Kaupthing finden alle gut

von weissgarnix am 9. Oktober 2008

Die FTD teilt heute allen Gourmets der “Free lunch”-Fraktion, die blöd genug waren, auf das Tagesgeld-Angebot der Kaupthing-Bank hereinzufallen, mit, dass es für sie statt 5,65% Zinsen leider nur ein schmuckloses Formular der isländischen Einlagensicherung abzuholen gibt. Die deutsche Online-Niederlassung von Kaupthing, die bis vor kurzem noch recht keck für ihr Angebot warb, hat nämlich die virtuellen Türen geschlossen, vermutlich für sehr lange Zeit. Ob die isländische Einlagensicherung hält, was sie verspricht, darf bezweifelt werden. In letzter Zeit wurde bekanntlich ja alles mögliche versprochen.

Kaupthings Tagesgeldangebot war tatsächlich ein “Schmankerl”, wie folgende Auszüge aus der Produktwerbung belegen:

“Wir bieten 5,65% p.a. Tagesgeldzinsen . Und dies nicht nur für neue Einlagen sondern auch für bestehende Guthaben. Darüber hinaus garantieren wird, dass der Tagesgeldzinssatz bis zum 1. Januar 2012 immer über dem Leitzinssatz* der EZB sein wird.“ Eine weitere Erhöhung ist im Rahmen der Geldmarktentwicklung jederzeit möglich, in jedem Fall werden wir den attraktiven Zinssatz bis zum Ende des Jahres nicht senken.”

Jeder, der sich mit Bankwesen nur ein wenig auskennt, sollte sich hier die Frage stellen: “Wie geht das?”. Und die simple Antwort lautet, zumindest soweit es mich betrifft: “Gar nicht!” – Die vorstehende Passage aus Kaupthings Tagesgeldangebot ist die moderne Finanzmarkt-Version des alten Gebrüder Grimm-Klassikers “Schneewittchen und die 7 Zwerge“.

Aber gut. Der kleine Mann ist halt ab und an gleichermaßen gierig wie unbedarft, wir wollen mal nicht allzu streng mit ihm sein. Und außerdem: wenn ein Tagesgeldangebot, und sei es auch noch so verwegen, von einem bekannten deutschen Börsemagazin nicht nur “ausgezeichnet”, nein, sondern sogar noch zum “Testsieger” gekürt wurde, ja dann stellt man doch als opportunistischer Zinsjäger keine Fragen mehr, nicht wahr?

Dafür stellen halt andere die Fragen, spätestens dann, wenn sich die Nummer als das “Windei deluxe” herausstellt, das es von anfang an war. Etwa die Frage, welcher Teufel wohl die Damen und Herren von Börse online geritten hat, als sie Kaupthing zum Testsieger erklärten?

{ 27 Kommentare… Lesen Sie sie nachfolgend oder schreiben Sie einen }

1 staph.aureus Oktober 9, 2008 um 14:05

Aushang in Redaktions-Kantine:

Pilzgerichte und Kaupthing-Annoncen im Voraus bezahlen lassen !

2 Hermann Keske Oktober 9, 2008 um 14:18

Eine lässliche Sünde – auch kein wüsterer Betrug als der Verkauf strukturierter Wertpapiere.

Auf der selben Seite, auf der die FTD über Kaupthing und das famose Festgeld berichtet, findet sich eine angenehm bezahlte Anzeige, wonach man in der Schweiz 20% oder mit Festgeld wenigstens 9 % erzielen kann.

Vielleicht sollten Börsen-Informationsdienste mal darüber nachdenken, ob sie mit solchen Anzeigen nicht vielleicht Beihilfe zum Betrug leisten? Auch noch gewerbsmässig?

3 Caspar Hauser Oktober 9, 2008 um 14:30

Und der “Finanzexperte” des ZDF, Wolfgang “Wolle” Büser (ja, der von “Streit um Drei”), meinte noch heute morgen: “Sie können versuchen, das Geld bei “Kaupthing” abzuziehen – verpassen dann aber auch die sehr passablen Zinsen, falls es am Ende doch noch gut ausgeht.”

http://morgenmagazin.zdf.de/ZDFde/inhalt/27/0,1872,7388987,00.html

4 Homo Sapiens Oktober 9, 2008 um 14:34

@ Bazille staph.aureus/christian?
ich verabreiche jetzt Vancomycin , Tigecyclin, Daptomycin..

