Meine Bank, deine Bank, unsere Bank?

von weissgarnix am 30. September 2008

Während Finanzminister Peer Steinbrück vorzugsweise den Pausenclown mimt, haben sein luxemburgischer, niederländischer und belgischer Kollege wirklich eine respektable Leistung vollbracht und mit dem Finanzkonzern Fortis grenzüberschreitend eine Großbank aus der Grütze geholt. Dieses Ergebnis war angesichts der unklaren Rechtslage in Europa keineswegs selbstverständlich, kein Wunder daher, dass ihm landauf wie landab Respekt gezollt wird. Andererseits war diese Maßnahme auch nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluß, denn effektiv handelt es sich bei Fortis jetzt um einen Finanzkonzern, der nicht 1x teilverstaatlicht wurde, sondern 3x. Und das unter einem jeweils national unterschiedlichen Rechtsrahmen. Bei allem Applaus für die Reaktionsschnelligkeit der beteiligten Herrn Minister, sooo wollten wir das glaube ich auch nicht, oder? – Eventuell daher Zeit, sich um ein paneuropäisches Rettungskonzept mal ein paar Gedanken zu machen, und falls der deutsche Finanzminister dafür etwas Zeit erübrigen könnte, dann wäre seine federführende Teilnahme an derlei Aktivitäten gewiss keine üble Sache.

Mit dieser Meinung stehe ich übrigens nicht alleine. Wolfgang Münchau schrieb zum selben Thema in der heutigen FTD, und die Herren Gros und Micossi haben sich dazu auf VoxEU so richtig den Kopf zerbrochen. Zwei Schritte schlagen sie als besonders dringlich vor:

  1. Ein neues “EU Statut” für solche Banken einzuführen, die wichtige Aktivitäten in mehr als einem Land der EU/Eurozone unterhalten.
  2. Die Schaffung eines EU-weiten “Rettungsfonds”, der speziell für Banken mit “EU Statut” konzipiert wird.

Gros und Micossi meinen, aus politisch-opportunen Gründen würde sich die EIB, die “Europäische Investitions Bank” besonders gut als Träger dieses Rettungsfonds eignen, aber das ist im Grunde sekundär. Die Frage lautet einzig und allein, wie stellt man es an, eine “europäische Gesellschaft” vor der Pleite zu bewahren, die zwar vielleicht vom Ursprung her “deutsch” oder “französisch” oder “holländisch” ist, bei der die Auswirkungen einer Pleite aber keineswegs nur im Heimatland, sondern quer durch die EU/Eurozone zu spüren wären. Theoretisch könnte daher solch ein Rettungsfonds auch direkt bei der EZB angesiedelt werden.

Ich halte das für einen kollossal wichtigen Vorschlag, den man kurzfristig von der Politik unbedingt aufgreifen sollte. Denn wir sollten eines nicht vergessen: wo wir über die Amis und ihre Rettungsmaßnahmen für Bear Stearns, AIG oder Fannie und Freddie hinsichtlich der Details witzeln, wäre es im Fall europäischer Unternehmen vergleichbarer Bedeutung noch nicht mal klar gewesen, welches Land überhaupt die Initiative ergreifen sollte. Das ist prinzipiell auf jeden Fall ein Manko, unabhängig davon, wie die konkrete Entscheidung “Bailout ja/nein?” dann im Einzelfall auch aussehen würde.

Sollte man daher schleunigst auf die politische Agenda der EU/Eurozone-Minister setzen, das duldet keinen Aufschub!

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1 doc del oro Oktober 1, 2008 um 08:20

Hmm, WGN,
Du hast doch gerade im Heimatle besten Anschauungsunterricht bekommen, wie “das Volk” denkt. Man darf “Europa” und damit die EU/EURO-Institutionen nicht überfordern, sondern muß vielmehr die nationalen Befindlichkeiten gebührend berücksichtigen. Klar wäre es prinzipiell (!) sinnvoll, eine europ. Aufsichtsbehörde und einen europ./multinationalen Rettungsfonds zu implementieren, und wenn man einen leeren Kontinent auf dem Reißbrett planen und bevölkern wollte, würde man es sicher so machen . Das Problem ist aber: die DBK wird in der öffentlichen Wahrnehmung stets die ‘deutsche’ Bank bleiben, so wie z.B. die SocGen immer nach französischer Bank riechen wird. Und jetzt überleg Dir, was es in Europa für einen Aufschrei geben würde, wenn die DBK mit gesamteuropäischen Geldern gerettet würde, oder andersherum für einen Aufschrei in D, wenn SocGen mit deutschen Mitteln (die ja in jedem Fonds einen erheblichen Anteil stellen würden) rausgehauen würde. Die nationalen Ressentiments würden überkochen, Jörgl et al. würden davon zu profitieren wissen.
Ambrose EP macht’s ja schon vor mit seinen Hieben gegen die spanischen Banken, die ihre Immo-Schrottkredite mit dem ausschließlichen Ziel verbriefen, die ‘Wertpapiere’ bei der EZB als Kollateral zu bunkern, laß derartige Sprüche mal an die breite Öffentlichkeit gelangen …

Eine bessere Lösung? Ich als Laie würde das Heimatland-Prinzip favorisieren, mit klarer Verantwortlichkeit eines Staates für die bei ihm beheimatete Bank. Sekundäre Lastenausgleichs-Instrumente gibt’s in der EU ja schon genug, da wäre ein europ. Lastenausgleich auch weniger präsent in der öffentlichen Wahrnehmung.

