Seit dem vergangenen Wochenende tobt in der Blogger Gemeinde ein Aufstand. Der Anlass war ein Interview des Moskauer Studioleiters der ARD, Thomas Roth, mit dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin. Das Interview wurde am Freitagabend um 23.00 Uhr ausgestrahlt. Kurze Zeit später stellte die ARD dieses Interview in ihren Tagesschau Blog, mit kurzen Anmerkungen Roths über die Hintergründe.
Dann begann der Sturm auf die Bastille namens ARD … .
Das Verhältnis zwischen Journalismus und dem Web 2.0 ist bis heute ungeklärt. Es ähnelt den Anfangszeiten des Fernsehens als Fernsehjournalisten noch um ihre Reputation kämpfen mussten. Heute befinden sich die Blogger in dieser Lage. Zwar haben alle klassischen Medien eigene Internetauftritte. Nur ist damit der Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten nicht aufgehoben, obwohl sich jeder Blogger problemlos Journalist nennen könnte: Es ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Die Differenz liegt zum einen in der Erwerbsorientierung. Blogger schreiben nebenberuflich, Journalisten nicht. Zum anderen in den berufsständischen Regeln wie der Trennung zwischen Bericht und Kommentar – oder für eine Information zwei Quellen zu haben. Journalisten müssen diese Regeln einhalten. Dass sie häufig missachtet werden, ist kein Argument: Sie gelten trotzdem. Blogger können grundsätzlich alles machen, wenigstens im Rahmen der Gesetze.
Ein weiterer Unterschied betrifft die Bindung des Journalisten an sein Medium. Diese habe vor allem einen Auftrag: Die Berichterstattung. Die Meinung eines Journalisten interessiert kaum einen Medien-Nutzer. Ihm geht es nicht viel besser als dem Bäcker. Und wer will schon wissen, was der über Putin denkt, solange die Brötchen schmecken? Zwar gilt der Kommentar als Königsdisziplin des Journalisten, nur ist die weitgehende Irrelevanz des Leitartikels für den Zeitungsleser schon lange bewiesen. Zudem arbeitet er unter besonderen Funktionsbedingungen. Es besteht Konkurrenz – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Die Unternehmen kämpfen nicht nur untereinander um Aufmerksamkeit und Marktanteile. Zugleich konkurrieren in den Medienunternehmen die Ressorts - und am Ende findet der Streit in den Ressorts selber statt. Zeit und Platz sind knappe Güter. Und daher ist die wichtigste Kunst des Journalisten das Kürzen. Für Blogger gilt das nicht. Ihre Stärke liegt in der Subjektivität. Alles ist ein Kommentar. Berichterstattung findet nicht statt. Sie kann es auch nicht, weil diese einen enormen materiellen Aufwand verlangt. Blogger beziehen ihre Quellen aus den klassischen Medien, ergänzt um Ergoogeltes. Die alten Medien setzen bis heute die Themen – und die Blogger sagen ihre Meinung dazu. Kürzen ist nicht nötig. Niemand sagt, 10 Minuten und keine mehr, oder heute kann wegen der redaktionellen Dynamik das Thema nicht behandelt werden. Das passiert in klassischen Medien jeden Tag. So leben Blogger und Journalisten in einer Art friedlichen Koexistenz. Wie die UdSSR und die USA im Kalten Krieg.
Allerdings hat das Web 2.0 den Journalismus unter Druck gesetzt. Der Journalismus betrachtete sich als „Vierte Gewalt“: Man sieht sich gern als Kontrolleur von Mächtigen und die Stimme der Ohnmächtigen. Diesen Anspruch haben alle Journalisten – vom WDR bis zur BILD-Zeitung … .
Das Dumme ist nur: Immer weniger Medien-Nutzer scheinen davon überzeugt zu sein. Und da kommen die Blogger als „Fünfte Gewalt“ zur Kontrolle der Vierten ins Spiel. Sie konstituiert sich gerade. Es findet ein Verfassungsakt statt. Wie das?
Zu diesem Anlass kann das Putin Interview von Thomas Roth werden. Die ARD handelte wie heute üblich. Sie stellte es in ihren Tagesschau Blog.
Dann begann der digitale Sturm auf die Bastille namens ARD.
Denn Roths Interview war nicht nur von der ARD ausgestrahlt worden, sondern auch von russischen TV Sendern. Diese Praxis ist keineswegs unüblich. Nur stellte ein Blogger eine deutsche Übersetzung dieses Interviews in das Netz. Und was sah man: Das Interview war nicht nur länger als von der ARD behauptet, sondern beinhaltete zugleich Aussagen Putins, die bei vielen Lesern einen politischen Nerv getroffen haben. Diese Aussagen waren in der ARD nicht zu finden. Das Web 2.0 funktioniert in einer Hinsicht wie klassische Medien. Es gibt den „Spiegel“ und den Neheimer Gemeindeboten … . Auch hier braucht man eine große Reichweite und ein entsprechendes Prestige. Nur dann kann man Themen skandalisieren. In diesem Fall waren es Jens Berger, als Spiegelfechter im Netz unterwegs, und Albrecht Müller von den Nachdenkseiten. Berger rief nach einer luiziden Analyse von Roths Interview laut „Manipulation“ und „Zensur“. Und alle hörten zu. Kurz gesagt: Er sah in der Auslassung der NATO kritischen Aussagen Putins einen Versuch der Desinformation. Der Fernsehzuschauer, so Berger, konnte die russische Sichtweise auf den Konflikt nicht kennenlernen. Eine objektive Meinungsbildung des ARD Zuschauers wäre so unmöglich gewesen. Ergebnis: Roth hat das Putin-Interview zensiert und den Zuschauer im Interesse westlicher Politik desinformiert. So die Kritik Bergers – und vieler anderer. So tanzte im Tagesschau Blog wohl auch der russische Bär … . Während ansonsten kaum jemand die dortigen Beiträge kommentiert, findet man mittlerweile mehr als 800 Einträge zu Roths Interview. Ein Desaster für die ARD: Davon sind sicherlich 98 % deutlich formulierte Kritik. In anderen Blogs sieht es kaum anders aus.
Tatsächlich ist diese Debatte nur möglich gewesen, weil viele Menschen in Deutschland das Gefühl einer einseitigen Berichterstattung zum Georgien-Konflikt hatten. Das war durchaus berechtigt. Nach dem Ausbruch der Kämpfe dominierte die georgische Perspektive einer russischen Aggression, obwohl kurioserweise in den ersten Tagen niemand bestritten hatte, dass die Feindseligkeiten von Georgien begonnen worden sind. Allerdings kann davon zum Zeitpunkt des Roth Interviews nicht mehr die Rede sein: Mittlerweile ist die Berichterstattung in ihrer Summe – und nicht die einzelner Medien – durchaus fair zu nennen. Beide Seiten kommen zu Wort. Das ist auch die journalistische Kernkompetenz. Selbst die politische Debatte bekommt mittlerweile rationale Züge … . Genau hier fängt aber jetzt das Problem an. Und es ist keins von Thomas Roth, sondern seiner Kritiker aus dem Web 2.0. Der Manipulationsvorwurf lässt sich auf einen Punkt reduzieren: Putins Argumente, einer nannte sie „Entlarvung der NATO“, sind von Thomas Roth herausgeschnitten worden. Die wirken auf viele Kritiker besonders überzeugend, womit nun keine Wertung verbunden sein soll. Und damit kommt ein fataler Kreislauf in Gang. Fast jeder Umstand, der für einen Journalisten völlig unproblematisch ist, gerät unter Manipulationsverdacht. Die Programmplanung, die Sendedauer, das Kürzen des Interviews, die Auswahl der Ausschnitte, der Zeitdruck bei der Produktion, selbst die Mimik und Gestik Roths stehen unter Verdacht. Überall wittern die Kritiker Täuschung und Zensur. Wobei sie sich nicht sicher sind, ob nun Roth Putin zensiert hat oder Roth selber zensiert worden ist … . Es zeigt wie unbekannt die Arbeitsumstände von Journalisten sind. Zwei Beispiele: Es wird kritisiert, dass die ARD von einem vollständigen Interview geredet habe – und die meisten Passagen gar nicht veröffentlicht hat. Tatsächlich meinte Vollständigkeit schon immer die Sendefassung – und nicht das komplette Material. Eine normale Praxis wird so zum Verstoß gegen die journalistischen Sitten. Nun hatten auch russische Sender das Interview aufgezeichnet. Es wäre also eine Manipulation unter russischer Aufsicht gewesen. Was nun als Manipulationsversuch fast genauso dämlich wäre wie der Angriff Saakaschwilis auf Südossetien gewesen ist. Ähnliches gilt für die journalistische Entscheidung Roths bei der Auswahl der Ausschnitte. Jeder Journalist ist subjektiv. Er versuchte das im DLF darzustellen. Tatsächlich lässt sich über die Auswahl immer diskutieren. Nur hat der Manipulationsvorwurf in solchen Fällen vor allem einen Absender: Den Interviewten. Putin hat sich bis heute nicht beschwert, weil es schlicht keine Verfälschung seiner Aussagen gegeben hat. Die Auswahl liegt immer in der Verantwortung des Journalisten. Es sei denn, es gibt andere Vereinbarungen. Die gab es hier nicht. Und die ARD hat bekanntlich kein Monopol. Aussagen Putins, die dort nicht zu finden sind, bringt später die Konkurrenz. Das funktioniert auch heute noch. Der “Spiegel” kann ein Putin Interview sicherlich kaum erwarten.
Vor zehn Jahren wäre diese Debatte unmöglich gewesen. Sie ist ein Kind der Digitalisierung. Die „Vierte Gewalt“ hat im Web 2.0 ihren Aufpasser gefunden. Das ist ein Fortschritt. Die klassischen Medien haben diesen Strukturwandel bis heute nicht begriffen – in diesem Fall die ARD. Sie wirkt wie gelähmt. Sie ist offensichtlich überfordert mit einer Situation, die ihre Funktionsbedingungen transparent gemacht hat. Nur das Gleiche gilt für die Blogger im Web 2.0. Deren Subjektivität und die Orientierung auf Meinungsäußerung droht den Journalismus zu demontieren. Es wird alles in Frage gestellt. Nur leider zumeist nicht nach journalistischen Kriterien. Alles gerät unter Verdacht – vor allem wenn es nicht dem eigenen Weltbild entspricht. Früher funktionierte der Journalismus als Gatekeeper in der öffentlichen Debatte. Ohne ihn gab es Öffentlichkeit gar nicht. Er funktionierte nach seinen eigenen Regeln – manchmal gut, häufig schlecht. Aber er strukturierte über seine Berichterstattung die Debatten. Die Beteiligung der Medien-Nutzer beschränkte sich auf das Schreiben erboster Leserbriefe … . Diese Funktion droht er zu verlieren, wenn es ihm nicht gelingt über transparente Strukturen seine Glaubwürdigkeit zu erhalten. Aber wenn die Blogger im Web 2.0 nicht den Unterschied zwischen Berichterstattung und Kommentar verstehen lernen, wird der Begriff der Öffentlichkeit im Sinne eines rationalen Diskurs über unsere Angelegenheiten untergehen.
Dann droht zwar erst nur das Gerede in einem Klima des permanenten Verdachts. Aber später käme die Gewalt in einer sprachlos gewordenen Öffentlichkeit.















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Das ist ja jetzt alles kein neues Thema und man stößt immer wieder auf das gleiche Problem: Die alten Medien haben das neue Medium Internet nicht verstanden.
Das Journalisten auswählen ist auch für 80%-90% der Leute wichtig und gut. Nur weshalb nutzt denn die ARD in diesem konkreten Fall und die alten Medien generell nicht das neue Medium Internet, das eben keine Platzprobleme hat und stellt das komplette Interview ins Netz und blendet am Ende der Sendung ein: Den Rest finden sie unter http://www.ard.de/blablabla? Ist das schwer? Oder hat das nicht vielleicht doch was damit zu tun, dass die alten Medien – und bei Ihnen klingt das ja auch unterschwellig an – eben an ihrer Gatekeeperfunktion um jeden preis festhalten wollen und somit den öffentlichen Diskurs eben doch bestimmen wollen?
Die Fragen die sich mir immer stellen, wenn auf Aussagen vom Untergang des Journalismus treffe sind die: Warum nicht einen journalistisch einwandfreien Artikel schreiben und dann bei den Kommentaren einer Onlineausgabe mitreden? warum nicht die Quellen, die man preisgeben kann veröfentlichen? Und klar sagen, dass und aus welchen Gründen man bestimmte Quellen eben nicht preisgeben kann? Warum also nicht einfach mal mehr transparenz anbieten? Ob sie jemand nutzt sei dahingestellt.
Und das ist auch im wesentlichen der Vorwurf den sich die alten Medien immer wieder von den Bloggern gefallen lassen müssen. Den Unterschied zwischen Bericht und Kommentar haben die meisten wohl verstanden.
Kurz zusammengefasst: Die Massen sind zu dumm, sich individuell ein Urteil zu bilden.
Ich finde das ganz schön überheblich. Es ist richtig und notwendig, dass die durch die Berichterstattung der “Journalisten” strukturierten Debatten und vor allem diese Struktur in “einem Klima des permanenten Verdachts” gehalten werden.
Die althergebrachten Medien folgen wie auch die Blogs der Nachfrage an Themen. Das Prinzip der Blogs ist dabei aber erheblich organischer und letztendlich kaum zu kontrollieren. Ein ultimativer Vorteil, vor dem sich einige zu scheuen scheinen.
Ohh, wie niedlich – naiv. Man kann es gar nicht oft genug sagen: Wir leben in deiner Anarchy. Die meisten haben das noch nicht realisiert.
Jeder kann jeden denunzieren und anscheißen. Sein Aldi-Handy kann man auf nen Toten zulassen und seine ärgsten Feinde auf 1000 Spamlisten setzten. Und wenn Jounalisten vorsätzlich Amok schreiben sollten sie damit rechnen das ne bitterböse Keule kommt.
