wohl aber zahlen Hartz-Vler Steuern!

Und zwar über den Konsum:
1. MWST und
2. andere Steuern, die in die Preisgestaltung einfließen.

Irgendwie erscheint mir dieser Beitrag sinnbefreiheit. Vielleicht schaffst Du ja mich über den tieferen Sinn Deines Beitrages aufzuklären. Stehe ich vielleicht auf irgendeiner Leitung?

79 Watawah 12. Mai 2009 um 23:19

Nochmal zu # 76

Der Vorschlag ging ja gerade von der Entkopplung der Belastung durch Sozialabgaben ausschließlich auf die Arbeitskosten aus.

Also die Löhne selbst würden wenigstens deshalb nicht weiter runter gehen. Hätte auch den Vorteil, daß AN besserer Qualifikation später entsprechend besser Ansprüche haben.

Und die Bankenkrise zeigt ja , daß es auch Personen treffen könnte, die auch heute noch nicht in Traum daran denken, einmal vor dem Nichts zu stehen, incl. ihrer Firmen – die hätten dann auch etwas davon, die wollen ja zukünftig auch nicht verhungern, oder wie sagt ihr Männer “einen Sackstand machen müssen”, wenn sich ihre private Altersvorsorge in kalte Luft aufgelöst hat….

80 Michael 12. Mai 2009 um 23:28

@71 Watawah Ergänzung
Bei den 35 % meine ich Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil. Lassen wir mal das Arbeitseintrittsalter 20 sein, das Renteneintrittsalter 60, die Lebenserwartung 80. Das ginge so auf, aber irgendwelche versicherungsfremden Leistungen, z.B. Zahlungen an das Ausland wären definitiv nicht drin. Das Problem bestünde dann darin, das wir zunehmend eine “offene Gesellschaft” sind. Wie verrechne ich Rentenansprüche von Leuten, die nie einen cent eingezahlt haben, aber hier irgendwie mit einem Alter von 64,5 eingebürgert wurden ? Heute ist es noch schlimmer. Wir zahlen an das Ausland und unsere “Sozialschmarotzer” sind Leute, die als Rentner einwandern und Renten beziehen. Das kann unser umlagefinanziertes System überhaupt nicht verkraften können.

Natürlich wären auch unsere “Auswanderer ” irgendwie zu berücksichtigen. Also so einfach mal so wäre das auch nicht machbar. Aber wir sollten vielleicht davon ausgehen, daß es in Kürze entweder kein Deutschland i.e.S. mehr gibt, oder kein Europa. Obwohl immer anders getan wird, denke ich, das Europa auf bisheriger Basis incl. Lissabon – Vertrag, keinen Bestand haben wird. Die Barrieren sind bedauerlich aber heftig. Uns würde ein südländischer Lebensstil bestimmt auch gefallen. Nur da gibt es auch noch Sprachbarrieren. Die realen Nachrichten aus den €U-Ländern sind mit erbärmlich zaghaft umschrieben. Mich interessiert doch wirklich einen Dreck, was in Palästina oder Israel passiert, ich weiß nichts über Frankreich, Italien, Spanien oder Portugal. Von den kleineren Ländern ganz zu schweigen. Man müßte solche albernen Gestalten wie Steinbrück also gleich in die Tonne hauen und auf eine €U-weite Lösung hinarbeiten. Schwer machbar, führen wir erst mal deie €U-Staatsanleihe von Wgn. ein, um einer gewaltigen Kraft den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Krise ist eine gute Gelegenheit.

81 Watawah 12. Mai 2009 um 23:44

“Sozialschmarotzer” in diesem Sinne ist in Prinzip jeder Ostrenter, der sicher sein Leben lang fleißig gearbeitet und eingezahlt hat, aber zu ganz anderen Bedingungen, wenn Staat dann politisch entscheidet, daß dieser im wesentlichen so behandelt wird wie ein Westrentner, aber das als Staat nicht bezahlt, kann das doch nur eine Zumutung für jeden, zb. Ruhrpottkumpel der immer brav in die GRV eingezahlt hat, sein…

Wen müßten wir denn mit 64,5 Jahren hier einbürgern, der hier nie eingezahlt hat.

Zuzug begrenzen wir seit eh und je – und die anderen, ja, deren Kinder und Kindeskinder leben hier und zahlen.

Steht und fällt allerdings wirklich wohl alles mit Lissabon-V.

Stichtagsregel würde mir vorerst als “rüde Gemeinheit” einfallen, selbstverständlich rückwirkend (vor den Tag der öffentlichen Diskussion)

So etwas wird eine längere Diskussion – muß sogar eine werden, die Außentemperatur in D wird sich dabei merklich verändern. Wäre eben nur gut, wenn die nächsten geschaffenen Tatsachen uns nicht in die Steinzeit katapultieren.

82 Goldenes Kalb 13. Mai 2009 um 07:22

Es hat sich wohl die Idee breitgemacht, dass allein die Anwesenheit ausreichen sollte, um einen Pokal zu erlangen. Das ist in der Leistungsgesellschaft aber bei weitem nicht ausreichend. Denn hier wird die Leistung, sich zu nehmen, was man nur kriegen kann, belohnt. Da ein Grossteil der Bevölkerung in ihrer Funktion einfach austauschbar oder schlicht für nichts zu gebrauchen sind, führt nun eben auf diese Einkommensverteilung. Deshalb kann ich nur allen raten, hart zu arbeiten, um zu den oberen 10% zu gehören.

83 keiner 13. Mai 2009 um 07:32

“Wen müßten wir denn mit 64,5 Jahren hier einbürgern, der hier nie eingezahlt hat.”

Den Blödsinn mit der “Rentenkasse” kann ich nicht mehr hören. Als stände da irgendwo die Schatztruhe, aus der die Rentner Goldtaler bekämen, die sie dort eingezahlt haben.

Wäre im Osten nicht die komplette Wirtschaft kollabiert (wie nun ja auch im Westen), hätten die “eingebürgerten” Jungen sehr wohl die Renten der “Ostrentner” finanzieren können. Es traten ja nicht nur die Rentner der BRD bei!

Aber da dann die Industrie im Osten eingedampft wurde, musste der Westen (auch) die Renten im Osten bezahlen, mit massivem Wohlstandsverlust. In der “Wohlstandsliste” sind viele Länder mittlerweile an Deutschland vorbeigezogen.

Mal eine Frage: Wo findet man eigentlich Details zu der OECD-Studie? Mich interessieren die Zahlen für ein paar andere europ. Länder…

84 keiner 13. Mai 2009 um 07:37

“Da ein Grossteil der Bevölkerung in ihrer Funktion einfach austauschbar oder schlicht für nichts zu gebrauchen sind,…”

Uiii, da weiß es aber einer genau! Und warum gibt es in Deutschland keinen humanen Niedriglohnsektor, wie in vielen anderen Ländern? Warum müssen sich solche Menschen von Lidl und anderen Verbrechern traktieren lassen? Deutschland hat eine weitgehend entmenschlichte und extrem lebensfeindliche Arbeitswelt.

Das nationalsozialistische Gedankengut (vom “Sozialschmarotzer” bis zum “unnützen Esser”) wurde hier niemals richtig abgelegt…

85 Watawah 13. Mai 2009 um 08:06

Guten Morgen @ Keiner

Ich bin doch selbst “nur” aus dem Westen von Polen, der schon deutsch spricht, weil er wohl beizeiten schwimmen konnte ;-)

Mir ging es nur darum, auf den Unterschied zwischen Versicherungsleistung und Steuerfinanzierung hinzuweisen.

Es ist alles teile und herrsche – divide et impera.

Manchmal wünsche ich mir sogar, daß einige mal von ihrem hohen Roß runterfallen, so ganz schnell, tief und mit Haxen- oder Genickbruch.

Aber dann erschrecke ich – wäre ich dann besser, menschlicher als diese…

Also müde lächeln – solche Probleme lösen sich oft von selbst.

86 Watawah 13. Mai 2009 um 08:20

@ Keiner

Schau einmal bitte hier —>

http://www.oecd.org/document/42/0,3343,de_34968570_34968795_40832618_1_1_1_1,00.html

vielleicht findest Du dort, was Du suchst.

87 Perpetuarius 13. Mai 2009 um 09:05

@Thomas { 12.05.09 at 16:51 }

> Definiere doch bitte den Begriff “Bruchteil”: Ab wieviel % in einem
> Land ist es kein “Bruchteil” mehr?

Das ist recht willkürlich festzulegen. Sagen wir einfach in keinem Land mehr als 12 Prozent des Umsatzes und dabei in in allen Regionen vertreten.

Selbst wenn z. B. CocaCola 25 Prozent seines Umsatzes in den USA machen sollte, fiele es für mich in diese Definition. Übrigens ein weiteres gutes Beispiel für eine one-product-company.

Perpetuarius

88 SQN 13. Mai 2009 um 09:11

@ 87

Ich wüsste mal gerne, was das bringen soll? Die USA sind ein riesiger Markt, und Coke mag mehr als 12% seines Umsatzes dort machen – trotzdem wäre es abwegig zu behaupten, Coke sei kein Global Player.

Da die Länder (und die Volkswirtschaften) alle unterschiedlich groß sind, ist die Maßgabe “in keinem Land mehr, als x%” absolut sinnlos.

89 Nanuk 13. Mai 2009 um 09:50

Technikfolgenabschätzung will am Mittwoch, dem 13. Mai 2009, mit sieben Sachverständigen Aspekte der Föderalismusreform II im Bereich Bildung und Forschung erörtern. Für die Anhörung sind zwei Stunden angesetzt. Gegenstand sind die beiden Gesetzentwürfe von CDU/CSU und SPD, die sich zurzeit in der Ausschussberatung befinden. Unter anderem ist vorgesehen, eine “Schuldenbremse” für die öffentlichen Haushalte in das Grundgesetz aufzunehmen.

Live-Übertragung im WebTV ab 11.00 Uhr.

Jetzt schaut euch das wieder an…

* Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Battis, Juristische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin
* Prof. Dr. Michael Hüther, Institut der deutschen Wirtschaft, Köln
* Uwe Lübking, Deutscher Städte- und Gemeindebund e.V.
* Dr. Irene Seling, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
* Prof. Dr. Peter Strohschneider, Wissenschaftsrat
* Henry Tesch, Kultusministerkonferenz
* Ulrich Thöne, Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Frankfurt am Main

Kein Philosoph kein Kulturwissenschaftler und von Weissgarnix.de sowieso keiner…

Da ich heute etwas Zeit hab werd ich mir das jetzt geben…

90 Hr.Lohmann 13. Mai 2009 um 10:20

Na da wird Herr Lorenz mit seinem Hängebauch aber gequält auflachen.

91 HAM 13. Mai 2009 um 10:28

Da ich seit über einem Jahrzehnt sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz lebe, habe ich die Möglichkeit, die Entwicklungen in diesen Ländern jeweils zugleich aus der Innen- wie Außenperspektive zu vergleichen.

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass die Entwicklung in D und in der CH nicht parallel, sondern als Schere verläuft: in D geht es ständig abwärts, in der CH gibt es ökonomisch geringes Wachstum.

Der Einfachheit möchte ich den Vergleich auf 3 Ebenen vornehmen, nämlich
a) Kaufkraft der Löhne
b) öffentlicher Wohlstand
c) kulturelle Entwicklung, insbesondere Bewusstseinsentwicklung

zu a)
Nach meiner Faustregel sind in der CH die Löhne im Bereich der Mittelschichten im Vergleich zu D nominell derzeit doppelt so hoch, gemessen an der Kaufkraft der Nettolöhne dürften sie ca. ein Drittel höher liegen.
z.B.
60.000 € Job in D wird in CH bezahlt mit 180.000 Fr.
180.000 Fr. in CH entspricht der Kaufkraft von 80.000 € in D

zu b)
Das öffentliche Wohlstandsniveau (vgl. Perpetuarius #32) liegt in der CH wesentlich höher.
z.B. Bildungswesen: Schulen, Hochschulen, Kindergärten, Gesundheitsversorgung; öffentliche Verwaltung -> Kundenservice, Personalausstattung: Straßenverkehr: öffentliche Verkehrsmittel, Straßenzustand etc.
Infrastruktur, z.B. Schwimmbäder

c) kulturelle Entwicklung, insbesondere Bewusstseinsentwicklung
Die CH ist nach wie eine bürgerlich-demokratische Gesellschaft mit individuellem Verantwortungsgefühl für das Gelingen des Ganzen, zivilisierten Umgangsformen etc. Ähnlich vielleicht wie in D um 1970. Die Einkommensunterschiede sind wesentlich moderater. Es gibt einen breiten Mittelstand. Etc.

In Deutschland gibt es seit drei Jahrzehnten nur Abwärtsbewegung. Kulturell ist Deutschland völlig heruntergekommen. Die Gesellschaft wird als Steinbruch behandelt, in dem sich jeder etwas herausbricht, ohne Rücksicht auf die negativen Konsequenzen fürs Ganze. Überall ist Mobber-Mentalität verbreitet. Geiz ist geil. Die Bevölkerung ist nahezu komplett verblödet, und zwar durch alle Schichten. Man muss sich nur die Kommentare in FAZ, WELT, SPIEGEL etc. anschauen. Die aufgeklärten und mündigen Bürger sind bis auf wenige Restexemplare verschwunden. Politisches Bewusstsein: katastrophal.

Was mich am meisten nervt, ist, dass die BRD-Gesellschaft sich in einem kognitiven Zustand befindet, der an Alzheimer-Kranke erinnert. Damit meine ich den ständigen Rückfall von einem erreichten Bewusstseinszustand in den Vorzustand. Da wird z.B. die Annahme einer linearen Kausalität zwischen dem Verhältnis von Erwerbsbevölkerung und Rentneranteil einerseits und dem Wohlstand beider widerlegt. Weil hier mehrere Faktoren zum Tragen kommen. Das wird breit ausdiskutiert. Und nach einer gewissen Zeit werden wieder die als reduktionistisch widerlegten Kausalhypothesen eingebracht, als hätte es zuvor die Diskussion nicht gegeben. Dieser Gedächtnisschwund ist doch eindeutig psychopathologisch. Oder?

Aber so geht dies mit allen möglichen Themen. Auch im Arbeitsprozess. Das ist so eine Art Bewusstseinshamsterrad. Diskussionen machen dann irgendwann keinen Sinn mehr, genauso wenig wie es Sinn macht, mit einem Süchtigen zu diskutieren.

Eine solche Gesellschaft weist einen psychologischen und kognitiven Totalschaden auf. Hier kann es keine Fortentwicklung geben. Eine solche Gesellschaft befindet sich in einem Prozess kollektiver Regression, nicht nur ökonomisch, sondern soziokulturell.

Einfachste Zusammenhänge werden nicht mehr erkannt. In jedem Wirtschaftssystem, welcher einigermaßen rational konzipiert ist, gibt es eine elementare Kausalität: technologischer Fortschritt setzt sich in zunehmenden Wohnstand der Bevölkerung um.
Eine mechanisierte Landwirtschaft bringt mehr Ertrag als eine nicht mechanisierte. Wenn ein Bauer mit Traktor und Mähdrescher weniger erwirtschaftet als mit Pferdepflug und Sense, dann stimmt etwas nicht. Dann macht er etwas falsch. Denn er setzt die gestiegene Produktivkraft nicht in entsprechende Erträge um.

Wenn in einem Wirtschaftssystem trotz – vielleicht sogar: wegen – des technologischen Fortschritts es zu einem sinkenden Wohlstand der Bevölkerung kommt, dann ist das System falsch.

Und jeder Mensch mit geistiger Gesundheit würde daraus die Konsequenz ziehen, dass dann das System geändert werden muss.

Aber nein. Die komplette Gesellschaft funktioniert wie ein Süchtiger. Der sagt auch immerzu, dass er es einsieht, dass es so nicht weitergehen kann, irgendwann kommt der totale Zusammenbruch, aber er macht immer weiter.
Der Trinker hört erst auf, wenn Organfunktionen versagen und er ins Delir kommt. Der Spielsüchtige hört erst auf, wenn er nicht mehr an Geld kommt. Wenn es absolut nicht mehr geht. Erst dann ist für ihn Game Over. Zuvor hat er sein Vermögen verspielt, alle möglichen Leute angepumpt, Bekannte und Verwandte beklaut, Betrugsdelikte begangen etc.

Mein Eindruck ist, dass diese Gesellschaft genauso weiter macht. Bis es nicht mehr geht.

92 Nofollow 13. Mai 2009 um 10:34

No
Falls Sie nach Klicken von “Submit” eine Fehlermeldung erhalten,

93 froZ 13. Mai 2009 um 10:43
94 Watawah 13. Mai 2009 um 10:52

@ HAM

Aus Deinen Beiträgen habe ich bisher immer Optimismus gezogen – und nun, was machst Du jetzt …

Hier in D kommen sich auch die kleinsten Lichter so unsagbar groß vor, ein Blick auf ihr Konto und wenn’s das von Oma ist, genügt.

Es ist die alte Sinn-Diskussion von Verantwortung und die Einsicht, daß der Mensch ein soziales Wesen ist, allein kriegt der nix auf die Reihe – aber um das zu begreifen, müssen wohl wirklich viele erst auf sich zurück geworfen sein.

Mir tut’s dabei leid um jeden Menschen, wieviel einfacher könnten sie/wir es haben, wenn die Gehirnwindungen entsprechend Funktionalität und Übung auch benutzt werden würden.

So ist es der ewige Run einiger gegen die schreiende Unvernunft anderer.

“Was tun” – sprach schon Lenin und schrieb ein dickes Buch…

95 Nanuk 13. Mai 2009 um 10:57

@HAM
Ich warte noch die Wahlen ab wenn sich danach nichts ändert dann verkauf ich… und hau ab.Wenn eine Gesellschaft sich zum Untergang verschworen hat ist es Zeit zu gehen.

96 unwissender 13. Mai 2009 um 11:07

@Nanuk

Warum?
Untergang kann auch Spaß machen!

http://www.youtube.com/watch?v=WQF0ZuL8vus&feature=related

97 Watawah 13. Mai 2009 um 11:16

@ Nanuk

Ich möchte manchmal auch einfach weglaufen; mich verkriechen, abgesehen davon, daß ich nicht einmal wüßte wohin, weiß ich, daß es mir auch nicht sehr gefällt, Elend mit Abstand zu betrachten…

98 staph.aureus 13. Mai 2009 um 11:22

Nanuk, geh doch nach drüben !

ab EUR 25.000 beginnt das glückliche Leben auf dem Lande:

http://www.immobilienscout24.de/immobiliensuche/brandenburg/bauernhof.htm

99 ein Untertan 13. Mai 2009 um 11:25

@ HAM 91
Zitat: “Und jeder Mensch mit geistiger Gesundheit würde daraus die Konsequenz ziehen, dass dann das System geändert werden muss.”

Dazu Ernst Haeckel 1899 Die Welträtsel: mit kleinen Anmerkungen und nicht kursiv

[Start Auszug:]
… Beginnen wir unsere Rundschau mit der Justiz, dem „Fundamentum regnorum“. Niemand wird behaupten können, dass deren heutiger Zustand mit unserer fortgeschrittenen Erkenntnis des Menschen und der Welt in Einklang sei. Keine Woche vergeht, in der wir nicht von richterlichen Urteilen lesen, über welche der „ gesunde Menschenverstand“ bedenklich das Haupt schüttelt; viele Entscheidungen unserer höheren und niederen Gerichtshöfe erscheinen geradezu unbegreiflich. Wir sehen davon ab, dass in vielen modernen Staaten – trotz der auf Papier gedruckten Verfassung – noch tatsächlich der Absolutismus herrscht, und dass manche „Männer des Rechts“ nicht nach ehrlicher Überzeugung urteilen, sondern entsprechend dem „höheren Wunsche von maßgebender Stelle“…

( Anm. !vor 1899, war es also auch schon so, dass man etwas nicht behaupten konnte, wir sehen also davon ab, und schauen nicht hin, welches der Realität entspricht.)

… Wir nehmen viel mehr an, dass die meisten Richter und Staatsanwälte nach besten Gewissen urteilen und nur menschlich irren. Dann erklären sich wohl die meisten Irrtümer durch mangelhafte Vorbildung. Freilich herrscht vielfach die Ansicht, dass gerade die Juristen die höchste Bildung besitzen: werden sie ja doch gerade deshalb bei der Besetzung der verschiedensten Ämter vorgezogen. Allein diese viel gerühmte „juristische Bildung“ ist größtenteils eine rein formale, keine reale…

… das beweisen z.B. die wunderlichen Ansichten von „Willensfreiheit, Verantwortung“ usw., denen wir täglich begegnen… Den meisten Studierenden der Jurispudenz fällt es gar nicht ein, sich um Anthropologie, Psychologie und Entwicklungsgeschichte zu kümmern, die ersten Vorbedingungen für richtige Beurteilung des Menschenwesens. Freilich bleibt dazu auch „keine Zeit“; diese wird vielfach nur zu sehr durch das gründliche Studium von Bier und Wein in Anspruch genommen sowie das „veredelnde“ Mensurenwesen. Der Rest der kostbaren Studienzeit ist notwendig, um die Hunderte von Paragraphen der Gesetzbücher zu erlernen, deren Kenntnis den Juristen zu allen möglichen Stellungen im heutigen Kulturstaate befähigt…
… Das leidige Gebiet der Politik wollen wir hier nur ganz flüchtig streifen, da die unerfreulichen Zustände des modernen Staatslebens allbekannt und jedermann täglich fühlbar sind. Zum großen Teile erklären sich deren Mängel daraus, dass die meisten Staatsbeamten eben Juristen sind, Männer von ausgezeichneter formaler Bildung, aber ohne jene gründliche Kenntnis der Menschennatur… „Bau und Leben des sozialen Körpers“ d.h. des Staates, lernen wir nur dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche Kenntnis von „Bau und Leben“ der Personen besitzen, welche den Staat zusammensetzen, und der Zellen, welche jene Personen (Volk) zusammensetzen. Wenn diese unschätzbaren biologischen und anthropologischen Vorkenntnisse unsere „Staatslenker“ besäßen und unsere „Volksvertreter“, die mit ihnen zusammenwirken, so würde unmöglich in den Zeitungen täglich jene entsetzliche Fülle von soziologischen Irrtümern und von politischer Kannegießerei zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte und auch viele Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen.
Das schlimmste ist, wenn der moderne Kulturstaat (Anm. damals war er es noch) sich der kulturfeindlichen Kirche in die Arme wirft, und wenn der bornierte Egoismus der Parteien, die Verblendung der kurzsichtigen Parteiführer die Hierarchie unterstütz. Dann entstehen so traurige Bilder, wie sie uns leider am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts der deutsche Reichstag vor Augen führt. (Anm. das ist heute kein Deut besser): die Geschicke des gebildeten deutschen Volkes in der Hand des ultramontanen Zentrums, unter der Leitung des römischen Papismus, der sein ärgster und gefährlichster Feind ist. (Anm. da ist noch ein viel gefährlicher hinzugekommen) Statt Recht und Vernunft regiert dann Aberglaube und Verdummung…
… Soll der moderne Kulturstaat geistlich oder weltlich sein? Soll er theokratisch durch unvernünftige Glaubenssätze und klerikaler Willkür, oder soll er nomokratisch durch vernünftige Gesetze und bürgerliches Recht geleitet werden? Die Hauptaufgabe ist, unsere Jugend zu vernünftigen, vom Aberglauben befreiten Staatsbürgern heranzuziehen, und das kann nur durch eine zeitgemäße Schulreform geschehen… (Anm. wir befinden uns im Jahre 1899)
… Aus diesen bedauerlichen, hier nur kurz angedeuteten Gegensätzen ergeben sich für unser modernes Kulturleben schwere Konflikte, deren Gefahr dringend zur Beseitigung auffordert…
… Von den drei großen Feindinnen der Vernunft und Wissenschaft, ist die gefährlichste nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und noch mehr die Trägheit. Gegen diese beiden letzteren Mächte kämpfen selbst Götter dann noch vergebens, wenn sie die erstere glücklich überwunden haben…
[ Auszug Ende]

soviel zum Thema geistige Gesundheit

100 Watawah 13. Mai 2009 um 11:37

@ ein Untertan # 99

Danach kamen 2 Weltkriege und “die Menschen” haben es immer noch nicht begriffen…!!!

101 froZ 13. Mai 2009 um 11:39

staph., das ist nun wirklich sowas von deprimierend. Die jungen Leute sind in den Westen weggezogen, oder auch gleich nach Österreich, Norwegen… und verramschen jetzt ihr Erbe im Osten für ‘n Appel und ‘n Ei. Und außerhalb der wenigen Ballungszentren im Osten hat kaum jemand die finanziellen Möglichkeiten, solche Objekte zu erwerben und instandzuhalten. Aber daß der große Ausverkauf jetzt auch schon vor den Toren Berlins stattfindet, überrascht mich dann doch.

102 Nanuk 13. Mai 2009 um 11:42

@staph.aureus

In Brandenburg gibt es doch Wölfe wie sind denn die Preise in Mecklenburg?

Btw wo droht denn der Demographische Kollaps da kann ich dann mit meiner KTM durch die Wälder heizen sind ja in ein paar Jahren eh alle taub… :)

103 Nanuk 13. Mai 2009 um 11:43

@froZ

Jetzt ist Zeit einzusammeln…

104 Watawah 13. Mai 2009 um 11:47

Vergiß es Nanuk, hier gibt’s so nette Schilder an Waldrändern, die ich früher für völlig unmöglich gehalten hätte:
“Betreten verboten, Privat”

105 Ein Alter 13. Mai 2009 um 11:48

Sarrazin ist eine ideologische Dampframme:

http://www.ftd.de/politik/deutschland/:Thilo-Sarrazin-Kinder-kann-kriegen-wer-damit-fertig-wird/513060.html

Jeder der diesen Mann ernst nimmt wird kein Geld mehr ausgeben.
Wer hat erlaubt das dieser Mann eine führende Position ausfüllen darf?

106 ein Untertan 13. Mai 2009 um 11:50

@ Watawah #100

genau so ist es. Dieses System rafft sich selbst dahin. Ist eben der Lauf der Zeit. Man kann alles übertreiben und tod diskutieren. Les mal Rudolf Steiner “der soziale organismus”.
Aber egal, ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Planet monetär aus den Angeln gehebelt wird.

107 Watawah 13. Mai 2009 um 11:51

@ Ein Alter

“Wir”.

…weil wir nicht in der Lage sind uns mal gegen Dumpfbacken durchsetzen zu wollen.

108 Nanuk 13. Mai 2009 um 11:53

Ach das noch in Leipzig kann man auch billig shoppen gehen… Wenn man was übrig hat.

http://www.immobilien-auktionen.de/de/index.html

Teilweise mit Denkmalschutz kannste noch Subventionen abgreifen..

109 Watawah 13. Mai 2009 um 11:56

Nanuk, bitte hör’ auf, ich weiß, daß ich hier im Zoo wohne, nur Eintritt will keiner zahlen…

110 Nanuk 13. Mai 2009 um 12:01

@Watawah

Preise senken dann kommen die Gäste von alleine…

111 Ein Alter 13. Mai 2009 um 12:06

Die Nervensägen sind wieder da, und sie singen Verzicht, Verzicht muss sein.

Lieferfristen für einen Maybach 2 Jahre.

112 staph.aureus 13. Mai 2009 um 12:09

froZ, Nanuk:

mein link war nicht bösartig/zynisch gemeint.
Wer sich von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen abkoppeln möchte und den Heilsversprechen unserer Sozialsysteme nicht traut, kann aussteigen und auf dem Land von seiner Hände Arbeit leben: im Grossteil unseres Planeten soll das der Normalfall sein.

Vielleicht dämmert es nun in der Krise manchem Abgewanderten, daß es vielleicht besser gewesen wäre, das Reihenhäuschen am Stadtrand von München nicht für EUR 650.000 auf Pump zu akufen.

113 Nanuk 13. Mai 2009 um 12:14

@staph.aureus
Meine Antworten auch nicht…

114 froZ 13. Mai 2009 um 12:19

@ Nanuk

“Zeit einzusammeln”… aber unter Verwertungsgesichtspunkten müßte es dann ja eine Rückwanderung zahlungskräftiger Leute nach Osten geben, die das dann wieder nachfragen. Sehe ich nicht…

Aber in Mecklenburg-Vorpommern könnte man ganze Gutshäuser kaufen, so als private Residenz, wenn man denn das Geld übrig hat:

http://immobilien.trovit.de/gutshaus-mecklenburg-vorpommern

Da gibt es jetzt wieder in größerer Anzahl den Seeadler, ich hoffe, der ist Dir sympathischer als der Wolf…

@ Watawah

Ich komme ursprünglich ja auch aus MeVo, Zwar wohne ich da seit langem nicht mehr, fühle mich der Region aber immer noch verbunden und schätze sehr die landschaftlichen Weiten, die es so in Deutschland sonst kaum gibt. Wirtschaftlich hat MeVo m. E. nicht die schlechtesten Karten, verglichen mit anderen östlichen Bundesländern. Tourismus und Landwirtschaft dürften eher krisenresistent sein, und mit 2 Universitäten und dem Max-Planck-Institut ist auch ein gewisser Forschungsschwerpunkt da. Die Werften werden freilich Probleme kriegen…

115 HAM 13. Mai 2009 um 12:26

@ Watawah #94
„Aus Deinen Beiträgen habe ich bisher immer Optimismus gezogen – und nun, was machst Du jetzt …“

Dann habe ich vielleicht nicht meine Botschaft hinüberbringen können.

Meine These ist, dass der gesellschaftliche Zustand in D sich entscheidend von dem in der CH unterscheidet. Beides sind Industriegesellschaften auf ähnlichen technologischen Stand, ähnlicher Exportorientierung etc. Aber beide Gesellschaften weisen wesentliche Unterschiede auf.

Trotz „Globalisierung“ gibt es unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten. Folglich ist eine Erklärung unlogisch, welche die (Rückwärts)Entwicklung in der BRD mit „Globalisierung“ zu begründen versucht. Denn in einer Nachbargesellschaft läuft es anderes, und diese ist genauso in die „Globalisierung“ integriert.

