Bernanke holt aus zum großen Schlag

von weissgarnix am 17. Mai 2008

Wer dachte, dass TAF, TSLF, PDF und diverse andere lustige Kombinationen aus der Buchstabensuppe der FED bereits alles waren, was Bernanke und Kollegen gegen die Krise aufzubringen vermögen, der sieht sich getäuscht. Eine scheinbar unbedeutende, von deutschen Medien bislang kaum berichtete Maßnahme der FED, die derzeit dem Kongress zur Entscheidung vorliegt, stößt das Tor weit auf für Interventionen in einer Größenordnung, gegen die sich bisherige Beträge ausnehmen wie Taschengeld.

Dabei klingt zunächst alles sehr harmlos: die FED will schlicht den US Banken auf deren Zentralbankguthaben Zinsen bezahlen. Hintergrund ist der, dass die Banken bei der Zentralbank häufig nicht nur die gesetzlichen Mindestreserven unterhalten, die in USA durchschnittlich rund 3% von allen Sichteinlagen betragen, sondern darüberhinausgehende Überschussreserven. Also Geld, dass sie zwar haben, aber im operativen Geschäftsbetrieb gerade nicht brauchen. Und weil die FED bislang keine Zinsen auf derlei Guthaben bezahlte, verliehen die Banken diese Zentralbankguthaben auf dem Geldmarkt an andere Banken. Dafür kassierten sie von diesen die sogenannte “overnight rate” oder “fed funds rate”.

In Zeiten, in denen die Banken im Geld schwimmen, mag dies eine ganz vernünftige Maßnahme sein, denn damit würde verhindert, dass zuviel Geld auf dem Geldmarkt angeboten wird, die “overnight rate” daher gedrückt und somit die “offizielle” Höhe dieses Zinssatzes, aktuell 2%, unterlaufen wird. Und es sieht ja nicht nur doof aus, wenn die FED offiziell sagt “Übernachtliquidität kostet 2%”, während der Geldmarkt sagt “Nööö, kostet nur 1,75%”, sondern das hat für die FED auch ganz praktische Konsequenzen, nämlich die, dass sie über die Variation dieses Zinssatzes nicht mehr wirklich das Geldangebot steuern kann (was sie in Wahrheit eh nicht kann, aber das ist eine andere Geschichte). Daher würde man hinter dieser Maßnahme zu allen anderen Zeiten als den aktuellen, in der der Geldmarkt bekanntlich Kapriolen schlägt und sich die Banken untereinander eh nichts leihen, zu 2% nicht, darüber nicht und darunter schon gar nicht, an und für sich nichts böses vermuten.

Warum aber in Dreiteufels Namen will sie das unbedingt jetzt machen? Und warum konnte sich Bernanke nicht mit dem ursprünglichen, regulären Zeitplan des Kongresses abfinden, der selbiges schon beschlossen hatte, aber erst ab Oktoer 2011, sondern schrieb kürzlich der House-Leaderin Nancy Pelosi einen freundlichen Brief, sie und ihre Kollegen mögen doch mal bitte auf die Tube drücken und das Thema beschleunigen?

Tja, liebe Freunde: darin liegt der eigentliche Sinn des Ganzen. Wenn man nämlich die Banken dazu anhalten kann, überschüssige Liquidität nicht in die große weite Welt des Geldmarktes zu pusten, sondern friedlich auf dem Zentralbankkonto liegen zu lassen, weil es dort eh gleichhohe Zinsen kassiert, was kann man dann tun, soferne man es als nötig erachtet?

Yep, man kann die Geschäftsbanken mit Geld so zuknallen, dass die andernfalls buchstäblich nicht mehr wüßten, wohin damit. Warum sollte man das tun wollen? Na? Naaaa?

Weil man den Banken eventuell eine ganze Menge Papiere abkaufen muß, weit mehr, als bislang. Womit die im Gegenzug Zentralbankgeld erhalten würden, welches sich dann (siehe oben) auf dem Geldmarkt seine Zinsen verdienen müßte, und angesichts der zusätzlichen Summen, über die wir hier reden, den overnight-Satz mal lustig und lässig auf nahe Null drücken könnte. Und da will man als Zentralbank ja bekanntlich nicht sooo gerne hin, weil bei Null, da ist üblicherweise Schluß mit lustig. Entweder es geht dann – zumindest auf konventionellem Wege – gar nichts mehr. Oder man heizt direkt den Inflationsofen an, was auch keine sehr schöne Aussicht ist.

Und weil der Bernanke ein schlauer Fuchs ist, weiss er das natürlich. Und sagt sich “Lieber zahl ich den Geschäftsbanken Zinsen, bevor die irgendwelchen Blödsinn mit der Knete anstellen”. Das heisst: genaugenommen zahlt die Zinsen ja nicht er oder die FED, sondern – wie üblich – der US Steuerzahler. Denn die Kosten, die der FED dadurch entstehen, kürzen ihren Gewinn, und der wandert aber normalerweise schnurstracks in den US Haushalt. Wenn er jetzt um diese Zinsen niedriger ausfällt, dann muß dieser Teil natürlich irgendwie im Staatshaushalt kompensiert werden, und besonders witzige Gemüter würden jetzt ihren Humor unter Beweis stellen, indem sie sagen “Sparen!”, aber vermutlich wird es auf das genaue Gegenteil hinauslaufen, nämlich auf entsprechend höhere Staatsverschuldung. An deren Plazierung wiederum wer verdient? Genau: die Geschäftsbanken …

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1 Wirmuessendranglauben Mai 17, 2008 um 15:29

Kann man auch anders sehen…
Bernanke ist wie ein Zauberlehrling, der den Spruch vergessen hat, wie er die Überschwemmung stoppen kann. Er will alle retten und hat eine unerschöpfliche Quelle, die Notenpresse. Aber als studierter Ökonom weiss er natürlich im Prinzip schon, was er da anrichtet. Und so will er wenigstens theoretisch die Möglichkeit haben, den Banknoten-Reisswolf anzuschmeissen. Das kann er nämlich, einfach indem er den Geschäftsbanken attraktive Zinsen zahlt. Hoffentlich klappt’s, ich fürchte nur, es ist schon viel zu spät, die Hyperinflation zu stoppen. Die Fed hat viel zu lange ihren eigenen, gefälschten Statistiken geglaubt.