2 doc del oro Oktober 1, 2008 um 08:28

Ach ja, ich bin ja kein Freund vom Peer, aber eines muß man ihm lassen: Er hat unter ziemlich erfolgreicher Geheimhaltung einen riesigen bailout (mit-)organisiert. Unbesehen des Sinnes/Unsinnes des HRE-bailouts in der beschlossenen Form haben Peer, Weber, Sanio et al. sich auf die wesentlichen Kreise konzentriert: Trichet war involviert, ansonsten Europa außen vor. Jetzt ist Nellie Kroes naturlich angepisst, aber wenn man schnell handeln muß, darf man eben nicht zuviele Leute befragen …

3 webmax Oktober 1, 2008 um 09:23

Das ist der erste Schritt zur Auflösung des Euro-Clubs – und wahrscheinlich erforderlich, um die Schulden der PIGS und der Osteuropäer nicht übernehmen zu müssen.
Da hätten wir es dann ja, das “Europa der zwei Geschwindigkeiten” – Armenhaus inklusive. Und der Euro wäre automatisch platt wegen unterschiedlicher Zinshöhen.

Alles Stückwerk, wir werden imho um eine neue, goldgedeckte Währung nicht herumkommen…

4 David Reisner Oktober 1, 2008 um 10:02

Sicher eine spannende Frage, nur würde es hierfür politische Diskussionen benötigen, wer welche Haftung warum in welchen Fällen übernehmen soll.. und diese Lösungen würden (so meine Hoffnung) länger dauern als die momentane Finanzkrise..

5 joerg Oktober 1, 2008 um 10:03

nix los heute…keine bankenpleite? nicht mal ne winzige schieflage? oder wenigstens ein klitzekleines insolvenzgerücht?

ach menno…langweilig…gähn

6 Kommentator Oktober 1, 2008 um 10:21

@joerg
Die französische Sparkasse (Caisse d’Epargne) steht unter Druck. Da, bitte. ;)

7 OswaldSpengler Oktober 1, 2008 um 11:34

Ja ist schon herrlich wenn man ungefragt den Steuerzahler ausplündern kann gelle…so macht Wirtschaft Spaß…

Verstaatlich der Banken,Enteignung/Regress der oberen Führungsetage für die volkswirtschaftlichen Schäden, kleine und mittlere Chargen bekommen Gehälter des öffentlichen Dienstes( unter A 13),

Mal ne dumme Frage: Wo kommt dass Geld für diese Rettung eigentlich her ? Sind diese Länder nicht höchst defizitär ?

Falls es noch nicht an den französischen Hof an das durchlauchtigste Ohr gedrungen ist.Die Basis kocht vor Wut verdammt…!:-(

Gnade den korrupten Eliten Gott dass funktioniert nicht….

8 Unwissender Oktober 1, 2008 um 13:54

Lost in space!

UBS-Aktienpaket im Wert von 1,5 Milliarden verschollen!

http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/UBSAktienpaket-im-Wert-von-15-Milliarden-verschollen/story/16124715

Gut ist nur “Kleingeld”, aber wer denn Pfennig nicht ehrt, ist ……….

Nochwas:

Habt Ihr eigentlich mal was vom Ackermann gehört?

Obwohl, wenn er derzeit nicht in den Medien erscheint und den Anfang vom Ende der Krise prognostiziert – danach wurde ja alles regelmäßig noch schlimmer – dann könnte ja evtl. doch Entspannung angesagt sein, gelle?

Ansonsten ist ja alles in Butter – und sicher!

http://www.faz.net/s/Rub58241E4DF1B149538ABC24D0E82A6266/Doc~ECEADF66E98EC45E4BDDBF6B8741DB1F9~ATpl~Ecommon~Scontent.html

9 Eskimo Joe Oktober 2, 2008 um 07:16

Bailouts und Rettungsmaßnahmen haben nur einen Sinn: Angst vor der politischen Reaktion des Volkes. Im Klartext Anarchie.
Diese scheinheiligen Rettungsmaßnahmen verzögern nur die Kernschmelze – mehr nicht.

Das muss man lesen:

http://rebellmarkt.blogger.de/stories/1232113/#comments

10 doc del oro Oktober 2, 2008 um 09:23

ich muß etwas zurückrudern.
“Heimatland-Prinzip” (mein posting #1) stößt an seine Grenzen, wenn man sich die Größenverhältnisse anschaut, wie sie in einem ft-Artikel genannt werden:

” (… ) The crucial problem on this side of the Atlantic is that the largest European banks have become not only too big to fail, but also too big to be saved. For example, the total liabilities of Deutsche Bank (leverage ratio over 50!) amount to about €2,000bn (more than Fannie Mae) or more than 80 per cent of the gross domestic product of Germany. This is simply too much for the Bundesbank or even the German state, given that the German budget is bound by the rules of the European Union’s stability pact and the German government cannot order (unlike the US Treasury) its central bank to issue more currency. Similarly, the total liabilities of Barclays of around £1,300bn (leverage ratio 60!) are roughly equivalent to the GDP of the UK. Fortis bank has a leverage ratio of “only” 33, but its liabilities are three times the GDP of its home country of Belgium (…)”
http://www.ft.com/cms/s/0/41960e1c-8972-11dd-8371-0000779fd18c.html?nclick_check=1

Daraus resultiert nicht mehr Drang zu Europa, sondern purer Zwang zu Europa :o (

11 doc del oro Oktober 2, 2008 um 13:00

bin jedenfalls froh, daß nicht nur ich in der Frage so zerrissen bin.
siehe FTD heute mit dem Titel “Kakophonie um europäischen Rettungsplan”
http://www.ftd.de/politik/international/:EU-Notfonds-Kakophonie-um-europ%E4ischen-Rettungsplan/421108.html

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