Schaut man nach Asien, dann wird man feststellen, dass die Menschen dort anders leben. Die schauen nach den USA und nach Europa und sagen, die Menschen dort sind wohlhabender, aber so möchten wir nicht leben.

So wie wir in den 60-er Jahren die USA betrachtet haben. So wollten wir nicht leben. Das war eine Wegwerfgesellschaft mit „Konsumterror“.

Kann sich jemand heute vorstellen, dass ein wichtiges Motiv der sog. 68-er der Kampf gegen den „Konsumterror“ war, der als kulturzerstörend erlebt wurde?
So dass radikalisierte junge Menschen sogar auf die Idee verfielen, ein Kaufhaus anzuzünden, um ei Signal im Kampf gegen den „Konsumterror“ und den Vietnamkrieg zu setzen?
http://de.wikipedia.org/wiki/Kaufhaus-Brandstiftungen_am_2._April_1968

Damals begriffen die jungen Menschen durchaus, dass zwischen dem hohen Konsumniveau in den USA und dem Vietnamkrieg ein Kausalzusammenhang besteht, den man damals begrifflich als „US-Imperialismus“ bezeichnete.

Wir wussten, was der Kapitalismus soziokulturell in den USA angerichtet hat. Wir kannten die Milgram-Experimente. Wir wussten, warum viele der Emigranten nach dem WK II wieder nach Deutschland zurückkehrten, nämlich weil sie es in den USA nicht aushielten, da es dort kein Geistesleben gab, welches mit dem in Europa vor der Nazi-Zeit vergleichbar gewesen wäre.

Das war von unserer Seite kein platter Anti-Amerikanismus. So wie die Kritik an der (Rück)Entwicklung in Deutschland nicht aus einem anti-deutschen Ressentiment entspringt.

Meine Botschaft ist eigentlich ganz simpel. Meine Empfehlung ist, sich in der Welt umzuschauen. Wer in Deutschland bleiben will, kann und soll es tun.
Ich halte mir die Option offen, es nicht zu tun. Weil ich nicht besonders auf Geisterbahnfahren stehe. Und schon gar nicht, wenn dies die nächsten Jahrzehnte so weiter gehen sollte. Für mich war es schon bedenklich genug, als unser früherer Bundeskanzler zu halluzinieren anfing und blühende Landschaften im Osten sah.

Und dann seit fast zwei Jahrzehnten dieses ständige Gerede vom Aufschwung, der irgendwann kommen soll, wo doch jemand mit kritischen Verstand sah, dass es immer weiter abwärts ging. Das erinnerte mich doch zu stark an die „Endsieg-Propaganda“ im NS-System. Wo doch jeder nach Stalingrad wusste, dass der Krieg verloren war.

Das Problem, was ich mit Deutschland seit rund 40 Jahren habe, ist, dass Phantasie und Realität nicht mehr auseinander gehalten werden. Man möchte so gern in einer heilen Welt leben. Und jede Kritik daran fernhalten.

Aber die Propaganda einer heilen Welt ist das Gegenteil von einer bürgerlichen Kultur. Denn der bürgerliches Diskurs lebt vom Widerspruch.
Aber Widerspruch will man in Deutschland nicht, zumindest nicht mehr im Deutschland der Berufsverbote.
Daher ist es derzeit in Deutschland auch nicht mehr möglich, in der medialen Öffentlichkeit intelligente Diskussionen zu führen und so zu intelligenten Lösungen zu kommen.

Glücklicherweise ist die BRD nicht die DDR. Da gibt es keine Mauer und keinen Stacheldraht herum.
Natürlich lässt es sich in Deutschland noch relativ gut leben. Nicht nur am Tegernsee bei Don Alphonso. Und nicht für alle.
Aber die Option, auch woanders leben zu können, die – so mein Rat – sollte man für sich schaffen.

116 HAM 13. Mai 2009 um 12:36

@Nanuk #102

Ja, ich glaube ich fahr heute auch ´mal eine Runde mit der BMW. Dann geht ´s einem gleich etwas besser.
:-D

117 Nanuk 13. Mai 2009 um 12:42

“Zeit einzusammeln”… aber unter Verwertungsgesichtspunkten müßte es dann ja eine Rückwanderung zahlungskräftiger Leute nach Osten geben, die das dann wieder nachfragen. Sehe ich nicht…”

Das kommt drauf an wie lang dein Zeithorizont ist…
Das das nicht in 10 Jahren passiert ist klar darum sollte man die Kohle auch übrig haben.Ist halt ein bischen Lotto… mit etwas glück ziehen Punks ein und Sanieren mir die Buden… 15 Jahre Mietfrei danach 1 Kaufsrecht.Ist doch ein Deal… ich hab 10% Rendite fürs Risiko und die Harzler haben für 15 Jahre ne Bude… und was zu tun und Bildung gibt es auch noch dabei.

Man muss nur mal “out off the box” denken… und das Arbeitsamt gibt die Kohle für Miete den Harzlern für die Sanierung…

118 Watawah 13. Mai 2009 um 12:52

“Aber die Option, auch woanders leben zu können, die – so mein Rat – sollte man für sich schaffen.”

(Optionen nimmt mein Nick-Postkasten bei gmail.com gern entgegen.)

Wir sind wieder bei dem Thema Freiheit als ökonomische Kategorie und vielleicht auch beim Thema Feigheit. Ich habe diese Wohnung hier auch schon nur als “Stützpunkt” benutzt, um dann ganz woanders in D zu arbeiten.

Wenn ich mich entschließe wegzugehen, dann wäre das ein Abschied für immer, wenigstens ein Abschied ohne Wiederkehr nach D. Mich hält hier nur der Friedhof, sorry, weil der theoretisch zur Hälfte mir gehört, liegt ja die ganze Sippe drauf und die Reste sozialistischer Beziehungen, sprich Nachbarschaftskontakte, die ich so, bisher nie woanders fand.

Den “Flattermann” wegen der evtl. Sprachbarrien würd’ ich schon irgendwie in den Griff bekommen.

Trotzdem habe ich immer noch “Schiß” vor der Entgültigkeit, die ja so oder so kommt…

119 HAM 13. Mai 2009 um 13:02

@ein Untertan #99
„Von den drei großen Feindinnen der Vernunft und Wissenschaft, ist die gefährlichste nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und noch mehr die Trägheit.“

Angst und Feigheit würde ich noch nennen wollen. Und bei den Deutschen das „Hündische“, worauf besonders Niklas Frank („Der Vater: Eine Abrechnung“) hingewiesen hat. Das Autoritär-Unterwürfige. Der Untertan sucht sich einen starken Herrn, dessen Gunst er erlangen will, um dann dessen Günstling zu sein.

Dann entstehen diese „Günstlingswirtschaften“, durch welche Deutschland nach dem Untergang der anti-autoritären Revolte gekennzeichnet ist. Hier gibt es kein Entwicklungsziel „Zivilcourage“ mehr. Wir werden beherrscht von Opportunisten und Wendehälsen.

Das „hündische Charakter“ hat bei den Deutschen verhindert, dass es jemals zu einer bürgerlichen Gesellschaft kam. Hunde funktionieren nur in einem Überordnungs-Unterordnungs-Schema.

120 Watawah 13. Mai 2009 um 13:06

@ froZ # 114

Natürlich ist die Landschaft schön, auch hier im nordöstlichen Brandenburg – Naturschutzpark “Unteres Odertal” und es gibt sogar großen Flecken Industrie am Ort. Aber davon allein kann der Mensch nicht leben und hier werden die Menschen genauso egoistisch wie wohl überall in D.

“Die” haben mich 1997 angeguckt, als hätt’ sie der Schlag getroffen, als ich auf die Frage, wie ich mich freiwillig auf so einen Wackelpudding-Deich stellen kann, antwortete: “Menno, Leute, doch besser ich, als Vater und Mutter von 3 Kindern.”

Da kommt man dann offensichtlich von einem anderen Planeten.

121 froZ 13. Mai 2009 um 13:07

@ Nanuk

“Das kommt drauf an wie lang dein Zeithorizont ist…”

Ja, er ist leider an die Lebenserwartung gebunden, ich will ja keine Immobilie haben, um dann als Untoter darin umherwandeln zu können.

Außerdem, wieviel Fläche braucht man schon? Du kennst doch gewiß auch den hier:

http://de.wikipedia.org/wiki/Wieviel_Erde_braucht_der_Mensch%3F

122 Watawah 13. Mai 2009 um 13:13

Hужно? Braucht man wirklich?

Ich muß jetzt jedenfalls erstmal weg – bis später.

123 Zykliker 13. Mai 2009 um 13:58

@HAM

interessante Diskussion; ich sehe die Zustände ähnlich, möchte einige Erklärungsversuche einbringen, Lösungen habe ich kaum anzubieten.

1. D hatte enorme Wiedervereinigungslasten zu tragen im Gegenzug zu CH; das ist sicher alles andere als ideal verlaufen – will ich auch gar nicht diskutieren – aber die Kosten waren und sind zu tragen, im Zweifel von denen, die sich die Belastung gefallen lassen.

2. D hat sich im Gegensatz zu CH bis 1974 eine kurzsichtige Zuwanderungspolitik geleistet, deren Folgen heute überall zu besichtigen sind; ich habe ja um Gottes willen nichts gegen “Menschen mit Migrationshintergrund”, aber: man hat die Leute als billige Arbeitskräfte ins Land geholt, und dann einfach sich selbst überlassen; keine Integration, kein ernsthaftes Bemühen der Gesellschaft, dann auch entsprechende Beschäftigung zu ermöglichen, als die Konjunktur einbrach und sich nicht mehr genügend erholte, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten. Ich habe den Verdacht, daß der Oberschicht die sozialen Brennpunkte – die es in CH aufgrund seiner rigiden Ausländerpolitik in diesem Ausmaß wohl nicht gibt – als Disziplinierungsmittel sehr gelegen kommen.

Wenn ich mir die Hauptschulen anschaue, wie dort gerade fast eine ganze Generation “vor die Hunde geht”….

Wir diskutieren richtigerweise, die Finanzierung der Sozialsysteme auch über Zuwanderung zu sichern, aber wir leisten uns den Luxus, das Potenzial der bereits Zugewanderten zu ignorieren (freilich kann ein 50jähriger arbeitsloser Hilfsschlosser – egal wo er geboren wurde – nicht ohne weiteres zum …. qualifiziert werden, aber seinen Kinder und Enkel erben in diesem Land seinen sozialen Status und seine Bildungschancen dank einer konservativen Politik, die offensichtlich in einem feudalen Weltbild gefangen ist)

3. Ähnliche soziale Probleme haben Frankreich und GB als ehemalige Kolonialmächte, Früchte vorherigen Größenwahns. CH hat sich vor ca 500 Jahren aus der Großmachtpolitik zurückgezogen, small is beautyful, ähnlich die sympathischen Skandinavier, sie alle genießen ihre Friedfertigkeits-Dividenden.

4. Der kulturelle Verfall ist keine deutsche Besonderheit, wenn auch aufgrund seiner sozioökonomischen Struktur hier besonders augenfällig. Wer befördert das hier besonders? Reden wir über das “Unterschichten-Fernsehen”, Brot und Spiele für den Pöbel, dann ist er 1. sediert, 2.leichter lenkbar für das Kreuzchen an der richtigen Stelle, und er ist ein leichtes Opfer für die moderne Form der Ausbeutung: den Konsum.

Ich behaupte, die Oberschicht (das sind nicht die Politiker) nimmt für die Sicherung der eigenen Stellung bedeutende Minderleistungen in Wirtschaft und Kultur billigend in Kauf. So etwas läuft in letzter Konsequenz auf die Friedhofsruhe einer “Bananenrepublik” hinaus.

Was hilft dagegen? Erfrischende Foren wie dieses hier.

124 keiner 13. Mai 2009 um 14:29

Hmmm…. also in Skandinavien sehe ich nicht soooo die Friedensdividende. Die Renten sind auf einem Niveau, das sich in D keiner gefallen lassen würde. Wohlstand ist wenn, dann auf Pump vorhanden und selbst das “Wohneigentum” ist von der Bank gemietet und wird eigentlich niemals wirklich abbezahlt.

125 ein Untertan 13. Mai 2009 um 15:17

@ HAM #119
Das genau das, beschreiben die deutschen Tugenden. Die überall gefordert werden. Kindererziehung ist zumeist auf Angst und Verbot aufgebaut. Aus Unvermögen, Trägheit etwa? Was soll der Knirps denn machen, wenn der Alte aufgrund seiner Vorbildung, nur mit der Faust argumentiert. Der eine schlägt irgendwann zurück, und der andere läuft als Duckmäuser herum.

Wie viel Generationen der dummen Masse, können wir uns noch wie lange Leisten? Es täte allein gut daran, dass in den Schulen das Fach Philosophie unterrichtet werden würde. Und nicht wie seit Ewigkeiten der Bau einer Glocke auswendig gelernt werden muss.
Was wird denn in den Schulen, und ich habe zwei, einer in der 10ten (endlich Schluß, danach Fach Abi) und der andere in der 6ten. im Unterricht vermittelt?
PISA hat auch nicht aufgedeckt, was zu verbessern ist, sondern nur die Verblödung und den guten IST-Zustand dargestellt.

Charakterstärke wird nicht gefördet und kann auf natürlich gegebene Art (Trägheit) auch nicht jedem gegeben sein.

126 keiner 13. Mai 2009 um 15:25

…und in der Wärtschaft hat man öfters den Eindruck, dass nach CharakterSCHWÄCHE selektioniert wird.

127 HAM 13. Mai 2009 um 15:27

Meiner Meinung nach dominiert in der BRD ein extremes „betriebswirtschaftliches“ Denken: was bringt mir, meinem Unternehmen, meiner Partei etc. Vorteile?

Die Folgeprobleme und –kosten interessieren nicht, sie werden „sozialisiert“. Damit zerstört man langfristig eine Volkswirtschaft.

„Nation“, „Volksgemeinschaft“ und „Arbeitnehmersolidarität“ – das war einmal.

Das beste Beispiel für den kulturellen Verfall sind die „Grünen“. Die bestehen nur aus Ich-AGs. Die politischen Ziele sind nur Lametta.

Deutschland ist abgewirtschaftet und nun in der Abwärtsspirale.

128 keiner 13. Mai 2009 um 15:30

…aber in 10 Jahren ist die Türkei der größte Staat in der EU und übernimmt dann die Reste… 8-)

129 HAM 13. Mai 2009 um 15:37

@ein Untertan # 125
„Was soll der Knirps denn machen, wenn der Alte aufgrund seiner Vorbildung, nur mit der Faust argumentiert. Der eine schlägt irgendwann zurück, und der andere läuft als Duckmäuser herum.“

Der andere Sozialisationstyp ist der einer permissiv-verwahrlosenden Pseudo-Erziehung. Da entsteht genauso „hündische Asozialität“.
Das werden charakterlose Lumpen, lügnerische Opportunisten, die kein bisschen Stolz und Ehre im Leib haben.

@ keiner
Hinsichtlich Stolz und Ehre könnten sich viele Deutsche an Türken ein Beispiel nehmen.

130 Zykliker 13. Mai 2009 um 15:53

@HAM #127

sorry, der einzelne (Betrieb, Partei, Individuum) muß betriebswirtschaftlich denken, dem bleibt gar nix anderes übrig, und das ist per se auch gar nicht verwerflich. Denn so entstehen doch auch die Leistungen, von denen die Gemeinschaft profitieren kann, wenn…

Also wie kriegen wir jetzt die paradoxe Kurve vom betriebswirtschaftlichen Eigennutz zum volkswirtschaftlichen Gesamtnutzen?

…. der Wettbewerb funktioniert und damit die
- betriebswirtschaftlichen Erträge limitiert,
- wirtschaftliche Macht systematisch begrenzt,
- korruptes Zusammenspiel zwischen (betriebs-)wirtschaftlichen und politischen Entscheidern als Verbrechen kriminalisiert wird….

Irgendwie müssen wir den Kapitalismus so gebacken kriegen, daß er allen mehr bringt als andere Systeme, denn dort menschelt es doch genauso + zusätzlich fehlt dort womöglich die Leistungsmotivation.

131 Zykliker 13. Mai 2009 um 16:02

Nachtrag:

es würde auch dem Verbraucher nicht schaden, wenn er sich durch “betriebswirtschaftliches Denken” etwas weniger ausbeuten liesse.

132 Watawah 13. Mai 2009 um 16:18

Q Zykliker # 130

Die Diskussion von wegen zu steuernder Kapitalismus, die hatten wir hier schon, ich meine unter “Am Kredit hängt alles…”

Was war das Ergebnis – da ist nix, mit wir basteln uns jetzt mal für immer oder lange ‘nen netten Kapitalismus.

Wenn der Hals voll ist, dann muß der resetten, sonst stellt sich die Systemfrage, die Frage ist nur, auf welches Rückwärts-Niveau oder wer befördert den Wechsel mit welchen Visionen.

Jedenfalls war das mein Fazit. Korrigiert michbitte , falls ich da was “verdusselt” habe.

133 Watawah 13. Mai 2009 um 16:46

Sorry @ Zykliker

ich wollte Dich natürlich nicht “abwürgen” – Ideen sind nach wie vor gern gesehen, ich wollte nur die Illusion etwas dämpfen, daß das nun in diesem System ein für allemal der große Wurf werden könnte.

Es wurde hier auch schon geschrieben, daß Marktwirtschaft nicht mit Kapitalismus enden muß, denn sie sind, auch wenn das einige meinen, nicht identisch. Der Kapitalismus braucht die Marktwirtschaft, aber umgekehrt die Marktwirtschaft nicht den Kapitalismus.

134 Zykliker 13. Mai 2009 um 17:02

@ Watawah

danke für die Klarstellung, meine arrogant geratene Replik kann ich mir damit sparen.

Ich habe hier schon mehrfach zur Debatte über das Thema aufgefordert; Deine Sätze waren ein interessanter Beitrag dazu.

Über die feinsinnige Unterscheidung zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus muß ich erst noch nachdenken; spontan würde ich da nicht trennen, außer man reduziert den K. auf reinen Finanz-K., was ich nicht zulässig fände. Auch die Sache mit den “Kredit-Kettenbriefen” ist m.M. nach nur den kritikwürdigen Zuständen in den letzten 30 Jahren geschuldet.

135 Watawah 13. Mai 2009 um 17:19

@ Zykliker # 134

Hab’s ja grad noch rechtzeitig gemerkt, daß ich da mißinterpretiert werden könnte… also nochmals sorry.

Das schöne an Demokratie und das noch bessere hier im Blog, man darf unterschiedlichster Meinung sein ;-)

Es ist sicher nicht richtig den Kapitalismus nur auf den zuletzt erlebten Finanzkapitalismus zu reduzieren.

Aber was Kapitalismus ist, sollte man auch nicht verkennen – Die Möglichkeit das jedes Geld zu Kapital werden kann/ werden können muß.

Kapitalismus entwickelt sich.
Finanzkapitalismus ist für mich eine Stufe innerhalb des Kapitalismus – die dann bestimmend ist, wenn es nicht mehr genügend Möglichkeit innerhalb der Realwirtschaft gibt, das Geld zu Kapital werden kann.

Dann “produziert” eben Kapital Kapital. Riesiger Irrsinn, wie wir anschaulich gemacht bekommen.

Wenn Du die Zeit aufbringen kannst, lies bitte diesen BlogThread:
http://www.weissgarnix.de/?p=2043

136 ein Untertan 13. Mai 2009 um 17:43

Das kann man bezeichnen: Wenn das geistige Unvermögen, durch das Erbrecht, Vermögend wird.
In Verbindung was HAM geschrieben hat, kommt es zu diesem Wirbel, alles einzureißen.
Lösungsideen sind viele vor WKII geschrieben worden (Nicht nur Marx hat etwas über das Kapital geschrieben und auch nicht Keynes). Nur, die politische Klasse und auch das damalige Kapital, denen war es damals noch nicht “ausreichend” genug.

Man muss beides Bedenken, die Gesellschaft (Proletariat) im Kapital und die, die das Kapital besitzen. Wenn der eine den anderen nicht mehr achtet, und die politische Klasse es durch die Gesetzgebung es zulässt, dann kann man die Uhrstellen.

Dann passiert das, was schon häufig in der Geschichte der Menschheit gekommen ist. Wenn die geistige Dekadenz offensichtlich wird, dauert es nicht mehr lange.

137 guggel 13. Mai 2009 um 18:12

Eben haben sie in den Nachrichten wieder die berühmte Mär von 41000 Durchschnittsbruttolohn gebracht. Das die aber auch nie dazu sagen, dass es der Durchschnittslohn aus nur zwei Sektoren ist. Der wirkliche Durchschnittsbruttolohn liegt bei 27000.

Was für ein Psychoprofil muss man als Nachrichtensprecher haben, um so eine offensichtlich versuchte Massenmanipulation vorzulesen? Ekelhaft!

138 Watawah 13. Mai 2009 um 18:18

@ guggel

Warum die Kuh ertrunken ist, trotzdem der Graben im Durchschnitt nur einen Meter tief war – das begreifen solche erst, wenn Du deren eine Hand in 5°C kaltes und die andere Hand in 90°C heißes Wasser hälst, mit der Aufforderung, sie mögen es bitte 5 min so halten… es sind ja schließlich nur durchschnittlich 47,5°C

139 Michael 13. Mai 2009 um 18:36

@Watawah
Ich beschreibe einfach einen drastischen Konflikt in der Idee die Sozialsysteme zu verstaatlichen, mit Steuern zu finanzieren. Das funktioniert mit ziemlicher Sicherheit in einem geschlossenen System(, wie es die DDR war). Sonst niemals.

Bei uns ist es absolut unmöglich das umzusetzen. Dahin wollte ich Deine Gedanken lenken. Denn ich als Einzahler bin keineswegs bereit die Krankenkassenkosten einer Familienversicherung in die Türkei zu bezahlen. Ich bin auch nicht bereit, Leuten, die für unseren Staat keinerlei Leistung erbracht haben, eine Rente zu finanzieren.

Wenn wir das System so offen halten, wie es ist, oder sogar weiter öffnen ergibt sich eine glasharte Konsequenz. In unserer offenen Gesellschaft gibt es überhaupt keine Alternative zu einer Basisabsicherung, um den Rest muß sich jeder selbst kümmern. Und diese Basisabsicherung reicht um zu überleben, mehr nicht.

140 staph.aureus 13. Mai 2009 um 18:54

@HAM #91
“Die wichtigste Erkenntnis ist, dass die Entwicklung in D und in der CH nicht parallel, sondern als Schere verläuft: in D geht es ständig abwärts, in der CH gibt es ökonomisch geringes Wachstum.”

Habe ein wenig gesucht, die Schweizer Statistiker sehen das anders:
“Die Schweiz im internationalen Vergleich
OECD/EU:
Das effektive Wachstum der Schweiz gehörte während vieler Jahre zu den tiefsten in Europa und in der OECD. Seit dem Jahr 2004 verzeichnet die Schweiz nun wieder ein Wachstum.”

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/00/02/sektoriel/03_02/03_02_01/03_02_01_01.html

Und von der deutschen Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) die BPI-Wachstumsraten der Jahre 1999 – 2008:
Deutschland: 2,0 3,2 1,2 0,0 -0,2 1,2 0,9 2,7 2,3 2,4
Schweiz . . . :1,3 3,6 1,0 0,3 -0,2 2,1 1,9 2,7 3,1 1,8

Deutschland: Wachstum 16.7 %
Schweiz: Wachstum: 19.0 % in zehn Jahren.
So unterschiedlich sind die volkswirtschaftlichen Resultate nicht, die 2.3 % Differenz in zehn Jahren kann durch die Wechselkursschwankung eines Tages ausgeglichen sein.

Persönlich-betriebswirtschaftlich kann die Erfolgsrechnung anders sein, da kann jedes Individuum in der Lebensplanung die besten Rosinen herauspicken.

141 Watawah 13. Mai 2009 um 19:08

@ Michael # 139

“Bei uns ist es absolut unmöglich das umzusetzen. Dahin wollte ich Deine Gedanken lenken.”

Ich frage mich bei vielem was wir hier (auch) gesellschaftspolitisch diskutieren, verwerfen, entwickeln, inwieweit das überhaupt mit einer Einzellösung Staat(en) umsetzbar ist, ohne eine Mauer nach chinesischem oder schlimmer noch DDR-Vorbild errichten zu müssen…

Insofern kann ich Deinen Einwand gut nachvollziehen.

Meine aber im oben eingeworfenen HAM-Vorschlag aus einem Parallelthread die Lösung gefunden zu haben (mit den 3 Säulen)

Du wirfst ja selbst ein:
“In unserer offenen Gesellschaft gibt es überhaupt keine Alternative zu einer Basisabsicherung, um den Rest muß sich jeder selbst kümmern. Und diese Basisabsicherung reicht um zu überleben, mehr nicht.”

Basisabsicherung, Herz was willst Du erstmal mehr.

Wenn diese nicht wieder, so wie jetzt, gegen GG Art. 20 (1) gestrickt ist, wäre das doch schon mal etwas…

Aber ich glaub’ Du meinst immer noch was anderes – hilf mir bitte.

142 HAM 13. Mai 2009 um 19:58

@Zykliker #130
„sorry, der einzelne (Betrieb, Partei, Individuum) muß betriebswirtschaftlich denken, dem bleibt gar nix anderes übrig, und das ist per se auch gar nicht verwerflich. Denn so entstehen doch auch die Leistungen, von denen die Gemeinschaft profitieren kann, wenn…
Also wie kriegen wir jetzt die paradoxe Kurve vom betriebswirtschaftlichen Eigennutz zum volkswirtschaftlichen Gesamtnutzen?“

Ein arbeitsteiliges System – und eine Makroökonomie ist ein arbeitsteiliges System – muss als Ganzes konzipiert und optimiert werden. Ein Betrieb ist nichts anderes als ein Teil vom Ganzen.

Ein extremes „betriebswirtschaftliches“ Denken versucht nur den eigenen Betrieb zu optimieren, ohne sich der Aufgabe zu stellen, das eigene Handeln reproduktionsökonomisch abzustimmen.
Jetzt können wir tausend Beispiele nehmen:
Gentechnisch veränderte Pflanzen, Abholzen des Amazonas-Waldes, Massenentlassungen etc.

Für die Pharmaindustrie ist es ein Gewinn, wenn die Menschen möglichst viele Pillen schlucken. Dass die Menschen davon krank oder süchtig werden, interessiert sie nicht.

Das einzelne Unternehmen verhält sich wie eine Krebszelle im Organismus. Diese Krebszelle vermehrt sich ohne Berücksichtigung des Gesamtbauplans des Organismus. Die Krebszellen haben nur – um es teleologisch auszudrücken – zum Ziel, sich zu ernähren und zu vermehren.

Der Kapitalismus funktioniert sehr gut, solange die Ökonomie unterentwickelt ist. Dann ist dieses „betriebsegoistische“ Prinzip ein riesiger Wachstumsmotor, der die Produktivkräfte entwickelt.

Sind die Märkte gesättigt, was dann?

Dann hat das einzelne Unternehmen gar keine andere Chance, als weiter zu wachsen. Das über Kredit vermittelte Kapital muss sich ja verwerten. Was passiert?

Es werden die Menschen dazu gebracht, Dinge zu kaufen, die sie nicht benötigen. Da werden Bedürfnisse künstlich geschaffen, da werden die Menschen vermittels Werbung manipuliert, da wird künstlicher Verschleiß eingebaut usf. Es wird vergeudet und zerstört.

Aber die Menschen und die Welt stellen endliche Systeme dar. Was Mc Donalds produziert, muss konsumiert werden. Menschen besitzen eine gewisse Variationsbreite im Phänotyp. Mag sein, dass ein Mensch von seinem Genotyp bei 1,80 m Körpergröße auf optimal 75 kg ausgerichtet ist. Mc Donalds wird ihn vielleicht auf 150 kg bringen und während seiner Lebenszeit 10.000 € Gewinn machen. Das Gesundheitswesen kostet dieser Mensch aber 100.000 € oder vielleicht sogar wesentlich mehr. Die Junkfood-Ketten schaffen es, über 50% der US-Amerikaner zur Fettleibigkeit zu verhelfen. Vielleicht sind sie zugleich in der Pharmaindustrie investiert. Machen also doppelten Gewinn mit der Behandlung von Folgeschäden. Überernährung geht bekanntlich mit einem hohen Diabetesrisiko einher, Übergewicht führt zu Bluthochdruck. Da kann man ganz viele Pillen verkaufen, ein Leben lang.

Reproduktionsökonomisch ist dies alles Irrsinn. Aber betriebswirtschaftlich ist dies o.K., weil es Profit bringt.

Die Lösung des Problems ist ganz einfach:

1. Der Staat macht die Rahmenplanung.

2, Banken und Großunternehmen werden verstaatlich.

3. KMUs bleiben privatwirtschaftlich erhalten.

4. Es gibt Mindestlohn und Maximaleinkommen. Letzteres wird erreicht durch eine echte Steuerprogression.

P.S.
Betriebswirtschaftlich in einem übergeordneten Sinne muss natürlich jeder Privathaushalt oder jedes Non-Profit-Unternehmen denken.

143 Andreas Kreuz 13. Mai 2009 um 20:16

@HAM #142

Alles prima.

Aber was machen wir
mit der genetischen Veranlagung
zu Neid, Geiz und Gier?

144 HAM 13. Mai 2009 um 20:19

@staph.aureus #140
„Das effektive Wachstum der Schweiz gehörte während vieler Jahre zu den tiefsten in Europa und in der OECD. Seit dem Jahr 2004 verzeichnet die Schweiz nun wieder ein Wachstum.”

Das BIP sagt doch überhaupt nicht über die Realwirtschaft aus, sondern zeigt lediglich die Summe der geldvermittelten Wirtschaftsaktivitäten an.

