“Black Swan”, von Nassim Nicholas Taleb

von weissgarnix am 29. Juni 2008

Ich hatte ja letztens, als ich ein paar Zeilen über den “Black Swan” schrieb, schon angekündigt, dass ich das gleichnamige Werk von Nassim Nicholas Taleb noch mal irgendwann auch rezensieren wollte. Dann mache ich das eben gleich, zumal wir die Erkenntnisse des Herrn Taleb in den nächsten Wochen und Monaten vermutlich eh gut gebrauchen können, und die Nachrichtenlage ohnehin keinen anderweitigen Stoff für wirklich spannende Beiträge bereithält.

Fangen wir mal an, mit ein paar einführenden Betrachtungen zu Werk und Autor: Nassim Nicholas Taleb ist ein im Libanon geborener und aufgewachsener US Amerikaner, der an der Wallstreet als “Quant” gearbeitet hat und auch reich geworden ist, dabei aber viel lieber Philosoph geworden wäre. Seit er im Crash von 1987 dank seines ganz persönlichen schwarzen Schwans mächtig absahnen konnte (in seinen Worten: “fuck off money” erzielte), widmet er sich, so entnimmt man es seinen diversen Büchern und Interviews, vorwiegend dem Philosophieren über Gott und die Welt. Hauptthemen im 2007 erschienen “Black Swan” sind 1) die Unsicherheit und unsere falsche Einschätzung derselbigen und 2) die trügerische Sicherheit von vermeintlichem “Wissen”, in allen seinen Formen und Farben. Hauptangriffspunkt für Taleb ist die “Gaussche Normalverteilung”, und alles, was daraus fälschlicherweise abgeleitet wird.

Anders gesagt: “Black Swan” ist eine Ketzerbibel, in der keine Disziplin und kein “Experte”, sei es in Mathematik, Ökonomie, Historik oder Medizin, ungeschoren davonkommt. Das Buch ist deshalb ein Augenöffner für jene, die hinter den Schleier all dessen gucken wollen, was da heute als “sichere Erkenntnis” daherkommt. Talebs Werk darf daher insbesondere im Werkzeugkasten des kleinen Verschwörungstheoretikers nicht fehlen, allerdings – und das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden – zieht Taleb auch einer ganzen Reihe von Verschwörungstheorien und sonstigen “Urban Legends” den Boden unter den Füßen weg.

Das macht er auf sehr humorvolle, hintersinnige und leicht zu lesende Weise. Einzelne Abschnitte im Black Swan tragen so zB Titel wie “Umberto Ecos Anti-Bibliothek, oder wie wir Bestätigung suchen”, und für seine Kapitelbezeichnungen hält er sich mit Formulierungen wie “Der Spekulant und die Prostituierte” oder “1000 und eine Nacht, oder wie man es vermeidet, als Trottel zu enden” auch nicht gerade an streng akademische Wortwahl.

Taleb entwickelt, nach kurzer Einführung, seine Ideen anhand von zwei gänzlich unterschiedlichen Welten: die eine, “Mediocristan” ist die lineare Welt der Gauss’schen Normalverteilung, in der Ausprägungen und Erscheinungen ungefähr gleich verteilt sind, und jede einzelne Beobachtung nicht zu einer dramatischen Neueinschätzung hinsichtlich der Eigenschaften aller beobachteten Erscheinungen führt. Als Beispiel nennt er die Zuschauer eines Fußballspiels in einem Stadion, die, wenn 1000 von ihnen ausgewählt und auf dem Spielfeld versammelt werden würden, im einzelnen nicht soweit vom Durchschnittswert für Gewicht und Körpergröße aller 1000 Personen abwichen, als dass die Wegnahme eines Einzelnen zu einer größeren Veränderung dieser Duchschnittswerte führte.

Gänzlich anders liegen die Dinge jedoch in der “Anti-Welt” zu Mediocristan, nämlich in “Extremistan”: dort würde das Verändern einer einzigen Variable zu einer dramatischen Veränderung des Durchschnitts führen, und als Beispiel nennt er das Pro-Kopf-Vermögen der Besucher einer Kneipe, in der sich zufällig auch Bill Gates aufhält. Es erscheint unmittelbar einleuchtend, dass der ermittelte Durchschnittswert extrem variieren wird, je nachdem, ob Gates gerade bestellt hat und daher noch mitgezählt wurde, oder sein Bier bereits ausgetrunken und das Lokal wieder verlassen hat, und er daher im ermittelten Durchschnitt aller nicht enthalten ist.

