Unschuld, Gier und Selbstbetrug

by weissgarnix on 7. Januar 2009

Auch die Financial Times Deutschland (FTD) schickt jetzt ihre Spitzen in die mediale Schlacht um die Verteidigung der strauchelnden Marktwirtschaft. Der stellvertretende Chefredakteuer Sven Clausen nimmt sich der dringenden Sache an und trägt unter dem Titel “Der große Selbstbetrug” sein flammendes Plädoyer vor. Und darin ist, wie könnte es anders sein, der Kapitalismus natürlich ein Unschuldslamm. Die wahren Schuldigen sind hingegen die anderen, ganz wie im richtigen Leben. Wer? Na wir natürlich, weil wir sind alle viel zu gierig! Der Kapitalismus hält doch nichts als Verbesserungen für uns parat, und das ständig, für uns alle. Aber was machen wir daraus? Gierig sind wir! Tzzz, da sind wir echt mal wieder selber schuld, wir Blödies!  

“Die meisten Menschen in der Wohlstandsgesellschaft leben ganz behaglich mit der Vorstellung, sich in einem Umfeld ständiger Verbesserung zu befinden.”

Da frage ich mich doch gleich am Anfang: Warum so bescheiden, Herr Chefredakteur? Ausnahmslos ALLE Menschen leben behaglich mit der Vorstellung einer “ständigen Verbesserung“. Das Problem ist nur: für die meisten Menschen blieb es in den letzten 10 oder so Jahren bei der bloßen Vorstellung. Das kleine Wörtchen “real“, mit dem unsere amtlichen Statistiker so gern um sich werfen, ist in diesem Kontext so gut aufgehoben wie in keinem anderen, weil real hat sich bekanntlich für den Großteil der Bevölkerung schlicht nix getan in Sachen “ständige Verbesserung“. Und zwar nicht nur in monetärer Hinsicht bezüglich der Entwicklung ihrer Einkommen und Kaufkraft, sondern insbesondere auch in qualitativer: Deutschland befindet sich seit Jahren und Jahrzehnten in diversen nicht-ökonomischen Kategorien auf dem absteigenden Ast, allen voran in Sachen Schulbildung und Universitäten. Woran das wohl liegt?

“Das Wirtschaftssystem, das vieles davon erst ermöglicht, ist zwar kapitalistisch und produziert viele Verlierer. Aber gut – es ist halt unter dem Strich doch ziemlich leistungsfähig.”

Bei allem Respekt: für einen “stellvertretenden Chefredakteur” einer Zeitung vom Format der FTD ist das eine bemerkenswert simple Logik. Die Frage, die angesichts des von Clausen selbstgewählten Themas im Vordergrund stehen sollte wär nämlich eigentlich die: “Warum muß ein Wirtschaftssystem überhaupt sowas wie “Verlierer” produzieren?” Ist das ein Naturgesetz? Läuft’s im Leben zwangsweise so ab wie im Fußball? (der Vergleich hinkt, zugegeben, weil dort gibt’s ja bekanntlich auch ein Unentschieden). Und gäbe es vielleicht auch noch andere Wirtschaftssysteme, die “unterm Strich ziemlich leistungsfähig” wären, aber dabei keine Verlierer produzieren? Darüber hätte man doch tolle Artikel schreiben können, oder etwa nicht?

“Der Wohlstand der Menschen ist bei einigen deutlich stärker, bei anderen schwächer gewachsen. Das ist so lange in Ordnung, solange das auf Leistung, am besten gar auf Genialität beruht, und Auswüchse – und damit auch Armut – verhindert werden. Keine Blase aber, weder die New-Economy- noch die Immobilienblase, hatte mit Genialität zu tun, jedenfalls nicht im Wortsinn.”

Zunächst mal sollten wir in der Aufzählung diejenigen nicht vergessen, bei denen der Wohlstand nicht “deutlich stärker” oder “schwächer“, sondern “gar nicht” gewachsen ist. Nach allem, was man so liest und hört, u.a. in den offiziellen Verlautbarungen unserer amtlichen Statistiker, soll es solche Leute ja durchaus geben. Auch in Deutschland, man mag es gar nicht glauben.

Darüberhinaus: wer die überproportionale Steigerung von Kapital- und Vermögenseinkünften anno 2009 noch immer aus Begriffen wie “Leistung” oder gar “Genialität” herleitet, den man muß man eigentlich nicht für voll nehmen, auch und erst recht nicht, wenn er für die FTD als stellvertretender Chefredakteur arbeitet. Der bewegt sich noch immer auf Marshallianischem Niveau der 1920er Jahre, oder gar in einer anderen Welt, in der so profane Dinge wie “monetäre Akkumulation” schlicht nicht vorkommen.

“Die Blasen wären nicht denkbar ohne universale Gier: die Gier der Privatanleger nach unrealistischen Wertsteigerungen bei Aktien von Kleinstfirmen, die Gier normaler US-Bürger nach überdimensionierten Immobilien samt Großkotzauto.”

Diesen Satz bitte besonders zu beachten, denn ab hier wird sich Clausen selbst untreu. Warum sollten nämlich die “normalen US Bürger” nicht nach “überdimensionierten Immobilien” gieren, wo diese doch nichts weiter darstellen, als die stinknormalen, “ständigen Verbesserungen“, die Clausen doch gerade erst am Beginn seines Beitrags diagnostizierte? Was heisst denn vor diesem Hintergrund überhaupt “überdimensioniert“, und was ist unter einem “Großkotzauto” zu verstehen? Macht Clausen etwa den US Amerikanern jetzt den Vorwurf, dass sie samt und sonders auf die Heilsversprechungen reingefallen sind, die er oben selbst noch zum Besten gegeben hat? Ist der Kapitalismus also per se “gut” weil er “ständige Verbesserungen für die meisten Leute” bringt, aber sind die meisten Leute nur “gierig” und “großkotzig” wenn sie diese Verbesserungen auch konkret einfordern? Und das sogar ohne schlechtes Gewissen, wo ihnen nämlich Politik wie Banken wie auch die medialen Hohepriester des Kapitalismus eingebläut hatten, dass das schon in Ordnung ginge, weil es sich dabei nämlich keineswegs um “irrationale Gier” handeln würde, sondern um die “ständigen Verbesserungen” und “Wohlstandsmehrungen“, für die der Kapitalismus doch geradesteht? Und zwar ein Kapitalismus in Best- und Höchstform, notabene, wo die Finanzierung nicht mehr durch so was schnödes wie “Banken” besorgt wird, die auf ihre altmodische Art eigentlich prüfen müßten, was sie denn da konkret finanzieren, sondern, viel besser, durch die “Internationalen Finanzmärkte”. Denen war das nämlich, auf gar wundersame Art und Weise, schlicht egal, was sich hinter einem konkreten Kredit verbarg, die finanzierten immer, gänzlich ohne “wenn” und “aber”. Das war nämlich selbstredend auch ein Merkmal der “ständigen Verbesserung“, die der Kapitalismus für die allermeisten Leutchen mit sich bringt, nicht wahr?

