ZEIT für Skandale!

by weissgarnix on 27. November 2008

Leute, lauft zum Kiosk und kauft die heutige ZEIT! Schnell! Denn wer weiß, ob sie demnächst noch so erhältlich ist, wie sie bei mir heute im Postkasten landete.

Wenn Ihr sie in Händen haltet, dann könnt Ihr den ganzen übrigen Teil (bis auf die “Kinder Zeit” auf S. 49, die verdient wie immer “Prädikat wertvoll”) zur Seite legen, denn die redaktionellen Beiträge sind meines Erachtens alle zusammen ausnahmslos schlecht. Bis auf die üblichen, angedeuteten Linien von echtem Qualitätsjournalismus, fein, die kann man sich ja von mir aus in Ruhe am Wochenende erschließen.

Worum es mir hier geht ist die Feuilleton-Beilage “44 Vorschläge – Eine soziale Skulptur”. Diese in Pink gehaltene “künstlerische Intervention”, die der Wiener Bildhauer Erwin Wurm für die ZEIT erarbeitet hat, wird meines Erachtens in den nächsten Tagen einen handfesten Skandal produzieren. Denn es ist eine gnadenlose Abrechnung mit dem politisch-korrekten Zeitgeist, die Erklärung eines Goebbel’schen “Totalen Krieges” an alle Aufrechten in der politischen, medialen und kulturellen Landschaft in Deutschland. Man muß diese 9 Seiten einfach gesehen haben, man muß sie als Zeit-Dokument aufheben für spätere Generationen, ich habe Vergleichbares seit Nina Hagens Masturbations-Selbsthilfe im “Club 2″ des österreichischen Staatsfernsehens vor über 20 Jahren nicht mehr in einem Mainstream-Medium gesehen. Vor allem verblüfft mich, wie die einzelnen Parolen des Künstlers, in großen, fetten Lettern abgedruckt, mit den Anzeigen von hoch-honorigen Werbepartnern arrangiert wurden und damit – zumindest auf mich – eine fast schon surreale Wirkung entfalten. Nachfolgend ein paar Kostproben:

“Weisen Sie bei einem Behindertentreffen darauf hin, dass eine Zwangskastration und -sterilisation vom Leidensdruck eines unerfüllten Sexuallebens befreit”

“Auch sozial Schwache können zur Rettung des Bankwesens beitragen, indem sie jeden zweiten Tag die Heizung kalt lassen” (und darunter eine hübsche Anzeige des “ZEIT-Shops für Genießer”, in der zB das 3-teilige Damaszener-Messerset für 329,- Euro angeboten wird)

“Sagen Sie einem Amerikaner, wie froh Sie seien, dass sie so einen feschen Neger zum Präsidenten bekommen haben” (gesperrt über eine volle Seite gedruckt)

Hier, mein Favorit:“In der Schlange an der Supermarktkasse vordrängeln und rufen: “Lassen Sie mich durch, meine Familie war in Auschwitz!”

“Die Unterschichten vor allem dafür loben, dass sie unten bleiben”

Hier mein Favorit Nr. 2: “Zeigen Sie sich bei einem türkischen Ehepaar empört darüber, dass oft Neger, Juden, Schwule und Mullahs in einen Topf geworfen werden.” (Besonders pikant daran: auf der selben Seite eine große Anzeige des ZDF für die nächste Maybritt Illner-Show)

Und gleich noch Favorit Nr. 3: “Aus Solidarität den Polen eine direkte Bahnverbindung von Gorleben nach Gleiwitz schenken”

Und zuguterletzt, von der ZEIT aber dann vorsichtshalber doch zur Hälfte mit Kleinanzeigen zugepflastert: “Fragen Sie ihren türkischen Gemüsehändler, ob Sie ihn “Kanacke” nennen dürfen”

Meine bescheidene These: man wird von diesem ZEIT-Feuilleton noch eine Menge hören in den nächsten Tagen und Wochen, mit diversen Wortmeldungen der üblichen Verdächtigen insbesondere zu den Statements, die ich als Favorit 1-3 hervorgehoben habe.
Quelle: Berner Zeitung onlineQuelle:Berner Zeitung online

Meine verehrten Damen und Herren im ZEIT-Feuilleton, damit haben Sie echt Mut bewiesen. Vermutlich werden Sie in Kürze geteert und gefedert, erhalten Berufsverbot und was weiss ich noch alles, aber seien Sie sich gewiss: meinen Respekt haben Sie.

