Meine kürzlichen Beiträge über die mediale Großoffensive zur Imagerettung der Marktwirtschaft haben eine Menge Kommentare und Emails produziert. Insbesondere der Begriff der “Freiheit” bzw. meine Kritik an der Art seiner Verwendung durch wirtschaftsliberale Autoren, war für viele Leser nicht ganz nachvollziehbar. Daher will ich in diesem Beitrag einen kurzen Ausflug in die Sozialethik wagen, um nochmals zu verdeutlichen, was genau gemeint ist.
Unter ”Freiheit” sei für unsere Zwecke die Abwesenheit von “äußeren Zwängen” verstanden, sprich die Möglichkeit des Individuums, sich “frei” zu entfalten, was immer das im Einzelfall konkret bedeuten mag. Ein typischer Anwendungsfall sind die sogenannten “bürgerlichen Freiheiten“, die zumeist in der Verfassung oder sonstigen Gesetzen stehen und elementare Rechte wie etwa Meinungs-, Religions- Niederlassungs-, oder Vertragsfreiheit garantieren.
Derartige Rechte stellen zunächst mal nur “formale Freiheiten” dar, i.e. sie stehen zwar im Gesetz bzw. auf dem Papier, sind aber hinsichtlich der Möglichkeit einzelner Individuen und Gruppen, sie in der gesellschaftlichen Praxis auch auf menschenwürdige Art zu realisieren, noch nicht konkretisiert. Im Gegensatz dazu ergibt sich “konkrete” oder “faktisch-materielle” Freiheit denn auch nur unter Berücksichtigung derartiger Möglichkeiten, die allerdings von Individuum zu Individuum, Familie zu Familie oder Klasse zu Klasse stark variieren können.
Dies vorausgeschickt, stellt sich die Sozialethik nun die Frage, unter welchen Bedingungen ein soziales Gebilde wie zB der “Staat” oder, etwas konkreter, dessen “Sozial- und Wirtschaftsverfassung” sittlich richtig bzw “gerecht” sind. Was heisst in diesem Zusammenhang “gerecht“? – Nichts anders, als dass sie für alle Mitglieder von Vorteil sind. Freunde von Immanuel Kant werden hier den “kategorischen Imperativ“ als Moralprinzip wiedererkennen, das auch in der Sozialethik die Universalisierbarkeit von Maximen fordert. In einer bestimmten Formulierung des Kant’schen Imperativs, der sogenannten ”Selbstzweckformel“, wird das besonders schön deutlich: “Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.”
Umgemünzt auf die sozialethische Dimension einer Sozial- und Wirtschaftsverfassung bedeutet das also, daß in ihr kein Mensch bloß als “Mittel” vorgesehen werden darf, sondern zugleich immer als “Selbstzweck” anerkannt werden muß. Oder anders gesagt: jeder Mensch muß die Möglichkeit haben, in menschenwürdigen Verhältnissen leben zu können.
Soweit so gut. Bis hierher war alles hübsch deskriptiv und ohne Werturteil, der spannende Teil kommt aber jetzt: denn die Auffassungen, was unter “menschenwürdigen Verhältnisse” oder ”sozialer Gerechtigkeit” zu verstehen ist, gehen naturgemäß weit auseinander. Zwei markante Positionen stehen sich in dieser Frage diametral gegenüber, Liberalismus die eine, Sozialismus die andere, und diverse Mischformen lassen sich zwischen diesen beiden Polen ausmachen.
Typisch für die liberale Position, wie von den Tiedjes, Khols, Kochs und Merzs dieser Welt vorgetragen, ist die Betonung der formal-gleichen Freiheit, deren Sicherung dem Staat überantwortet wird, aus allem darüberhinausgehenden er sich aber bitte raushalten möge. Prinzipielle Ausgangsidee ist dabei die Annahme eines “vorstaatlichen Naturzustandes“, in welchem alle Menschen frei und gleich waren. Mangels allgemeinverbindlicher Rechtsordnung war dieser Zustand aber unhaltbar, daher gründeten diese freien Menschen einen Staat und übertrugen ihm die Verantwortung für die Schaffung einer solchen Rechtsordnung, und damit die Garantie ihrer formalen Freiheitsrechte. Bezogen auf die Wirtschaft erschöpfte sich die Aufgabe des Staates also darin, die “wirtschaftlichen Freiheitsrechte” (bei Adam Smith etwa die Freiheit der Person, des Eigentums und des Vertrags) zu garantieren.
Wie oben bereits kurz erwähnt, führt eine derartige Fokussierung auf die formal-gleiche Freiheit in der Praxis über kurz oder lang zu massiven Ungleichheiten, weil die Ausgangspositionen einzelner Individuen und Klassen zur konkreten Wahrnehmung ihre formalen Freiheit natürlich stark divergieren. Insbesondere im 19. Jahrhundert führte die liberale Position bekanntlich zu einer extremen Spreizung der Einkommensverhältnisse und zur Verelendung breiter Gesellschaftsschichten.
Demgegenüber stellt die Position des Sozialismus deshalb die materiell-gleiche Freiheit in den Mittelpunkt. Zentrale Überlegung dabei ist, dass die allgemeine Nutzung von formal-gleichen Freiheiten im Sinne des Liberalismus zwangsläufig dazu führen muß, dass die Freiheit des einen faktisch-materiell die Unfreiheit des anderen bewirkt. Das zeigt sich zB bei Themenkomplexen wie dem “Eigentum an Produktionsmitteln“, wo sich besagte Eigentümer und all jene Menschen gegenüberstehen, die über nicht mehr als ihre eigene Arbeitskraft verfügen. Die formal-gleiche Vertragsfreiheit aller Beteiligten, mit der im liberalen Sinne die Freiheit aller ausreichend gewahrt ist, überdeckt dabei die radikale Ungleichheit hinsichtlich der materiellen Ausgangssituation der Vertragspartner, insbesondere beim Abschluß von Arbeitsverträgen und Lohnvereinbarungen.
Wie ist das zu verhindern? In dem die formal-gleichen Freiheiten aller eingeschränkt werden (i.e. durch Sozialgesetzgebung usw), damit gleichsam die materiell-gleichen Freiheiten aller erweitert und faktische Ungleichheiten eingeebnet werden können. Worin besteht dabei die Gefahr? Dass des Guten zuviel getan und die Fundamente einer liberalen Gesellschaft gleich miteingerissen werden, wie wir anhand der diversen real-existierenden Sozialismen der jüngeren Geschichte durchaus beobachten konnten.
Das ”Freiheitsdilemma” besteht mithin also darin, dass der Liberalismus einerseits Gefahr läuft, unhaltbare soziale Zustände und eine entsolidarisierte Gesellschaft zu produzieren, während auf der anderen Seite der Sozialismus in seiner konsequentesten Ausprägung das Risiko birgt, das Individuum komplett aus den Augen zu verlieren und die Menschen in einer vollständig reglementierten Gesellschaft zu nivellieren. Diese Gefahr wird gerne von liberalen Autoren strapaziert, wie etwa denen, mit denen ich mich in meinen kürzlichen Beiträgen kritisch auseinandersetzte, um vor der Abkehr von wirtschaftsliberalen Idealen zu warnen. Kuba, DDR, Nordkorea und noch schlimmere Zustände würden uns heimsuchen, wenn wir es überhaupt nur wagen, ein wenig mehr Sozialismus zu denken.
In meinen Augen ist das aber eine groteske und manipulative Verdrehung der Fakten, und zwar aus 2 Gründen:
- befinden wir uns seit Mitte der 90er-Jahre nicht auf einem Pfad hin zu mehr “Sozialismus”, sondern in die exakte Gegenrichtung, hin zu mehr Liberalismus. Der Grund dafür ist einfach und wurde bereits ad nauseam thematisiert, auch im Rahmen dieses Blogs, er nennt sich: “Globalisierung“, und ist in Wahrheit nichts weiter als ein “Wettrennen nach unten“, das sich aus der Konkurrenz mit Volkswirtschaften ergibt, deren gesellschaftlicher und sozialer Entwicklungsstand weit unter unserem liegt. Ein Druck “nach unten” ergibt sich dabei hinsichtlich Löhnen und Sozialleistungen, einer “nach oben” in Bezug auf erforderliche Produktivitätszuwächse. Letzteres ist aber wiederum nur ein anderes Wort für “Arbeitsplatzabbau”, was wiederum zum allgemeinen Momentum nach unten beiträgt.
- stehen die ”Reinformen” beider Positionen, also weder des Liberalismus auf der einen, noch des Sozialismus auf der anderen Seite, als perspektivische Alternativen ohnehin nicht zur Debatte. Ich unterstelle den Tiedjes, Khols, Kochs, Merzs und Clausens dieser Welt nicht, dass sie dem “ungezügelten“ Liberalismus das Wort reden. Aber im Gegenzug würde ich erwarten, dass bei einer allgemeinen Wohlstandsdiskussion nicht reflexartig auf extreme Feindbilder rekurriert wird. Aber andererseits: da die Ausweitung faktischer Freiheiten aller tatsächlich die teilweise Einschränkung formaler Freiheiten bedingt, haben natürlich diejenigen am meisten zu verlieren, die bislang am meisten von diesen Freiheiten profitiert haben. Und das sind nunmal die Gutsituierten des bürgerlichen Lagers, da beisst die Maus keinen Faden ab. Insoferne wundert es mich auch nicht, dass die Argumente, die aus dieser Ecke kommen, streckenweise einen extremen Spin aufweisen.