5 Goldenes Kalb Oktober 9, 2008 um 14:43

Wenn mehr einzahlen als abgehoben wird, dann klappt das doch. Man muss eben die Summe, die von den Konten abgehoben werden darf an das verfügbare Kapital anpassen. Ich sehe hier nicht den wesentlichen Unterschied zum restlichen Finanzsystem. Vielleicht verstehe ich es einfach nicht, vielleicht ist es aber in der Summe ganz simpel nur eine besonders aufwändige Täuschung.

6 racoon Oktober 9, 2008 um 14:58

die haben hier in Linz (oberösterreich) an den Bushaltestellen fleissig werbung gemacht. bin schon einmal gespannt, ob die leute in OÖ dumm genug waren (dabei gibt es eine bank, an der das bundesland 51% besitzt und bis 2017 haftet)

p.s.: einlagensicherung in Österreich – das “kleingedruckte”: BWG 93 Absatz (5) Punkt 9

gilt niicht für …. “Einlagen und Forderungen, für die der Einleger oder orderungsberechtigte vom Kreditinstitut oder von der Wertpapierfirma emäß § 12 Abs. 1 WAG 2007 auf individueller Basis Zinssätze oder andere finanzielle Vorteile erhalten hat, die zu einer erschlechterung der finanziellen Lage des Kreditinstitutes oder der Wertpapierfirma gemäß § 12 Abs. 1 WAG beigetragen haben

7 Quadrillion Oktober 9, 2008 um 15:06

Ein Kettenbrief wäre auch eine Möglichkeit, das Geschäft wieder zu beleben…

8 Nanuk Oktober 9, 2008 um 15:08

Das ist echt bitter…

9 Max Risk Oktober 9, 2008 um 15:34

… und ich habe mich schon in 2006 und 2007 gewundert, warum soviel Super-Network-Ausstattung (z. B. C**CO/ Wahnsinns-Aufträge) in unvorstellbarem Ausmass nach ICELAND verschickt worden ist. Ob die Rechnungen noch offen sind? Wirklich schade, wenn man das ganze Zeugs nun in nächster Zeit brach liegen lassen müsste …

10 Michael Oktober 9, 2008 um 16:35

Warum hätte das nicht funktionieren sollen ? Nur, wenn die Kredite der Beleihung platzen ist der Ofen aus. Natürlich wäre das Geschäftsmodell ohne einen Bankenrun oder einen mordsmäßigen Einbruch der isländischen Krone voll tragfähig gewesen.

Nur keine Arroganz. Vernahm heute, daß die deutschen Banken inzwischen an massivem Abzug von Spareinlagen leiden. Und höre Kommentare von Börsianern, Bankern und Politikern, die dümmer nicht sein können. Es geht nicht um “Vertrauen”, es geht um Geld. Es geht um Aktienderivate gescheiterter Investmentbanken. Es geht um die Überschuldung von Mastschweinen namens “Konsumenten”.

11 egghat Oktober 9, 2008 um 16:48

Ich habe letzte Woche schonmal was über die Kaupthing Bank geschrieben und damals nachgeschaut, auf welchem Platz die in der Tagesgeldhitparade liegen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Börse Online nur noch Banken mit “hoher Einlagensicherung” hat (was auch immer das konkret heisst). Das als kleine Ehrenrettung.

Ansonsten war ich Erster ;-)

http://egghat.blogspot.com/search?q=Kaupthing

12 weissgarnix Oktober 9, 2008 um 17:50

@egghat

>Ansonsten war ich Erster ;-)

Und weil du so smart bist, darfst Du hier auch Kommentare schreiben :-)

13 wowbagger Oktober 9, 2008 um 18:10

@wgn

… bitte keine einleitenden sätze dieses kalibers mehr, dies macht mein angejahrtes zwerchfell nicht mit !

klasse !