Moderne billige Technik ist für jeden Erschwinglich. Einfach mal ein paar Bullen mit Kuli-USB-Cam gefilmt, anschließend bei YouTube hochgeladen und dann haben die ein Problem.
Man kann als normaler Malocher auch ganze Firmen schließen (Brief an Staatsanwalt: Firma Yüxel hat Handgranaten im Keller”), oder einen der 600 Parlamentarier brutal draufschicken. Wenn einer der Abgeordneten ständig ne neue Telefonnummer hat: Der wurde draufgeschickt. In den Ratgebersendungen heißt es niedlich:” Oh, die bösen Firmen machen Werbung”… haha in Wahrheit sind das Bürger die einfach mal Anarchy ausrufen! Was solls.
Grüße und salutiert
Bundestag
1.) Sehr guter Artikel. Insbesondere diese Nichtnennen von Bloggern geht mir auf den Keks. Die deutschsprachige Blogosphäre hat vielleicht drei, vier fünf Stories gemacht, die dann nachher breit in den Mainstreammedien kamen. Aber die Journalisten verlinken das nicht. Zum Verrecken nicht. Vielleicht ist denen das Abschreiben so ins Blut übergegangen, dass man die erst zur Gehirnwäsche schicken muss. Ich habe das übrigens bei der Gesundheitsopa-Geschichte mal verfolgt: Wer verlinkt, wer nicht. Wer schafft es den Sachverhalt richtig darzustellen, wer nicht. Das Ergebnis war ziemlich ernüchternd (und eigentlich sogar peinlich) für die Mainstreampresse: http://egghat.blogspot.com/2008/07/ard-wirft-schleichwerbung-macht-mich.html
2.) Ich gebe dir Recht, dass die Blogosphäre die “vierte” Säule inzwischen halbwegs brauchbar überwacht. Obwohl diese ARD-Geschichte die Blogosphäre IMHO nicht verlassen hat (im Gegensatz zur Gesundheitsopa-Story). Wie geil wäre es, wenn die Blogosphäre die für mich nur engagierte Bürger sind) auch die anderen 3 Säulen überprüfen würde. Aber eins nach dem anderen …
Die klassischen Medien wissen schon, wie man auch die 5. Macht einschränkt. FAZ, SZ, StZ, etc., sie alle lassen Kommentare und online-Leserbriefe in ihren Online-Foren entweder nur nach Voranmeldung zu (und konterkarieren damit das Medium, das ja gerade für sofortige Meldung gut sein sollte), oder sie fordern sogar erst die Anmeldung für ein Forum via WEBMASTER!
Dann werden Foren wegen “technischer Gründe” vorübergehend geschlossen. Oder wie bei SpON gibts kar kein Forum zu den heiklen Themen.
Jedenfalls: der Druck im Kessel steigt. Das Volk läßt sich nicht mehr so einfach die Geschichten von CIA-Roth und Konsorten vorsetzen. Selbst bei den klassischen Leserbriefen in den Tageszeitungen überwiegt die Kritik an den Amis.
Übrigens: bei dem Tagesschau-Teil war der wichtigste Kritikpunkt, daß durch die Worte “das Interview IM WORTLAUT” suggeriert wurde, daß das eben alles wäre.
Alle Rückzugsgefechte, daß ja alles so unter Zeitdruck war und so schnell gehen mußte (sh. Roth Blog) sind scheinheilig und fühlen sich fast so an wie die letzen Tage der Stasi “ich liebe doch alle”.
@Denunziant, @DT:
Ihr scheint da im Bilde zu sein. Bevor weitere Verdaechtigungen aufsteigen, zwei Fragen an Euch: waere das jetzt Kommentar oder Berichterstattung Eurerseits, eine farbige Serviette oder weisses Leinen unter Eurem Beitrag? Und waere der Text da über uns eine Kruecke oder ein Ast?
Danach vielleicht eine dritte Frage..
…the harder they come, the harder they call, one and all.
Ich möchte hier jetzt auch mal meinen Senf zugeben, allerdings eher zu “Zeitung allgemein”.
Ich glaube die meisten von euch wissen einfach gar nicht, was bei den Zeitungen wirklich abgeht (wie auch?). Da wird von Verschwörungen geredet und von abgekarterten Spielen – die Wahrheit ist viel einfacher und heißt: Zeit (und Geld).
Wenn hier jemand schreibt “Warum nicht einen journalistisch einwandfreien Artikel schreiben und dann bei den Kommentaren einer Onlineausgabe mitreden” kann ich dem nur sagen: Vom zeitlichen Aufwand geht das gar nicht. Ich habe (bei den großen Zeitungen) jeden Tag einen oder mehrere Artikel, die ich anrecherchieren muss, Stimmen einholen, schreiben und meistens auch noch mit dem Interviewten abstimmen muss. Dafür bleibt mir in der Regel nur der Tag. Die allermeisten Journalisten haben deshalb gar keine Zeit, darüber hinaus eine qualifizierte Diskussion im Netz zu führen.
Es bleibt auch keine Zeit, um über den Tellerrand zu gucken. Was hier abläuft ist keine mutwillig gewollte Desinformation sondern schiere Not, jeden Tag das Blatt vollzubekommen (was es vielleicht nicht besser macht). Aber es macht keinen Sinn, nach Verschwörung zu schreien, wo keine ist.
Dazu muss man bedenken, dass der Autor unglücklicherweise nicht automatisch immer viel Ahnung haben kann von dem Thema, was heute vielleicht gerade dran ist. Die Redaktionen sind ausgedünnt und oft muss kurzfristig entschieden werden, wer was machen kann – dass auch das ziemlich suboptimal ist, geschenkt.
Aber wir stehen nunmal unter diesem Druck, der in den vergangenen Jahren massiv zugenommen hat. Die Kernredaktionen werden immer weiter abgespeckt, die Anzahl der Freien nimmt ebenso wie der Zeitdruck immer stärker zu.
Auch das Geld ist ein interessantes Thema: Während festangestellte Redakteure wenigstens noch ihre tariflichen Lohnerhöhungen bekommen, gehen die Freien leer aus. An sie wird seitAnfang des Jahrtausends der gleiche Satz bezahlt, obwohl natürlich auch für sie der Druck viel höher geworden ist. Von der Inflation wollen wir mal gar nicht reden …
Bei Teilzeitstellen kommt es auch schon mal vor, dass der Neue aufgefordert wird, seinen Urlaub gefälligst in der Zeit zu nehmen, in der er nicht bei der Zeitung ist …
Frage also: Wo soll bei diesen Zuständen die Qualität herkommen?
Was das Zulassen von Kommentaren und online-Leserbriefen nur nach Voranmeldung bzw. Kontrolle angeht: Sehr ärgerlich, ja. Ich wünschte auch, es wäre anders. Aber habt ihr schon mal gesehen, was da für eine Scheisse (tschuldigung) zusammenkommt, wenn man alles ungeprüft zulässt? Da ist von dumm-dreist bis zur Volksverhetzung alles dabei, ist also rechtlich gar nicht drin, alles automatisch zuzulassen, sonst würden sofort die Anzeigen ins Haus flattern.
Die Blogger haben in den Mainstreammedien in der Tat einen schweren Stand. Vielleicht liegt es daran, dass einige zu laut schreien und die wirklich guten damit übertönen. Aber sicher ist auch die Aroganz des Journalismus schuld, will ich gar nicht abstreiten.
Ihr solltet allerdings auch bedenken, dass es ein ziemlicher Schritt wäre, wenn das Handelsblatt (zB) auf einmal sagen würde: “Wie Blogger XY aufdeckte …” – kommt vielleicht (hoffentlich) noch. Allerdings stellt sich schon die Frage, wie man die Aussage eines Bloggers auf den Wahrheitsgehalt überprüfen soll (ihr wißt schon, diese “zwei Meinungen”-Geschichte). Da muss der “Qualitäts-Journalismus” natürlich sicher gehen …
Weiterer Hinderungsgrund: Es ist bei uns unüblich, Pseudonyme zu zitieren, es kommen eigentlich nur reale Personen ins Blatt. Ob das sinnvoll ist, sei dahingestellt. Aber es gilt eben als “seriös” und als das, was der gebildete Leser erwartet.
Insgesamt: Ich will hier den Journalismus nicht schön reden, sondern euch zeigen, warum es hier so aussieht. Es wird immer Blindgänger geben, und es gibt auch Penner (wie überall), aber der allergrößte Teil hat einfach keine Möglichkeit, anders zu handeln. Was nicht gerade toll ist.
Sorry, war etwas lang, aber lag mir wohl auf der Seele.
Grüße
Terekest
@Terekest: Danke für deine Klarstellung. Vielleicht sollte ich mal meine Lokalzeitung interviewen, ob die auch so mit dem Rücken an der Wand stehen.
@all
Das beste Beispiel ist doch der Afganistan Krieg (ich sage extra nicht mehr Einsatz)Wenn ich als nicht Journalistisch gebildeter einfacher Unternehmer die Propaganda als solche entlarfen und aufzeigen kann und die Journalisten können das nicht dann ist das ein Armutszeugniss oder Absicht Das läst sich mit Zeitdruck nicht entschuldigen denn die Wahl der Sprache macht schon einen gigantischen Unterschied das müsten alle Journalisten wissen.
Es ist was im Spiegel und in anderen Zeitungen zu lesen ist vielfach nurnoch Propaganda und Hetze.
Ich war früher Abonnent der Welt bis ich sie nicht mehr ertragen habe weil ich ob der Offensichtlichen Propaganda morgens nur noch Kotzen wollte.
Von der Bildzeitung wage ich schon garnicht mehr zu reden.
@Terekest
“die Wahrheit ist viel einfacher und heißt: Zeit (und Geld).”
Ich habe auch keine Zeit und muss auch Geld verdienen trotzdem mache ich meine Arbeit gründlich.Das es allgemein härter geworden ist Geld zu verdienen ist kein Geheimniss.
@Terekest: Dass eine gewisse Kontrolle in Foren von kommerziellen Seiten aus rechtlichen Gründen nötig ist, bleibt unbestritten.
Ich habe jedoch schon einige dutzend Beiträge im Spiegel Online Forum gepostet und kann definitiv sagen, dass zumindest dort unliebsame Kommentare – die weder volksverhetzend, noch rechtlich bedenklich, noch sachlich falsch sind – gnadenlos gelöscht werden. Zum Beispiel ein einfacher Hinweis auf ein Sitzungsprotokoll des Bundestages, welches die Schlussfolgerung des betroffenen Artikels ganz klar widerlegt. Ich habe auch beobachtet, dass dort tendenziell extreme Meinungen in eine bestimmte Richtung geduldet werden und in eine andere Richtung nicht. Auch das ist sehr fragwürdig.
In vielen anderen Foren von Tageszeitungen und Magazinen liest man Hinweise darauf, dass es dort ähnlich ist. Das heisst freilich nicht, dass es zwangsläufig immer und überall so ist. Aber der Verdacht liegt nahe. Von daher volle Zustimmung zu DT.
Dass man trotzdem differenzieren muss, und nicht hinter jedem schlecht recherchierten oder einseitigen Artikel eine Verschwörung steckt, sondern oft einfach nur Unwissen und Zeitmangel, ist allerdings ein guter Hinweis.
Journalismus in D ist tot.
Vergleicht mal die Artikel in ei Paar Zeitungen: überall der gleiche Text, von Reuters o.ä.
Ich kann bei copy-paste keinen Zeitaufwand erkennen und erst recht keine Legitimation sich Journalist zu nennen.
Die meisten Zeitungen sind reine Werbeträger mit n bisschen blabla.
Wer dafür Geld ausgibt ist selbst Schuld.
Zeitmangel ist auch keine Entschuldigung für tendenziöse Sprache.
Zitat von gestern Abend, irgendein Mist im ZDF: Die russische Invasion in Georgien…
Ich kann dem Beitrag von Lübberding zwar in Sachen Roth-Putin weitestegehend zustimmen, sehe die Sache generell aber dennoch etwas anders. Und die großen Medien sollten wirklich mal anfangen sich zu fragen, warum sie bei Teilen der Bevölkerung unter Generalverdacht stehen, und in der Szene sowieso. Dort gilt ja selbst der “Spiegel” mittlerweile als Propoagandaschleuder, von Blättern wie der “Welt” ganz zu schweigen. Und an dem Vorwurf an die ARD, dass sie mit der Formulierung “Wir präsentieren eine auf 10min gekürzte Fassung des Interviews da und dort, sowie die ungekürzte Fassung als Transkript auf unserer www-site oder als TV-Sendung morgen früh um 6:30″ jegliches Problem mit Links beseitigen bzw gar nicht erst aufkommen hätte lassen müssen, kommt sie meiner Meinung nach nicht vorbei. Die Aufregung mag zwar dieses Mal nicht berechtigt sein, aber wer sagt denn, das dies beim nächsten Mal schon nicht anders ist?
Die Frage, die ich mir generell stelle ist, ob nicht die Welt mittlerweile viel zu komplex geworden ist, um überhaupt noch “meinungsfreien Journalismus” zu gestatten. Journalisten leben ja nicht im intellektuellen Reinraum, sondern tragen mit sich das gesamte Gepäck an Eindrücken und Erfahrungen ihrer Vergangenheit, zusätzlich zu allem, was ihnen unter dem Stichwort “Sozialisierung” widerfahren ist und auch aktuell noch widerfährt. Ich kann mir nicht helfen, aber ich kann zB in Sachen Israel, Nahost, Amerika, NATO keinem Medium des Springer-Verlages Glauben schenken, wenn die Belegschaft dort auf die “Freundschaft mit Israel und Amerika” expressis verbis eingenordet wird. Nun ist Springer aber ein sehr exponiertes und polarisierendes Medienhaus, und daher kennt man derlei Hintergründe in einer breiteren Öffentlichkeit, aber zu allen anderen Sendern und Verlagshäusern stellt sich die Frage natürlich ebenso: “Was geht bei denen im Hintergrund vor sich?”, und zwar ohne, dass es der Öffentlichkeit bewußt wäre. Insoferne muß man dem ASV ja schon wieder Rechtschaffenheit zubilligen, dass er öffentlich macht, wie bei ihm intern die Dinge laufen.