Nähern wir uns dem Thema hingegen in aller Nüchternheit, dann landen wir über kurz oder lang bei Ludwig Erhards Vision von der “Sozialen Marktwirtschaft”. Interessanterweise waren auch hierzu in Mails und Kommentaren recht widersprüchliche Ansichten zu lesen, von wegen Erhard wäre ein “reiner Marktwirtschaftler” gewesen und dergleichen. Ähnlich argumentierte bekanntlich auch Hans Hermann Tiedje in der BILD, als er uns gar weismachen wollte, Erhard hätte irgendwas mit der ökonomischen Philosophie der letzten 20 Jahre zu tun.
All diejenigen möchte ich an Erhards Leitmotiv bei der Formulierung seiner “sozialen Marktwirtschaft” erinnern, das da lautete:
“Wohlstand für alle”
Ich für meinen Teil kann da beim besten Willen nichts zweideutiges oder widersprüchliches erkennen. Insbesondere läßt sich meiner Lesart nach dieses Motto kaum als “Wohlstand für viele, aber gerade noch so erträgliches Auskommen für alle anderen“ interpretieren. Sondern da steht, in geradezu vollkommener insinuativer Schlichtheit: Wohlstand für ALLE.
Wer meint, das wäre das sozial- und wirtschaftspolitische Motto der letzten 2 Jahrzehnte gewesen, der lebt für mich auf einem anderen Stern. Die offiziellen Fakten geben das nämlich keineswegs her, noch nicht mal bei der allgemein üblichen, aber in einer geschichteten Gesellschaft natürlich so gut wie gar nicht aussagekräftigen Durchschnittsbetrachtung à la “Reallohnentwicklung pro Arbeitnehmer” und dergleichen. Ganz im Gegenteil, die Behauptung ist meines Erachtens nicht von der Hand zu weisen, dass die meisten Arbeitnehmer während dieses Zeitraums effektive Wohlstandsverluste erlitten und sich die relativen, materiell-faktischen Freiheitspositionen innerhalb der Gesellschaft daher zu ihren Ungunsten verschoben haben.
Das daher jemand wie Friedrich Merz zum aktuellen Zeitpunkt ein Buch mit dem Titel “Mehr Kapitalismus wagen” herausbringt, zeugt in meinen Augen von soviel Chuzpe, dass es schon fast wieder bewundernswert ist. In der konkreten politischen Debatte anno 2009 besteht aber in meinen Augen für derlei liberale Extravaganz nicht der allergeringste Anlaß.
Das wollte ich in Ergänzung zu den vorangegangenen Beiträgen nur nochmal gesagt haben …




















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“Aber im Gegenzug würde ich erwarten, dass bei einer allgemeinen Wohlstandsdiskussion nicht reflexartig auf extreme Feindbilder rekurriert wird.”
Eine sehr richtige Forderung, die leider bei den Betroffenen keinen Gehör finden wird. Die Merzens dieser Welt reden nicht nur aus Überzeugung, sondern schlicht wider besseren Wissens.
Ein guter Beispiel hierfür ist die Verwendung der Begriffe “Leistung” oder “Leistungsgesellschaft”, die zur Rechtfertigung von sozialen Ungleichheiten unverzichtbar ist. Man muss nicht besonders gescheit sein, um zu bemerken, dass Leistung in unserer Gesellschaft nur wenig zählt, dagegen wirtschaftlicher Erfolg alles. Wird dieser Erfolg mit wenig Aufwand erreicht dann zählt er eher noch mehr, wird gar in der Nähe der Genialität gerückt. Und dennoch wird alle Tage von Leistungsträgern gesprochen.
So ist es auch mit Sozialismus und (wirtschaftlicher) Freiheit. Die letzte herrscht immer hemmungsloser, wird aber immer an den Rand des Kollaps geschrieben, der erste ist toter als tot aber wird fast täglich als unmittelbare Gefahr heraufbeschworen.
Seh´ ich genauso wie wgn.
Und ich schätze, diesen Artikel würden ca. 75% der Deutschen unterschreiben. Da frage ich mich, wie können die restlichen 25% die Mehrheit der Gesellschaft an der Nase herumführen?
Nur an der Blöd-Zeitung kann es nicht liegen. Sicher liegt es auch daran, daß es keine wählbare Alternative gibt. Immerhin hat Rot-Grün Hartz 4 eingeführt, und die SED, äh, Linkspartei ist Sozialismus pur.
Außerdem bleibt doch die Frage, wie und ob eine alternative Politik durchführbar ist. Das Kapital wandert doch dahin, wo es sich am besten verzinst, weltweit. Die Arbeitskräfte sind jedoch örtlich (o.k., seit Hartz 4 nur noch national) gebunden.
Ergo müssen die Lohnkosten runter.
Das heisst, bei einer Erhöhung der Sozialleistungen und der Einführung eines relativ hoch angesetzten Mindestlohns hätte man zwar (vorübergehend?) mehr Binnennachfrage, aber in der Folge wieder erheblich mehr Arbeitslose.
Nein, man müsste eine langfristig orientierte “Aufwärtsstrategie” fahren. Mehr Bildung und Innovationen.
Außerdem mehr Unternehmensgründungen, hier hinkt Deutschland deutlich zurück.
Und warum werden hier wichtige Erfindungen gemacht, z.B. Mp3-Standart, aber im Ausland entstehen die Produkte dazu?
In einem Klima der Angst kann nichts gedeihen!
@ Phoenix05
“Immerhin hat Rot-Grün Hartz 4 eingeführt, und die SED, äh, Linkspartei ist Sozialismus pur.”
Also Linkspartei mag manchen Blödsinn im Programm haben, aber “Sozialismus pur? Genau der Unsinn den dieser Artikel anprangert.
Lohnkosten müssen also runter? Unsere Wirtschaft hat doch unsere Nachbarn bereits gerade über die Lohnkosten herunterkonkurriert und sich in einer absolute Abhängigkeit von dem Weltmarkt hineinmanövriert, die uns nun bitter aufstoßen wird.
Gerechtigkeit heißt doch nicht das etwas für alle von Vorteil ist. Gerechtigkeit heißt das jeder bekommt was er verdient. Ja, das bedeutet auch, das der der nicht arbeitet nichts zu essen hat.
Ja, meiner Meinung nach wäre das gerecht – aber nicht solidarisch und Solidarität ist meine zweite Forderung an eine Gesellschaft: Für jeden soll einen grundlegenden Lebenstandard garantiert sein – und dieser Lebenstandard heißt Wohlstand. Auch der der nicht arbeitet soll im Wohlstand leben, nicht weil es gerecht ist sondern weil es solidarisch ist.
Gerechtigkeit – Solidarität – Freiheit, das würde auf meiner Fahne stehn.
WGN for Bundeskanzler, ist das ist ernst gemeint.
Obwohl, mit Österreichern all Kanzler haben wir ja schlechte Erfahrung gemacht
Martin Wolf belegt in seinem Buch
WhyGlobalization works:
1. nur 8% der Investitionen sind grenzüberschreitend. Der real existirende Kapitalmarkt ist lokal.
2.der Anteil der Staatsausgaben und der Unternehmenssteuern steigt global
3.Staaten mit hohen Sozialausgaben sind im Aussenhandel erfolgreicher.
Schon im deutschen Kaiserreich lagen die Ausgaben für Bildung 1 Euro unter denen Englands, aber die Sozialausgaben waren pro Kopf mehrmals höher.
Der Produktivitätsgewinn durch den Aussenhandel liegt für Deutschland zwischen 0,1 und 0,2% jährlich.
@knt
>Gerechtigkeit heißt doch nicht das etwas für alle von Vorteil ist.
Bitte nicht Sätze aus dem Zusammenhang reissen: ich schrieb von der “Gerechtigkeit” im Design eines sozialen Systems. Seinem “Bauplan”, wenn du so willst, der für alle, auf die dieses System Anwendung findet, a priori gleich vorteilhaft sein muß.
Wäre dem nicht so, dann hätten wir soziale Gebilde, die von vornherein eine bestimmte Gruppe benachteiligen. Und das ist, im sozialethischen Sinne zumindest, nicht “gerecht”.
Dazu gibt es übrigens ein hübsches Gedankenexperiment von einem sehr bekannten Amerikaner namens Rawls, der sich fragte, wie wohl eine Gruppe von Individuen sich selbst eine “Verfassung” als Gesellschaft geben würde, und zwar mit dem Wissen, dass sie alle in dieser Gesellschaft leben werden müssen, allerdings nicht, als Angehöriger welchen Geschlechts, Standes, Berufsgruppe, ob als Körperlich Behinderter, Migrant und dergleichen.
