Ich habe ein wenig im jüngsten statistischen Wochenbericht von destatis herumgeblättert, als mir auffiel, dass einige der Kettenindizes für die Preisentwicklung wirklich exorbitant zugelegt haben. Nun wissen wir natürlich alle, dass die Dinge letztens eher teurer statt billiger geworden sind, aber trotzdem: wenn destatis für das Jahr 2000 einen anfänglichen Preisindex in einer Warenkategorie von 100 nennt, und wir seither eine jährliche Inflationsrate von etwa 3% unterstellen, dann sollten da in 2008 Indexstände von rund 125 stehen. Die Realität sieht aber teilweise dramatisch anders aus.
Zunächst als Hinweis für diejenigen, die sich mit Preisindizes nicht so häufig beschäftigen: das statistische Bundesamt veröffentlicht seine regelmäßigen Preisberichte sowohl in der Form von prozentualen Steigerungsraten (meist gegenüber Vor- und Vorjahresmonat) als auch als “Kettenindizes”. Dabei wird das Preisniveau eines bestimmten Jahres (meist 2000 oder 2005) als Basis 100 gesetzt, und die Preisniveaus davor und danach in % dieser Basis ausgedrückt. Also zB: 1999: 98,5 2000: 100 2001: 102,3 usw.
Für die nachfolgende Betrachtung habe ich querbeet Erzeuger- als auch Einzelhandelspreisindizes verwendet, die meines Erachtens die zugrundeliegenden Trends besser wiedergeben als der Verbraucherpreisindex. Zudem zeigen sie die Preisentwicklung im jeweiligen Gut ungewichtet und damit in voller Höhe, nicht bloss mit dem Anteil, mit dem sie sich im statistischen Warenkorb niederschlagen. Nachteil dieser Betrachtung ist aber, dass die genannten Werte wirklich nur auf Einzelebene zutreffend sind, eine Addition würde also zu keinen aussagekräftigen Ergebnissen führen.
Fangen wir mal an mit den landwirtschaftlichen Gütern. Ich nenne bei der jeweiligen Position immer Indextstand per Mai oder April 2008 sowie als Prozentwert die jährliche Inflationrate in diesem Gut, die dem Index rechnerisch entspricht.
Getreide …………………………. 192, 9% pa
Eier ……………………………….. 143, 5% pa
Hackfrüchte …………………… 117, 2% pa
Milch …………………………….. 114, <2% pa
Interessant ist dabei, dass Getreide erst seit 2007 stark im Preis steigt, während Hackfrüchte schon mal viel teurer waren (Index 162 in 2006) und seither einem dramatischen Preisverfall anheim fielen.
Womit hat der Bauer zu kämpfen?
Düngemittel ……………………. 247, 12% pa
Energie und Schmierstoffe … 165, 7% pa
Futtermittel …………………….. 159, 6% pa
Erstaunliches auch vom Holz. Hier ist das Jahr 2005 Basis für den Index, die Entwicklung seither vollzog sich also in weniger als 3 Jahren:
Stammholz ……………………… 129, 9% pa
Industrieholz …………………… 169, 19% pa
Kommen wir nun zu den gewerblichen Produkten und Dienstleistungen. Preisbasis hierfür durchgängig das Jahr 2000, die bisherige Entwicklung vollzog sich also in etwas unter 8 Jahren.
Kohle und Torf ………………… 184, 8% pa
Erdöl und Erdgas ……………… 202, 10% pa
Mineralölerzeugnisse ……….. 174, 7% pa
Tabakerzeugnisse ……………. 162, 7% pa
Nahrungsmittel, Getränke …. 119, 2% pa
Roheisen und -stahl …………. 190, 9% pa
KFZ, -Teile ………………………. 109, 1% pa
Spielwaren, Sportgeräte …….. 115, 2% paElektrischer Strom ……………. 164, 7% pa
Erdgas (Verteilung) …………… 201, 10% pa
Fernwärme ………………………. 153, 5% pa
Wasserversorgung ……………. 109, 1% pa
Was wurde hingegen richtig billig?
Büromaschinen, EDV …………. 35, -14% pa
Kommunikation ………………… 58, -7% pa
Mobiltelefonie ………………….. 87, -5% pa (Basis 2005)
Eine Reihe von Produktkategorien blieb in all den Jahren preislich in etwa konstant, zB. Bekleidung, Textilien, Papierwaren, Verlags- und Druckerzeugnisse sowie diverse Gerätschaften.
