Amoklauf als panoramisches Kunstwerk?

von f.luebberding am 18. März 2009

In den USA hat ein Senator den Boni verwöhnten AIG Managern den Rücktritt empfohlen – oder als Alternative den Selbstmord. Er ist Republikaner und so wäre die Ausstattung mit den entsprechenden Waffen auch in Zukunft gewährleistet. An eine restriktive Waffengesetzgebung wäre nicht zu denken. Allerdings ist seine Vermutung, japanische Manager würden noch den rituellen Seppuku – im Volksmund Harakiri genannt – pflegen, eine Legende, die der Provinzialität amerikanischer Senatoren geschuldet ist. Manager in Japan entschuldigen sich zwar bisweilen rituell und unter Tränen vor ihren Mitbürgern für ihr Versagen. Aber über eine besonders hohe Selbstmordquote im japanischen Topmanagement ist nichts bekannt. Ansonsten sei hier noch auf zwei gute Artikel zum Thema Amoklauf und School-Shooting verwiesen.

Zum einen Tissy Bruns im Tagesspiegel. Sie argumentiert ähnlich wie wir – und vielleicht beginnt jetzt die richtige Debatte. Zum anderen aber der Verweis auf ein Highlight nach sieben Tagen Winnenden Debatten Tristesse. Dagmar Ellerbrock gibt in Was denkbar ist einen fundierten historischen Rückblick auf das Thema Waffen und Jugend. Sie zeigt wie sehr vor dem 1. Weltkrieg der Gebrauch von Waffen zum Alltag von jungen Männern gehörte. Ihre Untersuchung vermittelt – wenigstens für mich – neue Erkenntnisse, die in der öffentlichen Debatte eine Rolle spielen müssen. Der historische Vergleich eröffnet einen anderen Blick auf unsere heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse. Dieser Text muss von jedem gelesen werden, der sich an dieser Diskusssion beteiligen will. Aber eine Kritik sei durchaus formuliert: Zum einen ist die These von der alltäglichen Bewaffnung Jugendlicher vor dem 1. Weltkrieg nicht Klassenspezifisch differenziert. War die Bewaffnung unter jugendlichen Proletariern genauso verbreitet wie im Bürgertum? Meines Wissens war im sozialdemokratischen Milieu der Waffenbesitz verpönt – gerade in den kulturellen Vorfeldorganisationen: Vom Chor bis zum Sportverein. Zum anderen ist ihre Schlussfolgerung nicht überzeugend. Sie sieht nämlich heute in den Medien das entscheidende Problem. Dort würde das früher Undenkbare gezeigt und damit erst der Amoklauf zu einem Vorbild für gefährdete junge Männer. Das kann man so diskutieren. Nur ist dieser Vorbildcharakter der Medien tatsächlich die eigentliche Ursache – oder nicht doch nur der Auslöser eines tief sitzenden Lebensgefühls namens Nihilismus? Ellerbrock vergisst in ihrer Untersuchung den Verdruss in der bürgerlichen Vorkriegsjugend über die Zwänge des bürgerlichen Zeitalters. Die Abscheu vor den Konventionen ging zusammen mit der Suche nach Authentizität. Die Natur galt als der Gegenentwurf zum bourgeoisen Liberalismus. Der Kulturhistoriker Modris Eksteins beschrieb in seinem Buch Tanz über Gräbern 1989 diese Stimmung:

“Auch andere Idealisten vulgären Schlags, riefen nach einer solchen Ästhetisierung des Lebens. Julius Langbehn drängt in seinem immens erfolgreichen Werk Rembrandt als Erzieher (1890) die Deutschen, sich von ihrer Orientierung auf ein – wie er meinte – rein materialistisches Streben abzuwenden und eine Nation von Künstlern zu werden. Im Idealfall solle das Leben der Kunst folgen. Das Leben sollte sowohl Vision als auch Schauspiel sein, ein panoramisches Kunstwerk, ein Streben nach Titanentum frei von der Sorge nach Verhaltenskodizes und Moral. Gerade letzteres machte  laut Langbehn die Sterilität des bourgeoisen Liberalismus aus, in den die Deutschen gegen Ende des Jahrhunderts abzugleiten schienen.

Diese Stimmung führte unter der bürgerlichen Jugend 1914 zur Kriegsbegeisterung und zum kollektiven Tod auf den Schlachtfeldern Flanderns. Ernst Jünger machte aus der Gewalterfahrung später gar eine Ideologie. Nun kann heute keine Rede davon sein, dass die Jugend nicht unter den Konventionen einer bürgerlichen Leistungsethik existieren muss. Ihr Leben reduziert sich häufig auf die Frage ihres Funktionierens in einer kapitalistischen Gesellschaft. Die Zwänge sind zwar andere als vor 1914, aber durchaus vorhanden. Ellerbrock schreibt:

“Gleichzeitig aber produziert das unerschöpfliche und unreflektierte mediale Interesse eine Perpetuierung des Amoklaufs und eine ungewollte Heroisierung der Täter. Darin liegt bereits die neue Saat. Vorbilder werden geschaffen und medial um die ganze Welt geschickt.”

Sie reflektiert nicht den Charakter dieser Medienwelt, die neue Amokläufer erst produzieren kann, wenn diese Vorbilder auch attraktiv genug sind. Wenn Medien über gute Menschen berichten, hat das nämlich nur selten einen Vorbildcharakter. Die wenigsten Zuschauer werden deshalb selber gut werden und dem gezeigten Vorbild nacheifern. Es läßt sie kalt. Hier fürchtet man aber den Ansteckungseffekt. Nur wo findet man ihn? Im Internet oder bei den Killerspielen? Wohl kaum. Nein dort, wo schon Eksteins das Charakteristikum der bürgerlichen Jugend vor dem 1. Weltkrieg gefunden  hat:

“Das Leben sollte sowohl Vision als auch Schauspiel sein, ein panoramisches Kunstwerk, ein Streben nach Titanentum frei von der Sorge nach Verhaltenskodizes und Moral.”

Genau das macht der Amokläufer von heute. Er schafft ein fürchterliches “panoramisches Kunstwerk” des frühen 21. Jahrhunderts. Sein Streben ist tatsächlich die Suche nach dem medialen Titanentum – frei von Konventionen und Moral. Die Medien transportieren diese tödliche Botschaft, sie formulieren sie aber nicht. Das Problem ist der dahinter liegende Nihilismus – in dieser Hinsicht gibt es bei den jungen Amokläufern von heute und der Stimmung vor dem 1. Weltkrieg offensichtlich Parallelen.

Ob sich übrigens schon AIG Manager erschossen haben?

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1 Nanuk März 18, 2009 um 12:28

Soll ich jetzt applaudieren weil wieder jemand gesagt früher war alles besser?

“Genau das macht der Amokläufer von heute. Er schafft ein fürchterliches “panoramisches Kunstwerk” des frühen 21. Jahrhunderts. ”

Nein er nimmt sich das was unsere Eliten jeden Tag für sich beanspruchen für sich herraus Herrscher über Leben und Tod zu sein.Dagegen ist der Amokläufer noch eine moralische Instanz er richtet sich nach diesem Frevel selbst.

http://www.youtube.com/watch?v=bdHvDorreCo

2 moosbrugger März 18, 2009 um 12:50

In dem Kontext sollte man vielleicht noch auf das Buch von Ute Frevert über die “Ehrenmänner” und das – so gar nicht seltene und durchaus bürgerliche – Duell im 19. Jahrhundert hinweisen. Dort wird gezeigt, dass gerade nicht die Flucht vor den Zwängen des bürgerlichen Zeitalters, sondern diese Zwänge selbst Gewaltakte produzieren. Das ist zumindest eine komplementäre Sichtweise.

3 HAM März 18, 2009 um 13:08

Das Massaker als Kunst?
Da könnte man den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki als Kunstwerk zur Diskussion stellen. Als Beispiel für welthistorisch bislang unübertroffener westlicher Vernichtungskunst.

Anstatt die Logik psychosozialer Destruktion verstehen zu wollen, befasst sich insbesondere frau lieber mit Äußerlichkeiten, nämlich den Waffen als Spielzeugen und Statussymbolen der Männer.

Dass der Feminismus den Männern den Geschlechterkampf erklärt hat und seit geraumer Zeit ein Geschlechterkrieg herrscht, wird aus der öffentlichen Diskussion völlig ausgeklammert. Erinnert sich niemand mehr an „Das Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ von Valerie Solanas?

School-Shooting gibt es erst, seitdem feministische Erzieherinnen und Lehrerinnen den Erziehungsprozess dominieren. Ist dies noch niemanden aufgefallen?

4 Wolf März 18, 2009 um 13:53

– Zitat –
Sein Streben ist tatsächlich die Suche nach dem medialen Titanentum – frei von Konventionen und Moral.
– Zitat Ende –

Diese Absicht kennzeichnet das “stille, aber tiefe Wasser”: nach einem gefühlten Leben lang getreten sein endlich fundamental zurückschlagen. Diesem Charakter traue ich zu, dass er sich selbst eine romatische Traueranzeige setzen will.

