Dunkle Materie, schwarze Magie oder was?

von weissgarnix am 23. April 2008

In Zeiten wie diesen beschäftigt man sich schon mal ab und an mit der Frage, wie das gigantische Zahlungsbilanzdefizit und die wachsenden Auslandsschulden der USA demnächst vielleicht gröbere Schwierigkeiten für die amerikanische Wirtschaft und den Dollar nach sich ziehen könnten. Doch wie man es auch dreht und wendet, dabei stößt man immer wieder auf das selbe alte Paradoxon: die USA machen Schulden ohne Ende, aber das kostet sie nichts, nein, sie verdienen sogar noch dabei!

Der Schlüssel, um die internationale Vermögensposition der USA zu verstehen, heißt “NIIP” (Net International Investment Position), und wird regelmäßig vom US Bureau of Economic Analysis veröffentlicht, u.a. als Zeitreihe von 1976-2006, mit der man in Excel wunderschön herumspielen kann.

Aus der NIIP ersieht man wie gesagt die internationale Nettovermögensposition der USA, sprich Vermögen minus Schulden aller Amerikaner (inkl. staatlicher Stellen) im Ausland, abzüglich aller Vermögenswerte minus Schulden von Ausländern in den USA. Und wie man gleich aus der ersten Zeile (line 1 in der verlinkten XL-Tabelle) ersehen kann, stehen die USA per Ende 2006 mit rund 2.500Mrd Dollar beim Ausland in der Kreide. Dieser Negativ-Saldo hat sich seit 1986 aufgebaut, davor war die NIIP stets positiv. Was man zur NIIP zudem noch wissen sollte, ist, dass amerikanisches Vermögen im Ausland natürlich überwiegend in ausländischer Währung denominiert ist, während die Schulden zum weitaus überwiegenden Teil auf US Dollar lauten. Dieser Umstand hat zur Folge, dass die einzelnen Positionen stark von Währungsschwankungen beeinflusst werden, und, soweit an Märkten gehandelt (Aktien, Anleihen), auch Kursschwankungen unterliegen. Das BEA veröffentlicht daher auch eine Analyse, wie die unterschiedlichen Einflüsse auf die einzelnen Positionen wirken, hier zB. für das Jahr 2006. Wie man zB aus line 19 ersehen kann, ging der Anstieg der “Foreign Securities” von insgesamt 1,1 Billionen Dollar zum Großteil auf Kursgewinne (599Mrd) und einen schwächeren Dollar (198Mrd) zurück, und nur zu einem eher bescheidenen Teil von 289Mrd Dollar auf echte “Flows”, also Zukäufe.

Man kann also einerseits schon mal erkennen, dass die USA durch einen Dollarverfall keinesfalls ärmer werden, sondern reicher. Insbesondere wenn die Wertpapiermärkte dabei auch noch steigen. Optimal wäre, wenn der Dollar fällt, die US Märkte fallen und gleichzeitig die für die Amerikaner relevanten ausländischen Märkte steigen, was aber zugegebenermaßen selten vorkommt. Aber selbst wenn alles andere gleichbleibt, und nur der Dollar fällt, dann gehen die Amis keinesfalls pleite, sondern im Gegenteil. Das schon mal der erste “Aha”-Effekt, der aber vermutlich eher nur Gähnen auslösen wird. Halten wir daher zunächst mal nur fest, dass die USA also mit rund 2.540 Milliarden Dollar gegenüber dem Ausland in den Miesen sind, während sie in 1985 noch einen positiven Saldo von rund 54 Milliarden Dollar verzeichneten. Ihre Position hat sich seither also um exakt 2.594 Milliarden, sprich 2,6 Billionen Dollar verschlechtert.

Und nun die spannende Frage: was hat das die USA seit 1985 insgesamt gekostet, an Zins- und Gewinnüberweisungen ans Ausland, die auf dieses sagenhafte Minus zu leisten gewesen wären?

