Too much information und statistische Normaldepression

von weissgarnix am 15. April 2009

Folgt man dem Soziologen Niklas Luhmann, dann beziehen wir unser Wissen über die Welt aus den Massenmedien: Sie zeigen der Gesellschaft „wie die Welt gelesen wird”, was in der Welt von Bedeutung ist. Sie stellen das allgemeine Orientierungswissen bereit. Gleichzeitig begründen die Massenmedien auch eine neue Zeitsemantik: Die Gegenwart verliert ihre Bedeutung, sie schrumpft gleichsam zu einem bloßen Umschlagspunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft; sie hat keinen eigenen Raum mehr, keine Dauer und auch keine Stabilität. Mit jeder weiteren Entfaltung der Massenmedien wird die Gesellschaft daher auch unruhiger, unsicherer, unsteter, eiliger – sie wird durch die Massenmedien zunehmend temporalisiert. Die traditionelle Vergangenheits- und Geschichtsorientierung wird durch eine Fixierung auf die Zukunft als primär sinngebendes Element abgelöst, die „Neuheit” als entscheidender Wert entdeckt. Zeit ohne Dauer im „Jetzt” bedeutet aber: „Man hat buchstäblich keine Zeit mehr” – charakteristisch für unsere moderne Gesellschaft.

Bedingt wird diese Temporalisierung nicht alleine durch technische Neuerungen, sondern vor allem durch den „Code” der Massenmedien, welchen diesen heranziehen, um aus der Vielschichtigkeit und Komplexität des Weltgeschehens ihre Nachrichten und Berichte zu selektieren. Er unterscheidet lediglich in „Information” oder „Nicht-Information”: Was als „Information” betrachtet wird, kommt für die Berichterstattung in Frage, „Nicht-Informationen” hingegen bleiben unberücksichtigt. Gleichwohl sind letztere natürlich der Teil der Realität, die zugrundeliegenden Ereignisse haben durchaus stattgefunden; nur sind sie für die Berichterstattung der Massenmedien nach deren eigenen Selektionskriterien nicht geeignet. Indem die Massenmedien diese Auswahl treffen, berichten sie in Wahrheit nicht die Realität, sondern sie „konstruieren” sie, und zwar nach ihren Vorstellungen. Dabei halten sie sich zwar an eine ganze Reihe von allgemein verbindlichen Richtlinien und Gesetzen, sind natürlich zuvorderst dem „Wahrheitsgebot” verpflichtet, aber dennoch: Die Schlagzeilen und Titelseiten bestehen nicht alleine aus dem, was „wahr” ist, sondern gehorchen einer Reihe weiterer, spezifischer Selektionskriterien. Neben „Neuheit” hat so z.B. auch alles, was nach „Konflikt” riecht oder sich als spektakuläre Quantität berichten lässt, gut Chancen auf Aufnahme in den Newsflow, von den „Tausenden Todesopfern” bis zum „10-Prozent-Kurssturz im Dow Jones”. [Weiterlesen->]

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