“Es ist diese Erkenntnis, die zu so viel verkappter Selbstanklage führt: Das System macht mehr Wohlstand, aber einfach keine besseren Menschen. Seit Jahrzehnten zwar pumpt es Reichtum in die westliche Welt, aber selbst das treibt den Menschen ihre niederen Instinkte nicht aus.”

Ja, es ist schon ein Kreuz mit diesen schlechten Menschen. Da steigt ein derart grandioses System gottgleich vom Himmel herab, offenbart sich ihnen in all seiner Herrlichkeit, und was machen die? Bleiben einfach auf dem Niveau ihrer urzeitlichen Vorfahren stehen! Und das, obwohl wir doch so gut wie alle in Reichtum baden wie Onkel Dagobert! Der Kapitalismus gibt sich ganz toll viel Mühe, pumpt und pumpt und pumpt, aber wie immer … Undank ist der Welt Lohn! Armer Kapitalismus, richtig leid kann er einem tun.

“Was die Menschen also wurmt: Ein wirklich umfassend gutes Gewissen lässt sich im System nicht herstellen, ein moralischer Führungsanspruch nicht ableiten. Sie leben immer noch in einer ziemlich schnöden Giergesellschaft. Kapitalismus taugt einfach nicht für Utopien.”

Wenn Herr Clausen ein wenig Ahnung von Wirtschaftsanthropologie hätte, würde ihm klar werden, dass diese “systematische Gier” aus nichts anderem herrührt, als dem von ihm so herzhaft verteidigten System selbst. Die menschliche Gier an sich ist selbstredend keine Erfindung der Neuzeit, aber als Grundlage der gesellschaftlichen Reproduktion, zum Ausdruck gebracht in dem plötzlich auftretenden Motiv, “Überschüsse” bzw “Gewinne” zu erwirtschaften, mit keinem anderen System verbunden als der Marktwirtschaft. Insoferne liegt Clausen der historischen Wahrheit diametral gegenüber: urzeitliches oder selbst mittelalterliches “Wirtschaften“, kannte in diesem Sinne keine “Gier“. Eines der beherrschenden Merkmale des damaligen Wirtschaftens war, laut dem hier bereits in anderem Kontext zu Wort gekommenen Karl Polanyi, die “Reziprozität“, sprich die unbedingte Gewissheit eines jeden Einzelnen in einer Stammesgesellschaft, dass ein für den Stamm geleisteter Dienst, sei es auf der Jagd oder in welcher Disziplin auch immer, durch eine entsprechende Versorgungssicherheit zurückempfangen werden würde. Ein Hinweis auf irgendwelche “Urinstinkte” der bösen Menschen ist für die mediale Reinwaschung des Kapitalismus von seinen Sünden daher in höchstem Maße unpassend.

In einem Punkt hat Clausen aber recht: für “Utopien” taugt der Kapitalismus tatsächlich nicht, außer man verfügt über eine nur sehr begrenzte Vorstellungskraft.

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Blick Log » Presseschau: Die Blicke in die Wirtschaft am 8. Januar 2009
8. Januar 2009 um 07:09

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1 Manifest 7. Januar 2009 um 16:20

Ich glaub es kaum – ein Beitrag mit viel Niveau und vom Denken durchdrungen…

Daß ich das noch erlebe.
Ich kann im Moment nichts aussetzen an deiner Replik.

2 edicius 7. Januar 2009 um 16:37

Hört sich an, als hätte sich auch bei der FTD ein Halbgott eingenistet ;-)

Ansonsten: die Unterscheidung zwischen ehrlichem, gutem, fleissigem (puritanischem) Gewinnstreben und nackter Gier – die ist ja auch schwierig, man bräuchte dazu eine Haarspalte-Vorrichtung mit Vorsehungs-Feature. Denn was realistisch und was übertrieben ist, weiss man ja immer erst hinterher, nie vorher oder währenddessen.

Das Problem hält aber sogar kluge Leute wie DTischer im Herdentrieb nicht davon ab, mich zu boykottieren, weil ich einst dem Säulenheiligen ASmith unterstellt hatte, er baue seine homöostatische Wohlstandslogik auf niederen Instinkten, aka Gier und Herdentrieb.

3 weissgarnix 7. Januar 2009 um 16:40

@Manifest

>Ich glaub es kaum – ein Beitrag mit viel Niveau und vom Denken durchdrungen…

Na, wenn Du das sagst. Habe ich aber abgekupfert, aus der deutschen “Vanity Fair”, die meine Frau vom Frisör mitgebracht hat …

:-)

4 pansen 7. Januar 2009 um 16:52

Hi WGN…

ich denke hier irrt der Meister:

“aber als Grundlage der gesellschaftlichen Reproduktion, zum Ausdruck gebracht in dem plötzlich auftretenden Motiv, “Überschüsse” bzw “Gewinne” zu erwirtschaften, mit keinem anderen System verbunden als der Marktwirtschaft.”…

Muss mEn heissen:
anderen System verbunden als dem KAPITALISMUS.”