{ 55 comments… read them below or add one }

1 fnord 27. November 2008 um 10:53

Sowas abgrundtief Böses im Blatt von Joffe, wo doch schon der Begriff “Abweichler” direkt dem schlimmsten stalinistischen Ungeist entspringt … oder so ähnlich …, wie konnte so etwas passieren? Sinkt die Auflage jetzt auch bei der ZEIT?

2 max 27. November 2008 um 11:05

die einzelnen redaktionen von der zeit waren schon immer voneinander unabhängig. halte das nicht für allzu verwunderlich (was die leistung nicht schmälern soll!), gerade beim feuilleton- die kunst steht nunmal links, solange sie kann.

3 Nixda 27. November 2008 um 11:10

Wie war das, als Christoph Schlingensief einen Auftrag für eine Aktionskunst zum Kongress “Die Zukunft des Kapitalismus” in Berlin machen sollte? Er wollte dann am Pariser Platz Mittags öffentlich Geld aus dem Fenster werfen, und durfte am Ende nicht…

Aber es wäre ja auch wirklich neu, dass es in Deutschland Skandale im Kulturbetrieb gibt. Das gibt es vielleicht in Österreich, aber in Deutschland ist Kultur etwas für Minderheiten, und die politische und wirtschaftliche Elite bekommt so etwas entweder gar nicht mit, oder übergeht es mit einer wohlwollend und tiefblickenden Ignoranz.

4 Frankie Bernankie 27. November 2008 um 11:18

Euphorie-Bremse I:
Erinnert mich an Harald Schmidt , als er noch gut war (vor 2004)

Euphorie-Bremse II:
Erreicht fast die Klasse der “Monty-Python-Flying-Circus” – Fernsehsendungen der 70er Jahre.

Aber das ist eine Reaktion auf die schmucklose Präsentation hier im blog. Vielleicht wirkt es im Unfeld der ZEIT-Aura besser und wirklich provokant. Werd ich mir wohl kaufen müssen.

5 Schoerner 27. November 2008 um 11:20

Was hier vor sich geht, finde ich psychosozial hochinteressant.
Die politische “Korrektheit”, oder das Gutmenschentum, ist psychologisch nämlich ein überaus effektives moralisches Selbstbetäubungsmittel: nicht die Tugend, das was man selbst TUT, ist entscheidend, sd. es ist gleichsam wie der Kirchgang am Sonntag: die Bestätigung, daß man ein guter Mensch ist – egal wie asozial der eigene Managerberuf, wie verlogen der Redaktionsjob, oder wie egoistisch im Allgemeinen man auch TATSÄCHLICH täglich HANDELT, das Gutmenschentum ist die Scheinmoral der Hartherzigen und Heuchler: die praktizierte Nächstenliebe wird durch ein, von anderen verlangte Fernstenliebe ersetzt.
Man ist anerkannterweise ein guter Mensch, wenn man gewisse Ansichten vertritt. Nur die Ansichten wohlgemerkt – keine Tat ist nötig.
So lebt es sich in den abgeschotteten Villenvierteln und für die Kinder auf den besten Privatschulen ausgezeichnet, während man für maximale kulturelle Beriecherung eintritt.
Der Dienstwagen in der Garage und am Firmenparkplatz sorgt dafür, daß man nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren muß, die verdreckt und dessen Mitfahrende zunehmend unverständliches Zeug daherbrabbeln, in einer Art und Weise, als ob man in einem fremden Land wäre.

Daher finde ich einen solchen Artikel, ausgerechnet von einer Gutmenschenredaktion, sehr bemerkenswert. Sind hier tiefgehende Umbrüche zu erkennen? Verliert das Betäubungsmittel Wohlstand in der Finanzkrise so schnell seine ruhigstellende Wirkung?

6 kranich05 27. November 2008 um 11:35

Ich würde mich nicht wundern, wenn kein Schwein den ganzen Wirbel beachtet.

7 edicius 27. November 2008 um 12:11

Was für eine Provokation, mit Warnschild:
Alle mal aufpassen! Wir sind jetzt mal kurz gaaanz krass total unkorrekt! Huuuh, das war aber gruselig!
Aber jetzt wieder: huschhusch ins Körbchen, war nur Feuilleton..

Kinderkacke.

8 weissgarnix 27. November 2008 um 13:20

@edicius

Nein, das sehe ich ein wenig anders. Habe das gerade mal telefonisch mit Lübberding diskutiert, der schreibt da vielleicht auch noch was zu.