Details aus den Zeitungsberichten zu Winnenden führen aber zur Schlussfolgerung: Tim hat nicht eine Gewalt-, sonderen eine Machtfantasie ausgelebt (anschließende Flucht, Kfz gekapert, morbid rumgeschäkert). Er hatte einen massiven seelischen Aussetzer, und traurigerweise lag genau im falschen Moment eine Beretta herum und sagte: probier mich aus.

5 moosbrugger März 18, 2009 um 14:12

Nachtrag:
Der Artikel von Ellerbrock ist genau darum so gut, weil er keine Ursachenforschung betreibt. Es geht dort um Kausalketten, um die Ausbreitung einer Mode. Unter Präventionsgesichtspunkten dürfte dies der ergiebigere Ansatz sein. Alles andere endet sehr schnell im Feuilleton.

6 froZ März 18, 2009 um 14:36

@HAM

“…seit geraumer Zeit ein Geschlechterkrieg herrscht…”

Wieder mal ein satirisch gemeinter Kommentar?

Ansonsten schreiben Sie doch ganz vernünftige Sachen.

7 f.luebberding März 18, 2009 um 15:02

Naunk

Das sagt, denke ich, niemand, es war alles besser. Ellerbrock definiert nur die Unterschiede in der Rolle der Medien.

moosbrugger

Die Einschätzung des Artikels von Ellerbrock teile ich durchaus. Sie setzt an der Medienfunktion an und zieht daraus ihre Schlussfolgerungen. Eben keine Ursachenanalyse, nur deshalb wird ihr Ansatz am Ende auch wenig bringen. Selbst ohne die Bild Zeitung und den Medienhype werden wir die Faszination dieser Taten auf einige junge Männer nicht verhindern können. Zu solchen Themen gibt es im Internet schon längst eine Art Gegenöffentlichkeit, die nicht verboten werden kann. Die brauchen nicht die alten Massenmedien, um sich zu informieren. Nur für die öffentliche Resonanz. Und wir können solche Ereignisse nicht totschweigen – nur eine bessere Berichterstattung mit weniger Lügen und Halbwahrheiten machen. Die Ursache ist aber der Nihilismus – und der hat ein enorm hohes destruktives Potential. Das wussten die deutschen Zivilisationskritiker wie Langbehn übrigens sehr gut.

HAM

Das Manifest habe ich sogar noch im Regal stehen. Nur was war der Hintergrund? Diese Form des Feminismus ging von der Nichtexistenz des Frau-seins aus. Es war im Patriarchat immer nur in der Abhängigkeit und als Ergänzung zum Mann zu denken. Die Frau an sich existierte also gar nicht. Sie konnte sich nur durch die Vernichtung dieses Begriffs vom Mann befreien. Aber wir sollten als Mann jetzt nicht den Fehler machen und uns die Frau wieder nur als Anhängsel im Sinne des Heimchen am Herd zu denken. Das machen die auch nicht mit … . Für ein zeitgemäßes Verständnis der Männerrolle sind die Männer selbst verantwortlich, nicht die Feministinnen. Und es hindert diese Männer niemand daran, ihren Söhnen davon etwas zu vermitteln.

Alles kann man als Kunstwerk betrachten. Die Frage ist nur, welcher Erkenntnisgewinn damit verbunden ist – etwa bei Hiroshima. Hier gab es politische Motive zum Handeln, keine ästhetischen. Es ist aber ein ästhetisches Motiv, wenn man – wie Ellerbrock schreibt – die Wirkung der Tat in den Medien als zentrales Motiv unterstellt.

Wolf

Die “massiven seelischen Aussetzer” sind kein wirksames Argument. Kunst und Wahnsinn sind ja durchaus verwandte Begriffe. Nur verzichtet der Künstler auf die Beretta … .

8 otaku März 18, 2009 um 15:11

“Für ein zeitgemäßes Verständnis der Männerrolle”

Ähm ich bin ja nur nen doofer altmodischer was auch immer, der durchaus der Meinung ist das Frauen oft zu Hause besser aufgehoben sind und das zb. eine in der Öffentlichkeit rauchende Frau was ekelerregendes ist, geschweige den da Sie ungefragt Ihren Mund aufmacht, aber was bitte soll das oben zitierte den Sein ?

Der nächste kommt dann und fordert Zeitgemäß das die Erde eine Scheibe sei die auf einer Schildkröte, die wiederum auf einer Schildkröte und so fort ?

Viele der “Heimchen am Herd ” sind jedenfalls glücklicher als die Emanzen die einen auf dicke Hose machen und sich dann nachts alleine über Ihrem Alk den Rotz aus der Seele heulen weil Sie auf Dauer keiner will …

Es gibt Sachen die sind. Da ist nix zu definieren.

Have fun
Otaku

9 Nanuk März 18, 2009 um 15:27

“Das sagt, denke ich, niemand, es war alles besser. Ellerbrock definiert nur die Unterschiede in der Rolle der Medien. ”

Du willst es nicht verstehen oder unsere gesamte Gesellschaft läuft Amok…

http://de.wikipedia.org/wiki/Globale_Erwärmung

10 Nanuk März 18, 2009 um 15:38

Ich habe nicht mal die Hoffnung das sich das ändern wird aber mein hämischer Spott der sei euch versichert…

11 moosbrugger März 18, 2009 um 15:48

@ f. luebberding
Es geht nicht ums Totschweigen, sondern um eine Art Bilderaskese. Denn an diese Amokläufe hat sich eine bestimmte Ikonographie geheftet, vom pickligen Habitus des Täters über die Computerspiele (nicht als Ursache, sondern als modisches Accessoire) bis hin zur Trauerarbeit mit Kerzenschein, Psychologen und überforderten Helfern. Die liefert das Material für das Kopfkino des nächsten Täters.
Und ich glaube schon, dass die Massenmedien in der Hinsicht noch einprägsamer sind als das Internet.
Dieses mediale Kräfteverhältnis wird doch im Zusammenhang der Bankenkrise augenscheinlich. Hier haben die Medien – die deutschen zumal – an einem Schleier gewirkt, der bisher – wider besseren Wissens vieler Akteure – einen Bankrun hat verhindern können.

12 HAM März 18, 2009 um 16:04

Der Artikel von D. Ellerbrock ist in sich widersprüchlich.
So schreibt sie: „In diesem Kreislauf spielen die Medien eine wichtige, vielleicht die zentrale Rolle. […] Verschärfungen des Waffenrechts, Schulpsychologen und Gewaltdiskurs bieten nur einen löchrigen Schutz gegen diese perfide Logik.“ Und zugleich: „Der medialen Skandalisierung von Waffengewalt danken die Deutschen ein restriktives Waffenrecht, das ihre alltägliche Sicherheit in den letzten 100 Jahren deutlich erhöht hat.“

Ja, was denn nun? Bietet das Waffenrecht nur einen „löchrigen Schutz“ oder erhöht es die „alltägliche Sicherheit“ „deutlich“?

In der Schweiz waren Munition und Langwaffen bis vor wenigen Jahren für Volljährige frei erwerblich. War die alltägliche Sicherheit der Schweizer dadurch deutlich erniedrigt?

Eine Entwaffnung der Bevölkerung könnte sich in einiger Zeit als durchaus problematisch erweisen, wenn nämlich bewaffnete Banden Einbrüche, Raubüberfälle und Entführungen begehen. Es ist noch gar nicht so lange her, als nach dem Zusammenbruch des Ostblocks bewaffnete Banden ihre Raubzüge durch Westeuropa machten.
Und gerade Deutschland wird dann durch die Existenz von Parallelgesellschaften sehr gefährdet sein.
Dann wird der Ruf nach Bürgerwehren laut werden. Aber es wird möglicherweise keine wehrhaften Bürger mehr geben.

Geschützt werden dann nur noch diejenigen sein, die sich bewaffnete Schutzdienste und Bodyguards leisten können.

Dies nur als Hinweis, ohne mich selbst in dieser Diskussion positionieren zu wollen.

13 Wolf März 18, 2009 um 16:26

f.luebberding

Der “massive seelische Aussetzer” ist nicht als Argument gemeint. Sondern ein Zufall namens Beretta. Wir alle könnten mit 17 einen Aussetzer gehabt haben, der sich nach einiger Zeit legt. Nur haben wir in dieser kritischen Zeitspanne nicht zufällig was zum schießen vorgefunden.

Die größte Gefahr, die von einer Waffe ausgeht, ist der Zufall.

14 HAM März 18, 2009 um 16:36

f.luebberding #7

Beim Feminismus einer Solanas geht es nicht um eine Neugestaltung der Geschlechtsbeziehungen, sondern um die Behauptung der biologischen(!) Inferiorität des Mannes:
„Valerie Solanas begründet den notwendigen Verzicht auf Männer unter anderem mit deren biologischer Minderwertigkeit: ‚Der Mann ist eine biologische Katastrophe: Das (männliche) y-Gen ist ein unvollständiges (weibliches) x-Gen, d. h. es hat eine unvollständige Chromosomstruktur. Mit anderen Worten, der Mann ist eine unvollständige Frau, eine wandelnde Fehlgeburt, die schon im Genstadium verkümmert ist. Mann sein heißt, kaputt sein; Männlichkeit ist eine Mangelkrankheit, und Männer sind seelische Krüppel.’“(Lena Waider, Amazon-Rezension)

Auf die einfache Formel gebracht: Frauen sind die besseren Menschen. Solanas fordert die „Vernichtung“ der Männer, eine etwas gemäßigtere Form dieses Feminismus fordert „nur“ die Dominanz der Frauen, weil dann die Welt besser aussehe.