Die Antwort darauf ruft schon ein deutlicheres “Aha” hervor, denn sie ist einigermaßen verblüffend: Nichts! – Im Gegenteil: die USA ziehen aus dieser kollossalen Verschlechterung ihrer Vermögensverhältnisse sogar noch einen Gewinn! Geht nicht? Rechnen wir mal nach:

Die Zeitreihe der Leistungsbilanz der USA, ebenfalls von besagtem BEA erstellt, enthält in “line 13″ (Blatt “Annual” in vorstehend verlinkter XL-Tabelle) die “Income Receipts of US assets abroad”, für 2006 zB einen Wert von rund 648Mrd Dollar (Spalte AW, Zeile 22). Im selben Blatt in “line 39″ steht der spiegelbildliche Posten, die “Income payments on foreign-owned assets in the US”, und für 2006 eine Zahl von rund -604Mrd Dollar. Saldieren wir beide Zahlen, kommen wir für 2006 auf einen positiven Saldo (= Gewinn) von satten 44Mrd Dollar. Klar soweit? Nein? – OK, dann nochmal: in 2006 verzeichneten die USA bei Netto-Schulden von 2,5Billionen Dollar einen Netto-Zinsertrag von 44Mrd Dollar.

Nein, das ist kein Witz und kein Rechenfehler. Sehen wir uns dieselbe Rechnung mal für den gesamten Zeitraum 1986-2006 an, in dem sich die NIIP so dermaßen verschlechtert hat: die Erträge belaufen sich auf insgesamt 5.267Mrd und die Aufwendungen auf 4.655Mrd Dollar, gibt einen positiven Saldo von 612Mrd Dollar. Nicht schlecht, oder? Neidisch könnte man werden, diesen Trick hätte man privat doch auch gerne drauf!

Wie das möglich ist, darüber scheiden sich in der Tat die Geister. Ein genauerer Blick in die hier verwendeten Statistiken zeigt, dass der Unterschied überwiegend aus den “Direct Investment Receipts/Payments” stammt, also den Direktanlagen in Unternehmen und Immobilien. Hier erzielten die USA zwischen 1986 und 2006 runde 2.510Mrd Dollar an Einkommen, hatten dabei aber nur rund 805Mrd Dollar an Aufwendungen, sie erzielten also mit ihren direkten Investitionen im Ausland deutlich höhere Erträge, als die Ausländer ihrerseits auf ihre direkten Investments in den USA erzielten. Setzt man die Einkommen/Aufwendungen in Bezug zu den jeweiligen Vermögenswerten, dann stellt man fest, dass die USA durchgängig eine höhere Rendite auf ihr Auslandsvermögen erzielen, in 2006 etwa 11%, als die Ausländer ihrerseits auf ihre Anlagen in USA erwirtschaften, nämlich in 2006 rund 6%.

Wie kann das sein? Stolze Amerikaner würden vielleicht sagen, es liegt am exzellenten US Management, das halt, egal wo auf der Welt, deutlich höhere Renditen einfährt, als es andere könnten. Mag ja sein, wer weiss. Dann gibt es die Theorie vom “Dark Matter” (Dunkle Materie), wonach das Auslandsvermögen der USA in Wahrheit viel größer ist, als in der NIIP ausgewiesen, weil es vorwiegend aus immateriellen Posten wie Lizenzen, Markenrechten, etc. besteht, die nicht einfach erfasst werden können. Oder es gibt irgendeinen anderen Grund, aber wie dem auch sei: dieser positive Gewinnsaldo bei gleichzeitiger Nettoverschuldung ist nicht wegzudiskutieren. Weil die Situation auch den Amerikanern selbst einigermaßen kurios vorkommt, erscheint er mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder in Literatur und Debatte, seit 2000 haben u.a. Nouriel Roubini als auch die FED New York was dazu verfasst, und der Begriff der “Dark Matter” selbst wurde in 2005 von den US Ökonomen Hausmann und Sturzenegger kreiiert, die sich sehr intensiv damit beschäftigt haben.

Alle Autoren hoben zwar warnend den Finger, dass sich der Trend auch eines Tages umkehren könnte, der Dollar zulegen und die Kurse der Auslandsanlagen abstürzen, aber eines konnten sie alle nicht: in den Führungszirkeln von Politik und Wirtschaft in den USA größere Besorgnis über Defizit, Schulden und Dollar hervorrufen. Und das kann man an der aktuellen Politik der USA auch zweifellos gut ablesen.

{ 18 Kommentare… Lesen Sie sie nachfolgend oder schreiben Sie einen }

1 MCD April 23, 2008 um 18:15

2540+56=2596

2 deckard April 23, 2008 um 18:23

@Weissgarnix
Hut ab klasse Artikel. Danke!

@MCD
Lol,Erbsenzähler.