Marktwirtschaft ist mEn in erster Linie die Organisationsform, welche einen Ort zum Tauschen bereitstellt …
Kapitalismus entsteht erst, wenn permanente Asymmetrien das Marktgeschehen bestimmen/vorantreiben.
Wer also mit Kartoffeln zum Tausch-Markt geht und am Ende des Markttages IMMER (und zwar über Generationen hinweg) mit mehr Wert in den Taschen heimkehrt, der muss vermutlich glauben, eine Art Goldesel sein Eigen zu nennen.

Ich würde also die Marktwirtschaft vom Kapitalismus trennen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Marktwirtschaft
Gregory Mankiw versteht Kapitalismus als Marktwirtschaft mit Privateigentum an Produktionsmitteln.[4] Beide Begriffe treten im heute vorherrschenden Wirtschaftssystem der kapitalistischen Marktwirtschaft gemeinsam auf; eine Marktwirtschaft kann gemäß dieser Klassifikation theoretisch jedoch ebenso ohne Kapitalismus als sozialistische Marktwirtschaft vorliegen wie Kapitalismus ohne Marktwirtschaft als kapitalistische Zentralverwaltungswirtschaft existieren kann.

Ansonsten bin ich über jeden Beitrag froh, der bei der Analyse möglichst tief im System ansetzt.

gruss pansen

5 bluedet 7. Januar 2009 um 17:13

>wgn

Das Gschmarri von Sven Clausen ist ja nichts wirklich Neues, aber an ihm reibt man sich als wgn natürlich gerne. Sinngemäß wird Svens Senf in allen Qualitäten in fast allen Medien dominierend serviert. Den Quatsch gibt ist in allen Arten von Verpackungen, je nach Vorliebe und Fassungsvermögen des jeweiligen Publikums. Der unter zunehmenden Leistungsdruck stehende Chefredakteur kann doch nicht anders. Die arme Sau, welche sich selbst Scheuklappen verpassen muss. Ja, auch seine Anzeigenwerbung bricht ein. Er muss sich und seine Zeitung doch genau der Klientel verkaufen, die die Anzeigen schaltet. Meinungsprostitution in diesem Sinne ist weit verbreitet. Es ist geradezu kennzeichnend für ein kapitalistisches und kommunistisches System bzw. für Machtapparate.

6 weissgarnix 7. Januar 2009 um 17:22

@pansen

Nein, das sehe ich keinesweg so. Unter “Marktwirtschaft” verstehe ich zwar ähnlich wie DU ein System, bei der hinsichtlich der wirtschaftlichen Koordination und Planung auf einen Mechanismus der “Selbstregulierung” des Marktes vertraut wird (und letztere sich wieder aus einem Subsystem von Teilmärkten zusammensetzt). Sobald wir in diesem Kontext aber von einer modernen Geldwirtschaft sprechen, sind für mich gleichzeitig alle Wesensmerkmale des “Kapitalismus” verwirklicht. Und über eine Marktwirtschaft, die vor der Geldwirtschaft exisitiert hätte, brauchen wir uns nicht weiter zu unterhalten, die gab es nämlich nicht. Zumindest haben Geschichtsforschung wie Anthropologie bis heute keinerlei Beweise dafür gefunden, dafür aber eine Menge von Indizien für das Gegenteil.
>Gregory Mankiw versteht Kapitalismus als Marktwirtschaft mit Privateigentum an Produktionsmitteln

Mit Verlaub: Greg Mankiw hat ein nettes Einführungswerk in die Makroökonomie geschrieben, auf das ich ab und an auch selber gerne verweise, weil es wirklich sehr simpel geschrieben ist, aber das war’s dann auch schon. Er ist in dieser Hinsicht leider auch nichts weiter als ein Mainstreamer, der glaubt, die Marktwirtschaft hätte sich aus dem “Tauschhandel” entwickelt.

Wenn du wirklich Lektüre suchst, die dir da weiter hilft, lies Karl Polanyi “Ökonomie und Gesellschaft”, oder google im Netz nach dem an mehreren Stellen abgelegten Aufsatz von George Dalton, einem seiner wichtigsten Schüler.

7 blogdriver 7. Januar 2009 um 17:24

@wgnx

Danke

8 Dipfele 7. Januar 2009 um 17:25

Wie schön könnte Kapitalismus sein, wenn es die Mennschen in ihm nicht gäbe. Für einen Stellv. der Financial Timmes wirklich ein enttäuschender Kommentar. Hätte er doch wissen müssen, wie man beides zusammenbringt: Der Staat und der Private legt für sich und seine Nachkommen – wie der gute Pappi das macht – einen sinking fund an. “Man muss (nur) Geld borgen zu einfachen Zinsen, um es auf Zinzeszinsen zu vermehren”, wie es weiland Dr. Richard Price schon gewusst hat. Und wenn sie dann nicht gestorben sind …

9 egghat 7. Januar 2009 um 17:39

“Diesen Satz bitte besonders zu beachten, denn ab hier wird sich Clausen selbst untreu. Warum sollten nämlich die “normalen US Bürger” nicht nach “überdimensionierten Immobilien” gieren, wo diese doch nichts weiter darstellen, als die stinknormalen, “ständigen Verbesserungen“, die Clausen doch gerade erst am Beginn seines Beitrags diagnostizierte?”

Naja, die Linken, die schon seit 30 Jahren vom Ende des Wachstums aufgrund endlicher Resourcen reden, machen auch einen Unterschied zwischen 1 oder 2% Wachstum aufgrund technologischer Verbesserung, etc. oder 3-4% Wachstum, dass die Regierenden und die Wirtschaft gerne hätte.

Es ist also schon ein Unterschied, ob ich als Sachbearbeiter im Büro von einem kleinen Haus oder einer Villa träume. Wenn sich der Sachbearbeiter heute wie sein (Sachbearbeiter-)Vater 1970 ein Haus leisten kann, ist das OK. Weil dieses Haus ja auch besser ist (allein durch die Elektronik die drinsteht). Wenn er aber meint, sich von seinem Gehalt eine Villa mit Flachbildschirmen als Bilderersatz kaufen zu können, dann ist das halt Größenwahn.