Fakt ist:
Die Geschlechter machen – in unserer heutigen Gesellschaft – einander nicht mehr glücklich. Fast überall sehe ich kaputte Geschlechtsbeziehungen. Bestenfalls kommen Lebensabschnittspartnerschaften heraus, die mehr oder minder zum Nutzen beider funktionieren. Dann ist es aber manchmal schon peinlich, wenn diese Art von Pseudo-Gemeinschaft von „WIR“ redet.

15 Tarantoga März 18, 2009 um 16:43

Was soll eigentlich die Kritik an dem angeblich herrschenden Nihilismus?
1. Ist der Nihilismus ein Kind der Wahrheitssuche und sollte bitte als solches geschätzt werden.
2. Ist der Zeitgeist längst nicht nihilistisch, sondern sich höchstens seinen Motiven nicht bewusst.
3. Ist die einzige taugliche Möglichkeit, sich dem Nihilismus entgegen zu stellen, positiv Werte zu definieren und dabei stärker als der Nihilismus zu sein. Moralische Appelle prallen vom Nihilismus einfach ab.

Aber zur Sache:

“Er schafft ein fürchterliches “panoramisches Kunstwerk” des frühen 21. Jahrhunderts. Sein Streben ist tatsächlich die Suche nach dem medialen Titanentum – frei von Konventionen und Moral.”

Diese Ansicht klingt schön, ich halte sie aber nicht im mindesten für richtig. Das Gesamtkunstwerk machen erst Medien und wir als Zuseher daraus und letztlich beschränkt sich darauf auch unser Interesse. Das Ereignis wird zur Projektionsfläche um darauf die gewünschte Weltanschauung und die angestrebten politischen Ziele zu projezieren. An dem Punkt sind sich verbotswütige Politiker und tätersympathisierende Weltverbesserer erschreckend ähnlich.

16 f.luebberding März 18, 2009 um 16:46

otaku

Das ist doch das Tolle heute. Jeder Deckel findet vielleicht seinen (ihren) passenden Topf. Nur es gibt heute nicht mehr nur ein Modell zur Auswahl … .

nanuk

Ich verstehe schon, nur ist nicht der Unterschied nicht der, dass die Globale Erwärmung gerade nicht nur den Eliten in die Schuhe geschoben werden kann … . Also mit dem Auto zur Kita oder zur Schule zu fahren, ist keineswegs eine elitäre Angelegenheit.

moosbrugger

Ikonographie ist ein passender Begriff. Aber das ist doch der entscheidende Punkt. Wenn die Täter auf diese posthume Berühmtheit spekulieren, sie gar eines der auslösenden Motive sein soll – ansonsten macht die Mediendebatte keinen Sinn, aber gerade dann muss man es als eine Art Kunstwerk oder “Installation” des Amokläufers betrachten – dann ist diese Form der Mode auch irgendwann wieder vorbei. Moden laufen sich tot – spätestens an den fünften Fall wird sich niemand mehr erinnern können. Ich weigere mich aber ein solches massives Handeln als Mode zu beschreiben – niemand wird zum Killer geboren und knallt einfach jemandem mit einem Kopfschuss ab. Oder dessen Handeln auf reine Nachahmung zu reduzieren. Hier findet ein Motiv – der Nihilismus – seine zeitgemäßen Ausdrucksformen – und die ähneln eben einem Kunstverständnis wie es Eksteins formulierte.

Nur zur Info. Stefan Niggemeier reitet diesen Gaul Nachahmung und “neue und alte Medien” gerade in den Exitus.

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/der-kulturkampf-gegen-das-web-20/#comments

Der Hinweis auf die Rolle der Massenmedien in der Finanzkrise und der Verhinderung eines bank run ist übrigens berechtigt. Nur zum bank run riefen eben nicht die blogger oder das web 2.0 auf – es waren nur wenige, die das taten. Auf Arte wäre so ein Aufruf wahrscheinlich auch kaum wahrgenommen worden … .

ham

Darin liegt nicht der Widerspruch, denke ich. In den 20er Jahren können die Medien tatsächlich eine andere Funktion gehabt haben als heute: damals aufklärerisch, heute verschärfend. Das Argument ist bei ihr schon schlüssig, weil sie ja die Probleme nicht beim Waffenrecht festmacht.

Interessant ist aber die Erfahrung der Schweiz. Da gab es ja auch Debatten über das G 3 in der Wohnung jedes Schweizer Reservisten. Der Zugriff auf Waffen kann also nicht das Problem sein. Offensichtlich existierten andere Bedingungen als im Deutschland vor dem 1. Weltkrieg – und gab es die im Text der FR geschilderten Probleme nicht.

17 Nanuk März 18, 2009 um 17:04

“Ich verstehe schon, nur ist nicht der Unterschied nicht der, dass die Globale Erwärmung gerade nicht nur den Eliten in die Schuhe geschoben werden kann … . Also mit dem Auto zur Kita oder zur Schule zu fahren, ist keineswegs eine elitäre Angelegenheit.”

Naja jetzt baue mal keinen Schutzwall auf es ist ja nicht so als ob sich unsere Eliten darum reissen würden wirklich etwas ändern zu wollen. Btw Scheer hat gerade eine bemerkenswerte Rede im Bundestag gehalten in der er genau darauf hingewiesen hat.
http://www.klima-luegendetektor.de/ nur weil es der Wahrheitsfindung dient…

@Tarantoga
Wenn der Mensch wirklich so eine unbelehrbare Bestie währe sollten wir diesen Planeten lieber den Eisbären überlassen.
http://www.youtube.com/watch?v=JE-Nyt4Bmi8

18 f.luebberding März 18, 2009 um 17:22

ham

Genau das mit der “biologischen Inferiorität” war ja auch der ausgemachte Unsinn dieses Manifests aus der Frühzeit des Feminismus. Als die Frauen tatsächlich auf der Suche nach ihrer Identität waren … . Diese radikale Phrase war aber kurze Zeit später schon im intellektuellen Feminismus eine Lachnummer geworden. Die Frau als der bessere Mensch, das ist bis heute der konservative Kaffekränzchen Feminismus, der damit seine Machtlosigkeit drapiert. Wer nichts zu sagen hat, kann immer behaupten, es besser machen zu können. Gerade in feministischen Studien über die Rolle der Frauen – etwa im NS Staat – kann von deren Unschuld nicht die Rede sein. Sie funktionierten prima im Gesamtsystem. Was aber Solanas wohl anregte, ist die Fragestellung, ob Frauen im Patriarchat eine eigene Identität entwickeln konnten – oder das nicht erst heute machen müssen, wo das erfolgreich in Frage gestellt worden ist.

Dass Frauen heute besser mit ihren Rollenmustern umgehen können, hat wohl mit dieser Debatte zu tun – selbst wenn die meisten Girlies davon noch nie etwas gehört haben werden. Die Sitaution hat sich fast verkehrt – viele Männer haben sich in ihrem Rollenverständnis von den Frauen abhängig gemacht – leider häufig von einem antiquierten Modell, dass die Damen nicht mehr leben wollen … . Da gibt es auch aktuell eine Studie zu. Davon sollten sich Männer emanzipieren anstatt über die “bösen Feministinnen” zu jammern.

Tarantoga

Gute Fragen, habe keine Antworten … . Nur es geht ja nicht um den Nihilismus als solchen, sondern um eine Weltanschauung bei den jungen Männern, die offenkundig Moosbruggers Gelegenheit nutzen … .

“Das Gesamtkunstwerk machen erst Medien und wir als Zuseher daraus und letztlich beschränkt sich darauf auch unser Interesse.”

Jedes Kunstwerk entsteht erst im Auge des Betrachters. Das ist nichts Spezifisches für den Amoklauf. “Rembrandt als Erzieher”, damit machte man ja aus der Kunst eine Lebensphilosophie und Weltanschauung, die auf fruchtbaren Boden fiel. Dieser Mechanismus ist gemeint.

19 f.luebberding März 18, 2009 um 17:27

nanuk

“Naja jetzt baue mal keinen Schutzwall auf es ist ja nicht so als ob sich unsere Eliten darum reissen würden wirklich etwas ändern zu wollen.”

Das ist ohne Zweifel richtig. Nur dieser Konservativismus ist keineswegs nur eine Sache der Eliten. Was ich aber an Leuten wie Scheer schätze, ist der unbedingte Wille, sich davon nicht in die Resignation treiben zu lassen. Und er hätte nach den jüngsten Erfahrungen in Hessen wahrlich allen Grund dazu.

20 Nanuk März 18, 2009 um 17:41

“Was ich aber an Leuten wie Scheer schätze, ist der unbedingte Wille, sich davon nicht in die Resignation treiben zu lassen. ”

Ich warte noch die nächste Wahl ab je nachdem wie sie ausgeht werde ich mir entweder eine Datsche irgendwo in Sibirien besorgen und schweigen oder weiter fröhlich meckern.