3 mylli April 23, 2008 um 19:03

@ MCD

Sie haben meinen Job geklaut. ;-)

4 weissgarnix April 23, 2008 um 19:12

OK. OK … dieser Lapsus ändert natürlich alles! :-)

5 king balance April 23, 2008 um 21:36

Hier auch sehr gut erklärt aber mehr auf der anderen Schiene (Klarsicht) sprich Scheibenwischer vom 17. April – am Ende sollte man hellhörig werden. Kabarettisten wissen immer mehr wie der Rest und analysieren GLASKLAR http://kingbalance.blogspot.com

Klasse Artikel mach weiter so NixWisser :-)

6 Martin aus Wien April 24, 2008 um 07:32

Ich sehe degressive Kosten als den wesentlichen Grund für das Verhältnis zwischen Auslandsvermögen der USA und daraus resultierenden Erträgen.
“Microsoft Österreich” besteht aus Verkäufern, Grosskundensupport und ein paar Putzfrauen. Mit diesem Apparat verkauft man aber Produkte, deren Herstellung (abgesehen von den anteiligen Übersetzungskosten für deutschsprachigen Markt) 10 bis 20 Euro kostet um 60 bis 1.500 Euro.
Entzückend übrigens, dass man sich für das Bürogebäude (in einer schlechten Gegend) so sehr schämt, dass man den L’OREAL-Schriftzug vom Dach wegretuschiert hat. ;-)

http://www.microsoft.com/austria/feedback/default.mspx

Filme: Die Produktionskosten fallen in den USA an – die Einspielergebnisse werden aber weltweit lukriert.

Ein anderes Beispiel: Coca-Cola. Das Produkt besteht aus Wasser, Zucker und Aroma. Herstellungskosten pro Liter sind 17 Eurocent. Verkauft wird die Brause um ein Vielfaches und die “Lizenzkosten” werden abgeführt.

Oder McDonalds – ein funktionierendes Konzept wurde in einen damals kapitalarmen, globalen Markt “hinein skaliert”. Das Tochterunternehmen in Österreich ist im wesentlichen eine Franchiseverträgeverkaufsstelle – der bilanzierten Wert des Unternehmens (3 Schreibtische, 2 PC) ist marginal. (ok, ich übertreibe ;-) )

Gerade Coca-Cola und McDonalds sind aber auch in anderer Form typisch: Europa lag nach dem WK2 in Trümmern und diese Produkte symbolisierten einen erstrebenswerten Lebensstandard. Ein Burger wurde/wird nicht gekauft, weil er schmeckt, sondern weil ihn coole Leute gegessen haben. Und die Leute waren cool, weil sie Burger konsumierten. Von dieser Sichtweise rücken wir aber immer mehr ab. (und die Aussenpolitik der USA erleichtert uns das sehr). In den 80er Jahren konnte man noch Yuppies bei McDonald sehen. Heute hat diese Treffpunktfunktion der Japaner übernommen und bei McDonalds isst nur noch die Unterschicht. Ich gehe aber davon aus, dass dieser Markt -mittelfristig- für McDonalds, Pizza Hut und Co auch schrumpft.

PS: Der konzerninterne Verrechnungspreis ist ein beliebtes Instrument für steuerliche Gestaltungen.

7 Michael April 24, 2008 um 20:29

Klasse,
natürlich lief das die letzten Jahre grandios, in dem Maße, wie der DAX stieg, fiel der Dollar, nur leider stieg der Ölpreis mit. Wie das miteinander verknüpft ist, zeigte ja die Liquidation der long Position des SocGen – Händlers. Die (derivatgepumpten) Aktienindizes rauschten ab, der Ölpreis fiel und der ach so “schwache” Dollar wurde “stärker”. Es zeigte aber auch, wie die Börsenwirklichkeit aussieht, so deutlich, wie es selten zu beobachten war.

Ja, diese Dunkle Materie könnte so funktionieren, daß die Burschen einen riesigen, niedrig verzinsten Kredit hochverzinst anlegen und die Zinsdifferenz kassieren. Nur so kann man aus Schulden reichlich Gewinn schöpfen. Mit der FED-Vollkasko in der Hosentasche geht das immer. Das ist nicht neu. Läuft seit Jahrzehnten in gigantischem Ausmaß. Wenn es so wäre, müßte die “Dunkle Materie” bei niedrigen Leitzinsen, also um 2002/03 einen geringeren Umfang gehabt haben.