Da kann man an jeder Ecke Hamsterräder aufstellen und die Leute dafür bezahlen, dass sie darin laufen. Realwirtschaftlich ist das ein Minus, weil nichts an realen Werten geschaffen wird und nur unnötig Kalorien verbraucht werden, aber es steigert das BIP gewaltig.

So stehen die USA in der von Dir zitierten Grafik auch super da. Obwohl auf Blasen-Ökonomie basierend.

Viel interessanter ist die Reallohnentwicklung in der CH (Grafik S. 14):
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/03/22/publ.Document.102895.pdf

Oder die Höhe der Medianlöhne in der CH:
http://pressetext.ch/news/071114031/schweizer-verdienten-durchschnittlich-5674-franken/

145 HAM 13. Mai 2009 um 20:23

@ Andreas Kreuz #143
„Aber was machen wir mit der genetischen Veranlagung zu Neid, Geiz und Gier?“

Die Veranlagung ist zweifelsohne vorhanden.

Das ist die schlechte Nachricht.

Die gute Nachricht:

Die Genexpression ist sozialisations- und erziehungsbedingt.

Dagobert Duck ist in uns, aber wir müssen nicht zu einem Dagobert Duck werden!
:-D

146 Watawah 13. Mai 2009 um 20:29

@ Andreas Kreuz # 143

Ups, ich stelle gerade fest, ich habe ‘nen Gendefekt ;-)

147 keiner 13. Mai 2009 um 20:38

…hmmm womit wir wieder zwanglos den Schlenker zu einer Wertediskussion genommen hätten 8-)

148 ein Untertan 13. Mai 2009 um 21:19

@ keiner #147

nicht übel nehmen, es ist keine Wertediskussion.
Das was HAM # 145 schreibt ist eine Sinndiskusion, die Werte in das rechte Licht zu rücken. Innerlich, aus freien Stücken.

@ HAM # 142

in die Hand des Staates gehört auch:

1. die Energieversorgung (privatisiert)
2. die Wasserversorgung (privatisiert)
3. der Katastrophenschutz (zu ehrenamtlich)
4. ÖPNV (will ja gerne, aber Schiene geht nicht, nur was darauf herum eiert)

aber immer unter der Vorraussetzung, das alle Macht vom Volke ausgeht. Wenn nicht, ist jedes Wort eines zu viel und richtig, Energieverschwendung.

Es sollten evtl. mal Dinge ausprobiert werden, und nicht ewig diskutiert werden. Ob ich das erlebe? In der praktischen Physik, im Keller schon. In der theoretischen nicht. Macht kein Spaß.

149 Zykliker 13. Mai 2009 um 21:30

@HAM #142

“Ein arbeitsteiliges System – und eine Makroökonomie ist ein arbeitsteiliges System – muss als Ganzes konzipiert und optimiert werden.”

Einspruch, genau das ist doch schon mal mit den besten Absichten ausprobiert worden, und zwangsläufig gescheitert.
Auch wenn man im nächsten Anlauf versucht, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, privatwirtschaftliche Elemente soweit möglich zu erhalten, kann das nicht funktionieren, weil es viel zu viele Grauzonen gibt, in denen die Zentrale Behörde hoffnungslos überfordert wäre.

Man könnte jetzt spekulieren, ob die derzeitige chinesische Realität Deinen Vorstellungen nahekommt, aber diese Volkswirtschaft ist in einem stürmischen Aufbruch, und daher mit unsren reifen Märkten nicht vergleichbar. Aber man könnte auf die Idee kommen, daß ein politisch zentral gelenkter Kapitalismus für ein Schwellenland nicht die schlechteste Organisationsform ist.

Ich kritisiere all die Phänomene, die Du anführst, mit gleicher Vehemenz, aber ich fürchte, daß eine zentral geplante Volkswirtschaft nicht nur diese Mißstände nicht verhindern könnte, sondern auch noch den weiteren Nachteile hätte, den ich mal grob mit “Produktivitätsdefizit aufgrund fehlender Anreize” bezeichnen würde.

Dagegen stelle ich unverändert den weitgehend privatwirtschaftlichen Ansatz, überwacht durch einen starken Staat, und Aufklärung. Warum muß denn die Gehirnwäsche nur privatwirtschaftlichen Zwecken dienen?

Gesundheit, Umweltschutz, Freiheit, kulturelle Güter…. ich tu mich schon extrem schwer, mir auch dafür ein dem Gemeinwohl verpflichtetes Propagandaministerium vorzustellen, erst recht aber kann ich mir dafür keine zentrale Behörde vorstellen, die an diesen Werten Planungsvorgaben überprüft. “Schöne neue Welt?”

Da ich die (Um-)Welt auch am Rande des Abgrunds sehe, macht mich dieses Problem einigermaßen ratlos; ich hoffe da – ganz marktwirtschaftlich – auf eine Selbstregulierung durch die zu zahlenden Preise (z.B.für Energie, aber auch durch politisch festzulegende/zu steigernde Preise für den Umweltverbrauch), wie gesagt, der Staat soll schon gestalten (nur nicht produzieren)

Ungesundes individuelles Verhalten (Alkohol/Nikotin) sollte durch entsprechende Verbrauchssteuern behindert, Ernährungsgewohnheiten durch Aufklärung (Schule/Medien) beeinflußt werden.

Banken/Großunternehmen verstaatlichen? Ja, wenn sie sich nicht freiwillig selbst in kleinere Einheiten spalten; dann aber nur, um sie zu zerschlagen und die Einzelteile anschließend wieder zu privatisieren.

Aktuelles Beispiel: die gegenwärtigen Fusionsspielereien in der Autoindustrie: Ordnungspolitisch falsch; VW gehört in seine “Marken”-Bestandteile zerschlagen, Porsche muß eigenständig bleiben. Opel darf nur aus ordnungspolitischen Gründen nicht mit Fiat zusammenkommen:

Dezentralisieren statt Dinosaurier bauen!

150 Zykliker 13. Mai 2009 um 22:09

Nachtrag zu:

“Das über Kredit vermittelte Kapital muss sich ja verwerten.”

in diesem Satz entlarft sich der bisherige “Krebs-”Kapitalismus selbst, und fordert damit seine Kritiker heraus.

Ein gesundes Unternehmen braucht als Anschubfinanzierung neben dem Eigenkapital des/der Gründer Kredite. Wenn das Unternehmen Erfolg hat, kann es die Kredite zurückzahlen; und allenfalls zwischendurch bei entsprechenden Investitionen wird es wieder ein Darlehen aufnehmen müssen, und bei solider Geschäftsführung auch bekommen. Punkt.

Ein solides und gesundes Unternehmen finanziert sich überwiegend mit Eigenkapital. Erst wenn der Größenwahn um sich greift ( ich hab den größeren … Büroturm), wird “geleveraged”, bis der Arzt kommt, und leider erzwingt die Konkurrenz-Situation dann ein mitziehen.

Trotzdem, wieviele kleine, aber feine Schweizer Privatbanken haben sich z.B. von diesem “Größen-Wettrennen ferngehalten, und wären jetzt in der Lage, eine UBS an der Börse aus der Portokasse aufzukaufen? (kleine Übertreibung) Aber sie machen das nicht, denn da wären sie ganz schön blöd, sich das anzutun.

Trotzdem, ich seh es ja ein, es gibt auch diesen Zwang zur Größe, weil sonst die Produktivität aus den Skaleneffekten fehlt. Auch dies wieder ein Punkt, in dem ich auf die öffentliche Debatte (also nicht auf dieses Forum beschränkt) hoffe.

Was ich sagen will, diese ganze Kredit-Kettenbrief-Thematik ist einer entfesselten Wachstumsideologie geschuldet, die sicher dem Kapitalismus der letzten 30 Jahre immanent war; jetzt gilt es, “Die Grenzen des Wachstums” in die Köpfe zu bringen, z.B. auch über ein noch strengeres Basel III.

151 Watawah 13. Mai 2009 um 22:10

@ Zykliker # 149

Was immer verkleinert ist, klein ist, wird sich über die Entwicklung wieder vergrößern, fusionieren, wenn da kein Riegel vorgeschoben ist. Und wer soll den setzen? Privat, alleine – nee, da sehe ich schwarz.

Es geht doch auch nicht darum, daß nun Volkswirtschaft bis ins kleinste Detail (fehl-)geplant ist, in dem Film war ich schon mal – möchte ich nicht noch einmal rein.

Wir haben heute aber Computer-Technik, können mit riesigen Datenmengen umgehen, ich meine, das könnten wir uns doch positiv zu nutze machen.

Fehlinvestitionen reduzieren, wahren Bedarf, besser Nachfrage steuern…

Es geht doch “nur” darum, daß alles was mit (ich nenn’ das so) Daseinsvorsorge zu tun hat, incl. der “Geldschöpfung” über Gemeinschaft/Staat läuft, der nicht zu unterschätzende Rest darf/soll sich ja weitestgehend frei entfalten dürfen. Im Rahmen gesättigter Märkte dann eben durch z. B. besondere Langlebigkeit der Produkte oder wirklicher technischer Innovation zum Zuge kommen.

Und das ist nach meiner Auffassung dann durchaus Marktwirtschaft, und anders, als das schon mal in die merde geführt hat.

Denn Staat ist ja nicht der Klotz, der einem freies Atmen und Denken verbieten darf, er soll uns genau das ermöglichen – denn was ein unkontrollierter, von staatlicher “Aufsicht” gekennzeichneter Markt in der Lage ist zu machen, erleben wir gerade – und er würde es wieder tun.

Alles eine Frage von Zeit und belassenen Möglichkeiten.

152 Watawah 13. Mai 2009 um 22:14

… von nicht-staatlicher Aufsicht…

153 Nanuk 13. Mai 2009 um 22:29

@HAM 142
Das würde wunderbar Funktionieren wenn es eine Stunde null gäbe die gibt es aber nicht du verkennst die Machtstrukturen in Deutschland.

Weist du was ein Verfassungsrechtler vorhin in der Anhörung zum Konjunktur Paket 2 gesagt hat?
“Das Ding beweg sich am Rande der Legalität teilweise ist es Illegal alle wissen es und man grinst sich an”

das ist Deutschland im Jahre 2009 soviel Rechtsbeugung wie in diesem Jahr hat Deutschland noch nicht erlebt die Medien schweigen die Politiker grinsen die Zuschauer nicken… Wenn das so einfach geht ist dieses Land keine Demokratie mehr.

WGNX fühlt sich sicher noch in einer Demokratie aber der hat auch Meister Popper getrunken…

Its as simple as that.
Gute N8

154 Watawah 13. Mai 2009 um 22:35

@ Nanuk # 153

Wenn’s ne Stunde Null gibt, dann sind wir bestimmt nicht mehr da – uns lassen die nicht übrig.

off topic

Ich hab mal im Zoo hier ringsherum geguckt, kein Wolf zu sehen, die haben Angst ;-)

155 ignatius 13. Mai 2009 um 22:59

“Ungesundes individuelles Verhalten (Alkohol/Nikotin) sollte durch entsprechende Verbrauchssteuern behindert, Ernährungsgewohnheiten durch Aufklärung (Schule/Medien) beeinflußt werden.”

Das ist wider mal typisch deutsch: Da wird der große Wurf gefordert mit neuen Rahmenbedingungen um die Volkswirtschaft wieder flott zu machen und was Dir dazu als erstes einfällt sind Rauchverbote und Gemüsepropaganda. Wie der Sklave, der davon träumt – nicht etwa frei – sondern Sklaventreiber zu sein, will der geschundene deutsche Michel, wenn er davon träumt einmal König von Deutschland zu sein nicht etwa gestalten oder etwas zum positiven verändern – nein, er will erst einmal gängeln und schikanieren. Am deutschen Ordnungsamt soll die Welt genesen: Dosenpfand für alle! Und wenn schon arbeitslos, dann wenigstens gesund!

Nur das was Du haben willst gibt’s eh schon: Die EU tritt ja auch vorwiegend mit Rauch- und Glühbirnenverboten in Erscheinung anstatt sich um die echten Probleme zu kümmern. Die Logik dahinter ist auch klar: Ärgere die Leute mit genug alltäglichen Schikanen und sie kommen erst gar nicht dazu, sich über die echten Schweinereien zu ärgern.

156 unwissender 13. Mai 2009 um 23:09

„Die Ideen der Ökonomen und Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger, als man im allgemeinen glaubt. Um die Wahrheit zu sagen, es gibt nichts anderes, das die Welt beherrscht.“

John Maynard Keynes

157 froZ 13. Mai 2009 um 23:22

“WGNX fühlt sich sicher noch in einer Demokratie, aber der hat auch Meister Popper getrunken…”

Nanuk, der war richtig klasse, der beste Kalauer, der mir seit langem untergekommen ist.

Ein Freund von mir ist Fachjournalist für Stadtentwicklung, und der meinte neulich, die öffentliche Meinung spiele in diesen Fragen überhaupt keine Rolle, sondern nur die Mehrheitsmeinung von eng begrenzten Fachöffentlichkeiten. Das wissen auch die Lobbyisten, und sie setzen gezielt dort ihre Ressourcen ein, wo tatsächlich Politik beeinflußt wird.

Also, war schon mal meine Rede: Es nützt nichts, hier am argumentativen Reißbrett ein neues Getriebe bis ins Detail zu entwerfen. Das kann man aus Spaß an der Freude machen, aber viel wird das nichts bringen. M.E. sinnvoller ist es – jedenfalls für außerparlamentarische politische Akteure -, kampagnenartig in konkreten, eng begrenzten Fragen für eine gewisse Zeit einen Gegendruck gegen die Übermacht des expertokratischen Klüngels aufzubauen, sozusagen maximale Masse auf einen minimalen Punkt hin zu konzentrieren, um zunächst mal einzelne Zahnräder des Getriebes auszutauschen.

Ein prägnantes Beispiel, das mir einfällt, ist die Bahnprivatisierung. Hier ist der Mehrheitswille des Volkes klar mißachtet worden, aber hier wäre m.E. auch eine die politischen Lager übergreifende Volksinitiative dagegen denkbar gewesen, die auch in die Ortsverbände der Parteien hinein gewirkt hätte. (Na ja, ist ja auch so erst mal vom Tisch, das hat zum Glück der Markt selbst erledigt.)

Damit verabschiede ich mich zunächst aber auch gleich wieder.

158 HAM 13. Mai 2009 um 23:56

@Zykliker #149

Ich kritisiere all die Phänomene, die Du anführst, mit gleicher Vehemenz, aber ich fürchte, daß eine zentral geplante Volkswirtschaft nicht nur diese Mißstände nicht verhindern könnte, sondern auch noch den weiteren Nachteile hätte, den ich mal grob mit “Produktivitätsdefizit aufgrund fehlender Anreize” bezeichnen würde.

In meiner Vorstellung ist das keine „Zentralwirtschaft“ wie im sog. realen Sozialismus. Da machten Parteiorgane zentral einen 5-Jahres-Plan. Und dieser Plan sollte dann über den Apparat umgesetzt werden.

So soll es gerade nicht laufen. Die Nachfrage kommt von den Menschen. Die Angebote kommen von den KMUs. Das alles muss logistisch koordiniert werden.
Wenn man beispielsweise betrachtet, was für eine riesige logistische Leistung dahinter steckt, damit ein durch weltweite Arbeitsteilung gekennzeichnetes System wie Aldi funktionieren kann, dann wird klar, dass hier eine zentrale Steuerung erforderlich ist. Nicht im Sinne einer Planwirtschaft nach realsozialistischem Muster. Sondern es gibt Erfahrungswerte, was üblicherweise von den Menschen gekauft wird. Dazu gibt es immer saisonale Produkte (Obst, Gemüse). Geplant werden die Sonderangebote, die sind klar angebotsorientiert konzipiert.

Aldi ist ja nicht nur Verkäufer, sondern er ist in gleichem Maße Käufer. Insofern ist er selbst eine Art Markt, welcher zwischen den Produzenten und den Endkonsumenten vermittelt.

Dann gibt es Ideenbörsen. Erfinder stellen ihre Erfindungen vor, die Kunden ihre Wünsche nach neuen Produkten und Produktveränderungen. Viel läuft über das Internet.

Interessant ist, dass Du VW ansprichst. Der größte Teil der Automobilproduktion findet heute bei den Zulieferern statt. VW macht nur die Endmontage. Die entscheidenden Funktionen von VW sind Entwicklung, Koordination des Gesamtprozesses und die Vermarktung. Aber solche Dinosaurier sind natürlich nicht gut. Weil die Entscheidungen – wie bei der sozialistischen Planwirtschaft – von wenigen in der Zentrale gefällt werden. Und Misswirtschaft oder Fehlentscheidungen katastrophale Folgen haben können-

@ Untertan 148
„in die Hand des Staates gehört auch:
1. die Energieversorgung
2. die Wasserversorgung
3. der Katastrophenschutz
4. ÖPNV“

Hinsichtlich der Versorgung mit Energie, Wasser etc. kann heute vieles dezentral in den Kommunen gemacht werden.

Es sollte sowieso das Ziel sein, soweit wie möglich über Dezentralisierung kommunale und regionale Autarkie über entsprechende Kreislaufprozesse herzustellen. Demokratie ist nur dann möglich, wenn die Menschen die Prozesse überschauen können. Dann können sie entscheiden, wie früher die Germanen auf dem Thingplatz, allerdings in moderner Form mit dem Internet.

Politisch müsste man Anstrengungen machen, dass elementare Ver- und Entsorgungsprozesse wieder auf kommunale Ebene gebracht werden.

Was die großen Veränderungen und die Stunde Null betrifft, so glaube ich, dass zunächst konkrete Utopien entwickelt werden müssen, über die weltweit kommuniziert wird.

Für die Chinesen wird wichtig sein, dass sie ein Bewusstsein darüber entwickeln, welche destruktiven Auswirkungen ein entfesselter Kapitalismus hat, und zwar insbesondere dann, wenn er ins Stadium der Marktsättigung kommt. Ich denke, es wäre eine wichtige Aufgabe, mit den Chinesen in Kommunikation zu kommen.

Wenn es den Chinesen gelingt, bei sich den Kapitalismus unter Kontrolle zu halten, dann wird ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte beginnen, wenn die Chinesen bei gesättigten Märkten von der kapitalistischen Akkumulationswirtschaft in eine „Gleichgewichtswirtschaft“ mit kontrolliertem Wachstum übergehen.

159 froZ 14. Mai 2009 um 00:12

P. S. … oder den Marsch durch die Institutionen antreten und Teil einer engen Fachöffentlichkeit werden … oder in die Politik gehen wie der Frank Lübberding

160 HAM 14. Mai 2009 um 00:30

@froZ #159

Du schreibst „oder“, aber meinst wahrscheinlich „und“ – oder?

Für das Individuum gilt meist „oder“, weil es nicht alles zugleich machen kann und sich für etwas entscheiden muss.
Aber der Prozess, an dem die Individuen mitwirken, der muss mehrdimensional sein.

161 keiner 14. Mai 2009 um 02:18

@148 Untertan:

Lange nicht mehr so gelacht! Innerlich, aus freien Stücken, das ist nichts anderes, als basierend auf einem funktionierenden Wertekompass die Dinge einzuordnen. Ohne einen gesellschaftlichen Wertekanon kann das nicht funktionieren.

162 ein Untertan 14. Mai 2009 um 07:15

@ keiner 161

Es freut mich, Lachen ist Gesund.
Schau mal hier: http://www.anthroposophy.com/Steinerwerke/Steiner-GA023-01.html

Les mal die Vorbemerkung, und Kapitel III, am besten alles.
1919 kurz nach dem WKI

163 f.luebberding 14. Mai 2009 um 09:44

froz

Also, dass ich in die Politik gehe, ist mir neu … . Ich bin zur Zeit etwas angeschlagen und komme daher kaum noch zum Kommentieren, da muss ich mir das nicht auch noch antun.

Noch eine Baustelle brauche ich daher wirklich nicht. Die würde mir wahrscheinlich den Rest geben … .

P.S Über den Trotzki denke ich noch nach.

Gruss Frank

164 Goldkind 14. Mai 2009 um 10:19

82 Goldenes Kalb
Deshalb kann ich nur allen raten, hart zu arbeiten, um zu den oberen 10% zu gehören.
Diese Aussage ist sowas von albern! Ich kenne einen Handwerker, der arbeitet sich fast zu Tode und er wird es nie in seinem Leben schaffen zu den 10% zu gehören, obwohl er sehr gute Arbeit leistet. Im Gegenteil er kann sich nicht einmal eine Wohnung kaufen. Bei den oberen 10% gibt es Leute, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben!

84 keiner
Warum müssen sich solche Menschen von Lidl und anderen Verbrechern traktieren lassen? Deutschland hat eine weitgehend entmenschlichte und extrem lebensfeindliche Arbeitswelt.
Deshalb gehen ja auch viele Leistungsträger hier weg, weil es hier bald nicht mehr zum aushalten ist!

91 HAM
Du sprichst mir aus dem Herzen!

165 Watawah 14. Mai 2009 um 10:24

@ Goldkind # 164

Nicht provozieren lassen – so etwas regelt das Leben glücklicherweise oft genug von selbst, alles nur eine Frage der Zeit. ;-)

166 Zykliker 14. Mai 2009 um 10:32

@HAM #158

Danke für die Erläuterungen; trotzdem befriedigt mich gerade das Beispiel Aldi nicht: Dort steckt privatwirtschaftliches Interesse hinter der Logistik/Koordination.

Übertragen auf die Gesamtwirtschaft würde dieses Beispiel – so verstehe ich das jetzt – bedeuten, daß eine öffentliche Institution Koordinationsaufgaben übernimmt wie z.B.

“Wenn du die Kartoffeln zum Schälen von Hamburg nach Bologna fährst, dann fahr doch bitte nicht leer zurück, sondern nimm gleich die Krabben zum puhlen für Irland ein Stück bis Hannover mit, aber bitte so rechtzeitig, daß die dort noch den Flieger …
ach nein, ich sehe grade, daß dieser Vorgang auf der Verbotenen Liste steht… verdammt, die Kartoffeln bleiben in Hamburg, die pommes können ruhig auch ein wenig vorgebräunt sein….”

Dieses kabarettreife Beispiel soll sich nicht lustig machen, es soll mir nur verdeutlichen, ob zentrale Koordination möglich, sinnvoll und überhaupt wünschenswert ist.

Treiben wir da womöglich den Teufel “betriebswirtschaftlich sinnvoll, aber gesamtgesellschaftlich Unfug” mit dem Beelzebub “Bürokratie” aus?

Wie wäre es, wenn wir statt dessen Energie so verteuerten, daß derartiger “Lebensmitteltourismus” einfach wegen Unwirtschaftlichkeit unterbleibt; der Umwelt ist es egal, warum sie geschont wird.

Trotzdem bin ich für weitere Erläuterungen dankbar, denn die Schnittstelle der Ideen, welche Aufgaben ein starker Staat, den ich ja auch propagiere, übernehmen soll, ist natürlich fließend.

@ Watawah #151

“Was immer verkleinert ist, klein ist, wird sich über die Entwicklung wieder vergrößern, fusionieren, wenn da kein Riegel vorgeschoben ist.”

Richtig, den muß der starke Staat setzen, weil ins öffentliche Bewußtsein eingedrungen sein wird, daß “small is beautiful for the entire community”

@ignatius #155

so reißt man Dinge aus dem Zusammenhang, damit man etwas hat, um darauf einzudreschen:

Meine Einlassungen waren ein Gegenvorschlag zu HAM´s berechtigter Klage, daß privatwirtschaftliches Verhalten öffentlichen Schaden erzeugen kann (#142).

167 staph.aureus 14. Mai 2009 um 10:44

HAM: “Für die Pharmaindustrie ist es ein Gewinn, wenn die Menschen möglichst viele Pillen schlucken. Dass die Menschen davon krank oder süchtig werden, interessiert sie nicht.”

Nicht nur in diesen Sätzen gute Argumentation von Dir.
Im Pharmabereich gibt es einerseits die Kapitalgesellschaften, deren CEO im Extrem nur auf ein gutes Quartalsergebnis schaut,
und es gibt (noch), um den virtuellen Don Alphonso zu zitieren, “Apotheker in vierter Generation”, deren langfristiges Interesse im langjährigen Vertrauen langlebiger Kunden liegt.
Die `Liberalisierung´ in Europa fördert aber den Aufbau der Machtstrukturen, die Nanuk angesprochen hat.
Du rätselst über Vernetzung von FastFood und Pharma.
Nimm doch die vorhandene Vernetzung von Qualitätsfleisch bei REAL/Metro mit den Gesundheitsinteressen der CelesioAG, alles bei einer Familie. Oder die Vernetzung einer Lebensversicherung mit einem Krankenhaus-Konzern.
Zugegeben, man kann das als unabhängige, betriebswirtschaftliche Investitionen sehen. Strategisch aber auch anders.
Der demokratischen Gesellschaft würden deine vier Lösungsvorschläge guttun.

Ich fürchte aber, daß wir ganz schön in der Sch…e stecken.

http://www.youtube.com/watch?v=teufz17PqoY

Deswegen der link auf Terry Gilliam’s Movie Brazil.

168 ein Untertan 14. Mai 2009 um 11:21

@ HAM 158
Zitat: „Hinsichtlich der Versorgung mit Energie, Wasser etc. kann heute vieles dezentral in den Kommunen gemacht werden.“

Jawohl, wenn nicht einige viele, durch Cross Boarder L… oder sale and lease back, die „Verantwortung“ darüber abgegeben haben. In fremde Hände, Verträge in Englisch, über ca. 600 Seiten verfasst. Stichwort „Kläranlagen“ denn Notdurft in flüssig oder fest, findet immer statt.

Der Staat fängt auch nicht bei mir, bei der Bundesreligion an. Ob Mikro oder Makro, wir sind Teil eines Ganzen.

Zitat: „ Was die großen Veränderungen und die Stunde Null betrifft, so glaube ich, dass zunächst konkrete Utopien entwickelt werden müssen, über die weltweit kommuniziert wird.“

Siehe als mögliche Grundlage: # 162 hier.

Zitat: „Für die Chinesen wird wichtig sein, dass sie ein Bewusstsein darüber entwickeln, welche destruktiven Auswirkungen ein entfesselter Kapitalismus hat, und zwar insbesondere dann, wenn er ins Stadium der Marktsättigung kommt. Ich denke, es wäre eine wichtige Aufgabe, mit den Chinesen in Kommunikation zu kommen.“

Bringt nichts, die Chinesen haben etwas, was uns fehlt. Kommunikation besteht bei einem Chinesen mit einer Langnase darin, Schmatzen, Saufen, Rauchen, Ideen klauen. Ansonsten Konfuzius oder die restlichen nicht religiösen Weltanschauungen.
Der allgemeine Chinese ca. 1.1 Milliarden ist streng organisiert. Der Rest ca. 200 M betrachtet die Erdkugel als ihr Eigentum.
Wenn man es erleben will, in Paderborn sind öfters Veranstaltungen.

169 keiner 14. Mai 2009 um 11:39

@162 …bevor ich Steiner anrühre lese ich noch vorher “Mein Kampf” im Original…

@164 Sehr fein beobachtet! Meine Familie lebt auch nicht mehr “hier”…

170 ein Untertan 14. Mai 2009 um 13:08

@ keiner 169

Kann es sein, dass dieser Vergleich ein wenig hinkt? Das eine ist 1919 geschrieben worden, das andere 1924 .
O.K. muss heute wohl so sein, dass man denkende Menschen, mit wahnwitzigen Irren vergleicht.
Und wenn Du auf die Rassenkunde ansprechen willst, so muss das wohl damals Mode gewesen sein.
Aber egal, wirst bestimmt recht haben.

171 HAM 14. Mai 2009 um 13:16

@Zykliker #166
„Danke für die Erläuterungen; trotzdem befriedigt mich gerade das Beispiel Aldi nicht: Dort steckt privatwirtschaftliches Interesse hinter der Logistik/Koordination.“

Schauen wir uns dieses „privatwirtschaftliche Interesse“ etwas genauer an.

Worin besteht es?
Primäre Zielsetzung des Privateigentümers eines Unternehmens ist es, Verluste zu vermeiden. Ein Unternehmen, welches dauerhaft Verluste macht, ist zum Untergang verurteilt. Natürlich will man als Unternehmer mehr als nur Verluste zu vermeiden, nämlich Gewinn zu machen und diesen zu maximieren.

In welche Taschen geht der Gewinn?
a) Eigentümer – Aktionäre
b) Management
c) Mitarbeiter
d) Staat

Wie verteilt sich heute üblicherweise der Gewinn?
Das Management versucht, sich den größten Teil des Gewinns in die eigene Tasche zu schaufeln. Natürlich fällt für den Eigentümer bzw. die Aktionäre auch etwas ab. Der Staat bekommt seine Steuern. Und die Mitarbeiter gehen meist leer aus, weil die Lohnerhöhungen in der Regel keine Reallohnerhöhungen sind.

Womit werden die Mitarbeiter trotzdem motiviert?

Mit Angst. Angst ist das entscheidende Motivationssystem im Spätkapitalismus. Jeder ehrliche Betriebspsychologe wird dies sofort bestätigen. Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren.

Angst wird zu einer zentralen Managementtechnik im Spätkapitalismus!
Wie erzeugt man Angst?
a) durch künstliche(!) Herstellung einer möglichst großen Arbeitslosigkeit
b) durch Massenentlassungen, wobei ein großer Teil wieder später eingestellt wird; allerdings zu schlechteren Konditionen (vgl. z.B. Sennett).
c) durch Drohung mit Betriebsverlagerungen ins Ausland (funktioniert prächtig als Mittel von Lohnsenkungen, vgl. Daimler)
d) durch Anstachelung der Konkurrenz unter den Mitarbeiter, und häufig auf brutalste Weise, nämlich dass immer jemand entlassen wird, egal, wie gut die Mitarbeiter arbeiten

Jeder, der sich mit dem Mobbing-Phänomen wissenschaftlich auseinandergesetzt hat, weiss, dass Punkt d) ursächlich dafür ist.