21 Tarantoga März 18, 2009 um 17:43

Es geht mir um meine Zweifel, dass Amokläufer die Selbstdarstellung suchen. In gewissem Rahmen tut das jeder mit seiner Existenz. Der Künstler schafft etwas nur für diesen Zweck.
Ohne wirklich das Innenleben von Amokläufern zu kennen vermute ich, dass ihnen die Darstellung als Ernstzunehmende (Bedrohung) nicht primäres Ziel ist. Meiner Meinung nach geht es dem Amokläufer um Rache für die Differenz von Wunsch und Wirklichkeit im eigenen Leben. Der Respekt der Umgebung (den er dann posthum erfährt) gehört sicher auch dazu, ist aber nur eine Facette.

22 otaku März 18, 2009 um 17:53

“Da gibt es auch aktuell eine Studie zu. Davon sollten sich Männer emanzipieren anstatt über die “bösen Feministinnen” zu jammern.”

Wozu gibt es keine Studie die gerade das aussagt was der der zahlt hören will ? Und wovon soll man sich emanzipieren ? Wer das nötig hat schön länger aufgehört Man im Wortsinne zu sein.

Da lästert Man doch lieber, das macht erstens Fun und bringt zweitens die Kurzhaardackel immer so richtig schön auf die Palme. Vorhersehbar :-) )

Have fun
Otaku

23 Reinhard März 18, 2009 um 18:24

“Vorhersehbar :-) ) ”

Jepp … immer die gleiche Sülze.

24 lemming März 18, 2009 um 18:29

@fl
< “Das Leben sollte sowohl Vision als auch Schauspiel sein, ein panoramisches Kunstwerk, ein Streben nach Titanentum frei von der Sorge nach Verhaltenskodizes und Moral.”

Genau das macht der Amokläufer von heute.

Genau das macht er NICHT. Mal abgesehen davon, dass seine Motivation sicherlich keine ästhetische ist, geht es ihm nicht um das Leben, sondern um den Tod und das Töten. Finge das Zitat mit “Der Tod sollte…” würde es halbwegs passen.

Und zum “Nihilismus”? Wer oder was ist das? Die Abwesenheit von Göttlichem und Werten? Abwesenheit ist kein Mordmotiv.
Die Ablehnung von Göttlichem und Werten? Das wäre ein Mordmotiv, setzt aber deren Vorhandensein voraus, widerspricht also direkt deinem Versuch, mit “dem Nihilismus dahinter” irgendetwas plausibel zu machen, geschweige denn zu erklären. “Nihilismus” wäre dann ein Pejorativ für alles, was den eigenen Wertvorstellungen widerspricht. Und so wird dieser missglückte Begriff auch meistens gebraucht. Er sagt, ironischerweise: nichts.

25 otaku März 18, 2009 um 20:01

@Rheinhard
Kaum. Vegetarier :-) .

26 mylli März 18, 2009 um 20:38

Jetzt hört auf zum Herumphilosophieren, die wahre Antwort gibt Frau Schwarzer: http://diestandard.at/?id=1234509566971

Die Lösung gibts auch gleich:

Wie kann verhindert werden, dass diese “Verlierer” zu Verbrechern werden? Ganz sicher nicht durch ein Mehr an Männlichkeit, wie Professor Lenzen es fordert, sondern nur durch das Gegenteil: durch ein Mehr an Menschlichkeit! [...] sowie eine Erziehung nicht etwa zum Selbstmitleid und zur “Männlichkeit”, sondern zur Mitleidensfähigkeit und Menschlichkeit

27 Langarbeiter März 18, 2009 um 20:42

Welch wertvoller Feuilleton-Erguss…

Warum in Zeiten, in denen Aufruhr in der Luft liegt “Amokläufe” passieren müssen, kann man u.a. kurz bei Gerhard Wisnewski angerissen finden. Oder im Gelben, dem Ex-Forum von wgn, bei nereus.

Aber der Herr schreibt ja jetzt in der FAZ, dort wo die offizielle Wahrheit wohnt. Außerdem darf man ja aus Respekt vor den Opfern ja nicht nachfragen, kennen wir mehrfach…
Sonst findet man wahrscheinlich noch die wirklichen Verantwortlichen und verhindert so wirklich ein nächstes Mal.

Ich bin auf jeden Fall schon mal für die totale Überwachung des Internetverkehrs von FAZ-Abonnenten, deren bedingungslose Entwaffnung und ab und ab mal eine unangemeldete Razzia!

28 Nanuk März 18, 2009 um 20:51

@mylli

Ich erwarte etwas mehr Klischee auch von Lesben… :)

29 HAM März 18, 2009 um 21:11

Was auch immer an Erklärungen für das Massaker jenseits der gesellschaftlichen Verhältnisse vorgebracht wurde, es war nicht zureichend:

- Das Tatmittel, die Waffe, konnte weder Motiv noch Tatziel erklären.
- Desgleichen trifft für Psychopharmaka zu.
- Ebenso auf die Medien.
- Der Täter wollte töten, kein Kunstwerk schaffen.
Etc.

Denn unbestreitbar gab es Zeiten, in denen mehr Waffen präsent waren und weniger Taten geschahen.

Und nur dann erhöhen Feuerwaffen das Risiko für Tötungsdelikte dieser Art, wenn labile Menschen mit Tötungsphantasien bereit sind, diese Waffen mit Tötungsabsicht zu benutzen.

Und weil zur Präsenz von Tötungsmitteln noch Menschen mit Tötungswillen hinzukommen müssen, damit ein Massaker entsteht, ist es unbestreitbar, dass sich die Menschen im Vergleich zu früheren Zeiten geändert haben (müssen). So zeigen die Taten, dass es immer mehr Menschen mit Tötungsphantasien und Tötungswillen gibt. Aber nicht nur die Taten, sondern auch der Umgang der Gesellschaft mit diesen. Da eine Wiederholung der Taten aufgrund des vorhandenen Täterpotentials als wahrscheinlich angesehen wird, zielen die vorgeschlagenen Präventivmassnahmen vor allem darauf hin, die Tatdurchführung zu erschweren (Waffenverschluss, Metalldetektoren etc.).

Die einzig plausible Schlussfolgerung angesichts dieser Umstände ist:
Die Gesellschaft hat sich geändert. Sie ist zunehmend mit aggressiver und destruktiver Energie aufgeladen, welche sich aber glücklicherweise bislang noch nicht in massenhaft destruktivem Verhalten äußert.

Man könnte – um mit FREUD zu sprechen – sagen, dass der „Todestrieb“ stärker geworden ist. Jedoch hat REICH recht, wenn er die „Todestriebhypothese“ als affirmatives Konstrukt entlarvt. Denn im destruktiven Verhalten der Individuen manifestiert sich nichts weiter als die destruktive Tendenz eines falschen Systems. Im irren Handeln des Einzelnen zeigt sich nach ADORNO das „irre Ganze“.

In vielen Beiträgen wird die Frage gestellt, warum angesichts der Zumutungen, denen junge Menschen ausgesetzt werden, nicht noch mehr Aggression und Destruktion zu Tage tritt?
Andere Beiträge weisen darauf hin, dass sich sozial-destruktives Verhalten heute insbesondere im wirtschaftlichen Bereich zeigt.

Nun schmeckt eine derartige Sozialanalyse nicht allen. Zu gern möchte man hören, dass es heute zwar anders, aber nicht schlechter als in früheren Zeiten sei. Es geht ihnen, wie dem berühmten Truthahn, der bis einen Tag vor Thanksgiving guter Hoffnung ist, weiter gefüttert zu werden. Zu sehr ist man auf „Think positive“ konditioniert. Und weil die Musik noch spielt, glaubt man, auf der Titanic sicher zu sein.

Vereinzelt wird die Geschlechterproblematik angesprochen. Aber hier scheint ein positives Deutungsmuster vorzuherrschen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass im Zusammenhang mit der Manifestation männlicher Destruktivität THEWELEITS Thesen aus den „Männerphantasien“ diskutiert werden. Oder?
Mir zumindest scheint, dass dieser Bereich ein Tabuthema geworden/geblieben ist.

Die Diskussion zum Thema erinnert mich ein wenig an BRECHTS Kongress der Weisswäscher, allerdings mit dem Unterschied, dass keine Königstochter als Belohnung winkt.

30 Unwissender März 18, 2009 um 22:58

Tja, auch Notenbanken können monetär “amok” laufen – leider! :-(

1.000.000.000.000 $ – schwupp!

Ich hoffe, das ich keine Null vergessen habe – man kommt ja ganz durcheinander.

http://www.ftd.de/boersen_maerkte/aktien/marktberichte/:Das-Kapital-Alle-Hemmungen-verloren/489272.html?eid=313559

31 Metheus März 18, 2009 um 23:08

@ Ham 29

Sehr gut Ham!
Die Gesellschaft hat sich geändert, allein schon deshalb, da ständig neue Individuen hinzukommen (per Immigration, Geburt) und andere sie verlassen (vermöge Emigration, Tod). Neben dieser banalen Erklärung: Welche sind die anderen Gründe für die Veränderung? Denn: Nihil ex nihilo!