“urzeitliches oder selbst mittelalterliches “Wirtschaften“, kannte in diesem Sinne keine “Gier“. ”

Auch hier würde ich widersprechen. Fugger und die damals “Besitzenden” (Kirche, Adel) waren genauso gierig und goldsammelnd wie die “Besitzenden” heute. Und in Ägypten waren die Grabstätten der “Besitzenden” auch um einiges größer als die eines Normalsterblichen (hab ich mir sagen lassen). Ich könnte mir sogar vorstellen, dass damals das Vermögen und Einkommen von Reich und Arm weiter auseinanderklafften als heute.

10 Olaf 7. Januar 2009 um 17:43

“urzeitliches oder selbst mittelalterliches ‘Wirtschaften’, kannte in diesem Sinne keine ‘Gier’.”

Was für ein Quatsch. Die Habgier ist sowohl in der griechischen Mythologie und auch in den christlichen Schriften fest verankert – wenn auch (wie heute) in negativem Kontext. Das wird in noch graueren Vorzeiten nicht anders gewesen sein. Dagegen hat der Friede-Freude-Eierkuchen-Zustand, bei dem jeder sich für das Wohl der anderen einsetzt, nie existiert. Nicht einmal im Tierreich.

11 13 7. Januar 2009 um 18:06
12 Louis 7. Januar 2009 um 18:18

@ Manifest

“Das Wirtschaftssystem, das vieles davon erst ermöglicht, ist zwar kapitalistisch und produziert viele Verlierer. Das Wirtschaftssystem, das vieles davon erst ermöglicht, ist zwar kapitalistisch und produziert viele Verlierer. Aber gut – es ist halt unter dem Strich doch ziemlich leistungsfähig.”

> Gibt es auf dem Globus ein einziges halbwegs kapitalistisches Land, in welchem die Mehrheit der Bevölkerung nicht wohlhabend ist?

> Gibt es weltweit ein nichtkapitalistisches Land , in welchem die Mehrheit der Bevölkerung nicht in Armut lebt?

> Wer produziert also Armut oder Verlierer?

Das Ergebnis zahlreicher Studien belegt immer wieder :

1. Je mehr wirtschaftliche Freiheit (oder Marktwirtschaft oder Kapitalismus) in einem Land, desto reicher ist es, gemessen am Inlandsprodukt je Kopf der Bevölkerung.
2. Es gibt keine Nation, die ökonomisch frei und dennoch arm wäre – und keine, die unterdrückt und trotzdem reich wäre.

“Das Problem ist nur: für die meisten Menschen blieb es in den letzten 10 oder so Jahren bei der bloßen Vorstellung. Das kleine Wörtchen “real“, mit dem unsere amtlichen Statistiker so gern um sich werfen, ist in diesem Kontext so gut aufgehoben wie in keinem anderen, weil real hat sich bekanntlich für den Großteil der Bevölkerung schlicht nix getan in Sachen “ständige Verbesserung“.

> Tatsache ist, dass diese Stagnation eher durch eine anhaltende steigende Steuer,- und Abgabenlast, sowie durch die unaufhörlich wachsenden Sozialabgaben und die Einkommen aushöhlende Inflation verursacht ist und den Mittelstand ausradiert.

Es gibt kaum noch eine Familie, in der die Ehefrau nicht mitarbeiten müsste, um den relativen Lebensstandard halten zu können.

13 Andreas Kreuz 7. Januar 2009 um 18:31

Bei Clausen steht nichts, das weiter bringt.

Hier schon:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=3689

14 georgi 7. Januar 2009 um 19:02

#12:

wie man an diesem Beitrag sehen kann, wirkt die
Dauerverarsche im Stile Sven Clausens hervorragend.


Gibt es auf dem Globus ein einziges halbwegs kapitalistisches Land, in welchem die Mehrheit der Bevölkerung nicht wohlhabend ist?

Schau Dich mal in Osteuropa oder Lateinamerika um, oder
warte auf die kommende Depression!


Gibt es weltweit ein nichtkapitalistisches Land , in welchem die Mehrheit der Bevölkerung nicht in Armut lebt?

Gibt es noch nichtkapitalistische Länder? Außerdem ist
der Lebensstandard für die meisten Menschen im
Ostblock zum Teil drastisch gesunken.


Tatsache ist, dass diese Stagnation eher durch eine anhaltende steigende Steuer,- und Abgabenlast, sowie durch die unaufhörlich wachsenden Sozialabgaben und die Einkommen aushöhlende Inflation verursacht ist und den Mittelstand ausradiert.

Es gibt kaum noch eine Familie, in der die Ehefrau nicht mitarbeiten müsste, um den relativen Lebensstandard halten zu können.

Bekannte Story “Zuwenig Netto vom Brutto!”. Auch wenn sie
pausenlos in den Medien verbreitet wird, stimmt sie nicht.
Richtig wäre: “Zuwenig Brutto!”

15 Manifest 7. Januar 2009 um 19:19

@Louis (12)

Du meinst wgnx und schreibst an mich.
Denn ich bin nur ein kleines Licht.

Aber Antwort sollst du erhalten.

Wer hat die Aussagen mit dem “>” getätigt?
Sind das auch deine?

Damit ich (auch man) weiß, worauf eingegangen werden kann.

16 Juergen 7. Januar 2009 um 19:30

Wer genau moechte denn eigentlich den Kapitalismus abschaffen und den Sozialismus wieder einfuehren? Den schrillen Toenen nach, die jetzt aus allen Ecken zu vernehmen sind, droht uns ja ein neuer Stalin. Dabei ist es doch nur Lafontaine und von dem habe ich noch nicht gehoert dass er den Kapitalismus abschaffen moechte.

@georgi

ich befinde mich gerade in Sierra Leone. Hier zahlt die Mehrheit der Buerger und Unternehmen keine Steuern, der Staat haelt sich aus der Gesundheitsversorgung und Altersvorsorge weitgehend raus und die Strassen werden privat wieder “instandgesetzt”. Eigentlich ein kapitalistisches Musterland. Warum es hier nur soviel Armut gibt?