Daraus entwickelte er eine “Theorie der Gerechtigkeit” … sehr spannend zu lesen, google mal danach, oder vermutlich steht dazu auch was auf wikipedia
>Ja, das bedeutet auch, das der der nicht arbeitet nichts zu essen hat.
Mag sein, aber gerecht im obigen Sinne ist das nur dann, wenn er von vornherein die gleiche faktische Chance auf Arbeit hatte. Und ich kann dir ohne jegliche ideologische Voreingenommenheit versichern, dass das in den westlichen Marktwirtschaften anno 2009 nicht immer und überall der Fall ist.
@ weissgarnix – 7: Ah – oaky ich hatte dich missverstanden. Zustimmung.
wgn,
Erst einmal Dank und Glueckwunsch fuer diesen exzellenten Beitrag, mit bemerkenswerter Klarheit und Praezision.
Anzumerken waere aus meinem Blickwinkel lediglich, dass Erhard’s ‘Wohlstand für alle’ eine Blankoformel ist, welche ein Ziel postuliert, welches sowohl radikale Liberale wie Sozialisten als Endprodukt ihrer jeweiligen wirtschaftspolitischen Massnahmen reklamieren.
Ob Erhard sich aber haette vorstellen koennen, dass auch eine Staatsquote um die die 50% nicht ausreichend ist, um diesen Wohlstand herbeizufuehren?
Muessen nicht soziale Ausgleichsmechanismen insbesondere dort existieren, wo tatsaechlich ein Individuum als Marktwirtschaftssubjekt nicht mehr mit den Anforderungen der Konsumenten mithalten kann?
Ist nicht andererseits der Innovationsdruck durch den verschaerften Wettbewerb in der Globalisierung so gestiegen, dass dies immer weniger Menschen und auch Unternehmen im alten Westen gelingt?
Was soll die Antwort darauf sein? Den Wettbewerb/Produktivitaetsdruck senken und mehr Menschen beschaeftigen, dafuer aber weniger in die Verteilung eingreifen muessen und den Konsumenten taxieren? Oder aber den Druck aufrecht erhalten und das mit weniger Menschen erstellte Wirtschaftsprodukt besser verteilen, was dann zwangslaeufig zu einer deutlich hoeheren Umverteilungsquote fuehrt, und somit zu staerkerer Belastung fuer das verbleibende Kapital und die noch Leistenden?
Die unhaltbare Dauerkrise der vergangenen 10 Jahre entsteht aus der Tatsache, dass man sich zu keiner dieser zwei moeglichen Alternativen entschliessen kann, und stattdessen versucht, die schmerzliche Entscheidung immer noch ein wenig aufzuschieben. Die dadurch entstandenen Fehlallokationen sind so massiv, dass sie politisch gar nicht mehr rueckgaenig zu machen sind. In der Essenz befindet sich die westliche Welt laengst dort, wo der Comecon in den 80er Jahren festhing: eine Industrie, die nur noch vom Staat am Leben gehalten wird, kurz vor dem Exitus und einer sekulaeren Adaptionsskrise an eine neue Realitaet.
Maximale Freiheit fuer alle kann es nicht geben. Entweder die wirtschaftliche Entwicklung geht fuer den Einen zu schnell, oder fuer den Anderen zu langsam. Dem einen erscheint wachsende gesellschaftliche Regulierung wie Versklavung, dem anderen wie Zunahme der Gerechtigkeit. In einer Demokratie entsinnt man sich dann frueher oder spaeter des Utilitarismus, und somit ist der Weg fuer das obige Delimma vorgezeichnet. Hayek beschrieb das bereits hinreichend. Spannend wird sein, ob es den Politikveraenderern gelingen wird, das Instrumentarium zur Sicherstellung ausreichender ‘materiell-gleicher’ Freiheit so einzusetzen, dass die ueberwiegende Mehrheit der Bevoelkerung sich nicht binnen kuerzester Frist ihrer ‘formal-gleichen’ Freiheit beraubt fuehlt…..
@nullblicker
“…WGN for Bundeskanzler, ist das ist ernst gemeint”
Stimme zu.
Aber Beckenbauer wär auch nicht schlecht.
Oder Günter Jauch.
Zur Freiheit gehört auch, keinen Job annehmen zu müssen, von dem ich mich selbst nicht ernähren kann! Dadurch, dass das die Führungsschicht in Form des Managements die Defintionshoheit besitzt, welche Arbeit wie wertschöpfend ist, definiert sie auch den Zugang zur Freiheit.
Das liberale Freiheitsversprechen ist heute nur noch bei entsprechenden wirtschaftlichen Erfolg einlösbar. Dieser wird aber immer stärker durch soziale Herkunft und Zufallsfaktoren fremdbestimmt. Die Elite schottet sich ab und installiert ein Klassensystem in der Gesellschaft.
Die Partei, die sich mit dem Attribut “Christlich” schmückt, schiebt Kinder auf die Hauptschulen des dreigliedrigen Schulsystems ab, und nimmt sondert diese bereits als 10 Jährige aus. Die Krankenversicherung bleibt in “privat” und gesetzlich getrennt. Aus der Finanzierung des staatlichen Systems werden die Unternehmen und die Kapitalbesitzer exkulpiert.
Die besseren Unis werden über Studiengebühren abgeschottet. Die Elite entzieht sich der Steuerpflicht durch Steuerflucht, weil sie sich dem Staat, also des Gesellschaft nicht mehr verpflichtet sehen, sondern ihr eigenes, selbstfinanziertes System aufbaut.
In Südafrika nannte man dieses System der zwei getrennten Staatswesens für die Besserverdienenden auf der einen und den Rest auf der anderen Seite “Apartheid”. Praktischerweise war die Trennung man in diesem System durch die Hautfarbe gegeben. In Deutschland sind die Indikatoren subtiler, aber in Deutschland ist die Frage der berufliche Karriere bei gleichem mit Bildungsabschluss stärker mit der sozialen Herkunft der Eltern korreliert als in anderen Ländern.
Das Problem mit dem liberalen Freiheitsversprechen ist daher heute, das es nicht mehr für alle gilt. Der Liberalismus legitimiert sich aber nur daraus, oder aber er wird illegitim.
Wenn man es nicht schafft, das Freiheitsversprechen dem größeren Teil der Bevölkerung zu geben, wird das System als freies und demokratisches scheitern müssen.
Freiheit bemisst sich heute nach dem, was Du an € verfügbar hast.
Sowohl, was das gesellschaftliche ‘Ansehen’ als auch den räumlichen Bewegungsradius betrifft.
Es ist ganz leicht auszuprobieren.
Autoschlüssel, EC-Karte und Handy wegwerfen und auf den Weg machen.
Ohne Kontoauszüge gibt’s nicht mal Hartz-IV.
hallo weissgarnix,
danke fuer diese “ergaenzung” , die ich aber fuer den eigentlichen artikel halte. das hast du mal wieder excelent auf den punkt gebracht – ich werde mir erlauben auf deinen artikel hier bei gelegenheit zu verweisen in den teilweise endlosen und fruchtlosen debatten mit liberalen zu ihrer irrationalen angst vor dem sogenannten “linksruck”.
Frage an wgnX: Ähmm, Deiner obigen Namensliste fehlt der Westerwelle. Ist das Absicht?
Und was seine fortdauernden Plädoyers angeht, enthält sie eine angstgeschürte Zukurzgekommenenargumentation. Er sprcht für alle, für die Mittelschicht und sieht Vermögen und Freiheit Aller in Gefahr. Er meint tatsächlich die Oberschicht. Die addressierte freiheitsorientierte Mittelschicht wird auf Verlustangst getrimmt. Fabelhaft dessen Freiheitsargumentation. Viele Selbstständige fallen darauf rein.
Mittelstand ist Oberschicht. Kleinunternehmen sind teilweise Unterschicht. Die Wahldeppen neigen zur narzistischen Selbstüberschätzung und sind willige Opfer marktliberaler Bauernfänger a lá Westerwelle. Er ist ein begnadeter Rabulist, ob er das weiß? Auf jeden Fall scheint hier psychologisch das Prinzip Radfahrer zu greifen. Man kann nach Unten gut treten…
Apropos Freiheit, es gibt noch die indische Freiheitseinschränkung auch in Deutschland. Nichts gegen das Schichtenmodell, aber unsere Gesellschaft hat immer noch den Charakter eine Ständegesellschaft. Wirtschaftlich hat diese Aussage höchste Brisanz auf das sogenannteMarktgeschehen:
Das Ständische Handeln läßt sich in marktwirtschaftliche Modellrechnungen teilweise gar nicht darstellen und erfassen. Ich glaube, dass muß ich an einem Beispiel verdeutlichen: Große Wirtschaftsunternehmen, in Verbänden organisierte Unternehmen, können in einer Demokratie standesbewußte Wirtschaftspolitik betreiben. Sie nehmen vorübergehend systemwidrige Nachteile in Kauf und manipulieren ihr unternehmerisches Handeln, um z. B. Wahlentscheidungen zu beeinflussen. Wirtschaftsmacht ist politische Macht. Und dass ein Standesbewußtsein hier besteht, ist kaum zu leugnen. Das gehört auch zur formalen Freiheit.