Ich weiss jetzt nicht mehr wer genau, aber irgendein Medienzar soll mal vor Jahrzehnten gesagt haben: “Meinungsfreiheit bedeutet, dass eine Handvoll sehr reicher Menschen frei darin ist, ihre Meinung zu verbreiten.” Und er wird wohl gewußt haben, warum er das zu Protokoll gab. Übersetzt auf unsere Verhältnisse schliesst das politische Gruppen wohl ein.
Meinung wird gemacht, da habe ich keinerlei Zweifel dran, spätestens seit dem “Fall Hohmann” oder der Berichterstattung zu Eva Hermann. “Zensur” und “Manipulation” sind harte Vorwürfe, keine Frage, stehen aber im Raum. Und der Grund, warum die Blogger-Szene so reges Interesse findet, scheint mir ja justament in der Hoffnung zu liegen, zu den “News hinter den News” vorzustoßen.
Weissgarnix
Das Zitat stammt von Paul Sethe aus den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Damals Herausgeber der FAZ – und im Streit um Adenauers Westintegration aus der Zeitung ausgeschieden.
Später werde ich auch noch inhaltlich auf die Kommentare eingehen.
Nanuk: Das ist in der Tat ein zweischneidiges Schwert – es gibt eine Menge Hofberichterstatter, das ist wahr. Und natürlich hat zumindest jede größere Zeitung ihre redaktionsinterne Linie.
Das Problem ist, dass ich immer jemanden brauche, den ich zitieren kann – sobald ich den verprelle, wird er sich künftig zweimal überlegen, ob er nochmal mit mir redet.
Natürlich ist die totale Unabhängigkeit nicht da, denn ich bin einfach von zu vielen abhängig. Und da die USA und ihr Kurs in diesem Land eine viel größere Lobby und Unterstützung haben, ist es auch klar, in welche Richtung die Berichterstattung geht. Wirklich objektiv kann heute so gut wie niemand mehr schreiben, wenn er bei einer (großen) Zeitung ist. Eventuell war das aber nie anders, es fällt uns heute nur mehr auf, weil wir kritischer geworden sind.
Ein anderes großes Problem sind natürlich Anzeigen. Ohne Anzeigen ist JEDE Zeitung sofort tot, denn der Verkaufspreis einer Zeitung deckt nicht annähernd die Kosten. Ich kann noch so tolle Artikel haben, wenn ich nicht genug Anzeigen zusammen habe wird die Zeitung dünner und die Artikel erscheinen nicht.
Ich weiß auch von Fällen, bei denen der Redaktion von Anzeigenkunden nahegelegt wurde, mal etwas auf die Bremse zu treten. Von daher wundere ich mich manchmal,wie unabhängig doch noch berichtet wird …
Tengu: ja, das ist mir (bei einer anderen Zeitung) allerdings auch schon mal so gegangen, habe das aber naiverweise eher auf einen Zufall geschoben – zumal ich den Versuch nicht wiederholt habe. Wohl etwas blauäugig von mir …
Matte: das ist ja gerade das Problem: Offensichtlich ist den obersten Chefs eines Verlages aber nicht klar, dass die Qualität immer leidet, wenn man nicht bereit ist, Leute anständig zu bezahlen und sie zudem unter starken Zeitdruck setzt. Und natürlich fällt das den Lesern auf.
Ich widerspreche dir insofern, dass ich nicht denke, dass Journalismus in Deutschland tot ist – aber vielleicht ist er auf dem besten Weg, sich umzubringen.
Grüße
Terekest
Ich wundere mich schon lange über gar nichts mehr was Zeitungen angeht. Ich kenne noch die ‘BILD’ aus Ende der 50er Jahre, damals total anders eingestellt. Ich erinnere mich noch genau wie dort Tips für Wehr pflichtige gegeben wurde den Wehrdienst zu umgehen. Heute wäre das unmöglich! Damals war dieses Blatt fast revolutionär! Heute ein Sprachrohr für Merkel!
Wie auch unsere Heimatzeitung, die ‘Mittelbayerische Zeitung’ mit ihren Unterausgaben. Der Verleger gut Freund mit dem Bischof von Regensburg. Daher schwarz bis tiefschwarz. Gestern ein Kommentar auf Seite 2: ‘Danke Merkel’, da gings um Georgien usw.
Die örtlichen Redaktionen sind total abhängig von den Anzeigenkunden. Lokalartikel drehen sich immer um Feuerwehr, Kirche (Der Pfarrer von Hintertupfing hatte gestern erhebliche Blähungen, wir wünschen gute Besserung), Gartenbauverein usw. Nichts kritisches, obwohl es genug Missstände hier gibt.
Wenn meine Frau nicht auf dem Abo bestehen würde, ich hätte keine Zeitung!
Zu diesem ganzen Thema gibt es bei Michael Winkler einen sehr guten ‘Pranger’:
http://www.michaelwinkler.de/Pranger/Pranger.html
Lesenswert, ich habe den Link per mail an die Mittelbayerische gesandt, hilft zwar nichts nur sollen die wissen, dass es auch was anderes gibt.
Im Grunde sind Journalisten arme Säue, in einem Tendenzbetrieb arbeite muss schwer sein!
Gruss Otto
@wgn:
> > Dann droht zwar erst nur das Gerede in einem Klima des permanenten Verdachts. Aber später käme die Gewalt in einer sprachlos gewordenen Öffentlichkeit.
Das schien mir zwar ein wenig journalistisch-gestalterisch zu einem abschliessenden Allegro Furioso hochgejazzt zu sein, aber im Kern muss ich wohl zustimmen: wenn ein Grundkonsens und damit verbunden eine wenigstens minimale Achtung vor dem Andersmeinenden verlorengeht, verwildert die Gesellschaft, und in der Langfristfolge geht die Funktionsfähigkeit der Demokratie verloren. Dann kann eine (Halb- oder Voll-) Diktatur kommen mit kaltem Frieden, oder sogar auch die explizite Gewalt der Anarchie mit der Folge des “Rechtes des Stärkeren”. Nigeria oder so heute, oder Deutschland Anfang der 30-er.
@luebberding:
Ich fand diesen Blog derart gut, voll in der Tradition der wirklich guten Beiträge von “Weissgarnix” (ich verwende mal das Markenzeichen), dass ich überhaupt nicht auf die Idee kam, dass er von Ihnen ist. Erst durch wgn’s Kommentar habe ich das gemerkt
Also: in meinen bescheidenen Augen haben Sie dadurch den (in meinen bescheidenen Augen) schwachen Beitrag “Ende des Westens” mehr als wettgemacht. Darüber freue ich mich, denn ich lobe viel lieber Gutes als dass ich Schlechtes anmeckere.
Damit komme ich aber auch wieder zu meinem Lieblingsthema (ceterum censeo…): In der Blogosphäre generell gibt es viel zu wenig implizite Selbstkontrollmechanismen. Das hängt wie ja auch von Ihnen und/oder wgn gesagt damit zusammen, dass die Leute unter dem Schutz ihrer Anonymität ein “Stammtisch-Gerülpse” (ich erlaube mir selbst auch mal eine temporäre Niveau-Senkung) von sich geben, dass sie sich unter anderen Umständen so nicht trauen würden.
Für einen Blogersteller gilt das relativ weniger, weil er ein Image zu verteidigen hat, aber extrem gilt es für die meisten Kommentar-Poster.
Ich habe keine Idee, was man dagegen machen kann, aber vielleicht findet auch in der ja noch sehr jungen Blogosphäre mal eine Evolution statt, die Begrenzungsmechanismen für dieses niedrige Niveau etabliert. Einfach mal zum Brainstorming: vielleicht gibt es irgendwann mal einen Trend zum Erstellen hochwertiger Blogseiten, wo nur noch Leuten unter Echtnamen und mit Bild posten können.
Ich weiss auch nicht, wie es geht. Aber auch bei einigen Kommentaren hier oberhalb merkt man (IMHO) wieder, dass die Leute keinerlei Lust hatten, auch nur eine Sekunde nachzudenken (z.B. über die Frage, wie der Journalist mit einem gegeben Zeitrahmen umgeht), und das ja auch nicht brauchten, weil sie für ihre Gedankenlosigkeit hinter dem Schutzschirm der Anonymität keinerlei negative Folgen zu befürchten hatten. Sehr positive Ausnahme IMHO übrigens: Terekest.
Die dankenswerterweise verlinkte Seite im DLF habe ich mir angesehen und fand die Darlegungen recht überzeugend. Eigentlich bin ich kein so grosser Freund der Öffentlich-Rechtlichen, weil sie (in meinem Vorurteil) nicht unmittelbar zur Leistung gezwungen sind, aber hier haben sie (IMHO) Leistung erbracht.
Wenn ich so insgesamt noch mal darüber nachdenke, werde ich zunehmend sicherer, dass sich im Laufe der Zeit Qualitäts-Hierarchien und damit auch Selektionsmechanismen in der Blogosphäre bilden werden. Letztendlich dürfte das durch Wettbewerb in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen passieren. Zu diesen Qualitätshierachien wird natürlich auch eine Unterschicht gehören. Aber eben auch eine Oberschicht, zu der zu gehören sich dann sowohl der Blogersteller als auch der Kommentator qualifizieren müssen.
Eigentlich ein tröstlicher Gedanke, solange man sich selbst eine Chance für die gehobenen Kategorien ausrechnet, und hoffen kann, dass nicht die gesamte restliche Bevölkerung ins Blogosphären-Prekariat abrutscht
Winkler habe ich auch gelesen, aber Sachen wie “Schreiben kann ja fast jeder, der Presseausweis für zahlreiche Vergünstigungen ist hochwillkommen und das arrogante Auftreten wird man sich schon noch aneignen” oder “Die Freiheit eines Journalisten besteht darin, in der Öffentlichkeit gegen gewöhnliche Menschen den arroganten Kotzbrocken zu geben”, dazu noch der Hinweis aufs Parteibuch – na ja, Provokation ist schön und gut, aber bewußt falsche Informationen helfen nicht wirklich weiter.
Jemanden wie Winkler meinte ich auch damit, als ich weiter oben schrieb, dass “einige zu laut schreien”. Damit diskreditiert er nur die Blogger, die wirklich versuchen, objektiv zu sein.
Ernst kann ich den Mann jedenfalls nicht nehmen, und ich weiß jetzt auch, wie ich seine sonstigen Ergüsse einordnen muss.
Schönen Gruß
Terekest
@Otto und @Alle
Über Leute wie Michael Winkler brauchen wir uns hier glaube ich nicht ernsthaft zu unterhalten. Was auch immer in den Mainstream-Medien falsch laufen mag, die propagandistischen Parolen von frustrierten Mittfünzigern können darauf nicht die Antwort sein.
@weissgarnix,
teilweise Zustimmung, doch sollte man auch sehen, wie übel M. Winkler schon mitgespielt wurde! Von der Staatsmacht!
Man mag zu seinen Artikeln stehen wie man will, doch meiner Meinung nach (immerhin habe ich eine Menge Lebenserfahrung auf dem Buckel) findet er oft genau den Punkt der die Sache trifft. Insbesondere der erwähnte Pranger bezgl. Journaille ist so einer. Ich sehe, bzw. lese es ja täglich in unserem Käseblatt, dem ‘Bayerwald Echo’ einem Ableger der Mittelbayerischen.
Dass M. Winkler frustriert ist und eher dem rechten Lager zuneigt, über das sehe ich hinweg. Wichtig ist mir, dass er oft die Finger in Wunden legt; solche gibt es ja hier zuhauf.
Gruss
Otto
@Terekest:
> > Und da die USA und ihr Kurs in diesem Land eine viel größere Lobby und Unterstützung haben, ist es auch klar, in welche Richtung die Berichterstattung geht
Erstmal danke für Ihre (IMHO) wohltuend abgewogenen Beiträge.
Aber was obiges Zitat angeht, bin ich nicht Ihrer Meinung. Im Gegenteil finde ich es erschreckend, dass soweit ich die Statistiken richtig erinnere, fast schon eine Bevölkerungsmehrheit die USA für die grösste Bedrohung für den Weltfrieden empfindet. Insofern mag die Lobby im engeren professionellen Sinne zwar pro USA sein, aber die politische Unterstützung im Sinne der Bevölkerungsstimmung scheint es nicht zu sein.
Das frustriert mich persönlich immer so (und ängstigt mich), weil “die Leute” (ich sag’ das mal so pauschalierend) auf Grund der “seit Ewigkeiten” unveränderlich und relativ hochgradig geltenden Freiheit und Sicherheit und Abwesenheit von wesentlicher alltäglicher Gewalt glauben, dass dieser Zustand so eine Art physikalisch-gesetzmässig garantierter Status sei.
Dass es vermutlich noch nie (egal ob 100, 1’000, 10’000, oder 100’000 Jahre zurückblickend) eine solche lange Phase gab, wo eine solche Idylle herrschte, verdrängen Menschen gerne, wenn Zyklen deutlich über eine Generation hinaus anhalten (das sieht man ja auch im Wirtschaftlichen).
Und diese Idylle haben wir letzten Endes durch die Existenz eines freundlichen und in seinen eigenen kulturellen Wurzeln sehr demokratisch gefärbten Hegemons, nämlich der USA.
Man muss als Gegenbeispiel ja nicht unbedingt ein Horror-Szenario à la Orwells 1984 nehmen, sondern es reicht mir schon, wenn ich mir für Deutschland einen Hegemon Russland vorstelle, so wie er heute erscheint.