ANGST ALS MOTIVATIONSSYSTEM

Es funktioniert. Aber funktioniert es gut?
Was tut ein Mitarbeiter, der Angst hat?
Er versucht, sich möglichst gut anzupassen. Manche versuchen, mit dirty tricks andere hinauszumobben. Unter den Kollegen herrscht ein Klima des Misstrauens, manchmal auch des Hasses.
Keiner arbeitet mehr gern.
Millionen von Menschen kommen mit diesen Verhältnissen nur klar, wenn sie psychotrope Substanzen einnehmen (Alkohol, Psychopharmaka und Schmerzmittel, illegale Drogen).
„Nach aktuellen Schätzungen gibt es 2,5 Millionen alkoholabhängige Menschen in Deutschland, darunter 30 Prozent Frauen. Weitere etwa fünf Millionen konsumieren Alkohol in riskanter (suchtgefährdeter) Weise. Das Statistische Bundesamt zählte im Jahr 2000 16.000 Tote durch Alkoholkonsum; dabei trat der Tod in 9.550 Fällen durch Leberzirrhose ein. Das Deutsche Rote Kreuz berichtet sogar von 40.000 Todesfällen als Folge übermäßigen Alkoholkonsums in Deutschland, davon 17.000 an Leberzirrhose (zum Vergleich: Drogentod durch illegale Drogen 1.477, Tod als Folge des Tabakrauchens: 110.000). Hinzu kommen jährlich etwa 2.200 Kinder, die wegen des Alkoholmissbrauchs ihrer Mütter geschädigt zur Welt kommen (siehe Fetales Alkoholsyndrom). Weiterhin wird geschätzt, dass etwa 250.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren stark alkoholgefährdet oder schon abhängig sind.“ (Wikipedia)

„Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es geschätzte 1,4 bis 1,9 Mio. Medikamentenabhängige in Deutschland gibt.“
http://www.suchtmittel.de/info/medikamentensucht/001806.php

„ILLEGALE DROGEN. 100 000 Süchtige in Deutschland, explodierende Rauschgift-Kriminalität und zuletzt jährlich 2000 Drogentote. Ein soziales Problem außer Kontrolle“
http://www.focus.de/panorama/boulevard/brennpunkt-illegale-drogen_aid_141751.html

Macht zusammen rund 4 Mio. Süchtige. Andere Schätzungen liegen sogar höher. Wohlgemerkt SÜCHTIGE.
Wieviele ständige AlkoholKONSUMENTEN kommen einen AlkoholSÜCHTIGEN? Faktor 5 ist m. E. nicht zu hoch geschätzt.
Bei einer Arbeitsbevölkerung von 40 Mio. ist rund ein Zehntel von psychotropen Substanzen abhängig, ungefähr die Hälfte – womöglich sogar mehr – nimmt sie dauerhaft zu sich.

Ein großer Teil der Bevölkerung wird unter den Bedingungen dauerhafter Angst psychisch krank. Ein geringer Teil davon als offensichtliche Neurotiker, der größte Teil als sog. Psychosomatiker.

LUST ALS MOTIVATIONSSYSTEM

Eine pensionierte Psychologieprofessorin erzählte davon, dass die schönste Zeit in ihrem Arbeitsleben die Mitarbeit an einem Forschungsinstitut gewesen sei. Das war spannend, die KollegInnen waren begeistert. Sie sei jeden Tag dort gern hingegangen. Und das Schönste dabei, sagte sie: Sie habe dafür noch Geld bekommen.

Kommen wir zu unserem Beispielsystem, einem Großdiscounter, zurück. Egal, ob wir in mit Aldi oder Lidl oder x, y assoziieren.
99% der Mitarbeiter sind dort normale Angestellte. Hauptmotivation ist Angst. Es mag in einzelnen Betrieben oder bei einigen Stellen finanzielle Belohnungen geben, aber diese sind für die Arbeitsmotivation sekundär.

Wer würde dort arbeiten, wenn er nicht müsste? Z.B. nach einem Lottogewinn mit 30 Mio. €.
Unsere Psychologieprofessorin würde in ihrem Forschungsinstitut weiter arbeiten, auch wenn sie mit dem Erwerbseinkommen gar nichts anfangen könnte, außer es auf dem Bankkonto zu parken oder zu verschenken.

Freude an der Tätigkeit, stolz auf Geleistetes, Anerkennung durch KollegInnen und die Öffentlichkeit sind viel stärkere und bessere Belohnungssysteme.
So ein Leben ist ein lebenswertes Leben, nicht nur ein frustriertes „Sein zum Tode“.

ZUR PROBLEMATIK FINANZIELLER BELOHNUNGSSYSTEME

Nehmen wir in einem Gedankenexperiment an, es gäbe einen Betrieb, der die Gewinne tatsächlich an alle Mitarbeiter ausschütten würde, um diese aus „privatwirtschaftliche Interesse“ zu motivieren, eine möglichst optimale Leistung zu bringen.
Wie soll die Gewinnbeteiligung erfolgen?
Für alle den gleichen Betrag? Das wäre „Sozialismus“. Der Faule erhielte genauso viel wie der Fleißige. Damit würde der Fleißige demotiviert und der Faule belohnt werden. Das wäre dann „Beamten-Sozialismus“: Alle erhalten das gleiche Geld, unabhängig von ihrer Leistung.

Folglich machen finanzielle Belohnungssysteme nur einen Sinn, wenn die Belohnung leistungsgerecht erfolgt. Die Leistung muss quantifizierbar sein, die individuelle Leistung muss messbar sein.

Bei wie viel Berufen kann man überhaupt die individuelle Leistung sinnvoll messen?

Wie soll das bei einem Feuermann gehen? Bei einem Polizisten, Krankenschwester, Rettungssanitäter, Lehrer, Professor etc.?

Um es konkret zu machen:

Wie soll ein Feuermann nach Leistung bezahlt werden?

Der größte Teil seiner Arbeitszeit ist Bereitschaft. Das Beste für die Gesellschaft ist, wenn es möglichst wenig brennt.
Nehmen wir an, es brennt. Wie soll er nach Leistung bezahlt werden?
Nehmen wir an, wir bezahlen in stundenweise nach Einsatzdauer wie einen Handwerker.
Was passiert?
Er würde sich selbst bestrafen, wenn er den Brand möglichst schnell löschen würde. Sein „privatwirtschaftliche Interesse“ würde darin bestehen, dass es möglichst häufig und möglichst lange brennt.
Wollen wir das?

Bei allem Berufen, bei denen es vor allem auf Qualität der Arbeitsausführung ankommt, ist Leistung überhaupt nicht zuverlässig messbar oder es kommt Unsinn oder sogar das Gegenteil bei derartigen Belohnungssystemen heraus.

Nehmen als Beispiel die niedergelassenen Ärzte.
Die haben natürlich als arbeitende Unternehmer ein „privatwirtschaftliche Interesse“, nämlich dass ihre Praxis Gewinn abwirft.
Wie wird dort die Leistung honoriert?
Über staatlich festgelegte Gebührenordnungen werden dort Pauschalen bezahlt, seien es Quartalspauschalen oder Einzelbehandlungspauschalen für definierte Leistungen.
http://www.kbv.de/8156.html

Der Witz dabei ist, dass der Arzt, der eine Husch-und-Pfusch-Medizin macht, d.h. möglichst viel Patienten in möglichst kurzer Zeit behandelt, belohnt wird, während derjenige Arzt, der sich Zeit nimmt, finanziell betraft wird.

Das ist die Logik eines Akkord-Systems, welches nicht qualitativ differenziert.

FAZIT:
Nur bei einer Minderheit der Berufstätigkeiten ist eine nach Quantität und Qualität differenzierende leistungsgerechte Bezahlung möglich.

Die entscheidende(!) Motivation in einem hocharbeitsteiligen, staatlichen System muss folglich aus anderen Quellen kommen.
Zum einen durch Freude an der Arbeit und der Identifikation mit dem Gelingen der eigenen Arbeit. Zum anderen durch die Anerkennung durch KollegInnen und die Öffentlichkeit. Und – last not least – aus der Identifikation mit der Gemeinschaft: Denn alle profitieren vom Erfolg. Der Patient von einem guten Arzt, der Arzt von einem guten Feuerwehrmann, der Feuerwehrmann von einem guten Polizisten, der gute Polizist von guten Lehrern für seine Kinder.

FAZIT:
Die Vorstellung, in der modernen, hocharbeitsteiligen Gesellschaft sei „privatwirtschaftliches Interesse“ ein geeignetes Motivationssystem, um Wirtschaftsprozesse zu optimieren, ist eine Illusion bzw. eine Ideologie.
Für die Bangster, Manager, Politiker etc., die aus „privatwirtschaftlichem Interesse“ handeln, ist das Gelingen des gesamtwirtschaftlichen Prozesses völlig sekundär.
Hauptsache, Kasse machen. Was aus dem Betriebt wird? Not my problem.

Verhindert werden müssen in einer nachkapitalistischen Gesellschaft allerdings
a) Monopolstrukturen bzw.
b) erstarrte Hierarchien.

Denn sonst hätten wir eine Art „postkapitalischen Feudalismus“.

172 unwissender 14. Mai 2009 um 13:31

@HAM

Verhindert werden müssen in einer nachkapitalistischen Gesellschaft allerdings
a) Monopolstrukturen bzw.
b) erstarrte Hierarchien.

Denn sonst hätten wir eine Art „postkapitalischen Feudalismus”

Na, dann fangen wir mal an! :-)

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,624542,00.html

173 SQN 14. Mai 2009 um 13:51

@ 171 HAM

Angst ist kein Phänomen des Spätkapitalismus. Schon Marx sprach von der “reserve army of labour”.

174 Watawah 14. Mai 2009 um 13:52
175 keiner 14. Mai 2009 um 14:25

@ Untertan

Nicht immer so viel interpretieren, ich habe lediglich die Reihenfolge auf meiner “to-do” Liste wiedergegeben. Aber wo wir beim Thema sind

http://www.hamsterfelle.de

Enjoy!

176 staph.aureus 14. Mai 2009 um 14:29

“Die Vorstellung, in der modernen, hocharbeitsteiligen Gesellschaft sei „privatwirtschaftliches Interesse“ ein geeignetes Motivationssystem, um Wirtschaftsprozesse zu optimieren, ist eine Illusion bzw. eine Ideologie.”

FAZIT: Die unsichtbare Hand von Adam Smith ist krank.

Das sagen auch die Scheichs in Dubai. “Adam Smith’s “invisible hand” appears to be malfunctioning.”

http://dubaiholding.com/en/media-centre/news/2009/May1/economic-crisis-has-fundamentally-changed-capitalism-says-dubai-holding-commissioned-report/

“Dubai: May 12, 2009: The global economic crisis has “fundamentally changed” capitalism and the way governments and business view the world. That is the main conclusion to be drawn from an Economist Intelligence Unit report commissioned by Dubai Holding.

The report, ‘Risk and Regulation: A new era for capitalism’, is based on the findings of a survey of 418 global senior executives. The survey found that almost 60% of respondents believe that capitalism is entering a new era of lower risk tolerance, higher regulation and slower growth.

This report is an important contribution to the debate about the lessons to be learned from the global economic crisis. Although we are still in the midst of the economic fallout, now is the time to question many of the assumptions that have underpinned the global financial system and grasp the opportunity to change things for the better,

said Ahmad bin Byat, Chief Executive Officer, Dubai Holding.”

177 Ein Alter 14. Mai 2009 um 15:03

Jetzt werden viele Produktionsanlagen stillgelegt.
Jahrelanges Lernen, berufliche Erfahrungen, … auf den Misthaufen.
Das ist reale Kapitalvernichtung.
Das zu Verteilende wird weniger.
Aber geben wir das Geld lieber weiter an die Banker zum Spielen weiter.
Und gucken wir zu, wie die Grundlagen unseres Wohlstandes verrotten.
Die Deutschen bleiben weiter ruhig.

178 HAM 14. Mai 2009 um 15:20

@SQN #173
„Angst ist kein Phänomen des Spätkapitalismus. Schon Marx sprach von der “reserve army of labour”.

Sicher, Marx sprach es deutlich aus:

„Das Gesetz endlich, welches die relative Überbevölkerung oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Akkumulation in Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephaistos an den Felsen.
Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Verkommenheit auf dem Gegenpol, d. h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert.“
http://www.marx-forum.de/das_kapital/kapital_1/1.670.html

Allerdings hat Marx dies vor 140 Jahren geschrieben.
In den 70-er Jahren wurde auf die Kapitalismuskritik der Neuen Linken geantwortet, Marx sei megaout, seine Verelendungstheorie sei historisch längst widerlegt. Die Soziale Marktwirtschaft sei etwas völlig anderes als der Machester-Kapitalismus zu Marxens Zeiten.

Tatsächlich hat der Sozialstaat den Menschen die „Angst vor Arbeitslosigkeit“ vielleicht nicht gänzlich genommen, aber zumindest reduziert. Im sozialliberalen bzw. sozialdemokratischen Stadium des Kapitalismus gab es ja diesen Schutz vor sozialem Abstieg.

Im neoliberalen Stadium des Kapitalismus ist Kapitalverwertung nur durch forcierte Ausbeutung aufrechtzuerhalten. Die neoliberalen Ideen sind ja nicht irgendwie vom Himmel gefallen, wie uns dies so gern die Pfaffen des Kapitalismus erzählen.

Nein, das Ende des sozialen Marktwirtschaft und des traditionellen Sozialstaates ist deshalb gekommen, weil die notwendige Kapitalverwertung im Modell der sozialen Marktwirtschaft nicht mehr möglich war.

Im Spätkapitalismus ist deshalb die die „Angst vor Arbeitslosigkeit“ WIEDERgekommen.

Deshalb auch SPÄTkapitalismus. Die Ära des Kapitalismus geht ihrem historischen Ende entgegen.

Ich hoffe, dass ich es noch erleben werde, dass diejenigen, welche heute ihr Loblied auf den Kapitalismus singen, irgendwann die Vorzüge des „chinesischen Weges“ anpreisen werden.
So wie diejenigen, die früher den realen Sozialismus bejubelten, heute zu Freunden des Kapitalismus geworden sind.

179 ein Untertan 14. Mai 2009 um 15:31

@ keiner 175

o.k. dann habe ich den Interpreten falsch interpretiert. Sorry dafür.
ist eben ein Unterschied zwischen “noch vorher” oder “vorher noch”

Das Original? Hoffentlich keine Fälschung.

180 Zykliker 14. Mai 2009 um 16:18

@HAM # 171

erstmal Anerkennung und Respekt für diese Schreibleistung.

Den Zustandsbeschreibungen (Arbeitswelt / Ausplünderung der Firmen durch das Management) stimme ich zu.

Aber ich bezweifle, daß die Arbeitswelt (privatwirtschaftliche Motivation für die abhängig Beschäftigten) sich ändert, wenn die Entscheidungsprozesse anders organisiert sind. Das Beispiel mit der Psychologieprofessorin zieht m.M. nach nicht: dies ist ein glücklicher Einzelfall, wo jemand sich in seinem Elfenbeinturm wohlfühlt.

Daß ein Lidl glaubt, mit seinen Leuten so umspringen zu können, gibt mir allerdings schon zu denken; in einem anderen System wäre das sicher nicht so, aber soll dieses Extrem Grund genug sein, das System auszuwechseln und sich dafür andere Nachteile einzuhandeln?

Es wird immer, in allen Systemen, Machtmenschen geben, die glauben/es nötig haben, andere wie den letzten Dreck behandeln zu können, und damit meist auch noch Erfolg haben; und dabei verfängt natürlich auch das scheinheilige Argument des Funtionärs seinerzeit bei “Anne Will” nicht: “Mitarbeiter muß man gut behandeln, dann leisten sie auch mehr.” Das stimmt erst ab einem mittleren sozialen Niveau; auf der untersten Ebene bei Lidl leider nicht.

Wie aber schon gesagt: ein Großteil der Arbeitsbedingungen würde sich auch nach einem Systemwechsel nicht ändern.

“Für die Bangster, Manager, Politiker etc., die aus „privatwirtschaftlichem Interesse“ handeln, ist das Gelingen des gesamtwirtschaftlichen Prozesses völlig sekundär.
Hauptsache, Kasse machen. Was aus dem Betriebt wird? Not my problem.”

Einverstanden, deshalb muß in einem politischen Prozeß dieser bereits reale Feudalismus zerlegt werden; Dinosaurier zerschlagen und ggf wieder privatisieren und künftige Fusionen i.d.R. verbieten oder ggf strengen Auflagen unterwerfen, sollte reichen.

“Die Vorstellung, in der modernen, hocharbeitsteiligen Gesellschaft sei „privatwirtschaftliches Interesse“ ein geeignetes Motivationssystem, um Wirtschaftsprozesse zu optimieren, ist eine Illusion bzw. eine Ideologie.”

Mag sein, aber ich fürchte, auf Gegenentwürfe, die wirtschaftliche Entscheidungsprozesse von einer wie auch immer definierten öffentlichen Instanz treffen lassen wollen, trifft das genauso zu + Reibungsverluste durch die zusätzliche Bürokratie.

Immer mit der Einschränkung, daß auch ich einen starken Staat sehe, der wirtschaftlichen Machtmißbrauch – Definition soll die öffentliche Debatte finden – unterbindet.

181 Watawah 14. Mai 2009 um 17:18

@ Zykliker

Wenn ich wegen Kritik nicht mehr gekündigt werden kann, es für eine Kündigung mehr als “nur etwas schlechtes nachsagen” braucht, dann nehmen Mitarbeiter diese Recht auch wahr, egal auf welcher Stufe der Hierarchie.

Ich hätte zwar wohl früher nicht über Honecker meckern dürfen, hab ich auch nicht gemacht, kannte ich den persönlich, nee – wenn dann gings im Rundumschlag.

Aber ich konnte den Betriebsdirektor “zusammenniesen” – und sei versichert, das hab ich auch gemacht. Allerdings immer hübsch sachlich ;-) Ich greif keine Person an, das wäre mir zu primitiv.

Und was ist passiert – der Job blieb, logo – was denn auch sonst.

Ok, hat nicht immer was genützt, das kritisieren, aber so manches mal eben doch. Da man sich ja nichts aus den Fingern gesogen hat, gab’s oft genug Unterstützung von anderen…

182 Watawah 14. Mai 2009 um 17:58

” …believe that capitalism is entering a new era of lower risk tolerance, higher regulation and slower growth.”

Das würde doch aber heißen, wenn ich das richtig verstehe, daß der Kapitalismus von selbst “einsehen” muß, daß es nun etwas sachter vorwärts gehen muß.

Abgesehen davon, daß der von alleine gar nichts einsieht, denke ich, daß er auch seine Machtkommunikation im Hintergrund so nutzt, daß es wieder auf den bekannten Düsentrieb steigt – nach dem Motto – “Kurz durchatmen und ab die Post”.

Und wäre es denn so, daß er weniger risikofreudig, höher reguliert, langsamer wachsend ist – wäre es dann überhaupt noch Kapitalismus – ich meine, alleine bringt der das nicht, da müssen Menschen eingreifen, wenn sie aber eingreifen und ein enges Korsett schnüren, wo ist dann noch Kapitalismus?

Zu naiv?

Ich meine mir hier herausgearbeitet zu haben, daß ich in einer sehr hohen Stufe Kapitalismus, wenn er schon nur noch auf Finanzkapitalismus “machen kann”, um seine Kapitalakkumulation zu erreichen, eine derartige Reformierung de facto nicht mehr möglich ist.
(Es sei denn, er pulverisiert mal wieder alle Werte – siehe Krieg)

183 froZ 14. Mai 2009 um 18:12

@ Frank Lübberding

Entschuldige, daß ich fälschlicherweise davon sprach, Du seiest “in die Politik gegangen”. Einige länger zurückliegende Beiträge habe ich wohl dahingehend gedeutet, daß Du in NRW auch Kommunalpolitik machst, aber das war offenbar ein Irrtum.

Fände ich aber wie gesagt gar nicht verwerflich. Ich gehöre nicht zu denen, die alle Politiker für Gauner halten. Bisweilen habe ich selbst schon mit dem Gedanken gespielt, aber zum einen bin ich ziemlich hierarchophob, zum anderen scheue ich den Zeitaufwand.

184 Zykliker 14. Mai 2009 um 18:14

@Watawah #181

aus eigener Erfahrung kann ich die Arbeitsbedingungen in “diesem anderen System” nicht beurteilen; was ich so gehört habe, dürften sie für viele etwas entspannter gewesen sein als in der kapitalistischen Mühle – und manche Erungenschaft wie z.B. die Kinderbetreuung zu übernehmen hätte den “Siegern” keinen Zacken aus der Krone gebrochen. Den Leuten hat das leider nix genützt; sie konnten sich für das Geld nicht immer das Gewünschte kaufen und die volkswirtschaftliche Produktivität hat nicht gereicht, das System am Leben zu erhalten.

Da wir aber nun ohnehin schon von der Motivation des Unternehmers zur Motivation des Abhängigen gewechselt haben, noch ein kurzer Blick nach China:

@HAM # 178

Die Arbeitsbedingungen dort sollen hoffentlich kein Vorbild für uns darstellen (Arbeitsunfälle – auch tödliche – in einer auch im Verhältnis zur Gesamtheit erschreckenden Zahl).
Wie dort mit dem “im Überfluß vorhandenen Menschenmaterial” umgegangen wird, ist mehr als zynisch (frühkapitalistisch trifft wohl zu), und die Regierung ist wohl nicht immer in der Lage oder willens, die volkswirtschaftlichen Ziele der Menschenwürde unterzuordnen.

185 Watawah 14. Mai 2009 um 18:32

@ Zykliker # 184

“Da wir aber nun ohnehin schon von der Motivation des Unternehmers zur Motivation des Abhängigen gewechselt haben”

Gehen wir noch einmal zur Unternehmer-Motivation, HAM hat das ja schon bestens beschrieben…

Ich meine, auch in einer “Übergangsphase” wird rein monetäres Denken bei den Menschen noch bestimmend sein, der Hauptmeßpunkt dafür, was Leistungsgerechtigkeit ist.

Sei’s drum, es ist jedem gegönnt – nur möchte ich, daß so nette Schilder an Wäldern und Wiesen mich nicht wegen fremden Eigentums am betreten hindern und diese “Moneten” dürfen auch nicht zum Kauf des Wasser- und Elektrizitätswerks benutzt werden.

Wenn er nen Porsche will und den gibt’s noch – bitte sehr.
(Wir könnten uns aber auch mal was anderes einfallen lassen.)

Über einen gewissen Zeitpunkt wird aber, so meine ich, das Interesse mehr zu Forschungsfreiheit u.dgl gehen. Freie Entfaltung auf der Suche nach Innovationen, Verbesserungen.

Und einem richtigen Forscher, einem so mit Herzblut bei der Sache, dem ist Geld was über seine Ausstattungsfinanzierung hinausgeht eh schnurz, so meine Beobachtung.

186 Nanuk 14. Mai 2009 um 19:43

@Watawah
Unternehmer-Motivation?

Ganz einfach als ich ein Kind war hab ich immer zu Gott gebetet das ich ein Fahrrad bekomme hat nie Funtioniert dann hab ich kapiert das es mit Gott so nicht läuft ich hab mir dann einfach eins geklaut und um Vergebung gebetet das hat geklapt…

:)

187 HAM 14. Mai 2009 um 19:58

@Zykliker #180

PRIVATWIRTSCHAFTLICHE MOTIVATION

So wie ich Deinen Kommentar (Zykliker #166) verstanden habe, ging es um die These, dass privatwirtschaftliche Unternehmen besser funktionieren als staatliche.

Also privatisierte Post, Bahn etc. effektiver und effizienter arbeiten als in Staatshand. Eine derartige Überzeugung ist ja weit verbreitet.
Der Umkehrschluss daraus ist, dass eine gemeinwirtschaftlich organisierte Ökonomie schlechter funktioniert.

Der Grund für die Annahme, dass ein privatwirtschaftliches Unternehmen besser funktioniert als ein staatlich, wird im persönlichen Gewinnstreben gesehen.

Was beim KMU unmittelbar einleuchtend ist, dass der mitarbeitende Unternehmer alles tut, um das Unternehmen zum Erfolg zu führen, kann – so meine These – überhaupt nicht auf Großunternehmen übertragen werden.

In einer AG hat der Aktionär in Regel überhaupt nichts mit den konkreten wirtschaftlichen Abläufen zu tun. Er arbeitet weder in der Produktion bzw. Dienstleistungsbereich noch im Management mit. Die Unternehmerfunktion hat das Management übernommen.

Das Management kann bei schlechten Leistungen von den Eigentümern entlassen werden. Aber dies gilt natürlich genauso für staatliche Unternehmen.

Jetzt schauen wir uns die 99% der Belegschaft an, die in einem Privatunternehmen weder zu den Eigentümer noch zum Management gehören.

Wie sieht es mit deren Motivation aus?

Da kommt immer das Argument, dass Arbeitnehmer in einem privatwirtschaftlichen Unternehmen besser motiviert seien, weil sie dort nach Leistung bezahlt werden. Beamte hingegen werden in Deutschland als Menschen gesehen, die zu ihrer Dienstelle gehen, um sich da ungestört ausschlafen zu können. In öffentlich-rechtlichen Unternehmen – so die Volksmeinung – wird nichts geleistet. Weil jeder nach Tabelle bezahlt wird und unkündbar ist.

Diese Auffassung ist ein gängiges Vorurteil, welches genauso geglaubt wird, wie dass die Erde eine Kugel ist, obwohl 99,999999% der Menschen darüber gar keine sinnliche Gewissheit besitzen können, weil sie noch nie im Weltraum waren.
Ist die Erde eine Kugel?
Gibt es für Menschen die Möglichkeit, auch außerhalb des Weltraums die sinnliche Gewissheit erlangen, dass die Erde kein „flacher Planet“ ist?
Ja, die gibt es. Und wie geht dies?
Darauf werden 99% der Menschen keine Antwort geben können. Weil sie noch nie darüber nachgedacht haben.
Genauso wie über das Dogma, dass die Menschen in einer Privatwirtschaft mehr leisten als in einer Gemeinwirtschaft.
Das wird geglaubt und papageienhaft nachgequatscht.

Mit diesem Vorurteil, dass Menschen in privatwirtschaftlichen Unternehmen motivierter seien als in staatlichen, damit beschäftigte sich mein Kommentar.

Das Ergebnis meiner Darlegung war, dass hier eine Ausnahme zur Regel gemacht wird: Zwar gibt es Bereiche, wo die Arbeitsleistung hinsichtlich Quantität und(!) Qualität messbar ist, aber für einen Großteil der Tätigkeiten trifft dies nicht zu.

Fazit:
Die Allgemeingültigkeit der Annahme, menschliche Arbeitsleistung könne mittels Messung bestimmt werden und entsprechen bezahlt werden, trifft nur in Ausnahmefällen zu, in der Regel nicht.
Es gibt Akkordarbeit, die hinsichtlich Quantität und Qualität bestimmt werden kann. Hier handelt es sich in der Regel um Handarbeit: Wände mauern, Fassade anstreichen, Fließen verlegen, Obst pflücken, Wein lesen, einfache repetitive Fließbandarbeiten usf.
Andere Systeme, welche qualitätsindifferent Quantität honorieren, führen systemlogisch zu einer Verschlechterung der Qualität (z.B. privatwirtschaftliche Tätigkeit von Ärzten).

Anmerkung: Das gilt generell für Waren und Dienstleistungen. Es ist eine Irrtum zu glauben, dass die kapitalistische Konkurrenz die Qualität der Waren immer mehr verbessere. Das glauben viele Menschen heute noch, obwohl die Empirie häufig das Gegenteil belegt.

Menschen mit der Androhung negativer Konsequenzen zu motivieren, funktioniert durchaus. Dass jemand, der schlecht arbeitet, seinen Arbeitsplatz verliert, ist so eine Konsequenz. Dagegen ist nichts einzuwenden.
Aber hier stellt sich wieder das Problem der Bewertung der Arbeitsleistung.

Motivation durch Angst funktioniert, wie bereits dargelegt.

Funktioniert Motivation durch Erhöhung der Angst besser?

Kann man die Arbeitsleistung durch ein Mehr-Desselben – also durch Erhöhung des Angstdrucks – steigen?

Bis zu einem gewissen Punkt sicherlich. Aber dann kommt es zu einem Umschlag. Die Menschen werden gegenüber Angstdruck gleichgültig, sie kündigen innerlich oder sie brennen aus. Sie trinken, werden psychisch und körperlich krank.

Die französische Soziologin Vivianne Forrester hat dies treffend als „Terror der Ökonomie“ gekennzeichnet.

Abschließend noch ein Wort zu meinem Beispiel von der Psychologieprofessorin. Das erscheint in der heutigen Welt als sehr wirklichkeitsfremd. In meiner Jugend (Abi 1967) war dies noch ein zentrales Thema, nämlich Beruf als Berufung. Der Beruf als Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Das war für uns eine entscheidende Frage: Wie treffen wir die Berufswahl? Nach unseren Begabungen? Oder danach, wo mir am meisten Geld verdienen?

Für jemanden, wie mich, der auf eine Gymnasium mit humanistischen Bildungsideal erzogen wurde, war die Antwort klar: Der Beruf muss der Berufung entsprechen. Wie kann sonst ein erfülltes Leben gelingen? Natürlich benötigen wir auch Geld zum Leben. Aber dies kann doch nicht die Hauptmotivation für die Berufswahl sein, sondern nur ein notwendiger Nebeneffekt.

Der Humboldtsche Bürger ist in erster Linie politischer Bürger: Natürlich hat er auch einen Beruf. Aber den versteht er politisch im bürgerlich-emanzipatorischen Sinne:
Der Künstler möchte große Kunst machen, der Dichter große Dichtung, der Entdecker große Entdeckungen, der Forscher große Erkenntnisse, der Erfinder große Erfinder, der Ingenieur große Ingenieursleistungen, der Jurist große juristische Leistungen etc.