Die Punchline von Taleb ist nun die: viele Begebenheiten in Wirtschaft und Gesellschaft sind in Wahrheit Phänomene aus “Extremistan”, werden aber von Lehre, Wissenschaft und der Öffentlichkeit ganz generell irrtümlich so behandelt, als kämen sie aus “Mediocristan”. Und aus diesem Vorwurf entwickelt Taleb nun auf knapp 350 Seiten seinen Großangriff auf alle, die diesem Trugschluß seiner Meinung nach unterliegen. Und das sind nicht wenige.

Da wären zB mal “Fat Tony” und “Dr. John”. Fat Tony ist ein hemdsärmeliger Broker aus Brooklyn, “streetsmart”, wie es so schön heisst, der keiner der Ivy-League-Universitäten entstammt, sondern sich seine Karriere durch Bauernschläue und Pragmatismus erarbeitete. Dr. John, andererseits, ist ein Statistik-Experte mit Prädikatsabschluss, arbeitet bei einer Versicherungsgesellschaft im Risikomanagement und sieht die Welt in Form von Modellen und Zeitreihen. Mit beiden macht Taleb einen Test: eine Münze wird 99mal geworfen und zeigt dabei jedesmal “Kopf”. Frage an beide: “Wie hoch liegt meine Chance, beim nächsten Wurf ”Zahl” zu sehen?”. Darauf Dr. John, der Statistik-Profi: “Natürlich 50%”. Daraufhin Fat Tony: “Also du mußt ja ein ziemlicher Trottel sein, Dr. John, bei 99mal Kopf hintereinander, gibt es für mich keinen Zweifel, dass die Münze manipuliert ist. Die Chance auf “Zahl” liegt für den nächsten Wurf daher bei maximal 1%!”. Taleb gibt ihm recht, denn wiewohl Dr. John natürlich richtig damit liegt, dass bei jedem Wurf die statistische Chance 50:50 beträgt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich 99x hintereinander Kopf einstellt, so verschwindend gering, dass man in der realen Welt tatsächlich auf Manipulation schließen muß.

Wie auch immer, Fat Tony und Dr. John bleiben das ganze Buch hinweg die treuen Begleiter des Lesers, und spielen einzelne Begebenheiten des täglichen Lebens mal aus der Sicht von Mediocristan und dann wiederum Extremistan durch. Dabei handelt es sich immer um Alltagsphänomene und keine abstrakten Fälle aus der Welt der Statistik oder Philosophie, obwohl Taleb reihenweise Anekdoten und Zitate aus beiden Disziplinen bringt. Nitzsche kommt des öfteren zu Wort, Sir Karl Popper, dem Taleb eine Menge Text widmet, der “Österreicher” Friedrich August von Hayek und diverse andere. Darüberhinaus bringt Taleb ein ganzes Arsenal von witzigen “Yogi Berra”-Sprüchen, aber alle mit einer guten Portion Tief- und Hintersinn.  

Zu den vielerlei Widersprüchen, die im Buch thematisiert werden, zählt u.a. unsere Vorliebe für “Bestätigung”, “Anchoring”, oder der Umstand, dass in unserer Gesellschaft “Helden” nicht geboren werden, wenn sich die Dinge einfach so entwickeln, wie sie sollen, und alle nur ihren Job ordentlich machten. Sondern dann, wenn irgendetwas außergewöhnliches passiert und sich jemand in einer unvorhergesehenen Ausnahmesituation bewährt. So stellt Taleb fest, dass alle Welt über den einen Piloten spricht, der sein Flugzeug trotz Triebwerksschaden noch ohne größere Schäden und Opfer landen konnte, aber niemand über die tausenden Piloten, die dies ohne Zwischenfall jeden Tag aufs neue und in aller Routine machen. Zudem spricht man vorwiegend über Schicksale, mit denen sich eine “Geschichte” bzw. ein “Gesicht” verbindet, und Taleb bringt hierzu etwa das Beispiel eines Kindes, das in Italien in einen Brunnen gefallen war und danach tagelang die Titelseiten der Weltpresse beherrschte, während niemand über die hunderte und tausende namenlosen Kinder spricht, die tagtäglich an Hunger und Seuchen sterben. Genauso kann sich Taleb auch über kleine Merkwürdigkeiten des täglichen Lebens lustig machen, etwa den Umstand, dass die meisten Besucher eines Fitnessstudios einige Zeit auf dem “Stairmaster” verbringen, aber bei Ankunft und Verlassen des Studios nicht die Treppen, sondern den Aufzug nehmen.