32 ToKatz März 19, 2009 um 00:12

Nuja, interessante Diskussion… jedenfalls stellen einzelne Beiträge m.E. die richtigen Bezüge her. Der Artikel selbst leider nicht.
Denn – lieber Herr Lübberding, was genau meint denn nun “Nihilismus”?
Ich war ja anno 1914 nicht dabei, was mein Großvater aber erzählt hat, spricht eher für brave Untertanentreue und übersteigerten Nationalstolz – so ziemlich das Gegenteil von Nihilismus!
Erinnert auch eher an den Charakter, der in Heinrich Manns “Der Untertan” so schrecklich schön beschrieben wird. Sollte man sich mal wieder vorkramen – auch da sind die Beziehungen zu Reich und Theweleit deutlich drin.
ToKatz

P.S.: Mein Verständnis von Männlichkeit lasse ich mir nicht von (nur als Beispiel) Frau Schwarzer oder irgendwelchen “Gender Studies” bestimmen – das mach’ ich dann doch lieber selbst. Für mich ist “männlich” genau so menschlich wie “weiblich” ;)

33 Nanuk März 19, 2009 um 08:14

http://tinyurl.com/co4pz7

Die Franzosen Marschieren wieder und zetteln ne kleine Revolution an die Kinder der Biedermänner ballern halt lieber in Schulen rum…

http://www.youtube.com/watch?v=bHvF1Wj-H2M

ob es der Michel jemals lernen wird???

34 Frankie Bernankie März 19, 2009 um 09:01

@HAM #14

“Die Geschlechter machen – in unserer heutigen Gesellschaft – einander nicht mehr glücklich. Fast überall sehe ich kaputte Geschlechtsbeziehungen. Bestenfalls kommen Lebensabschnittspartnerschaften heraus, die mehr oder minder zum Nutzen beider funktionieren. ”

Lebensabschnittspartnerschaften waren früher die Regel. Standesamtauszug der Gemeinde Taufkirchen/ Vils aus einem Jahr um 1885: “89 Hochzeiten in diesem Jahr, davon 48 Witwerhochzeiten”.
Das Kindbett forderte halt einen hohen Blutzoll seinerzeit.

35 f.luebberding März 19, 2009 um 10:04

Nur einmal kurz zum Thema Nihilismus. Nehmen wir einfach eine klassische Lexikon Definition. Schiwkoffs Philosophisches Lexikon, Körner 1982:

“Standpunkt der absoluten Verneinung … von Jacobi 1799 eingeführt und durch Turgenjews Roman “Väter und Söhne” allgemein verbreiteter Ausdruck. Der theoretische Nihilismus verneint die die Möglichkeit einer Erkenntnis der Wahrheit, der ethische die Werte und Normen des Handelns, der politische jede irgendwie geartete Gesellschaftsordnung. Vielfach ist der Nihilismus nur ein dogmatisch radikaler Skeptizismus, die ressentimentvolle Reaktion gegen eine sinnlos erscheinende Weltordnung, deren Unhaltbarkeit angeblich eingesehen ist. “Mit dem Wort Nihilismus, das er dem russischen Dichter Turgenjew entlehnt hat, bezeichnet Nietzsche die Erscheinung, dass die obersten Werte sich entwerten, jene Werte, die allem Tun und Leiden der Menschen erst Sinn geben, dass es nichts mehr gibt, wofür es sich zu leben und sterben lohnte, es sei alles umsonst.”

Was ist unser zentrale Wert? Du sollst nicht töten. Also wenn bei diesem Amoklauf keine nihilistische Sichtweise auf die Welt zum Ausdruck kommt, dann hat der Begriff tatsächlich keinen Sinn. Das Nietzsche Zitat ist insofern auch interessant, weil der zwar häufig missverstanden wird, aber “dass es nichts mehr gibt für das es sich zu leben und zu sterben lohnt” ist genau das, was eben die These vom Kunstwerk stark macht. Die Morde sind in jeder Hinsicht völlig sinnlos. Ohne politische und sonst eine erkennbare Begründung. Er bezieht die Motivation seiner Handlungen nur noch aus sich selbst und endet in reiner Destruktivität.

Tokatz

Der Bezug auf den Nationalismus ist zwar richtig, erklärt aber an sich wenig – und zwar erklärt er nicht die Begeisterung im Sommer 1914. Geistesgeschichtlich kann ich nur auf das epochale Werk von Fritz Stern über den Kulturpessimismus hinweisen. In anderer Hinsicht auch auf Sontheimers Antidemokratisches Denken. Beides aus den 50er Jahren. Man kann aber auch Thomas Mann lesen – Bekenntnisse eines Unpolitschen. Und natürlich Eksteins Buch. Theweleit ist tatsächlich ein guter Hinweis. Aber der stützt eher meine Sichtweise, denke ich.

HAM

“Denn im destruktiven Verhalten der Individuen manifestiert sich nichts weiter als die destruktive Tendenz eines falschen Systems. Im irren Handeln des Einzelnen zeigt sich nach ADORNO das „irre Ganze“.” Volle Zustimmung. Aber genau das überhaupt denken zu können, haben wir verlernt. Und damit auch einen großen Teil unserer Kritikfähigkeit.

Langarbeiter

Nereus verschwendet seine Zeit. Es wird nichts dabei herauskommen, weil seine einzige Annahme ist, dass die “Herrschenden lügen”. Deren Problem ist nicht die Lüge über das Tatgeschehen, das wäre einfach. Sie verstehen nicht, was dort passiert. Und das macht ihnen Angst.

lemming

Irrtum. Todesverachtung und Lebensmüdigkeit war ein zentraler Baustein in dieser “Lebensphilosophie”. Ernst Jünger hat das ja nicht erfunden, sondern nur in seinen Kriegsbüchern brilliant reflektiert. Zum Nihilismus siehe oben.

Tarantoga und alle

Nur als Hinweis den Artikel von Wilhelm Heitmeyer aus der heutigen taz. Sein zentrtaler Topos ist zwar “Anerkennung”, aber ansonsten beschreibt er präsze den Prozeß der Entwertung oberster Werte. Ein wichtiger Text. Die Debatte fängt an in die richtige Richtung zu gehen.

http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/der-doppelte-kontrollverlust/

Ansonsten ist für mich Alice Schwarzer mit ihrem Trivialfeminismus genauso langweilig wie Wisnewski mit seinen kruden Verschwörungsthesen. Nur der Hinweis von Bernankie ist doch wichtig – wir waren noch nie gezwungen es solange mit dem gleichen Menschen auszuhalten … .

36 Tarantoga März 19, 2009 um 11:15

Der Analyse Heitmeyers würde ich weitgehend zustimmen. Aber genau daraus ergibt sich auch, dass es sich gerade nicht um eine nihilistische Tat handelt. Denn Motiv der Tat ist demnach der Mangel an Anerkennung oder in manchem Fall auch die hoffnungslose materielle Situation. Einem nihilistischen Täter wäre das egal, weil er es sowieso für bedeutungslos halten würde. Wie Du ja auch richtig sagst, lohnt es sich für den Nihilisten auch nicht, für irgendwas zu sterben.

Zieht man Nietzsche zu rate, dann findet man dort geradezu ein Verbot des Amoklaufs. Denn Nietzsche hätte darin den Versuch gesehen, die Sinnlosigkeit durch ein furioses Finale aufzulösen. Dieser Versuch kennzeichnet nach Nietzsche aber den Gescheiterten. Sein Übermensch (als post-nihilistische Figur) definiert sich in dieser Frage dagegen durch das Ertragen der stetigen Wiederkehr des ewig Gleichen – und sei es in der Trostlosigkeit der fehlenden Anerkennung.

Wenn heute der Nihilismus gegeisselt wird (nicht nur von Dir), dann geht es den Kritikern meist gar nicht um Fragen von Wahrheit und (moralischem) Recht, sondern um Kritik an einer Gesellschaft, die dem Einzelnen -vom positiven Recht mal abgesehen- Freiheit gewährt. Auch Du forderst indirekt eine Gesellschaft, die es dem Einzelnen verbieten soll, bestimmte Lebenswege einzuschlagen.

Der Preis einer freien Gesellschaft ist es wohl, dass die einzige gute Antwort auf einen Amoklauf der finale Rettungsschuss ist.

37 f.luebberding März 19, 2009 um 12:00

tarantoga

Das würde ich anders sehen. Der Mangel an Anerkennung führt am Ende zu einer nihilistischen Weltsicht, die Werte wie “Du sollst nicht töten” zuerst relativiert und am Ende gar komplett enwertet. Das ist ein Prozeß. Nur im Gegensatz zur philosophischen Spekulation eben kein Ergebnis rationaler Analyse. Der Amokläufer wird zum Nihilisten gemacht, so würde ich Heitmeyer verstehen. Es ist ja kein Wunder, dass er – wie übrigens auch heute das Zeit Feuilleton in einem Interview mit dem Kulturwissenschaftler Joseph Vogel – Wettbewerb und Konkurrenz wie wir als zentralen Wert unserer Gesellschaft beschreibt. Vogel: “Wir leben tatsächlich in Gesellschaften, die den Titel “Wettbewerbsgesellschaften” in jeder Hinsicht verdienen, und was man in der Wirtschaft Deregulierung nennt, hat längst die Lebenswelten besetzt. Das ist ein Sozialexperiment, dessen Ausgang noch offen und ungewiss ist.” Das Problem ist also, und das macht Heitmeyer klar, dass in dieser Logik die Anerkennung für die schlichte Tatsache ein Mensch zu sein, ein schwieriges Unterfangen ist. Im Grunde reicht das heute nicht mehr aus, nur ein Mensch zu sein. Dann bleibt tatsächlich nichts anderes als “die ressentimentvolle Reaktion gegen eine sinnlos erscheinende Weltordnung” – heute eben als School-Shooting.