Vermutlich ist das – aus Sicht der ZEIT – nichts weiter als eine Maßnahme zur Auflagenstärkung. Soweit, so mittlerweile normal. Selbst wenn es so wäre, könnte man es unter der Rubrik “Provokation verkauft sich gut” abhaken.

Spannend wird es für mich an der Stelle, wo plötzlich mit dem ZDF einer mitten in dieser Provokation seine Werbung plaziert. Derselbe ZDF, der mit Johannes B. Kerner eine der Oberheulsusen der Political Correctnes beschäftigt, nutzt also die skandalträchtige Zurschaustellung von allerlei Stereotypen und Vorurteilen, insbesondere auch solche, in denen den Juden vorgeworfen wird, dass sie den Holocaust instrumentalisieren, für die eigene Werbung? Das halte ich dann doch für höchst bemerkenswert.

Wenn dem tatsächlich so ist, dann ist die Medienlandschaft bereits auf ein noch viel tieferes Niveau gesunken, als selbst ich nicht vermuten hätte können.

9 Nanuk 27. November 2008 um 13:32

@Wgnx
Jetzt hab ich ein Fragezeichen auf dem Kopf.Dem Gedanken kann ich nicht folgen.

10 terekest 27. November 2008 um 14:06

Du kannst als Anzeigenkunde bestimmen, auf welche Seite deine Anzeige soll – aber nicht, was auf der Seite drauf steht ….

da wird es keine Absprachen zwischen ZEIT und ZDF gegeben haben (habe das Managzin allerdings noch nicht gesehen)

11 weissgarnix 27. November 2008 um 14:09

@Nanuk

Kurz: ich fände es ein wenig sehr heuchlerisch vom ZDF, in seinen diversen Formaten empört “Skandal!” zu schreien, gleichzeitig aber exakt denselben Skandal zu nutzen, um seine Reichweite zu steigern.

Nicht, dass mich das noch groß überraschen würde. Aber wie gesagt: für mich wäre damit die Medienlandschaft noch wesentlich tiefer in der Jauche versunken, als ich es selbst für möglich gehalten hätte.

12 weissgarnix 27. November 2008 um 14:12

@terekest

Ich bitte dich – du meinst im Ernst, die schalten Illners Konterfei und das ZDF-Logo auf einer Seite mit Juden- und Auschwitz-Sprüchen, ohne das vorher mit den Werbeverantwortlichen ihrer Kunden abzustimmen?

Aber gut: mag ja so sein. Vielleicht haben sie also bei der ZEIT auch nur kollektives Harakiri beschlossen, das will ich natürlich nicht ausschliessen ..

13 weissgarnix 27. November 2008 um 14:13

@terekest

Ist übrigens nicht im Magazin, sondern auf einer Art “9 Seiten Sonderbeilage” im Feuilleton-Teil.

14 blogdriver 27. November 2008 um 14:22

@wgnx

Könnte wirklich sein, dass das ZDF und andere Anzeigenkunden ahnungslos waren – siehe die etwas geheimnisvolle Anmerkung des Perlentauchers dazu:

“Unterbrochen wird diese Auflistung nur durch einige nicht eingeplante Anzeigen – aber in heutigen Zeiten ist das ja besser als umgekehrt.”

http://www.perlentaucher.de/feuilletons/2008-11-27.html#a22413

Im übrigen hat @Edicius recht – eine typisch ZEIT-liberale Provokation. Kostet nichts, bringt nichts und alle in der Redaktion sind jetzt furchtbar aufgeregt und stolz.

15 Frankenstein 27. November 2008 um 14:24

Weiss jemand ob die durch die Anzeigen (halb)verdeckten Sprüche auch irgendwo zu lesen sind? Und wenn ja, wo? Ich hab nix gefunden …

16 Nanuk 27. November 2008 um 14:32

Nicht, dass mich das noch groß überraschen würde. Aber wie gesagt: für mich wäre damit die Medienlandschaft noch wesentlich tiefer in der Jauche versunken, als ich es selbst für möglich gehalten hätte.

Es hat aber noch niemand Skandal gerufen…
oder bin ich taub und blind.

17 weissgarnix 27. November 2008 um 14:42

Gemach, gemach … scheint, als durchsteigen das Ösis und Eidgenossen etwas schneller, als der deutsche Medienzeitgeist …

http://www.bazonline.ch/kultur/kunst/Urinieren-Sie-grundsaetzlich-ins-Waschbecken/story/28754721

18 terekest 27. November 2008 um 14:44

hab mir das gerade mal angeguckt und sieht in der Tat seltsam aus. Dass die Anzeigen “in letzter Minute” noch reingekommen sind, und der Text deshalb bnoch darunter steht ist ausgeschlossen – in so einem Fall hätte man den Text wegredigiert.