17 mylli 7. Januar 2009 um 19:43

@ weissgarnix

“Das Wirtschaftssystem, das vieles davon erst ermöglicht, ist zwar kapitalistisch und produziert viele Verlierer. Das Wirtschaftssystem, das vieles davon erst ermöglicht, ist zwar kapitalistisch und produziert viele Verlierer.

So untoll ist der Satz auch nicht, dass er gedoppelt sein muss.

Deutschland befindet sich seit Jahren und Jahrzehnten in diversen nicht-ökonomischen Kategorien auf dem absteigenden Ast, allen voran in Sachen Schulbildung und Universitäten.

Wie meinst du das? Akademikerquote z.b. steigt ja dauernd, bald gibts vielleicht sogar einen Obdachlosenbachelor, nebenberuflich natürlich.

Mein Vorschlag ist ein Geburtskanaldiplom für Lebendgeburten: Akademikerquote geht gegen 80 oder 90% und es gibt weniger Kaiserschnitte, nur weil es so besser in den Terminplan passt.

18 Manifest 7. Januar 2009 um 20:13

@Louis (#12)

Kann nur von dir sein.

> Gibt es auf dem Globus ein einziges halbwegs kapitalistisches Land, in welchem die Mehrheit der Bevölkerung nicht wohlhabend ist?

Wenn wohlhabend bedeutet, viele bunte Scheine zu besitzen und im Falle des Verlustes sich vor einen Zug zu legen….
Dann: Ja.

> Gibt es weltweit ein nichtkapitalistisches Land , in welchem die Mehrheit der Bevölkerung nicht in Armut lebt?

Armut definierst du jetzt aber nicht – oder wieder bunte Scheine?
Dann: Ja.

> Wer produziert also Armut oder Verlierer?

Das machen die Armen und Verlierer selbst – das System ist unschuldig.
Sie produzieren sich also selbst. Inclusive der Reproduktion.
Sie sind so gut zu dir.

> 1. Je mehr wirtschaftliche Freiheit (oder Marktwirtschaft oder Kapitalismus) in einem Land, desto reicher ist es, gemessen am Inlandsprodukt je Kopf der Bevölkerung.

Das Inlandsprodukt pro Kopf ist sehr entscheidend für mein Wohlbefinden…

An dieser Stelle sollten wir das Gespräch beenden, da wir in verschiedenen Welten leben.

Mich interessiert dieses ProKopfGelabere nicht wirklich.
Ich sammle auch keine Briefmarken.

19 Manifest 7. Januar 2009 um 21:04

@Kapitalismus statt Freiheit

Mir fiel gerade ein, daß die Online-Ausspähung zu meinem besten ist.

Von daher muß ich nochmals betonen, daß mein Account geknackt wurde und ich nix mit den Beiträgen zu tun habe.

Auch die unter meinem Pseudonym (….Lachanfall? ) verfassten Beiträge haben nix mit ir zu tun.

Ich bin Karriere – jäs ei känn!

20 harry 7. Januar 2009 um 22:32

mein erster kommentar in diesem wunderbaren blog…

@ wgn: “Wenn Herr Clausen ein wenig Ahnung von Wirtschaftsanthropologie hätte, würde ihm klar werden, dass diese “systematische Gier” aus nichts anderem herrührt, als dem von ihm so herzhaft verteidigten System selbst.”

Das trifft fast des Pudels Kern: Kapitalismus ist eine Ethik, bestimmte Handlungen werden positiv sanktioniert (Gier, …), andere negativ. Problem: Menschen sind anpassungsfähig und anpassungsbereit –> Kapitalismus erzieht den Menschen eben doch!

Kern der Kritik müsste der FTD-Satz sein: “Diese Erkenntnis, dass Gier die Menschen antreibt, ist nicht neu.” … das ist völliger schwachsinn. Wieviele intrinsische Handlungsmotive gibt es? z.b. nach steven reiss 16 (sparen, macht, unabhängigkeit, neugier, anerkennung, …), eigentlich trivial. dieser zwangsläufige reduktionismus des kapitalismus macht ihn menschenunwürdig.
der einleitende zweite Satz des FTD-Textes dürfte also nicht
“Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, kein humanistisches Erziehungsprogramm” lauten sondern “Der Kapitalismus ist ein Erziehungsprogramm, aber kein humanistisches Erziehungsprogramm.”

@georgi (12) und @FTD # ;-] was will man mit steigendem Wohlstand, wenn man bereits über ca. 10.000 US-Dollar Jahreseinkommen hat? Es geht doch dann nur noch um Positionsgüter – wenn ich ein größeres Auto kaufe, steigt meine Lebenszufriedenheit, mein Nachbar ist neidisch, seine sinkt, er erstebt auch das Großkotzauto, ich bin neidisch, wir spielen Zufriedenheitspingpong, und alles bleibt gleich. Also: seit ca. 1965 steigt in Deutschland der Wohlstand nicht mehr, Ökonomie ist gegenwärtig das ineffizienteste, was man sich vorstellen kann: aufschwätzen von Positionsgütern – und die Lebenszufriedenheit stagniert.

21 BAMA 7. Januar 2009 um 23:51

Und wieder einmal geht mir ein Blogeintrag von Ihnen runter wie Öl. Vielen Dank für die Darstellung Ihrer Gedanken, und von meiner Seite kurz die ausdrückliche Literaturempfehlung des Klassikers von Erich Fromm: “Haben oder Sein”.

Bitte (so) weitermachen!

22 enigma 8. Januar 2009 um 00:08

“Warum muß ein Wirtschaftssystem überhaupt sowas wie “Verlierer” produzieren? Ist das ein Naturgesetz?”

Auch wenn diese Betrachtungsweise nicht sehr menschlich klingt: gibt ein Wirtschaftssystem ein Effizienzkriterium vor, so müssen sich alle Gruppenmitglieder daran orientieren. Diejenigen, die eben nicht die erforderliche Grenzproduktivität aufweisen, sind damit ganz einfach aus dem Spiel. Das mag man bedauern und versuchen Abhilfe zu schaffen, das Ganze heißt dann Sozialtransfer. Davon gibt es in D. verdammt viel. Das kann man rechtfertigen. Und bevor noch jemand die romantischen Sippenzeiten beweihräuchert: wer z.B. bei Nomadenvölkern, deren Überleben an der Mobilität hängt, das Effizienzkriterium Mindestmobilität nicht (mehr) erfüllen konnte, der wurde eben zurückgelassen und konnte seinem sehr baldigen Tod entgegensehen.