Hartz-VI-ler hingegen haben diesen Freiheitsgrad, diese Freiheit, diesen Freiraum der politischen Gestaltungsmöglichkeit mAn nicht, oder nur im sehr geringen Umfange! Meine Spekulation: Die Hartz-IV-ler in D. sind ein zu heterogener Haufen. Ein Soziologe oder Kulturanthropologe vom Fach könnte meinen Gedankengang hier sicherlich weiter fortführen…
Schlußsatz: Das mit der Freiheit ist schon so eine Büchse der… , was Da bei genauem Hinsehen alles herauskommt. Sozialneid, Sozialrassismus… Freiheit!
Nachdenkliche Grüsse aus dem -6° C kalten Frankfurt,
Bernhard
@ich, #14, Nachtrag:
Die große allgemeine Freiheitseinschränkung brachte schon ein gewisser Roosevelt, nicht der Teddy, sondern der F. D. auf den Punkt: Wir wissen nun, dass eine Regierung des organisierten Geldes genauso gefährlich ist wie eine Regierung des Organisierten Verbrechens. So kann man das auch beschreiben.
@ Weissgarnix: sehr guter Beitrag meiner bescheidenen Meinung nach.
wgn,
du hast 2 völlig verschiedene Forderungen.
1. GLEICHHEIT von faktisch materieller Freiheit. Diese Forederung unterstützte ich nicht im geringsten und führt in der Tat unweigerlich nach Nordkorea.
Die “Gesamtfreiheit” eines solchen Gemeinwesens wäre auch sehr klein.
2. Gleicher Vorteil für alle durch Bildung eines Staatswesens. Unterstütze ich auch nicht im geringsten. Sieh dir mal Kongo oder Russland oder so an, da gibt es kein Staatswesen. Aber Warlords und Oligarchen gibt es. In unserer Gesellschaft profitiert vor allem die Einkommensmittelschicht vom Gesellschaftsvertrag. Superreiche gäbe es auch ohne, Arme auch.
An beidem ist natürlich was dran. Insgesamt ist eine Gesellschaft ziemlich unfrei, wenn zwar einige alles tun können und die meisten nichts. Es ist objektiv schwer die Gesamtfreiheit einer Gesellschaft zu messen. Die Vielfalt der gelebten Lebensstyle ist aber ein Hinweis, wenn man davon ausgeht, dass die Menschen Freiheit auch nutzen und nicht eh alles das gleiche wollen.
Und es muss für alle vorteilhaft sein, dem Gesellschaftsvertrag zuzustimmen, aber nicht für alle gleich vorteilhaft. Überleben z.B. ist schon ein recht großer Vorteil. Damit braucht sich aber auch ein Schwerbehinderter nicht unbedingt zufrieden geben.
befinden wir uns seit Mitte der 90er-Jahre nicht auf einem Pfad hin zu mehr “Sozialismus”, sondern in die exakte Gegenrichtung, hin zu mehr Liberalismus.
Das ist ganz klar falsch. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie du darauf kommst. Erst Schröders Agenda 2010 ging nenneswert in diese Richtung. Dafür werden schon wieder entmündigende Reformen im Bildungs- und Erziehungswesen durchgeführt. Steuern und Abgaben und selbst Arbeitsrecht sind nicht die einzigen Dinge, die liberal oder sozialistisch gestaltet werden können. Der Liberalismus war weitgehend auf dem Rückzug. Die Globalisierung hat nur in den Bereichen die internationalem Wettbewerb ausgesetzt waren Auswirkungen gehabt, die Änderungen wurden meist auch mit der Notwendigkeit der Wettbewerbsfähigkeit begründet, und nicht mit dem Wunsch nach mehr Freiheit. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass das Staatsziel in Deutschland die Erhöhung des BIP ist. Die Politiker tun fast alles, wenn sie glauben, dass diesem Ziel gedient wird. Wenn die Wirtschaftswissenschaft eine exakte Wissenschaft wäre, könnten wir die Demokratie abschaffen und kämen zum gleichen Ergebnis.
Die plutokratische Oligarchie [das, was wir mEn derzeit haben] müssen wir als sittlich unzulänglich bezeichnen. Auch wenn wir die Ungleichheit der Ansprüche hinnehmen und im Gegensatz zum Sozialismus in der Vielfältigkeit der Bedürfnisse [...] eine Grundlage der Weltkultur erblicken, so können wir das freie Spiel der Kräfte, das auf dem Boden unserer Wirtschaftsordnung gleichsam als unbeabsichtigte und unbesprochene Nebenwirkung die erbliche Plutokratie erbaut, nicht hinnehmen. Das Menschendasein ist nicht geschaffen, um nach vorausbestimmtem Schicksal unter die Zufallsmächte gebeugt zu werden, die aus dem willkürlichen Spiel des fessellosen Wirtschaftskampfes emporsteigen.
Besitzverteilung ist ebensowenig Privatsache wie Verbrauchsanrecht.
Wir haben keinen Grund, nach dem Eisenbartrezept des Sozialismus das tausendjährige Gebäude organischer Arbeit zu zerbrechen, um polizeilichen Bürokratismus an die Stelle des Wettkampfes, verbreitertes Speisemarkenwesen und gehobenes Armenrecht an die Stelle bürgerlicher Freiheit zu setzen; doch von neuem und endgültig sehen wir uns zu einer Reformation gewiesen, die ein neues Reich sozialer Freiheit auf der Grundlage gerechteren Verbrauchsanspruchs, gleichmäßigerer Besitzverteilung und kräftigeren Staatswohlstandes erbaut.
Walther Rathenau, 1916
@Ich
>Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass das Staatsziel in Deutschland die Erhöhung des BIP ist. Die Politiker tun fast alles, wenn sie glauben, dass diesem Ziel gedient wird.
Das ist nicht weiter verwunderlich, weil das ist ein integraler Bestandteil der “sozialen Marktwirtschaft” und war es immer schon. Der eigentliche Vater der sM, Müller-Armack, forderte in seinen Schriften klipp und klar, dass “soziale Politik eine Wachstumspolitik” sein müsse. Und in Ludwig Erhards “Wohlstand für alle” steht das Wort “Wachstum” glaube ich 20x auf jeder Seite.
Müller-Armack würde heute vermutlich zu anderen Aussagen kommen, und Erhard anno 2009 seine wirtschaftspolitische Maxime dahingehend adaptieren, dass ein wachsendes BIP nicht mehr automatisch eine gleichförmige Einkommensverteilung bedeutet, und alleine deshalb “sozial” wäre. Darüberhinaus würden beide wohl feststellen, dass anno 2009 die Wachstumsraten nicht mehr die gleichen sind, wie Ende der 50er und anfang der 60er-Jahre. Erhard müßte sich also entscheiden, ob “Wohlstand für alle” nach wie vor die Maxime bleiben soll, und was das eventuell für die stärkere Betonung des “sozialen Ausgleichs”, der ja ebenfalls ein integraler Bestandteil der SM war, bedeutet.
Die deutsche Politik steht aktuell an demselben Punkt, tut aber so, als wäre dem nicht so. Viele der Reden und Konzepte, von denen wir tagtäglich hören, gehen noch immer davon aus, dass BIP-Wachstum alleine “die beste Sozialpolitik” wäre. Doch wenn wir eines in den letzten 15 Jahren gelernt haben, dann dass das nicht stimmt. “Jobless recoveries” und Reallohnstagnation trotz wachsendem BIP sind Realitäten, die zwar ein Erhard noch nicht kennen konnte, eine Merkel, Glos, Steinbrück und Westerwelle aber schon.
@Miesespeter
>Anzumerken waere aus meinem Blickwinkel lediglich, dass Erhard’s ‘Wohlstand für alle’ eine Blankoformel ist,
Stimmt.
>Ob Erhard sich aber haette vorstellen koennen, dass auch eine Staatsquote um die die 50% nicht ausreichend ist, um diesen Wohlstand herbeizufuehren?
Ich schrieb es gerade vorhin an “Ich”: Müller-Armacks und Erhards Denken beruhte auf den Wachstumsraten der Wirtschaftswunderjahre und kannte weder “jobless growth” noch Reallohnstagnation. Erhard hätte sein Denken heute zweifellos an die neuen Gegebenheiten anpassen müssen. Ich bin aber überzeugt, dass “Wohlstand für alle” dabei dennoch die Maxime geblieben wäre.
>Muessen nicht soziale Ausgleichsmechanismen insbesondere dort existieren, wo tatsaechlich ein Individuum als Marktwirtschaftssubjekt nicht mehr mit den Anforderungen der Konsumenten mithalten kann?
Punktuell mag das so sein, man denke aktuell an die Arbeiter bei Opel oder Qimonda. Langfristig muß das nicht so sein, denn vielleicht finden die ja alle Jobs anderswo, wo sie also den Anforderungen des Konsumenten noch genügen. Unterm Strich würde ich den Bedarf an Ausgleichsmechanismen daher von der anderen Seite kommend definieren: sie sind überall dort nötig, wo die Einkommensmöglichkeiten aus dem Privatsektor nicht ausreichen, um menschenwürdig zu leben. Was “menschenwürdig” ist, muß man definieren. Bekanntlich sehe ich derlei Ausgleich aber nicht primär als “Passiveinkommen” à la HartzIV, sondern als alternative Beschäftigungsmöglichkeiten im öffentlichen Sektor.