Als erstes würde die weitestgehende Angstfreiheit verschwinden, sich doch praktisch beliebig äussern zu können. Dass dann auch systemkritisches “Stammtisch-Gerülpse” verschwinden würde, könnte ich ganz bestimmt nicht als Trost empfinden
Eine Gänsehaut beziehe ich aus der strukturellen Überlegung, dass einem günstige Konstellationen manchmal einfach zufliegen mögen, aber dass man sie, wenn man sie auf Dauer geniessen möchte, sich vielleicht doch irgendwie auch verdienen muss. Und sich diesen Hegemon verdienen zu wollen, sehe ich in der Bevölkerung als nicht gegeben. Ob die eigensüchtigen Interessen des “freundlichen Hegemons” USA so stabil sind, dass er deshalb ganz sicher auch in Zukunft seine Ordnung für uns garantiert, das scheint mir nicht hinreichend sicher, um mich komfortabel zu fühlen. Es gab im letzten Jahrhundert auch Perioden mit viel isolationistischer geprägtem Selbstverständnis der USA.
@Terekest,
da gebe ich dir nicht gahz Recht! Zeitungsverlage sind Tendenzbetriebe, das was der Verleger will und vorgibt wird gemacht. Und ohne Zweifel wird ein Journalist mit dem ‘richtigen’ Parteibuch bevorzugt werden. Das ist nun mal so mit den menschlichen Schwächen. Das sagt mir schon meine Lebenserfahrung.
Dass Reporter arrogant, hintgerhältig sein können sieht man ja nicht bei unseren Lokalreportern, die sind harmlos. Etwas anderes ist es schon bei der Yellopress. Da gibt es genug Beispiele wie Menschen gehetzt und zur Sau gemacht wurden.
Widerruf und Gegendarstellung dann irgendwo auf Seite 15!
Es geht halt da auch ums Geld, möglichst viel und möglichst schnell. Und zu den Presseausweisen sieh die Bildaktion für ‘Leserreporter’!
Also ganz so Unrecht hat Winkler nicht!
Gruss
Otto
@Otto
Ja, und das ist auch in Ordnung, und punktuell trifft auch ein Michael Winkler hie und da den Nagel auf den Kopf, keine Frage. Aber die generelle Antwort auf “Propaganda” kann nicht lauten “Gegenpropaganda”, das ist mein Punkt.
Danke Falk Kuebler. Ich versuche, hier die Dinge möglichst objektiv darzustellen, da ich “die Wahrheit” auch nicht kenne. Von daher erscheint es mir sinnvoll, erst einmal den Ist-Zustand zu beschreiben – vielleicht kommen wir gemeinsam zu einer “Lösung”.
Sicherlich fühlen sich die meisten hier kulturell eher zu Amerika hingezogen und ich glaube auch nicht, dass es uns mit einer “Schutzmacht” Russland irgendwie besser gehen würde.
Die Frage ist imho nur, ob das, was für uns gut ist, für die anderen genau so gut ist. Wenn sich die Russen eine Geschichte wie die Invasion im Irak ausgedacht hätten, wäre der Aufschrei doch viel größer gewesen als im Falle der Amerikaner. Im großen und ganzen gilt deshalb glaube ich bei vielen immer noch “im Zweifelsfall für Amerika”.
Zwar sind wohl die Bedenken gegenüber Russland in großen Teilen der Bevölkerung nicht mehr so ausgeprägt, das liegt aber wohl auch daran (wie Sie auch sagen), dass der letzte Krieg lange her ist und kaum noch jemand lebt, der sich in aller Einzelheit daran erinnert.
Würde Russland unser alltägliches Leben so dominieren, wie es die Amerikaner tun, wäre die Skepsis hier auch größer.
Ich bin jedenfalls gegenüber der Einstellung, dass Amerika die Guten verkörpert, sehr skeptisch (die Russen sind es allerdings auch nicht). Im Endeffekt verfolgt jeder nur seine Interessen, nur werden die der Amerikaner hier positiver dargestellt.
In Mittel- und Südamerika freut man sich beispielsweise über Amerika wohl nicht so sehr, wenn man sich anschaut, was die dort imLaufe der Jahre alles veranstaltet haben. Und wenn wir unseren amerikafreundlichen Kurs deutlich ändern würden, wäre es mit unserem feinen Leben wohl auch bald vorbei.
PS: nur falls sich jemand fragt, warum ich so viel schreibe …. habe heute frei
Grüße
Terekest
Otto: mich hat nie jemand nach einem Parteibuch gefragt. Und bei Winkler stören mich nicht die Spitzen, sondern die Verallgemeinerung.
Yellow Press ist allerdings ein Thema für sich, das stimmt. Was da größtenteils abgeht hat mit Journalismus wirklich nichts zu tun, das ist reine Sensationsgier.
Grüße
Terekest
@Falk Kuebler
Das Problem ist, meiner Ansicht nach: die USA sind die größte Gefahr für den “Weltfrieden”. Das ergibt sich leider aus der Natur der Sache, und das wird auch unter einem möglichen Präsidenten Obama nicht anders sein.
Dass die USA dabei, zusätzlich zu ihren eigenen Interessen, vielleicht die härsten Motive haben, die man nur haben kann, sei ihnen gänzlich unbenommen. Wenn Obama in Denver also davon redet, dass die USA die “letzte Hoffnung für die Freiheit sind”, dann klingt das zunächst mal zweifellos sehr sympathisch und unterstützenswert.
Dummerweise bekommt damit aber jedes lokale Thema, das es aus welchen Gründen auch immer auf die amerikanische Agenda schafft (Öl scheint immer noch ein sehr guter Grund zu sein), sofort einen “weltpolitischen Spin”. Und der macht es, im Zuge von UN Sichhereitsratsentscheidungen, Bildung von “Koalitionen der Willigen” und dergleichen relativ schnell zu einer Frage des Weltfriedens.
Das kann man gutheissen oder auch nicht, aber so stellt sich mir das prinzipielle Dilemma dar. Die Russen mögen die größte Gefahr für ihre nähere Umgebung sein, die Chinesen für Taiwan und Tibet, der Iran für Irsrael, Pakistan für Indien, Indien für Pakistan, die Kurden für die Kurden, die Kurden für den Irak, usw, usw, usw … aber durch den simplen Umstand, dass alle diese Konflikte es irgendwie auf die US Agenda schaffen, sind die USA in toto, meiner Ansicht nach, tatsächlich die größte Gefahr für den “Weltfrieden”.
Nun wissen Sie aber genausogut wie ich, dass das nicht so sein müßte, nicht wahr? – Die USA könnten mit ihrer schieren Power und aus vorgenannten Gründen sehr wohl zum größten “Stifter” des Weltfriedens werden, in Nahost und sonstwo. Und in solchen Situationen zeigt sich, meiner Meinung nach, dass es streckenweise mit der “letzten Hoffnung für die Freiheit” nicht soweit her ist, zumindest dann nicht, wenn US Interessen dem entgegenstehen.
Ich gebe den Amerikanern bei Gott keine Schuld an diesem Zustand, überhaupt nicht. Die Amis verfolgen ihre Interessen genauso, wie die Chinesen, die Russen, die Koreaner, die Israelis die ihrigen. Meine Meinung ist nur schlicht die: es wäre mal an der Zeit, dass wir die unsrigen vertreten. Und die sind nicht notwendigerweise deckungsgleich mit den amerikanischen, und gelegentlich auch konträr dazu.
@Terekest
> > Ich bin jedenfalls gegenüber der Einstellung, dass Amerika die Guten verkörpert, sehr skeptisch (die Russen sind es allerdings auch nicht). Im Endeffekt verfolgt jeder nur seine Interessen, nur werden die der Amerikaner hier positiver dargestellt.
Ich will jetzt nicht allzu beckmesserisch werden (vermutlich gelte ich hier sowieso als der unbelehrbare “Ami-Freund”), aber schnell doch ein kurzer Kommentar (auch ich habe frei
):
a) in der Tat verflogt jeder seine Interessen (de Gaulle: Nationen haben keine Freunde, Nationen haben Interessen)
b) es gibt Nationen, mit deren Interessen wir mehr, und solche, mit deren Interessen wir weniger Synergie haben und/oder empfinden (man erspare mir die schwierige Frage, wer eigentlich “wir” ist)
c) mit den USA gab es im Nachkriegsdeutschland eine Menge Synergie, wirtschaftlich, kulturell, ja sogar zivilisatorisch, und im Wesentichen besteht das heute fort. Man denke nur an so etwas Praktisches wie Energieversorgung.
d) die Amis sind IMHO nicht die Guten, aber aus unserer Mentalität und Interessenlage gesehen die relativ am wenigsten Schlechten (von den ganz grossen Nationen).
Und insofern lässt sich für mich der Gedanke von Churchill übertragen: (sinngemäss) Die Demokratie ist eine Organisationsform mit furchtbar vielen ganz schrecklichen Fehlern, aber sie ist die relativ am wenigsten schlechte.
Was also wenn jemand die Demokratie wegen ihrer vielen nicht in toto reparierbaren Fehler abschaffen würde?
Und diesen Gedanken möchte ich gerne auch auf unseren freundlichen Hegemon USA übertragen sehen.
Nichts ist sicher (im Rahmen der Gerätemedizin ja wohl noch nicht einmal mehr der Tod
Aber ich schweife ab
), und deshalb muss man sich das Essentielle geeignet zu sichern suchen, sonst ist man es irgendwann auf einmal los und guckt ganz blöd in die Röhre.
@wgn:
> > Das Problem ist, meiner Ansicht nach: die USA sind die größte Gefahr für den “Weltfrieden”. Das ergibt sich leider aus der Natur der Sache, und das wird auch unter einem möglichen Präsidenten Obama nicht anders sein.
NEIN, NEIN, und nochmal NEIN!
Mein Gott, wie kann ein in manchen Gebieten so hochqualifizierter Mann an anderer Stelle so hornochsig sein!
Sage ich mal ganz freundschaftlich
> > Nun wissen Sie aber genausogut wie ich, dass das nicht so sein müßte, nicht wahr? – Die USA könnten mit ihrer schieren Power und aus vorgenannten Gründen sehr wohl zum größten “Stifter” des Weltfriedens werden, in Nahost und sonstwo.
Wie ein Finanzmann derart idealistisch (als Stammtisch-Rülpser würde ich ja sagen “verblendet”, aber das tue ich natürlich nicht
) sein kann, erschliesst sich mir nicht. Dass ich es nicht verstehe, muss ich dann bei rationaler Selbstkritik aber wohl darauf zurückführen, dass mein Weltbild unvollständig oder partiell falsch ist.
Wie dem auch sei:
Let’s agree that we disagree!
Ich hab leider nicht frei… Ich hab eigendlich nie frei aber das ist ein anderes Thema…
@Falk Kuebler
Schonmal auf die Landkarte geschaut?
Da liegt ein dicker Ocean zwischen den Interessen.
@Otto
“… Etwas anderes ist es schon bei der Yellopress. Da gibt es genug Beispiele wie Menschen gehetzt und zur Sau gemacht wurden.”
Sehe ich nicht so. Die “Opfer” der Yellow Press haben sich zu 99% freiwillig auf die Schlachtbank gelegt.
Es gibt bedauerliche Ausnahmen, aber die meisten wollen das so.
Gruß Frankie Bernankie,
der als Nachbar von Ihnen als Heimatzeitung die “Landshuter Zeitung/Straubinger Tagblatt” hat, wo gottseidank alles ganz anders ist!
@Falk Kuebler
Sie werden zugeben müssen, dass nach dem Zitat, das Sie kopiert haben, noch ein paar Zeilen mehr Text in meinem Kommentar stehen, die das Thema durchaus differenziert abhandeln.
Die USA sind gewissermaßen der “Anti-Mephistopheles” aus Faust, i.e. der “Geist, der stets nur Gutes will und Böses schafft”.
Daher nochmal: die Motive der Amerikaner mögen redlich sein und den höchsten Idealen gerecht werden, aber die realpolitischen Folgen sind es eben nicht.
@Journalismus vs. Blogs
Ich denke die ganze Problematik entsteht dadurch, das ersteres nicht mehr in der Lage ist der Bevölkerung überzeugend ihren eigenen moralischen Standpunkt als 4. Macht im Staate zu verkaufen.
Wenn ich eine Macht bin die die anderen drei Mächte “beaufsichtigt” und bei Fehlentwicklungen den eigentlichen Souverän informiert um eventuell gegenzusteuern, dann habe ich demzufolge auch eine Verpflichtung dieses nach den ethischen Grundsätzen zu tun.
Und bei aller Liebe, seit der ’68-Geschichte (Springer Verlag vs. revoultionären Studis) und spätestens seit der kommunikativen Explosion durch das Internet, ist offensichtlich geworden, das der Journalismus seinen moralischen Wert als 4.Macht gegen Geld und Einfluss eingetauscht hat (überspitzt natürlich formuliert..
).
Solange nicht dieser wieder auf die wesentliche Aufgabe zurückgeführt wird (+ natürlich von der Gesellschaft auch gewollt), wird der Blogbereich immer stärker nachgefragt von denen die den Medien nicht mehr trauen.
Das natürlich immer stärker mit den daraus folgenden Konsequenzen.
Gruss,
Coki
@wgn:
< < Die USA sind gewissermaßen der “Anti-Mephistopheles” aus Faust, i.e. der “Geist, der stets nur Gutes will und Böses schafft”.
Wenn es um Nationen, Kulturen, Hemisphären geht, dann muss man (so wie bei einer Firma eine 1-Sekunden-GuV keinen Sinn macht) wohl über etwas grössere Zeiträume integrieren.
Wie wär’s dann zum Beispiel mal mit dem Zeitraum 1940-1950, bezogen auf Westeuropa und Deutschland?
Natürlich gibt die Ära G.W.Bush vieles zu ktitisieren, aber im Grunde ist dadurch ein (IMHO) unreflektierter latenter Antiamerikanismus nur besonders virulent geworden.