Interessant auch, dass sich seit 2006 die Einfuhrpreise doppelt so schnell entwickeln, als die Ausfuhrpreise.
Einfuhrpreise ……………………. 116, 2% pa
Ausfuhrpreise …………………… 109, 1% pa
Mein Fazit daher: die hohen Teuerungsraten sind keineswegs nur auf den Ölpreis zurückzuführen, und großteils bestehen sie nicht auch erst seit gestern. Stattdessen sehen wir meines Erachtens gerade die Kulmination dessen, was sich bereits seit geraumer Zeit hinter den Kulissen abgespielt hat. “Hinter den Kulissen” deshalb, weil natürlich nur die wenigsten der oben genannten Produkte direkt in die Verbraucherpreise eingehen. Aber natürlich macht es sich halt irgendwann mal tatsächlich auch in den Einzelhandelspreisen bemerkbar, wenn zB Düngemittel jedes Jahr um durchschnittlich 12% zulegen. Und die 7-10% pro Jahr für Strom, Gas und Öl merkt der Verbraucher sowieso unmittelbar. Interessant darüberhinaus, dass nur diejenigen Produkte wirklich billiger wurden oder preisstabil blieben, die samt und sonders aus Fernost und vor allem China kommen. Was aber nun, wenn diese Produkte wegen der dort herrschenden lokalen Inflation demnächst bei uns auch teurer werden?
Ich kann mir nicht helfen, aber all jenen, die behaupten, wir hätten keine “echte” Inflation, sei die Frage gestellt: wonach sieht das denn Eurer Meinung sonst aus?




















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Hi,
“all jene” sind nur noch Hannich und Küssner. Der erste spinnt immer noch von Defla, der zweite schweigt feige.
Nun ja, der Umsatz von K+S stieg 2005 11 %, 2006 5 %, 2007 13 %, der Verschuldungsgrad stieg in dieser Zeit von 140 % auf 220 %. Das vermittelt den Eindruck, daß die höheren Preise zu geringeren Abnahmemengen führten. Ich weiß, K+S ist nicht der einzige Produzent, nur beispielhaft, die haben Heimvorteil. Natürlich ist ein Preisanstieg für Dünger, meist Stickstoff, also mineralisierte Luft, oft Gülle, schlicht unverständlich.
Die Bauern werden weniger angebaut haben, um mit künstlich erzeugtem Mangel die Preise zu treiben. Das Problem ist sehr einfach lösbar, wenn man die Subventionen für die Landwirtschaft z.B. für Flächenstillegungen, streicht. Genau wie die Energiepreise, falsche Politik. Die Subventionen ruinieren nebenbei seit langem die Landwirtschaft der Entwicklungsländer. Die Amis haben ihre Überproduktion von Mais zu Schnaps für den Autotank gemacht, unsere Trittbrettfahrer wollen mit, da paßt alles. Die Party ist so gut wie vorbei.
Die Ein- und Ausfuhrpreise sind wohl dem “starken” Euro geschuldet, zusammen ergibt das ein Bild, nachdem die Leute schuften wie die Kulis und zum Dank wird Inflation importiert. Ist nicht neu, deutsche Lebensart. Es ist eine regelrecht administrierte Inflation.
Es konnte ja nicht ausbleiben!
Herr Doktor, Frau Gaby, Marie oder sonstewie – Sie brauchen hier glaube ich nichts zu erklären. Beschränken Sie sich doch bitte auf das Gelbe.
Beeindruckend, was Du da wieder zusammen gestellt hast, wgn. Besonders katastrophal sind vor allem die Energieziffern, denn diese wirken sich ihrerseits direkt auf Dienstleistungen und Einzelhandel aus — egal ob Gemüseladen, Bäcker, Taxi oder Barbier. Mit 25 Basispunkten von Herrn Trichet ist da wenig gewonnen.
Na ja, einen Unterschied hat die Inflation zur Deflation schon.
Bsp.:
A kauft auf Kredit ein Haus für 1.000.000 von B.
Bei Inflation ist sein Grundstück los und hat irgendwann mal 1.000.000 Geldeinheiten in Scheinen.
Bei Deflation kann A seine Schulden irgendwann nicht mehr bezahlen, dehalb holt sich B sein Haus wieder zurück.