Das heutige Lohnarbeiterbewusstsein kann nicht verstehen, dass für die gebildeten Bürger das Geld keine zentrale Motivation darstellte. Deshalb kann sich das Lohnarbeiterbewustsein auch keine andere Gesellschaft vorstellen, in der das Geldverdienen nicht mehr das zentrale Motiv für die Berufstätigkeit ist.

188 Watawah 14. Mai 2009 um 21:02

@ Nanuk

Und jetzt “unternimmst” Du Dich :-D

189 Geodät 14. Mai 2009 um 21:23

@ Ham

Lieber Ham, du hast es wieder trefflich formuliert!!!

Ergänzend:

Die Erde gleich eher einem Apfel mit Dellen als einer regelmäßigen Kugel! :-)

So viel zu “Glaube” und Wirklichkeit.

Zu deinen Beiträgen weiter vorn ist mir G. Seume, vielleicht kein großer Schriftsteller im ästhetischen Sinne, aber ein kluger, kritischer Kopf, in den Sinn gekommen. Erstaunt/bestürzt war ich, als ich sein Gedicht “An das deutsche Volk” von 1803 las, das für das Heute interpretiert noch immer gültig ist – nach immerhin mehr als 200 Jahren. (–> präkapitalistischer Feudalismus)

Themen sind die Ausplünderung, die Naivität mit der man die plündernden Lumpe gewähren lässt und das “Hündische”, das Hölderlin übrigens die “Knechtseligkeit” der Deutschen nannte. Darin klingt diese Eigenheit fast wie etwas Inbrünstig-Religiöses, etwas für Unmündige.

MfG

190 Geodät 14. Mai 2009 um 21:34

Nachtrag:

“Knechtseligkeit” – darin klingt auch Glückseligkeit an. Ein Zustand, in dem man sich wohlfühlt, der aber wegen des Sklavischen (Knecht) alles andere als kuschelig ist. Und trotzdem ertragen ihn die Deutschen… und ertragen ihn… unabänderlich???… in Ewigkeit…

Amen!!!

191 Nanuk 14. Mai 2009 um 21:38

“Wer das erste Privilegium erfunden hat, verdient vorzugsweise so lange im Fegefeuer in Öl gesotten oder mit Nesseln gepeitscht zu werden, bis das letzte Privilegium vertilgt ist.”

Welch wahrer Satz vom Herren Seume

192 Nanuk 14. Mai 2009 um 21:40

Ein wahrer Anarchist der Mann…

193 HAM 14. Mai 2009 um 21:44

Zu meinem letzten Kommentar (HAM #187) muss ich noch etwas hinzufügen, damit er nicht missverständlich ist:

Die Frage, wie treffen wir die Berufswahl, stellte sich natürlich nicht nur für die Elite der Gymnasialschüler. Sondern für die meisten Menschen, sofern sie überhaupt eine Wahlmöglichkeit besaßen.
Keine Frau wird Krankenschwester, um des Geldes willen, Niemand wird Polizist, Feuerwehrmann etc., um des Geldes willen.

Sie identifizieren sich mit diesen Aufgaben, weil sie anderen Menschen helfen wollen, weil sie etwas Nützliches für die Gesellschaft machen wollen, weil sie wertvolle Menschen sein wollen.
Begabung und Lust an der Tätigkeit wie auch Selbstachtung spielen eine große Rolle. Es ist schon ein gutes Gefühl, in den Spiegel zuschauen und zu sagen: Du bist o.k.! Und irgendwann, wenn wir für immer die Augen schließen, zu sich selbst sagen zu können: Du warst ein anständiger und wertvoller Mensch!

Natürlich benötigt ein Mensch, um ein gutes Lebensgefühl entwickeln zu können, auch die Anerkennung durch seine Umwelt. Zu dieser Anerkennung gehört auch die Beteiligung am materiellen Reichtum dieser Welt.

Sagen wir es ganz einfach:
Die Frisöse, die meine Haare gut schneidet, der Automechaniker, der mein Auto gut repariert, die Pflegekraft, die meine Mutter gut pflegt, sie alle sollen gut leben können.

WIR BRAUCHEN EINE KULTURREVOLUTION!

194 Geodät 14. Mai 2009 um 22:23

@ Ham 193

Bei den Polizisten bin ich mir nicht ganz sicher, was dein “Helfer”-Gen betrifft. Aus persönlichem Kennen, weiß ich, dass teils nur die gute Entlohnung Zugpferd war – und keine edle Neigung!!!

Es soll auch welche geben, die gern Waffen tragen und privat dem Braunen nicht abgeneigt sind!

Grüße

195 Watawah 14. Mai 2009 um 22:31

Kulturrevolution

Wer soll die umsetzen…
Dafür bedarf es doch emanzipierter, gut gebildeter Bürger.
Wird es sonst nicht nur eine Werte-Diskussion?

Werte diskutieren, persönlich vorleben-umsetzen, sollte man so weit als möglich so und so
vielleicht das Bewußtsein dafür wieder schärfen. ..

Für alles andere in ich wohl zu ungebildet…

Nur Gedankenfetzen…
wenn ich mich mit dem Wort Kulturrevolution auseinandersetze – die spätere chinesische ist ja nicht gemeint…

196 HAM 15. Mai 2009 um 08:11

@Geodät
„Bei den Polizisten bin ich mir nicht ganz sicher, was dein “Helfer”-Gen betrifft.“

Seit den 60-er Jahren haben sich die Motive für die jeweilige Berufswahl grundlegend geändert. Man geht mit Lohnarbeiterbewusstsein an die Berufswahl heran: Was verdiene ich dort? Wie sind die Arbeitsmarktchancen? Wie sicher ist der Arbeitsplatz? Etc.

Es geht nicht mehr um „Berufung“, um Realisierung von Begabungen, um große Taten etc.

Primäres Ziel ist Geld zu verdienen. Das Geld ist Mittel, materialistische Lebensziele zu erreichen: Haus, Auto, Pferd …

In den 60-er Jahren war Polizist ein schlechtbezahlter Beruf. Damals gab es noch den unteren und mittleren Dienst, wo über 90% der Stellen angesiedelt waren. Heute beginnt der Polizeidienst mit dem gehobenen Dienst. Jede StreifenpolizistIn hat einen Fachhochschulabschluss und beginnt als Polizeikomissarin. Früher hießen die Beamten ab Kommissar „Oberbeamte“.

Insofern stimme ich Dir voll zu, dass sich auch bei der Polizei die Motive für die Berufswahl geändert haben. Aber das gilt natürlich auch für andere sozialen Berufe, wie LehrerInnen, ÄrztInnen etc.

@ Watawah

KULTURREVOLUTION

Mit „Kulturrevolution“ meine ich eine Veränderung von Menschen-, Gesellschafts- und Weltbild. So wie die „Aufklärung“ eine Kulturrevolution war.

Das menschliche Bewusstsein hinkt der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher. Es gibt diesen Begriff des „Cultural Lag“.

In der Wissenschaft sind regelmäßig die Geistes- und Sozialwissenschaften die bewusstseinsmäßig rückständigsten Disziplinen, die Naturwissenschaften und technische Wissenschaften die fortschrittlichsten. Es ist schon eine historische Besonderheit, wenn – wie in der 68-er Bewegung – das fortschrittlichste Bewusstsein in den Sozialwissenschaften zu finden war.

Man sieht es am heutigen Stand der Soziologie. Das ist eine völlig heruntergekommene Disziplin. Das gleiche gilt für den Mainstream von Psychologie, Politik, Ökonomie etc. Es sind eben ideologische Wissenschaften. Am liebsten thematisieren sie alten Quark von gestern und vorgestern oder dienen sich subaltern den Reichen und Mächtigen als Ideologen an. Prof. Raff ist überall.

Man muss sich nur das Papageiengequatsche der Mainstream-Ökonomen anhören. Da wird Zukunft überhaupt nicht thematisiert. Sondern es geht nur darum, das alte System am Laufen zu halten. Alternativen werden überhaupt nicht diskutiert.
Anders als bei den Klassikern der bürgerlichen Ökonomie geht es gar nicht darum, ein bestmögliches ökonomisches System für die Gesellschaft zu entwickeln, sondern vor allem um Ideologie. Es sind Pfaffen, die ihre Ideologie mit empiristischer Argumentation ummanteln.

Die Psychoanalyse zeigt, dass Menschen zwei gegensätzliche Lösungswege bei Konflikten und Krisen einschlagen können, nämlich Progression und Regression. Das gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für Gesellschaften. Regression bedeutet, auf die Lösungsstrategien einer früheren Entwicklungsstufe zurückzufallen. Der deutsche Faschismus ist ein Beispiel für eine kollektive Regression. Der Führer ist der übermächtige Vater. So wie das kleine Kind seinen Vater sieht. Die „Rasse“ ist der Rekurs auf Abstammungsgemeinschaft, auf Familie und Stammesgemeinschaft.

Deutschland befindet sich seit den 70-er Jahren in einem Prozess kollektiver Regression. Aber auch insbesondere die USA. Das haben kritische Kulturanthropologen wie Christopher Lash (Das Zeitalter des Narzissmus) schon früh erkannt. Das sind infantil regredierte Gesellschaften. Die USA haben jetzt einen Führer, auf den sie ihre infantilen Erlösungswünsche projizieren können.

Deutschland hat zwar keinen Obama, aber andere Lichtgestalten. So den klügsten Wirtschaftsprofessor:
http://www.bild.de/BTO/tipps-trends/geld-job/2007/01/24/rente-tipps/vorsorge-rente-altersstufen.html
Oder den klügsten aller Professoren:
http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,155248,00.html

Und zudem gibt es noch Deutschlands klügsten Kopf:
http://www.wallstreet-online.de/diskussion/1052016-1-10/deutschlands-kluegster-kopf-redet-klartext-das-laeuft-mit-den-auslaendern-falsch
:-)

Mit Kulturrevolution meine ich, dass die Menschen nach – im psychoanalytischen Sinne – progressiven kulturellen Lösungen suchen. Also nicht in historisch überholte Lösungsmuster von Nationalismus oder Arbeitermarxismus oder Neo-Feudalismus zurückfallen.

Sondern die ökonomischen und technologischen Möglichkeiten einer globalisierten Welt nutzen, um als Menschheit einen Emanzipations- und Entwicklungsschritt zu machen.

197 Watawah 15. Mai 2009 um 09:59

@ HAM # 196

„Mit Kulturrevolution meine ich, dass die Menschen nach […]progressiven kulturellen Lösungen suchen[…] die ökonomischen und technologischen Möglichkeiten einer globalisierten Welt nutzen, um als Menschheit einen Emanzipations- und Entwicklungsschritt zu machen.”

Wer sind nun „die Menschen“?

Ich habe verstanden, daß sich in einer Zeit, da sich alles beinahe ausschließlich ums Monetäre dreht, die Bereitschaft sich mit neuem noch ungedachtem in (sagen wir) Grenzen hält.

Wo soll also der Impuls herkommen, daß Personen, die über die entsprechende Grundbildung verfügen, diese auch im Sinne einer Progression statt in einer Regression oder Stagnation umsetzen?
(ich denke „im Alten” verharren ist auch üblich, das wäre dann ja Stagnation)

Welcher Strukturen bedarf es, welcher Bedingungen, daß sich dieser Wandel wenigstens bei einer größeren Gruppe erst einmal gedanklich festsetzt?

Das Internet ist eine Möglichkeit, daß sich Menschen, die diese Erkenntnis vollzogen haben, sich treffen. Dort treffen sich aber nur die, die diesen „Sprung“ innerlich schon vollzogen haben bestenfalls mit denen, die nach neuen Wegen suchen.

Ganz ehrlich, das geht mir zu langsam.

Ich versuche ja durchaus im Nachbarthread die System-Kommunikation-System- Diskussion zu verstehen, was ich aber meine verstanden zu haben, ist, daß ein System von sich aus keine Lösungen in sich aufnimmt, so es nicht gezwungen ist – da es so lange einfach nicht entsprechend kommuniziert.

Wann ist es gezwungen – wie oder kann man überhaupt so etwas künstlich befördern?

Ich denke der Gang durch die Institutionen wäre ein Weg. Aber wie charakterfest Menschen sind, können wir auch gut beobachten. Mit ihrer „Grundausstattung“ monetärem Denken, werfen sie recht schnell ihre Überzeugungen für einfache „narzisstische Ziele“ über Bord. Andere sind sich so sicher um das „hündische“, „knechtsselige“ im Deutschen, daß sie wohl schnell geneigt sind, jede Art Kooperation in diese Ecke zu verbannen.

Ich meine, daß es den klassischen emanzipierten Bildungsbürger einfach nicht gibt, jedenfalls nicht als Gruppe, die sich zu neuen Ufern aufmachen will.

Ok, für mich fällt hier bei der Diskussion ein ordentlicher Brocken Wissen vom Tisch ab, beim Lesen der Beiträge bin ich Dauerkunde bei Wikipedia, um überhaupt zu erfahren, über was da „gefachsimpelt“ wird.

Die Denksportübungen hier werden aber nicht reichen, um in einer größeren Gruppe überhaupt Interesse zu wecken sich zu beteiligen.
Wie beendet man den Tiefschlaf.

198 bismodo 15. Mai 2009 um 10:05

@ HAM

Zu Deinen Ausführungen passt eine gedankenvolle Auseinandersetzung mit dem Grundgesetz, das diese Knechtseeligkeit fortführt, obwohl so oft als “freiheitlich” etc. gepriesen.

Joachim Bruhn: “Der Staat des Grundgesetzes”

http://www.isf-freiburg.org/isf/jourfixe/jf-2009-1_staat.grundgesetz.html

(PDF-Version: http://www.isf-freiburg.org/isf/jourfixe/pdf/jf-2009-1_staat.grundgesetz.pdf)

199 bismodo 15. Mai 2009 um 10:26

@ Watawah # 197

“Wie beendet man den Tiefschlaf.”

Knechtseligkeit ist etwas aktives, nichts schlafähnliches, verschlafenes. Sie ist daran interessiert, dass alles so bleibt, nur will sich der Knecht, wenn es hoch kommt, gerne an die Stelle des Herrn setzen, um selber Herr pber Knechte zu sein …

200 HAM 15. Mai 2009 um 11:26

@Watawah #197
„Wo soll also der Impuls herkommen, daß Personen, die über die entsprechende Grundbildung verfügen, diese auch im Sinne einer Progression statt in einer Regression oder Stagnation umsetzen? (ich denke „im Alten” verharren ist auch üblich, das wäre dann ja Stagnation)“

Im tiefenpsychologischen Modell ist dies so:
Es gibt ein reales Problem, welches dann zu einem psychischen Problem wird. Z.B. Verlust der Arbeitsplatzsicherheit mit Folge der Entstehung von Angst im Individuum. Letzteres nennt man dann einen psychischen Konflikt. Der manifestiert sich in unangenehmen Gefühlen.

Das Individuum hat nun drei Möglichkeiten:
a) Das Problem in der äußeren Realität lösen. Z.B. den Beruf wechseln oder in ein Land auswandern, wo es Arbeitskräftemangel gibt.
b) Mit dem Problem psychisch progressiv umgehen, z.B. sich Optionen für den Fall schaffen, dass der Arbeitsplatzverlust tatsächlich eintritt.
c) Das Problem verdrängen, sich einreden, dass es selbst nicht betroffen sein wird, dass der Aufschwung bestimmt kommt, dass die Regierung nach der nächsten Wahl Änderungen herbeiführt etc. Mit anderen Worten, dass alles nicht so schlimm ist und man keine Angst mehr zu haben braucht.
d) Es nimmt psychotrope Substanzen zu sich, damit die unangenehmen Gefühle weggehen. Wobei angemerkt werden muss, dass sog. nicht-stoffliche Süchte psychisch ähnliche Effekte besitzen.

Punkt c) ist eine regressive Lösung. Die Realität wird umgedeutet, mit der Folge, dass im Gehirn eine neue Realität entsteht, nämlich eine fiktive. Und zwar durch Umkonditionierung durch das betroffene Individuum. Diese Realitätsfiktion wird vom Individuum als „die“ Realität wahrgenommen, denn jedes Individuum konstruiert sich selbst seine Realität in seinem Gehirn.
„Aus dem Augen, aus dem Sinn“ – sagt der Volksmund. Neuropsychologisch könnte man sagen: aus der Wahrnehmung, aus dem Gehirn. Nicht ganz, würden die Psychoanalytiker einwenden, irgendwo ist es noch im Gehirn, aber durch Willensakt nicht mehr bewusst zugänglich. Es ist ins Unbewusste verdrängt worden.

Damit sind schon zwei Aspekte Deiner Frage angesprochen:

1. Wo soll also der Impuls herkommen?
Der Impuls kommt aus der Realität.

2. „Stagnation“ ist in einem derartigen Fall auf Dauer in der Regel nicht der Fall, da sich das Individuum dauerhaft unangenehmen Gefühlen aussetzen würde. Es kommt also zu einer der 4 Lösungsalternativen, wobei c) in die Neurose und d) in die Sucht – stofflich oder nicht-stofflich – führt.

„Welcher Strukturen bedarf es, welcher Bedingungen, daß sich dieser Wandel wenigstens bei einer größeren Gruppe erst einmal gedanklich festsetzt?“

Im Wesentlichen bedarf es 2 Voraussetzungen:

a) Die Individuen müssen „ich-stark“ genug sein, um sich mit der Realität zu konfrontieren. Beim sog. narzisstischen Sozialisationstyp ist dies allerdings nicht der Fall. Der ist zu ich-schwach. Der macht lieber Realitätsverleugnung, greift zu Suchtmitteln oder geht in eine fiktive „Second World“.

b) Die Individuen müssen bereit sein, sich mit der Realität bewusst zu konfrontieren.

„Das Internet ist eine Möglichkeit, daß sich Menschen, die diese Erkenntnis vollzogen haben, sich treffen. Dort treffen sich aber nur die, die diesen „Sprung“ innerlich schon vollzogen haben bestenfalls mit denen, die nach neuen Wegen suchen.“

Ja, das ist doch eine tolle Möglichkeit, um der Vereinzelung und Vereinsamung zu entgehen.!
:-D

„Ich denke der Gang durch die Institutionen wäre ein Weg.“
Nein, das funktioniert nicht. Da hat sich der Rudi geirrt. Institutionen werden doch gerade geschaffen, um Veränderung zu verhindern. Kann man besonders gut bei Arnold Gehlen nachlesen.

„Die Denksportübungen hier werden aber nicht reichen, um in einer größeren Gruppe überhaupt Interesse zu wecken sich zu beteiligen. Wie beendet man den Tiefschlaf“

Von außen geht das sowieso nicht. Neurotiker oder Süchtige müssen von innen Leidensdruck erfahren und dann Veränderungswillen entwickeln. Das hat bereits Freud immer betont.

Im Internet kann man Ideen kommunizieren. Ob die Individuen diese aufnehmen, das entscheiden sie selbst. Wichtig ist, dass tatsächlich Ideen und nicht nur Kritik und Gejammer publiziert wird.

„Ich versuche ja durchaus im Nachbarthread die System-Kommunikation-System- Diskussion zu verstehen, was ich aber meine verstanden zu haben, ist, daß ein System von sich aus keine Lösungen in sich aufnimmt, so es nicht gezwungen ist – da es so lange einfach nicht entsprechend kommuniziert.“
Systeme bestehen aus Individuen. Sie machen das System. Wenn Du die Macht hast, kannst Du ein solches System von außen beeinflussen, indem Du die Umweltbedingungen für dieses System änderst.
Musst halt eine gute Abwrackprämie in Aussicht stellen, denn entsteht bei den Individuen vielleicht die Motivation, ihr System zu ändern.
:-)

„Ich meine, daß es den klassischen emanzipierten Bildungsbürger einfach nicht gibt, jedenfalls nicht als Gruppe, die sich zu neuen Ufern aufmachen will.“

Stimmt, die klassischen emanzipierten Bildungsbürger gibt als Gruppe oder soziale Schicht nicht mehr(!). Die 68-er-Studenten waren die letzten.
Möglich ist jedoch, dass sie anderswo wieder entstehen. Ich habe mir sagen lassen, dass in China heute mehr klassische deutsche Philosophie – mehr Kant, Hegel, Marx etc. – gelesen wird als in Deutschland.

„Ganz ehrlich, das geht mir zu langsam.“

Musst Du halt schneller machen. Kulturelle Veränderung beginnt immer bei einem selbst. Zunächst beim eigenen Alltag anfangen. Und will man mehr, dann muss man gute Ideen entwickeln (= finden und erfinden) und diese dann kommunizieren.

Das ist wie bei den Bauern. Um zu ernten, muss man erst säen. Also braucht er als erstes Samen. Den muss er aussäen. Ob der Boden fruchtbar genug ist, um den Samen aufgehen zu lassen, stellt sich erst im Nachhinein heraus. Ist der Boden es nicht, muss er woanders sein Glück versuchen.

201 staph.aureus 15. Mai 2009 um 11:39

“Das ist ein ganz falscher Weg”

http://www.youtube.com/watch?v=gfoYZ1SfLEM

202 Zykliker 15. Mai 2009 um 11:44

Da ich nebenbei auch noch was arbeiten muß und überdies noch andere Interessen habe, komme ich hier kaum mit dem Lesen nach.

Ich danke HAM et al ausdrücklich für den Diskurs, 90% der Aussagen stimme ich ohnehin zu, der interessante Rest ist das Salz in der Suppe.

Noch ein Wort zur Kulturrevolution: Ja, die Errungenschaften des Kulturwesens Mensch sollen das barbarische Tier Mensch langfristig (haha, Keynes grinst mich schon wieder aus seiner Hölle an) zähmen – z.B. auch in der Frage der Organisation des Wirtschaftens, so stelle ich mir zumindest Evolution im nichtphysischen Bereich vor.

Was mich da skeptisch macht, ist meine Überlegung, daß solche Entwicklungsschübe nur möglich sind, wenn “die Zeit dafür reif” ist.

Für Luther war die Zeit reif, für Savonnarola und die vielen anderen meist namenlosen “Träumer” nicht. Für die Aufklärung war die Zeit vielleicht deshalb reif, weil die dekadenten Geschmacklosigkeiten des Barock für “mitfühlende Geister” wohl unerträglich geworden sind.

Für Marx schien die Zeit reif zu sein; ob seine Ideen oder nur die Umsetzung durch seine Jünger eine Sackgasse waren, oder nur die Zeit doch noch nicht reif war, wage ich nicht zu beurteilen

Ist jetzt die Zeit reif für einen Evolutionsschub? Ich fürchte ja. Fürchte wegen der für viele unerträglichen Schmerzen, die mit diesem Erkenntnisprozeß zwangsläufig verbunden sind.

Welche Utopie sich dann realisiert? Ich vermute mal, daß schon meine Forderung nach Atomisierung wirtschaftlicher Macht und Abschaffung der defacto-Oligarchie viel zu radikal für die schnöde Realität ist.

203 Geodät 15. Mai 2009 um 11:52

@ bismodo + watawah

Zur Knechtseligkeit = Knecht + -selig

Erklärung, Duden: -se|lig (meist spött. od. scherzh.): drückt in Bildungen mit Substantiven aus, dass die beschriebene Person in etw. schwelgt, sich dem damit verbundenen oder dadurch ausgelösten Gefühl [allzu] bereitwillig hingibt: bier-, fußball-, tränenselig.

Sie beschreibt etwas Seltsam Aktiv-Passives: Autoritätshörigkeit, Chefkult, Duckmäusertum, Kusche – die eigentlich (innerlich) abgelehnt werden, aber nach außen im hierarchischen Betrieb, auf Arbeit (resignativ) praktiziert wird, weil keine Alternative gedacht wird.

Denn Selbstdenken wird systematisch aberzogen, ausgetrieben, z.B. indem auch vermehrt in den Schulen/Unis der Schwerpunkt auf faktenintensives (= stupide + routinemäßig u. ohne Nachdenken herunter leierbares) Wissen gelegt wird: Eine Verbildung. Das “Warum” ist ja eine Frage, die über bloße Quantitäten hinaus und auf die Zusammenhänge zwischen diesen geht. D.h. Gegenentwürfe, Utopien aus Ideenschmieden sollen so in ihren Anfängen vermieden werden.

Zudem setzt die Übernahme der Rolle des Herrn auch den Willen, selbst Verantwortung zu übernehmen, voraus. Vor dieser aber scheuen die meisten ob der Ungewissheit, des Wagnisses des Experiments, das womöglich … evtl. … vielleicht … scheitern köööönnnttteee, zurück. Denn konjunktivische Ausreden, ein Tun zu vermeiden, ersinnt der Deutsche zuhauf!!!

Und noch was: die Deutschen schwafeln u. lamentieren, kritisieren lieber und machen lieber mies als den Zustand aktiv zu ändern. Sind wir zu saturiert, geht’s uns noch zu wohl? Daher gedeihen auch die Blogs; sie sind Ventile, wo Meinungen kanalisiert und Frust verbal kompensiert werden und so ins Nichthandeln führen. (Viel Lärm … und Pffft … Nichts!!!) Und der Staat kann so erstmals in der Geschichte ohne Volkxbefragung nachverfolgen, wie es gärt, was erbost, worüber man zürnt und vorsorglich entsprechend restriktive Gesetze zimmern.

@ Ham

„Stimmt, die klassischen emanzipierten Bildungsbürger gibt es als Gruppe oder soziale Schicht nicht mehr(!). Die 68-er-Studenten waren die letzten.“

Gerade diese (Opportunisten-)Generation hat ihr Bildungsbürgertum missbraucht für die Sache des Neo-Liberalismus. Siehe gewisse (Ex-)Grüne etc. Es lässt sich auch in „1984“ nachlesen, wie sich des Bildungsbürgers historische Kenntnisse hervorragend für den Systemerhalt benutzen lassen. Und jene benutzten sie!!! Und diese Aufgeklärten schaff(t)en es, das neue System viel stärker zu stabilisieren, als dies dem Adel je gelang, da dem System egal ist, welcher Schicht der Vollstrecker angehört(e).

MfG

204 ein Untertan 15. Mai 2009 um 11:54

@ Watawah

den Impuls hast Du selber, Dir selbst gegeben. Es hat Dich dazu keiner gezwungen. oder etwa doch?

Und wenn es Dir so scheint, dass es nicht schnell genug geht, ja, dieses Gefühl habe ich oft. Dann kann ich Dir nur sagen, die Zeit wird es richten. Achte einfach nur auf die Meldungen, die jeden Tag mehr und mehr, sich Überschlagen werden.

Die Lösung aller Probleme liegen in den Händen der Gedanken.

Es fangen immer Mehr an, zu denken. Zu hinterfragen, und damit ist die Saat die Zuse ausgebracht hat, dabei, Früchte zu tragen.

Und der, der es gemerkt hat und die “Antenne” im Kopf hat, wird die richtige Entscheidung, zum richtigen Moment, empfangen.

Bevor ein Apfel reif ist, zu verfaulen, bedarf es eines, Zeit.

205 froZ 15. Mai 2009 um 12:14

@ HAM

“Institutionen werden doch gerade geschaffen, um Veränderung zu verhindern.”

Nein, wie soll das gehen? Wer ist das handelnde Subjekt, das Institutionen “schafft”?

Auch setzt eine solche Sicht der Dinge voraus, daß es eine “tabula rasa”- Situation geben könne, in der der institutionelle Wandel nach vielen Seiten hin offen ist und in der einzelne Akteure soviel Verhandlungsmacht besitzen, daß sie die Spielregeln beliebig verändern könnten.

In der Realität bewegt sich jeder Akteur bereits in einem vorgefundenen institutionellen Rahmen, und seine Versuche zur Verbesserung der eigenen Position, evtl. auch mithilfe der Veränderungen des Regelwerks, können nur unter Rückgriff auf eben dieses Regelwerk erfolgen. Und selbst in Umbruchphasen, in denen Teile des formalen institutionellen Rahmens von oben außer Kraft gesetzt werden, wirken die mit diesem verbundenen informellen institutionellen Arrangements an der gesellschaftlichen Basis weiter. An diesem Umstand scheitern regelmäßig alle Reißbrett-Reformer, exemplarisch zu besichtigen in großen Teilen Osteuropas in den 90-er Jahren. Institutioneller Wandel nach Design ist in komplexen Gesellschaften schlichtweg nicht möglich. (Siehe auch “Pfadabhängigkeit”.)

Das heißt natürlich nicht, daß gesellschaftliche Akteure gar keinen Einfluß auf institutionellen Wandel haben, nur muß der Ausgangspunkt der Status Quo samt einer Analyse der Interessen relevanter Akteure und der im bestehenden Regelwerk vorhandenen Freiheitsgrade sein, nicht eine mit abstrakter Vernunft im Geiste designte Gegenwelt.

206 HAM 15. Mai 2009 um 12:49

@ein Untertan #168
„Bringt nichts, die Chinesen haben etwas, was uns fehlt. Kommunikation besteht bei einem Chinesen mit einer Langnase darin, Schmatzen, Saufen, Rauchen, Ideen klauen. Ansonsten Konfuzius oder die restlichen nicht religiösen Weltanschauungen.
Der allgemeine Chinese ca. 1.1 Milliarden ist streng organisiert. Der Rest ca. 200 M betrachtet die Erdkugel als ihr Eigentum.“

CHINA

Vor einiger Zeit war ich in Asien, 4 Wochen Bali und 1 Woche Hongkong. Und ich kann nur sagen: Respekt, Respekt, was die Chinesen alles schaffen.

Was war China vor 50 Jahren? Was ist aus China heute geworden!

Im Entwicklungsprozess Chinas hat es Irrtümer und Opfer gegeben, zum Teil sehr große Opfer. Wie beim „Großen Sprung nach vorn“.

Aber am allerwenigsten hat Europa einen Grund, hierüber die Nase zu rümpfen. Der WK I kostete 17 Millionen Menschen das Leben, der WK II 50 – 60 Millionen. Anlass für diese Kriege waren wirtschaftliche Interessen, es waren imperialistische Kriege. Und bis zum heutigen Tag haben die Europäer kein stabiles Wirtschaftssystem.