Für mich sieht das aus wie eine Gesamtkollage, also mit Absicht schlecht redigiert, so nach dem Motto “Die Anzeigen stehen über allem und sind wichtiger als die Inhalte.” Eine gewollte Provokation also.

Das beantwortet aber die Frage nicht, ob die Anzeigenkunden davon wußten.

Auffällig ist aber, dass die Anzeigen extra als solche gekennzeichnet sind – das sind sie im Rest der ZEIT nämlich nicht.

19 weissgarnix 27. November 2008 um 15:00

@terekest

>Das beantwortet aber die Frage nicht, ob die Anzeigenkunden davon wußten.

Die letzte Seite, mit den Tierversuchen und darunter der Baden-Württemberg-Werbung “Bei uns werden Rehe 60 Jahre alt” ist doch eindeutig absichtlich montiert.

Natürlich handelt es sich um eine Gesamt-Collage. Ich vermag es nur nicht einzuordnen. Dass sich ZDF, das Land Baden-Württemberg etc es bieten lassen würden, ihre Werbung in eine derartig zweideutige Umgebung gesetzt zu bekommen, halte ich für so gut wie ausgeschlossen. Dass sie mit der Provokation werben wollten, halte ich für extrem gewagt, aber nicht undenkbar. Nur wäre für mich im Fall des ZDF damit wie gesagt jede Tabu-Zone nach unten durchbrochen.

20 Bubu 27. November 2008 um 15:10

[quote]Man muß diese 9 Seiten einfach gesehen haben, man muß sie als Zeit-Dokument aufheben für spätere Generationen, ich habe Vergleichbares seit Nina Hagens Masturbations-Selbsthilfe im “Club 2″ des österreichischen Staatsfernsehens vor über 20 Jahren nicht mehr in einem Mainstream-Medium gesehen.[/quote]

3,20 Euro hat die Zeitung eben gekostet… kurz zu den Rosa Seiten geschaut, müde gelacht und dann ab damit ins Altpapier.

21 Frankie Bernankie 27. November 2008 um 15:13

Danke für den link “bazonline” – jetzt seh ich klarer,und versteh jetzt die Aufregung eigentlich nicht.

Das ganze ist ein Kunstprojekt, und ist natürlich keine redaktionelle Aussage.
Wer sollte hier Skandal schreien – ich denke das wird klar im zweiten Blick.

Die Werbetreibenden haben ein Kunstprojekt “gesponsert”, und das sicherlich im vollen Wissen wofür.

Die Form ist gewöhnungsbedürftig ,aber das waren Nitsch und Otto Muehl auch mal ( sinds eigentlich immer noch).

22 terekest 27. November 2008 um 15:19

ja klar ist das absichtlich montiert, kann aber auch von der Redaktion/dem Künstler so aufgebaut sein – nach dem Motto “wir haben hier die und die Anzeige, guck doch mal, welcher Text dir dazu einfällt.”

Aber Frankies Einschätzung (“Die Werbetreibenden haben ein Kunstprojekt “gesponsert”, und das sicherlich im vollen Wissen wofür”) klingt schon ganz logisch.

Man kann das ganze ja auch so sehen: Wie progressiv die Anzeigenkunden doch sind, wenn sie sich auf eine so gezielte Provokation einlassen ….

23 Nanuk 27. November 2008 um 15:22

Irgendwie erkenne ich den Skandal nicht das ist doch alles schon längst Mainstream was da steht.Worüber soll ich mich da noch aufregen ich rege mich seit Jahren darüber auf.

24 weissgarnix 27. November 2008 um 15:28

@terekest

Finde ich trotzdem gewagt: 1) schützt der §130StGB ein wie immer geartetes “Kunstprojekt” nicht, und wenn daher irgendwelche Aufgeregten in dem Teil etwas “volksverhetzendes” sehen und Anzeige erstatten, dann wünsche ich der ZEIT und ihren progressiven Werbekunden schon jetzt “bonne chance!”. Und 2) falls ein Gericht dann zur Ansicht gelangt, dass im Rahmen eines “Kunstprojektes” solche Parolen abgespult werden dürfen, dann bin ich sicher, dass wir demnächst eine ganze Reihe von “progressiven Kunstprojekten” miterleben dürfen, vorgeführt von Jugendlichen und Halbwüchsigen in Bomberjacken und Springerstiefeln …

25 terekest 27. November 2008 um 15:42

Also ehrlich gesagt betrachte ich das auch etwas weniger aufgeregt – fällt für mich unter Kunst und freie Meinungäußerung.