Wenn ich mir eine ideale Welt vorstelle, dann ist natürlich alles Mist. Aber wie sagte schon Hölderlin? “Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt”.
Coki:
Geld okay, denn das läßt sich ja zumindest in einigen Bereichen noch ganz gut verdienen (wenn auch nicht alle Beteiligten davon profitieren) – aber wo ist der Einfluß, wenn man, wie du sagst “nicht mehr in der Lage ist der Bevölkerung überzeugend ihren eigenen moralischen Standpunkt als 4. Macht im Staate zu verkaufen.”
Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob die Presse wirklich mal “die 4. Macht im Staate” war, oder ob wir sie in der Rückschau nicht zuweilen etwas glorifizieren. Warum sollte es in der Vergangenheit eine funktionierende Unabhängigkeit gegeben haben?
Fest steht für mich, dass sich etwas ändern muss, und die Medien objektiver werden müssen (vielleicht auch nur diversifizierter – rechts muss wieder stärker rechts, links wieder stärker links werden), um eine größere Bandbreite von Meinungen abzudecken.
Ich weiß bloß nicht, wie das geschehen soll, wenn zB der Fall Herman zeigt, dass auf alles sofort drauf geschlagen wird, was sich irgendwie mit “rechts” in Verbindung bringen läßt und alle anderen Meinungen sofort diskreditiert werden. Es fehlt der Mut zu abweichenden Meinungen, weil das ganz schnell nach hinten losgehen kann.
Also: wie bekommen wir den Mut?
Grüße
Terekest
@Terekest:
> > Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob die Presse wirklich mal “die 4. Macht im Staate” war, oder ob wir sie in der Rückschau nicht zuweilen etwas glorifizieren. Warum sollte es in der Vergangenheit eine funktionierende Unabhängigkeit gegeben haben?
Ich glaube schon, dass die Presse ein Gewicht von der Kategorie “4. macht” hatte und hat, und in diesem Sinne sehe ich – trotz der hier diskutierten Divergenz zwischen klassischer Presse und Blogosphäre – letzten Endes auch eine Stärkung durch das Auftreten beider zusammen. Es sogt für Transparenz, und – um mal bei den lieben Russen eine Anleihe zu machen – vor Perestroika muss meistens Glasnost kommen
> > Ich weiß bloß nicht, wie das geschehen soll, wenn zB der Fall Herman zeigt, dass auf alles sofort drauf geschlagen wird, was sich irgendwie mit “rechts” in Verbindung bringen läßt und alle anderen Meinungen sofort diskreditiert werden.
Herman fand ich in der Tat eine Mischung aus Tragödie und widerlicher öffentlicher Prostitution der Gutmenschen. Ähnlich ist es, wenn man hier in Deutschland irgendeinen Juden anpinkelt. Möllemann hat das doch sehr eindrucksvoll experimentell herausgefunden
> > Es fehlt der Mut zu abweichenden Meinungen, weil das ganz schnell nach hinten losgehen kann. Also: wie bekommen wir den Mut?
Wenn ich das wüsste, dann würde ich glatt noch eine Spende dafür machen
Guter ausgewogener Beitrag WGN.
Ich kann nur noch einen Fakt hinsichlich des heute von der ARD angebotenen Live-Chats mit Thomas Roth einbringen. Einen Tag zuvor durfte man ja beginnen seine Fragen zu stellen und die Leser konnten diese dann mit Stimmabgaben in eine Reihenfolge bringen. Es wurde versprochen die Fragen mit den meisten Stimmen dann dem guten Herrn Roth im Chat zuerst vorzulegen.
Zwei mal nacheinander (zuletzt kurz vor dem Beginn des Chats) war eine Frage nach den Hintergründen zur Nichtbeachtung des Georgischen Überfalls in den gesamten deutschen Medien und insb. auch den ÖR und der ARD. Und das obwohl es ja bekannt war dass ein Angriff läuft.
Die schönen Fragen wurden beide kommentarlos gelöscht, obwohl sie die meisten Stimmen hatten.
@wgnx und Kuebler
Mich überrascht jetzt doch das Mitleid mit Eva Hermann. Das ist hier doch ein Checker-blog!
Jener Hype seinerzeit ist doch im Hermann’schen Sinne hervorragend gelaufen. Oder hat die gute Frau deshalb ein Buch weniger verkauft? Wohl eher das Gegenteil.
Ist es das klassische Beispiel , wie jemand die Medienschlachtbank für seine Zwecke instrumentalisiert hat.
@Falk Kuebler
>Wie wär’s dann zum Beispiel mal mit dem Zeitraum 1940-1950, bezogen auf Westeuropa und Deutschland?
Schwieriges Terrain, wenn Sie mal Hilgruber und Bavendamm gelesen haben und nicht grundsätzlich verwerfen. Würde einen separaten Thread erfordern.
>Natürlich gibt die Ära G.W.Bush vieles zu ktitisieren, aber im Grunde ist dadurch ein (IMHO) unreflektierter latenter Antiamerikanismus nur besonders virulent geworden.
Sorry, aber wer redet denn über die Ära Bush? Für den GWB habe ich ja angesichts der Zäsur, die 911 für die USA darstellten, ja sogar noch Verständnis, und zwar eine ganze Menge sogar. Schande über die Taliban und den alten Saddam, dass sie einfältig genug waren, das nicht zu schnallen …
Aber wie wäre es stattdessen mit Korea oder Vietnam? Oder Schweinebucht auf Kuba? Oder Afghanistan zu Zeiten der Sowjet-Invasion? Oder Pinochet’s Machtübernahme in Chile? Oder Schah Reza Pahlevi im Iran?
>Wenn ich mir eine ideale Welt vorstelle, dann ist natürlich alles Mist.
Das ist ja nicht der Punkt. Die Welt ist, wie sie ist. Die Frage ist, ob sich eine Nation das Recht anmaßen sollte, die Missstände der Welt, die im Einzelnen zweifellos groß und ungerecht sein mögen, aus ihrer Sicht heraus zu bewerten und diesbezüglich tätig zu werden? Fukuyama, Kagan und Co. sagen “Ja!”. – Meine Wenigkeit sagt: “Nein!”.
Die “Freiheit”, die den Amerikanern so lieb und teuer ist, schliesst auch das Recht anderer ein, abgrundtief böse zu sein. So ist es, so war es, und so wird es vermutlich immer sein, ohne dass ein Grund bestünde, warum die Welt als ganzes darob ins Wanken oder gar Brennen geraten sollte. Sobald aber einer meint, er müsse sich jeden Schuh anziehen, wird das eine superkomplexe Geschichte, mit immer deutlicher zu Tage tretenden Folgen.
@Frankie Bernankie
Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: ich halte Eva Hermanns Anliegen im Kern für berechtigt, ihr mediales Auftreten anläßlich ihrer Buchpräsentation bei Katholikentag und Co. hingegen für unter jeder Kanone. Als Medienprofi hätte sie wissen müssen, was sie sagen kann, und was nicht.
Das ist aber alles nichts im Vergleich zu der Art und Weise, wie ihr die Medien, und zwar durchweg alle, hernach die Nazi-Kappe aufgesetzt haben. Und zwar so krass, dass sich ja selbst ein Hendrik Broder veranlaßt sah, sie in Schutz zu nehmen.
Letzteres meinte ich in meinem Kommentar oben.
Im Grunde hat es mit der ARD einen (fast) unschuldigen erwischt. Die Kürzung des Interviews dürfte meiner unfachlichen Einschätzung nach den Regeln der Kunst entsprechend erfolgt sein. Unterschätzt wurde höchstens, was das “Volk” von Putin hören wollte und dass dies beim Schnitt der Kürzung hätte berücksichtigt werden sollen.
Im gesamten Spektrum der Meinungsbildungsorgane steht die ARD dagegen noch halbwegs gut da, es gibt viel eindeutigere Tendenzbetriebe.
Aber die Tagesschau war einmal so etwas wie der Papst der deutschen Nachrichtenmedien. Ihr traute man die höchste Seriosität und journalistische Exaktheit zu. Für sehr viele Menschen in diesem Land ist wahrscheinlich nach wie vor nur das “wahr”, was in der Tagesschau kam und was dort nicht auftaucht “Verschwörungstheorie”, “Feindpropaganda” oder sonstwie verachtenswert.
Wer sich heute ausgerechnet über die Tagesschau aufregt, der reibt sich unbewußt wohl eher an seiner eigenen Gläubigkeit aus früheren Jahrzehnten.
Das Internet hat den hermetischen Raum des Journalismus und seiner Meinungen und Tendenzen aufgerissen und erlaubt es heute, auch all die vielen anderen Meinungen und Sichtweisen wahrzunehmen. “Tendenzberichterstattung” (und sei sie wie hier unbewußt als Ausfluss des Systems) ist keinesfalls eine neue Entwicklung, neu ist nur ihre Erkennbarkeit und die Sensibilität wachsender Teile der Nachrichtenkonsumenten. Anstatt sich heute über die ARD aufzuregen sollte man lieber sich die Erkenntnis destilieren, wie subtil Nachrichtentendenzen entstehen und wie sie wirken und anhand dessen seine persönliche Historie des Nachrichtenkonsums einer kritischen Überprüfung unterziehen, an wie vielen Stellen die heutige Meinung gerade älterer Semester auf dem Grund der damals noch funktionierenden und unerkannten propagandistischen Effekte der Massenmedien steht.
Um das noch etwas auszuführen:
Kritikwürdig und Interessant ist an dem Vorgang nicht, dass die Tagesschau nur 9 Minuten zeigte und die vollständige Fassung nur über exotische Quellen den “Superinteressierten” zugänglich gemacht wurde.
Bemerkenswert ist die Erkennbarkeit der ungeschriebenen Regeln des Nachrichtenbetriebs der Massenmedien.
Die Kürzung auf 9 Minuten ist an sich unproblematisch, die Wurzel des Aufstandes ist eigentlich, auf welche 9 Minuten das Interview gekürzt wurde. In der Sache hat Putin mit den Interviews versucht, der herrschenden (pulizierten) Meinung des Westens seine (ebenfalls selbstverständlich tendenziöse) Sicht entgegenzustellen. Der Schnitt durch Roth für die Tagesschau bestand dann leider zuforderst darin, die eklatantesten Unterschiede zur Sicht der westlichen Nachrichtenmedien zu entfernen. Dadurch werden die 9 Minuten für den Unbedarften leichter verdaubar. Aber für Roth hatte dies sicherlich auch die Funktion, ihm größere Sicherheit zu geben, weil das von ihm publizierte Material so nicht so weit von der Arbeit der Kollegen abwich. Vielleicht wäre es ihm peinlich gewesen, die putinsche “Verschwörungstheorie” der Rolle der Amerikaner und ihrer mutmaßlichen Gründe dafür in der Tagesschau dem Zuschauer zuzumuten.
Blogs haben da den Vorteil nicht so sehr auf ihren Ruf als “seriöse Nachrichtenquellen” achten zu müssen (aber über die Bloggerei zu reden ist langweilig :p ).
Die interessanter Frage wäre doch, wie seriöse Nachrichtenquellen ihre notwendigen Kürzungen zukünftig machen sollten? In einer multipolaren Welt, in der Europa zudem ein potentieller Mittler verschiedener Blöcke ist, ist keineswegs klar, was die entscheidenden Sätze eines Interviews sind.
Insgesamt hoch interessante Beiträge. Auf einige Punkte will ich jetzt eingehen.
Karl
Keine Frage: Natürlich wollen die klassischen Medien ihre Gatekeeper-Funktion behalten. Meine These ist ja, und die ist auch nicht neu, dass man diese Gatekeeper auch weiterhin braucht. Was macht den Reiz einer Tageszeitung aus? Sie gibt einen Überblick über das Tagesgeschehen. Dafür braucht man Leute, die vorher entscheiden was wichtig und was unwichtig gewesen ist. Was in welcher Länge wo positioniert wird. Mit dem Kauf einer Zeitung – und das gilt auch für das Fernsehen oder Radio – haben ich mich für meinen Gatekeeper entschieden. Das kann die Junge Welt sein oder die Junge Freiheit sein … . Ich habe wenigstens keine Lust aus Google News mir meine eigene Zeitung zusammenzustellen.
Also sind Gatekeeper unverzichtbar. Allerdings – und das ist der Unterschied zu früher – heute werden sie tatsächlich nicht mehr nur von Kollegen oder einer Medienaufsicht kontrolliert. Ein Medien-Nutzer kann heute zu jedem Thema fast genauso recherchieren wie ein Journalist. Ein Beispiel: Noch vor 15 Jahren war es ein Privileg, eine Presseschau zu bekommen – heute hat die jeder. Es fand also eine Demokratisierung der Methoden statt. Der wichtigste Unterschied besteht noch im Zugang zu informellen Kontakten. Ein Journalist, der für einen der großen Player arbeitet, bekommt natürlich eher Zugang als jemand ohne diesen Rückhalt.
Was ich aber nicht glaube: Das der Unterschied zwischen Berichterstattung und Journalismus wirklich begriffen worden ist. Mittlerweile wird, wenn ich das richtig sehe, diese strikte Trennung von Medienwissenschaftlern durchaus aufgeweicht (bin da aber nicht so drin). Aber ich glaube, dass viele Medien-Nutzer diesen nie begriffen haben. Für sie war die Tagesschau “objektiv” – und müssen dann heute feststellen, dass dort auch nur mit Wasser gekocht wird … . Was natürlich jeder Insider schon immer wusste.
Horst Ehmcke hat das einmal für Politiker beschrieben. Vor dem Fernsehzeitalter war es für die Leute immer ein gr0ße Sache, wenn der Abgeordnete vom Gespräch mit dem Bundeskanzler berichtet hatte. Als der dann jeden Abend in die Wohnzimmer kam, verschwand auch die Hochachtung davor.