Es geht natürlich auch mit den typischen hedgefunds- und private equity -Methoden. Auf Pump kaufen, aussaugen und platt machen. So wären also mehrere Erklärungen für die “Dunkle Materie” möglich. Aus Nichts Geld machen, dazu wurde dieses System ja geschaffen.

Nun wurde ein Satz Greenspans kurz vor seiner Amtsübergabe, mehrfach geäußert, nicht fett in roten Lettern von allen Medien auf der Titelseite gebracht. Er sagte, “Wir (die FED) haben die Kontrolle über die Verschuldung verloren.” Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: “Ich glaube, die Notenbanken haben die Kontrolle über das System verloren.” Das hieße wohl auch, wir haben die Kontrolle über die Kredite verloren. Gleichbedeutend die FED hat die Kontrolle über den Dollar verloren. Ja, wozu ist diese Truppe denn da ?

8 ergo sum April 25, 2008 um 14:12

@ Michael: Du hast recht, die Notenbanken haben die Kontrolle verloren. Die Kontrolle liegt heute eher bei den multinationalen Großfirmen — vorwiegend US-Firmen, die auch jetzt noch weltweit riesige Profite einfahren (ausgenommen lediglich Banken). Es sind jedoch keineswegs ausschließlich US-Firmen, auch viele andere Länder mischen am Rande mit, darunter neuerdings China, Indien, Brasilien. Ein Blick in die Forbes-Liste oder ein Besuch der alljährlichen Davos-Konferenz sollte genügen, um zu sehen, wer wirklich die Kontrolle ausübt.

9 Max April 25, 2008 um 22:06

Warum so blödsinnig-mystisch?

Im fiat-money-system ist einfach alles möglich.

Sagte ich bereits vor etlichen Wochen.

Max

10 DividendenJaeger April 26, 2008 um 11:04

Super Beitrag.

Wäre es eine Erklärung, dass durch den Dollarverfall die ausländischen Anlagen mehr Rendite in Dollar abwerfen, gleichzeitig aber der Dollar trotzdem überbewertet ist, so dass man über mehr Kaufkraft verfügt, als der Dollar haben dürfte.

Zu diesem Effekt tragen möglicherweise die Länder bei, die Ihre Währung an den Dollar gekoppelt haben, mehr waren in die USA liefern als sie von dort beziehen, Ihre Überschüsse in den USA anlegen, die Zinsen damit niedrig halten und den USA erlaubt Ihrerseits auf Einkaufstour zu gehen.

Was passiert aber, wenn die Kopplung an die Währung nicht gehalten werden kann?
Wir haben bei uns in der Firma im Moment das Problem, dass die Chinesen (nehmen knapp 90% der Produktion ab) unsere Maschinen in Dollar kaufen. Um den Preis halten zu können, sind einige “Verbilligungsmassnahmen” gelaufen, die nicht gerade zur Qualitätsverbesserung beigetragen haben. Diese Schiene ist jetzt ausgeschöpft und der Dollar wird wahrscheinlich weiter nachgeben. Den Dollarpreis können wir dann nicht mehr halten und die Chinesen müssten mehr zahlen, können es aber wegen Ihrer Kopplung der Währung nicht. Weitere importiert Inflation verspüren die Chinesen auch im Rohstoffsektor und bei den Nahrungsmittelpreisen. Es ist die Frage, wie lange die Chinesen die Währungskopplung aufrecht erhalten können. Das gilt auch für die OPEC Länder, die ebenfalls mit steigender Inflation zu kämpfen haben und die Zinsen erhöhen müssten, die FED aber meint die Zinsen senken zu müssen. Bei gekoppelter Währung geht da schief.
Von der Front ist eine Verschiebung der Parität für die USA zu rechnen, die weitere Probleme mitsich bringt. Geht die Kopplung futsch, werden die getätigten Anlagen weniger Wert und es entsteht Verkaufsdruck, sowie Ablehnung Dollar anzunehmen.
Unbetrachte bleibt im obigen Beitrag die Geldverteilung. Selbst wenn die USA aus Ihren Schulden Erträge erwirtschaftet, haben nur wenigsten etwas davon.

DividendenJaeger

11 weissgarnix April 26, 2008 um 13:18

@Alle

Der Dollar als Weltreservewährung spielt sicher eine Rolle, auch wenn mir nicht ganz klar ist, welche.