>Ist nicht andererseits der Innovationsdruck durch den verschaerften Wettbewerb in der Globalisierung so gestiegen, dass dies immer weniger Menschen und auch Unternehmen im alten Westen gelingt?
Ja, das schrieb ich auch bzw vermeinte ich zu schreiben.
>Was soll die Antwort darauf sein? Den Wettbewerb/Produktivitaetsdruck senken und mehr Menschen beschaeftigen, dafuer aber weniger in die Verteilung eingreifen muessen und den Konsumenten taxieren?
Ja. Zumindest als mittelfristige Vision, mit vielen Fragen zu Details und Übergangslösungen auf dem Weg dahin.
>Die dadurch entstandenen Fehlallokationen sind so massiv, dass sie politisch gar nicht mehr rueckgaenig zu machen sind.
Stimmt, aber jetzt mal konkret: was sind “Fehlallokationen”? In meinen Augen sind es Investitionen, von denen man sich deutlich mehr versprach, als sie zu liefern im Stande waren. Warum häuften sie sich in den letzten Jahrzehnten? Etwa weil das Geld so billig war, wie die Ösis und unser aller Freund Halbgott meinen? Makes no sense to me, denn je billiger das Geld, um so leichter wird eine fehlgeschlagene Investition nicht zu einer solchen, und wir reden daher erst gar nicht über “Fehlallokation”. Meiner Meinung nach ist dieser Umstand einem einzigen Faktor geschuldet, der da lautet: Politik der “hohen Wachstumsraten” auf Teufel komm raus, sprich eine “hohe Gewinne/hohe Investitionsnachfrage”-Strategie. Die hohen Investitionen hat man wohl gefahren, die Gewinne blieben aber aus … bingo!
Wenn man so will, dann gelangten wir schon längst an das natürliche Ende der “sozialen Marktwirtschaft”, zumindest insoferne, als die sich auf stetiges Wachstum als primären sozialen Faktor konzentrierte, ohne es so richtig zu merken. Die Lösung besteht also darin, “investiv abzurüsten”, was einen strukturellen Rückgang der Gewinnquoten und deutlich niedrigere Wachstumsraten zur Folge haben wird. Allerdings auch deutlich niedrigere Inflationsraten, was ja auch nichts schlechtes wäre.
>Maximale Freiheit fuer alle kann es nicht geben.
Natürlich nicht. Die Kunst liegt darin, einen Ausgleich zwischen formalen und materiellen Freiheiten dergestalt zu finden, dass allgemein das Gefühl vorherrscht, es ginge halbwegs “gerecht” zu. Mehr kann man nicht tun, und sollte es auch gar nicht versuchen. Ich schrieb es früher schon mal: in meiner Vorstellung eines “gerechten” Wirtschaftssystems wird es nach wie vor Einkommensunterschiede, Villen am Meer, Ferraris und Superjachten geben.
@wgn
Wohlstand für alle
In den Briefen von Ludwig Erhard finden sich auch schöne Beispiele, daß er sich auch als Wirtschaftsminister für alle in Deutschland lebenden Menschen verstand
Lies noch einmal Adam Smith, der Mann verdient es nicht, auf den Ahnherrn des Bonsai-Liberalismus reduziert zu werden.
Lies mal
ADAM SMITHS GERECHTIGKEITSKONZEPTION
den link findest du selbst, den Verfasser auch
@wgn
Der Begriff “Freiheit” von diesem nimmt ein Teil der gravierenden gesellschaftlichen Irrtümer ihren Anfang. Auf diese Grundlage wird mir in den obigen Beiträgen zu wenig Bezug genommen. Als wäre klar, was damit allgemein gemeint wäre.
Ich meine nix ist hier klar. Ist der Mensch denn überhaupt frei? Falls ja, zu was? Welche Handlungsmöglichkeiten hat er denn tatsächlich, in gegebenen Gesellschaften? Kann er sich ohne Zwang zwischen diversen Alternativen entscheiden? Will er das überhaupt?
Des Kabarettisten Richard Roglers erstes Soloprogramm 1986 (als den noch keiner kannte) lautete: Freiheit aushalten
Roglers Erkenntnis – in dem Programm satirisch wunderbar herausgearbeitet – und dieser schließ ich mich an: Freiheit ist nur schwer bis überhaupt nicht auszuhalten.
Was das im einzelnen bedeutet will ich hier gar nicht durchdeklinieren.
Indes, von diesem glitschigen Fundament (Der Mensch ist irgendwie frei) werden die kühnsten gesellschaftlichen Entwürfe generiert.
Wen wundert es da, das hinterher wenig funktioniert.
WGnix: eine entscheidene politische Grösse neben Sozialisten und Liberalen hast du im lesenswerten Aufsatz aber vergessen.
Die Rechte. Also diejenigen, die Besitzstand, Abstammung, Klasse und dergleichen als Anliegen hat und Gleichheit und Freiheit höchstens für ihre partikulären Interessen schätzt.
Mag wohl daran liegen, dass solcherlei poltitische Positionen heute höchst unpopulär sind und deren Vertreter sich lieber unter die anderen politischen Positionen mischen und fleissig Kreide fressen. Schliesslich muss es rhetorisch auch passen. Der Tribut an die Demokatie, die diese Leute innerlich sicherlich verachten, bedroht sie sie doch mit einem peinlichen Scherbengericht. Leider kommt nach dem Fressen von Kreide aber immer so ein halbgarer Brei raus. Aber der Wille zur Macht muss ja auch kein rationalistisches Federlesen machen.
“Indes, von diesem glitschigen Fundament (Der Mensch ist irgendwie frei) werden die kühnsten gesellschaftlichen Entwürfe generiert.”
Die einzige Freiheit die ein Mensch hat ist die nein zu sagen zu dem was er will und das ist schon ne ganze Menge.
@Libero
>Lies noch einmal Adam Smith, der Mann verdient es nicht, auf den Ahnherrn des Bonsai-Liberalismus reduziert zu werden.
Weiss ich spätestens seit Keynes’ “The end of laissez faire”. Das Problem ist, dass Smith für alle nur als der “invisible hand”-guy gilt, und die allerwenigsten (mich inklusive) sein umfassendes moraltheologisches Werk kennen.
Hallo Weissgarnix.
Du immer mit Deinen superliquiden und capillotrakten Fremdwörtern.
Was bedeutet denn “insinuativ”?
Grüße, GP
@GP
>Was bedeutet denn “insinuativ”?
Ist vermutlich eine Eigenkreation, die ich aus dem lateinischen “insinuo, -are” (eindringen, überzeugen) hergeleitet habe, um die Welt an meiner humanistischen Bildung teilhaben zu lassen …
Das Verb “insinuieren” gibt’s aber meines Wissens auch im deutschen Sprachgebrauch
“insinuieren” heisst im dt. Sprachgebrauch so viel wie “einreden”, meist im Sinne von unterstellen, unterschieben.
Grammatisch richtiger wäre hier “insinuierend” gewesen, “insinuativ” ist in der Tat befremdlich und würde kaum eine Deutschlehrer-Korrektur unangestrichen überstehen.
Wie gut das man in Deutschland schreiben darf wie man will…
@Ich, the first and real one
“GLEICHHEIT von faktisch materieller Freiheit. Diese Forederung unterstützte ich nicht im geringsten und führt in der Tat unweigerlich nach Nordkorea.”
Diese unsinnige ist glaube ich nicht auszurotten. Ich war noch nie in Nordkorea und kann dazu nichts sagen. Ich wuchs aber im Mutterland des real existierenden Sozialismus. Da herrschte nie Gleichheit, nicht mal im Ansatz, sie wurde auch nie ernsthaft angestrebt, sondern nur, im Wortsinne, auf die Fahnen geschrieben. ( Es wurden nur welche enteignet und andere haben es sich in etwas anderen Rechtsform zugeeignet). Es gab Millionäre, es gab Penner, beides nicht ganz offen, aber auch nicht ganz versteckt. Das beliebteste Sprichwort der Führung war: “wer nicht arbeitet, isst auch nichts.” (erinnert an Hartz IV oder?) Man kann der weitgehenden Durchsetzung der Gleichheit so oder so gegenüberstehen. Aber real existierende sozialistische Länder können nicht als ein taugliches Beispiel für die weitgehende Durchsetzung des Gedanken der Gleichheit dienen. Sie waren unserem Hartz IV-Staat in vieler Hinsicht viel ähnlicher als der Bundesrepublik in den 70-er.
In Gesellschaft ist die Freiheit des Einzelnen immer beschränkt. Wer selbst über genug Machtmittel verfügt sich seine Freiheit selbst zu schaffen, der bevorzugt die “formal-gleiche” Freiheit. Denn sie ermöglicht es ihm ein mehr an Freiheit auf Kosten der anderen zu erlangen. Wer das nicht mag oder nicht kann, der bevorzugt den “Sozialismus”. Das ist das ganze Geheimnis des Neoliberalismus.