Egghat
Abschreiben ist bekanntlich auch eine Kunst … . Nur richtig geschützt sind davor nicht nur die Blogger nicht. Nur worum geht es meistens? Um Themen oder bei uns um besondere Quellen. Wer hat etwa Roubini in Deutschland zum Star unter Finanzmarkt-Journalisten gemacht? Sechs Monate vor der Finanzkrise kannte den kaum einer. Später bekam der in allen Blättern Interviews. Diese Entdeckung wurde, so mein Eindruck, in der Blogger Szene gemacht – und dort tummeln sich allerdings auch viele Journalisten. Nur geschützt ist das alles nicht – es sei denn, ich habe die Exklusivrechte. Etwa auf die Hitler Tagebücher oder einen deep throat in einem Washingtoner Parkhaus … .
DT
“Jedenfalls: der Druck im Kessel steigt. Das Volk läßt sich nicht mehr so einfach die Geschichten von CIA-Roth und Konsorten vorsetzen.”
Das habe ich nie verstanden: Warum muss Roth ein CIA Roth sein? Ist das symbolisch gemeint wegen seiner politischen Position oder ein Hinweis auf Fernsteuerung? Und wer ist das Volk – die “volonte generale” Rousseaus? Sie schreiben ja im Gelben Forum interessante Beiträge. Welchen Sinn soll das haben, dass ich mir – statt über den Inhalt – Gedanken über irgendwelche Hintermänner mache?
Und das mit den Foren und der Kontrolle. In unseren Medien ist das größte Geheimnis das veröffentlichte Geheimnis. Es geht in der Informationsflut schlicht unter. Wer kann denn im Ernst alle 1.500 Beiträge in irgendeinem Forum bei Spon lesen? Das meiste ist für Außenstehende uninteressant – und dient eher der internen Kommunikation der User. Also sehe ich – außer aus den von Terekest genannten Gründen – wenig Sinn darin, hier mißliebige Positionen auszusperren. Im Tagesschau Blog wurde das übrigens wohl auch nicht gemacht. Denn viele, die ihre Beiträge beim Spiegelfechter als zensiert beklagten, konnten sie später dort lesen.
Die DDR ist unter anderem daran gescheitert, dass sich moderne Gesellschaften nicht zentral steuern und kontrollieren lassen. Und das ist heute auch nicht möglich. Was natürlich nicht heißt, dass nicht jeden Tag Leute versuchen, die Meinungsbildung in ihrem Sinn zu beeinflussen. Journalisten haben die Aufgabe, das richtig einzuordnen und transparent zu machen. Das der Journalismus dabei immer mehr Schwierigkeiten hat, hat ja Terekest in seinen tollen Kommentaren deutlich gemacht.
[...]Tatsächlich lässt sich über die Auswahl immer diskutieren. Nur hat der Manipulationsvorwurf in solchen Fällen vor allem einen Absender: Den Interviewten. Putin hat sich bis heute nicht beschwert, weil es schlicht keine Verfälschung seiner Aussagen gegeben hat.[...]
Wurde nicht Herrn Roth vorgeworfen zu manipulieren? Nicht durch Verfälschung der Aussagen, sondern durch Weglassen selbiger? Zum Beispiel über den Auslöser des Krieges? Über die Rolle der USA im Georgien-Konflikt?
Nur weil Putin nicht besorgt ist, über die Art wie er dargestellt wurde, gab es keine Manipulation durch Weglassung?
Hm. Da komm ich nicht ganz mit.
@ f. lübberding
Soweit ich das verfolgt habe hat der Niedergang der Zeitungen schon vor etwa 20 Jahren begonnen (http://netzwertig.com/2007/02/19/fallende-zeitungsauflagen-ist-wirklich-das-internet-schuld/) und sich dann mit dem Internet so richtig beschleunigt.
Und die Reaktion? Sie wurde hier schon ein paar mal genannt: Die immer wieder propagierte Wichtigkeit für die Gesellschaft wurde zugunsten des Erhalts der “Lizenz zum Gelddrucken” vernachlässigt und die Redaktionen zusammengestrichen. Gleichzeitg hat man das Internet mit seinen Möglichkeiten und Perspektiven (das verbindet alte Medien mit der Musikindustrie) konsequent ignoriert und offenbar gehofft, daß dieses blöde Internet im Laufe der Zeit wieder verschwindet. Tut es aber nicht.
Und jetzt steht die gesamte Presselandschaft doof da und versucht verzweifelt ihren Nimbus der heiligen Objektivität und einzigartigen Qualität mit der Beschimpfung des bösen Internets (http://www.sueddeutsche.de/computer/artikel/211/146869/) und der Aussage man sei total wichtig, aber was wir eigentlich machen verraten wir euch nicht – aber wichtig sind wir – zu retten. Und das klappt nicht.
Die Folge: Journalisten? Das sind doch die, die DPA Artikel einkürzen und in eine Zeitung packen… Zeitungen? Ach ja, das sind die Dinger im Netz, die nie Links in ihren Artikeln haben. Fernsehen? Ach ja, diese etwas peinliche Simulation von Interaktivität.
Und spätestens nach ihrem obigen Kommentar fürchte ich auch Sie machen den gleichen Fehler, nämlich genau diesen Nimbus der Qualität aufrechterhalten zu wollen – der mag gerechtferigt sein oder auch nicht, mir fehlen da leider Informationen – in dem Sie mir erklären, der Nutzer hätte “es” nicht verstanden. Und nachdem ich jetzt verstanden hätte, das die Medien auch nur mit Wasser kochen, wüßte ich dann schon auch ganz gerne welchen Herd und welchen Wasserkocher sie benutzen.
@Terekest und Falk Kuebler
1.Der Zeitgeist trägt immer ideologische Züge.
Die herrschende Meinung darf nicht begrifflich sauber und differenziert sein, sie muß vielmehr ein EINFACH zu verstehendes Gut-Böse-Weltbild bieten. (in der Ästhetik spricht man vom Melodram, einer minderwertigen Gattung im Vergleich etwa zur Tragödie, wo der Riß Gut/Böse durch jeden einzelnen Menschen geht. Siehe auch die Religion, die ebenfalls diese Differenziertheit haben KANN: z.B. Sünder sein, aber gerechtfertigt, also zur Verantwortung berufen sein.)
Und zur Ideologie, also der gerade herrschenden öffentlichen Meinung gehört dann auch Zensur selbstverstädnlich dazu, ob über Druck von den Programmdirektoren auf die Redaktionen, ob als Schere im Kopf, die bereits unbewußt funktioniert (‘Fall Roth), ob als bewußte Manipulation des Überzeugungstäters für die richtige “Richtung” (der Praktikant, der dann unliebsame mails einfach löscht. Sie sind eben nicht p.c.)
2.Deutschland hat eine Sondersituation, ist Objekt der Umerziehung, beginnend mit den CIA-Programmen zur Meinungskontrolle beim Aufbau des Journalismus nach 2.WK. “Haben Sie sich nicht schon einmal gewundert, warum so viele altlinke Presse-Erzeugnisse heute in Amerikanismus machen? Dafür gibt es eine simple Erklärung: Als die CIA Bundeskanzler Kohl Anfang der 90er Jahre die brisanten Rosenholz-Dateien unter der Nase wegschnappte, hatte sie eine komplette Übersicht über die Stasi-Seilschaften in der BRD eingesackt. Darunter die zahlreichen MfS-Mitarbeiter in der westdeutschen Medienlandschaft. Um nicht ihren Ruf und ihre Rentenbezüge zu verlieren, arbeiten die seitdem kostenlos für die CIA. Wer das nicht will, wird öffentlich gemacht. Dafür gibt es Beispiele.
CIA-Chef Colby 1989:
“Die CIA besitzt jeden von irgendeiner Bedeutung in den Massenmedien.” … Als er einmal gefragt wurde, ob die CIA ihren Presse-V-Leuten jemals gesagt habe, was diese schreiben sollten, antwortete er: “Aber sicher, das wird ständig gemacht.” Kontrolle des Fußvolks ist Teil des politischen Spiels, gerade in Spannungszeiten wie diesen. Auch Kriegsfanfaren brauchen Mundstücke. Als solches dient die Medienlandschaft.” (Wolfgang Eggert
3. Es gibt eine von Philosophen (Richard Rorty) angestoßene Denkrichtung, niemand könne ‘unparteiisch’ sein, man müsse deshalb bewußt parteiisch sein (Anlehnung an Gramscis Theorie der Herrschaft durch Herrschaft über die Begriffe). Diese neue Position hat den alten Liberalismus seit der Aufklärung (z.B. Jürgen Habermas: herrschaftsfreier Diskurs) mit seinem Ideal des freien Austauschs der Argumente abgelöst. Rortys political correctness macht den öffentlichen Raum zum Schlachtfeld eines Kampfes um die Begriffe und die Köpfe der “schweigenden Mehrheit”.
Zu p.c. gehört die Ächtung der Abweichung mit dem Ziel, sie endgültig “auszurotten”.
Dazu fallen mir Leute ein wie Eva Herman oder Martin Walser (Paulskirchenrede), Leute, die für jeden, der zuhören und denken kann, mit Nazis nichts zu tun haben, aber sie werden geächtet. Wir leben in einer Meinungsdikatur!
4.Das Ergebnis von p.c. ist nun eine Gleichschaltung mit allen Nachteilen einer Gesellschaft, die keine Abweichungen (in den ihr wichtigen Bereichen, die anderen sind geschenkt, sind “tittytainment”(Brzezinski)) zuläßt. Man kann über Mißstände nicht mehr diskutieren, weil jede Abweichung entweder mit der Schere im Kopf des Journalisten, oder dem Anruf aus der Chefetage, oder der Ächtung als “rechts” verhindert wird. Siehe die Fälle Herman, oder Martin Walsers Paulskirchenrede, usw.
5. Was tun?
p.c. muß geächtet werden. Man muß eine Kultur etablieren, die “Hexenjagden” wie gegen Eva Herman ihrerseits wieder verbietet, mit dem Hinweis, daß freie Meinungsäußerung ein höheres Gut ist als p.c.
Dann müßte man allerdings auch den Paragraphen der Volksverhetzung streichen (der kurioserweise jede Beleidigung des “Deutschen Volkes” zuläßt), und sich stattdessen an der angelsächsischen und nordeuropäischen Liberalität orientieren, im Vertrauen darauf, daß die Leute von selbst klug genug sind, nicht jedem Rattenfänger hinterherzulaufen.
Paul Lanon
“Nur weil Putin nicht besorgt ist, über die Art wie er dargestellt wurde, gab es keine Manipulation durch Weglassung?”
Ob Roth die richtige Auswahl getroffen hat, kann natürlich diskutiert werden. Nur: Jeder Journalist hat das Interesse, eine möglichst zitierfähige Tickermeldung zu bekommen. Seine Währung heißt Aufmerksamkeit. Also etwa das Argument Putins mit dem Georgienkrieg als Wahlkampfmasche der GOP. War das am Freitag wirklich die große Geschichte? Die lief nämlich schon am Donnerstag weltweit über den Ticker als CNN Interview – bei Roth war es nur noch ein Aufguss. Damit konnte er also kaum punkten. Roth hatte ja im Chat einige Dinge benannt, die ihm am Freitag wichtig erschienen. Und diese Auswahl scheint mir – nach journalistischen Kriterien – auch plausibel zu sein. Denn der big point war in dem Interview einfach nicht dabei – ansonsten wäre der schon längst von anderen aufgegriffen worden.
Natürlich müssen sich Putins Presseleute bei der ARD über das Interview beschweren, wenn sie es für manipuliert halten. Wer sonst? Dass sie die Auswahl nicht kritisieren, hat einfach etwas damit zu tun, dass das der Job der Journalisten ist. Und die wissen das auch. Ansonsten machst du von vornerein ein Interview, wo man Länge und Themen abspricht. Wenn Roth übrigens der CIA Roth von DT wäre und manipuleiren wollte, hätte er den durchaus undiplomatisch-aggressiven Putin herausstellen können. Tatsächlich wirkt das Interview in der 9 Minutenfassung wesentlich moderater, was allerdings mit der Themenauswahl zu tun hat.
Es gibt ja ein berühmtes Interview von Helmut Kohl. Das mit dem Gorbatschow-Goebbels Vergleich. Das war tatsächlich nicht autorisiert gewesen – und wurde erst von Kohl dementiert, um es später dann wegen des Mitschnitts kleinlaut zuzugeben. Ähnlich ist es zu Lafontaines Bemerkungen mit den KZs und den Sekundärtugenden gekommen. Oder Becks Ypsilanti Zitat aus dem Hintergrundgespräch vor der Hamburgwahl. Solche Zitate kennt heute noch fast jeder – und sie haben eine enorme Wirkung gehabt. Nach journalistischen Regeln kamen sie alle nicht korrekt zustande – wurden aber wegen ihrer Bedeutung trotzdem gebracht. Also man hat die Regeln in diesen Fällen bewusst verletzt. Die für Journalisten interessanten Storys in solchen Inerviews sind doch nicht diese langatmigen Begründungen des eigenen Handelns. Sondern wenn Putin, gewissermassen so nebenbei, eingeräumt hätte, dass er Saakaschwili eine Falle gesatellt habe oder Saakaschwili einräumen würde: Wir haben angegriffen und wollten die Südosseten rausschmeißen.
Das wären big points. Dafür würde man auch die Regeln verletzen. Bei Roth allerdings sind die Kritiker ganz versessen auf die Argumente Putins, die sie zwar schon kennen, denen sie aber wohl eine magische Wirkung auf den Fernsehzuschauer unterstellen. Dann würden alle den Georgien Konflikt aber anders sehen … .
Also ich habe es noch nie erlebt, dass soviele Leute Politikerbegründungen hören wollten wie in den letzten Tagen … . Übrigens häufig die gleichen Leute, die ansonsten Politker für Lügner und Betrüger halten.