@Zykliker #184
„Die Arbeitsbedingungen dort sollen hoffentlich kein Vorbild für uns darstellen (Arbeitsunfälle – auch tödliche – in einer auch im Verhältnis zur Gesamtheit erschreckenden Zahl).
Wie dort mit dem “im Überfluß vorhandenen Menschenmaterial” umgegangen wird, ist mehr als zynisch (frühkapitalistisch trifft wohl zu), und die Regierung ist wohl nicht immer in der Lage oder willens, die volkswirtschaftlichen Ziele der Menschenwürde unterzuordnen.“

Die Zahl der tödliche Arbeitsunfälle ist in China 10 – 20x höher als in der BRD. Es gibt sicherlich „frühkapitalistische“ Auswüchse in China.
Ein Beispiel ist der Milchpulverskandal. Aber die Höhe der Strafen zeigt, dass der Staat dieses nicht toleriert.
http://www.focus.de/politik/ausland/china-todesstrafen-im-milchpulver-skandal_aid_364177.html

Im kapitalistischen Westen gibt es ständig Vorfälle, die analog diesem Milchpulver-Skandal sind. Wieviele Todesfälle gab und gibt es durch Arzneimittel, die auf den Markt gebracht bzw. dort belassen wurden/werden, obwohl das Management der Pharmafirmen über mögliche gravierende oder sogar tödliche Nebenwirken Kenntnis hat(te)? Gab es auch nur in einem einzigen Fall abschreckende Strafen, so wie in China?

Das Arbeitsleben fordert jedoch nicht nur bei Unfällen Todesopfer. Was ist mit jenen, die ausgebrannt und depressiv Suizid begehen? Oder jenen, die aufgrund wirtschaftlich bedingter Verzweifelung sich oder sogar ihre ganze Familie umbringen?

Was ist mit den Hunderttausenden von Toten als Folge des Irak-Krieges? Der Irak-Krieg ist doch eindeutig aus wirtschaftlichen Motiven geführt worden. Zählt man die auch zu den Opfern west-kapitalistischer Wirtschaftsführung?

Was ist in der deutschen Qualitätspresse zu lesen?
„Profitgier geht über Leichen“.

Wer macht dies, wo geschieht es?
Was lesen wir?
„Auch Tote werden im chinesischen Wirtschaftsleben billigend in Kauf genommen. Im Jahr 2005 gab es nach westlichen Schätzungen in China rund 100.000 tödliche Arbeitsunfälle, davon etwa 10.000 im Bergbau.“
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,436350,00.html

Na, so was. Der SPIEGEL macht sich zum Anwalt der arbeitenden Bevölkerung:
„Die Kommunisten Chinas sind keine Kommunisten mehr: Sie und ihr Staat haben sich zur Schutzmacht des Kapitals aufgeschwungen – gegen die Arbeiter. So ist die Volksrepublik heute das Land mit den rauesten Gepflogenheiten auf dem Arbeitsmarkt.“

Über China weiß ich selbst recht wenig. Aus allen Berichten über China habe ich übereinstimmend erfahren, dass Chinesen äußerst fleißige und intelligente Menschen sind.

Letztlich habe ich von einem Chinakenner gehört, dass für Chinesinnen bei der Partnerwahl ganz wichtig die Eigenschaft ist, dass der Mann intelligent ist.
(Ja, ja – das waren bei uns noch Zeiten, als man noch Frauen mit einem Adorno-Zitat anmachen konnte.)
:-)

Bei nüchterner Betrachtung wird klar, dass die Chinesen technologisch aufschließen werden und es nicht unwahrscheinlich ist, dass sie den Westen technologisch überholen.

Zudem in den kapitalistischen Ökonomien zu wenig in Bildung sowie Forschung und Entwicklung investiert wird. Das wurde in diesem Blog wiederholt angesprochen.

In der großen Wirtschaftskrise nach dem WK I hatte Deutschland den entscheidenden historischen Fehler gemacht, seine Probleme mit militärischne Mittel auf dem Wege einer Raub- und Versklavungsökonomie lösen zu wollen, anstatt sich der Konkurrenz mit wissenschaftlich-technischen Mitteln zu stellen. Mit seinen Wissenschaftlern und Erfindern hätte sich Deutschland eine erstklassige Position in der Welt erobern können.

Die politische Rückständigkeit Deutschlands basiert m. E. darauf, dass es die Herrschaft des Adels niemals per Revolution beseitigt hat. Die Ökonomie des Adels beruht im Wesentlichen auf Raub und Versklavung. Der Adel ist im Wesentlichen eine parasitäre Klasse. Es sind die Bürger, welche die wissenschaftlich-technischen Fortschritt mach(t)en.

Es ist typisch für Deutschland, dass der Führer der Sozialdemokratie, Friedrich Ebert, 1918 den Kaiser dazu bewegen wollte, im Amt zu bleiben. Das hängt mit der „Knechtseligkeit“ zusammen, welche in der Sozialdemokratie besonders stark ausgeprägt war- Ebert hasste bekanntlich die Revolution wie die Sünde.

Die Deutschen woll(t)en keine freien und mündigen Bürger werden, sondern sie wollen einen guten Herrn – einen guten Landesvater – an der Spitze.

Vom Staat gut versorgt werden, dies ist das Ideal der Deutschen. Sie reden ja auch vom „Vater Staat“.

Seit den 70-er Jahren macht Deutschland m. E. eine wenig intelligente Wirtschaftspolitik. Die Institution des gebildeten Bürgertums – klassisches Gymnasium und klassische Universität – wurden zerstört und an ihre Stelle das Massengymnasium und die Massenuniversität gesetzt.

Deutsche Knechtseligkeit und deutscher Anti-Intellektualismus – so meine These – bedingen sich gegenseitig und sind insbesondere im sozialdemokratischen und im linken kleinbürgerliche Milieu angesiedelt. Die wollen keine Elitenbildung und keine Eliteuniversitäten – wie es die klassischen Universitäten – waren.

Diese proletarisch-kleinbürgerliche Milieu begreift nicht, dass die Klasse der Intelligenz eine produktive Klasse ist, von deren Wirken entscheidend der Wohlstand einer Bevölkerung abhängt. Und deshalb – so ist zu befürchten – werden wir in Bezug auf wissenschaftlich-technischen Fortschritt auch mit den Chinesen nicht mithalten können.

207 HAM 15. Mai 2009 um 13:42

@Geodät #203
„Gerade diese (Opportunisten-)Generation hat ihr Bildungsbürgertum missbraucht für die Sache des Neo-Liberalismus. Siehe gewisse (Ex-)Grüne etc. Es lässt sich auch in „1984“ nachlesen, wie sich des Bildungsbürgers historische Kenntnisse hervorragend für den Systemerhalt benutzen lassen.“

DIE 68-ER – EINE OPPORTUNISTEN-GENERATION?

Ja und nein.

Begonnen hat sie als rebellierende Opposition. Viele waren mutig, nahmen Nachteile in Kauf, um ihre bürgerlichen Freiheitsrechte zu vertreten.

Die Schulen in den 60-er Jahren waren noch sehr autoritär. Die Lehrer waren in der NS-Zeit sozialisiert. Nonkonformismus war nicht beliebt. Für das Äußern einer unerwünschten Meinung oder das Tragen langer Haare musste man schon schlechtere Zensuren hinnehmen. Aber insgesamt waren die Lehrer doch sehr menschenfreundlich und fair. Insgeheim freute es wahrscheinlich auch manchen Lehrer, wenn ein paar aufmüpfige Schüler in der Klasse waren, aber er durfte das nicht akzeptieren, um nicht die Disziplin zu verlieren.

Durch die Berufsverbote wurden gerade die Besten dieser Generation daran gehindert, Karriere zu machen. Ich kenne viele dieser Leute. Die haben keine Professur bekommen. Und in der SPD sind sie auch nichts geworden.
Damals gab es ja wirklich einen revolutionären Aufbruch. Man hat das Studium abgebrochen, seine ganze Arbeitskraft in politische Arbeit hineingesteckt, manche haben ihr Vermögen für die Revolution geopfert. Unter der Niederlage der Bewegung haben viele sehr darunter gelitten und sind dann resigniert. Einige haben überhaupt nicht mehr in ein normales Leben zurückgefunden und leben seitdem von der Sozialhilfe. Andere sind im Suff oder Suizid geendet.

Es waren die Mittelmäßigen und die Opportunisten, die Karriere machten.

Ab ca. Mitte der 70-er Jahre war diese Generation – bis auf wenige – demoralisiert und ist regrediert. Sie wurden zu den Konsumidioten und angepassten Spießern, zu Menschen, die sie nie werden wollten und früher gehasst haben.

Politisch bezeichnet man solche Menschen als Konvertiten. Psychoanalytisch tritt so etwas ein wie „Identifikation mit dem Aggressor“, wobei es im Prozess der Regression zu Realitätsverleugnung sowie –verdrehung und sogar zu einer Gegenidentifikation mit ursprünglichen Idealen und Zielen kommt.

Früher haben sie die Arbeiter idealisiert, später verachten sie diese. Manchmal kommt der Gedanke auf, Hartz IV könnte auch mit dem Motiv der Rache an denjenigen zusammenhängen, die sich früher nicht für die sozialistischen Ideen der revoltierenden Jugend interessierten und lieber ihrem Konsum nachgingen.

Die grüne Partei sehe auch ich als eine Art Resozialisierungsprojekt für jene Ex-68-er an, die von der Diktatur des Proletariats schwärmten und sich selbst ganz oben imaginierten. Es ist ja auffällig, dass so viele Leute gerade aus den sog. K-Gruppen (KBW etc.) bei den Grünen Karriere machten. Fischer and his friends sind wiederum eine ganz andere Sorte. Fischer war doch nie ein gebildeter Bürger. Der hat weder Abitur noch studiert. Meiner Meinung nach war er ein gewaltbereiter Glücksritter, ohne Hemmungen und Skrupel, aber mit einem großen Maul, mit dem er dann Karriere gemacht hat.

Für die Kinder müssen Ex-68-er-Eltern aber ganz schlimm gewesen sein. Denn diese haben ja noch lange die 68-er-Zeit idealisiert und ihre eigene spießige Anpassung verdrängt und verleugnet. Diese Ex-68-er sind häufig regelrechte Schizos.

Lebensgeschichtlich hat diese Generation insgesamt versagt. Ohne Zweifel.
Aber einige haben es durchgehalten.
:-D

208 bismodo 15. Mai 2009 um 13:58

@ Geodät # 203

(Werde meine Tippfinger in Zukunft vom Duden-Vewrlag generalüberholen lassen. Dann tippe ich fehlerfrei, immer, versprochen :-) )

“Zudem setzt die Übernahme der Rolle des Herrn auch den Willen, selbst Verantwortung zu übernehmen, voraus.”

Kann man ja gerade lang und breit bewundern, die Verantwortungsübernahme, bzw den Willen dazu – bei unseren derzeitigen Herren (+Damen). Das ist eher so eine Devise aus dem aktuell weitverbreiteten Märchenbuch namens ‘Ideologie der Herrschenden’, scheint mir.

209 Watawah 15. Mai 2009 um 14:00

Chinesen und Ideen-Klau

Auch so eine (für mich eigenartige) Ansicht, die wieder nur mit monetären Maßstäben mißt.

Es ist doch Wahnsinn, aber so scheint es, systemimmanent, daß jede Idee, jede Erfindung, geschützt werden muß, um sie anschließend in Geld bzw. Kapital ummünzen zu können.

Schon technologischer Blödsinn das Fahrrad mit anderem Namen und anderen Patentpapieren ein zweites Mal erfinden zu wollen, erfinden zu müssen. Noch blödsinniger, sorry, dafür, denn ist ist ja eigentlich “nur” eine Kulturleistung der Menschen, auch noch bezahlen zu müssen.

Wie weit kämen wir hier mit unseren Diskursen, wenn wir für jeden fremden, jeden neuen Gedanken erst die entsprechenden Scheine auf den virtuellen Tisch legen müßten, daß sie Platz in unsere Gedanken- und Tatenwelt Einzug halten dürfen…

Ich habe einmal gehört, daß Chinesen “kopieren” mit “lernen” übersetzen.
Klasse, super geistiger Zugang – denn nichts anderes ist es letztendlich, zumal sie aus “Gelerntem” Neues entwickeln bzw. auf ihre Umgebung anwenden.

Wir sind so sehr in unserer Welt gefangen, daß uns diese Widersprüche scheint’s gar nicht mehr als solche auffallen – wir nicht versuchen zu interpretieren, was das für “die Menschen” bringt, sondern nur an unserem alten, eingeimpften Strickmuster abarbeiten.

Laßt uns auch und weiter “kopieren”. Die Zeit wird uns recht geben, auch wenn logischerweise niemand mehr weiß, auch nicht wissen muß, daß wir es waren.

Klassisches Gymnasium – Massengymnasium

Da haben wir wohl schon länger eine unterschiedliche Ansicht.
Ich bin dafür der breiten Massen alle Bildungsmöglichkeiten offen zu halten, weil ich so die einzige Chance sehe, daß Menschen aus ihren Klassen- und Schichtenstrukturen herausfinden können. Und ich bin nunmal weiter dafür, daß junge Menschen so lange als möglich zusammen lernen sollten. Sie gelangen so am besten zu sozialer Kompetenz, die man braucht, wenn man in einer Welt von Menschen (anständig) bestehen will.

Nun gibt es mE zwei Möglichkeiten.
Ich gestalte die Schule so, daß dort auch gesellschaftliche Bildungsinhalte vermittelt werden, es über das vielleicht einseitige Faktenpauken hinausgeht
oder
ich mache nach 10 oder 12 Jahren Schulbildung den Schnitt, um aus den, dann nach besten Möglichkeiten vorgebildeten, Menschen eine Elite sich selektieren zu lassen.

Aber wirkliche Elite selektiert sich nicht dadurch, daß ich nach 4 oder 6 Jahren über ökonomische Hebel einen beträchtlichen Teil von weiterer guter Bildung ausschließe.
Das mag sehr systemerhaltend sein, aber eine wirkliche Elite und eine nicht nur eingebildete ergibt das eben nicht.

210 bismodo 15. Mai 2009 um 14:32

# 209

So wie ich HAM verstehen WILL, redet er nicht von einer ElitenKLASSE, sondern von Leuten, die auf ihren Gebieten durchaus Elite sein können, was ihnen sicherlich nicht in die Wiege gelegt worden ist. Der Zugang muss selbstverständlich so breit wie möglich sein – ohne aber die Qualität zu reduzieren. Im gegenteil, auf die Talente zu verzichten, die sich bei dem heutigen System gar nicht erst als solche entwickeln und herausstellen können, ist total blödsinnig (emanzipatorisch gesprochen)

Im übrigen ist das alles viel durchlässiger: derjenige, der auf seinem/seinen Gebiet(en) zur Elite gehört, tut es nicht auf anderen. Sieht man doch jeden Tag im eigenen Umfeld (und bei sich selbst) :-) )

Erst die Struktur unserer Gesellschaftsorganisation macht es, dass Cracks in einem Teilbereich (andächtig+gläubig) zugehört wird, wenn sie Blödsinn allgemeiner Natur schwafeln. Das und das Päppeln von Mietmäulern zelebriert ein Elitewesen, das seinen Namen nicht verdient. Davon leben die MSM überhaupt.
Genug der Binsenweisheiten, bismodo…

211 HAM 15. Mai 2009 um 14:40

@Watawah #209
„Ich bin dafür der breiten Massen alle Bildungsmöglichkeiten offen zu halten, weil ich so die einzige Chance sehe, daß Menschen aus ihren Klassen- und Schichtenstrukturen herausfinden können.“

Darüber besteht Konsens: Gleiche Bildungschancen für alle.
Darüber besteht kein Konsens: Einheitsschule für alle. Gleiche Bildungswege für alle.

Meine Argument für ein differenziertes Schulangebot:
Kindliche Entwicklung verläuft nicht gleichförmig. Lern- und Entwicklungsgeschwindigkeiten sind anders. Der Lernvermögen ist auch nicht gleich, noch nicht einmal bei einem Individuum für alle Lernfächer.
Es gibt Früh- und es gibt Spätentwickler.

„Und ich bin nunmal weiter dafür, daß junge Menschen so lange als möglich zusammen lernen sollten. Sie gelangen so am besten zu sozialer Kompetenz, die man braucht, wenn man in einer Welt von Menschen (anständig) bestehen will.“

Wenn Du schon ein derartige Behauptung aufstellst, dann bitte definiere, was Du unter „sozialer Kompetenz“ verstehst, aber bitte so, dass man es operationalisieren kann. Denn normalerweise wird „sozialer Kompetenz“ als ein Wischi-Waschi-Begriff gebraucht, unter dem man sich alles und nichts vorstellen kann.

Und wenn Du „sozialer Kompetenz“ definiert hast, dann weise bitte nach, warum man

a) „am besten zu sozialer Kompetenz gelangt“, wenn „junge Menschen so lange als möglich zusammen lernen“ und

b) warum man in einem differenzierten Schulsystem nicht oder schlechter die erwünschte „sozialer Kompetenz“ erwerben kann?

212 Bordt 15. Mai 2009 um 15:07

Die Bevölkerung altert, ja. Renten nicht bezahlbar?

Hat schon jemand daran gedacht wie die freiwerdenden Arbeitsplätze, die in den nächsten Jahrzehnten anfallen werden durch die alternde Bevölkerung, besetzt werden? Die werden doch bestimmt nicht alle “eingespart” oder? Man denke vor allem an den Mittelstand, die die meisten Arbeitsplätze in D stellt.

Legt die Logik nicht nahe, dass dann die Erwerbslosen die chance bekommen werden die freiwerdenden Stellen zu füllen? Wenn dem so wäre, dann wäre die finanzierung der Renten auch für viele weitere Jahrzehnte gesichert, denn die Renten werden von den laufendem SV-Beiträgenbezahlt.

Und wenn weniger Arbeitende die Arbeit erledigen fürdie früher mehr Arbeitskraft erforderlich war und mehr Renten finanzieren werden müssen, dann werden Sie aufgrund der gestiegenen Produktivität und den höheren Einkommen die Renten auch finanzieren können.

Davon abgesehen, es mag die Alterung der Bevölkerung geben, jedoch ist die Propagande unter der Überschrift “Demographie” auf dem Vormarsch. Mit ihr sollen Jung und Alt gegeneinander ausgespielt werden und den Privatversicherern (somit letztendlich ihre Gläubiger) das Geld aus der gesetzlichen Rentenkassen umgeleitet werden. Dazu hier:

http://www.nachdenkseiten.de/?cat=40&paged=1

Mann sollte nicht vergessen:
jeder fängt jung an und endet alt. Und jeder zahlt im laufe seines Lebens Beiträge zur SV und erhält im Alter seine Rente.

Wir sitzen alle im selben Boot (mit Ausnahme derjeniger, die nebenan auf einer Jacht versuchen ihre Geldscheine zur Paarung zu bewegen).

213 Watawah 15. Mai 2009 um 16:01

@ HAM # 211

„Darüber besteht Konsens: Gleiche Bildungschancen für alle.
Darüber besteht kein Konsens: Einheitsschule für alle. Gleiche Bildungswege für alle.„Meine Argument für ein differenziertes Schulangebot: Kindliche Entwicklung verläuft nicht gleichförmig. Lern- und Entwicklungsgeschwindigkeiten sind anders. Der Lernvermögen ist auch nicht gleich, noch nicht einmal bei einem Individuum für alle Lernfächer.
Es gibt Früh- und es gibt Spätentwickler.“

Warum soll das in einer Einheitsschule, ich würde sie Gemeinsamschule nennen, nicht GERADE funktionieren, noch dazu in Begleitung bestens ausgebildeter Pädagogen.

Es sind alle zusammen, da ist niemand schon vorwegsortiert. Früh- und Spätentwickler werden sich gegenseitig helfen, sich auch gegenseitig auf das höhere Niveau ziehen. Bei guter pädagogischer Förderung wird es nicht auf das einfachere Niveau abgleiten.

Woher habe ich diese Weisheit?

Aus eigener Erfahrung. Wir waren die meiste Zeit 32 Mitschüler, mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten, Begabungen, wohl auch auf unterschiedlichem Entwicklungsniveau. (geistig Behinderte waren da nicht dabei, die waren auf der Sonderschule)

Nun hätte ich mir das ja in Mathe, Physik und wie diese grauenvollen Fächer für mach einen hießen, ganz einfach machen können. An Überanstrengung wäre ich nicht gestorben, im Gegenteil, ich wäre an Langeweile zugrunde gegangen.

Aber da vorn, da stand ein jeweils Pädagoge, nicht bloß ein Lehrer, der hat die Klasse fix von A – C oder E unterteilt, und schon war das mit der „glückseligen“ Langeweile vorbei und auch mir standen die Schweißperlen auf der Stirn, wenn ich auf einmal Aufgaben von zwei oder drei Monaten später oder ein oder zwei Klassen höher zu bewältigen hatte.

Ihm ging es dabei nicht darum mich fertig zu machen, sondern mir Möglichkeiten aufzuzeigen, mein bisheriges Wissen auszuweiten, zu versuchen, selbständig neue Lerninhalte zu erarbeiten.
Er war ja trotzdem da. Und hinterher durfte/sollte/mußte man versuchen, sein Wissen bei den anderen an dem Mann zu bringen – das übt.

Was nun aber nicht heißt, daß ich da nun immer der „Überflieger“ war. Bestimmte Dinge brauchten auch länger um sich in meinem Kopf einzunisten, und da hat so manches Mal jemand den Erklärer gegeben, den man vorher niemals in den Kreis der Schnelldenker hätte einziehen sehen wollen.

Womit wir bei der sozialen Kompetenz sind.

„Wenn Du schon ein derartige Behauptung aufstellst, dann bitte definiere, was Du unter „sozialer Kompetenz“ verstehst, aber bitte so, dass man es operationalisieren kann. Denn normalerweise wird „sozialer Kompetenz“ als ein Wischi-Waschi-Begriff gebraucht, unter dem man sich alles und nichts vorstellen kann.“

Soziale Kompetenz ist für mich die Fähigkeit von Menschen auf Basis gegenseitiger Wertschätzung miteinander umgehen zu können und zu wollen, dh. eine Begegnung auf „Augenhöhe“, der Akzeptanz des anderen als andere, aber gleichwertige Person mit anderen und gleichfalls zu respektierenden Erfahrungen

“Und wenn Du „sozialer Kompetenz“ definiert hast, dann weise bitte nach, warum man
a) „am besten zu sozialer Kompetenz gelangt“, wenn „junge Menschen so lange als möglich zusammen lernen“ und”

Ich meine, je länger Menschen „dazu verdammt“ sind, sich miteinander abgeben zu müssen, umso eher und besser werden sie in die Lage versetzt sein, andere neben sich in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren und entsprechend auf sie einzugehen.
Daß sie dieses Aufeinandertreffen sogar als befruchtend erfahren, denn die Jugendlichen kommen ja aus den unterschiedlichsten Haushalten, mit den unterschiedlichsten Bildungsvoraussetzungen.
Der eine krabbelte einst schon in einer Bibliothek, hörte am Abendbrottisch kluge Diskurse, der andere nur vor dem Fernseher und das einzige Buch in Haushalt war das Kochbuch.
Daß so junge Menschen, die sich ja noch in der Entwicklung zur Persönlichkeit befinden, sich reflektieren lernen müssen, mit ihren Stärken und Schwächen und somit bestimmte Egoismen nur begrenzt oder gar nicht aufbauen.

“b) warum man in einem differenzierten Schulsystem nicht oder schlechter die erwünschte „sozialer Kompetenz“ erwerben kann?”

Die Frage ist, welche Art Differenzierung, wann vorgenommen wird.

Nehme ich mal die Differenzierung nach geistiger Entwicklung. Also die jeweils Besten finden sich in dem neuen differenzierten System, der Klasse, der Schule zusammen.

Dann werden sie, wenn das schon sehr früh geschieht, nur Menschen auf ihrem Niveau als akzeptablen Gesprächspartner empfinden. Sie haben es ja auch nie gelernt und lernen müssen, einfachere Sprache, anderen Bildungsstand in ihre Gedanken- und Kommunikationswelt aufzunehmen, bestimmte andere Herangehensweisen werden ihnen bestimmt verschlossen bleiben, so meine Überzeugung.

Ich bin der Meinung, man (also die jeweilige Person) braucht doch erst einmal ein breites Fundament, von dem aus dann abstrahiert werden kann, wie der eigene Weg, der wirklich eigene Weg und nicht der für einen von anderen gedachte Weg, beschritten werden kann.

Ich sollte hier nun einen Beweis erbringen, dazu bräuchte ich wohl ein “lebendes Explemplar” was beide Varianten durchläuft und dann anschließend festgestellt wird – dieses oder jenes ist besser.

Das geht nicht oder besser ausgedrückt, das kann ich nicht, ich bezweifle, daß das ein anderer kann.

Als einzigen Beweis biete ich mich und die Vorstellung, wie ich wohl geworden wäre, hätte es diese Art Schulsystem nicht für mich gegeben.
Ich war im Prinzip, so nennt man das ja, schon hundert, als ich geboren wurde, da waren in der unmittelbaren Umgebung nur Alte oder wenigstens erheblich ältere als ich. Das waren Ackerbürger, Arbeiter und kleinere Angestellte. Was meinst Du, wie viele Bücher es da gab und was das für welche waren. Erst Recht die Lebensinhalte… hier breche ich lieber ab, sonst wird’s wieder zu lutherisch.

214 bismodo 15. Mai 2009 um 16:45

# 211 + 213

Zur Diskussion ein äusserst hörenswerter Beitrag von SWR2/Wissen:

Von Schulverweigerern zu Musterschülern
“Wie eine Fernsehdokumentation die Bildungsdebatte in Schweden prägt. Noch vor einem Jahr hatte die Johannesskola, eine Volksschule im Zentrum der südschwedischen Stadt Malmö, den Ruf als schlechteste Schule der Stadt. Die Behörden dachten bereits über die Schließung der Schule nach. Dabei ist die Schule in Malmö nur ein besonders extremes Beispiel für ein Schulsystem in der Krise. Was würde wohl passieren, wenn man eine Klasse solch unmotivierter Schüler ein halbes Jahr lang von den besten Pädagogen des Landes unterrichten ließe, fragte sich eine schwedische Fernsehproduktionsfirma. Sechs Monate lang unterrichteten besonders engagierte Lehrer eine neunte Klasse, täglich beobachtet von einem Fernsehteam. Die daraus entstandene Doku-Serie wurde zum Quotenhit im schwedischen Fernsehen. Die Ergebnisse übertrafen alle Erwartungen und lösten in Schweden eine landesweite Bildungsdebatte über das Selbstverständnis und die Rolle von Lehrern aus.”
Zum Beitrag:

http://mp3.swr.de/swr2/wissen/sendungen/swr2_wissen_090221_von_schulverweigerern_zu_musterschuelern_schweden.12844s.mp3

Download:

http://mp3.swr.de/swr2/wissen/sendungen/swr2_wissen_090221_von_schulverweigerern_zu_musterschuelern_schweden.12844s.mp3

Gruss

215 ein Untertan 15. Mai 2009 um 16:59

Soziale Kompetenz, besteht auch darin, etwas zu verstehen und zu begreifen, was der Andere, aus welchem Grunde auch immer, nicht geistig aufnehmen kann, aber ihm umsonst vermitteln zu können. Oder: kostenlose Hilfsbereitschaft ohne einen Anderen auslachen zu müssen, da er Schwächen zeigt, auf der einen Seite, und die Stärken unterdrückt werden, auf der anderen.

Aus anderer Sichtweise: kann ich keinen Menschen zu irgendetwas zwingen. Nicht durch, auswendig Lernen, geschweige denn, durch Gewalt. Entweder er ist innerlich bereit dazu oder nicht. Und da die Gesellschaft den belohnt, der am besten nachplappern kann, sei es noch so ein Blödsinn, verzapft vor etlichen Jahren, frage ich mich, ob man tatsächlich von sozialer Kompetenz reden kann, oder es nicht nur ein Nacheifern von Günstlingen ist, die später dann davon profitieren.

216 Watawah 15. Mai 2009 um 17:58

Danke @ bismodo # 214

Everything is possible…

Ergänzung zu # 213 – von wegen nun doch “Luther”

Schule hat mir Möglichkeiten eröffnet, die mir von zu Hause versagt worden wären.

Ich wurde trotz erfolgreichem Eignungstest von meinen Eltern eben nicht schon mit 5 Jahren eingeschult.
Ich sollte ab der siebten Klasse nicht am fakultativen Englisch-Unterricht teilnehmen, man könne sich ja damit den Zensurendurchschnitt verderben, wenn man dort Probleme bekommt.
Glücklicherweise war ich bis dahin wenigstens was das betrifft, selbstbewußt genug zu entgegnen, daß, auch wenn ich dort eine Fünf bekomme, was bestimmt nicht passiert, ich immer noch mehr weiß, als würde ich da niemals hingehen.

Es war das ständige programmieren auf Sicherheit, nicht anecken, sich brav einordnen. Da war der Lebensweg von anderen fest vorgeplant.

Gut, allen anderen außer meiner Sippe war klar, die wird mal Lehrerin, die muß Lehrerin werden.

Einverstanden, ich wollte ja die Welt verändern, verbessern, also prima – Lehrerberuf. Aber ich fand, da fängt man am besten “unten” an und habe zum Entsetzen aller, dann auch meiner Eltern, die sich auf einmal in ihrer Tochter sonnten und auf die eigenen Schultern klopften, in der Erstausbildung einen technischen Facharbeiterberuf gewählt und in dem auch eine Zeit gearbeitet.

Ich gehe nur eben in dem was ich mache immer richtig auf, glaub ich zumindest. Also hab ich nicht nur gearbeitet, sondern mich “nebenher” auch um alles mögliche um die Arbeit herum gekümmert. War so auch dort immer eine Art Lehrer.

Bevor wieder welche kamen und mich delegierten, dahin, wohin ich nicht einmal auf die Idee gekommen wäre, daß die mich jemals mit meinem, wenn auch weitestgehend bejahenden, Widerspruchsgeist in ihren “erlauchten” Kreis aufnehmen würden.
Selbst bewerben konnte man sich da auch nicht.