Taleb zeigt auch, welcher gewaltige Unterschied in der Erkenntnis alltäglichen Geschehens durch fehlerhafte Aussagelogik ensteht. Aus seiner persönlichen Erfahrung zitiert er etwa die Formulierung eines Krebsbefundes, von dem er sagt, dass für den Patienten nichts damit gewonnen wäre, wenn dieser auf “wir haben keine Anzeichen auf Krebsbefall gefunden” lautet, sondern nur Sicherheit bestehen kann, wenn er besagt “wir haben Anzeichen auf keinen Krebsbefall gefunden”. Der strengen Unterscheidung zwischen “Falsifikation” und “Verifikation” widmet Taleb mehrere Seiten, und macht wiederum anhand von alltäglichen Beispielen deutlich, wie häufig unsere vermeintliche “Sicherheit” in Wahrheit eine höchst trügerische ist. Wer meint, das klinge ein wenig nach “Chaosttheorie”, hat absolut recht, und in der Tat widmet Taleb selbiger mehrere Seiten und das ganze Werk Benoit Mandelbrot, den er in seiner Widmung einen “Römer unter den Griechen” nennt. Spätestens bei Talebs Abrechnung mit Markowitz, Black, Scholes und ihrer “modernen Portfoliotheorie” einige Seiten später, wird klar werden, was er damit meint.

Ebenfalls eine interessante Einsicht offenbart sein Begriff der ”Skalierbarkeit”: es besteht, so Taleb, kein wirklich großer künstlerischer Unterschied zwischen einem Pavarotti und einem gut ausgebildeten Tenor an irgendeiner x-beliebigen Oper, dennoch vereinigt Pavarotti den Löwenanteil aller finanziellen Einkünfte auf sich, die ausgebildete Tenöre weltweit erzielen. Gleiches gilt für Sportler, Schauspieler und Schriftsteller sowie diverse andere Berufe, bei denen die Einkommenshöhe nicht unmittelbar mit einer konkreten Leistung verbunden ist, sondern ganz massiv durch einen positiven “Black Swan” bestimmt sein kann. Solche Berufe nennt Taleb “skalierbar”, in ihnen herrscht eine “The winner takes it all”-Situation vor, die Gewinner müssen dabei aber nicht unbedingt immer durch besondere Leistungen glänzen, sondern waren häufig nur Günstlinge des Zufalls. Sie wurden “entdeckt”, waren zur rechten Zeit am rechten Ort, schliefen mit der richtigen Persönlichkeit, schickten ihr Manuskript an den “New Yorker” in einem Umschlag, der dem Redakteur aus irgendeiner Tageslaune heraus gefiel, oder was auch immer sonst. Ihre mögliche Einkommenshöhe ist jedenfalls nicht durch objektive Maßstäbe bestimmt, wie dies bei Angestellten, Arbeitern oder Handwerkern der Fall wäre, bzw. allen, bei denen der Output unmittelbar durch den Input (Anzahl der Arbeitsstunden, Patienten pro Quartal, etc.) bestimmt ist. Folgerichtig lautet Talebs Empfehlung denn auch, sich möglichst eine berufliche Betätigung zu suchen, die in diesem Sinne skalierbar ist.

Die Generalempfehlung seines Buches, für das alltägliche Leben, die privaten Beziehungen, wie auch etwa der Börsenspekulation besagt, sich möglichst vielen positiven “Schwarzen Schwänen” auszusetzen, und gleichzeitig das Risiko negativer schwarzer Schwäne so weit wie möglich zu reduzieren. “Gehen sie auf soviele Parties, wie sie nur können!” lautet zB eine seiner Empfehlungen. Da für Taleb das gesamte soziale Gefüge in unseren Gesellschaften nicht linear und nicht normalverteilt ist, häufigen sich so die Gelegenheiten für neue Kontakte und soziale Beziehungen, aus denen sich, wer weiß, glückliche Fügungen für Karriere oder Privatleben ergeben können. Damit in Verbindung seine Empfehlung, eher in einer belebten Stadt wie New York zu leben, als wie auf dem Land.

Analog dazu lautet seine Strategie für die Vermögensanlage, den Großteil seines Geldes, sprich 90%, in absolut sichere Papiere wie zB Staatsanleien zu stecken, dafür aber die restlichen 10% möglichst vielen schwarzen Schwänen, mit nach oben offenen Ertragsaussichten auszusetzen. Sprich Venture Capital, Hedge Fonds oder out-of-the-Money-Optionen. Mit letzteren machte Taleb selbst übrigens sein eigenes “fuck off-Money”, wie er es nennt, rund 40 Millionen Dollar Gewinn aus Wetten auf den Börsencrash 1987, die ihn all die Jahre davor nur geringes Geld und das verächtliche Gelächter seiner Wallstreet-Kollegen kosteten, am Black Monday aber den Grundstein für seine finanzielle Unabhängigkeit und damit die Voraussetzung für sein jetziges Leben als Schriftsteller und Philosoph legten.