Gruss
Frank Lübberding
Tarantoga
Auf einige Punkte bin ich ja schon eingegangen. Aber dieser Aspekt scheint mir wichtig:
“Aber für Roth hatte dies sicherlich auch die Funktion, ihm größere Sicherheit zu geben, weil das von ihm publizierte Material so nicht so weit von der Arbeit der Kollegen abwich. ”
Wieso soll ihm das wichtig gewesen sein? Es war ein Interview und Putins Meinung. Dieser Mechanismus wirkt aber ansonsten durchaus. Etwa wenn man in seiner Artikeln völlig gegen den mainstream argumentiert, bekommt man Gegenwind. Das ist nicht jedermanns Sache – vor allem wenn man kein Starschreiber ist. Aber Opportunismus ist bekanntlich nicht nur unter Journalisten zu finden.
Talleyrand
über die p.c Geschichte muss man reden. Auch der Hinweis auf Rorty ist interessant. Nur eines. Vielleicht einmal schon überlegt, dass CIA Colby einfach ein Großmaul ist … oder die Bedetung seiner Organisation bei den Etatverhandlungen im Kongress unterstreichen will? Die CIA ist vor allem ein hoch bürokratischer Apparat, der an eines Interesse hat: Das ist allerdings weniger das Lenken der Welt, sondern sein institutionelles Überleben.
Ein Beispiel. Seit den 50er Jahren gab es zwei Zeitschriften des Schrifstellers Melvin Lasky – Encounter und Der Monat. Später stellte sich heraus, dass diese Zeitschriften von der CIA finanziert worden waren. Waren deshalb alle Autoren in diesem Blatt CIA Agenten oder haben die auf Anweisung der CIA geschrieben? Natürlich Unsinn. Beide Zeitschriften waren stramm antikommunistisch und einen Arthur Koestler musste die CIA auch kaum sagen, was er von den Kommunisten halten sollte … . Als die Sache aufflog, war natürlich aus guten Gründen das Prestige im Eimer. Aber die CIA wird wahrscheinlich jeden Autoren im “Encounter” als eine Art Agent geführt haben. Macht sich auch gut in der eigenen Performance, ist aberUnsinn … . Genauso wusste natürlich jeder, dass die UZ der DKP von der SED bezahlt wurde. Nur deshalb hat sich auch niemand für die UZ interessiert … .
Mir schiene die Definition die USA sind ein Antimephisto zu human. Die wollen nichts Gutes, sie versuchen ihre Interessen durchzusetzen und setzen dabei alles Machbare ein.
Drei Thesen:
1. Die USA können nicht dulden, daß die EU und Rußland stark zusammenwachsen, dann wäre das Kernstück ihrer Wirtschaft und Politik, der Dollar erledigt. Wir können kein Interesse an schlechten Wirtschaftsverbindungen haben. Rußland ist ein naheliegender zahlungsfähiger Absatzmarkt und Rohstofflieferant. Also muß das Verhältnis zwischen beiden zwingend “getrübt” werden.
2. Die Medien vertreten keine europäischen Interessen an sich, sie wollen insbesondere die Politik beeinflussen. Wenn die Südosseten und Abchasier sich an Rußland anschließen wollen, unabhängige Staaten können sie nicht sein, so mögen sie das tun, es ist ihr Wunsch und Wille.
3. Rußland ist der Auffassung, die schwer zu widerlegen ist, daß eine einzige Superweltmacht namens USA in jeder Hinsicht negative Folgen hat. Der Beweis ist mit der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise eindrucksvoll erbracht. Die Welt hat über den Ölpreis und den “schwachen Dollar” die US-Völlerei getragen. Ein weiterer noch negativerer Beweis ist, daß diese Welt mit dem Krieg gegen den sogenannten Terror, nämlich die Okkupation von Afghanistan und Irak auf keinen Fall sicherer geworden ist. Ein unerträgliches Konzept.
Im Prinzip hat Roth Artillerieaufklärung geschossen. Seine Geldgeber wollen eine andere Weltpolitik vorbereiten. Eine Politik, die am liebsten Rußland unter den Interessenten aufteilt. Die wäre noch unsicherer für den Weltfrieden, denn solche versoffenen Gestalten wie Jelzin, die seelenruhig zusehen, wie russische Kinder auf Müllkippen nach Eßbarem wühlen und am Bordstein Klebstoff inhalieren wird es nicht noch einmal geben. Es geht nicht um irgendwelche blödsinnigen Ideologien. Es geht um ein nicht derartig einseitig nützliches Weltwirtschafts- und -finanzsystem. Um den Ernst einer solchen Entwicklung etwas zu übertreiben, Polen hat sich gerade bereiterklärt Kernwaffeneinsatzgebiet zu werden. Wenn der Westen jeden brechbaren Vertrag auch bricht, brennt irgendwann die Luft. Georgien an sich ist völlig unwichtig. Es war ein Präzedenzfall, der erwartungsgemäß gezeigt hat, daß Rußland einen gewaltig dicken Hals hat und die Geduld des Bären erheblich überstrapaziert wurde.
Wir können weder wirtschaftlich noch politisch Interesse an Spannungen in der Welt haben, und somit sind die Auslassungen von Roth nicht die halbe Wahrheit, sondern ganze Lügen.
@wgn
We appear to continue to agree that we disagree…
> > Die Frage ist, ob sich eine Nation das Recht anmaßen sollte, die Missstände der Welt, die im Einzelnen zweifellos groß und ungerecht sein mögen, aus ihrer Sicht heraus zu bewerten und diesbezüglich tätig zu werden? Fukuyama, Kagan und Co. sagen “Ja!”. – Meine Wenigkeit sagt: “Nein!”.
> > Die “Freiheit”, die den Amerikanern so lieb und teuer ist, schliesst auch das Recht anderer ein, abgrundtief böse zu sein. So ist es, so war es, und so wird es vermutlich immer sein, ohne dass ein Grund bestünde, warum die Welt als ganzes darob ins Wanken oder gar Brennen geraten sollte.
Wirklich toll, das mit dem Recht anderer, abgrundtief böse zu sein! IMHO kann das nur jemand sagen, der auf dem verhätschelten Westeuropa-Sofa der letzten 60 Jahre gelebt hat und das für Gottgegeben oder sogar für ein persönliches Geburtsrecht hält.
Die armen Schweine in Darfur oder vor einiger Zeit in Ruanda, oder wo auch immer, werden sich sicher nicht beschweren können…
> > Sobald aber einer meint, er müsse sich jeden Schuh anziehen, wird das eine superkomplexe Geschichte, mit immer deutlicher zu Tage tretenden Folgen.
…dass die USA meinen, sich jeden Schuh anziehen zu müssen.
Jetzt doch noch mal ein gellender Pfiff aus dem Publikum zu diesem Teil des Wunschkonzertes: in wirtschaftlichen Themen sind Sie überzeugender.
Ich glaube nicht, das Aufmerksamkeit hier ein Problem gewesen ist. Putin im Interview zum Kaukasus-Konflikt. Ist das nicht aufmerksam genug?
Genauso wenig glaube ich, dass die Diskussion, z.B. über den Auslöser des Kriegs, oder die Rolle der USA im Konflikt, als Aufguss bezeichnet werden kann. Punkte, die der Kürzung zum Opfer fielen. Und ich denke, der Vergleich mit Tickermeldungen hinkt, den die haben eine andere Öffentlichkeit, als ein Interview in den ARD Tagesthemen. Nur weil etwas im Ticker stand, braucht es nicht erwähnt zu werden in den Tagesthemen?
Zustimmung. Aber der, weil der Absender sich nicht manipuliert sieht, gab es keine Manipulation. Das ist doch eher ein fragwürdiges Argument. Sicher wird Putin wissen, wie westliche Medien in gerne sehen. Was aber letztere nicht daran hindern sollte, ausgewogen zu berichten.
.
Den Georgien-Konflikt würde alle anderes sehen, wenn darüber ausgewogen berichtet würde – ohne Gewichtung durch Kürzung. Denn, ich wiederhole mich da gern, eine breite Diskussion über den Auslöser des Krieges findet nicht statt. Eine Diskussion über die Rolle der USA im Krieg findet nicht statt. Und Roth war selbst überrascht, wie im DLF Interview zu hören, von dieser Dimension des Gesprächs. Wenn das kein Big Point ist: Russland wirft USA Beteiligung im Kaukasus-Konflikt vor. Russland kritisiert französische Blockadepolitik auf dem europ. Atommarkt. Russland sieht sich nicht als Agressor im Kaukasus-Konflikt. Russland bezweifelt Eigenständigkeit der EU.
Stattdessen ein, wie es nennen mag: schlecht-gekürztes “Nullsummen-Gespräch”.
man, bei dem thema spiegelt sich aber verdammt viel naivität in diesem blog wieder : schon mal den begriff der “media-huren” gehört ? wenn nicht, einfach mal die aussage des ex-redaktionschef der ny-times lesen :
http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:The_New_York_Times
journalist ist mittlerweile genauso ein schimpfwort wie analyst, banker oder unternehmensberater, wirtschaftsprofessor (insbesonders in deutschland) , alles nur miet-nutten, die eine bezahlte meinung in die welt posaunen, um damit den blöden rest, der zur eigeninformation unfähig ist, zu beeinflussen
wer heute noch zeitung liest, um sich zu informieren, tut mir leid…ist zum unterhaltungszweck zu rechtfertigen, zu mehr allerdings nicht.
es gibt da übrigens auch noch ein gutes zitat : “zeitungen existieren nur, damit die 200 reichsten eines landes ihre unnütze meinung dem rest des volkes in schriftform mitteilen zu können” … mehr brauch man zu dieser thematik nicht sagen
samuiman:
wie jede Verallgemeinerung ist auch diese falsch. Es gibt durchaus Artikel, in denen ich meine Meinung schreiben kann und genau weiß, dass sie gedruckt wird, allerdings – zugegebenermaßen – nicht im politischen (Kommentar-) Teil der Zeitung. Immerhin etwas
Michael:
“Die Medien vertreten keine europäischen Interessen an sich, sie wollen insbesondere die Politik beeinflussen” – da überschätzt du die Rolle der Medien wohl und siehst die Intentionen imho auch falsch …
“Im Prinzip hat Roth Artillerieaufklärung geschossen. Seine Geldgeber wollen eine andere Weltpolitik vorbereiten. ….” – sorry, aber diese Drogen würde ich an deiner Stelle sofort absetzen
Seine Geldgeber … ts, ts
Schönen Abend
Terekest
@Falk Kuebler,
Ihre Analyse hat einen wesentlichen Haken. Sie geht davon aus, dass wir relativ schwach sind, und uns entweder die USA oder Russland als Hegemon erwählen müssen, um Schutz zu erhalten. Das war so etwa zwischen 1945 und unscharf, aber ich schätze 1970.
Die Situation ist aber schon lange nicht mehr so. Und heute erst recht nicht mehr. Russlands militärische Kapazitäten sind nahezu irrelevant, sagt z.B. die NATO. Die russische Wirtschaft ist kleiner als die deutsche, die etwa 170 Millionen Russen werden jedes Jahr fast eine Million weniger. Alkoholismus ist extrem verbreiter, interne Schwierigekeiten wie z.B. Tschetschenien limitieren den Zugriff auf das vollständige Staatsvolk um Krieg zu führen.
NIEMAND der halbwegs ernstzunehmen ist, kann behaupten, dass die Russen eine Gefahr für die EU darstellen. Das ist nicht seriös, die NATO hat nach Aussagen der CIA während des Kalten Krieges die konventionelle Kampfkraft des Warschauerpaktes um einen Faktor 2 überschätzt. Chrutschows Sohn behauptet es wäre ein Faktor 10 gewesen. Die NATO wäre die letzte Institution, die das russische Militärpotential aus propagandistischen Zwecken lächerlich machen würde, schließlich gefährdet das deren eigene Existenz.
Man vergesse nicht, dass heute Geld wichtiger ist als Leute, um einen offenen Krieg zu gewinnen. Georgien hat das BIP von, äh, Dortmund?
Daher der erste von zwei Punkten, die nicht mit ihrer Analyse zusammen passen: Für uns gibt es – und das gilt für die nächsten Jahrzehnte, bis vielleicht Ägypten oder so eine Gefahr wird, die Russen werden es dieses Jahrhunder 100% sicher nicht mehr – keine Gefahr mehr, die ein überlegenes Militär erforderlich machen würde. Wir brauchen keinen großen Bruder, der auf uns aufpasst.
Der zweite Punkt ist unsere eigene Stärke. Wir sind die stärksten der Welt. Wenn die EU als ein Raum betrachtet wird, und wenn es um ernsthafte äußere Gefahren geht, dann sehe ich nicht, was die EU spalten sollte, dann ist die EU schlicht die stärkste Macht der Welt. Nicht in aktuellen Militärausgaben (die USA haben ungefähr 45% der wltweiten Militärausgaben, die EU nur 25 – 30%, dabei Frankreich und UK – und China – jeweils zwischen 4 und 5% ), da sind die USA absolut führend und könnten womöglich sogar Taiwan gegen die Chinesen verteidigen. Aber in Wirtschaftskraft und in militärisch relevanter Wirtschaftskraft. Die EU könnte innerhalb weniger Jahre die schlagkräftigste Armee der Welt aus dem Boden stampfen, wenn es einen Feind gäbe, der das nötig machen würde.
@ Terekest :
dazu kann ich nur sagen, träum schön weiter bzw. ziemlich naiv…wacht endlich auf, da ist gar nix an verallgemeinerung dran, schau dir einfach mal den fall werner rügemer vs. süddeutsche vs. sal.oppenheim. falls du sogenannter journalist sein solltest, versuch doch mal in deiner hauspostille einen kritischen artikel gegen aldi, lidl oder sonstige gross-werbe-kunden zu veröffentlichen, das gelingt dir vielleicht noch in einer schüler-zeitung, aber nicht in irgendeinem größeren blatt. lg samuiman
@Ich:
< < Der zweite Punkt ist unsere eigene Stärke. Wir sind die stärksten der Welt. … Die EU könnte innerhalb weniger Jahre die schlagkräftigste Armee der Welt aus dem Boden stampfen, wenn es einen Feind gäbe, der das nötig machen würde.