Ich vermute, dass an dieser “Dark Matter”-Theorie was dran ist. Das sehe ich nämlich immer dann, wenn wir eine Übernahme machen und erstkonsolidieren, und dann ganz beträchtliche Teile des Kaufpreises auf Vermögenswerte allokiieren, die davor in keiner Bilanz auftauchten. Also zB selbsterstellte Patente und Lizenzen, F&E, usw.

Zudem glaube ich, dass die Amis tatsächlich ihre Auslandsniederlassungen mit höheren Renditen fahren, als vergleichbare EU-Unternehmen. Das liegt halt einfach an deren deutlich kurzfristigerem und profitorientierterem Managementstil, der ja in der Debatte der letzten Jahre ausreichend erörtert wurde. Ich kenne zB eine ganze Reihe deutscher Mittelständler, die von US Konzernen gekauft wurden, udn deren Gewinnquote vor Steuern jetzt bei annähernd dem doppelten liegt.

Ist also eine Mischung aus allen möglichen Faktoren, würde ich mal sagen.

12 Michael Dietz April 26, 2008 um 14:23

Wie das mit der “Dark Matter” funktioniert, könnte man vielleicht am Dollarindex im Vergleich mit den Entwicklungen an den Finanzmärkten entzaubern. Alternativ dazu u.U. Dollarindex. vs. BIP nominal ex. USA, einmal Europa und ein zweites Mal Asien. In der Realität war es doch so, daß Clinton Bush eine hedonistisch aufgemotzte Rezession hinterließ, die der nach alter Reagan-Rüstungs-Rezeptur behandelt hat, was aber unbefriedigend verlief, weil sich das Finanzsystem seitdem, insbesondere das Ausmaß der carry-trades, unglaublich ausgedehnt hat.

@DividendenJaeger
Obwohl ich auch keinen Grund erkenne, warum der $ noch nicht bei < 0,5 € gelandet ist, der Wechselkurs hängt nicht von Sympathien ab. Dieses Jahr die Schwäche mag man mit einer konstant miesen Lage in Irak und Afghanistan seit 2003, zuzüglich Finanzkrise seit 2007 und Wahlversprechen plus Steuergeschenk seit 2008 interpretieren. Ich würde aber keinem einzigen Bewerber um das Amt des 44. US-Präsidenten zutrauen, daß er seine Wahlversprechen hält (Seit wann darf man denn Politikern “glauben”?). Und genauso wird der Dollar “aufwerten”, wenn die Geldgeschenke an die Wähler ausbleiben, die Finanzkrise unter den Teppich gekehrt wurde ( mir fehlen seit ihrem Anfang beträchtliche Summen bei den Abschreibern) und die meisten US-Truppen aus den besetzten Gebieten Arabiens abziehen müssen. Er kann regelrecht ins Gegenteil umkippen. Zum Beispiel auch, wenn es aufgrund der mit dem schwachen Dollar importierten Inflation in Paris, Madrid, Rom und Athen zu aufstandähnlichen Erscheinungen gegen auch dort angestrebten Sozialabbau kommt. Der “schwache” Dollar in seiner Funktion als Weltreservewährung ist ja im Prinzip eine Besteuerung für jeden, der mit Dollar handelt. Man kann nachsehen, wo man will, alle Wirtschaftskrisen seit 1971 hingen mit Fehlbewertungen des Dollars und der US-Wirtschaftskraft zusammen. (sowas wie die Peanuts-Schneider-Pleite ausgenommen)

Insofern halte ich es für möglich, daß der “schwache” Dollar dieses oder nächstes Jahr bemerkenswerte “Stärke” entwickelt. Wir müssen uns allgemein an den Gedanken gewöhnen, nicht zu fragen, was ist Geld, sondern wie funktioniert das heutige Geld? Ich bin mir sicher zu wissen, daß die Mehrzahl der Menschen glaubt, heutiges Geld wäre durch irgend etwas gedeckt. Diese “Deckung” fällt allerdings mit purem Vertrauen in die Wirtschaft und Politik äußerst unterschiedlich aus. Womit die Währung mit funktionierender Demokratie und Marktwirtschaft langfristig am besten abschneiden sollte. Damit fielen sowohl €uro, als auch Dollar durchs Raster. Es blieben JPY und CHF.