Nein, ein Wirtschaftssystem, verstanden als ein Set von Struktur- und Verhaltensregeln hat nicht die Aufgabe, alle mit einzubeziehen. Das können nur die Menschen versuchen, die mit diesen Regeln agieren. Von daher geht der Vorwurf gegen den Kapitalismus ins Leere.

Eigentlich gehts doch darum, daß diese Wohlstandsmaschinerie gelegentlich ins Stocken kommt und dann das Geschrei groß ist, weil sich jeder über jeden beschwert, den schließlich will es keiner gewesen sein. Dabei ist die Konjunkturtheorie schon fast so alt wie die Nationalökonomie. Da sollte man doch meinen, daß sich die Menschen daran erinnern, daß es so was gibt, aber nein: irgendwer ist schuld: die Banker, die Sozialpolitik, die Gewerkschaften, jeder bekommt mal sein Fett weg. Und zur Zeit sind halt die “Gierigen” an der Reihe (ist ja auch so schön schwammig)!

Wie schön, daß sich der Kapitalismus um all das nicht kümmert, weder um die, die das gesetzte Effizienzkriterium nicht erfüllen, noch um diejenigen, die versuchen, das, was der Kapitalismus an Rendite tatsächlich leisten kann, mit ein paar laschen Tricks vorübergehend noch ein bißchen über Gebühr zu steigern. Auch wenn´s schwerfällt: die Neubewertung von Finanzvermögen in einer Krise ist doch genau das was man erwarten würde: das Finanzvermögen wird an das Realvermögen angepaßt. Und dazu muß man noch nicht einmal mehr verstanden haben als die Tautologie einer Fisher´schen Verkehrsgleichung. (Na gut, ist ein falsches Argument für das richtige Ergebnis, aber so sagt man es halt.)

So gesehen, funktioniert der Kapitalismus fröhlich wie gehabt; ob jemand meckert, interessiert nicht!

23 edicius 8. Januar 2009 um 00:21

@enigma

Vortrefflich! Kannst du mir bitte die vollständige postalische Anschrift des Kapitalismus schicken, damit ich ihm in aller Form schriftlich meinen Dank für seine übermenschliche, ja halbgöttliche Weisheit abstatten kann?

Danke.

24 Karl 8. Januar 2009 um 00:54

Nein, ein Wirtschaftssystem, verstanden als ein Set von Struktur- und Verhaltensregeln hat nicht die Aufgabe, alle mit einzubeziehen. Das können nur die Menschen versuchen, die mit diesen Regeln agieren. Von daher geht der Vorwurf gegen den Kapitalismus ins Leere.

Und die Menschen können jetzt die Struktur- und Verhaltensregeln nicht ändern? Das vom Spaghetti-Monster gegebene Wirtschaftssystem?

Klingt nicht überzeugend.

25 Dominik 8. Januar 2009 um 01:09

@enigma

Wie darf ich das bitte verstehen: “Eigentlich gehts doch darum, daß diese Wohlstandsmaschinerie gelegentlich ins Stocken kommt und dann das Geschrei groß ist, weil sich jeder über jeden beschwert, den schließlich will es keiner gewesen sein.”

Ich weiss ja nicht an welche Zeiträume du dabei denkst, wenn du von “gelegentlich” sprichst, jedenfalls erscheint mir das bei einer Zeitspanne von Mitte der 90er Jahre (in Österreich bzw wesentlich früher schon in England) bis dato nun wirklich nicht passend.
Bitte schau dir doch an, wann mit sozialen Kürzungen (und damit einhergehenden Verteilungskämpfen) losgelegt wurde, und wie lange sich schon die Situation stetig für die Masse verschlechtert.

26 AxOx 8. Januar 2009 um 01:34

Dem dialektischen Materialismus sind heutzutage weniger die Marxisten als die selbsternannten Apologeten des „neoliberalen“ Kapitalismus verfallen.

Dies ist natürlich erklärungsbedürftig!

Besagter „Materialismus“ geht ja von einer Unabwendbarkeit, Notwendigkeit und Logik der geschichtlichen Entwicklung aus. Im Mittelalter und Altertum hiess dies Teleologie . Die Modernisierung dieses Grundgedankens wurde von Hegel geleistet, dessen zumindest prominentester Schüler eben Marx ist, der die Teleologie ganz materialistisch ausdeutete. Seine wichtigsten Schüler aber, jedenfalls für unsere Gegenwart, sind diese heutigen dialektischen Materialisten, die diese Kommentare schreiben, über die unser WGNix hier herzieht.

Deren Mantra: es käme nur auf die Wirtschaftsform an, um das Wohlergehen der Menschheit sicherzustellen. Und natürlich wissen sie sehr genau, wie diese Wirtschaftsformen funktionieren müsse. Dahingegen keine fundierte Betrachtung von Moral, Ethik als mögliche Werte an sich – die passen ja auch nicht zum reinen oder zum dialektischen Materialismus.

Im Prinzip will uns der dialektische Materialismus nämlich nur weismachen, dass alles automatisch besser und höher entwickelt wird. Ein Freifahrtschein der Weltgeschichte, ehemals der Weltgeist Hegels und die Teleologie Aristoteles. Mit anderen Worten – die Geschichte wird von den Göttern gemacht, ausserhalb des Individuums. Keine Wahl, keine Chance.

Was ist dies anderes als politische Ideologie in Reinform?!

Ein echter Treppenwitz der Geschichte. Die modernen Kapitalisten als die besseren dialektischen Materialisten. Wie ehedem eine politisch motivierte Zweck-Ideologie. Nichts weiter. Oder hält gar jemand Aristoteles, Hegel oder Marx für Philosophen?

Was ganz anderes: der über meinem post befindliche Kommentar ist mir nur peinlich.