Ich zitiere mein eigenes Zitat, nämlich Hölderlin: “Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt”.
@ “Ich” (Nr.54):
Zudem von Ihnen Gesagten kann man sich nur Falk Kuebler Nr.56) anschließen. Ihre Träume über die potentielle militärische Macht der EU “Wir sind die Stärksten der Welt” entbehren jeder Basis. Europa ist seit eh und je einer der Habenichtse der Welt, die stets auf Import aller Rohstoffe angewiesen waren. Durch Fleiß, Intelligenz und Aufbau einer Exportindustrie entwickelte es einen hohen Lebensstandard, der es dennoch ermöglichte, stets alles was uns fehlte zu importieren. Heute sind es bekanntlich vor allem Gas und Öl, von denen wir wie Drogensüchtige total abhängig geworden sind. Dreht man uns den Hahn zu, ist es aus damit.
@ergo sum,
das hat doch nichts mit Militärmacht zu tun. Von ca. 1400 bis ca. 1940 waren Westeuropäer vermutlich durchgehend die stärkste Militärmacht der Erde. Zwischenzeitlich so stark, dass sie sich in Afrika und sonstwo gegenseitig um Kolonien gekloppt haben. Spanien hat in mal eben in großen Teilen Amerikas kurzen Prozess gemacht. Die Engländer haben Indien und China gedemütigt, und Napoleon hat mal eben den vormals gefürchteten Ottomanen Ägypten abgeluchst.
Natürlich, wenn der Rest der Welt auf einmal kollektiv die Ressourcen abdreht sieht es schlecht mit uns aus. Aber wenn z.B. nur Russland uns die Ressourcen abdreht, geht es denen schlechter als uns. Glauben Sie eigentlich, wir bekommen Öl und Gas und Industriemetalle geschenkt?? Öl wird übrigens international gehandelt, es ist daher völlig unmöglich einem einzelnen Land das Öl abzudrehen. Entweder ein Land exportiert in die Welt, hat dann keine Kontrolle mehr wo das Öl hingeht, oder ein Land exportiert nicht. Gas ist an wesentlich aufwändigere Infrastruktur gebunden, die aber in der Regel zum erheblichen Teil von den Ländern finanziert werden, die das Gas liefern – und die daher auch ein hohes Interesse daran haben, dass auch tatsächlich Einnahmen mit dieser Investition reinkommen.
Von Bedeutung für das mittelfristige militärische Potential sind
- Nominelles Bruttoinlandsprodukt, schließlich gibt es ziemlich gute Ausrüstung auf dem Weltmarkt
- Bevölkerung, besonders Anzahl junger Menschen, aber auch deren körperliche Verfassung und eine hinreichende Bildung
- Technologisches Level
- strategische Erfahrung.
Natürlich sind uns die Amis in Sachen Technologie ein kleines bisschen voraus, aber manchmal kaufen auch die Amis in Europa Dinge ein – siehe Airbus Tanker, EADS Hubschrauber, auch der Leopard gilt wohl als ausgezeichnet und einige andere Waffen.
Zur strategischen Erfahrung bleibt die Frage, was für eine Art von Krieg man denn führen will. In Sachen assymmetrischer Kriegsführung dürften einige andere Staaten USA, Israel, aber auch die Russen mehr Erfahrungen haben.
Aber zum Kampf zwischen zwei relativen HighTech Armeen gibt es keine praktische Erfahrung, weil schon seit Jahrzehnten kein solcher Krieg mehr stattgefunden hat. Die assymetrischen Kriege werden natürlich immer haushoch gewonnen, wenn man die Befriedung des Landes, die sicher andere Fähigkeiten erfordert als die ursprüngliche Kriegsführung, nicht zählt.
samuiman:
wenn das keine Verallgemeinerung ist, dann weiß ich auch nicht ….
Abgesehen davon: du kannst mich gerne der Blauäugigkeit oder auch der Lüge bezichtigen, aber ich weiß trotzdem, was ich ohne Probleme veröffentlichen kann.
Dass es bei Großanzeigenkunden schwieriger wird ist zumindest teilweise richtig, das kommt auf den Fall an, haben wir aber auch weiter vorne schon durchgekaut.
Schönen Gruß
Terekest
“Wirklich toll, das mit dem Recht anderer, abgrundtief böse zu sein! IMHO kann das nur jemand sagen, der auf dem verhätschelten Westeuropa-Sofa der letzten 60 Jahre gelebt hat und das für Gottgegeben oder sogar für ein persönliches Geburtsrecht hält.
Die armen Schweine in Darfur oder vor einiger Zeit in Ruanda, oder wo auch immer, werden sich sicher nicht beschweren können…”
Ach Kübler die Amerikaner haben mehrere Millionen Menschen seit dem Ende des 2.WK abgeschlachtet für ihre Interessen.Sie haben gewählte Regierungen gestürzt oder manchmal auch Diktatoren.Die USA sind nicht die Guten.Warum zeigst du denn nicht mit dem Finger auf Somalia.Dort sind mit Genehmigung und Hilfe der Amerikaner die Äthioper einmarschiert und massakrieren dort täglich die somalische Bevölkerung, ist dass minder interessant wie Dafur ? Wie ist es denn in Dafur ? Ist es nicht so dass es die USA eigentlich nur stört dass die Chinesen dort,bzw. östlich davon nach Öl bohren ? Was die USA stört ist nicht der Bürgerkrieg dort sondern die Bindung Sudans an China.
Dass ist einfach nur moralinsaures Geschwafel.Es geht um Geopolitik und die USA versuchen mit ihren gesellschaftlichen Mechanismen, der angeblich freien Presse, diese Aggressionen mit einer positiven Wertung zu versehen.
Es wäre besser für Europa, speziell für Deutschland wenn es den Einfluss dieses Staates los wäre und endlich selber Interessenpolitik betreiben könnte, stattdessen sind wir nur noch historische Objekte.Ob Afghanistaneinsatz oder Türkeibeitritt.Diese Atlantiker gehören gestürzt.
> > Ach Kübler die Amerikaner haben mehrere Millionen Menschen seit dem Ende des 2.WK abgeschlachtet für ihre Interessen.
Ach Oswald, ach Oswald…
Wieso ist Denken eigentlich so schwer? Jemand der das einigermassen kann, kann das gar nicht so recht nachempfinden…
Im Nebeneinander der Nationen ist niemand wirklich gut. Da gilt halt immer das was de Gaulle so nett gesagt hat: “Nationen haben keine Freunde, Nationen haben Interessen”.
Die Frage, wie die Nationen die Interessen verfolgen und wo sie dabei Grenzen zu empfinden anfangen, hängt aber von ihrer kulturellen und zivilisatorischen inneren Verfasstheit ab. Und da zeigt sich eben, dass selbstsüchtige Demokratien relativ früher an gewissen Brutalitätsgrenzen aufhören als selbstsüchtige Diktaturen oder Halbdiktaturen.
Zu Ihrer obigen “Abschlacht-Behauptung”: wenn man eine Art “Abschlachtindex” der letzten 100 Jahre bildet, dann dürften die Amis, insbesondere gewichtet auf den Kopf der Bevölkerung, einen guten Faktor 10..100, vielleicht auch 1’000, unter solchen Leuten wie Deutschland und Russland liegen, und vermutlich auch noch gut unter den Tommies und den Franzosen (letztere sind auch ziemlich “robust” beim Verfolgen ihrer Interessen).
Also noch einmal, lieber Oswald: ein bisschen Denken mag zwar beim den ersten Versuch sehr schmerzhaft und frustrierend sein, aber nach einigen Jahren kann man daran richtig Spass kriegen. Ganz bestimmt, einfach mal längere Zeit versuchen
Kübler , ich habe dir diese Zahl mal um die Ohren gehauen damit du mit deiner vor moralintriefenden US-Apologie auf den Boden der Tatsachen heruntergeholt wirst.
Wie du sehr richtig schreibst haben Nationen Interessen, auch die USA.Deswegen ist es wichtig zu erkennen dass die USA keine moralische Überlegenheit besitzen.Sie sind genauso schlimm oder gut wie andere Nationen auch.Die Frage die mich bewegt ist: Wo liegt das Interesse Deutschlands ?
“Und da zeigt sich eben, dass selbstsüchtige Demokratien relativ früher an gewissen Brutalitätsgrenzen aufhören als selbstsüchtige Diktaturen oder Halbdiktaturen.”
Was für ein merkwürdiges Geschwurbel.Die USA haben bislang noch jede Diktatur im Ermorden von Menschen übertroffen mit Ausnahme von Mao oder Stalin vielleicht.Wobei die USA ja mit letzterem im 2.WK verbündet war und eine nicht unerhebliche Mitschuld an dessen Toten trägt.
“unter solchen Leuten wie Deutschland und Russland liegen,”
Wohl kaum…vorallem wenn man die Zeit nach dem 2.WK in Betracht zieht.
Angefangen von den Massakern im Krieg gegen die Philipinen um 1900 mit Millionen Toten bis zum Krieg gegen den Irak und Afghanistan heute, ebenfalls 1 Million Tote.Besonders wenn man bedenkt dass die USA nach 1989 -2003 ja eigentlich alleinige Supermacht war – was hat sie daraus gemacht ?Krieg und Völkerrechtsbruch.
Die USA ist in ihrem Denken grundsätzlich unbegrenzt was ihren Machtanspruch angeht eben aus dem Glauben heraus der Welt ihre verlogenen “Werte ” aufzwingen zu wollen.
@Oswald:
> > Was für ein merkwürdiges Geschwurbel.Die USA haben bislang noch jede Diktatur im Ermorden von Menschen übertroffen mit Ausnahme von Mao oder Stalin vielleicht.Wobei die USA ja mit letzterem im 2.WK verbündet war und eine nicht unerhebliche Mitschuld an dessen Toten trägt.
Junge, Junge… ich fürchte du spinnst einfach!
In einem klugen Forum habe ich mal folgende Signatur gefunden: “Lasse Dich nicht auf Diskussionen mit Idioten ein. Sie ziehen Dich auf ihr Niveau herab und schlagen Dich dann mit ihrer Erfahrung.”
Schade dass es hier keine Signaturen gibt. Aber danach richten kann ich mich ja trotzdem. Insofern:
Tschüss Oswald
@Falk Kuebler:
uneingeschränkte Zustimmung zu Deinen Beiträgen!
Ich fürchte nur, daß Du hier in der blog-Diskussion einer der wenigen einsamen Rufer der Vernunft bleiben wirst. Es ist nun mal bekanntermaßen schwierig bis unmöglich, argumentativ gegen diejenigen anzukommen, bei denen Geschichtsfälschung seit Jahrzehnten zum wichtigsten Stilmittel des politisch-ideologischen Kampfes gehört.
@doc del oro:
Danke für die Aufmunterung
Ich habe mich ja durchaus an ein gewisses Blogosphären-Prekariat gewöhnt, dass sich in einer ziemlichen Breite verlustiert, von einem WELT-Forum bis Telepolis. Und manchmal finde ich es sozusagen “schaurig-schön” und gucke es fasziniert an, manchmal geht es mir einfach nur auf die Nerven, manchmal werde ich fast deprimiert bei der Vorstellung, woraus in einer Demokratie die Entscheidungsfindung zusammengesetzt wird.
Aber in einem Wirtschafts-Blog, und dazu noch einem recht vernünftigen, hätte ich manche Erscheinungen doch weniger erwartet…
Naja, so ist halt die Realität, ich werde sie sicher nicht verbessern
@ doc del oro & falk kübler :
wo kann man das kraut kaufen, dass so schön benebelt & zudröhnt
will ich auch haben, oder war es nur ein kräftiger schlag mit der baseball-keule vor der geschichtsstunde ? lesen bildet zwar, aber nicht wenn´s bei euch beiden nur die bild-zeitung ist ? so geschichtsdoof wie ihr beiden kann man doch garnicht allein sein, da muss ich oswald leider zustimmen, der hat da wesentlich mehr durchblick als ihr beiden, aber vielleicht lernt man sowas bei den juli´s oder der jungen union nicht
Interessanter Artikel, der darstellt, was genau aus dem Interview herausgekürzt wurde:
http://info.kopp-verlag.de/news/tagesthemen-schwindel-in-onkel-toms-medienhuette.html
Was m.E. leider – in der eigentlich sehr ausgewogenen Diskussion hier – übersehen wird ist, daß wir zwar vom intellektuellen Standard her, diesen ARD Beitrag hinterfragen, uns gut eine eigene Meinung bilden und ihn schließlich diskutieren können – wir (die zu diesem ARD Beitrag kritische Internetgemeinde!) aber nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmacht.
Spätestens dann, wenn wir unser “Diskussions-Biotop” Internet verlassen und uns der Informationsübermittlung, der erkannten Sachverhalte, an den “Normalbürger” stellen müssen, schaffen wir es selten, die einmal aufgenommen Denkmuster der Massenmedien wieder aus dem Denken der Menschen zu entfernen.
Bewegtbild schlägt Standbild schlägt Ton schlägt Schrift – und raubt in seiner Menge, die Zeit zum Selberdenken.
Was jeder einzelne von uns ggfs. tun kann, ist unter Hinweis auf die offensichtliche und wohl inzwischen schlüssig eingestandene Zensur, seinen GEZ Obulus zu verweigern – und damit ein Umdenken auf der “Produzentenseite” zu erreichen.
Mmh, netter Versuch Bloggen und die Rettung der (medialen) Welt gleichzusetzen.
Die 5. Gewalt – hahaha. Der 1001ste Blog und sein einsamer Leser.
PolitBloggen ist zuerst einmal Ersatzbefriedigung. Oder digitale Legokiste.
Kellerassel
@Kellerassel
Du hast recht. Genauso ist es.
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