13 weissgarnix April 26, 2008 um 20:20

@Michael Dietz

Ich könnte mir auch durchaus vorstellen, dass der Dollar langfrisitig anzieht. Mit folgender Begründung:

1) nehmen wir an, dass die Zentralbanken aus China und Japan jegliche T-Bonds-Überschüsse (von denen es in nächster Zukunft vermutlich reichlich geben wird), weiterhin aufkaufen

2) Gehen wir weiters davon aus, dass die USA deutlich weniger importieren werden, als noch vor kurzem.

3) Gehen wir jetzt zudem davon aus, dass die nächste Regierung ein fiskalisches Programm fahren wird, um die lokale Investitionstätigkeit aufrechtzuerhalten. Gäbe ja genügend Gelegenheiten, die Infrastruktur wieder auf Zack zu bringen, und wenn man konjunkturell einen Push braucht, wäre das am vernünftigsten.

Aus allem oben gesagten ergibt sich ein erhöhter Finanzbedarf im Dollarraum selbst, was für mich gleichbedeutend damit ist, dass der Außenwert des Dollars zulegen wird. Langfristig zumindest.

14 DividendenJaeger April 27, 2008 um 00:33

@Michael Dietz,

zur Gelddeckung. Viele Menschen denken tatsächlich Geld wäre mit Gold gedeckt oder sollte es sein. Der Ansicht bin ich nicht. DIE Golddeckung hat es ohnehin nie gegeben. Denn dann hätte jede Notenbank Geld nur in Umlauf bringen können, in dem sie Gold mit gedrucktem Papier aufkauft und nie Geld verleiht. Jede Geldleihe auf Gold ist ja schon ungedeckt. Kleines Beispiel damit das deutlich wird. Notenbank druckt 100 und kauf dafür Gold. Dann druckt sie nochmal 100, verleiht diese und sagt sich bzw. den anderen, hab ja für 100 Gold im Keller, womit diese 100 gedeckt sind. Und womit sind die 100 gedeckt, mit der sie das Gold gekauft hat?
Also eine echte 100%ige Gelddeckung hat es nie gegeben, sondern immer nur eine Teildeckung. Abgesehen davon, halte ich es für den größten Unsinn den Wert einer Währung an ein weitgehend nutzloses Material wie Gold zu messen. Mir ist das ein Rätsel, wie sich die Menschheit auf diese Hirnrissigkeit einlassen konnte.

Für mich ist das Entscheidende was zur Deckung beiträgt die Sicherheiten, die die Notenbank für die Geldausgabe reinnimmt. Solange die Notenbank hier strickt auf Werthaltigkeit achtet und gegebenenfalls Nachforderungen stellt (die Sicherheiten haben einen veränderlichen Wert) bleiben die Noten (M0) Wertstabil.

Geld besteht aber nicht nur aus M0 sondern auch aus M1, M2… Das Fractional Reserve Banking weicht die Werthaltigkeit des Geldes auf, weil hier die geforderten Sicherheiten bei weitem nicht so streng gehandhabt werden wie bei der Notenbank.

Mit den Jahrzehnten immer problematischer werden eingelegte Sicherheiten, die auf ein Leistungsversprechen beruhen wie Staatsanleihen. So lange der Staat in der Lage ist per Prolongation seine Anleihen immer wieder umzuschichten, läuft das Spiel prima. Versucht er tatsächlich mal Schulden zu tilgen, muss er dafür Steuern in ausreichender Höhe eintreiben bzw. seine Ausgaben massiv runter fahren. In manchen Ländern gelingt das (Schweden), in den meisten anderen Ländern würde das gleich zur Krise führen (z.B. Deutschland, Italien). Die Nummer geht so lange gut, bis den Anleihenkäufern dämmert, dass sie vom Staat Ihr Geld nicht mehr wiedersehen werden oder aufgrund der Inflation als Folge der wundersamen Geldvermährung irgendwann mal zum Vorschein kommt, die geforderten Zinsen immer schneller nach oben schiessen. Es gibt einige die damit rechnen, dass die USA Ihr vertrauen in diesem Punkt (Werthaltigkeit, Rückzahlungsfähigkeit) verloren haben, was zu deutlich höheren Zinsen führen würde.