Soweit in aller Kürze zu diesem Buch. Ich beziehe mich dabei auf die englische Version, in der Hoffnung, dass sich die demnächst erscheinende deutsche Fassung den Witz und die Leichtigkeit des englischen Originals bewahren kann. Wer des Englischen mächtig, sollte meines Erachtens die Originalfassung wählen. Andererseits steht bei Taleb aber auch vieles zwischen den Zeilen, wer also ín den Nuancen der englischen Sprache nicht so sattelfest ist, sollte vielleicht dann doch besser auf die deutsche Übersetzung warten.

Ich empfehle das Werk ausdrücklich jedem. Es ist ein echter Augenöffner, für Laien wie “Experten”, und vor allem für solche, die sich dafür halten (davor ist man ja nie wirklich gefeit, nicht wahr?). Und es ist viel, viel einfacher zu lesen, als etwa Mandelbrots “Fraktale und Finanzen”. Wer letzteres kennt und darob vielleicht verunsichert ist, sei beruhigt: Talebs Buch ist ein Spaziergang, wo Mandelbrots Werk der Besteigung eines 8000ers über die Nordwand gleichkommt. Es ist ein sehr unterhaltsames und leichtzulesendes, gleichzeitig aber extrem informatives Werk. Ein “Must-read”, wie es so schön heisst.

  

 

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1 Michael Juni 29, 2008 um 18:39
2 mylli Juni 29, 2008 um 20:54

Zum Thema Skalierbarkeit und Berufswahl gibts einen passenden Begriff: survival bias.

Der Lotogewinner, Olympiasieger und Börsenmillionär kann leichter vom Black Swan philosophieren als der Spielsüchtige, Sportkrüppel und Margin Gecallte.

3 I.I.Oblomow Juni 29, 2008 um 23:01

Myllis Kommentar trifft es voll. Man könnte auch sagen: Mit voller Hose ist gut stinken. Und: auf jeden Olympiasieger kommen zigtausende Sportkrüppel und Verlierer.

” …. out-of-the-Money-Optionen. Mit letzteren machte Taleb selbst übrigens sein eigenes “fuck off-Money”, wie er es nennt, rund 40 Millionen Dollar Gewinn aus Wetten auf den Börsencrash 1987, die ihn all die Jahre davor nur geringes Geld …”

Schätzen wir mal größenordnungsmäßig ab: Eine Option für ein paar Cent, die im günstigen Fall auf ein paar USD steigt (Faktor 100). Macht für einen 40 Mill Dollar-Gewinn einen Einsatz von 400.000 USD. Solche Optionen sind typischerweise kurzlaufend (1-2 Monate), da sonst durch Zeitwert erheblich teurer. Also muß dieser Einsatz im Laufe von z. B. nur 3 Jahren ungefähr mehr als mindestens 15 mal gebracht werden – summiert sich schon mal auf nehr als mindestens 6 Mill USD. Aber das bißchen Spielgeld kann sich doch wirklich jeder leisten, oder?

4 weissgarnix Juni 29, 2008 um 23:27

@Mylli und Oblomow

Zunächst mal: Lotto und alle Arten von Glücksspiel scheiden aus, weil Bestandteil von “Mediocristan”. In diesen Disziplinen ist ein Black Swan ausgeschlossen, weil die Normalverteilung regiert und sich hier eben die Dinge entsprechend der errechenbaren Wahrscheinlichkeiten und Erwartungswerte einstellen.

Was Top-Schauspieler, Börsenmillionäre, Schriftsteller, etc betrifft, habt ihr zwar völlig recht, aber nichts anderes sagt der Taleb. Oder was heisst “Winner takes it all” eurer Meinung nach sonst?

Und wie die Details seiner eigenen Spekulationen jetzt genau aussahen, weiss ich nicht, ist im Kontext auch eher zweitrangig. Vielleicht konnte er als Wallstreet-Heini tatsächlich 400K riskieren, vielleicht bot ihm sein Job einen günstigeren Einstieg, … who cares?

5 martin Juni 30, 2008 um 04:47

Vor circa 30 Jahren machte in New York eine Bank mit einem
jungen Mitarbeiter Furore und Geld. Er hatte entdeckt, daß von
100 Pleitefirmen nur etwa 15 tatsächlich Bankrott gehen und
etwa genausoviele später noch richtig viel Geld verdienen. Die Bank kaufte sich also bei allen Wackelkandidaten ein und verdiente mit dieser Strategie riesige Summen – und der Mitarbeiter auch. (Mit fällt leider der Name nicht mehr ein, vielleicht hat ihn ja jemand
parat ?). Taleb führt diesen Ansatz jetzt weiter, indem er sagt, man kann auch irgendeine der Pleitefirmen kaufen. Ohne die Sicherheit, die man hat, wenn man bei allen investiert, droht nämlich trotzdem nicht die Gefahr eines Totalverlustes, wenn man bloß 15% des Kapitals auf diese Weise investiert. Auf der Gegenseite kann man aber gewaltig verdienen, wenn man gelegentlich gegen den Strom schwimmt.