27 ike 8. Januar 2009 um 02:16

@enigma

soso, nicht nur ein wirtschaftsversteher sondern auch ein kenner der anthropologie altgeschichtlicher nomadenkulturen.

getreu feynmans cargo kult prinzip(namedropping imponiert hier jetzt bestimmt): nur weil es wissenschaftlich klingt heisst das noch lange nicht dass man nicht gequirlte scheisse labert.

28 ike 8. Januar 2009 um 02:17

aber sowas von gequirlt.

29 Henry Kaspar 8. Januar 2009 um 03:34

Ich finde den Leitartikel auch ziemlich duerftig. Genau genommen seht nichts drin ausser einer altbekannten Binsenweisheit: Kapitalismus produziert (meistens) materiellen Wohlstand, aber nicht mehr.

Schade dass die wirtschaftsliberale Presse in Deutschland so argumentations- und analyseschwach ist. Warum gibt es keinen deutschen Martin Wolf?

30 enigma 8. Januar 2009 um 04:18

# 23 edicius

Sorry, halbgöttlich ist ja hier schon diskreditiert.

Ernsthaft: Kapitalismus ist doch als Regelwerk ein Produkt der Interaktionen von Individuen. Von daher liegt auch der ganzen Geschichte keine Weisheit zugrunde, die irgendwo im Hintergrund die Fäden zieht.

Goodnight versucht es doch schon in der richtigen Richtung, indem er Interaktionen (=Kommunikation) von Akteuren als Merkmal des Kapitalismus zu identifizieren versucht. Man muß sich ja noch nicht mal durch Luhmann quälen um zu erkennen, daß (erfolgreiche) ökonomische Systeme sich dadurch definieren, ein anreizkompatibles Regelarrangement zu etablieren, das Menschen dazu bringt, durch Produktion UND Verkauf menschliche Bedürfnisse zu befriedigen (und natürlich ihre eigenen).

In diesem Thread geht´s doch aber darum, ob das Jammern über den Kapitalismus eine valide Basis hat. ME deswegen nicht, weil – wie angesprochen – die bisherige Kritik zu kurz greift, indem nur nach Schuldigen gesucht wird. Ich sage doch nur, daß der Kapitalismus genau so funktioniert, wie man es nach den gegenwärtig existierenden Anreizstrukturen erwarten kann.

Polemisch gesagt, was soll man denn erwarten, wenn 1999 der Glass-Steagall Act gekippt wird und sogar hier in D. noch anno 2006 geschrieben werden darf, “dass den Instituten keine unnötigen Prüf- und Dokumentationspflichten entstehen werden, wenn sie in ‘gängige’ ABS-Produkte mit gutem Rating investieren”.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,585546,00.html

Schuldige suchen ist leicht; wenn das herauskommt, was herauskommen muß, braucht man sich doch nicht zu wundern. Aber, wie gesagt, das System funktioniert!

31 enigma 8. Januar 2009 um 04:45

# 24 Karl

Spaghetti-Monster? Wie schon angedeutet, eine Wirtschaftsverfassung wie der Kapitalismus fällt ja nicht exogen vom Himmel (höchstens Heli-Ben). Und natürlich kann alles mögliche geändert werden, dann müßte man jedoch wissen, was, wie und zu welchem Zweck. Hatten wir doch gerade: die Änderung der Zulassungsregeln für verbriefte Finanzmarktprodukte ist doch (jetzt weiß man: zum Glück) noch nicht so lange her! Ergebnis??? Oder Steuerregeln: der Steuerjurist meint, bloß weil ein Steuersatz rauf oder runter geht muß schon die Steuerschätzung stimmen? Weit gefehlt!

Das heißt: Regeln ändern? Kann man tun, doch der Anschiß lauert überall!

32 enigma 8. Januar 2009 um 05:39

# 25 Dominik

Das eine sind Konjunkturzyklen, aber ich glaube, das ist hier nicht gemeint.

Sicher, Mitte der 90er Jahre war es mit den blühenden Landschaften vorbei, weil der Liquiditätseffekt aus der Ostmarkumstellung dann vorbei war und die Bauwirtschaft feststellte, daß sie am Bedarf vorbei produziert usw. Und so scheint es, als hätte sich jahrelang bei mickerigen Wachstumsraten nichts weiter getan. Hat sich aber doch, denn im Grunde wurde in D. die Sache mit der Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West tatsächlich ernst genommen! Im Westen blieb zwar einiges liegen und vergammelte und im Osten bekam man den Hals nicht voll, aber insgesamt kann sich das Ergebnis schon sehen lassen.

Was dabei vergessen wurde ist, daß die DDR Arbeiter im Grunde genommen damals das waren, was die Chinesen heute sind. Die w(s)ollten höhere Löhne bekommen, also wurde die Billigarbeit aus D. exportiert (vulgo: far outsourcing von Betrieben). D.h. die Einkommensbildung für alles, was “made in XY” (außer D.) ist, findet eben nicht mehr in Deutschland statt. Und so nahm die Globalisierung halt ihren Lauf. Man kann ja wie J. Jahnke sagen, es wurde falsch globalisiert:

http://www.jjahnke.net/schuld.html

Letztlich ist aber nicht der Kapitalismus schuld, sondern die Konkurrenz von 1 – 1,5 Mrd. Billigarbeitern. Das war zwar nicht so geplant, aber es ist so gekommen!

33 enigma 8. Januar 2009 um 06:13

# 28, 29 ike

“Feynman sieht die Verantwort des Wissenschaftlers nicht nur gegenüber anderen Wissenschaftlern sondern auch gegenüber Laien. Wissenschaftler müssen auch – oder vielleicht besonders – im Umgang mit Nicht-Wissenschaftlern darauf hinweisen, dass sie sich irren können.”

http://www.klein-singen.de/logik/trans_html/Wissenschaft/Cargo-Kult-Wissenschaft.html

Das kann man ja machen, so wie der Chef vom DIW Zimmermann, aber da gibt es zwei Probleme:

1. Die Laien wollen gar nicht wissen, daß man sich irren kann.

2. Wenn sie es wissen wollen, kann man es ihnen nicht erklären (sonst wären es keine Laien)!

Nu?