Ich finde da könnte man sich über ganz andere Sachen viel mehr aufregen …

:-)

26 edicius 27. November 2008 um 15:44

@wgnx
Spannend wird es für mich an der Stelle, wo plötzlich mit dem ZDF einer mitten in dieser Provokation seine Werbung plaziert. Derselbe ZDF, der mit Johannes B. Kerner eine der Oberheulsusen der Political Correctnes beschäftigt, nutzt also die skandalträchtige Zurschaustellung von allerlei Stereotypen und Vorurteilen, insbesondere auch solche, in denen den Juden vorgeworfen wird, dass sie den Holocaust instrumentalisieren, für die eigene Werbung? Das halte ich dann doch für höchst bemerkenswert.

Was ist daran spannend? Offensichtlich hältst du es für ganz selbstverständlich, dass die Werbetreibenden bei den Inhalten mitreden oder direkt von Inhalten einer bestimmten Ausgabe ihren Mediaplan abhängig machen.
(Du liest wohl zuviel Hochglanz-Kram, bei dem ist das tatsächlich so, da werden die Inhalte von Anfang an branchenkompatibel geplant und die Plätze dann direkt auch so beworben, wohlgemerkt: diese Betrebungen gehen vom Werbemedium aus, nicht von seinen Kunden.)
Tun sie aber nicht, auch lt. Presserecht sind Anzeigen und redaktionelle Inhalte klar unterscheidbar zu halten (wg Schleichwerbung).
Das ZDF hat also wohl nur ganz normal eine Anzeige im Feuilleton-Teil geschaltet. Das einzig Auffällige wäre, dass diesmal die Freiheit des Feuilletons statt die Freiheit des Marketing auf diese Anzeigen reagiert haben könnte.
Eine milde Art von “adbusting” über den redaktionellen Teil. Ganz nett, mehr nicht. Das ZDF hat jetzt eine Steilvorlage, sich öffentlich als liberal-kunstverständig aufzuführen.
Eine Hand wäscht die andere. So ist das im Mediengeschäft. Business as usual.

27 weissgarnix 27. November 2008 um 15:48

Oh, mich regt das persönlich überhaupt nicht auf, ganz im Gegenteil. Ich schrieb ja, eine Redaktion, die sich an sowas rantraut hat meinen Respekt.

Meine “Kritik”,wenn du so willst, erschliesst sich nur aus dem Blickwinkel des politisch korrekten Zeitgeists, den ich in obigen Kommentaren eingenommen habe.

Und weil ich vermeine, besagten pk Zeitgeist verdammt gut zu kennen, gehe ich auch jede Wette darauf ein, dass da noch was kommt …

28 Nanuk 27. November 2008 um 15:53

Was ist den jetzt der Unterschied zu einem Oberender der den handel von Organen erlauben will damit Harz4 Empfänger eine zusätzlichen Einkommensquelle haben.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29088/1.html

Der Mann sitzt im Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland.

29 Nixda 27. November 2008 um 15:58

«Die provokanten Vorschläge brechen bewusst Tabus und sprechen aus, was mancher nicht einmal zu denken wagt. Sie treiben politische Ideen satirisch auf die Spitze und machen dadurch deutlich, wie krude solche Ideen schon in ihrer vermeintlich normalen, alltäglichen Form sind»

Na gut, aber auf die kruden Ideen, die unsern Alltag beherrschen, hat der Amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt schon vor einigen Jahren hingewiesen. Sein Buchtitel komprimiert den selben Gedanken, den die “Zeit” dort postuliert, auf ein Wort:

“Bullshit!”

Und die Schöpfer der deutschen Sprache kennen das Problem auch schon länger. Zur Benennung haben sie uns deshalb ein Wort geschenkt:

“Humbug!”

Denn wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen (L.Wittgenstein).

30 Karl 27. November 2008 um 16:21

Ich hab grade mal geschaut: Sämtliche Anzeigen in dem Teil haben was mit Alter zu tun. Zufall? Ich glaube ja eher nicht. Das ist Konzept, das diese Anzeigen an genau der Stelle sind und genau den Inhalt haben.

Und das das Land Baden-Würtemberg nicht wusste, das es unter dem Spruch Sammeln Sie Unterschriften für mehr Tierversuche die Anzeige mit dem Haupttext “Bei uns sind 60 Jahre noch kein Alter für ein Reh” schaltet glaubt ihr doch wohl selber nicht.