14 ~ Halbgott ~ Oktober 9, 2008 um 18:15

@ wgn

“Die FTD teilt heute allen Gourmets der “Free lunch”-Fraktion, die blöd genug waren, auf das Tagesgeld-Angebot der Kaupthing-Bank hereinzufallen, mit, dass es für sie statt 5,65% Zinsen leider nur ein schmuckloses Formular der isländischen Einlagensicherung abzuholen gibt.”

= > … na … das hat ja schon fast Lübberding-Niveau ! … Du lernst schnell !

( … nur die Sache mit der Retroliberalen Realwirtschaft im Kapitalismus nicht … egal, is ja jetzt eh zu spät … ;-) )

15 Max Furrer Oktober 9, 2008 um 18:22

Kann man Kleinsparern verübeln, dass sie einen Realzins erzielen möchten? Wer nicht möchte, dass sein Geld bei der Bank an Wert verliert, gibt es aus … nicht umsonst leidet das globale Bankensystem primär darunter, dass es kaum noch Sparer gibt, die meisten sind ja nicht dumm.

16 Michael Oktober 9, 2008 um 20:30

Für alle, die geade Gold als “Rettung” sehen, es ist gemessen am Geldmengenwachstum minus Bip-Wachstum 100 €/oz zu teuer

17 racoon Oktober 9, 2008 um 20:39

österreich: die bank war erst seit september aktiv und wenn nachfolgende meldung auf ORF stimmt, scheint die kohle noch in österreich zu sein. “eingefroren” von der finanzmarktaufsicht.

http://www.orf.at/081009-30369/index.html

18 Dayzz Oktober 9, 2008 um 23:09

@Michael: Gold wird aber vermutlich nicht (im entsprechenden Ausmaß) billiger, wenn die Kreditsumme schrumpft. Das ist doch schon mal was. Und wie siehst Du eigentlich den Preis der VW-Aktie?

19 samuiman Oktober 9, 2008 um 23:45

@ michael :

zerbrech dir doch nicht immer den kopf über dinge, von denen du eh nichts verstehst und bleib bei deinen aktien :-D

p.s. verrate mir doch deine adresse, dann kann ich schonmal einen tieflader mit tempos losschicken :-D

20 staph.aureus Oktober 10, 2008 um 00:49

Werte Gemeinde dieser wunderbaren blog-Seiten,

stellt Lehrlinge ein ! Denn es ist immer der Lehrling schuld, wie ich unlängst bei einem unschönen Rohrbruch erdulden musste.

In einer HypoRealsatire würde man es “innovativ” nennen, den schwarzen Peter weiterzureichen, wie jüngst der rote Peer erfahren musste. Weil die Wikinger nicht nur rot, sondern oft auch blond sind, fallen manche Erklärungsversuche besonders leicht. Aus Island berichtet heute die “Icelandreview”

http://www.icelandreview.com/daily_news/

von einem Kaupthing-Repräsentantix, der ungenannt bleiben wollte: “we had plenty liquid assets and a firm asset position.”
Nein, der Name war nix Leo Kirsch.

Und weiter: Die Firma wurde ihnen mit Gewalt in Britannien weggenommen. Jaja, die pösen Priten. Mirgrautvornix hilf !

Und dann geschah das unfassbare: das Vertrauen in die isländischen Banken “evaporierte” in Bruchteilen einer Sekunde.
Plopp !

Nun werden die Gourmets der free-lunch-Fraktion als Ausgleich einen Hering bekommen. Von Verleihnix, Testsieger im Tagesfischvergleich von Fischbörse-Offline. Garantiert fünf Sterne…

Mahlzeit, wish You plenty of liquids, Cheerio !

P.S.:
Wenn Russland am Samstag gewinnt, ist der Lehrling schuld.
Im Tor !