Und was bin ich heute – immer noch jemand auf der Suche mit dem ständigen Gefühl und der Gewißheit, nicht viel zu wissen aber wenigstens das “Wenige” zu vergrößern und an andere, die es noch schwerer haben, weiterzugeben.

Ohne Schule dieser Art, wäre ich aber nicht einmal so weit gekommen. Ich wäre im ewigen Hamsterrad.

Nur das Herz, das ist trotz alledem meist auf der Strecke geblieben.

(und bevor ich gleich bitter bereue, diese Sätze geschrieben zu haben – einmal “Submit”)

217 HAM 15. Mai 2009 um 19:11

@ Watawah

„Soziale Kompetenz ist für mich die Fähigkeit von Menschen auf Basis gegenseitiger Wertschätzung miteinander umgehen zu können und zu wollen, d.h. eine Begegnung auf „Augenhöhe“, der Akzeptanz des anderen als andere, aber gleichwertige Person mit anderen und gleichfalls zu respektierenden Erfahrungen.“

Dies und noch viel mehr an sozialer Kompetenz lernt ein Mensch bereits im Vorschulalter.
Diese Form der Kompetenz wird im alltäglichen Umgang benötigt, in der Nachbarschaft, beim Einkaufen, auf dem Campingplatz etc.

Im Prinzip benötig man dafür überhaupt keine Schulbildung. Das können Analphabeten auch.

Generell muss man feststellen, dass das Schulsystem in der DDR nicht viel taugte, weder in Bezug auf Massenbildung und schon gar nicht in Bezug auf Elitenbildung. Denn große Geister sind in der DDR nicht entstanden.

Die Massen waren extrem manipulierbar. Sonst wären sie auf den ganzen Schwindel bei der Wiedervereinigung nicht hereingefallen. Hätten ihr Volkseigentum nicht verschenkt an irgendwelche Geier, die schon über der DDR kreisten, als diese noch nicht an die BRD angeschlossen war.

Überhaupt hätte man vorher aus der DDR doch etwas ganz Anderes machen können.

In der DDR fand eben keine „Erziehung zur Mündigkeit“ statt.

Das o.g. Konzept von „sozialer Kompetenz“ scheint mir extrem einseitig auf die gegenseitige Anerkennung von „Gleichwertigkeit“ ausgerichtet zu sein.

Sind alle Menschen gleich wert?

In gewisser Hinsicht sicherlich.

In anderer Hinsicht aber gar nicht. Dieses Thema war ein zentrales in der sog. anti-autoritären Bewegung. Wobei eigentlich schon die Bezeichnung anti-autoritär missverständlich ist. Was war damit gemeint? Soll es keine Autoritäten mehr geben? Nein, so wurde es von vielen falsch verstanden.

Mit „anti-autoritär“ war die Kritik am „autoritären Charakter“ und am „autoritären Staat“ gemeint. Das versteht man aber nur, wenn man das Persönlichkeitsmodell kennt, das die Theorie des autoritären Charakters zugrunde legt.

Zwischenbemerkung: Wir haben von der deutschen Knechtseligkeit gesprochen. Wie sieht es eigentlich mit dem Charakter der Amis aus? „Knechtselig“ sind die ja nicht, aber offensichtlich funktionieren sie ähnlich, wenn man die Milgram-Experimente betrachtet. Wie kommt dies zustande?

Mit anti-autoritär war eigentlich bürgerliche Autonomie und Mündigkeit gemeint. Gegen Untertanentum. Gegen Autoritätshörigkeit. Für Emanzipation des Individuums.

Jedoch ist diese Emanzipation des Individuums vor allem eine Entwicklungsleistung des Individuums selbst. Erst wenn das Individuum diese Entwicklungsleistung als politisches Individuum schafft, dann ist es politisch „gleichwertig“.

Ansonsten sind nur die Untertanen untereinander politisch gleichwertig, eben in ihrer Eigenschaft als Untertanen.

Fachlich gesehen ist die Ungleichwertigkeit zwischen einem Nichtwissenden bzw. Nichtkönner einerseits und einem Wissenden bzw. Könner elementar. Nur ein Pilot darf an den Steuerknüppel eines Flugzeugs, nur ein Chirurg darf operieren.

Fachliches Wissen und Können ist immer hierarchisiert. Wissenschaft ist keine Talkshow, wo jeder Talker auf seine „anderen und gleichfalls zu respektierenden Erfahrungen“ hinweisen kann. Talkshow ist eben wie der Hyde-Park ein Meinungsmarkt.
Wissenschaft hingegen funktioniert exklusiv. Nur wer über ein entsprechendes Wissen verfügt, darf mitreden. Alle anderen sind ausgeschlossen.

Elitenbildung verfolgt das Ziel, die Schüler und Studenten anschlussfähig zu machen an den höchsten Stand des menschlichen Wissens und Könnens.

Das war das Ziel der Humboldtschen Bildungskonzeption. Die Eliten sollten die Führung im Staat, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und Gesellschaft innehaben.

Mit dem Massengymnasium und der Massenuniversität werden jedoch andere Ziel verfolgt. Sie produzieren verwertbares Menschenmaterial für die Wirtschaft. Mündige Bürger sollen die gar nicht werden.

Und deshalb werden sie erzogen mit der Ideologie der Gleichwertigkeit zur Akzeptanz des anderen als „gleichwertige Person mit anderen und gleichfalls zu respektierenden Erfahrungen.“

Was der sozialen Realität entspricht. Sie alle sind gleichwertige Marktteilnehmer. So wie die Obsthändler auf dem Wochenmarkt. Allerdings mit dem Unterschied, dass die Ware, die sie auf dem Arbeitsmarkt anbieten, sie es selbst sind.

218 bismodo 15. Mai 2009 um 19:50

HAM # 217

Was Du vollständig auszublendest:

Die humanistisch gebildeten Eliten waren die allerersten Anhänger und Wegbereiter der Nationalsozialisten, und zwar schon längst in den 20ern, also weit vor der Ankunft der Nazis im Machtapparat. Deshalb brauchten sie die Unis und (enorm viele) Wissenschaftler nicht erst umzudrehen, für sich zu gewinnen, zu irgend etwas zu zwingen…nenn es wie Du willst.

Dass das ein (wissenschaftlich) unterbelichteter Punkt ist, ist kein Zufall, würde ich mal annehmen!

Dass er gerne unGEdacht bleibt bei vielen Äusserungen über Eliten, ist wohl Selbst-Programm(ierung), Autosuggestion, ein konsequentes Sich-selbst-belügen. Die Eliten haben so gut wie durchgängig VERSAGT! Und die wenigsten sind später kritisch damit (und sich selbst) umgegangen. Ganz im Gegenteil. Die Elitenkritik der 68er speiste sich vornehmlich aus diesen TATSACHEN und der Angst vor Restaurationsbestrebungen (Notstandsgesetze etc – Du kannst Dich ja gut an die Zeiten erinnern… und siehe auch meinen link zum eben GAR NICHT freiheitlichen Grundgesetz # 198 – Lesebefehl!).

Die Abschaffung der humanistischen Bildung hin zur direkten Verwertbarkeit ist ohne diese Umstände nicht zu verstehen – und vielleicht charakteristisch für D! In F jedenfalls fand ein solcher Umbruch nie statt, erst jetzt versucht Sarkozy etwas derartiges auf die Beine zu stellen. Ohne Erfolg, wie es scheint.

219 ein Untertan 15. Mai 2009 um 19:53

@ HAM
das ist “krass” …In der DDR fand eben keine „Erziehung zur Mündigkeit“ statt…

HAM ich bin Wessi, aber das?…

Was war und ist denn in der BRD? Ne, die Aussage, ist…

Genau das Gegenteil ist womöglich der Fall.

Wer hat denn 2+4 bestimmt?

Oggersheim? die 68er? oder der liebe Gott?

Ne, das ist leider…

220 bismodo 15. Mai 2009 um 19:57

Ich vergass:
Ich wollte die 68er eigentlich “68er” schreiben, waren es doch in Wirklichkeit die 55-67er, die unter diesem Etikett firmieren…

221 ein Untertan 15. Mai 2009 um 20:00

@ bismodo

darf man diese Erdkugel auch mal ohne Nazi sehen? Oder ist in jedem Wort, was geschrieben steht, Adolf und Churchill etc. drin?

Nur eine Frage, denn irgendwann reicht es, alles mit dem Nazi Aufwand zu begründen.

Ist das Möglich? Gibt es auch noch ein Leben nach Adolf?

222 bismodo 15. Mai 2009 um 20:21

Und noch was:
Die meisten, die sich zur Elite äussern, tun das im Brustton der Überzeugung, selbst-redend derselben zuzugehören, egal ob es Typen sind, die sich in irgendwelche Systeme verrannt haben und dabei den Stein des Weisen gefunden haben, oder andere, die vor Dir die plattesten Sachen ausbreiten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Kriterium? Sie selbst.

Dafür wissen sie aber genau, was denn Unterschicht ist und was nicht. Den Fuss über die Schwelle haben sie aber nie gesetzt, nicht mal im Traum. Und da sie selbst ja nicht so sind, sind sie logischerweise keine. Man erkennt sie häufig am Durchhecheln und Rezitieren der letzten Spiegeltitel bzw Zeit-Themen… Nächste Woche ist ne neue Sau dran.

@ untertan

Ja, gibt es, nur da wo unverarbeiteter Adolf drin ist, stehts eben oft nicht drauf. Gerade bei diesem Thema

223 ein Untertan 15. Mai 2009 um 20:28

@bismodo
war Kaiser Hadrian, der 135 n.Chr. , der in Palästina über 500 tsd. gemeuchelt hat, der Wegbereiter für den Nationalsozialismus Adolf und Konsorten?

Na, den unverarbeiteten Adolf, Stalin und andere, das möchte ich mal sehen.

224 bismodo 15. Mai 2009 um 20:44

@ untertan

Dein nick ist doch n guter wegweiser.

Was du “Adolf” nennst, ist eben eine Geisteshaltung, die lange vor “Adolf” bestand, in ihm eher nur sein POLITISCHES Ideal, seine Quintessenz fand, mit seinem Ende aber keinesfalls unterging. Die Nazis waren nur Teil dieser Denkrichtung. Heute macht es sich wieder breit, in Verkörperungen von Innenministern und Leuten, die sie gewähren lassen, in Lissabonverträgen und Hindukuschgrenzen, die frei verschiebbar sind zwischen Nord- und Südpol.

Wenn man dann von Eliten spricht, bitte differenzieren! Dann kann auch ein Schuh draus werden

Vespasian, Titus und Hadrian haben AUFSTÄNDE niedergeschlagen. was soll das mit Hitler zu tun haben?

225 Watawah 15. Mai 2009 um 20:46

@ HAM # 217

Ich weiß, daß das Dein Reizthema ist, ich lese hier im Blog nicht erst seit gestern oder letzte Woche.
Konnte mir also vorweg schon recht gut ausmalen, was mir „blüht“, wie Du versuchen wirst mich „ nieder zu diskutieren“, wenn ich dieses Thema aufgreife und eine andere Meinung kundtue. ;-)

Von besonderer Unmündigkeit spricht das mE nicht, auch wenn Du die Mündigkeit als solche , wohl nur auf politischer Ebene zu lassen willst – irgendwo muß man ja mal damit anfangen, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch gegen vorauszusehenden Widerspruch zu vertreten.

„…sozialer Kompetenz lernt ein Mensch bereits im Vorschulalter.“
Da muß ich dann aber fragen, weshalb dann so viele Menschen genau diese nicht haben. (nur rhetorisch)

„Das o.g. Konzept von „sozialer Kompetenz“ scheint mir extrem einseitig auf die gegenseitige Anerkennung von „Gleichwertigkeit“ ausgerichtet zu sein.
Sind alle Menschen gleich wert? In gewisser Hinsicht sicherlich.“

Ja. Es sind alle Menschen gleich wert in JEDER Hinsicht.

Und ich bin auch nicht mehr wirklich gewillt, mich in ein Denkmuster des 19. Jh. befördern zu lassen, daß Menschen nach Wertigkeit einzuteilen meinen muß.
Wohin das führt, hat auch die deutsche Geschichte schon bestens veranschaulicht, wie ich meine. Es ist nämlich nur ein vergleichsweise kleiner Schritt die Wertigkeit nach Bildung/Leistung oder nach Rasse und Religion zu setzen.

Wenn überhaupt so etwas für den einzelnen Menschen festgestellt werden darf, dann bitte nach seinem Ableben und daraus resultierend logischerweise von anderen als ihm selbst.

Jeder ist wichtig, wirklich jeder und da ist mir shit egal, ob der Bundeskanzler, Staatsratsvorsitzender, Putzmann, Bäcker oder Arzt ist.

Mit seinem besonderen Spezialwissen kommt derjenige nämlich auch nicht weit, es mag ja deprimierend sein, damit nicht alles zu reißen, es ist sogar gut, wenn jemand Spezialwissen, spezielle Fähigkeiten hat, aber daraus Rechte gegenüber anderen oder über andere abzuleiten, sorry, das ist mir zu rassistisch.

Jeder braucht den anderen, ob bewußt oder unbewußt, ist dabei sogar, meine ich, völlig egal.

Das jemand entsprechend seiner Fähigkeit und Fertigkeit gefördert und eingesetzt wird, sollte wenigstens in der menschlichen Zukunft selbstverständlich werden.

„Jedoch ist diese Emanzipation des Individuums vor allem eine Entwicklungsleistung des Individuums selbst. Erst wenn das Individuum diese Entwicklungsleistung als politisches Individuum schafft, dann ist es politisch „gleichwertig“. Ansonsten sind nur die Untertanen untereinander politisch gleichwertig, eben in ihrer Eigenschaft als Untertanen.“

Menschen sind wie oben geschrieben, immer gleichwertig, wichtig ist, ihnen genau dieses klar zu machen.
Sicher kann ich, wenn es mir hilft mein Leben als wertvoller zu betrachten, auch noch Unterscheidungen nach fachlicher Wertigkeit vornehmen, aber das ist ein völlig anderes Gebiet – wir reden dann nicht mehr über einzelne Menschen, sondern Strukturierungen innerhalb von Fachbereichen, das hat mit dem Menschen an sich aber so nichts zu tun sondern zum Beispiel wieder mit einer Forschungsleistung und die bringt der Mensch nicht ausschließlich allein und von sich heraus.

„Elitenbildung verfolgt das Ziel, die Schüler und Studenten anschlussfähig zu machen an den höchsten Stand des menschlichen Wissens und Könnens.“

Ich habe nichts gegen Elitenbildung, gar nichts, wenn sie so verstanden wird, wie in diesem Satz von Dir beschrieben.

Unser Diskurs dreht sich um den Zeitpunkt des Aussortierens und ich meine um die Größe der Gruppe aus der selektiert wird.

226 froZ 15. Mai 2009 um 20:53

Man kann es da auch mit der russischen Autorin Sonja Margolina halten, die – auf ihr Land gemünzt, aber verallgemeinerbar – schrieb, das ganze Mißverständnis mit den selbsternannten Eliten ließe sich am besten aus der Welt schaffen, wenn man sie in “Establishment” umbenennen würde. (Dürfte Dir doch vertraut vorkommen, HAM.)

Der Begriff der Funktionseliten in der Soziologie meint ja letzten Endes auch nichts anderes.

227 ein Untertan 15. Mai 2009 um 21:06

@ bismodo

Zitat:”Vespasian, Titus und Hadrian haben AUFSTÄNDE niedergeschlagen. was soll das mit Hitler zu tun haben?”

Die Frage, hast Du Dir, jetzt, selber beantwortet.

228 bismodo 15. Mai 2009 um 21:11

Untertan # 227

“Zitat:”Vespasian, Titus und Hadrian haben AUFSTÄNDE niedergeschlagen. was soll das mit Hitler zu tun haben?”

Die Frage, hast Du Dir, jetzt, selber beantwortet.”

Ach so, die Elitendebatte hat mit unserer unmittelbaren Vergangenheit nix zu tun? Erklär mal!

229 ein Untertan 15. Mai 2009 um 21:17

@ bismodo

mach ich morgen, versprochen! gehe jetzt, gute N8

230 Nietzsches Popanz 15. Mai 2009 um 22:56

„Generell muss man feststellen, dass das Schulsystem in der DDR nicht viel taugte, weder in Bezug auf Massenbildung und schon gar nicht in Bezug auf Elitenbildung. Denn große Geister sind in der DDR nicht entstanden.“

Wieso haben dann die skandinavischen Länder während ihrer Bildungsreformen Anfang der 90er Jahre ihr Bildungssystem an dem der DDR und offenbar erfolgreich orientiert???

Ich selbst kam bis zur 7. Klasse in den Genuss von DDR-Bildung; anschließend in den der westdeutschen Realschule, wo mir nichts dir nichts ohne Not plötzlich Klassenverbände auseinandergerissen wurden; die schlechteren aussortiert und wie was Schlechteres behandelt wurden … und dann des Gymnasiums.

Auf die EOS (Erweiterte Oberschule = Gymnasium) konnte nur wer 1. die Leistungen dafür hatte, sich 2. als Mann zum Offiziersanwärter für 25 Jahre Armee verpflichtete, oder besonders begabt war als Sportler, Techniker, mit Sprachen etc – auch Frauen stand dies offen. Daher gab’s auch extra staatlich organisierte Sprach-, Sport- und Technik-Gymnasien. Wo gibt’s so was vom Staat her angeboten jetzt???

Fiberglas wurde z.B. in der DDR entwickelt.

Noch ein Beispiel: Nach der Wende kompensierten etliche Ossis die Nachwuchsflaute im westdeutschen Fußball. In der DDR wurde Nachwuchsförderung – nicht profitorientiert, sondern begabungsgemäß – betrieben. Siehe Matthias Sammer, Michael Ballack etc. etc. Jetzt wird so getan, als seien sie Produkte der glorreichen BRD. Um den deutschen Fußball wäre es doch schon während der 90er schlecht bestellt gewesen!!!

An der Schule gab es reichlich Förderung in FREIWILLIGEN ArbeitsGEMEINSCHAFTEN z.B. Schach, Sport, Musik, Basteln, Zeichnen, Literatur, technische Fächer etc. Kinder/Jugendliche sollten selbst herausfinden, was sie gut können, was sie interessiert. Ganztagsbetreuung durch Lehrer und Kundige. Wo gab’s/gibt’s das in der BRD???

Übrigens behielten die neuen Bundesländer ihr 12-jähriges, altbewährtes Abitur bei und niemand beschwerte sich oder lamentierte wie jetzt, da das Abi von 13 auf 12 Jahre verkürzt wurde.

Es gab dazu auch einen Witz: Der Wessi geht 13 Jahre ans Gymnasium – warum? –12 wie der Ossi bis zum Abitur; das 13-Jahr ist allein dem Schauspielunterricht vorbehalten. (Die Kunst der Verstellung, des Täuschens, des Wichtigtuns – der Vera****ung und Betrugs.)

„Die Massen waren extrem manipulierbar. Sonst wären sie auf den ganzen Schwindel bei der Wiedervereinigung nicht hereingefallen. Hätten ihr Volkseigentum nicht verschenkt an irgendwelche Geier, die schon über der DDR kreisten, als diese noch nicht an die BRD angeschlossen war.“

Da hast du wieder keine Ahnung, wie es wirklich zuging. Du glaubst auch nur, was euch im Westen über die DDR in “Qualitäts”Medien oder von die DDR-Geschichte zurechtbiegenden Siegerhistorikern erzählt wurde. Um in Ruhe gelassen zu werden, wusste man, wer zu wählen ist. Was sich im Inneren vollzog ist doch das gleiche wie heute die innere Kündigung. Nix mit Massenmanipulierung!!!

Außerdem: Die heutigen Manipulationsmechanismen sind viel subtiler, weil sie nicht zentral gesteuert werden, sonder über ökonomische Zwänge.

Die 100 DM Begrüßungsgeld waren in Wahrheit 100 DM Bestechungsgeld bzw. das erste dt. Konjunkturbelebungsprogramm und zugleich eine feindliche Übernahme der DDR durch die BRD. Geschickt verbrämt, wurden die DDR-Bürger für je nur 100 DM gekauft und auf dem westlichen Markt zum Konsum verleitet – Abschwung stand dort bevor und wurde mithin vorübergehend ausgesetzt.

Einmal im westlichen Supermarkt „einjekauft“, gingen ihnen die Augen über und der Verstand setzte aus. Man wollte vermeintliches Schlaraffenland für immer haben, womit alle Reformbewegungen innerhalb der damaligen DDR (Bündnis ‘90) unterlaufen und zunichte gemacht wurden sowie die gänzliche Selbstabschaffung ihres Staates bzw. bedingungslose Angliederung beschleunigend eingeleitet. Kohl nutzte die Stimmung und beschenkte die Ossis mit „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

Das war – historisch – der Auftakt für den kapitalistischen Raubzug der (west)deutschen Heuschrecken, Privatisierung von Volxvermögen, Umverteilung von unten nach oben, Überrumpelung: Treuhand (– welch Euphemismus!!! und von wem eigentlich legitimiert? – jedenfalls nicht vom ostdeutschen Volk!!!) verscherbelte billigst künstlich unterbewertetes Volxvermögen (etwa DDR-Banken, -Verlage etc.).

Moderne u. produktive Betriebe (VEB IFA, – NOBAS, – NORDBRAND, – ROBOTRON, – SCHACHTBAU, – HOCHBAU, – BRAUEREIEN, – OrWo, – RFT, etc.etc.) wurden an die Westkonkurrenz verschenkt oder für symbolische Preise verkauft und schließlich geschlossen (Standortsicherung im Westen); nicht von ungefähr war die DDR-Wirtschaft die produktivste des ganzen Ostblocks – jetzt jedoch wurde alles diskreditiert.

Alteigentümer, ab ‘49 bereits im Westen geldlich entschädigt, forderten ihre Habe und erhielten sie größtenteils zurück.

Die 2. Garde derer, die im Westen nicht aufs Trapez kamen, machte sich im Osten breit und übertölpelte u. –rumpelte, betrog!!! die kapitalistisch unbedarften Einheimischen, ersetzten ehemalige Leistungsträger (z.B. Politiker aus BW nach Sachsen u. Thüringen; Immobilienspekulanten, Juristen  etwa Sachsensumpf; Versicherungen, Uni-Profs etc.).

Arbeitsfähige Jugendliche wurden im Vergleich zum Ostlohnniveau mit Top-Löhnen geködert, in den Westen zu ziehen, wo der demographische Wandel bereits durchschlug und für Arbeitskräftemangel sorgte. Der Osten dorrte aus und verkam allmählich – bis auf einige Leuchtturmregionen – zur Brache, zum Altersheim, zum Reservoir gewaltbereiter, zumeist rechter Schläger, schulisch Benachteiligter (Frauen werden bevorzugt), sexuell Frustrierter (besser ausgebildete Frauen ziehen in den Westen – wer mag’s ihnen verdenken?  Männerüberschuss u. Aggressionspotential).

So. Das sollte reichen, dieses überhebliche Ignoranz und Unwissen zurechtgerückt zu haben.

MfG

231 Metheus 15. Mai 2009 um 23:02

@ 230

Zu den Siegerhistorikern siehe etwa hier: http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-10019/ddr-forscher-da-muss-irgendetwas-in-den-koepfen-schiefgelaufen-sein_aid_302709.html

Bitte auch die Kommentare erboster EX-DDRler lesen!

MfG

232 froZ 16. Mai 2009 um 00:40

@ Watawah #225

Völlige Zustimmung. Der Pilot kann nicht operieren, und der Chirurg kein Flugzeug fliegen. Und höchstwahrscheinlich können beide keine Werkzeugmaschine betätigen, nicht simultan dolmetschen und auch keinen Sessel polstern. Das ist eine Frage von Arbeitsteilung, nicht “Eliten”bildung. Horizontale Differenzierung, nicht vertikale. Unterschiedliche Bezahlung dieser Tätigkeiten kann trotzdem funktional und gerecht sein, wenn man etwa unterschiedliche Verantwortung und Risikoübernahme bedenkt. Aber jeglicher Dünkel, durch die Ausübung einer spezifischen Tätigkeit “etwas Besseres” zu sein, ist unbegründet. Die an Berufe gebundene Statusbeflissenheit der heutigen Gesellschaft gab es in der DDR bei weitem nicht in diesem Maße, dafür nach meiner Erinnerung andere, allerdings weit sanftere Statusabstufungen (Zugang zu Westgeld/ kein Zugang zu Westgeld; NSW-Reisekader/ kein NSW-Reisekader).

(Für Wessis und Ösis: NSW – “nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet”.)

233 Alvar Hanso 16. Mai 2009 um 02:35

@HAM
“Zwischenbemerkung: Wir haben von der deutschen Knechtseligkeit gesprochen. Wie sieht es eigentlich mit dem Charakter der Amis aus? „Knechtselig“ sind die ja nicht, aber offensichtlich funktionieren sie ähnlich, wenn man die Milgram-Experimente betrachtet. Wie kommt dies zustande?”

Gut, das die Deutschen besonders treu gegenüber ihren “Herren” sind, sagte ja schon Napoleon.
Aber ich denke nicht das das Milgram Experiment nur bei besonders “knechtseligen” Völkern funktioniert.
Mit ein bisschen Recherche wirst du zig reale Beispiele von allen möglichen Volksgruppen der Erde finden wo nicht aus Überzeugung gemordet oder gefoltert wurde sondern schlicht weil das jemand befohlen hat.
Ansonsten eine sehr anregende Diskussion.

BTW – Hat jemand ein paar schöne Literaturempfehlungen für mich bzgl. Grundlagen der DDR/Ostblock-Wirtschaft?

234 Geodät 16. Mai 2009 um 07:58

Wieder ein Beispiel für modernen Umgang mit Mitarbeitern :-( :
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,622053,00.html

Grüße

235 ein Untertan 16. Mai 2009 um 08:56

Und hier:http://pressetext.de/news/090514030/zeitarbeiter-wie-billigware-angepriesen/

15% auf alles. Außer Tiernahrung

236 HAM 16. Mai 2009 um 12:25

ELITENBILDUNG

Elitenbildung verfolgt das Ziel, die Schüler und Studenten anschlussfähig zu machen an den höchsten Stand des menschlichen Wissens und Könnens.

Das ist meine Definition.

Festzuhalten ist, dass die Auffassung, die deutsche Gesellschaft komme auch ohne Elitenbildung gut zurecht, eine Mehrheitsmeinung in der deutschen Bevölkerung zumindest war und – so meine These – auch heute noch ist. Die Bildungspolitik der Sozialdemokratie in den 70-er Jahren basierte explizit auf dieser Annahme. Deshalb hat sie die traditionellen Institutionen der bürgerlichen Elitenbildung, das klassische Gymnasium und klassische Universität abgeschafft.

Ich denke, dass bis zu diesem Punkt Konsens besteht.

Meine Position ist, dass Elitenbildung gesellschaftlich notwendig ist. Für diejenigen, die meinen, unsere Gesellschaft komme auch ohne Elitenbildung gut zurecht, ist die weitere Diskussion irrelevant.

Die Frage, die ich in die Diskussion einbringe, ist, welche Bildungsangebote notwendig und sinnvoll sind, um Elitenbildung zu ermöglichen?

Meine Position dazu ist, dass das Massengymnasium in der heutigen Form und die diskutierte Einheitsschule nicht geeignet sind. Desgleichen nicht die Massenuniversität nicht und die Bologna-Universität mit ihren Modulstrukturen schon gar nicht.
Sie bringen noch nicht einmal „Funktionseliten“ hervor, die zu Spitzenleistungen auf Weltniveau in der Lage sind. Das wissen die Bildungsplaner und deshalb versucht man, ein paralleles Bildungssystem zu installieren, gewissermaßen ein halbstaatliches. Dieses neu entstehende zweite Bildungssystem habe ich bislang noch nicht in die Diskussion eingebracht. Ist hier auch nicht das Thema.

@bismodo #218
„Die humanistisch gebildeten Eliten waren die allerersten Anhänger und Wegbereiter der Nationalsozialisten, und zwar schon längst in den 20ern, also weit vor der Ankunft der Nazis im Machtapparat. Deshalb brauchten sie die Unis und (enorm viele) Wissenschaftler nicht erst umzudrehen…“

Du gehst hier von einem anderen Elite-Begriff aus als ich. Einen Nazi-Apologeten wie Heidegger würde ich doch nie zur intellektuellen Elite zählen. Hat Heidegger auch nur einen einzigen wichtigen neuen Gedanken hervorgebracht? Nein, das war ein Sprachdesigner, der Ideologie durch sein Sprachdesign den Anschein eines höheren Bewusstseins versehen hat. Wie beispielsweise heute ein Herr, naja, verkneife ich mir.

Meine Position ist doch gar nicht, dass alle Absolventen eines klassischen Gymnasiums zu humanistischen Eliten werden. Die klassische Gymnasium vermittelte jedoch dies Anschlussfähigkeit an höchstes Bewusstsein. Die Absolventen hatten eine kognitive Struktur erworben, die dialektischen Denken ermöglichte, sie hatten Weltwissen und historisches Wissen erworben, also nicht nur dieses eingeschränkte Hier-und-Jetzt-Bewusstsein, welches ja die Basis für das TINA-Syndom ist.

Wie man sich dann als Absolvent politisch entscheidet haben, ist eine andere Frage. Um zur humanistischen Elite zu gehören, müssen die gebildeten Bürger Klassenverrat begehen. Wie Marx oder Hans-Jürgen Krahl: „Ich musste aufgrund meiner Herkunft sehr viel längere Umwege machen, um die bürgerliche Klasse, der ich entstamme, zu verraten.“
http://www.infopartisan.net/archive/1967/266751.html

„Non scholae, sed vitae discimus” wird heute so verstanden, wie in Wikipedia beschrieben:
http://de.wikipedia.org/wiki/Non_vitae,_sed_scholae_discimus

Mit diesem Ausspruch hat Lucius Annaeus Seneca, der Erzieher und Berater des römischen Kaiser Nero war, der Auffassung von Aristoteles widersprochen, der für die Pädagogik gefordert hatte: “Immer nur nach dem Nützlichen zu fragen, ziemt sich gar nicht für großzügige und freie Menschen”.
Der Römer Seneca begriff also von seinem Utilitaritätsstandpunkt nicht den humanistischen Gedanken des Griechen Aristoteles.