Das Sein bestimmt das Bewusstsein..
@ Miesepeter & wgn
“>Maximale Freiheit fuer alle kann es nicht geben.
Natürlich nicht. Die Kunst liegt darin, einen Ausgleich zwischen formalen und materiellen Freiheiten dergestalt zu finden, dass allgemein das Gefühl vorherrscht, es ginge halbwegs “gerecht” zu. Mehr kann man nicht tun, und sollte es auch gar nicht versuchen. Ich schrieb es früher schon mal: in meiner Vorstellung eines “gerechten” Wirtschaftssystems wird es nach wie vor Einkommensunterschiede, Villen am Meer, Ferraris und Superjachten geben.”
Sehr gut getroffen! Ein bißchen besser als “halbwegs,” kann man es schon hinkriegen, aber absolute Gerechtigkeit ist nicht möglich. Wer seine Mitmenschen anständig leben läßt, dem gönne ich seinem Ferarri (wenn er denn mit Grünzeug angetrieben wird ).
@Wgn
du findest solche Aussagen auch in wealth of nation, zum Beispiel die zweite Aussage über die NACHTEILIGEN Auswirkungen der Arbeitsteilung auf den Menschen. Wer jemals am Band gearbeitet hat, muß sich wundern, wie weitsichtig und einfühlsam dieser Asam Smith war.
Falls du noch gedruckte Kanonen brauchst
Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus
von dem Neoliberalen Alexander Rüstow 1950 Erstdruck, Zweitdruck 2004
eine frühere Fassung unter dem Titel
Die Religion der Marktwirtschaft Unsichtbare Hand
Gleichgewicht and so on, alles Begriffe mit theologischen Hintergrund. Rüstow war damals in der Türkei und suchte auch nach Spuren der unsichtbaren Hand im islamischen Schrifttum. Und richtig, er fand Theoretiker, die wie die Vorläufer von Adam Smith die unsichtbare Hand nennen. Staat, das ist bloßes Menschenwerk. Die unsichtbare Hand, der nähert sich Adam in der sixtinischen Kapelle. Das Adam Smith das auch so sah, sieht man an der wenige bekannten Nennung der unsichtbaren Hand in seinem Buch über Astronomie!
Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus
Diss 1961 von dem Jesuiten Egon Edgar Nawroth
siehe auch Kolloquium zu seinem 90 Geburtstag in der Zeitschrift die Neue Ordnung 2003 Heft 1
UND
die Gesellschaft freier Menschen von Walter Lippmann 1949
Das Buch erschien in englisch 1936 und ist, wie die oben genannten Bücher eine Abrechnung mit dem Wirtschaftsliberalismus. Es war der Anlass für das nach im benannte Colloquium in Paris 1937
Man sagt, es wären heute Neoliberale. Das ist falsch.
Neoliberale sind das nicht, das waren Rüstow und Röpke, Eucken und Böhm. Es sind die Wiederkäuer der Wirtschafts-/ und Altliberale.
@Weissgarnix:
“die Behauptung ist meines Erachtens nicht von der Hand zu weisen, dass die meisten Arbeitnehmer während dieses Zeitraums effektive Wohlstandsverluste erlitten und sich die relativen, materiell-faktischen Freiheitspositionen innerhalb der Gesellschaft daher zu ihren Ungunsten verschoben haben.”
Weniger Wohlstand? Da kommen doch dann gleich Argumente à la “früher hat man sich nicht von einem durchschnittlichen Monatsgehalt mehrere Flachbildfernseher, CD-Player etc. leisten können. Und Essen und Kleidung sind doch inzwischen auch so schön billig!” => Was verstehst Du denn eigentlich unter “Wohlstand”?
@Phoenix05: Ich denke, daß die Politik bzw. die aktuell zur Verfügung stehenden deutschen Parteien allesamt keine Lösung unseres Finanz- und Wirtschaftsproblems sein können. Die Mißstände müssen erstmal beseitigt werden. Wenn ich mir die aktuellen Politiker anhöre, dann denke ich in keinem einzigen Fall: “Jawoll, wenn DER mit seinen Jungs und Mädels an die Macht kommt, DANN wird alles gut!”. Und das macht mir ein wenig Angst.
Du schreibst:
“Die Arbeitskräfte sind jedoch örtlich (o.k., seit Hartz 4 nur noch national) gebunden.”
Um mal weiter zu denken: Man könnte den Zwang zur Annahme einer Arbeit ja über die Grenzen hinaus ausweiten. ‘Entweder nimmst Du den Job als Näher in Indien an, oder Du kriegst kein Hartz-4 mehr!’
@Weissgarnix bzgl. #19:
Ich kann das Wort “Wachstum” so langsam nicht mehr hören. Wenn es allgemein um qualitatives Wachstum gehen würde, dann wäre das ja prinzipiell in Ordnung. Aber solange Wachstum untrennbar mit ansteigenden Abbauraten eklatant endlicher Rohstoffe verbunden ist, dann ist dieses Wort einfach pfui. (Wollte ich nur mal loswerden.)
Hoppla. Jetzt sehe ich, daß Du dieses Wort in #20 kritisch beleuchtest. Gut!
Aber ist es nicht so: Aegroto, dum anima est, spes est.
@wgn
Korrektur
Nawroth ist Dominikaner
Aber solange Wachstum untrennbar mit ansteigenden Abbauraten eklatant endlicher Rohstoffe verbunden ist, dann ist dieses Wort einfach pfui
Metalle wandern in den Metallpool. Verloren sind die Kohle-, Gas und Erdölvorkommen. Es gibt ein paar kritische Rohstoffe, aber es gibt auch einige bisher kaum genutzter Werkstoffe mit großen Rohstoffvorkommen.
@edicius
>Grammatisch richtiger wäre hier “insinuierend” gewesen, “insinuativ” ist in der Tat befremdlich und würde kaum eine Deutschlehrer-Korrektur unangestrichen überstehen.
Bist du sicher? Ich habe mich bei der Bildung an “demonstrieren” orientiert, da sagen wir im Deutschen ja auch “demonstrativ” und nicht “demonstrierend”, meines Wissens weil wir es nicht als bloßes Partizip präsens des Verbs “demonstrieren” herleiten, sondern als Adjektiv des auf eine “Ausführung” hindeutenden Substantivs “demonstrator”.
@edicius
Es scheint der Fluch meines jungen Lebens zu sein, daß ich immer recht haben muß …
Eine Reihe von “über alle Zweifel erhabenen” Quellen verwendet wie meinereins die Form “insinuativ” in vergleichbarem Kontext. Kleine Linksammlung als Kostprobe:
http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2008/11/03/ernst-nolte-ii-der-streit-um-den-historikerstreit_525
http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc~E299921EA7581470493131140B732F62D~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_googlefeed_politik
http://www.lbib.de/query.php?id=19757
@wgnx
“in geradezu vollkommener insinuativer Schlichtheit” hast du gesagt, in einem ungewöhnlichen, adjektivischen Gebrauch von “Insinuation/Insinuieren”. Und ich vermute, hier liegt das Verständnisproblem oder das Irritationspotential: etwas (“Schlichtheit”) kann nicht als Eigenschaft haben “überredend/einflüsternd” zu sein – dazu bedarf es immer eines Akteurs, der dieses im Sinne hat. Nehmen wir dagegen:
in geradezu vollkommener demonstrativer Schlichtheit
hier kann das Demonstrative ohne weiteres im Geist des Lesers liegen, man würde dies sogar annehmen, “insinuativ” setzt aber eine fremde, verborgene Absicht voraus, die nicht ohne weiteres zum Adjektiv eines Objekts “befördert” werden kann.
Also: ich bin NICHT sicher, bin über dieses Wort auch erst gestolpert, als GP danach gefragt hat. Ich würde auch nicht behaupten, dass “insinuativ” irgendwie falsch ist, sondern richtiger, besser: besser, “insinuierend” gewesen wäre, das nämlich hätte auf den “Insinuator” hingewiesen – für diese Wortbildung würde ich beim Deutschlehrer auch einen Strich kriegen.
Nun ja – Deutsch ist auch nicht mehr das, was es mal war…. was hiermit demonstrativ insinuiert wäre.
@edicius
>Nun ja – Deutsch ist auch nicht mehr das, was es mal war…. was hiermit demonstrativ insinuiert wäre.
Schon möglich, aber klugscheissen läßt sich damit und darüber noch immer vortrefflich, wie es scheint …
Freut mich jedenfalls, daß ich Euch durch meine Frage endlich mal zu einem ernsthaften Thema habe leiten können. Immer dieses lamentative Wirtschaftsgeplänkel…!
@Libero
Bariumtitanat z.B.?
In einer globalisierten Welt schwindet die Solidarität innerhalb der Gesellschaft. Dies hängt damit zusammen, daß sich Arbeitsplätze leichter auslagern lassen als früher (durch Logistik, Telekommunikation, Containerschiffe etc.)