34 EuroOptimist 8. Januar 2009 um 08:53

“Das System macht mehr Wohlstand, aber einfach keine besseren Menschen. ”
Ich fasse es nicht: bessere Menschen! War es nicht einst ein Vorzug des Kapitalismus, dass er mit den Menschen funktionierte, wie sie nun einmal sind? Bessere Menschen waren die Utopie des Sozialismus. Ein System, das nach besseren Menschen ruft, steckt wirklich in Schwierigkeiten.

35 Frankie Bernankie 8. Januar 2009 um 10:08

Ein richtiger “Aufjauler”, dieser Artikel, und aufgejault wurde. Wie beim Merz seinem Buch.
Ich meine, der Sven Clausen hat seine Sache gut gemacht, zumindest als stellvertretender Chefredakteur der FTD: mit überschaubarem intellektuellem Einsatz wurde Aufmerksamkeit erzeugt, indem er in der allgemeinen Kapitalismusbeschimpfung einfach mal ein gerüttelt Mass an Menschenbeschimpfung als Kontrapunkt setzt.

Das ist zwar idiotisch und einer Wirtschaftszeitung unwürdig, aber wenn nicht mehr intellektuelle Strahlkraft vorhanden ist, und die FTD ihm trotzdem einen Leitartikel gönnt , kannst nichts machen, wgnx.

36 helix 8. Januar 2009 um 10:12

Fernsehtipp zur besten Sendezeit:

8.1.2009 23:45 ARD

Dokumentation: Der große Rausch

D 2008

Ein Investmentbanker packt aus

Geraint Anderson ist erst 35 Jahre alt, doch er hat schon viel erlebt in seinem Berufsleben: schnelle Karriere, Insiderhandel, Drogen, Sex, Gier, Fehlspekulationen, Panik. Anderson weiß, wovon er spricht. Er war Staranalyst einer deutschen Investmentbank in London und hat Millionen verdient. Jetzt bricht Geraint Anderson als erster Banker mit dem Schweigegelübde seiner Branche. In der Dokumentation “Der große Rausch” erzählt Stephan Lamby die atemberaubende Geschichte eines Bankers und der Geschäftspraktiken in der Londoner City, einem der größten Finanzzentren der Welt. Auf den ersten Blick ist die Geschichte von Geraint Anderson die von vielen Bankern in Frankfurt, London oder New York. Aber er entstammt dem Londoner Arbeitermilieu und hat zudem einen bildungsbürgerlichen Hintergrund, sein Vater ist Parlamentsabgeordneter der Labour-Party und heute Mitglied des House of Lords. Geraint Anderson arbeitet sich binnen weniger Jahre zum Experten für die Energie-Branche hoch und wird dreimal hintereinander zum besten Energie-Analysten Londons gewählt. Nach 12 aufregenden Jahren in der Financial City ist er ausgebrannt und durchlebt eine persönliche Krise. Von diesem Zeitpunkt an verläuft sein Leben anders. Er beginnt seine Erlebnisse in der Börsenwelt aufzuschreiben und in einer Londoner Zeitung zu veröffentlichen – anonym. Sehr bald erlangen die Bekenntnisse des “Cityboy” Kultstatus. Anderson beschreibt realistisch die Tricks der Branche und die persönliche Überforderung der zumeist jungen Banker. Er nennt keine Klarnamen, ihm geht es um die Moral einer Branche, die auf einen Abgrund zurast. Anderson sieht die Katastrophe kommen. Schließlich, Anfang 2008, kassiert Anderson noch ein letztes Mal eine hohe Bonuszahlung und steigt aus. Im Sommer dieses Jahres enthüllt er seine Identität – und sorgt für einen Eklat. Viele ehemalige Kollegen wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sie fürchten um ihren Job. Doch seit Ausbruch der weltweiten Bankenkrise vor wenigen Wochen erscheint Geraint Anderson der Öffentlichkeit als mutiger Mann mit Weitblick.

Regie:
Stephan Lamby

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Anmerkung: “….. als mutiger Mann mit Weitblick” – LOL – kann man in gewisser Hinsicht so sehen – seine Boni hat er ja noch kassiert.

37 R.Greiler 8. Januar 2009 um 11:59
38 willi 8. Januar 2009 um 14:16

Ja ja, die menschliche Gier, die leider schon immer dem Menschen innegewohnt hat. Mir kommt es heute noch hoch, wenn ich an die Berge toter Tiere denke, die vor den Höhlen unserer Vorfahren vor sich verwesten. Keiner konnte das ganze Zeug aufessen, aber sowie der alte Adam sah, das der Nachbar noch mehr tote Viecher vor der Höhle liegen hatte, ging er sofort los un killte noch ein paar, damit sein Seele wieder Ruhe hatte.

Statt der Viecher muss heute der Kapitalismus unter der Unzulänglichkeit der Mensche leiden. So nun muss ich aber los.

Sven und ich sind zum Weinen verabredet -aber vorher noch schmell ein weiteres Stück Kuchen -auch wenn mir schon schlecht ist..

39 Otto 9. Januar 2009 um 16:26

hallo wgn,

ich habe mir einen kurzen Hinweis an Herrn Clausen bzgl. dieses Beitrages hier erlaubt, nun die kurze Antwort:

Hallo Herr XY,

besten Dank, sehr interessant. Ich finde aber leider auch dort keinen Hinweis auf ein besseres Wirtschaftssystem. Der Hinweis auf mittelalterliche Tauschwirtschaft kann kaum ernst gemeint sein. Wenn Sie Kenntnis von einer wirklichen Innovation erlangen, die die vielen Fehler des Kapitalismus beseitigen kann – immer herzlich gern her damit. Das wäre es.

Beste Grüße und herzlichen Dank für Ihre Kritik

Sven Clausen

**
Ist doch schon mal was, immerhin wurde hier gelesen!
Gruss
Otto

40 georgi 30. Januar 2009 um 19:47

Wollt ihr mal was lesen, was es zu dem Thema zu sagen gibt?
Da, bitte sehr!

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