31 Karl 27. November 2008 um 16:41

@ Nanuk

Der Mann sitzt im Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland.

Genau dort sitzt der Unterschied. Der Mann meint das ernst und sagt das im vollen Bewusstsein seiner Rolle.

Die Seiten in der ZEIT dagegen sind der konzentrierte Stammtisch des deutschsprachigen Raumes – Stammtisch meint hier nur ein Niveau und schließt explizit die Größen aus Wissenschaft und Politik mit ein, die so geniale Vorschläge machen, wie im Winter einfach mal mehr Wollpulover tragen oder Hartz IV auf 132 € zu senken – und der ist sogar noch “legitimiert” durch Werbung. Weil alle Medien ja nur das drucken, was durch Werbekunden “freigegeben” wurde, ist es somit amtlich: Das ist der Mainstream, da gehts hin, so sollten wir denken, damits klappt mit der uns und der zukünftigen Elite ;-)

32 first rainer 27. November 2008 um 17:12

auch ich war schon in auschwitz!

und meine gesamte schulklasse war sogar in buchenwald!!

SKANDAL!!!111!

33 edicius 27. November 2008 um 17:20

@karl
Und das das Land Baden-Würtemberg nicht wusste, dass es unter dem Spruch Sammeln Sie Unterschriften für mehr Tierversuche die Anzeige mit dem Haupttext “Bei uns sind 60 Jahre noch kein Alter für ein Reh” schaltet glaubt ihr doch wohl selber nicht.
Doch, genau das glaube ich. Der Text mit den Tierversuchen steht nur WEGEN der Anzeige da. D.h. der Kinstler hat sich seinen unkorrekten Schmarrn anhand der geschalteten Anzeigen ausgedacht. So rum hat das funktioniert.

34 Karl 27. November 2008 um 17:36

@ edicius

Nee, sorry, aber auch wenn ich die ZEIT nicht regelmäßig lese: Das Feuilleton wird doch jetzt normalerweise nicht nur Anzeigen haben, die was mit dem Altern oder Alt sein zu tun haben. Da glaube ich ja eher, dass der Wurm die Anzeigen da eigenhändig ausgesucht und reingebaut hat. Ob mit oder ohne Geld: Keine Ahnung, ob mit oder ohne Wissen der Kunden: Keine Ahnung.

Aber da ist alles Teil des Konzeptes. Und ja, Texte und Werbung sind aufeinander abgestimmt, aber wer da jetzt zuerst war oder ob die Anzeigen tatsächliche Anzeigen sind: Wer weiß…

35 Karl 27. November 2008 um 17:45

Nachsatz:

Ich schätze man muß die Werbung auch als Beruhigung für den politisch korrekten Alt-68 lesen. Wer von denen gar nicht erst drüber nachdenken möchte, ob Hartz IV Empfänger tatsächlich das Recht haben jeden Tag zu heizen oder ob Schwulsein nicht vielleicht doch eine Krankheit ist, kann sich stattdessen mit der Frage beschäftigen ob er sich eine schöne Teekanne oder vielleicht doch lieber Pfeffer- und Salzmühlen (“Unverzichtbar für Genießer”) in seine Alno-Küche im Landhausstil packt. Passend zum guten, trockenen Rotwein und den schwärmerischen Erinnerungen an die Zeit im SDS.

36 Harry Haller 27. November 2008 um 19:17

“Dabei entstand dann auch die Idee, die Anzeigen gleichsam als Aufkleber auf diesen Postern zu behandeln; Sticker, die einen Teil des Textes verdecken. Und so sind auch die Texte, die unter den Anzeigen nur fragmentarisch hervorschauen, komplett durchformuliert – könnte man die Anzeigen wegnehmen, läse man ganze Sätze.”

Die Werbung ist ausdrücklich berücksichtigt.
Gruß

37 Michael 27. November 2008 um 20:07

Heine:”Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Thräne,
sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne;
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch.
Wir weben hinein den dreyfachen Fluch –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterkälte und Hungersnöthen;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Und Fäulniß und Moder den Wurm erquickt –
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht –
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreyfachen Fluch,
Wir weben, wir weben!”

38 Bugs 27. November 2008 um 21:26

Typischer Bilderberg Propaganda Müll. Von Eugeniker für Eugeniker. Und die verdummten Flouridbirnen merken eh nix!

Danke für den Artikel.