Wir produzieren also diesen Nihilismus – er wirkt auf mich wie ein Abfallprodukt unserer gesellschaftlichen Bedingungen. Das ist tatsächlich auch ein Unterschied zum Klima vor dem 1. Weltkrieg.

Ansonsten stimme ich der Nietzsche Interpretation durchaus zu – Nietzsche ist ja vor allem auf der Rechten verballhornt worden. Genauso ist die Skepsis vor der konservativen Kritik am Nihilismus berechtigt. Wenn es jetzt noch Rechte geben würde, die nicht verblödet wären, dann würden sie jetzt etwa Arnold Gehlen aufmarschieren lassen … . Aber den kennt keiner mehr … . Mir geht es aber nicht darum, die Institutionen zu stärken, um den Zerfall der Gesellschaft zu verhindern, sondern dem Nihilismus den sozialen Humus zu entziehen. Also tatsächlich über Werte nicht nur zu reden, sondern etwa Solidarität zur Grundlage unseres sozialen Handelns zu machen. Das wird nur unter der Bedingung selbstbestimmten Handelns – sprich Emanzipation – funktionieren. Wir können nicht zurück. Nur hat man Selbstbestimmnung zur Selbstverwirklichung als Kompensation degradiert. Schulen wurden zu modernen Kadettenanstalten, wo aber die Kadetten nicht mehr von der Autorität des Feldwebels zugerichtet werden, sondern sie von selbst so funktionieren zu haben wie es verlangt wird. Was paradoxerweise aber bei immer mehr Schülern nicht funktioniert (etwa bei desillusionierten Hauptschülern) und dort, wo es funktioniert, bisweilen zerstörte Seelen hinterlässt. Etwa wenn sie wie diese Mittelschichtskids bemerken, dass sie die unhinterfragt akzeptierten Ansprüche nicht erfüllen. Manche Mädchen werden Magersüchtig und manche Jungs flüchten sich in die Welt der Killerspiele, wo sie ihre Agressionen ablassen und Machtphantasien ausleben können.

“Auch Du forderst indirekt eine Gesellschaft, die es dem Einzelnen verbieten soll, bestimmte Lebenswege einzuschlagen. ”

Keineswegs. Nur Freiheit findet immer in der Freiheit des anderen seine Grenzen. Der Mensch als soziales Wesen kann nicht machen, was er will. Das eigentliche Verhängnis ist dieser ekelhafte Begriff der “Selbstverwirklichung”, der in den vergangenen 30 Jahren an die Stelle der Selbstbestimmung getreten ist, weil er mit der Konsum- und Wettbewerbslogik so wunderbar zu vereinbaren ist. Viele 68er haben den Unterschied bis heute nicht begriffen. Selbstverwirklichung reduziert uns auf uns selbst. Selbstbestimmung oder Emanzipation denkt dagegen immer den anderen mit. Manche halten das übrigens für romantisch … . Mag sein.

Gruss Frank

38 HAM März 19, 2009 um 12:54

Wenn von einem investigativen Journalisten die These geäußert wird:„Winnenden ist Teil einer globalen Strategie zur totalen Entwaffnung der Bevölkerung.“, dann sollte man sich damit auseinandersetzen und sich möglichst an die Fakten halten. Und da ist auffällig, dass die Verschärfung des Waffenrechtes bis hin zur Totalentwaffnung der Bevölkerung nicht nur in Deutschland ein Thema ist. So wurde in Großbritannien eine Totalentwaffnung der Bevölkerung durchgeführt, zuvor gab es dort ein im internationalen Vergleich eher liberaleres Waffenrecht. Ein weiteres Beispiel ist die Schweiz. Dort wurde in mehreren Schritten das zuvor sehr liberale Waffenrecht immer restriktiver gemacht, zum Teil aufgrund von EU-Vorgaben (Schengen-System). Diese Tendenz zur Verschärfung des Waffenrechtes lässt sich für alle EU-Staaten aufzeigen.

In den USA gibt es schon seit langer Zeit starke Tendenzen zur Entwaffnung der Bevölkerung. Das scheiterte bislang zum einen daran, dass das Recht des Bürgers auf Waffen in der Verfassung verankert ist, zum anderen an der Überzeugung vieler US-Amerikaner, dass Waffen nicht nur ein das Recht des freien Bürgers, sondern sogar ein Garant für die Freiheit des Bürgers sind.

Das solche liberalen Vorstellungen in Deutschland nicht verbreitet sind, ergibt sich einfach aus dem Umstand, dass es in Deutschland nie eine bürgerliche Revolution gegeben hat. Und hätte der Kaiser 1918 keine Lust mehr aufs Regieren gehabt, hätte das Kaiserreich weiter existiert. Selbst die Sozialdemokraten wollten den Kaiser zum Bleiben bewegen.

Was spricht dagegen, hinter der Tendenz zur Entwaffnung der Bevölkerungen eine konzertierte Aktion zu sehen?

Das war bei den Notstandsgesetzgebungen Ende der 60-er Jahre doch auch nicht anders. Die Staaten – und nicht nur die BRD – bereiteten sich auf Krisenzeiten vor.

Wer beispielsweise Otto RÜHLE gelesen hat, wird solche Prozesse mit einer gewissen Gelassenheit – aber nicht mit Gleichgültigkeit – betrachten. Der Kapitalismus benötigt Phasen des totalitären Staates, um seine Ökonomie neu zu ordnen. Der sog. Neoliberalismus hat doch nicht zum Ziel, die Freiheit der Bürger zu mehren, sondern vor allem, die Schutz- und Sicherungsrechte der lohnarbeitenden Bevölkerung abzubauen und das staatliche Kollektiveigentum privater Kapitalverwertung zuzuführen (Privatisierung = Volksenteignung). Aber nicht nur dies: Auch die Schutzrechte der Bürger für das Sparvermögen, Wohneigentum etc. wurden abgebaut.

Dass viele Bürger den Arbeits- und Konsumstress sowie die Ängste vor Prekarisierung nicht gut aushalten, sondern zu legalen und illegalen psychotropen Substanzen (Alkohol, Medikamente, illegale Drogen) greifen, wenn wundert es? Schon kleine Kinder bekommen Psychopharmaka, damit sie im erwünschten Sinne funktionieren.

Koma-Saufen ist auch ein Bewältigungsmittel. Und Durchgeknallten begegnet man überall. Es gibt keine Talkshow im Fernsehen, wo die Vernünftigen nicht in der Minderzahl sind. Wie alter Psychiatrieprofessor schon lehrte: „In guten Zeiten beherrschen wir die Psychopathen, in schlechten Zeiten beherrschen sie uns.“

Alice SCHWARZER schreibt, dass in ihrer Männlichkeit verunsicherte Jungen „wandelnde Zeitbomben“ sind. Und: „Es sind unsere eigenen Söhne, Nachbarn und Mitschüler, die zu Vergewaltigern und Mördern werden.“
Ja, da hat sie wirklich recht. Seit über dreißig Jahren gibt es die Umerziehung von Jungen durch feministische Mütter, Erzieherinnen, Lehrerinnen, Fernsehmoderatorinnen etc. Trotzdem hat es ist es nicht gelungen, den Jungen das Spielen mit Waffen und Shooter-Games zu verleiden.

Nun fordert SCHWARZER eine Erziehung zur „Mitleidensfähigkeit und Menschlichkeit“.

Was bin ich froh, dass ich noch einen männlichen Vater hatte. Der übrigens nie prügelte. Geschlagen hat mich nur meine Mutter, und dies gar nicht so selten. Geschadet hat es mir allerdings nicht. Im Gegenteil, ein Mann muss auch Schmerzen ertragen können, wenn er einen geraden Weg gehen will.
Und selbst in der Volksschule gab es noch ausreichend männliche Lehrpersonen. Und das Gymnasium war eine Jungenschule.

Eine Pädagoge, der heute für geschlechtsdifferenzierte Klassen – z.B. in der Pubertät – eintreten würde, hätte nie eine Chance, eine Professur zu erhalten.

Noch einmal Glück gehabt, sage ich mir. In Zeiten des Gender-Mainstreamings würden mich feministische Erziehungspersonen mit einer „geschlechtsneutralen“ Erziehung zur „Mitleidensfähigkeit und Menschlichkeit“ terrorisieren. Dann würde ich statt Lebertran Ritalin bekommen. Und ich wüsste nicht, ob ich mich hetero- oder homosexuell orientieren soll. Und so richtig echte Freunde – wie damals – hätte ich auch nicht mehr.

39 Frankie Bernankie März 19, 2009 um 13:06

@HAM #39

Du solltest nicht so viele “Talkshows” gucken, “wo die Durchgeknallten in der Mehrheit” sind, das schadet der Urteilsfähigkeit, wie man an Deinem Bausch-und Bogen-Verurteilungsbeitrag unschwer erkennen kann.