Genau betrachtet, hatte Taleb einen Riesendusel und erklärt jetzt ähnliches wie vor Jahren ein fränkischer Lottokönig nach
seinem zweiten Sechser: er habe jetzt begriffen, wie man Sechser
tippt, er wird noch mehr davon machen ! Wäre es anders, müßte
Taleb ja weiterhin und wiederholt damit Geld scheffeln. Offensichtlich ist es aber einfacher, dem Publikum das Märchen
vom einfachen und schnellen Reichtum zu erzählen. Ich bleibe
da lieber bei Kostolany: Die Frage ist, ob mehr Aktien wie
Idioten oder mehr Idioten als Aktien unterwegs sind. Trotzdem
glaube ich sofort, daß es ein Vergnügen ist, sich auf dieses Gedankenexperiment einzulassen – zwischen zwei Buchdeckeln.

6 Michael Juni 30, 2008 um 16:42

Frei nach Kostolany sollten bei niedrigen Zinsen, Rezession hin oder her, die Aktienkurse steigen. Im Normalfall treibt die Inflation die Aktien, mir ist überhaupt nicht klar, warum die ein Wahljahr, wie wohl noch nie in der Geschichte hinlegen.

Ob nun ein paar Erdbeerpflücker oder Ballerinen ihre Immobilien, die sie für einen Preis hinterhergeworfen bekamen, der nicht einmal als symbolisch gelten kann, verlieren, ist Wurst. Das ist keineswegs die breite Masse. Daß die Banken noch auf längere Sicht Probleme haben sollte eingepreist sein. Die Rezession, die nicht übermorgen vorbei sein wird, auch. Die Inflation, ein Super Steuergeschenk – die deutschen Politiker würden sowas niemals machen, es war die Tilgung aller Subprime-Verluste der US-Banken durch den Staat, das ist nichts, was man als negativ für Aktien anerkennen könnte. Die Pleiten von hedgefunds und mortgagelenders stagnieren seit Monaten. Was drückt die Märkte ? Angemessen wäre allerdings eine Abwertung des Dollars um meinetwegen zwischen 25 % und 50 %. Ich halte es für möglich, das spielen die Börsen derzeit und nicht irgendwelche anderen Unsicherheiten.

Die Anschuldigungen gegen Israel in der Iran- Frage ließe ich beim Ölpreis nicht gelten. Die sollten Interesse an einem sehr tiefen Ölpreis haben. Ganz einfach, wenn man den Ölpreis auf meinetwegen 20 $/b drückt, baut Iran keine einzige Zentrifuge mehr und ist über jedes Angebot des Westens äußerst dankbar.

Um das hinzukriegen braucht man nur Importe aus China derartig mit Zöllen belegen, daß die Chinesen ihren Krempel selbst konsumieren. Dort gibt es genug Bedürftige. Bei der Gelegenheit können sie ihre Dollars ausgeben oder nicht. Die Summe braucht man nur pro Kopf umrechnen, dann sieht man, daß auch 1,5 Billionen nicht mehr ist, als die europäischen Währungsreserven pro Kopf. Was da heißt, wir haben ein Problem, das erst durch die globalen Träumereien geschaffen wurde.

Daneben sollten wir etwas mehr Energieunabhängigkeit realisieren. Bei den heutigen Ölpreisen müßte die Kohle- und Gasverflüssigung wirtschaftlich sein. Dazu noch den Ersatz der alten AKW durch neue mit besserer Leistung. Damit hingen wir nicht am Tropf der Russen, denn das Nordseeöl hat garantiert seine besten Tage gesehen. Somit sollten wir lieber Kohle- und Gasverflüssigung subventionieren als die Überproduktion der Landwirtschaft aufzukaufen, um die Preise hochzuhalten. Europa hat kein Öl und wird kaum ausreichend auf seinem Gebiet finden, somit sollte der Verbrauch durch Substitution gedrosselt werden, wir sollten nicht warten, bis uns der Petrodollar ausgesaugt hat.

7 mylli Juni 30, 2008 um 16:53

@ Normalverteilung, Lotto, Erwartungswert und so weiter…

Es wird Zeit für eine kleine Vorlesung.

Lotto ist keinewegs “Mediocristan”, und alle Arten von Glücksspiel schon gar nicht, da erstens die Börse selbst ein Glücksspiel ist und zweitens dort laut Taleb schwarze Schwäne herumlaufen, die nur in “Extremistan” vorkommen. (Beweis durch Widerspruch, q.e.d.)