Die Diskussion, die wir heute führen, hat es vor ca. 150 Jahren schon einmal gegeben, auf einem materiell und technisch deutlich niedrigerem Niveau, mit ähnlichen Lösungsansätzen wie heute.
Als sich das jedoch nicht mehr aufrecht erhalten ließ, weil die Arbeiter langsam unruhig wurden, hat man daraus die Schlussfolgerung gezogen (ich verkürze hier mal bewusst): Wohlstand für Alle, INNERHALB einer Nation.
D.h. beuten wir die anderen aus, und schaffen innerhalb unserer Grenzen, unserer Gesellschaft mehr Wohlstand
=> Imperialismus, mit den bekannten Folgen
Im Endeffekt denken “Sozialisten” in Europa imperialistisch oder wenigstens nationalistisch. Weil die Sozialstandarts von denen sie träumen international überhaupt nicht durchsetzbar wären.
Ausgerechnet Kapitalisten denken sehr oft, ja was eigentlich?, “weltsozialistisch”?!
Natürlich sicher nicht aus Nächstenliebe, sondern aus Eigennutz, denn sie tragen durch ihr Gewinnstreben dazu bei, daß in andere Teile der Welt investiert wird, und das Problem der “unruhigen Arbeiter”, also der Ungerechtigkeit, somit auf die ganze Welt ausgedehnt wird.
Insofern hat Adam Smith doch recht gehabt, oder?
Ich sehe bis jetzt nichts, aber auch rein gar nichts was ihn widerlegt.
Das Problem der Ungerechtigkeit lässt sich nicht durch ein anderes Wirschaftssystem lösen, sondern nur durch WIRKLICHE internationale Solidarität.
Die Tietiens und Merzens dieser Welt beschleunigen diese Entwicklung eigentlich nur!
Ein deutscher Hartz 4 Empfänger lebt im Vergleich zur Näherin in Indien wie ein König, ohne zu arbeiten…
Nur sieht er es nicht, weil er sich mit dem (vermuteten) Durchschnitt seines Landes vergleicht, und sich benachteiligt fühlt.
Dieses Problem lässt sich nicht lösen ohne es international zu sehen!
Oder anders ausgedrückt: Solange die Menschen einen Michael Schumacher als Idol bejubeln, obwohl er sich zu schade ist in Deutschland Steuern zu zahlen, und das obwohl er ohne den deutschen Markt (und Mercedes) im Rücken niemals in die Formel 1 gekommen wäre, bekommen die Menschen (d.h. die Unter- und Mittelschicht) eben das was sie verdienen!
Wer nicht denken kann muß halt leiden…
Freiheit nach Friedrich-Merz-Art meint Anarchie von Eigentümer auf Kosten von Besitzern und Werktätigen.
Sozusagen Feudalismus reloaded.
@Phoenix
Diese Verschiebung von innerer (sichtbaren) Armut zur äusseren (unsichtbaren) Armut ist ja nicht der Arbeiterschaft oder dem gemeinen Pöbel entsprungen sondern den entsprechenden gutsituierten Eliten die auch weiterhin den gewohnten Luxus halten wollten.
Der Imperialismus war also der Ausweg der vermögenden Eliten ihren gehorteten “Wohlstand” NICHT auf die Gesellschaft zu verteilen, indem man NOCH mehr ausbeutete.
Das da natürlich auch jede Menge kleinbürglicher Opportunisten begeistert von waren, klaro.
Der letzte (gescheiterte) Versuch dieser Art dürfte Operation Iraqi Freedom 2003 gewesen sein.
Im Laufe der letzten 20 Jahre haben nun aber die Eliten die inländischen Arbeitnehmer gegen die ausländischen ausgespielt.
Und wenn sowas bei GM/Opel in Zentraleuropa schon klappt, dann ja wohl erst recht international.
Und warum können denn die Sozialstandards nicht weltweit angelichen werden?
Ausser einem sehr nachhaltigem Imageschaden diverser als überlegen geglaubten Kapitalismus-Typen wird wohl nichts passieren.
Und die parasitären Eliten wären natürlich weg.
Unter was laufen die Grundwerte des GG, wie Leben Würde Religionsfreiheit Freizügigkeit, Versammlungsfreiheit. informationelle Selbstbestimmung und der ganze Kram? Formale Freiheit oder faktisch-materialle Freiheit?
Sind nicht der Sicherung und dem Ausbau dieser Grundwerte unsere Volksvertreter verpflichtet? Ist nicht eine materielle Mindestausstattung ein Grundpfeiler dieser Sicherung?
Die indische Näherin als Vergleichsmaßstab heranzuziehen, ist doch wenig zielführend. “Iß deinen Teller leer. In Afrika verhundern Kinder!”
Das reicht zwar aus für eine diffuse Drohkulisse, offenbart jedoch gleichermaßen, daß die eigentliche Schieflage, daß das Kind nicht essen will, keinerlei ernsthafte Beachtung findet.
Die sich im Stich gelassen fühlenden hartz4-Eltern nennen ihre Kinder in Sippenhaft genommen. Der deutsche Politiker wirft ihnen vor, sie würden ihre Kinder in Geiselhaft nehmen. Der Graben ist bereits sehr tief und breit.
Die Leute in der Schlange an der Essenausgabe werden von den Einen als Totalversager, die nicht einmal mit ihrem Essensgeld haushalten können, eingestuft. Von Anderen hingegen als Alarmsignal für den Verfall der Gemeinschaft angeführt.
Das hier unleugbar eine Existenzkrise der Kombination aus Demokratie und Kapitalismus und Marktwirtschaft vorliegt, sollte unstrittig sein. Die Komponente Demokratie gilt aus gutem Grund als unantastbar. Die Marktwirtschaft hat auch sehr viele Fans und bringt auch auf erstaunlich breiter Front stimmig klingende Argumente hervor, die für ihre Tauglichkeit als Güterdinstributionswerkzeug sprechen. Bliebe also noch die Schraube des Kapitalismus, an der man drehen könnte. Leider exisitert hier der anerzogene bedingte Reflex, umgehend an irgendwas zu denken, was begrifflich mit Kommunismus oder Sozialismus belegt ist. Doch genügend open minded sollten sich doch auch andere Ansätze andenken lassen.
Der “Unfreiheit” ist ganz leicht abzuhelfen indem man die Menschen WIRKLICH gleich macht, also enterbt, bzw. das Vererben von Gütern über einen allgemeinen Rahmen hinaus unmöglich macht, und diese überschüssigen Werte einem Fonds zuführt, der Neugebohrene der Gleichheit wegen mit einem jährlich zu taxierendem Grundvermögen aus diesem Topfe GLEICHSTELLT.
Ein Jeder hätte somit aus der Erbmasse des Fonds der “Gestorbenen” ein Startkapital staatlicherseits mit seiner Geburt zu erhalten, und somit die REAL egalitäre Freiheit erhalten.
Es bedürfte keinerlei “sozialer” Errungenschaften mehr. Schlagartig könnte der Staat um Millionen “Mitarbeiter” erleichtert werden.
Die Ungleichheit besteht doch zuallererst darin, in welchem Hause und unter welchen Vermögensvoraussetzungen wir geboren werden, das ist die Krux, und sie wird es auch immer bleiben.
@ DkU #46
>Die Ungleichheit besteht doch zuallererst darin, in welchem Hause und unter welchen Vermögensvoraussetzungen wir geboren werden, das ist die Krux, und sie wird es auch immer bleiben.<
Womit wieder das ‘Eigentum’ das Maß für die ‘Verwertbarkeit’ von ‘Freiheiten’ wird…
“Die Ungleichheit besteht doch zuallererst darin, in welchem Hause und unter welchen Vermögensvoraussetzungen wir geboren werden, das ist die Krux, und sie wird es auch immer bleiben.”
Eben nicht die ungleichheit besteht darin mit was wir geboren werden mit langem oder kuzem Arm mit grossen oder kleinen Händen mit viel Hirnschmalz oder wenig. Das ist das unveränderliche.
Das ist die Ungleichheit die wir Menschen auszuhalten haben.
@Nanuk: Ich bin mir sicher, DkU hat nur vergessen zu erwähnen, daß er sowas auch angleichen will. Wenn jemand zu schön ist, dann braucht man nur ein wenig Gesichtshaut herumschieben, und schon ist diese unsagbare Ungerechtigkeit zum Wohle aller behoben.
Ich bin mir sicher, DkU hat nur vergessen zu erwähnen, daß er sowas auch angleichen will.
Denn rest könnt ihr von mir aus angleichen.
Weil es wenn man das erste akzeptiert es keinen gibt der durch eigenen Verdienst seine Leistung erbracht hat und genau das schmeckt den Ungleichmachern nicht.Weil ihnen dann die Begründung dafür fehlt warum sie mehr haben als andere und der eigene Reichtum nicht auszuhalten ist.
Die Ungleichmacher so nenne ich sie mal suchen nämlich für sich nach einer Antwort auf die Frage “Warum Lebe ich so gut und den anderen geht es so schlecht” um sich dann mit “Leistungs Gerechtigkeit” eine Hülse zu erschaffen ihren Reichtum auszuhalten und nicht aus der Gesellschaft rauszufallen.