40 Tarantoga März 19, 2009 um 13:10

Wir sind uns in vielem einig, insbesondere Deine Kritik an unserem Schulsystem spricht mir aus dem Herzen.

Aber was Du Nihilismus nennst, kann ich nicht stehen lassen. Wenn ich Dich richtig verstehe, dann siehst Du den Nihilismus schon in der Ablehnung des Lebens als höchstem Wert. Für den Nihilismus ist das zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Vielmehr wirfst Du es vor, dass jemand Deinen höchsten Wert nicht teilt. In einer freien Gesellschaft muss es aber jedem frei stehen, Deine Werte nicht zu teilen. Das schließt den Lebensschutz mit ein.
Nicht einschließen tut es dagegen Handlungen, die das Leben anderer beenden. Dann da verlassen wir die Sphäre von Meinungen und Werten und kommen zu echten Handlungen. Hierfür setzt die Gesellschaft zurecht Regeln und Gesetze.
Diese Gesetze ziehen ihre Kraft aber auch nicht aus ihrer intellektuellen Überzeugungskraft, sondern aus der Fähigkeit von Staat und Gesellschaft, sie durchzusetzen.
Die Schwierigkeit der Gesellschaft mit dem Amokläufer entsteht nun daraus, dass Gesetze auch nichts verhindern können, sie können nur bestimmte Konsequenzen verfügen. Der Amokläufer ist aber bereit auch die letzte Konsequenz (seinen Tod) zu tragen, deshalb sind Gesetze für ihn bedeutungslos.

Der Amokläufer nimmt sich somit auch die letzte Freiheit, subjektiv dadurch gerechtfertigt, dass es ihm innerhalb der Gesetze nicht möglich war, ein glückliches Leben zu führen.

Moralisch würde ich ihm dabei sogar ein Recht zu diesem Schritt einräumen (ähnlich wie zum Suicid). Gleichzeitig hat die Gesellschaft, die auf ihre Regeln nicht verzichten kann und ebenso damit gescheitert ist, mit dem Amokläufer gemeinsam auszukommen, das unbedingte Recht (und der Staat sogar die Pflicht), den Amokläufer gewaltsam zu stoppen. Es gibt nicht für alles eine friedliche, einvernehmliche Lösung.

41 HAM März 19, 2009 um 13:29

Frankie Bernankie #40
„Du solltest nicht so viele “Talkshows” gucken, “wo die Durchgeknallten in der Mehrheit” sind“

Bitte genau lesen. Denn das ist eine elementare Voraussetzung für Urteilsfähigkeit.

Ich schrieb: Es gibt keine Talkshow im Fernsehen, wo die Vernünftigen nicht in der Minderzahl sind. Das ist etwas ganz anderes.
Fernsendungen, in denen Durchgeknallte in der Mehrheit sind, gibt es zwar zu Hauf. Aber die schaue ich mir nicht an.

42 Tarantoga März 19, 2009 um 13:38

Um auf den Unterschied zwischen Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung einzugehen:

Der Amoklauf ist für mich der (durch Panik überzeichnete) Rückgriff auf die Selbstbestimmung, begründet im Scheitern der Selbstverwirklichung.
Die Lasten beider sind ziemlich ähnlich: nämlich die Selbstverantwortung für das eigene Leben. Nun verstehe ich Dich so, dass man als Gewinn bei der Sache schon mit der gewonnenen Freiheit zufrieden sein sollte und die Verwirklichung eigener oder fremdbestimmter Träume gar nicht verlangt werden kann und sollte.
Praktisch ist das wohl richtig. Aber welchen Wert hat diese Freiheit, wenn sie sich nicht zur Verwirklichung positiver Ziele verwirklichen lässt? Ist es überhaupt Freiheit, wenn zwar alle Gefängnistüren offen stehen, dafür aber die ganze Welt aus Gittern besteht?

43 f.luebberding März 19, 2009 um 14:53

Ham

Wisnewski hat tatsächlich vor Jahren interessante Sachen zur RAF in den 80er Jahren gemacht. Nur damals begnügte er sich mit der Aufdeckung von Widersprüchen. Erklärungen lieferte er nicht, wenn er sie nicht plausibel belegen konnte. Was soll ich aber mit so einem Satz von ihm anfangen?

“Dabei stellt sich doch die Frage: Wer hat ein Interesse, eine solche Amok-Ankündigung zu fälschen, wenn nicht Täter, die den Verdacht auf jemand anderen lenken wollen?”

Aha. Deshalb fliegt die Sache auch nach ein paar Stunden auf … .Vielleicht war es einfach ein user, der die Medien vorführen will? Die Behauptung, es gäbe Interessen (die gibt es immer), ist so banal wie sinnlos, wenn er nicht einen einzigen stichhaltigen Beleg dafür hat. Mit der gleichen Begründung kann ich auch behaupten, ein Alien hätte das gefälscht – wg. dem Interesse, die Menschheit zu verwirren … . Seit 9/11 ist er für mich irrelevant geworden. Er bedient ein Klientel. Zudem gibt es eine Tendenz zur Verschärfung des Waffenrechts – aber soll man jetzt tatsächlich, wie Wisnewski vorschlägt, in die Schützenvereine eintreten, um den Terror zu stoppen? Was soll der Quatsch? Ich kenne viele Leute, die in Schützenvereinen sind, die bedanken sich wahrscheinlich für solche Mitglieder … .

Zu Schwarzer will ich nichts sagen. Sie langweilt mich und sie bis heute als feministischen Gott-sei-bei-uns zu verwenden, finde ich nur noch komisch … . Dass Schläge nicht geschadet haben, ist eine interessante These, die erst zu belegen wäre, wenn Deine Mutter Dich nicht verdroschen hätte und Du dann – ein schlechterer Mensch geworden wärst? Im übrigen will ich daran erinnern, dass die meisten Schmerzen Frauen ertragen müssen – bei der Geburt ihrer Kinder. In der Beziehung können wir Männer nicht mithalten … .

Tarantoga

“In einer freien Gesellschaft muss es aber jedem frei stehen, Deine Werte nicht zu teilen.”

Ja, aber er muss damit rechnen, dass ich seine Meinung für völlig idiotisch halte. Zu dem geht es ja eben nicht um Meinungsäußerungen, sondern um die praktische Umsetzung namens Mord.

“Der Amokläufer nimmt sich somit auch die letzte Freiheit, subjektiv dadurch gerechtfertigt, dass es ihm innerhalb der Gesetze nicht möglich war, ein glückliches Leben zu führen.”

Deshalb sprach ich in meinem ersten Beitrag von seiner freien Entscheidung, du erinnerst Dich, für die er die Verantwortung trägt. “Moralisch würde ich ihm dabei sogar ein Recht zu diesem Schritt einräumen (ähnlich wie zum Suicid).” Genau, das würde ich keineswegs tun – und Du wahrscheinlich auch nicht. Seine Moral hat sich dem Recht des anderen Menschen zu Leben unterzuordnen. Er ist nicht befugt, 15 andere zu töten. Es ist also eine schlichte Anmaßung des Täters. Er spielt den Richter über völlig Unschuldige – oder Gott, je nach Sichtweise … .

“Ist es überhaupt Freiheit, wenn zwar alle Gefängnistüren offen stehen, dafür aber die ganze Welt aus Gittern besteht?”

Es kommt darauf an, was man als Gitter definiert. Diese Welt ohne Gitter gibt es nur, wenn man völlig allein ist.

44 Langarbeiter März 19, 2009 um 17:04

@ luebberding

Schon klar, dass Wisnewski seit 9/11 für Leute, die weiterhin in Ruhe gemütlich publizieren wollen, irrelevant geworden ist… ;-)

45 f.luebberding März 19, 2009 um 17:42

Na ja, gemütlich ist es nicht gerade … .

Gruss Frank

46 HAM März 19, 2009 um 17:53

f.luebberding #44

Deiner Kritik an WISNEWSKI, wenn er hinsichtlich Winnenden Behauptungen an die Stelle einer stichhaltigen Beweisführung setzt, stimme ich voll zu. Ich habe ja auch nicht geschrieben, dass ich die Aussage: „Winnenden ist Teil einer globalen Strategie zur totalen Entwaffnung der Bevölkerung.“ für zutreffend halte, sondern nur, dass man sich damit auseinandersetzen und dabei möglichst an die Fakten halten sollte.

Für falsch würde ich es aber ansehen, diejenigen, welche Ungereimtheiten in der Berichterstattung über Winnenden entdecken, als Spinner oder paranoide Verschwörungstäter abzutun. Zudem kann ein Paranoiker Dinge entdecken, die der normalen Wahrnehmung entgehen.

Auch wenn es „eine globale Strategie zur totalen Entwaffnung der Bevölkerung“ geben sollte, was angesichts der Fakten ja keineswegs als unwahrscheinlich angesehen werden muss, so lässt dies natürlich nicht(!) den Rückschluss zu, dass Winnenden ein Teil davon und somit eine „False-Flag-Operation“ war.

Außerdem ist es fraglich, ob es auf der Ebene der Entscheidungsträger tatsächlich einen Konsens hinsichtlich einer totalen(!) Entwaffnung der Bevölkerung gibt. Das Ganze wäre ja keineswegs widerspruchsfrei.