Der Lottomillionär ist genauso ein Extremfall wie Bill Gates, die Chancen auf einen Lottosechser sind nun mal viel geringer als die Chancen auf einen 3er oder 4er (die Wahrscheinlichkeiten erhält man mit der hypergeometrischen Verteilung, nicht der Normalverteilung).

Zur Normalverteilung kommen wir beim Lotto nur mit Hilfe des zentralen Grenzwertsatzes: Der (arithmetische) Mittelwert von vielen unabhängigen, identisch verteilten Zufallsvariaben ist annähernd normalverteilt mit gleichem Erwartungswert wie die zugrundeliegende Zufallsvariable, die Varianz ist um den Faktor n kleiner. Der Mittelwert streut also geringer als die Einzelwerte. Darauf kann man Portfoliotheorie, Meinungsumfragen und ähnliches aufbauen.

Das ist auch die Erklärung zur Strategie, die von martin beschrieben wurde. Anscheinend war der Erwartungswert des Investments (RoI oder ähnliches) in Pleitefirmen positiv, wenn man dementsprechend in viele solche Firmen investiert, hat man mit hoher Wahrscheinlichkeit im Mittel einen Gewinn, sofern Unabhängigkeit zwischen den Pleitekandidaten annähernd gegeben ist.

Ob die Strategie auch heute noch funktioniert, ist übrigens nicht klar, da der Erwartungswert des Investments in Pleitekandidaten wohl keine stationäre Größe ist. Aus der Vergangenheit kann man eben nicht immer auf die Zukunft schließen.

Nichtstationarität würde ich als den größten Schwan überhaupt bezeichnen.

8 Luigi Juli 1, 2008 um 15:05

Hallo,
ich finde diesen Blog toll und muss zugeben, dass ich nicht so
wunderbar schreiben und argumentieren kann!

Aber darin sehe ich auch, dass Hauptproblem unserer Gesellschaft:)
Auch die allerletzten Idioten haben kapiert:
“Ja, wir leben in Extremistan!” und “The Winner takes it all”.

Und das hat auch ein Prof. Miegel gemerkt, dass die Counterparty bzw. Finanziers der Eliten keine Lust mehr hat:)
Eliten= prof. Kapitalvernichter wie Vorstände, Aufsichtsräte, Manager, Politiker, hohe Beamte…

Auch so ein schönes Beispiel, dass jetzt auch wirklich jeder kapiert hat.
“…Da für Taleb das gesamte soziale Gefüge in unseren Gesellschaften nicht linear und nicht normalverteilt ist, häufigen sich so die Gelegenheiten für neue Kontakte und soziale Beziehungen, aus denen sich, wer weiß, glückliche Fügungen für Karriere oder Privatleben ergeben können…”

Man braucht sich nur zu fragen, warum folgende “Menschen” zur Elite gehören:
George W. Bush, Paris Hilton und Ingrid Matthäus-Maier…

9 martin Juli 1, 2008 um 15:23

@Luigi
Elite? Zu welcher Elite gehören die denn?

10 weissgarnix Juli 1, 2008 um 15:23

@Luigi

GWB und Inge MM lassen sich zur Not auch “linear” erklären, mittels “Frankfurter Schule” zB, aber Paris Hilton ist mE ein Super-Beispiel für einen beruflichen “Black Swan”. Oder eine Verona Feldbusch, verh. Pooth (naja, wer weiss, wie lange noch, jetzt wo Herr Pooth mit seiner Gattin gleichgezogen und seinen eigenen “Black Swan” erlebt hat, halt nur mit negativem Vorzeichen).

11 Luigi Juli 1, 2008 um 16:49

@martin und weissgarnix

Mir ging es eher darum wie “extrem” alles geworden ist.
Habe damit wohl das Thema “Black Swan” verfehlt.

Extrem für mich ist wie wichtig Abstammung, Geld und soziales Umfeld für die persönliche Karriere sind.

George W. Bush, Paris Hilton und Ingrid Matthäus-Maier sind meiner Auffassung nach sehr gute Beispiele dafür.

Ob sie zu einer Elite gehören oder nicht ist mir eigentlich egal.
Aber eines weiss ich bestimmt:
Die sozioökonomischen Vorteile die diese Leute besitzen, hätte ich auch gerne.

12 mylli Juli 1, 2008 um 20:51

@ Linearität

Was bedeudest du eigentlich? Was hast du mit einer Normalverteilung zu tun? Zu letzterer gehört ja die Glockenkurve, die wiederum im Oil-Peak zu sehen ist, also ist die gesamte Öl-Story linear und liegt in Mediocristan?