In beiden Fällen hat sich das Geld “in Luft” aufgelöst, es bleibt nur das Grundstück über. Nur der Eigentümerstand ist unterschiedlich
@goodnight
Rechne doch mal Hauspreise und Aktienkurse in eine “synthetische” Inflation ein. Die Inflation war schon die ganze Zeit da, keine Sorge. Da die Hauspreise sinken, müssen andere hoch, die Ölpreise sind nur etwas offenkundiger.
Die Welt soll es ausbaden, nichts anderes hätte man erwartet. Und wenn das mit Öl- und Getreidepreisen versucht wird, erst floppt das Getreide und dann das Öl.
@Michael
“Rechne doch mal Hauspreise und Aktienkurse in eine “synthetische” Inflation ein”
=>Yep, that´s it. Die Geldmenge wandert nur von einem Asset zum nächsten….der Ölpreis ist nur Spekulation…aber warum geht das verdammte Ding dann nicht endlich in den Keller

Ok, ich muss lernen, von meinen persönlichen Margin-Call-Problemen zu abstrahieren…gaaaanz ruhig bleiben…also: Die Inflation war niedriger, weil die Häuser- und Aktien- “preise” so hoch waren, d.h. um die Inflation wirksam zu bekämpfen, sollte man nicht den Leitzins erhöhen, sondern den Immobilienmarkt deregulieren…sage ich doch schon immer: gibt den Deutschen nee 130% Finanzierung und zweistellige Immo-Preis-Steigerungen….und die Inflation ist Geschichte
Nur kann ich leider solange nicht mehr warten…Madame fragt schon, wo ihr Sportwagen ist….:-(
“Even in my dreams, I’m an idiot who knows he’s about to wake up to reality. ”
David (vanilla sky)
Niemand weiß wie sich Inflation/Deflation in der Zeitgeraden auswirken werden.Öl kann , muß aber nicht parabolisch steigen wenn die Nachfrage durch eine Depression stark rückläufig wird und damit die Steigerung der Fiat Money Menge durch die westlichen ZB´s überholt.Als sicher darf gelten dass alles was irgendwie mit Ausfallrisiko(Produkte der Finanzindustrie) behaftet ist stark deflationieren wird. Letzlich könnte eine Hyperinflation durch den dadurch ausgelösten Kollaps der Realwirtschaft/Arbeitslosigkeit in eine Deflation übergehen.Alles in allem läßt sich noch kein endgültiger Schluss ziehen schließlich sind wir in einem nochnie dagewesenen ökomomischen Liveexperiment zugegen.
@goodnight
“Die Inflation war niedriger, weil die Häuser- und Aktien- “preise” so hoch waren..”, NEE SIE WAR NICHT “SICHTBAR” … (In England gehen übrigens die Häuserpreise in die Inflationsrechnung mit ein. Wieder was dazugelernt ?)
Die synthetische Inflation in steigenden Haus-und Aktienpreisen (besser Anzahl gekauft mal Preis minus Anzahl der verkauft mal Preis) gemeint. Da ist es weniger verblüffend, wenn steil steigende Aktienkurse zu Zinsanhebungen führen. Das ist zu einfach, können Volkswirte nicht verstehen, ist mir klar.
So könnte es dann verständlich sein, daß bei fallenden Preisen auf breiter Basis die Leitzinsen gesenkt werden. Denn diese synthetische Inflation als Geldsumme ist ganz sicher bei den Amis und Engländern eingekracht. Das hat Heli Ben richtig verstanden, nur ist die Frage wo die Priorität liegt. Wir werden es erleben.
Sicher meint die EZB, das Problem liegt nicht bei uns, wir können die Inflation bei uns jetzt bekämpfen, dafür senkt sie die Zinsen nächstes Jahr. Völlig richtig, hier sind Aktien und Häuser nicht so von Bedeutung. Da kann sie was Gutes tun und ein paar Abzockern das Handwerk legen.
Wenn man den Sportwagen von Madame zur Pfandleihe bringt um damit die einfliegenden margin-calls zu erfüllen …. und die Dame noch hartnäckigen Gerüchten zufolge beim Finanzamt arbeitet … hat man natürlich ein sehr ernstes Problem.
Noch rollen bekannte 159 l – Fässer nicht abwärts, da gibt es den einen oder anderen margin call, wenn man glaubt, letztendlich gewinnt die Schwerkraft immer.
Diese Ökonomen spielen auf Kredit und wundern sich, wenn Madame ungehalten ist, weil sie mit der Straßenbahn zum Dienst fahren muß. tststs
Ja himmelherrgott nochmal, hängt denn unser ganzer sauberer Kapitalismus nur am möglichst niedrigen Ölpreis? Das kann doch nicht sein, das ist so … unwürdig und auch irgendwie kleinkariert! Einst stolze Kapitalisten – auch hier im blog – bekommen Panikattacken und wollen die Bombe werfen, auf dass irgendwoher brauner Saft fliesse!