SCHWARZER hat eine ganz wichtige Funktion in der Meinungsbildung vieler Frauen, insbesondere auch und gerade im Erziehungsbereich.

Was die Erziehungspraxis meiner Mutter betrifft, so bin ich durchaus der Meinung, dass sie es gut meinte und dass ich ohne ihr Liebe und Erziehungsarbeit nicht das geworden wäre, was ich geworden bin. Bekanntlich ist eine permissive Erziehung das Schlechteste, was mann/frau einem Kind antun kann. Meine Mutter hat mich auch nie so geschlagen, dass ich irgendwelche Verletzungen davon getragen habe. Und sicher waren meine Schmerzen nie so groß wie die ihrigen bei meiner Geburt.

Die Schmerzen der Gebärenden sind naturgegeben. Man muss sie hinnehmen, allenfalls kann man die Hilfe der Anästhesie in Anspruch nehmen. Die Schmerzen, die man hinnimmt, weil man Gebote oder Verbote willentlich missachtet, sind von völlig anderer Qualität. Denn das Subjekt kann sich entscheiden, ob es sich anpasslerisch unterwirft oder den Konflikt eingeht. Kinder benötigen daher den Widerstand der Erziehungspersonen, denn an ihm können sie wachsen. Ansonsten verbleiben sie in einem egozentrischen, verweichlichten und ichschwachen Zustand. Ewige Kleinkinder, die nur gefüttert werden wollen. Ideale Objekte für psychische Manipulation.

Nicht in jeder Erziehung sind Schläge nötig. Auch hier gilt: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Und es gibt zarte Kinder, mit denen man zart umgehen muss und kann. Die Dosis unterscheidet beim Mittel, ob es hilft oder schadet.

Zwischen erzieherischen Körperstrafen und primitivem Prügeln besteht ein Unterschied ums Ganze. Das erste erfüllt einen erzieherischen Bedarf auf Seiten des Kindes, letzteres dient der Aggressionsabfuhr des körperlich überlegenen Erwachsenen.

47 HAM März 19, 2009 um 23:04

„Dass Schläge nicht geschadet haben, ist eine interessante These, die erst zu belegen wäre, wenn Deine Mutter Dich nicht verdroschen hätte und Du dann – ein schlechterer Mensch geworden wärst?“

Natürlich ist es für mich unmöglich, diese These empirisch zu beweisen. Theoretisch allerdings schon.

Fangen wir mit der Basisthese an, dass Menschen erziehungsbedürftige Wesen sind. Diese These ist nicht unumstritten, denn hierzu gibt es die Gegenthese der „Selbsterziehung“. Das ist die in den 70-er Jahren von den Liberalen verhunzte Vorstellung einer „anti-autoritären Erziehung“, die in der Praxis eine permissive Pseudo-Erziehung war. Diese hatte jedoch mit der originären Konzeption einer „anti-autoritären Erziehung“, wie sie von den 68-ern diskutiert wurde, nichts gemein.

Das originäre Konzept der „anti-autoritären Erziehung“ ist dialektisch angelegt, gewissermaßen ein liebevolles Konflikt- und Entwicklungsmodell. Die Eltern sind die Repräsentanten von humanistischen Werten, Erziehungsziel ist der wertgeleitete, prosoziale und mündige Mensch. Der Erziehungsstil soll nicht autoritär, sondern dialogisch sein.

Zwangsläufig kommt es im Erziehungsprozess zu dem, was die Psychoanalyse „Ödipuskonflikt“ nennt, also zum Konflikt zwischen kindlichen Bedürfnissen und jenen sozialen Anforderungen, die Voraussetzung sind für ein gelingendes Gemeinschaftsleben sind.
Alltagssprachlich nannte man diese erste große Konfliktphase „Trotzphase“.

Wie wird mit diesem Konflikt umgegangen?
Liberal-permissive Eltern überlassen das Kind der “Selbstsozialistion”. Die Erziehungsarbeit überlassen sie professionellen Erziehern und Lehrern. Die wiederum versuchen, für sich den Erziehungsstress möglichst gering zu halten, zumal sie der Überzeugung sind, dass dies eine originäre Aufgabe der Eltern ist. Herr Bueb mit seiner Forderung nach Disziplin ist in Pädagogenkreisen gar nicht so beliebt.
Wird dieser„Ödipuskonflikt“ von den Erziehungspersonen vermieden, dann stagniert das Kind auf einer niedrigen psychosozialen Entwicklungsstufe. Das nennt die Psychoanalyse narzisstische Störung.

Wenn dann das Kind durch unaufmerksames, hyperaktives und/oder oppositionelles Verhalten zum nervigen Störer in der Familie und Schule wird, was passiert dann?

Körperstrafen sind ja heutzutage in Deutschland nicht nur tabu, sondern sogar explizit verboten.
Wie wird dann elterliche Gewalt durchgesetzt?

Zunächst versucht man es mit den üblichen Mitteln von Belohnung und Bestrafung. Wenn das Kind dann trotzdem sein Verhalten nicht ändert, dann ganz „gewaltfrei“ durch Psychoterror und/oder Psychopharmaka.

Soviel zu dem, was heute an „Erziehung“ in den Familien und Schulen abläuft.

Abschließend noch ein Wort zum „Vater“. Der Vater wird zum einen biologisch, zum anderen durch seine Vaterrolle definiert.
Wenn MITSCHERLICH von der „vaterlosen Gesellschaft“ spricht, was meint er damit?
In der bürgerlichen Familie repräsentiert der Vater Bourgeois und Citoyen, also ein ökonomisches und politisches Subjekt. Der Vater in der Lohnarbeiterfamilie ist ein ökonomisches und politisches Objekt, seine Subjektivität beschränkt sich im Wesentlichen auf Anpassungsleistungen an vorgefundene ökonomische und politische Verhältnisse.
Der bürgerliche Vater musste und konnte seinem Sohn – und manchmal auch seiner Tochter – noch ein ökonomisches und politisches Wissen und Können vermitteln, damit dieser oder diese erfolgreich das Familiengeschäft etc. als ein ökonomischen und politisches Subjekt(!) übernehmen und fortführen konnte.

In der spätkapitalistischen Lohnarbeiter- und Dienstleistungsgesellschaft verschwinden Bourgeois und Citoyen.
In jener Phase des Epochenbruchs, wo auch die selbstbestimmte geistige Arbeit weitgehend verschwindet und als dienstleistenden Kopfarbeit unter die Kapitalverwertung subsumiert wird, spricht MITSCHERLICH davon, dass die Gesellschaft „auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“ ist.

In der Revolte der 68-er Bewegung – so Hans-Jürgen KRAHL – manifestiert sich die Trauer um den Tod des bürgerlichen Individuums. Und dieses bürgerliche Individuum war mehrheitlich ein männliches gewesen.

Diese Trauer kannte der affirmative Feminismus einer SCHWARZER & Co. nicht. Ihm ging es vor allem darum, die Frauen gleichberechtigt und gleichgestellt ins System der Lohnarbeit zu integrieren. Die revolutionäre Subjektivität des sich emanzipierenden Individuums war diesem Feminismus nicht nur fremd, sondern sogar verhasst. Daher auch dessen Antiintellektualismus.

48 Thorqemada März 20, 2009 um 12:58

Die Schulzeit war die allerschlimmste Zeit in meinem Leben, abgesehn von gesundheitlichen Niederungen, der absolute Tiefpunkt.

Ich war gefangen in einer Welt, die mir aufgezwungen wurde, mit Leute, mit denen ich nichts gemeinsames hatte, unter Bedingungen die ich nur ablehnen konnte und kein psychologisches Gespräch und kein Schulwechsel hätte das ändern können und keine Psychodroge.

Ich habe es geschafft, den ganzen Kram auszusitzen und nur einmal, schlimm provoziert, affekthaft auszurasten.
Ich weiß nicht, was aus meinem Gegenüber geworden ist, ich habe es niemals wieder gesehn.

Schule ist ein Ort der Gewalt!

Man muß sich alles erkämpfen, mit Aussehen, List (Heimtücke), Kraft und wer nicht mitkämpft, weil er diese Einstellung nicht besitzt, ist ein Aussenseiter und Aussenseiter sind Zielscheiben für die Mehrheit – Opfer.

Lehrer sind Witzfiguren in einem solchen Klima, die nichts ausrichten können, die es teilweise normal finden was geschieht, oder sich sogar beteiligen.

Was mir die Schulzeit gegeben hat war nicht Bildung, schulische Erziehung, sondern ewig währende Distanzierung, Mißtrauen und Abscheu.

Erst als ich endlich die Schule verlassen konnte und eine Ausbildung begann wurde mein Leben wieder lebenswert.

Fazit: Das es so wenig schlimme Taten gibt, ist ein Wunder…und es liegt nicht an Horrorfilmen und Killerspielen, die es übrigens in den schlimmsten Gewaltphasen der menschlichen Geschichte nicht gab.

49 metheus April 9, 2009 um 08:53

@ alle

Hier ein lesenswerter Beitrag zur Ergänzung der Diskussion: http://marx21.de/index.php?option=com_content&task=view&id=686&Itemid=32

Zitiert werden hier Passagen aus dem Abschiedsbrief eines Amok-Läufers, der seine Motive erhellt.

MfG

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