@wgn,

Zu 1) Meinem Eindruck nach, haben die Chinesen erkannt, dass es nicht die beste Anlage ist, mit den Dollarüberschüssen nur amerikanische Staatsanleihen zu kaufen. Die werden sich zukünftig selber in der Welt umsehen (dafür habe sie einen Fond aufgelegt), sich die Sahnestücke rauspicken und das Geschäft nicht den Amerikanern alleine überlassen. Es stellt sich aber dann die Frage was mach der Nächste, der den schwarzen Peter (Dollar) hat damit? Er kann Sie bei sich ins Schließfach stecken, davon hat er aber nix. Also bringt er die stellvertretend letztenendes auch in die USA oder ist irgenwannmal nicht mehr bereit US$ anzunehmen. Viele Länder sind ja eher bestrebt Ihre Dollarbestände runter zu fahren.

Zu 2) Das wird schwierig, weil die USA nicht mehr in der Lage ist, seinen Bedarf abzudecken. Jahrelang wurde uns verkauft, dass die USA zu einer Dienstleistungsgesellschaft mutiert ist und daher auch ohne Produktion auskommen. Das Handelsdefizit zeigt eher, dass man auf eigene Produktion nicht verzichten sollte, weil man sonst von anderen Ländern massiv abhängig wird und das Ungleichgewicht auf Dauer nicht haltbar ist. 800 Milliarden $ Defizit baut man ohne Implikationen sowohl für die USA als auch für die Zulieferer nicht so schnell ab.

Zu 3) Das geht im allgemeinen zu Lasten von neuen Schulden, die nicht unbedingt dafür gut sind, der Wert des Dollars anzuheben. Leap2020 rechnet damit, dass bis zum Jahresende der Dollar bei 1,75$ zum Euro steht. Kann mir nicht vorstellen, dass die bisherigen Preise in Dollar dann haltbar bleiben. Die Folge wird eine große Inflationswelle sein, die nicht gerade dazu beiträgt das Defizit der USA zu reduzieren.

Das System ist aber nicht dediziert. Möglich ist daher alles und deswegen sollte sich keine Seite zu sehr auf seine Position festlegen.

15 Michael Dietz April 27, 2008 um 14:09

@weissgarnix
Langfristig stärkerer Dollar ? Ginge durchaus, aber setzt natürlich voraus, daß die Welt Dollars aufkauft und Defizite subventioniert. Schiene mir ambitioniert. Der schwache Dollar funktioniert als Weltreservewährung ja wie eine Weltsteuer. Kassieren ohne zu leisten, das wird sich Wall St. meiner Meinung nach auch zukünftig nicht nehmen lassen.

@DividendenJaeger
Ich meinte keine Golddeckung. Das es die in keiner Form mehr gibt sollte allgemein bekannt sein. Ich meinte Deckung durch irgendwelche Werte, umgerechnet als Geldwert. Auch die gibt es weder im Euro noch im Dollar. Nein, das Geld ist mit dem Vertrauen gedeckt, daß Schuldner ihre Schulden bezahlen könnten.

Das trifft in höchstem Maße nicht zu. Die meisten Staaten werden das nie mehr können. Nicht nur diese Staaten wären theoretisch pleite, viele Unternehmen auch. Es gibt kein Gleichgewicht zwischen Soll und Haben.

Sie schreiben es ja selbst. Wie die Wirkung ist, wenn zu viele Staatsanleihen begeben wurden und die Gläubiger minderer Qualität sind, zeigte die Hyperinflation Deutschland 1923. Notgeld ohne jede Kontrolle wurde in Reichsbankanleihen umgewandelt und diese gegen Dollar verkauft. Mit der Außerwertsetzung des Notgeldes und Einführung der nicht konvertierbaren Rentenmark, die nicht ins Ausland verkauft werden durfte, sowie der zeitweiligen Einstellung von Emissionen der Reichsbankanleihen, neben Interbankenhandelszinsen von 45 % wurde das Spiel der glücklichen Spekulanten als Trauerspiel beendet.

“Das System ist aber nicht dediziert. Möglich ist daher alles und deswegen sollte sich keine Seite zu sehr auf seine Position festlegen.” So ist es. Aber langfristig gilt, the trend is your friend. Wobei ich nicht in Euro denke, der wird bei mir mit Vertrauen in Politiker korrelliert. Er ist auch nur Schwindel. Als Privatperson ist in Europa der Euro gültiges Zahlungsmittel. Ich bräuchte keine Dollars. Da nähme ich Krügerrands (natürlich nicht zu heutigen Preisen) und Schweizer Franken, Japan ist mir zu weit entfernt, die Sprache etwas unverständlich.