Liebe Grüße
Bugs
http://www.propagandaschock.blogspot.com

39 GP 27. November 2008 um 22:59

Nicht schon wieder das Weber-Gedicht!!! :-(

AUTOBAHN!!

40 Michael 27. November 2008 um 23:09

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Und Fäulniß und Moder den Wurm erquickt –
Wir weben, wir weben!

41 staph.aureus 27. November 2008 um 23:22

wie sich die Zeiten gleichen:
die wirtschaftsdepressiven Zwanziger stritten um einen Ernst Jünger: waren seine Stahlgewitter surrealistische Avantgarde, oder -speziell im Rückblick- ein Dokument des präfaschistischen Nationalismus ?

Und die Generation Geldverlust hat nun einen Erwin Wurm. “Witzige” one-minute-Skulpturen auf dem Weg zum Altpapier, die angeblich den Nerv der Zeit treffen.

Die Stellenanzeigen der ZEIT legen nahe, daß universitäre Eliten eine Hauptlesergruppe des Blattes bilden. Werteverlust inzwischen nicht nur für triple-A-Papiere, auch für die Intellijenzia.

Da wünsche ich mir nicht Marx für Gold-bugs, sondern Mao für Kultur-worms. Der Herr Wurm hat vielleicht schon 100 Blumen bekommen, ist wieder ZEIT für eine nette Kulturrevolution ? Die Seele baumeln lassen auf dem Gurkenflieger, die Nase rümpfen als Windeljongleur in der Altenpflege ? In China wurde dieses Experiment wegen gewisser Nebenwirkungen und Kopfschüsse abgebrochen.

In einigen Jahren finden die lieben kleinen weissgarnixe bei ihrem Alten dieses rosa Papier: “Papa, warst Du auch ein Kulturfaschist ?” Von unserem Opa haben wir neulich einen versteckten Koffer alter NS-Bücher entsorgt. Peinlicher Erb-Fund, peinlich wie dieser Wurm.

42 staph.aureus 27. November 2008 um 23:35

Und nun im Ernst:

Sagen Sie einem Berner, wie froh Sie sind, dass seine Berner-Online-Zeitung s-Redakteure die ZEIT schon bis zum Nachmittag bis zur rosa Seite durchgeblättert haben, und den Schrecken um 14:31 publizierten.

Kein Weber-Gedicht:

Ein Berner namens Friedrich Schnell
traf im Hotel in Neuchatel anlässlich
einer Konferenz
den Zürcher namens Erich Enz.
Herr Enz, als wohlerzogner Mann,
gab Namen ihm und Wohnort an
und fragte dann so nebenbei,
wie denn sein werter Name sei.
«Ich heiße Schnell und bin aus Bern»,
erklärte Friedrich Schnell dem Herrn.
Da lachte der und sprach zu Fritz:
«Dies ist der beste Bernerwitz!

Herr Schnell, der doch sonst gerne spasst,
hat dieses Scherzwort nie erfasst.

43 phuter 28. November 2008 um 02:20

Erwin Wurm ist groß. Hatte letztes Jahr das Vergnügen eine grosse Personale von ihm im Muqua Wien zu besuchen. Allerdings – so scharf politisch habe ich ihn nicht in erinnerung – eher freudig verspielt (zb. Fat Car oder Fat House)
Ich teile übrigens den Favoriten mit WGN – löste schallendes Lachen bei mir aus!

44 Frankie Bernankie 28. November 2008 um 08:42

@phuter

Wurm – ein Wiedergänger vom Wiener Aktionismus (schöne Allitteration, ned woar?)

Statt Blut jetzt rosa Papier, naja, alles verweicheiert zusehends.

Mein Fall sind diese sozialen Skulpturen nicht, aber ich konnte ja schon mit Videokunst nichts mehr anfangen.

45 Mistral 28. November 2008 um 10:19

Aber ist politische Unkorrektheit nicht sowieso schon lange Pop in Deutschland – allerspätestens seit H. Schmidts “Polenwitzen” (ca. 1996)? Gibt es nicht eine ganze Reihe von Comedians, deren gesamtes Programm ausschließlich auf beobachtendem Humor und politischer Unkorrektheit aufgebaut ist? Hat nicht eines der bekanntesten deutschsprachigen Blogs einen dahingegenden Namen?

Ich glaube Deutschland ist das einzige Land, wo die politischen Korrektheit abgeschafft wurde, noch bevor man sie überhaupt eingeführt hat!