Das hat schon die Katholische Kirche getan indem sie den Göttlichen Beistand als Begründung heranzog oder der Adel mit seinem Geburtsrecht.Denn die Gefahr aus der Gesellschaft rauszufallen ist oben viel höher als unten.Weil unten gibt es ne Menge Menschen mit denen man eine Gemeinschaft bilden kann oben wird es da schon sehr eng.
Der wahrheit ein wenig näher währe also ein Statement wir brauchen Leistungsgerechtigkeit damit die da oben sich noch in Deutschland zuhause fühlen.Wir können die Armen im Geiste ja nicht ausschliessen und schon aus Christlicher Nächstenliebe müssen wir die Leistungsgerechtigkeit als Einladung verstehen.
Gibt den Armen Reichen eine Chance ihrem Leben einen Sinn zu geben.
Wer möchte darf auch gerne über sie hinter vorgehaltener Hand lächeln wenn sie sich mit ihren Leistungsgerechtigkeit einen Platz in der Gesellschaft versuchen zu erkaufen.
Denn schlieslich sind wir nur Menschen.
Wgnx,
schön und wortreich geschrieben, und doch an der Oberfläche geblieben.
“Wohlstand für alle”
“die Behauptung ist meines Erachtens nicht von der Hand zu weisen, dass die meisten Arbeitnehmer während dieses Zeitraums effektive Wohlstandsverluste erlitten…haben”
Bitte erläutern: was ist Wohlstand, als Dein politisches Ziel ?
Ein Ex-Milliardär, der nur noch wenige Millionen hat, ist der
reich oder arm ?
In der Tonne in der Sonne, den Wein in der Hand, könnte Diogenes sagen: “Ich lebe wie ein Hund und bin stolz darauf! Ich besitze nur mein Gewand, meine Tonne und meinen Kopf. Aber den wirklich. Du dagegen, versklavt von Deinen Konsumbedürfnissen: Schau dich doch mal an! Diese Namen auf Deinem Pullover, auf Deiner Hose, Deinen Schuhen – davon bist Du doch abhängig! Und nachmittags Fernsehen, Handy wie alle anderen – bleibt da noch was von Dir übrig, wenn man diese Dinge alle abzieht?”
http://www.learn-line.nrw.de/angebote/praktphilo/didaktik/diogenes_gespraech.pdf
Wohlstand im Sinne von Diogenes: eine Tonne, einen Kopf, und Zugang zu Bildung. In diesem Sinne ist der Wohlstand in den letzten Jahrzehnten gestiegen.
Geld und Konsum sind am Ende nur Illusion.
@weissgarnix
“Müller-Armacks und Erhards Denken beruhte auf den Wachstumsraten der Wirtschaftswunderjahre und kannte weder “jobless growth” noch Reallohnstagnation. Erhard hätte sein Denken heute zweifellos an die neuen Gegebenheiten anpassen müssen.”
Tatsaechlich war fuer Erhard “Wohlstand fuer alle” nur dann denkbar, wenn alle Arbeitenden am Produktivitaetsfortschritt (ueber Lohnsteigerung) teilhaben. Erhard waere zumindest in diesem Punkt naeher an Flassbeck oder Lafo als an seinen selbsternannten Erben.
(Das Zitat findet sich in Aus Politik und Zeitgeschichte – Soziale Marktwirtschaft, den Link habe ich grade nicht zur Hand)
@Juergen
>Tatsaechlich war fuer Erhard “Wohlstand fuer alle” nur dann denkbar, wenn alle Arbeitenden am Produktivitaetsfortschritt (ueber Lohnsteigerung) teilhaben. Erhard waere zumindest in diesem Punkt naeher an Flassbeck oder Lafo als an seinen selbsternannten Erben.
Das ist zwar richtig, aber dennoch war “Wachstumspolitik” der ganz zentrale Pfeiler der SM. Alleine schon aus dem simplen Grund, dass “Produktivitätsfortschritte” nämlich konkret was für die bestehenden Arbeitsplätze bedeutet?
@weissgarnix
Ist schon klar, steigende Produktivitaet ohne Wirtschaftswachstum bedeutet Arbeitsplatzverlust.
Die Situation hatten wir aber sehr selten in den letzten Jahrzehnten.
Mir geht es v.a. darum, dass die Herren Erhard und Co. von diversen Interessensvertretern so interpretiert werden, wie es in die eigene Ideologie passt.
Uebrigens halte ich die Freiheitsdefinition von Hayeks, “Freiheit bedeute einzig frei zu sein von Zwang, der durch andere Menschen ausgeuebt wird” (nicht im Wortlaut) fuer absolut unpraktikabel. Denn wer Hunger leidet oder krank ist, dessen Leben ist von anderen abhaengig, also unfrei. Nach Hayek waere er aber immer noch frei, wenn ihm niemand zuvor sein Brot weggenommen hat oder die Krankheit von anderen Menschen aufgezwungen wurde. Wer todkrank ist wird fuer das rettende Medikament alles tun, sich auch in Sklaverei begeben. So entsteht aus einer “freiwilligen Vertragsschliessung”, ich rette dein leben, du bist meinem Willen hoerig, eine situation der Unfreiheit.
@ staph.aureus
Zitat:
“Wohlstand im Sinne von Diogenes: eine Tonne, einen Kopf, und Zugang zu Bildung. In diesem Sinne ist der Wohlstand in den letzten Jahrzehnten gestiegen.”
Du scheinst nicht mitbekommen zu haben, daß eine Lücke zwischen dem Anspruch der Grundsicherung und der tatsächlichen Sicherung klafft.
Die Tonne ist eine Propagandalüge und der Zugang zur Bildung leider auch.
In vor-hatz4-Zeiten war immerhin die Tonne die letzte Anbindung an den statistisch existentenWohlstand, der sogar erlaubte, ihn mit schweren Abstrichen zu versehen, um individuell auch einen Gang in die Bildung riskieren zu können.
Doch das wurde der globalen Konkurrenzfähigkeit des Exeportweltmeisters geopfert, gleichzeitig aber als nur Wenigen einsichtige Richtschnur in mehr Freiheit und Gerechtigkeit untergejubelt. Anderes als das Versagen einer Gesellschaft ist nicht zu erkennen.
Gruß aus der leckgeschlagenen Tonne
Ganz gute Begriffsbestimmung und Auseinandersetzung mit der Freiheit, aber durch und durch staats- und kapitalimmanent (bzw. -fetischistisch). Mit Stoiber gesprochen, “weil das ja klar ist”: Denn eine Sozialethik kann natürlich nicht auf die Konstitution der Gesellschaft, auf die Substanz der Vergesellschaftung reflektieren oder diese gar kritisieren, sondern die Verhältnisse nur hinnehmen, wie sie sind, und ihre Widersprüchen und Polaritäten hin- und herwälzen. Und so schwingt hier die Freiheit auch umher zwischen Staat und Markt, den beiden polaren Sphären der Warengesellschaft, in denen sich die als Warenmonaden konstituierten, als Staatsbürger- und Rechtssubjekte de facto verglichenen, formal gleich gemachten und nur als beziehungslose vereinzelte Einzelne gedachten, abstrakten Individuen bewegen müssen. Höchstmaß an Zumutbarkeit und Reflexion ist die Vermittlung, im stumpfen Sinne des “die gesunde Mitte finden”, dieser beiden Pole von Herrschaft und Ausbeutung, weil ihren inneren Zusammenhang aufzudecken einfach zu viel verlangt wäre.
Es gab eine Zeit, in der Sozialismus noch als andere Art der Vergesellschaftung gedacht wurde, als “freie Assoziation freier Individuen” nämlich, und nicht nur als gewaltsamer Ausgleich des vom freien Markt (denn der ist gemeint, wenn es um “Freiheit” geht) verelendeten Gesellschaftsgefüges durch den Staat. Aber seitdem ist viel Scheiße passiert und was jetzt noch übrig geblieben ist vom Sozialismus, ist der totalisierte Sozialstaat, für den gilt, was von CDU und NPD formuliert wurde und was von allen Parteien und letztlich auch von diesem Blog unterstützt wird:
1. “Sozial ist, was Arbeit schafft”
2. “Sozial geht nur national”
Beides barbarisch.
Kommunistische Grüße,
Ernst
Erhellendes zum Thema findet sich in dem Buch Die Regierung der Freiheit.
@ Ernst
“Sozial geht nur national” wird hier doch nicht gepredigt.
“Asozial geht besser multinational” würde ich sagen, da erst der internationale Sozialabwertungswettlauf zum Anlocken von Kapital uns in diese Situation gebracht hat.
Danke an weissgarnix für diesen schön, sorgfältig, durchdacht und ausgewogen formulierten Beitrag!
(von einem hartnäckigen Linksliberalen, den es tatsächlich das Herz etwas wärmt, wenn er seine Positionen auf eine so gut formulierte Weise wiederfindet)
Ansonsten: Danke auch für dieses Blog und seine hervorragende Entwicklung in den letzten Monaten!
Venceremos!