16 DividendenJaeger April 28, 2008 um 21:44

@Michael Dietz ,

das Geld ist schon gedeckt und zwar durch die gebotenen Sicherheiten. Die Notenbank bucht für jede Ausleihe eine Gegenposition, die die Ausleihe absichert. Wenn man das Konsequent durchzieht, ist das vernünftig und ausreichend.

Es wäre aus meiner Sicht reine Verschwendung, zur besseren Absicherung Gold einzubunkern. Wer benötigt wirklich Gold? Es gibt nur sehr wenige Anwendungen, wo man auf Gold nicht verzichten kann. Gold wirft zudem keine Rendite ab, kostet Geld für die Einlagerung und Bewachung und ist weitgehend verzichtbar. Es sättigt nicht, man kann nicht darin wohnen, es hält einen nicht warm usw. Niemand ist abhängig davon, deswegen halte ich es für Unsinn, dieses Material als Sicherheit einzusetzen.

Es ist auch deswegen unsinnig, weil wenn die Notenbank Geld verleiht, muss sie trotzdem Sicherheiten verlangen, die nicht goldbasierend sein werden. Um den Geldwert zu sichern, muss sie auch bei einer Golddeckung auf strickte Werthaltigkeit der Sicherheiten achten. Golddeckung war der größte Blödsinn aller Zeiten, weil nur das Geld mit dem Gold gekauft wurde durch das Gold abgesichert ist und alles verliehene Geld zu 0% durch dieses Gold abgedeckt war. Da kann ich das auch gleich sein lassen und mir die Mühe mit dem Handling und der Ressourcenverschwendung ersparen.

Schauen wir mal noch weiter. Bei dem gigantischen weltweiten Wachstum hätte man sehr viel Gold gebraucht, um die Quote der durch Gold abgedeckten Geldes zu halten. Dafür hätte die weltweit verfügbare Goldmenge nicht ausgereicht, was zu einer Inflation des Goldpreises geführt hätte und zu einer Wachstumsbremse, weil die notwendige Goldmenge nicht beschaffbar gewesen wäre. Und schlimmer noch, da die Notenbanken damals zugesichert haben, einen Geldschein gegen eine bestimmte Menge an Gold zu tauschen, hätten Händler das Geld zur Notenbank gebracht, sich Gold ausgeben lassen und das Gold zu einem höheren Preis im Markt verkauft. Irgendwie passt das alles vorne und hinten nicht zusammen. Aber diese Geißel sind wir ja los, also schwamm drüber.

Die Qualität der Sicherheiten, die die Notenbank und die Geschäftsbanken verlangen, beeinflussen die Geldwertstabilität. Leider gab es in den letzten Jahre genug Marktteilnehmer, die den Rachen nicht voll kriegen konnten und völlig Risikoavers Ihr Geld in den Markt geworfen haben. Die haben die Buble mit angefacht und dürfen sie zum Teil ausbaden.

17 haaalbgooott September 18, 2008 um 13:00

=> o.k. , Jungs, … die Finanzmärkte habt ihr ja jetzt geklärt …

=> … hat sich auch schon mal jemand Gedanken um die Realwirtschaft gemacht ?

=> … VW bei 283 :-) … habt ihr die Flucht in die Sachwerte alle in Form von neuen Golfs umgesetzt :-)

18 webmax Oktober 21, 2008 um 04:33

Sehr gutes Thema, gut beschrieben.

Das “schwarze Loch” fällt mir da jetzt spontan ein, aus heutiger Sicht (Oktober 2008).

Und es wird jetzt deutlich sichtbar, wie es in einer nicht gedeckten Währung des Dividendejägers ungeheure Ausmaße annehmen konnte. Fortsetzung folgt – per ” Bank-Garantie”… des wahren Lender of last resort…

Besonders leicht ist es natürlich, wenn ich als Inhaber des “Thermometers” Leitwährung beliebig die Skala verschieben kann !

Es bleibt dabei: Geld-und Warenmenge müssen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen und bleiben, soll beständiges Vertrauen in das Tauschmittel Geld fortbestehen.

Also, konsequent:
a) Golddeckung als Wertmaßstab . Die Förderkosten (meinetwegen auch die Lagerkosten) decken hier eigentlich, die Unvergänglichkeit ist Dreingabe
b) Zinsverbot = keine Kredite mehr, nur noch Investitionen mit – risikobehafteten- Erträgen
c) Aber diese Erträge und Investitionen dafür dauerhaft steuerfrei !

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