13 mylli Juli 1, 2008 um 21:00

Mist, jetzt habe ich mich wieder mal als Kärntner (Kärndner) geoutet, weil das mit dem harten T nicht hinhaut bei mir. Zur Strafe hab ich jetzt den schwarzen Schwan bestellt und am Wochenende gibt es dann myllis Resumee zu lesen.

14 mylli Juli 6, 2008 um 09:08

@ weissgarnix

ich bin zwar noch ziemlich am Anfang vom weißen Schwan, aber jetzt weiß ich zumindest schon, warum weissgarnix so begeistert ist vom Herrn Taleb, letzterer ist ja auch ein Fan vom wissenden Nichtwissen.

Trotzdem eine direkte Frage, damit hier vielleicht doch noch was weitergeht: weissgarnix, was sind denn “lineare Erklärungen” ? Und wieso ist Glücksspiel normalverteilt?

15 weissgarnix Juli 6, 2008 um 11:16

@mylli

Stimmt, der Taleb beweist mir, dass mein Nickname wirklich gut gewählt ist.

“Linear” heisst – nach meinem Verständnis – bei Taleb, dass Anzahl als auch Ausprägung von Ereignissen in einem ungefähr linearem Verhältnis stehen und nicht etwa in einem exponentiellen. Im Kapitel 17 (ab Seite 253) beschreibt er ziemlich detailliert, was er meint.

16 Inke Jochims August 12, 2008 um 20:37

Nachdem ich also “Narren des Zufalls” gelesn habe und “Black Swan” wenigstens bis zu der Stelle, wo es um Dopamin geht, immer mit der festen Absicht, den Rest zu lesen, bleibt denn dann doch ein oder zwei, nennen wir es Gedanken.

Also, der letzte, der die gleiche Idee hatte war Alfred Korzybski in “Science and Sanity”, ca. 1920. Zugegeben, das Buch ist unleserlich und außerdem vergriffen. Aber Korzybski hat praktisch sämtliche Psycho-Methoden der Gegenwart stark beeinflusst, ohne dass die derzeitigen Protagonisten auch nur eine leise Ahnung haben, woher die von ihnen lauthals verkündeten Ideen eigentlich stammen.

Aber jemand mit Talebs Bildungsattitüde, der auch noch den zentralen Satz des Buches “Die Landkarte ist nicht das Gebiet” zitiert, ohne den Autor zu nennen, von dem kann man eigentlich…naja, lassen wir das. Korzybski ist unleserlich und außerdem hatte er mit Börse nix zu tun.

Immerhin, also Taleb hat kapiert, dass es Bateson gab und der immerhin hatte Korzybski glesen. Und der Satz mit der Landkarte heißt vollständig: “Die Landkarte ist nicht das Gebiet, aber wenn sie brauchbar ist, ist die Struktur der Landkarte der Struktur des Gebietes ähnlich.”

Da der zweite Teil des Satzes, also der nach dem “aber” schwerwiegende erkenntnistheorietische Probleme aufwirft und unbequem ist, wird er sowohl von der Psycho- Szene als auch von Taleb weggelassen. Es ist sozusagen eine Plattitüde oder ein Hammer-Argument geworden, den Satz “Die Landkarte ist nicht das Gebiet” rauszugrölen, ohne die Hintergründe zu kennen und das Taleb das nun auch macht, macht es einfach nicht besser.

Fassen wir es mal zusammen:

Taleb ist ungefähr auf dem Stand der Psychoszene von 1970. Im übrigen ist er beleidigt, dass sich Börsianer irrational verhalten, womit er meint, dass er glaubt, Börsianer glauben, dass ihre Charts die Börse sind und entsprechend verblüfft sind, wenn sich die Struktur des Gebietes anders verhält als die Landkarte. Meistens hat er damit recht.
Zusammengefasst: Börse goes Psycho.

Aber, Taleb liest und deshalb hat er Ideen von 2000+ in uralte Konzepte integriert, wie z.B. Split-Brain-Forschung und Neurotransmitter.

Korzybski ist unleserlich, vergriffen und hat mit Börse nix zu tun. Taleb hat sich mit einem fachfremdem Gebiet beschäftigt und mit den staunenden Augen des Außenseiters die Landkarte der Psychoszene der letzten 20 Jahre beschrieben.

Er hat ja soooo recht und er hat es für mathematisch nicht gebildete Menschen wie mich, erkenntnistheoretisch komplizierte Probleme noch einmal verständlich aus einer anderen Perspektive dargestellt. Das war dankenswert, er wird ein Publikum erreichen, das sonst nie erreicht worden wäre. Happy goes Lucky.

Was will man denn mehr ?