@michael
…Wenn man den Sportwagen von Madame zur Pfandleihe bringt um damit die einfliegenden margin-calls zu erfüllen
und wenn das mit den margin-calls die Russen oder Chinesen sind ? Die haben genug USD um sie zu erfüllen.
Frei nach dem Motto: tausche Terminkontrakte gegen grünes Toilettenpapier.
Was würde man den als Normalbürger tun, wenn man gerade im Besitz von 500 Mrd (die Russen) und ca. 1,3 Bill USD (China) wäre?
“Was würde man den als Normalbürger tun, wenn man gerade im Besitz von 500 Mrd (die Russen) und ca. 1,3 Bill USD (China) wäre?”
Na, wie es schon einer sagte: Drop the Bomb
Dieses Mal aber nicht nuklear, sondern in Form von einer Zahlungsverweigerung seitens der Amerikaner. Dann können die Chinesen bzw. die Russen ein schönes Papierlagerfeuer machen.
Ob nach der Inflation eine Hyperinflation kommt, hängt davon ab,
wie lange man das Spielchen treibt. Vorher aussteigen mit Währungsreform wäre ja auch noch möglich. Einem hyperinflationären Währungszusammenbruch könnte nur dann
eine deflationäre Phase folgen, wenn weiterhin die Währungen
bestehen bleiben. Ebenso wahrscheinlich wäre in so einem Szenario
der Zusammenbruch des Gesamtsystems mit Neuanfang – ohne
nachhyperinflationärer Deflation. Durch die radikale Systementschuldung ginge es gleich wieder aufwärts…
@Frankie Bernankie
Unsere gesamte Wirtschaft hängt am Energietropf – leider; aber da
liegen auch enorme Chancen, schließlich werden dadurch Neuinvestitionen in manchen Sektoren rentabel – und die menschliche Arbeitskraft auch wieder. Solange nicht
irgendein Idiot glaubt, die Probleme mit Waffengewalt lösen zu
müssen, sind die gestellten Aufgaben für die Menschheit lösbar !
@Frankie Bernanke: sauber war der Kapitalismus noch nie. Stolze Kapitalisten kenne ich keine, nur dekadente. Das bringt der Kapitalismus so mit sich.
@Martin: Den Zusammenbruch des Gesamtsystems würde ich auch sehr begrüßen. Hier sehe ich auch mehr Chancen als Risiken.
Übrigens fängt die Golddrückung wieder an. Diese Marktmanipulationen sind nur noch dekadent. Wenn es einen Gott gibt, der für Börsencrahs zuständig ist; er möge zur Tat schreiten.
“Was würde man den als Normalbürger tun, wenn man gerade im Besitz von 500 Mrd (die Russen) und ca. 1,3 Bill USD (China) wäre?”
Öl kaufen ??
Kudlow adds:
..
The global economy is a runaway train that is slowing, but not quickly enough. That is what the extraordinary run-up in prices for oil, metals, and food is screaming at us.
..
http://www.realclearmarkets.com/articles/2008/07/time_to_put_the_brakes_on_this.html
Wie konnte ich eigentlich so lange ein so tolles Blog übersehen?!?
Zum Thema: Die Holzpreise sind noch bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass Kyrill zu einer “Sonderernte” geführt und die Preise trotzdem gestiegen sind …
Und zur Inflation: Natürlich gibt es gute und schlechte Inflation. Gut ist die Inflation bei Aktien und Immobilien, schlecht die bei Milch. Zumindest ist das die gängige Meinung. Ist natürlich Quark. Auch wenn sich die Hausbesitzer freuen, wenn ihr Haus im Wert steigt, solange sie drin wohnen, haben sie wenig davon. Für alle, die aber noch keine Immobilie haben, ist der Immobilienpreisanstieg genau so Inflation wie ein Anstieg der Milchpreise …
Die Immobilienpreise in den USA gehen übrigens in die Inflationsberechnung über die sogenannten “kalkulatorischen Mieten” ein. Ich wiederhole das aber nicht, denn mir tut der Kopf noch immer vom ersten Erklärungsversuch weh …
http://egghat.blogspot.com/2008/02/ein-imperium-im-fall-teil-2.html
Bye egghat