Humboldts Bildungskonzept war jedoch an den humanistischen Gedankengut der griechische Antike ausgerichtet. Sein Gymnasium war eine Bildung des politischen Bürgers, des Citoyen, ausgerichtete Gegenstruktur zum Nützlichkeitsparadigma des Wirtschaftsbürgers.

Bekanntlich schied Humboldt im Dissens aus der preussischen Regierung aus. Denn die preussische Diktatur wollte keine Erziehung zum freien und mündigen Bürger.

Nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 wurden große Teile der humanistisch gebildeten Eliten – sofern sie nicht emigrierten- zu nationalistischen Romantikern und Spinnern. Zu Wegbereitern des Nationalsozialismus.

Die deutschen Professoren haben sich unter der preussischen Diktatur auf die unpolitischen Naturwissenschaften konzentriert. Das kann man deutlich aufzeigen z.B. an der Entwicklungsgeschichte der Psychologie als akademische Disziplin.

Humboldt wollte die Universität als herrschaftsfreien Raum, der sich nur der Wahrheit und Erkenntnis verpflichtet sah (s. Kant). Die deutschen Universitäten waren dies jedoch – bis vielleicht auf die Zeit von 1950 – 1970 – nie.

Feuerbach schreibt 1843:
“Wo die Wissenschaft zur Wahrheit kommt, Wahrheit wird, da hört sie auf, Wissenschaft zu sein, da wird sie ein Objekt der Polizei die Polizei ist die Grenze zwischen der Wahrheit und Wissenschaft. Wahrheit ist der Mensch, nicht die Vernunft in abstracto, das Leben, nicht der Gedanke, der auf dem Papier bleibt, auf dem Papier seine volle, entsprechende Existenz findet.”

Das gibt die Realität an deutschen Hochschulen in der Preussenzeit sehr gut wieder.

Und auch die Realität an der Hochschulen der DDR (vgl. Rudolf Bahro):

„Außerdem schrieb Bahro seit 1972 an der „Alternative“, als Antwort auf den Einmarsch der Staaten des Warschauer Pakts in die ČSSR 1968. 1973 ließen sich er und seine Frau Gundula Bahro scheiden, damit sie und die Kinder vor zu erwartenden staatlichen Repressalien bewahrt bleiben würden.
Nach dem Vorabdruck seines Buches Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus im westdeutschen Magazin Der Spiegel wurde Bahro am 25. August 1977 verhaftet. Beides machte ihn weltweit bekannt. …
Am 30. Juni 1978 wurde Bahro wegen „landesverräterischer Sammlung von Nachrichten“ und „Geheimnisverrats“ zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt, was internationale Proteste und eine Solidaritätsbewegung auslöste.“ (Wikipedia)

Der deutsche Professor ist ein „Wissenschaftsbeamter“. Und deshalb sind die deutschen Professoren so, wie sie sind. Eben – bis auf wenige Ausnahmen – keine Angehörigen einer humanistischen Elite

Das erklärt, was ich bereits angeführt habe (HAM #196):
In der Wissenschaft sind regelmäßig die Geistes- und Sozialwissenschaften die bewusstseinsmäßig rückständigsten Disziplinen, die Naturwissenschaften und technische Wissenschaften die fortschrittlichsten. Es ist schon eine historische Besonderheit, wenn – wie in der 68-er Bewegung – das fortschrittlichste Bewusstsein in den Sozialwissenschaften zu finden war.
Man sieht es am heutigen Stand der Soziologie. Das ist eine völlig heruntergekommene Disziplin. Das gleiche gilt für den Mainstream von Psychologie, Politik, Ökonomie etc. Es sind eben ideologische Wissenschaften. Am liebsten thematisieren sie alten Quark von gestern und vorgestern oder dienen sich subaltern den Reichen und Mächtigen als Ideologen an. Prof. Raff ist überall.

Und deshalb schwenkte die Mehrzahl der Professoren auf auf die NS-Linie ein. Bei den Lehrern war dies übrigens noch ausgeprägter (vgl. Hans-Jochen Gamm: Pädagogik des Nationalsozialismus).

@froZ #226
„das ganze Mißverständnis mit den selbsternannten Eliten ließe sich am besten aus der Welt schaffen, wenn man sie in “Establishment” umbenennen würde. … Der Begriff der Funktionseliten in der Soziologie meint ja letzten Endes auch nichts anderes.“

Genauso so ist es. „Funktionseliten“ haben mit meinem Begriff von Elite nichts gemein. Früher sprach man im Zusammenhang mit ihnen von „Halbgebildeten“ (vgl. z.B. Adorno) oder von „Fachidioten“.

@Nietzsches Popanz #230

Du bestätigst mit Deiner Argumentation genau das, was ich ausführe. Da sehe ich keinerlei Widerspruch.

Ich schreibe doch, dass das westdeutsche Schulsystem seit den sozialdemokratischen Bildungsreformen die „Generation blöd“ produziert. Im Interesse der Wirtschaft, die sie als Arbeits- und Konsumidioten braucht.

@ froZ #232
„Der Pilot kann nicht operieren, und der Chirurg kein Flugzeug fliegen. Und höchstwahrscheinlich können beide keine Werkzeugmaschine betätigen, nicht simultan dolmetschen und auch keinen Sessel polstern. Das ist eine Frage von Arbeitsteilung, nicht “Eliten”bildung. Horizontale Differenzierung, nicht vertikale. Unterschiedliche Bezahlung dieser Tätigkeiten kann trotzdem funktional und gerecht sein, wenn man etwa unterschiedliche Verantwortung und Risikoübernahme bedenkt. Aber jeglicher Dünkel, durch die Ausübung einer spezifischen Tätigkeit “etwas Besseres” zu sein, ist unbegründet.“

Das bestätigt doch meine Position. Das schreibe ich – wenngleich mit anderen Worten – explizit (HAM #217):
Ansonsten sind nur die Untertanen untereinander politisch gleichwertig, eben in ihrer Eigenschaft als Untertanen. …
Was der sozialen Realität entspricht. Sie alle sind gleichwertige Marktteilnehmer. So wie die Obsthändler auf dem Wochenmarkt. Allerdings mit dem Unterschied, dass die Ware, die sie auf dem Arbeitsmarkt anbieten, sie es selbst sind.

In diesem System sind die Lohnarbeiter als politische Subjekte gleichwertig: One man, one vote. Jeder darf nur ein Kreuzchen machen, egal welche Bildung und egal welcher Beruf und welche Gesellschaftliche Stellung. Und für alle Kreuzchenmacher gilt: Sie können mit ihren Kreuzchen nicht die Inhalte und die Richtung der Politik bestimmen. Das machen andere.

Alvar Hanso #233
„Mit ein bisschen Recherche wirst du zig reale Beispiele von allen möglichen Volksgruppen der Erde finden wo nicht aus Überzeugung gemordet oder gefoltert wurde sondern schlicht weil das jemand befohlen hat.“

Der Witz bei den Milgram-Experimenten ist doch, dass dort gar kein „Herr-Knecht-Verhältnis“ vorlag. Wenn der Offizier einem Soldaten etwas befiehlt, dann muss der gehorchen. Ansonsten wird er bestraft.

So war es jedoch dort nicht. Die Probanden waren ganz normale Bürger, die in keinerlei Befehls- oder Abhängigkeitsverhältnis zum Versuchsleiter standen.
Warum taten sie es?
Wenn ich Dir sagen würde, fahr einen Rentner platt, wir müssen die Rentenkasse zum Wohle zukünftiger Generationen entlasten, machst Du es ja auch nicht.

Aber die Probanden haben in diesem Experiment den Tod eines Menschen durch Stromschlag mit 450 V in Kauf genommen, nur weil der bei einem Lernexperiment etwas falsch wiedergegeben hat.

Zum Schluss noch als Hinweis:
Dass klassische Gymnasium, welches sich dem Humboldtschen Bildungsideal verpflichtet sah, hat nicht automatisch „humanistische Eliten“ produziert. Aber es hat die Bedingung der Möglichkeit geschaffen, es zu werden. Man konnte mit dieser Bildung Marx, Adorno etc. lesen und verstehen. Und dies können Angehörige der „Generation blöd“ – bis auf ganz wenige Ausnahmen – heute nicht mehr.
Man kann ihnen die Texte geben, aber sie verstehen diese nicht mehr. Lesen etwas heraus, was gar nicht drin steht. Und was sie herauslesen, ist das, was sie schon vorher wussten.

Der vorurteilsbehaftete, unmündige Bürger sieht seine Vorurteile in allem bestätigt, was er wahrnimmt. Das Vorurteil ist resistent sowohl gegenüber Theorie und Empirie.

DESHALB BRAUCHT ES EINE „ERZIEHUNG ZUR MÜNDIGKEIT“ (ADORNO).
http://www.youtube.com/watch?v=vpiOBvRjuLg

237 Nietzsches Popanz 16. Mai 2009 um 12:47

@ Ham 236

Lieber Ham, deine Kritik an Seneca ist unbegründet. Der Volksmund verdreht nämlich sein Zitat:

“Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.” – Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), XVII, 106, 12

* (Original lat.: “Non vitae, sed scholae discimus.”)

Siehe: http://de.wikiquote.org/wiki/Seneca_d.J.

MfG

238 HAM 16. Mai 2009 um 13:52

Nietzsches Popanz #236
„Lieber Ham, deine Kritik an Seneca ist unbegründet. Der Volksmund verdreht nämlich sein Zitat: “Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.”

Die Aussage ist im Prinzip die gleiche. Vgl.
http://de.wikipedia.org/wiki/Non_vitae,_sed_scholae_discimus

Seneca meint damit, dass man auf der Schule das lernen soll, was man „im Leben“ gebrauchen kann. Eben nicht humanistische Bildung (Philosophie, Geschichte, alte Sprachen, Kunst, Musik etc.). Mit der konnte man nämlich im römischen Wirtschaftsleben gar nichts anfangen.

Genau das war ja die Kritik von Seiten der Wirtschaft und Politik – aber von Eltern und Schülern – am Typ des Humboldtschen Gymnasiums, nämlich dass die Schüler dort etwas lernen müssen, was sie im späteren Leben gar nicht „NUTZEN“ können.

Die Hauptpunkte der Kritik waren:

1. „Unnützer Bildungsballast“ (alte Sprachen, Geschichte, Philosophie, Dichtung etc.)
Zum Teil wurde diese Fächer im Zuge der Bildungsreformen aus dem Lehrangebot herausgenommen oder diese Fächer konnten „abgewählt“ werden.

2. Zu breites obligates Bildungsangebot
Das breite obligate(!) Bildungsangebot gehörte zum humanistischen Konzept der Allgemeinbildung. Also nicht nur Naturwissenschaften zu vermitteln, sondern auch „Deutsch“ und Latein.
Das war für die Schüler die größte Schwierigkeit, nämlich in den Fächer, wo man schwach war, ein bestimmtes Niveau erreichen zu müssen, um das Abitur zu schaffen. Daran scheiterten die meisten (in meiner Klasse schaffte nur ein Drittel das Abitur).
Was kann ein Techniker mit deutscher Dichtung, Latein etc. in seinem beruflichen Alltagsleben anfangen?
Nichts.
Man sah den allgemeingebildeten Bürger als überflüssig an.
Lichtenberg sagte zwar: “Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht.”
Aber am „Verstehen“ ist die Wirtschaft gar nicht interessiert, es reicht, wenn die Techniker etc. im erwünschten Sinne FUNKTIONIEREN. Sie sollen als „Rädchen“ funktionieren, den Durchblick übers Ganze haben andere.

3. Das Humboldtsche Gymnasium sei mit seinem Anforderungsniveau zu hoch. Das System würde zu wenig Akademiker produzieren.
Man rief einen „Bildungsnotstand“ aus. Und forderte bereits in den 60-er Jahren – wortwörtlich – eine „Industrialisierung“ von Schulen und Hochschulen. Kann man sehr gut z.B. bei Wener Hofmann: Abschied vom Bürgertum (1970) nachlesen.

Ein entscheidender Punkt für den Entschluss, das Humboldtsche Gymnasium zu liquidieren, war politischer Natur: Man wollte keine aufmüpfigen Studenten mehr.

Die kamen dann auch nicht mehr. Diejenigen, die in den Schulen mit sog. Punktesystem sozialisiert waren, hatten nur ein Ziel: Karriere und Kohle.

239 Watawah 16. Mai 2009 um 16:27

@ HAM # 236 + 238

Es ging mir # 225 nicht darum „Gleichmacherei“ zu betreiben, aber das was grundsätzlich gleich ist, als solches zu benennen.

„Elitenbildung verfolgt das Ziel, die Schüler und Studenten anschlussfähig zu machen an den höchsten Stand des menschlichen Wissens und Könnens. Meine Position ist, dass Elitenbildung gesellschaftlich notwendig ist.“

Konsens.

Fertigkeiten und Fähigkeiten müssen die Chance erhalten, sich bestmöglich entwickeln und entfalten zu können.

Bestimmte Leistungen, bestimmte Anforderungen, besondere Aufgaben können vielleicht nur wenige Menschen bei bester Ausbildung erfüllen, wenn wir das unter Elitenbildung verstehen, gern auch im Sinne von Entstehen und „nicht nur“ von Bildung, ganz auf Deiner Linie.

„Die Frage, die ich in die Diskussion einbringe, ist, welche Bildungsangebote notwendig und sinnvoll sind, um Elitenbildung zu ermöglichen? Meine Position dazu ist, dass das Massengymnasium in der heutigen Form und die diskutierte Einheitsschule nicht geeignet sind.“

Hier ist meine Position eine andere, ich will gern noch einmal einen Ansatz wagen.

Wie gesagt, es geht keinesfalls um Gleichmacherei. Aber wir haben ja, so wie Du es selbst in # 211 ansprichst, ein „Dilemma“:

„Darüber besteht Konsens: Gleiche Bildungschancen für alle.
Darüber besteht kein Konsens: Einheitsschule für alle. Gleiche Bildungswege für alle.„Meine Argument für ein differenziertes Schulangebot: Kindliche Entwicklung verläuft nicht gleichförmig. Lern- und Entwicklungsgeschwindigkeiten sind anders. Der Lernvermögen ist auch nicht gleich, noch nicht einmal bei einem Individuum für alle Lernfächer.
Es gibt Früh- und es gibt Spätentwickler.”

Das heißt doch, wir wollen einerseits gleiche Bildungschancen für alle, wissen aber, daß wir sowohl Lernvermögen, Lern- und Entwicklungsgeschwindigkeiten aller Kinder und Jugendlichen und auch noch einmal dieses bei dem einzelnen berücksichtigen müssen.

Und da bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß das ein prinzipiell gemeinsamer Bildungsweg auf dem Hauptpfad, so als Säule um das sich weitere Bildungsangebote „stricken“, die wohl beste und unserem Anliegen am nächsten kommende Lösung ist.
Inwieweit, das dann als Schule ab 5 oder 6 Jahren beginnt, man nicht schon viel früher anfängt, ist, so meine ich, doch eine Frage der Ausgestaltung.

Wichtig scheint mir, daß mit der „Hauptsäule“ die Ausbildung zu einer gut allgemein gebildeten Persönlichkeit möglich sein muß (!) Das Humboldt‘sche Bildungsideal. Warum das mit dem aus #238 bei Dir genannten Punkt 2) nicht so funktionierte, vermag ich so nicht zu sagen, würde aber da nicht auf die Lerninhalte, sondern auf die Lernvermittlung und die Dauer dieser, Augenmerk legen wollen, inwieweit man da nicht nachbessern könnte.

Ich denke nämlich, diesen Abschluß sollten auf jeden Fall alle in einem überschaubaren Zeitraum von vielleicht 12 – 15 Jahren schaffen. (Das betrifft alle s.g. Hauptfächer inkl. zweier Fremdsprachen – einfache Verkehrssprache, Zeitungsüberblick, eine Abwahl ist auf keinen Fall möglich)

Von dieser Hauptsäule sind dann über den gesamten Zeitraum Möglichkeiten zu bieten, wie für besonders begabte zu dem jeweils bei ihnen eintretenden Zeitpunkt, zusätzliche Lernangebote vorgehalten werden. Vielleicht auch anfangs gar nicht gleich als Unterrichtsfach sondern daß der Weg vom Erkunden von Interessen und Neigungen zur Wissensvermittlung und Erarbeitung fließend gemacht werden (könnte?) Dabei meine ich, kann das jeweilige Alter der Kinder und Jugendlichen nur ungefähre Richtschnur sein, mehr aber auch nicht.

Wer dort aber in eine Sackgasse gerät, weil sich herausstellt, daß sein „Potential“ bereits aufgebraucht ist, der muß ohne Probleme die Möglichkeit haben, von der Hauptsäule aus vielleicht etwas anderes „auszuprobieren“ und dort einen erweiterten Abschluß vielleicht auch nur in einem Teilfach zu erreichen.

Grundsätzlich setzt auf die Hauptsäule dann ein Gymnasium auf , das ist dann kein Massengymnasium mehr – von dem aus dann wiederum erweiterte Bildungsangebote erreichbar sind, Zusammenarbeit mit zb. Forschungszentren sind dabei in Erwägung zu ziehen, vielleicht auch Universitäten (es gibt ja Internet, riesige Datenbanken und Live-Schaltungen)

Diese Polytechnische Oberschule und die Erweitere Oberschule könnte ein kleiner Ansatzpunkt dazu sein, das Non plus Ultra war das, da geb ich Dir auch Recht, sicher noch nicht. Aber den Ansatz, den würde ich nicht so von Tisch fegen, ihn sogar um den „Pool“ mit dem Kindergarten und der Kinderkrippe als Frühförderung erweitern.

Wie gesagt, wie das „Ding“ dann heißt, was wir uns da schaffen, erfinden wir in einer Sondersitzung ;-D

Du legst so viel Wert auf die „Mündigkeit“ – ok, hab‘ ich mir also „artig“ 5 Teile Adorno von Deinem Link aus angehört und kann nun etwas besser verstehen, weshalb Du da so (sorry) „drauf rumreitest“.

Ich verstehe darunter sehr vereinfacht eben, schon weil ich wohl so diesen Begriff auch anderen näher bringen kann, selbständiges Denken und Handeln und weiß, wie sehr dieses von „Außenfaktoren“ abhängig ist.

Insofern mußte dies hier wohl „abgeschafft“ werden, wie bisher auch keine andere Staats- und Systemform wirklich Interesse daran hegte, daß sich wirklich voll entwickeln zu lassen – es schränkt die überkommende Macht einfach zu sehr ein.

In Zukunft brauchen wir aber genau das, diese Mündigkeit. Wenn wir als Menschen in unserer Demokratie, also einer wohl nach-kapitalistischen Zeit voran kommen wollen.

Btw. zu „wertvoller Mensch“ –ich unterscheide da sehr zwischen gesellschaftlicher und persönlicher Ebene… ;-)

240 HAM 16. Mai 2009 um 20:10

@bismodo #218
„Die Eliten haben so gut wie durchgängig VERSAGT! Und die wenigsten sind später kritisch damit (und sich selbst) umgegangen. Ganz im Gegenteil. Die Elitenkritik der 68er speiste sich vornehmlich aus diesen TATSACHEN und der Angst vor Restaurationsbestrebungen (Notstandsgesetze etc.“

Das ist ein wichtiger Punkt!
Die Elitenkritik der 68er – jedenfalls der intelligenten 68-er, Idioten gab es auch dort genug – war ja nicht, dass Elitenbildung erfolgt, sondern dass sie nicht oder unzureichend erfolgt.
Der Slogan des SDS: „Elite tut not“ weist darauf hin.

„Die Abschaffung der humanistischen Bildung hin zur direkten Verwertbarkeit ist ohne diese Umstände nicht zu verstehen – und vielleicht charakteristisch für D! In F jedenfalls fand ein solcher Umbruch nie statt, erst jetzt versucht Sarkozy etwas derartiges auf die Beine zu stellen. Ohne Erfolg, wie es scheint.“

Die Beziehung der Franzosen zu ihren Intellektuellen war immer völlig anders als in Deutschland. Die Franzosen identifizieren sich mit ihren Intellektuellen, sie lieben sie.

In Deutschland ist es umgekehrt. Sie sehen die Intellektuellen als überflüssig an, häufig werden sie sogar gehasst. Und in der Nazi-Zeit wurden sie vertrieben oder umgebracht.

Ich frage Euch, welche historische Wurzeln hat diese ganz andere Beziehung zu den Intellektuellen – der deutsche Anti-Intellektualismus? Und wie wird er bis heute aufrechterhalten?

241 HAM 16. Mai 2009 um 21:27

@Watawah #225+239
„Ich weiß, daß das Dein Reizthema ist, ich lese hier im Blog nicht erst seit gestern oder letzte Woche.“

„Reizthema“ ist vielleicht nicht die richtige Bezeichnung. Es war und ist ein zentrales Thema meiner Generation, der damaligen Studentenbewegung. Wir haben den Kampf bekanntlich verloren. Nichts, was die 68-er-Bewegung wirklich wollte, ist realisiert worden.

Damit hat Deutschland eine mögliche Zukunft verloren. Mit seinem desolaten Bildungssystem wird Deutschland im internationalen Konkurrenzkampf immer weiter zurückfallen.

„Konnte mir also vorweg schon recht gut ausmalen, was mir „blüht“, wie Du versuchen wirst mich „ nieder zu diskutieren““

Nein, das ist nicht zutreffend. „Nieder zu diskutieren“ wollte ich Dich nicht. Die Sache ausdiskutieren, das ist richtig. Gemäß der Dialektik ist Widerspruch nötig, damit es zur Entwicklung kommen kann. Ich habe mich immer über Widerspruch gefreut. Weil ich den Diskurs liebe. Weil nur im Diskurs Entwicklung möglich ist. Diskurs ist wie ein kompetitives Spiel. Ohne Mitspieler geht es nicht. Würde man den Mitspieler „nieder machen“, so würde er nicht weiter mitspielen wollen.

Zur Frage des „Werts“ von Menschen, so meine ich, kann man die Diskussion ein anderes Mal fortsetzen. Ist der Gute genauso viel wert wie der Böse? Gibt es mehr oder weniger wertvolle Menschen? Ist die „Wertschätzung“ für das Wissen, Können und Handeln eines Menschen ein „Denkmuster des 19. Jh.“, wie Du schreibst?

„Du legst so viel Wert auf die „Mündigkeit“ – ok, hab‘ ich mir also „artig“ 5 Teile Adorno von Deinem Link aus angehört und kann nun etwas besser verstehen, weshalb Du da so (sorry) „drauf rumreitest“.“

Das ist sehr salopp formuliert. Ohne Erziehung zur Mündigkeit werden die Menschen ihren Todfeinden, den Insekten, immer ähnlicher, wie es einmal der Sozialphilosoph Wolfgang Pohrt formulierte.

Mich ergreift bei dieser Diskussion eine große Traurigkeit. Wir diskutieren dieses Thema so, als besäße es heute in dieser Gesellschaft noch Aktualität. Nein, wir wiederholen die Diskussion der 60-er Jahre. Die Weichen sind längst gestellt. Es gibt ein Bildungssystem für die Massen. Und es entsteht daneben ein „privates“, was in Wirklichkeit ein halbstaatliches ist, weil vom Staat gefördert und subventioniert. Und in diesem zweiten Bildungssystem wird der Zugang über Geld geregelt. Das Bildungssystem für die Massen wird billig und schlecht sein. Ähnlich wie in den USA.

Man kann ein Bildungssystem in wenigen Jahren abwirtschaften. Um es neu aufzubauen, werden Jahrzehnte benötigt. Deutschland wird diese bittere Lektion lernen.

Ein schönes Wochenende!
HAM
:-)

242 Watawah 16. Mai 2009 um 22:06

@ HAM 241

„Es war und ist ein zentrales Thema meiner Generation, der damaligen Studentenbewegung. Wir haben den Kampf bekanntlich verloren. Damit hat Deutschland eine mögliche Zukunft verloren.“

Du wirst wahrscheinlich diesen Vergleich nicht zulassen können, aber glaub‘ mir wenigstens das – ich weiß, wie besch… man sich fühlt, wenn man meint, die eigenen Ideale und die Möglichkeit ihrer Verwirklichung haben sich im Nichts aufgelöst.

„Zur Frage des „Werts“ von Menschen, so meine ich, kann man die Diskussion ein anderes Mal fortsetzen. ”

Diese Diskussion sollten wir wirklich bei Gelegenheit fortsetzen, es geht um einen Qualitätssprung in der “Wertbetrachtung” der Mensch/ das Individuum.

„…Mündigkeit…Das ist sehr salopp formuliert”

Lieber HAM, ich komme aus einer anderen Welt und vielleicht auch ein klein wenig aus einer anderen Zeit.

“Mich ergreift bei dieser Diskussion eine große Traurigkeit. Wir diskutieren dieses Thema so, als besäße es heute in dieser Gesellschaft noch Aktualität. ”

Unsere Vorstellungen, wie unterschiedlich sie auch sein mögen, setzen immer eine demokratische Gesellschaft voraus.

„Deutschland wird diese bittere Lektion lernen.“

Zu hoffen und wünschen wäre wenigstens das.

Dir auch – Ein schönes Wochenende

243 HAM 16. Mai 2009 um 22:25

@Watawah #242
„Du wirst wahrscheinlich diesen Vergleich nicht zulassen können, aber glaub‘ mir wenigstens das – ich weiß, wie besch… man sich fühlt, wenn man meint, die eigenen Ideale und die Möglichkeit ihrer Verwirklichung haben sich im Nichts aufgelöst.“

Warum sollte ich diesen Vergleich nicht zulassen können?

Die schlimmste Zeit ist, wenn man glaubt, dass sich die eigenen Ideale im Nichts aufgelöst haben. Denn dann besteht die Gefahr, zum Misanthrop zu werden.

Erst wenn man seine Ideale aufgibt, dann hat sich die Möglichkeit ihrer Verwirklichung in Nichts aufgelöst.

Deutschland ist nicht die Welt.
:-D

244 Watawah 16. Mai 2009 um 22:49

@ HAM 241
Von vielen wird das „eigenen Unglück“ als viel größer als beim jeweils anderen empfunden, das wollte ich Dir zugestehen.

„Die schlimmste Zeit ist, wenn man glaubt, dass sich die eigenen Ideale im Nichts aufgelöst haben. Denn dann besteht die Gefahr, zum Misanthrop zu werden.“

Ich meinte, bei der Verwirklichung der Ideale dabei sein zu dürfen…
Ich könnte nicht einmal zum Misanthrop werden – Menschen verachten, kann ich nicht, ich habe, entgegen aller Erfahrungen, wohl ein zu großes Menschenbild. Ich zweifel dann mich an, warum es mir nicht gelungen ist, sie zu überzeugen. Und ich bin bestimmt nicht besonders komplexbeladen, aber dann fühle ich mich hilflos und streckenweise leer und ausgepumpt.

„Deutschland ist nicht die Welt.“

Stimmt und ich habe nur ein Leben.

245 froZ 16. Mai 2009 um 23:01

@ Alvar Hanso #233

Ich schaue nur kurz rein, und mir fallen so auf die Schnelle 2 oder 3 Literaturempfehlungen zum sowjetischen Wirtschaftsmodell ein (bzgl. Ostmitteleuropa und DDR müßte man sich noch einmal woanders umsehen).

Also, zur SU:

Wilhelm Eberwein/ Jochen Tholen: Zwischen Markt und Mafia. Russische Manager auf dem schwierigen Weg in eine offene Gesellschaft. Edition Blickbuch Wirtschaft, F.A.Z. Verlag FfM. 1994

Der Titel klingt etwas reißerisch und der Untertitel mit seiner Teleologie heute unfreiwillig komisch, trotzdem ist das ein informatives Buch mit wissenschaftlichem Anspruch, das sich zwar mit dem Beginn des Transformationsprozesses befaßt, aber in großen Teilen den damaligen Forschungsstand zum sowjetischen Wirtschaftsmodell reflektiert; weitere Hinweise auf andere Literatur finden sich da im Literaturanhang.

Und zum anderen:

Simon Kordonskii: The Structure of Economic Space in Post-Perestroika Society and the Transformation of the Administrative Market, in: Segbers/De Spiegeleire (Eds.): Post-Soviet Puzzles. Mapping the Political Economy of the Former Soviet Union, Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden 1995, Vol. I, S. 157-204

Und noch eine wirkliche Perle:

Georgij B. Kleiner: Person, Position, Power and Property. The General Director in the ‘Economy of Individuals’, in: Klaus Segbers (Ed.): Explaining Post-Soviet Patchworks, Ashgate, Aldershot/ Burlington USA 2001, Vol. 2, S. 108-139

Die beiden letztgenannten Texte befassen sich zwar auch mit Systemtransformation, schildern aber sehr erhellend den Vorlauf der “offenen” Transformation in der spätsowjetischen Zeit und damit auch die Funktionsmechanismen des sowjetischen Modells. Ich würde davon abraten, die jeweils mehrbändigen und etwas redundanten Textsammlungen, denen sie entstammen, im ganzen zu kaufen, da sie auch recht teuer sein dürften. Aber man kann sie sicher in einer Universitätsbibliothek ausleihen und selektiv kopieren, es sind auch einige andere interessante Beiträge darin.

246 HAM 16. Mai 2009 um 23:04

@Watawah #244

Mir scheint, es ist Zeit und das Bedürfnis vieler, in diesem Blog eine DDR-Debatte zu führen. Und nur hier kann sie mit Ehrlichkeit und dem gebotenem Respekt vor der Meinung von Andersdenkenden bzw. Andersurteilenden geführt werden.

Vielleicht macht einer den Anfang.

Ich finde, es gibt so viele ganz tolle Mitdiskutanten!

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