Wirmuessendranglauben

2 LenzHannover Mai 17, 2008 um 16:13

FED als Zwischenbank ?!
Eigentlich baut er doch “nur” eine Ausfallsicherung für die Banken ein. Wir wissen doch, Bank A leiht Bank B, C .. ungern Geld, weil das im Konkursfall -oder auch nur Krisenfall- zumindest für eine Zeit ganz oder teilweise weg ist.
Deswegen leihe ich ja auch meinem Bekannten kein Geld.

So schalten nun alle die FED dazwischen und keinen kann mehr was passieren. Wenn BB ordentlich Zinsen zahlt, kostest das Spiel nicht einmal etwas.

3 I.I.Oblomow Mai 18, 2008 um 09:49

Ich versteh den Artikel und die Aufregung nicht.

Beispielweise die EZB (und vermutlich viele andere Zentralbanken) zahlen doch auch Zinsen auf Einlagen, z. B. “Deposit Facility” bei der EZB aktuell 3%. Wo ist da das Problem? Die EZB verlangt aktuell (mind.) 4% (5%) Sollzinsen und zahlt 3% Habenzinsen.

Natürlich bewirkt so ein Guthabenzins auch, daß der Zinssatz am Interbanken-/Geldmarkt nicht unter diese Benchmark fällt. Das ist aber m. E. nebensächlich und unbedeutend.

Übrigens hat die BOJ vor Jahren mal so viel Geld in den Markt gedrückt, daß sie ein (Mengen-)Limit für solche Deposits einführte, weil die Banken förmlich im Geld ertranken und nicht wußten wohin damit.

4 weissgarnix Mai 18, 2008 um 10:35

@Oblomov

“Aufregung” war auch nicht mein Thema, sondern eine Hinweis darauf, dass die FED Vorkehrungen für “was großes” trifft. Ansonsten würde es keinen Sinn machen, diese Maßnahme ausgerechnet jetzt zu forcieren, wo der Geldmarkt ohnehin versiegt ist.

Die EZB macht übrigens das genaue Gegenteil: sie bezahlt Zinsen nur bis zur Höhe des Mindestreserve-Solls, die Überschußreserven hingegen sind unverzinst. Genau um letztere geht’s hier aber.

5 I.I.Oblomow Mai 18, 2008 um 11:00

@ weissgarnix

Es geht also um die unverzinste Überschußreserve. In welcher Größenordnung liegt diese? Lesen wir dazu mal dies:

“Die Bandbreite, in der sich die Überschussreserven im Jahr 2005 bewegten, betrug in Österreich 71 bis 170 Mio EUR, für den gesamten Euroraum schwankten die unverzinsten Guthaben zwischen der ersten und der zwölften Erfüllungsperiode des Jahres 2005 zwischen 573 und 1.025 Mio EUR.”

http://www.oenb.at/de/stat_melders/statistische_publika/OeNB/entwicklung_der_mindestreserve-ueberschussreserven_im_jahr_2005_und_deren_entstehungsgruende.jsp

Für den gesamten EUR-Raum reden wir also von Größenordnung 1 Mrd – das ist ca. 1 Promille der Bilanzsumme der EZB – also vernachlässigbar.

Viel Lärm um nichts.

6 ergo sum Mai 18, 2008 um 19:27

@ wgn: “Weil die FED den Banken eine Menge fauler Papiere abkaufen muss”, schreibst Du. Damit käme sie in die Lage der “verarschten EZB”, wie Du sie im vorigen Artikel beschrieben hast. Was hindert die Banken, noch mehr faule Papiere zu kreieren, wenn sie einen willigen Käufer haben? Die Hypotheken mögen jetzt suspekt sein, aber es gibt ja noch jede Menge faule Studentenanleihen und Kreditkartenschulden, die man an den Mann bringen muss.

7 Max Mai 18, 2008 um 19:46

@ WGN

Ich vermisse schon seit längerem einen Artikel, in welchem mit dem Hysteriker und selbsternannten Apokalypsen-Guru Martin etwas definitver abgerechnet wird.

Er selbst scheint sich ja aufgrund jahrelanger Fehlprognosen aus dem www etwas zurückgezogen zu haben.

8 Nadine Kaufmann Mai 19, 2008 um 13:17

Ich finde den Artikel wirklich klasse! Es wird im Hintergrung soviel gedreht und getrickst, daß einem wirklich Angst und Bange werden kann! Einen sehr guten Bericht, der sich auch mit diesem Thema behandelt habe ich heute auf:

das-bewegt-die-welt.de
gefunden, mit dem Titel:

” Trickkiste raucht: Inflation, Kredite, staatl.Hilfen, neue Schulden…!Tabak-Umsatz bricht aber ein!”

Wirklich witzig und informativ!
Freu mich, adß ich eure Seite gestoßen bin und werde nun sicher öfters mal vorbeischauen!

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