PS: Ich diesem Sinne interpretiere ich auch diese Aktion – quasi als ein “Anti Anti”

46 Nanuk 28. November 2008 um 11:09

Was wirklich schade ist das die Vogonen kein Konjunturprogramm in Form einer Hyperraum Umgehungsstrasse planen…

http://farm4.static.flickr.com/3065/3064801253_d4e13d8ae0.jpg

47 GP 28. November 2008 um 11:51

Roller Roller rattattat,
wenn Robert einen Roller hat,
dann rollt er durch die ganze Stadt.
Roller Roller rattattat.

Was sollen immer wieder diese Gedichte??

48 Nanuk 28. November 2008 um 12:11

@GP

Beichte

»Warum machst du in Gedichten?«
fragte mich ein Menschenkind.
»Warum schreibst du nicht Geschichten,
die doch leicht verkäuflich sind?«

Oh, ich habe meine Gründe
für mein Tun – und sprach verträumt:
»Weil ich es viel schöner finde,
wenn sich hinten alles reimt.«

Heinz Erhardt

49 GP 28. November 2008 um 12:35

Dann frag ich Euch,
was haltet Ihr von folgender Idee:

Wir schreiben jetzt in Reimen nur!
Ja, wär’ das denn nicht scheh?

50 first rainer 29. November 2008 um 03:37

ich hab noch was:

christian klar sollte nach seiner freilassung ein konto bei der dresdner bank eroeffnen…..

51 poerschie 29. November 2008 um 10:46

meiner ansicht nach steckt eine ganz andere absicht hinter dieser “künstlerischen” aktion als bisher von allen vermutet:

- lächerlich-machen der stammtisch-parolen durch übertreibung -

ob diese absicht geglückt ist scheint mir, wenn ich hier die kommentare lese, aber zumindest sehr fraglich.

52 spontan 1. Dezember 2008 um 23:44

‘n Abend allerseits,

die 44 Vorschläge – bzw. die 44-x lesbaren – weisen eine beachtliche Bandbreite auf, von pubertärer Brutal-Provokation bis zu fast Lichtenberg’scher Genialität.

Jeder, der sich ernst nimmt (ist heut’zutage auch so ein NoNo!!), würde, hörte er solche Sprüche an einem Stammtisch, ‘reinfahren wie der Wolf unter die Schafe. Durch die Montage dieser Monstrositäten zu einer “sozialen Skulptur” wird der geistige Bankrott der Aussagen quasi unter Gläubigerschutz gestellt. Heraus kommt Satire; ich schätze, hier reicht Herr Wurm verspätet seine Bewerbungsmappe für den Posten des Chefredakteurs der “TITANIC” ein. Ebd. kann man monatlich Abgefeimteres lesen.

Die Bastelanleitung – und nebenbei auch die Auflösung des Rätsels um die Rolle der Anzeigen – findet sich in gewohnt dröger Manier unter

http://www.zeit.de/online/2008/49/erwin-wurm-gestaltet-feuilleton-der-zeit

So, und jetzt dürfen alle lachen: ich habe die Teilskulptur:
“Aus Solidarität den Polen eine direkte Bahnverbindung von Gorleben nach Gleiwitz schenken”
nicht verstanden. – Irgendwelche Ideen? – Danke im Voraus!

53 Kref 3. Dezember 2008 um 18:25

Jaja, diese alten Bildhauer sind schon Schlingel.

Nun also mein Kommentar zu diesem Artikel:

1.: Goebbel’sch…. also der Apostroph ist da unnütz und der Mann hieß auch nicht Goebbel. Es müsste also Goebbelssch heißen, sieht zwar doof aus, is’ aber richtig! (Genau wie der Apostroph hinter is’).
2.: “Sagen Sie einem Amerikaner, wie froh Sie seien, dass sie so einen feschen Neger zum Präsidenten bekommen haben” ist nicht g e s p e r r t ( s o w i e h i e r ) geschrieben sondern nur fett.

Ansonsten alles super. Gruß und Kuss bis zum nächsten Mal.

54 Kref 3. Dezember 2008 um 18:26

nicht mal korrekt sperren kann man hier, die löschen einfach doppelte leerstellen. frechheit!

55 Pirx 6. Dezember 2008 um 10:44

Erinnert mich an zarte, pickelige Gymnasiasten, denen Schauer der Wollust über den Rücken jagen, wenn sie das erste Mal so schlimme Sachen wie “ficken” sagen. Wobei Gymnasisten witziger sind. Die halten sich wenigstens nicht für Intellektuelle. Und der Quark lief über neun Seiten? Spricht eher für ne Flaute auf dem Anzeigenmarkt als für Mut zur Provokation.

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