21 Marcus Tersi Oktober 10, 2008 um 08:29

Darfich ehrlich sein? ;-) Ja! Ich freu mir nen Ast, dass so was endlich mal passiert. Ein Land wie Island, das wahrscheinlich mehr Hegdefonds hatte als Schlittenhunde, ein Land, was schlussendlich keine Banken hatte, sondern ne Bank war, ein Land, in dem die Land-Rover-Dichte annäherernd so hoch war wie die paar Meter Wall Street, ein Land, das nur dadurch fett geworden ist, dass es Kapitalsammelstelle war, sprich nur Geld verwaltet hat, sonst nichts wesentliches produziert hat, also keine Wertschöpfung betrieben hat, das war (wie Großbritanninen, USA, Spanien) das Vorzeigemodell unseres Neoliberalismus, in dem Arbeit keinen hohen Stellenwert hatte, dafür aber pseudo Dummschwätzerei in einem versteckten akademischen Mantel, ja, in diesem Land implodiert eine Bank nach der anderen und mit ihr leider auch das staatliche Finanzsystem. Die Menschen lernen es halt leider immer nur auf die harte Tour und lernen vielleicht, dass nur durch Schweiß richtig (aber ehrlich) Geld zu verdienen ist und nicht dadurch, dass die Kohle immer durch den halben Globus geschickt wird.

22 Kuhmikaze Oktober 10, 2008 um 10:07

@Marcus

Trifft deine Island-Beschreibung nicht auch auf die Schweiz zu? Mir schwant(ob schwarz oder weiss ;) ) böses….

23 weissgarnix Oktober 10, 2008 um 10:28

@Kuhmikaze

Ja, sicher. Und wenn ihr mich fragt: Malta ist auch ein ganz heisser Anwärter. Als ich das letzte mal in La Valetta war, dachte ich, ich wäre aus Versehen nach Grand Cayman geflogen ….

24 mds Oktober 10, 2008 um 16:13

@Marcus, weissgarnix: Inwiefern soll die Schweiz diesbezüglich mit Island vergleichbar sein?

25 Michael Oktober 10, 2008 um 19:23

@Dayzz
VW, Differenz Vorzüge rd. 75 €/Stämme rd. 300 € (siehe Desaster WestLB), da haben alle Bären der Oberliga short drauf gewettet, bedauerlicherweise wohl mehr, als es Papiere am Markt gibt. :-) Die grausamste Bärenfalle, die man sich denken kann.

@samuiman
Und mit dem Gold liegt er auch schief, wie sich wohl bald beweist, wenn die Aktien ins Bodenlose segeln, ist der Sturz für die Edelmetalle nahe. Tieflader Tempos, Angebot steht ? Nach dieser Woche ? Spende bitte nach Frankfurt, Börsenstraße umleiten. … wie es schaurig aus den Handelssälen widerhallt, schrumm, schrumm …

26 Pommes Fritz Oktober 11, 2008 um 10:39

Nein, nein, die erste Frage war nicht
“wie geht das?”
sondern
“können sich die Typen nicht einmal einen der deutschen Sprache mächtigen PR-Fritzen leisten?”
und die spontane Antwort war “schlimm, schlimm”.

Während wir uns also bereits die erste Teilantwort der _zweiten_ Frage “wie geht das?” gegeben haben, hat uns Kaupthing die Restantwort gegeben:
“gar nicht, yours sincerely”

Das war echt gemein, weil viel zu einfach, viel zu schnell.
Die haben uns um die Lust des gemeinsamen ausgiebigen Grübelns beim Kaffeeautomaten gebracht. Hab ich da noch eben gehört “die sind pleite!”? Wie platt, da war schon der Gong davor.

Aber während wir notorischen Langsamdenker noch beim lustvollen Grübeln waren, haben uns die blitzwachen Boyz&Girlz wieder einmal von hinten überholt und lustvoll investiert. Gleich 30.000 oder so in UK, tausende in DE und immerhin gab’s sogar in AT 200 oder 300 Ganz-Schnell-Denker (GSD).

Verdammt, wir sollten wieder mal Ernährungsfragen in die Agenda beim Kaffeautomaten aufnehmen.
Slowfood kills

27 Yannick Oktober 15, 2008 um 13:33

Von Gold halte ich derzeit nicht viel. Die Chancen auf eine hohe Rendite sind bei Silber in Zukunft höher, wenn man jetzt kauft!

Zum Thema: Kommt halt drauf an, in wie fern das ganze bei Kaupthing vorhersehbar war?

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