Inke Jochims

17 martin August 12, 2008 um 21:17

@Inke Jochims

Hey, dieser Beitrag war mal ein echter Geniestreich.
Ich werde versuchen, mir mal dieses verquere Buch zu besorgen.
Nicht – Aristotelische Systeme oder (ich übersetze mal ‘general semantics’ als) Bedeutungshorizonte, scheint Einer gewesen zu sein, der versucht hat, die neue Physik in eine neue philiosophische Erkenntnis zu übersetzen.
Wie kommt man zu so einem schrägen (=absoluten Außenseiter) Autor ? Der liegt ja nicht einfach in der Bücherkiste.
Die Ursache meines Interesses liegt in Aristoteles, der bis heute
die rationale Erklärung ‘außererfahrbaren Erkenntnisse’ der katholischen Kirche bildet…ein innerer Widerspruch, wie ich meine. Ich nehme auf Grund des Namens an, daß es sich um einen (Alfred=) deutsch- (Korzybski+ ) polnischen Juden handelt, vermutlich mit polnischen Vater. Also ein echter Meschpoke, gut gerührt kommt was heraus.
Da gab es übrigens noch die Tradition der märchenhaften Geschichten en masse, glücklicherweise. Solche Leute kann man übrigens nie lesen – höchstens quer: hier mal ein paar Happen, da
mal ein paar Happen – sie stören die Eingeweide. Aber irgendwie,nach einiger (längerer) Zeit, bekommt man so etwas wie Ahnung (kein Wissen, wäre ja kontraproduktiv).
Schließlich ist die Reproduktion der Tod der Idee.

18 goodnight August 15, 2008 um 20:16

@Inke Jochims

Yep, bringen wir es auf den Punkt:
Weissgarnix präsentiert uns hier nicht Wissenschaft sondern Populärwissenschaft.

…a difference that makes a difference…

“Don’t hate me… I’m just the messenger.”
cypher (matrix)

19 weissgarnix August 15, 2008 um 21:45

@goodnight

So ist es, ich bin quasi der “Peter Moosleitner” der Wirtschaftswissenschaften … :-)

20 Hellas Oktober 20, 2008 um 13:30

Also – für alle, die auch drauf gewartet haben: Amazon hatte ja ordentlich Lieferschwierigkeiten mit dem Buch. Meines ist heute gekommen! Es lohnt also, das Buch jetzt zu bestellen.

Gruß

Hellas

21 FazNix November 13, 2008 um 11:37

Ein Gespräch mit Nassim Nicholas Taleb

“Banker weg, wir brauchen eine Revolution!”

http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EF6D5DDD6D5B1407AA8EB0A6CF37A3919~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Ist ja schon eine Weile her, aber dieser Artikel über Nicholas Talebs “Black Swan” ist nicht vergessen – selbt bei einem wie mir.

“Ihre Schlussfolgerungen beruhen nicht auf rein ökonomischen Überlegungen. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich betrachte das epistemologisch. Danach gibt es in meinen Augen eine tiefe Kluft zwischen der Urnatur der Welt und unserem Verständnis von ihr. Es ist der wichtigste Grund für die Verletzlichkeit des Bankensystems. Ich war selbst mehr als zwanzig Jahre lang im Finanzbereich tätig und schließe immer noch Wetten auf seltene Vorkommnisse ab, auch wenn ich mich weder als Finanzmann noch Ökonom verstehe. Ich bin Philosoph, und zwar ein Philosoph der Wissenschaft, ein Erforscher der Zufälligkeit. Das ist mein Beruf, und so empfinde ich meine Identität. Aus der Sicht des Philosophen aber sind die Modelle, denen meine Finanzkollegen folgen, viel zu platonisch und unwissenschaftlich. Statt der Religion sollten die Leute lieber die Wirtschaftswissenschaften kritisieren.”

etc ….

22 ~ Halbgott ~ November 13, 2008 um 12:00

Hi Taleb !

“Danach gibt es in meinen Augen eine tiefe Kluft zwischen der Urnatur der Welt und unserem Verständnis von ihr.”

=> … na, na, … nur weil Du etwas nichts verstehst, solltest Du es nicht gleich als “Urnatur der Welt” mystifizieren !

“Statt der Religion sollten die Leute lieber die Wirtschaftswissenschaften kritisieren.”

=> … vielleicht solltest Du statt der Bibel erstmal ein vernünftiges VWL-Lehrbuch lesen ? … damit Du weisst wovon Du redest, meine ich !

(http://www.mein-parteibuch.de/2005/06/30/buchtip-hans-h-lechner-waehrungspolitik/

23 Mammut November 21, 2008 um 09:38

Was bitte ist an Fraktale und Finanzen so schwierig zu verstehen, daß es der Besteigung eines Achtausenders gleichkommt?

PS: Taleb hat auf seiner website die gemeinsamen Publikationen mit Mandelbrot eingestellt.

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